Relationen

Sie sagte:
»Ich muss sparen. Kann mir den Sprit nicht mehr leisten.
Du kennst das ja. Also …..
ich komme morgen nicht.«

Ich schluckte.
(Das Telefon. Ewig dieses Telefon!)
Immerhin hatte ich noch Spucke, die ich
schlucken konnte.

»Ja«, sagte ich, »das kenne ich. Mal schauen, wann ich
diesen Monat nichts mehr zu fressen habe.«

»Was trinkst du da gerade?«

»Reste. Ich kann mir den Sprit auch nicht mehr leisten.«

Da war dieses Taschenbuch für 19,95 €, das ich gerne
gelesen hätte.
Aber –
da ich ein Tier bin, war mir das Essen denn doch wichtiger.
Für den Moment jedenfalls.

Essen
Trinken
Rauchen
Zur Arbeit fahren

für nichts anderes mehr gab ich Geld aus.

Sie sagte:
Ȇbrigens haben die Kinder das Tablet kaputt gemacht,
das ich mir neulich gekauft habe.
Die Reparatur kostet 85 €.«

»Ja«, sagte ich, »das ist ganz schön teuer.«

Sie sagte:
»Ich bin auch traurig, dass ich nicht kommen kann.
Ich liebe dich.«

Es war kalt. Das Heizöl war alle.

»Ja«, sagte ich, »ich dich auch.«


Die trübe Quelle

Die Literatur
Die Musik
Die Kunst
Die Philosophie

die rein ist &
klar

kommt
so oft
gefiltert
aus einer Quelle
die getrübt ist

Getrübt von
all den Unfähigkeiten
die unsichtbar
in ihr ver-
Wesen

im Unter-
Grund

Die Unfähigkeit
im Alltag zu funktionieren
Die Unfähigkeit
an anderes zu denken
Die Unfähigkeit
seinen Geist zu vermarkten
Die Unfähigkeit
sein Leben zu meistern

Und tiefer noch
als im Untergrund
eitern die Wunden
die niemals verheilen

& ein Scheitern
verseucht das Leben

Die Menschen stehen
so oft
be-
wundernd
vor der sprudelnden Klarheit

verstehen vielleicht
nicht einmal
diese

& schütteln
betrübt
& angeekelt
den Kopf

ohne jedes Verständnis

im Angesicht der Quelle


Fallen lassen

Ich möchte mich fallen lassen
in das Gefühl
für Dich

Ich möchte nicht
vorsichtig sein müssen
um nicht kaputtzugehen

Ich möchte nicht
zerbrechen
am Boden

weil Du
mich nicht auffängst.

Du sollst Dich fallen lassen
in das Gefühl
für mich

Du sollst nicht
vorsichtig sein müssen
um nicht kaputtzugehen

Du sollst nicht
zerbrechen
am Boden

weil ich
Dich nicht auffange.

Doch wenn es so sein soll
soll es
eben
so
sein.

Schlimmer
als zu zerbrechen
wäre es

vernünftig zu sein.


Das Leben

Wenn man
auf nichts mehr
wartet

hat man es
begriffen

Vielleicht

Doch
wahrscheinlich
nicht einmal

dann


Die Biographen

Und nach deinem Tod
kommen
die Biographen

die dich schon
zu Lebzeiten
nicht
begriffen haben

& sie schreiben
einen Bestseller.


Die Furcht vor dem Beschützer

Mit jedem Schlag
wächst die Furcht

Mit jedem Wutausbruch
wächst die Verwirrung

Mit jeder Erniedrigung
schwindet die Sicherheit

Der Beschützer vor der Außenwelt
wird zum Erschütterer der Innenwelt

Und die Furcht des Kindes
wird zur Angst des Erwachsenen


Die verlorene Erinnerung

Meine verlorene Erinnerung
fand ich wieder
im Gedächtnis
der Geliebten

Aufgehoben
Bewahrt
Sicher

Ich wusste kaum mehr
wieviel ich getrunken hatte
Nur was:
Wodka
Cocktails
Rotwein

Allein
doch nicht einsam
war ich durch das Haus
getanzt
oder
gewankt
oder
gestolpert
oder
was auch immer

Mit dem Telefon in der Hand
Der geliebten Stimme im Ohr

Die Stimme so nah
Die Geliebte so fern

In meinem Schädel
ein Kettenkarussell
bewegt von
Sehnsucht
Alkohol
& langsamem Vergessen

Und irgendwann
war ich
ins Bett
ge-

fallen …..

Und der Film
riss

…..

Als ich erwachte
war da ein Schnitt
in meiner Handfläche
& ich wusste nicht woher

Ich erinnerte mich
an das Blut
Erinnerte mich
es abgeleckt zu haben
Erinnerte mich
an die Stimme
& den Schmerz

Der Schmerz war
vergangen
Die Wunde
ein Rätsel
das sich geschlossen hatte
während ich schlief

Meine verlorene Erinnerung
fand ich wieder
im Gedächtnis
der Geliebten

als wir erneut telefonierten …..

»Komisch«, sagte ich, »da ist ein Schnitt
in meiner Handfläche, und ich weiß nicht mehr,
wie es dazu gekommen ist.«
»Du hast einen Bilderrahmen aufgefangen«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Du hast eine Tür zugeknallt, und dabei ist
ein Bilderrahmen runtergefallen, den Du gerade noch
auffangen konntest.«
»Scheiße, ja – jetzt fällt’s mir wieder ein. –
Nur welcher …. ich habe doch kaum noch Türen hier ….«
Ich ging den Flur auf & ab. Dachte nach. Dachte nach …..
»Ah, ich hab’s«, sagte ich. »Die Schlafzimmertür!
Don Quixote ist runtergefallen.«
»Ja, Du warst auf dem Weg ins Bett.«
»Das ist das erste Mal, dass ich so etwas vergessen habe.«
»Na, jetzt hast Du ja mich«, sagte sie. »Lass mich
Dein Gedächtnis sein.«

Wir lachten
Sie & ich
Dulcinea (die kein Phantasiegespinnst mehr war) &
Der Ritter von der traurigen Gestalt

Es war gruselig
einen Filmriss zu erleben

Doch es ist schön
ein solches Gedächtnis zu haben

Ein Gedächtnis
das meine verlorenen Erinnerungen
aufhebt & bewahrt
Sie in Sicherheit bringt
für mich

Ein Gedächtnis in der Ferne

Ein Gedächtnis
das
mich
liebt.

