Monatsarchiv: September 2019

Die Kerze

Jemand malte
eine brennende Kerze auf Leinwand.
Dann nahm er das feuchte Bild
& ging durch einen finsteren Gang.

Er schloss
die Augen; ohne zu stolpern,
ohne anzustoßen
erreichte er eine Tür.

Dahinter war ein heller Raum.
Da war ein Haken
in einer der Wände.
Er hängte das ungerahmte Bild daran auf.

Sogleich erschien ihm
der Raum noch ein wenig heller.
Er hatte keine Ahnung,
wer hier wohnte.

Der hier wohnte,
mochte das Bild nicht.
Es war ihm unbegreiflich,
wie es hierhergekommen war.

Er nahm es ab
& warf es aus dem Fenster.
Auf der Tapete unter dem Haken
war ein Brandfleck.

Draußen wurde es dunkel.
Und jemand schrie.


Nachwelt

nach
welt möchte ich
sein für die vergessenen

die toten vergessen
von den leben
den die nach

geboren sind
& ihnen die unsterblichkeit verweigern
trost will ich

sein für die toten
& für jene die noch vor mir sterben
werden


Herr psst

Vorbei die Zeit
da man nackt auf dem Sofa saß
& dachte: ‹bald wird es dafür zu kalt sein›

Ich zitiere mein Zittern
der vergangenen Jahre, sinngemäß
Furcht

lässt die Bäume erröten
und die Furchtsamsten entblättern sich
als erste

(Ich kenne Menschen
bei denen ist es ganz
ähnlich)

Es ist
als dächten die Bäume
wie Menschen

zeit
weise
viel

zu viel


Am Küchenfenster

Ein Gedicht ging
am Küchenfenster vor

über. Lange dunkle Haarwellen,
Hotpants, schwarz & aus
gefranst. Weißes

Top, schulter
frei & eng. Perfekte Beine.
Straffe Leine.

Hund. Ich
hörte auf

zu spülen. Nasse Hände,
laufender Hahn. Das Gedicht

   schritt

voran. Eine Uhr
mit gleichlangen Zeigern. Wie spät
mochte es

wohl sein? Ich
folgte mit Blicken.

Ein junges Brötchen
Ein wedelnder Schwanz.
Schmutziges Geschirr.

Und auch das Fenster war ziemlich
dreckig. Zweipersonenhaus

    halt.

Ein altes Schwein
das gerne spült.

Sie sah mich nicht
Sie kannte mich nicht
Sie sagte nichts
Sie wollte nichts.

Das war schön.
Ein Gedicht

    halt.