JD500103


Die Verträumten

»Kaffee?« fragte der Mann mit dem Tiergesicht. (Bald erinnerte es an Ratte, bald an Katze, bald an Hund.)
»Nein«, sagte die Frau, »lieber nicht, sonst wacht ER womöglich noch auf.« Auch die Frau hatte ein Gesicht. Meistens. Aber nicht immer. Manchmal war es eine matte weiße Fläche, auf die sich alles projezieren ließ.
Der fensterlose Raum, in dem sie – & die vielen Anderen – sich befanden, war groß. Und unübersichtlich. Schummerte in warmgedämpftem Licht. Licht, das wie aus der Skala eines Röhrenradios kam. Vertikale schmale Streifen bildeten die Tapeten; rot & grau. Die Möbel waren verwirrend asymmetrisch gezimmert & schienen sich ständig von selbst zu verrücken; wer unachtsam war, stieß sich immer wieder an ihnen.
Stimmenmix & Cool Jazz.
Der Rattkatzhund sagte: »Denken Sie wirklich, ER könnte aufwachen, wenn wir zu munter werden?«
»Ich weiß nicht, was ich denke«, sagte die Frau. Ihr Gesicht war in diesem Moment eine verdrängte Erinnerung. Eine Erinnerung aus den rattigen Phasen des Mannes.
»Egal«, sagte er, »ich trinke jedenfalls einen – & ich werd mir etwas Asbach hineinkippen. Vielleicht schwindelt’s dann in seinem Kopf.«
Er grinste verkatert. Ihre Schultern zuckten.
»Wenn Sie meinen.«
Sie trug ein weinrotes Abendkleid. Auffällig viele Frauen trugen Abendkleider, auffällig viele Männer schwarze Anzüge, Smokings, Fracks. Wer etwas anderes trug, fiel besonders auf. Und am meisten fielen Diejenigen auf, die nichts trugen; doch nicht immer wurden sie beachtet.
Der Rattkatzhund blickte sich um; auf den Spiegeln seines Smokings lagen Schuppen. »Wo issn jetz die Bar schon wieder hin?«
»Na, da«, sagte die Frau. Ihr roter Zeigefingernagel wies ihm den Weg.
»Diese Möbel machen mich noch verrückt«, sagte er & ließ sie allein.
Rauch waberte zur Musik. Pfeifen, Zigarren, Zigaretten glühten. Asche fiel zu Boden. Paare tanzten. Tänze paarten sich mit der Musik.
Man sah keine Tür, doch ein Vorhang aus pantherschwarzem Samt schien einen Aus- oder Eingang zu verhüllen.
»Verdammt warm hier«, sagte jemand im Vorübergehen.
»Ich friere«, sagte ein anderer.
Ein blonde Frau in violetten Dessous lag bäuchlings auf einer Ottomane. Sie beobachtete die Tanzenden. Ein kleiner Junge im Matrosenanzug näherte sich ihr. Er lächelte.
»Du bist aber schön«, sagte er.
Sie blickte ernst. »Ach ja?«
»Ja. Wenn ich dich sehe, höre ich Cellomusik.«
»Sei nicht so altklug«, sagte sie mit scharfer Stimme.
»Ich höre Cellomusik, und ich sehe F-Löcher.«
»Verschwinde, du kleiner Perversling.«
Der Junge lachte ihr eine Gänsehaut, machte »Quak Quak« & versickerte im Parkett. Sie fing an zu weinen.
Ein dicker alter Mann blieb bei ihr stehen.
»Was ist?« fragte er.
»Nichts«, sagte sie.
»Das ist doch nichts Besonderes«, sagte er & ging weiter.
Einer aus der Masse hielt ihn an.
»Wissen Sie, wie spät es ist?«
»Das weiß Niemand nicht«, sagte der dicke alte Mann.
»Doch, ich nämlich«, sagte der Massenmensch.
»Na dann«, sagte der Alte, »lassen Sie mich doch in Ruhe.«
Und er ging weiter.
Der Massenmensch war verdutzt. Er blickte auf sein nacktes Handgelenk. Schwarze Haare tentakelten, aber er konnte sie nicht lesen.
»Was mache ich hier nur?« flüsterte er.
Am anderen Ende des Raumes stand eine Dame mit abstehenden Ohren am Buffet. Sie vernahm das Geflüster, wandte sich augenblicklich um & eilte auf den Massenmenschen zu. Einige Nudeln fielen dabei zu Boden, denn der Pastaberg auf dem Teller in ihrer Linken bebte.
Als sie den Massenmenschen erreicht hatte, deutete sie mit der Gabel auf ihn.
»Was Sie hier machen? Das kann ich Ihnen sagen.«
»Ach ja?«
»Ja«, sagte sie. »Sie machen hier dasselbe wie ich.«
»Und was machen Sie hier?«
»Nicht wissen, was ich hier mache.«
»Sie sind ja verrückt.«
»Ich bin nicht verrückt. Ich bin doch kein Möbelstück.«
»Zumindest ergibt das, was Sie sagen, keinerlei Sinn.«
»Na und?« sagte sie. »Es reicht doch, wenn ich mich ergebe.«
»Nun gut«, sagte er. »Dann können wir uns ja auch gemeinsam ergeben. In unser Schicksal.«
»Das haben Sie aber schön gesagt«, sagte sie.
Und eine weitere Nudel fiel zu Boden, während der Massenmensch eine Erektion bekam. Er mochte abstehende Ohren.
Sie stellte den Teller auf einem der Tische ab, behielt die Gabel in der Hand, und gemeinsam krabbelten sie unter einen anderen Tisch, wo bereits ein toter Igel lag.
»Hier ist es aber dunkel«, sagte sie. Doch schon spiegelte sich die Flamme eines Zippos in ihren Augen, und sie roch Benzin.
»Ist der tot?« sagte sie.
»Wahrscheinlich«, sagte er.
»Sei vorsichtig«, sagte sie, »nicht dass wir uns stechen.«
»Dann leg erstmal die Gabel weg.«
»Oh, die hatte ich ganz vergessen.«
Sie wurde rot. Sie legte die Gabel neben den Igel.
»Jetzt aber«, sagte sie.
»Wann sonst?« sagte er.
Schuhe, Hosenbeine & nackte Frauenwaden zogen an ihnen vorüber, während sie sich auszogen, um sich auszuziehen & sich später wieder anziehen zu können/dürfen/müssen.
Becken stießen aneinander. Zu schnell für Cool Jazz.
Uncool & hitzig.
Eine tiefe Stimme donnerte durch den Raum:
»Dadadas nimmst dududu sofofofort zurückkkkk, sonst stetetetech ich dich a-a-a-a-bbb!«
Nicht alle blickten sich um, aber Diejenigen, die es taten, langweilten sich schon vorher – wie in einer Endlosschleife.
Die Stimme gehörte einem schwarzen Kaninchen. Einem stotternden Kaninchen. Wutentbrannt schaute es aus einem weißen Zylinder; in seiner rechten Pfote blitzte ein Stilett.
Ein Mann, der aussah wie Bela Lugosi stand davor; er trug einen Dreiteiler. Noch hielt er seinen halbsteifen Schwanz in der Hand. Sein Sperma sickerte dem Kaninchen ins rechte Auge. Das sich rötete. Und zu tränen begann.
»Äntschuuldigunk«, sagte der Belaeske, »abärr ich kaahn das nicht zurrühcknäähmen.«
Das Kaninchen ärgerte sich. Vielleicht war es ursprünglich weiß gewesen. So wie der Saft auf seiner Stirn. Tropfende Blässe.
Der Rattkatzhund trank seinen Kaffee mit Asbach.
Wir werden alle sterben! dachte er. Wenn ER aufwacht.
Schuppen fielen von den Spiegeln seines Smokings.
Die Frau, die meistens ein Gesicht hatte, hatte gerade keins. Das einzige, was sie hatte, war Hoffnung. Die Hoffnung – zu überleben. Rote Blasen wie aus einer Lavalampe zeitlupten über die mattweiße Fläche. Heller als ihr Abendkleid.
Ein Mann mit einem Bleistift notierte sich Nichts auf eine Visitenkarte. Auf eine Visitenkarte eines Menschen, der niemals Besuch empfing & niemals jemanden besuchte. Der Bleistift war spitz & hatte einen Radiergummi, der sich nutzlos fühlte – wie der Spazierstock eines Querschnittsgelähmten; aber auch frisch & unverbraucht.
Über der Lehne eines braunen Stuhls hing: eine grüne Lederjacke. Auf der Sitzfläche lagen: ein Feldstecher …. eine schwarze Fliege, die man (mit Klebstoff) als Schnurrbart hätte missbrauchen können …. ein Monokel …. Gänsekiele, die aus (musikbedingten?) Gänsehäuten gerupft worden waren …. fallengelassene Gamaschen …. ein Kummerbund mit Ketchup-Flecken …. & eine ausgestopfte Möwe mit Rechtschreibschwäche.
Lachen ritt auf einer Kanonenkugel.
Ein einsamer Mann im Frack trank Rum. Seinem Frack fehlten die Schwänze. Die traurige Frau neben ihm trug eine Stoffschere in der Gesäßtasche ihrer löchrigen Jeans.
Trug: Schluss. In ihrem Herzen.
Er rauchte eine Zigarre.
Die Frau sagte:
»Das ist keine Pfeife.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Sie sagte:
»Aber du.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Und es graute ihm. Er war traurig. Und die Frau war einsam.
Eine Verflossene. Wie die Zeit. Schon jetzt. Eine schmelzende Uhr. Zu weich für die Gegenwart. Zu weich für die Realität. Doch – vielleicht – zu hart für einen Traum.
Ein toter Schmetterling lag auf einem Schachtisch ohne Figuren; sein Körper ruhte auf B7. Sehr langsam bewegte sich eine gelbschwarz-gestreifte Spinne auf ihn zu. Sie war etwa halb so groß gewesen wie der Schmetterling, als sie ihre Reise auf H1 begonnen hatte; nun, da sie E4 passierte, war sie bereits doppelt so groß wie er. Eine nackte Dame stand neben dem Tisch & beobachtete sie.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Dame.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Spinne.
Was hat das nur zu bedeuten? hätte der Schmetterling denken können, wenn er noch gelebt hätte.
»Oh ja, fick mich!«, rief die Frau mit den abstehenden Ohren. Unter dem mittlerweile verrückten Tisch.
Der Rattkatzhund trat neben die nackte Dame, tätschelte ihren Hintern & stellte seine leere Kaffeetasse mit Nachdruck auf C6. Die Spinne hielt inne.
»Warum haben Sie das getan?« fragte die Dame.
»Ihm war danach«, sagte der Rattkatzhund. Er lächelte hündisch.
»Ich verstehe«, sagte die Dame, »da kann man nichts machen.«
»So ist es.«
»Gefällt Ihnen mein Arsch?«
»Ich dachte, Sie meinten die Spinne.«
»Nein.«
»Ja. Er klingt gut. So mollig.«
»Nicht durig?«
»Nur wenn er glücklich ist. Denke ich mir.«
»Das ist traurig.«
»Finde ich nicht.«
»Dann suchen Sie.«
»Wir haben keine Zeit.«
»Ach ja ….. Das hätte ich beinah vergessen.«
»Bein … Ah!« sagte er.
Die Spinne dachte: So ein Arsch!
Sie hatte die Lust verloren. Die Lust auf den toten Schmetterling. Der Weg um die leere Tasse war ihr zu weit.
Jetzt tanzten die Paarungen zu Stan Getz.
Ein Mann in einem schwarzen Umhang saß in einem Ohrensessel. In einer düsteren Ecke des Raumes. Das Schwarz wirkte besonders schwarz – wie ein Vergessen von Farbe – wie das Schwarz des Tiefschlafs. Der Mann fiel auf. Schatten fiel auf – sein Gesicht. Viele fragten nach ihm, niemand hatte eine Antwort.
Eine Frau: »Wer ist das?«
Ein Mann: »Wer?«
Die Frau: »Der da. In der Ecke.«
Der Mann: »Keine Ahnung.«
Die Frau: »Er schweigt die ganze Zeit.«
Der Mann: »Vielleicht ist er stumm.«
Die Frau: »Wenn er stumm wäre, könnte er nicht schweigen.«
Der Mann: »Wie bitte?«
Die Frau: »Schweigen setzt die Fähigkeit zu sprechen voraus.«
Der Mann: »Moment. Darüber muss ich nachdenken.«
Die Frau: »Tun Sie das. Aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.«
Der Mann: »Ich denke grundsätzlich stumm.«
Die Frau: »Sie haben es noch nicht begriffen.«
Der Mann: »Mutter, bist du’s?«
Die Frau: »Ab ins Bett mit dir. Sonst sag ich’s deinem Vater, und dann setzt es was.«
Der helle Blitz im Schattengesicht war vermutlich ein Lächeln.
Der Belaeske verstaute seinen Schwanz; das Kaninchen verschwand im Zylinder; der Zylinder löste sich in Duft auf.
Auf einem roten Sofa saß eine Frau im Smoking. Schwarzer Bubikopf, grüne Augen, eine leere Zigarettenspitze im Mundwinkel. Zurückgelehnt & gelassen betrachtete sie die Tanzenden. Bewegungslos die Sichbewegenden. Und zwischen all dem Geschiebe & Gedrehe, zwischen all den lustig-lustvollen Illustrationen von Noten – erblickte sie: die Augen der Schere in der Tasche der traurigen Frau. Und dachte: Dieser Drang! Wo kommt dieser Drang her? Aus mir? Aus ihm?
Die traurige Frau spürte den Blick auf ihrer Gesäßtasche. Schaute sich um. Schaute ins Grün. Fühlte sich aus- & angezogen – und ging zu der Frau auf dem Sofa.
»Ja?« fragte sie. Obwohl Ja doch eigentlich eine Antwort ist.
»Leihst du mir deine Schere?« sagte die Frau im Smoking.
»Gerne«, sagte die traurige Frau. »Ich leihse dir. Aber nicht zu laut.«
Beide lächelten.
Die Bubiköpfige steckte Daumen & Mittelfinger durch die Augen der Schere & begann sich die Smokingbeine abzuschneiden. Weit oben. Ganz weit oben. So weit oben wie es gerade noch im Sitzen (mit angehobenen Beinen) ging.
»Ich weiß, warum du das tust«, sagte die traurige Frau.
»Ich ahne, was du weißt«, sagte die Frau mit der Schere.
»Er.«
»Ja, Er. Oder Alle.«
»Der freie Wille.«
»Der freie Wille«, wiederholte die Frau mit der Schere.
RitschRatsch.
Und sie lachten. Alle. Heftig.
Fast hysterisch.
»Wie heißt du eigentlich?« fragte die traurige Frau.
»Wenn ich das wüsste.«
»Das ist aber ein schöner Name.«
Sie konnten sich nicht vorstellen.
Die Schere wurde zurückgegeben; die appen Smokingbeine langsam von den Schenkeln gezogen. Über Herrenschuhe hinweg, in denen bare Frauenfüße steckten. Hot Smoking Pants! Sie legte den überflüssigen Stoff neben sich auf das Sofa & schlug die Beine übereinander. Und sofort wurde ihr warm. Von den Blicken, die sie spürte. Auf ihrer Schenkelhaut. Träumend, sehnsüchtig, neidisch, begehrlich.
Im Kopf eines alten Mannes: Sie sein! Einmal nur. Für einige fremde Augenblicke. Eine wie sie. Mit meinem Bewusstsein. Mich selber betrachtend. Meine Schönheit erkennend. Damit spielen. Alles fühlen. Mich bewegen, ganz leicht, jung & schön. Frei. – Frei? Nun ja.
Die traurige Frau verstaute die Schere & ging zurück zu ihrem Rumtrinker.
Ein Gemälde erschien aus dem Nichts; hing unversehens an der Wand hinter dem roten Sofa. Ein Galgen in Pastelltönen …. mehrere Erhängte in einer Reihe …. mit verwaschenen Gesichtern …. Jemand war im Begriff die Treppe hinaufzusteigen, mit einem Messer in der Hand …. Vielleicht um die Toten abzuschneiden, vielleicht um sie auszuweiden …. Nur wenige nahmen das Bild überhaupt wahr. Zu ablenkend war die Frau davor.
Und es roch nach Nagellackentferner & Brotpudding.
»Ich hätte Lust, die Loreley zu singen«, sagte Dr. Kottmann.
»Wenn Sie das tun, werde ich Sie heftig ohrfeigen«, sagte Franz & spuckte sich auf die Stulpenstiefel.
»Das ist absurd«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Ist es doch«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Woooohl!«
In diesem Moment bewegte sich der schwarze Vorhang – & Tina betrat den Raum. Sie trug einen knappen, hellblauen Bikini & ein automatisches Gewehr; um die Taille einen lockeren Patronengürtel. Blonde Zöpfe (Affenschaukel). Und sie begann, wahllos in die Menge zu schießen. Wahllos? Niemand schrie. Löcher wurden geboren. In Stoff & Fleisch. Blut spritzte. Hirn spritzte. Körper fielen zu Boden. Der alte Mann betrachtete ihren Popo, registrierte jede Bewegung, die dieser bei jedem Schuss, bei jedem Rückstoß machte. Dann drehte sie sich herum & schoss ihm zwischen die Augen. Er lächelte.
Der Rattkatzhund & die Gesichtslose, die tatsächlich mal wieder gesichtslos war, standen am Buffet.
Er sagte: »Und Sie hatten Angst, ein Kaffee könnte Ihn aufwecken.«
»Ja«, sagte sie mundlos, »das war einer meiner verrückten Gedanken.«
»Ach, so verrückt war der gar nicht. Eher verträumt, würde ich sagen.«
»Dann tun Sie’s doch.«
Tina lud nach. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie daran zu hindern. Die Musik war sanft, und die Leichen häuften sich.
Die Gesichtslose erinnerte sich an ihr Gesicht, und plötzlich war es wieder da. Niemand erkannte sie.
Tina barfüßelte zu der dunklen Ecke, wo der Ohrensessel stand. Sie zielte in den Schatten. Sie drückte ab. Dies war der einzige Schuss, der lautlos war.
Dann sagte sie: »Entschuldigung. Ich habe mich vertan. Ich dachte, dies sei eine Rechenmaschine.«
»Endlich«, sagte der Mann im schwarzen Umhang.
Und es roch nach Blut, nach Hirn, nach Schatten, als die Decke des Raumes sich öffnete.


Das Feuer des Zuhörens

Es war
als wäre ich
dabei gewesen.
Wie so oft.

Zuhören
zeichnet

bewegte Bilder.

Zuhören
riecht.

Zuhören
schmeckt.

Zuhören
klingt.

Zuhören
fühlt
sich an.

Ich lag im Bett; das Telefon am Ohr.
Sie erzählte.

Es ist ein eiskalter Abend, eine eiskalte Nacht.
Ein Osterfeuer brennt in der Dunkelheit.
Es wird getrunken. Bier. Wein. Schnaps (»Hütten-Feuer«
heißt das Zeug).
Knisternde Flammen, Rauchgeruch, Stimmen.
Es wird verdaut.
Und das Klo ist so weit weg.

Ich hörte Musik –
wusste aber gar nicht, ob es dort Musik gegeben hatte.

Sie muss pissen. Dringend.
Das Klo ist so weit weg.
Doch da ist eine Scheune.
Im Gegenlicht des Feuers.
Sie geht hinter die Scheune.

Ich hörte ihre Schritte auf der gefrorenen Erde.

Es ist finster hinter der Scheune.
Die Gürtelschnalle klimpert.
Jeans & Slip gleiten über den unsichtbaren Arsch,
die unsichtbaren Oberschenkel hinab.
Sie hockt sich hin.
Sieht in der Entfernung die Rücken dreier Männer
an einem Baum, die tun, was sie im Begriff ist
zu tun.
Und
sie lässt es laufen.

Ich hörte es plätschern,
sah es dampfen,
roch es &
spürte die Wärme, die den Boden erweichte.

Ein Schatten tritt hinter die Scheune.
Geworfen von einem Fremden.
Sie vernimmt das
Zzziippp eines Reißverschlusses ….
»Hallo?« sagt sie, »ich sitze hier bereits.«
»Oh«, sagt der Fremde, »Entschuldigung, ich habe dich nicht bemerkt.«

War es wirklich ein Fremder?
Schließlich
konnten sie sich nicht erkennen.

Der Mann verschwindet.
So schnell er vermutlich kann.

»Ich hätte warten sollen, bis er ausgepackt hat«, sagte sie.
»Du Sau!« sagte ich.
Wir lachten.
Sehr.

Sie hätte ohnehin nichts sehen können.
So wie er sie nicht hatte sehen können.

Nur ich
konnte sie

sehen

in diesem Moment

konnte sie

riechen
hören
fühlen

Mein Ohr war heiss geworden
vom Hörer.
Alle Sinne lagen wach
in meinem Bett.

Zuhören
ist
geil.

Macht
geil.

»Und wehe, Du schreibst darüber«, sagte sie.
»Natürlich nicht«, sagte ich.


Am Strand der Zeit

Und dann spürst du
den Sand der Todes-Uhr zwischen deinen Zehen
Am Strand der Zeit
die du verloren hast

Du schaust auf das Meer
das immer weniger wird
& immer schneller
folgt Ebbe auf Ebbe

Verlassene Schiffe liegen auf Grund
Ein Wrack neben dem andern
ohne Ziel, ohne Hafen
unter einem grauen Himmel

Es ist kalt
& ein schneidender Wind schlägt Wellen
Du kannst nicht schwimmen
& das Fernweh schmerzt in der Brust

Es riecht nach Salz
das aus Wunden rieselt
& die Flaschen, die an Land gespült werden
sind leer

Doch
Etwas
träumt in dir
noch immer

Jemand schwimmt
in deine Richtung
nackt & schön
wie eine letzte Hoffnung

Warm & lebendig
in all der Kälte

Vielleicht
zu spät

Doch wer weiß schon
was zu spät bedeutet
wenn die Uhr
zerbrochen ist


Peanuts

Ich hatte wohl beiläufig erwähnt, wie sehr ich
die Peanuts liebte – & dass ich 2 Paar Socken
mit Snoopy-Aufdruck besaß
(in Grau, aus grauer Vorzeit).

Der Sommer ging allmählich zuende; es wurde kühler.
Die Frau trug einen Rock, der
meine Handbreit über den Knien aufhörte.
Sie ging ins Wohnzimmer, zog ihre Schuhe &
ihre dünne Jacke aus & stellte ihre Tasche ab.
»Ich habe heute übrigens was drunter«, sagte sie.
»Ach – das ist ja mal ganz was Neues«, sagte ich, »so
kalt isses doch noch gar nicht.«
Ein Lächelblitz aus blauen Augen. »Schau nach.«
Ich ging zu ihr, bückte mich & schob
lang-
sam
ihren Rock hoch.
Da waren sie (vereint auf violettem Stoff, vorne):
Snoopy & Woodstock!
»Süß«, sagte ich, »lässt Du mir das hier?«
»Sicher.«
»Dann ab mit uns unter die Kuscheldecke.«

Kleidungsstücke waren zufällig
auf den Boden des Schlafzimmers gefallen; nur
das Höschen
hing ordentlich über der Stuhllehne.
Der Hund lag auf dem Rücken; die Augen geschlossen.

Jetzt war sie blond wie Woodstock, doch
in der Vergangenheit
war auch sie ein
kleines rothaariges Mädchen
gewesen.
Ein Mädchen mit Sommersprossen.

Und weil
manchmal
einfach
Alles
passt,

lief
die Mondscheinsonate,
als ich ihr
in den Hintern biss

(Glenn Gould allerdings –
& nicht
Schröder).

Lachen
Lecken
Lachen (mit langem aaaaaa) auf dem Laken
The Doctor is in
The Doctor is out

Sprechblasen
Gedanken-
blasen

Als sie wieder in ihr knallblaues Auto stieg,
wusste ich, was ihr fehlte
unterm Rock.
Und ich wusste, was
mir
fehlen würde ……

In den Tagen des Alleinseins
– das Vögelchen war ausgeflogen –
schnüffelte ich
nach dem Erwachen
& vor dem Einschlafen
an dem Höschen;
ich nahm Witterung auf,
denn auch ich
bin nur
ein Hund
ein Wolf
ein Tier
eine Art von
Comicfigur.

Nach & nach
wurde der Duft schwächer;
wie auf der Flucht.

Wir telefonierten.
»Wird höchste Zeit, dass Du wiederkommst«, sagte ich,
»ich habe alles inhaliert, was es zu inhalieren gab.
Snoopy hat Sehnsucht,
und was zu Knabbern brauch ich auch.«
»Nüsse?« sagte sie.
»Arsch«, sagte ich.

Es wurde noch kühler
draußen.
Noch heißer
in uns.

Und beim nächsten Mal trug sie
Jeans, die nur so knackten;
und irgendwann, unter der Decke,
sagte sie: »Ich laufe aus.«
Und ich dachte an das Meer,
an die Hohe See,
an ein Schiff, das ausläuft;
und ich wollte in See stechen,
hinaus auf das Meer Meer Meer ……

»Ich hab da was, womit Du Dich
abtrocknen kannst«, sagte ich.
Sie grinste.
«Schon klar«, sagte sie.

Snoopys Augen waren noch immer geschlossen,
als würde er es genießen, wie sie ihn
benutzte.

Und der Duft
würde wieder
für eine gewisse Zeit des Alleinseins
reichen.

Reichen, um zu
riechen –
zu schnuppern –
zu schnüffeln –

um zu träumen

wie ein Hund …..

Ein Hund, der
auf dem Dach seiner Hütte schläft.

Snoopy


Das Loch im Boden

Ich hatte noch 22 € auf dem Konto;
die Schulden beliefen sich auf ca. 1200 €.
Ich wollte nicht frieren – das war alles.
Irgendeine gelangweilte, vom Volk gewählte
Verbrecherbande hatte sich
neue Bestimmungen einfallen lassen, um
die Steuereinnahmen in die Höhe zu treiben.
Alte Heizöl-Tankanlagen mussten durch neue
ersetzt werden.
Meine letzten Ersparnisse flossen
in die neuen Tanks;
kurbelten womöglich irgendeine Konjunktur an,
mit der ich nicht viel zu tun hatte.
Als die Handwerker die alten, stählernen Geldsärge zersägten,
setzten sie meinen Keller in Brand.
Funkenflug.
Schwarzer Rauch breitete sich aus,
waberte die Kellertreppe herauf,
drang durch Ritzen & Schlüssellöcher …..
Die Männer fluchten; die Männer husteten; die Männer spuckten.
Ein Feuerlöscher zischte.
Gestank,
Ruß
& dunkle Vorahnungen.

Schwarzer Staub auf Büchern; tote Spinnen in
weiß besprühten Netzen.
Der Rauch & der Gestank
verflüchtigten sich –
durch undichte Fenster, durch die im Winter
die künstliche Wärme verschwand.
Den Ruß, den Staub, die Leichen beseitigte ich.
Die Vorahnungen blieben.
Gefangen.
Stahl war durch Kunststoff ersetzt worden;
einmal mehr.
Für den Kampf mit der Versicherung fehlten mir
die Kraft & die Zuversicht;
für dergleichen bin ich
(wie für so Vieles)
untauglich.
Und es folgte ein langer, strenger Winter.
Ein Winter, der schließlich begann, den
Frühling wegzufressen.
So –
wie er das Heizöl weggesoffen hatte.
Ich hatte kein Geld, kein Geld, kein Geld mehr.

Da ist dieses Loch
im Boden meines Kellers.
Wenn man hineinblickt, sieht man
die obersten Stufen einer Wendeltreppe.

Ansonsten
sieht man
nichts
als
Dunkelheit.

Ich habe Jules Verne gelesen –
wenn man sich dem Mittelpunkt der Erde nähert,
wird es wärmer.
Vielleicht trifft man auf dem Weg abwärts
einige Monster der Urzeit.

Nun gut.
Damit könnte ich leben.

Ich will nur
nicht frieren –
das ist
alles.


Blue Velvet

Erkältet
waren wir beide.
Wir lagen im Bett –
nackt nur an den Stellen,
auf die es ankam.
Musik lief im Shuffle-Modus.
Die Flammen der Kerzen & Teelichte flackerten
im eisigen Wind, der durchs undichte Fenster herein wehte.
Die Frau musste aufs Klo;
kletterte aus dem Bett.
Ich liebe den flüchtigen Moment – bevor
das hochgerutschte Shirt, nach dem Aufstehen,
wieder über den nackten Arsch gleitet, um
ihn dann
nur knapp
zu bedecken.
Sie ging nach nebenan.
Johnny Mathis sang „Moon River“.
Ich hörte es plätschern.
Hörte sie Papier abreissen.
Klopapier, das nach Rosen duftete –
& das ich niemals benutzte.
(Sie hatte es selber als Gag mitgebracht,
nachdem ich mich über den
Klopapierverbrauch der Frauen lustig gemacht hatte.)
Johnny gab volles Vibrato, dann
rauschte die Spülung.
Und während die Frau in die Küche ging,
um sich noch ein Bier zu holen,
übernahm Bobby Vinton die
musikalische Leitung.
„Blue Velvet“.
Sie kam zurück, stellte die Flasche auf den Nachttisch
& kroch unter die Decke;
ihre Hände waren kalt, ihre Beine waren kalt.
Sie sagte: »Die Musik läuft doch auf Shuffle, oder?«
»Ja«, sagte ich.
»Wieviele Stücke sind in der Liste?«
»Keine Ahnung, aber sie läuft knapp 37 Stunden
ohne Wiederholung. Wieso?«
»Weil ich gerade, aufm Klo, dachte:
Ich würde gerne mal wieder „Blue Velvet“ hören
»Ich wusste es«, sagte ich, »Du bist
eine Hexe.«
Sie lachte.
»Ich kann Sachen«, sagte sie.
Was stimmte.
„Blue Velvet“ war unser Lieblingsfilm.
37 Stunden, die auf Zufall gestellt waren.
37 Stunden – so lange hatten wir uns noch nie
ohne Unterbrechung gesehen –
& würden es vielleicht auch
niemals.
Ihre Hände wurden warm.
Der Wind blieb eisig.
Und die Flammen der Kerzen & Teelichte flackerten
noch stärker.
Bewegt durch
den Wind &
unsere Leidenschaft.


Ein ewiges Rätsel unter vielen

Warum
ein fröhliches
kleines
Kind
– an frischer Luft
& in ständiger Bewegung –
ernsthaft erkranken
kann

während
ich

das versoffenene, kettenrauchende
alte Arschloch
– ständig sitzend oder liegend
in stickigen Zimmern –
gesund bin

(mehr oder weniger)

wird mir
so lange ich
NOCH
lebe

Eines
von nicht wenigen
Ewigen Rätseln
bleiben


Die Singende Säge

In einer Fußgängerzone
saß ein Mann
auf kalten Steinplatten
mit einer Singenden Säge

Er hatte
keine Beine mehr

Er hatte
die Beine
sich selber
abgesägt

mit
eben diesem
Werkzeug

Er war
kein Fußgänger mehr

konnte nicht mehr
tanzen

zu seiner eigenen Melodie

aber spielen
auf der Säge

mit einem Bogen
der seine Haare verlor

Ein Lied
das schön & traurig war

Andere
hätten dazu tanzen können

Aber
sie hatten es zu eilig
vorüber
zu
gehen

Und
im Hut des Mannes
blieb nur

die Leere

Und in der Erinnerung
nur

die Musik


Der Ausfall

Der Strom
war ausgefallen

Für
nur 1 Sekunde

Die elektrische Uhr
die stets
vorgegeben hatte
richtig zu gehen

fing wieder bei 0 an

& sie blinkte
als wolle sie
darauf aufmerksam machen

Darauf aufmerksam machen

dass sie
erst jetzt

richtig ging

Egal
was alle anderen Uhren sagten

Es war
höchste Zeit
gewesen

vom Strom getrennt zu werden

Es war
die richtige Zeit
für eine

Mitternacht

& ihre
Geister


Wartezimmer

Und plötzlich wurde jeder Raum
zum Wartezimmer, und
in jedem Wartezimmer saß
eine Hoffnung
am Boden.
Es gab
kein Sprechzimmer,
keine Sprechstunde;
nur:
Schweigen
Schmerz
Sterben
& Vergehen.
Stumm waren die Hoffnungen,
erfüllt
von
Leere.
Und blind war die Wut
im Angesicht des
Nichts.

Sie wollten hinaus
– die Hoffnungen -,
doch sie wussten nicht
worauf.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Spielplätze der Liebe

Hörspiel.
Sehspiel.
Riechspiel.
Tastspiel.
Zungenspiel.
Gedankenspiel.

Liebesspiel.


Nichts als Dampf

Manchmal
setzte ich mich mit einem Reclam-Heft oder
einem Donald-Duck-Comic
in irgendeine Ecke
des menschenleeren Schulhofs;
manchmal
ging ich in den nahegelegenen Plattenladen, um
in den Singles zu stöbern.
Meistens aber
lehnte ich mich gegen das Geländer meiner liebsten
Eisenbahnbrücke & schaute hinab
auf die Schienen.
Ich war der einzige Schüler der Grundschule, der
(was damals ungewöhnlich war) regelmäßig
1 oder 2 Freistunden hatte.
Und jeder Atemzug dieser Stunden hatte
einen besonderen Geschmack.
Frei.
Frei.
Frei!

Ich schaute hinab,
kannte jede Maserung, jeden Riss in den alten Holzschwellen;
und der Schotter im Gleisbett bedeutete mir mehr als
die Kiesel am Meeresstrand.
Ich wartete.
Wartete auf mein Verschwinden.
Wartete auf das Verschwinden der Welt um mich herum.
Manchmal
erblickte man den Dampf – bevor man die Lokomotive sah oder hörte;
manchmal
hörte man die Lok – bevor man sie oder den Dampf sah;
und manchmal kam alles gleichzeitig.
Das Rollen, das Donnern, das Rattern, das Scheppern, das Zischen …..
Der Klang der Ferne, die sich näherte.
Die Vorfreude.
Gewölk aus einem fahrenden Schornstein kam auf mich zu;
eine künstliche Nebelbank zum Ausruhen & Vergessen.
Und dann sah ich nichts mehr.
Alles weiß
um mich herum.
Ich selber:
unsichtbar für alle Anderen.
Der einzigartige Geschmack des Dampfes.
Die Wonne der verlorenen Orientierung.
Frei.
Frei.
Frei!

Ich
allein.
Im Nebel, der
begreifbar war.
Ich atmete ihn ein.
Atmete tief.
Wie im Rausch.
Während den Anderen
in einem stickigen Schulzimmer,
das ich nur zu gut kannte
& gar zu sehr hasste,
irgendeine Religion
eingetrichtert wurde.


Ich möchte es nicht wissen

Ich möchte es nicht wissen
niemals erfahren –
wie klein
der Park
in Wirklichkeit war

Der Park
der mir
unendlich erschien
als ich so klein war
in der Wirklichkeit meiner Kindheit

Ich spazierte
neben dem Riesen
der mein Vater war
durch diesen Park

Mein Blick
sah keine Grenzen
kein Ende

Jede Biene war
ein Monster
Jede Blume
ein Baum

In meiner Erinnerung lebt
noch immer
die Unendlichkeit
von damals
als ich nichts hatte

um
vergleichen zu können

Ich wollte niemals wissen
nie erfahren
wie klein die Wirklichkeit
in Wirklichkeit
ist

Deshalb besuchte ich
den Park
niemals wieder

& mein Vater starb
bevor ich größer wurde
als er
jemals gewesen war


Eine Art Vampirismus

Da hat man ein bisschen Talent ….
im Umgang
mit Worten.

Jemand
wird auf einen
aufmerksam
aufgrund dieses Talents.

Flattert herbei & tritt
in das fremde
Leben.

Beginnt
zu saugen
bis nichts mehr übrigbleibt
vom Talent.

Zeit
davonzufliegen.

Zurück
ins Reich der Worte.


Gefrorene Blumen

Da draußen gingen Menschen.
Ihre Worte waren nicht zu hören,
aber sichtbar
in der Kälte.

Nebelhafte Sprechblasen waberten
aus frierenden Mündern;
kalte Lippen
bewegten sich.

Da drinnen stand ein Mensch.
Und zitterte
vor dem Heizkörper, der
untem Fenster hing.

Der Körper war
kalt.
Der Blick des Menschen fiel
durch einen Rahmen aus Eisblumen.

Sein Schweigen
beschlug die Scheibe.
Die Wortwolken
lösten sich auf.

Nebel
Haft.
Nichts hören.
Nicht dazugehören.

Draußen.
Drinnen.
Frost.
Taubheit.

Und
das ewiggleiche Muster
der gefrorenen
Blumen.


R.E.M.

Wenn Du träumst
bin ich
es
der Deine Augen
so schnell
bewegt

Wenn ich träume
bist Du
es
die meine Augen
so schnell
bewegt

Schnelle Blicke
die sich treffen
hinter geschlossenen Augen
die sehen können

über alle Entfernung
hin-
weg


Ein nostalgischer Moment der Zukunft

Es war ein Moment purer Nostalgie, als
der alte Mann sich mir näherte.
Eine Nostalgie, die mich
würgen ließ.
Er roch wie das Innere
einer Telefonzelle aus den 70er Jahren.
Als ein Ortsgespräch 2 Groschen kostete.
Wie oft war mir in ihnen schlecht geworden
als Kind……
Es war mir stets vorgekommen, als gäbe
nirgendwo auf der Welt eine dieser Zellen, die
nicht nach Pisse & Erbrochenem roch.
Und ein bisschen nach
Zukunft.
Kaum wagte man, die Tür zu schließen.
Der alte Mann bewegte sich mit winzigen Schritten;
atmete schwer. Er trug
einen schwarzen Cowboyhut.
Auf dem Rücken einen Rucksack, in der rechten Hand
eine Reisetasche.
Er hatte sich ein Zimmer genommen;
in einem Hotel jener Stadt, in der er wohnte.
Vielleicht hatte er vergessen, dass er eine Wohnung hatte.
Die Nacht lag hinter ihm.
Eine von vielen.
Eine von zu vielen. Vielleicht.
Hinter mir lag
dieselbe Nacht.
Und doch
eine andere.
Eine Nacht im selben Hotel.
Er: der Gast.
Ich: der Portier.
»Guten Morgen«, sagte er.
»Guten Morgen«, sagte ich.
Wir sagten also dasselbe. Nur dass es bei ihm
älter klang. Und kurzatmig.
»Wo ist das Frühstück?« fragte er.
»Im ersten Stock.«
»Wie – komme ich da – hin?«
»Sie gehen zurück in den Aufzug, drücken auf die 1,
und wenn sie aus dem Aufzug kommen, ist gleich links
der Frühstücksraum.«
Er starrte mich an.
Es schien zu dauern, bis meine Worte
irgendeinen Sinn ergaben – für ihn.
Die Worte reisten gemächlich durch seinen Kopf.
Je länger er mich anstarrte, desto länger musste ich
ihn riechen.
»Könnten Sie bitte mit raufkommen? Nicht – dass ich mich – verlaufe.«
»Es ist ganz einfach«, sagte ich.
»Trotzdem. Bitte.«
Der Aufzug, dachte ich – eine Telefonzelle, die sich
auf & ab bewegt. Und in der meist
geschwiegen & gestunken wird.

Ich sagte:
»Ok. Sie nehmen den Aufzug, und ich gehe über die Treppe;
ich darf den Aufzug nicht benutzen – für den Fall, dass der
steckenbleibt.«
War für eine Vorstellung!
»Wie?« sagte er.
»Sie gehen in den Aufzug zurück & drücken auf die 1.
Ich nehme Sie dort in Empfang & zeige Ihnen den Weg.«
»Hmm – – auf die 1.«
Er machte kehrt, trippelte
langsam & schnaufend
zurück in die Kabine.
Cowboyhut, Rucksack, Reisetasche. Und das Alter.
Was für ein Aufzug!
Die Türen schlossen sich. – –
Ich war im ersten Stock bevor
der Aufzug dort war &
nicht hielt.
Ich hörte es:
Er hielt im zweiten (die Türen gingen auf & zu),
er hielt im dritten (die Türen gingen auf & zu),
er hielt im vierten (die Türen gingen auf & zu).
Mehr Stockwerke gab es nicht.
Nur noch Dach & Himmel.
Ich wartete.
Zeit verging.
Wie immer.
Gleich schnell – für uns beide …..
Obwohl wahrscheinlich einer von uns
weniger davon zu verlieren hatte als
der andere.
Keiner wusste,
wer.
Er kam an.
Endlich.
Im ersten Stock.
Ich wies ihm den Weg
zum Frühstücksraum.
Er hielt inne.
»Ich habe meinen Beutel vergessen«, sagte er.
»Beutel?« sagte ich. »Sie meinen nicht Ihren Rucksack
oder Ihre Reisetasche?«
»Nein. Ich hatte noch einen Beutel. – Würden Sie ihn bitte
aufheben – bis ich wiederkomme?«
»Natürlich«, sagte ich. »Gerne.«
Er sagte:
»Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen.«
Nostalgie & Zukunft
vermischten sich –
wie Pisse & Erbrochenes.
Dabei hatte der alte Mann
über Nacht
ins Bett geschissen.
Ein Hauch von Kindheit.
Der Atem des Alters.
Und das hübscheste Zimmermädchen von allen
hatte es entdeckt.
Sie tat mir leid.
Ja – auch ich hatte im Bett geschissen.
Als Kind.
Wie wir alle.
Ja – auch ich wurde alt.
Wie die meisten.
Und die Zukunft ähnelt der Vergangenheit –
immer wieder.
Auch ich hatte gern einen Cowboyhut getragen ….
als Kind …. als ein Ortsgespräch noch 2 Groschen kostete ….
2 Groschen
in einer stinkenden Zelle, die
still stand ….


Die ferne Saite

Eine Saite war gerissen
mit einem Geräusch, das ich
nicht hatte hören können.
Zu fern von mir.

Wir lagen im Bett, als sie
es mir erzählte. In
buntbeleuchtetem Halbdunkel.
»Was für eine Saite?« fragte ich.
»Tiefes E. Für Konzertgitarre.«
Und sie fügte hinzu:
»Komisch, die reißen doch nie.
Normalerweise.«
Nun, mir war im Laufe meines Lebens
schon jede Saite gerissen.
Immer wieder.
Man muss nur wild genug spielen.
Zuweilen nicht einmal das.
Manchmal reicht die Ermüdung. –
Sie stand auf, um sich anzuziehen;
ich ging nach nebenan, um
nach einem Satz zu suchen.
Ich fand einen passenden.
Ging zurück zu ihr.
»Hier«, sagte ich.
Sie lächelte.
»Ich brauche nur die eine Saite.«
Ich öffnete das Päckchen &
reichte ihr das E.
Wir küssten uns.
Es gefiel mir,
nackt zu sein, während sie
ihr wärmendes Wollkleid trug.
»Sehen wir uns Freitag?« fragte ich.
»Ich denke schon.«
Dann fuhr sie.

Nun habe ich
einen auseinandergerissenen Satz.
Einen unvollständigen Satz.
5 Saiten, die einen eigenen Klang haben.
Ich werde sie aufziehen
& das E nicht ersetzen.
So mancher Akkord, so manche Harmonie wird
unvollständig klingen …..
Ein tiefer Ton wird fehlen.

Und in der Ferne –
zu fern von mir –
ist diese eine Saite.
Die eine Saite, die
an mich erinnert.
Die eine Saite, die
mir fehlt.
Die eine Saite, die
so manchen Akkord, so manche Harmonie
erst klingen ließe, wie er klingen sollte.

Vielleicht spielen wir ja
irgendwann einmal
zufällig
im selben Moment
das Gleiche.

Dann wäre es
über alle Entfernung hinweg
als wären die Saiten
nie getrennt worden.

Und
der Klang
wäre
perfekt.


Die Stimme

Niemals
hatte ich vorgelesen.
Niemals
wollte ich es tun.
Ich hasste
meine Stimme.
Von außen gehört.
So wie die meisten
ihre Stimme hassen,
weil sie ihre Stimme
nur von innen kennen.
Und ich
konnte
einfach
nicht
vorlesen.

Eines Tages
war
dies Alles
Grund genug
mir selbst
vorzulesen.


Ratten, von der Mitte bis zum Rand

»Vielleicht….« Er hielt inne.
Sie schauten sich an.
Die Pause nagte an ihnen
wie eine ausgehungerte Ratte.
»Vielleicht was?« sagte sie.
»Vielleicht hättest Du Dir nicht
jemanden aussuchen sollen, der
so einsam ist.«
»Ich habe Dich nicht ausgesucht.
Denn ich hatte keine Wahl.«
Die Worte gefielen ihm.
Manche Worte, die gefallen waren, gefielen ihm;
andere nicht. Manche Worte waren
so hart gefallen, dass sie sich nicht mehr erheben konnten,
um ihnen aus dem Kopf zu gehen.
»Aber vielleicht…..« Sie hielt inne.
Sie schauten sich noch immer an.
Eine weitere Ratte.
Oder noch immer dieselbe.
»Vielleicht was?« sagte er.
»Vielleicht hast Du recht. – Denn ich bin
nicht einsam.«
Schlechte Voraussetzungen, dachte er.
Sie
stand mitten im Leben.
Er
am Rande.
Weit war der Weg
von der Mitte zum Rand
& zurück.
Eine weite Strecke
voller Ratten.
Aber vielleicht….
gab es kein
Zurück.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Du hängst an meiner Wand

Du hängst
an meiner Wand.
Etwas
hängt in Dir.
Funktioniert nicht mehr
richtig.
Deine Unruhe
könnte zer-
stört
worden
sein.
Die Zeit,
die Du mir zeigst, ist
Deine eigene –
kaputte.
Vielleicht
die Zeit, in der
ich
leben möchte.
Vielleicht ist es
nicht
zu spät.
Auf Dir.
Du
bist
meine Uhr.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Das Foto im Schnee

Schnee fiel auf das Foto, auf dem Schnee fiel.
Viel Schnee fiel
in der Gegenwart –
war gefallen
in der Vergangenheit.
Viel Schnee fiel
in Gegenwart der Vergangenheit.
In der Gegenwart, die vergehen würde …..
Wie der Schnee, der gefallen war,
wie der Schnee, der fiel.

Ich hatte das Foto verloren.
Das Foto, das mir so gefallen hatte.
Ein gefrorener Augenblick kalter Kindheit.
In Schwarzweiß, das beinahe niemals schwarzweiß ist.
Weiß war der Schnee, doch grau
der Anorak, der eigentlich rot gewesen war.
Ein Rot, das ich seither an seinem Grauton erkenne.
Ich lachte aus der Kapuze,
winkte mit dem Fausthandschuh
in die Spiegelreflexkamera.
Glücklich frierend.
Glücklich, weil es so schnell
bergab gegangen war
mit mir –
& dem Schlitten.
Glücklich, weil ich in diesem kurzen Moment
nicht an den Aufstieg dachte, nicht an
die Anstrengung.
Nicht an mich,
wie ich Jahrzehnte später
das Foto betrachten,
nicht daran, wie mein zukünftiges Ich
in das Foto & diesen Augenblick
hineinschauen, hineinfallen würde.

Das Foto, auf dem Schnee fiel,
war in den Schnee gefallen, auf den
immer mehr
Schnee fiel.
Schauer folgte auf Schauer.
Ich wußte nicht, wo ich
es, das mir so gefiel, verloren hatte.
Konnte mich nicht erinnern, wo
die Erinnerung mir aus der Hand geglitten war;
weich fallend in die Kälte.

Doch ich hatte Zeit. Vermutlich.
Ich würde warten. Wahrscheinlich.
Einfach warten
bis der Schnee, der fiel,
Vergangenheit war.


Der alte Witz

Der Tag begann
wie ein alter Witz,
den man schon tausendmal gehört hat.
Niemand
lachte.
Alle
erinnerten sich – – –
Damals.
Als er einem
zum ersten Mal
erzählt wurde …..
So neu
So frisch
Man hatte gelacht.
Herz-
er-
frisch-
end.

Jetzt
konnte man nicht einmal mehr
müde lächeln.
Die Wiederholung war
ein Ärgernis;
der Erzähler
ein Idiot.
Doch vielleicht war für ihn,
der ihn erneut vortrug,
der Witz so neu
so frisch
wie er es
einst
für die Zuhörer gewesen war.
Ihr Damals
war
sein Jetzt.
Der Tag würde kommen,
an dem auch er,
der Erzähler,
nicht mehr darüber würde lachen können.
Auch sein Jetzt
war dazu verdammt
Damals zu werden.
In der Zwischen-
zeit
ging der Tag,
der so begonnen hatte,
weiter.


Die Hampelmänner

Die Frau schlief
tief & ruhevoll.
In Dunkelheit & Schneestille;
kein Traum, an den sie sich erinnern würde.
Warm & weich lag sie unter der Decke.
An den Wänden ihres Schlafzimmers hingen:
Die Hampelmänner.
Die Frau hatte keine Zeit
für Hobbys, doch sie sammelte
Hampelmänner.
In allen Räumen hingen sie;
unbewegt & leicht verstaubt.
Mit einer Schnur zwischen den Beinen.
Lachende Gesichter aus Pappe.
Sie alle hatten Namen.
Namen, welche die Frau ihnen gegeben hatte.
Nur um sie wieder zu vergessen.

Die Frau schlief
tief & ruhevoll.
Ein Brief lag unter ihrem Kissen.
Ein Abschiedsbrief –
einer von vielen;
alle von einem.
Von einem der nicht schlafen konnte.
Die Frau hatte keine Zeit
für Hobbys, doch sie sammelte
die Briefe.
In einer Schublade lagen sie;
alle bis auf diesen.
Diesen, den ihr Kopf zerknitterte
im Schlaf.

Die Frau schlief
tief & ruhevoll.
Kein Traum, an den sie sich erinnern würde.
Doch den Namen des Absenders hatte sie
noch
nicht
vergessen.

Die Hampelmänner hingen
an den Wänden.
Der Mann, der nicht schlafen konnte, hing
von der Decke.
Ruhevoll & traumlos.
An einem Seil, das aus Schnüren geflochten war.
Scheiße, Pisse & Sperma waren seine
letzten Äußerungen gewesen.
Äußerungen, die längst
vertrocknet waren.
Die geschwollene Zunge schaute stumm
aus dem geöffneten Mund.
Unbewegt.

Schneestill & dunkel
war die Nacht.
Die Frau schlief.


Das Puzzle in meinem Bett

Ihre Beine waren wie zerschnitten
durch die Linien der Spiegelkacheln
an der Wand
meines Schlafzimmers

Ihr Arsch war eingerahmt
in einem der Quadrate

Ihr Rücken:
Befleckt von den Fingerabdrücken
auf dem Glas gegenüber

Ihr Hinterkopf bewegte sich
zwischen 2 Quadraten
vertikal
hin & her

So viele Assoziationen:
Stadtpläne
Rechenhefte
Spielwürfel
Fadenkreuze

……

Auch ich war
in der Wand gegenüber

Auch ich:
Befleckt &
wie zerschnitten

Unberechenbar
wir beide

Nackt
wir beide

Ein Puzzle
das wir
zusammen
gelegt hatten

ohne sicher zu sein
ob
Alles
zusammen
passte

ohne zu wissen
welches Bild
sich
ergeben
würde


Kurven im Nebel

Die Kurven hatte ich
in meiner Erinnerung;
das Lenkrad fest im Griff.
Nebel fiel in die Nacht
& wurde zu einem Spiegel
auf dem gefrorenen Asphalt.
Waberndes Weiß im Scheinwerferlicht.
Die Sicht unfrei & abgeschnitten.
Erzwungene Langsamkeit, die
das Ende der Strecke in zeitliche Ferne rückte.
So oft war ich diese Route gefahren,
dass sie mich langweilte bis zum Ekel;
und auch das Ziel war nur
eine üble Angewohnheit.
Der Vorhang,
der Spiegel,
das Fremde
forderten meine Aufmerksamkeit;
kaum nahm ich die Musik wahr, die
aus dem Radio kam.
Ein dunkles Tier kreuzte meinen Weg;
so schnell, dass ich nicht erkennen konnte,
was es war …..
Es verschwand unversehrt im Nebel –
ohne dass ich das Bremspedal berührt hatte.
Da war kein Licht
außer meinem.
Im Glanz des Spiegels war nichts zu sehen;
nichts – außer der Gefahr …..
die Möglichkeit des Abkommens,
die Möglichkeit der Verletzung,
die Möglichkeit des Todes.
Ich fühlte die nächste Kurve,
fühlte sie näher kommen, obgleich doch
ich es war, der sich ihr näherte.
Links, dachte ich, leicht links, sanft links ….
Ein ununterbrochener Mittelstreifen,
ein Seitenstreifen, jenseits dessen ein Graben lag.
Ich musste nur vorsichtig, ganz wenig
einlenken …..
Eine unfassbare Traurigkeit kam aus dem Nebel
auf mich zu; ungreifbar wie dieser,
wabernd & undurchschaubar.
Die Kurven
ich hatte
sie
in meiner Erinnerung.
Vielleicht auch nur
im Gefühl.
Doch es bestand die Möglichkeit, dass
meine Erinnerung, dass
mein Gefühl
mich täuschte.
Die Gefahr der Täuschung war überall.
Auch in mir.
»Gib Gas«, sagte die Traurigkeit.
Und die Musik schien lauter zu werden.