Grammatik

In jenem Moment, der entscheidend war,
da es um
Vieles
wenn nicht um
Alles
ging …..

glaubte die Frau,
die Grammatik des Mannes
verbessern zu müssen.

Es war ein ernstes Gespräch gewesen –
im Tonfall unterdrückter Tränen.

Es war um
ihre Beziehung gegangen,
um ihre gemeinsame Zukunft,
um Sehnsucht
& Liebe

& plötzlich
ging es um –
Grammatik.

Der Mann verbarg seine Erschütterung
über diesen Richtungswechsel –
er sagte »Ja« zu ihrem Einwand.

Dabei wusste er:
Sie hatte unrecht;
der Fehler, den sie erkannt zu haben glaubte,
war keiner.

Die Frau war einem Irrtum unterlegen.

Was aber der Mann erkannte –
in diesem Moment, der entscheidend war -,
war ein Fehler, der
wirklich
existierte.

Ein Fehler, der
nichts
mit Grammatik zu tun hatte.

Auch der Mann war einem Irrtum unterlegen.

Und er begann
zu frieren.


Der Schandfleck

Hinter Mauern
wuchernden Unkrauts
lebe ich

im Schandfleck
der gepflegten Umgebung

inmitten der Geschäftigkeit
die Alles

ordnet
stutzt
& nivelliert

ruhe ich
faul
in der Wildnis

ungezähmt
im Chaos
der freien Entfaltung

Inmitten des Zwangs
eines andressierten Ideals

betrachte ich
zwanglos
die wahre Schönheit

Samen fliegt
Schmetterlinge flattern
Tiere finden was sie suchen

& manchmal
steht eine nackte Frau
dort in der Sonne

innerhalb der Mauern
wuchernden Unkrauts

Dann verstummt
die Dummheit
dort draußen

& ich lebe
im Besonderen


Der hässliche Mann & die Musik

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Das Türglöckchen erzitterte – 440 Hertz. Da er die Wahl hatte, setzte sich der Mann an den Tisch, an den er sich schon immer gesetzt hatte. Dass er die Wahl hatte, war der Grund für die bevorstehende Schließung des Cafés. Die endgültige Schließung. Auch heute war er der einzige Gast. Manchmal war er sich unsicher: Kam er hierher, weil er hier kaum auf Menschen traf, oder traf er hier kaum auf Menschen, weil er hierher kam? Er erinnerte sich kaum noch, wie es anfangs gewesen, er erinnerte sich nur daran, was ihm als erstes aufgefallen war – & was ihn bleiben ließ:
Es gab in diesem Café – keine Musik.
Runde Tische für jeweils 2 bis 3 Niemande. Kalte Beleuchtung. Trübe Fensterscheiben. Das Röcheln veralterter Kaffeemaschinen. Spuren von Nachlässigkeit auf dem Fußboden. Werbende Spiegel an den Wänden. Und keine Musik!
Er brauchte nichts zu bestellen; sobald er saß, brachte man ihm die erste Tasse. Die einzig verbliebene Bedienung – eine Frau, die immer müde aussah – war gleichgültig. Sie war ihm gleichgültig, er war ihr gleichgültig, ihr schien alles gleichgültig. Das gefiel ihm. Und sein Anblick löste nichts mehr aus. Kein Zucken, kein Zögern, kein betontes Wegschauen. Nichts.
Was den Mann so hässlich machte, war seine Haut. Ein Relief warzenähnlicher Erhebungen, die keine Warzen waren. Dicht an dicht. Wachsend. Und sie waren überall. Auf seinen Wangen, seinen Lippen, auf seinem kahlen Schädel, an jeder Stelle seines Körpers. Selbst auf seinen wimpernlosen Augenlidern, die immer schwerer wurden. Das ganze Ausmaß seiner Hässlichkeit konnten die Menschen nur erahnen. Die Menschen, die bloß sein Gesicht, seine Hände & – manchmal, im Sommer – seine Unterarme sahen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.
Er trank seinen Kaffee, betrachtete die Tischplatte – & dachte beinahe ….. nichts.
Tagtäglich verließ er zu exakt derselben Zeit seine Wohnung, um hierher zu kommen; als hätte er eine Arbeit zu verrichten. Als hätte man ihm eine Arbeit gegeben. Ausgerechnet ihm! Er war froh, keine zu haben, und das Verlassen der Wohnung war nur eine Flucht, eine kurze Ausflucht, ein Ausgang aus dem Verließ. Fort aus der geordneten Umgebung seiner ungeordneten Süchte & Sehnsüchte.
Passanten passierten wie unbedeutende Missgeschicke, wenn er – den Blick auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten gerichtet – Distanzen in der Außenwelt zurücklegte.
Die Innenwelt war seine Wohnung. Die Wohnung war seine Innenwelt. Die Erweiterung seines Kopfes, die Nebenhöhle seiner Gedanken, die Herzkammer seiner Empfindungen. Und fast nie war sie musiklos. Allenfalls wenn er schlief. Unruhig schlief, wie immer. Im Chaos der gespeicherten Töne, der Melodien, der Harmonien; im Chaos verkratzter Schellackplatten, dem knisternden Vinyl seiner Jugend, kreisrunder Tonbänder & rechteckiger Cassetten, im Chaos der kaltsilbrigen CDs seiner Gegenwart – & der leise summenden Festplatten mit ihren ungezählten Discographien.
Dabei liebte er die Stille. Die Stille, die er nicht ertragen konnte. Und die Gefühllosigkeit, die ihn gelegentlich überkam, wenn keine Musik da war. Die Sehnsucht nach dieser Gefühllosigkeit war es, was ihn in das Café trieb. Immer wieder – obgleich er wusste, dass er sie nicht jedes Mal dort finden konnte. Denn wenn ab & an eine unbekannte Frau an einem der Tische saß, hörte er in sich eine Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Dann sah er sie wie in Töne gekleidet, und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit.
Symphonische Reizwäsche …… Kammermusikalische Dessous …… Jazzige Negligés …… Liederliche Korsagen …… Nocturnale Schleier …… – Doch am Ende bleibt: der Trauermarsch.
Er lachte. Oftmals. Über sich. Über sein Geschick, über sein Ungeschick. Über seinen Anblick, seinen Einblick, seinen Ausblick. Über seine Verzweiflung (die ihm oft zweifelhaft erschien). Über seine äußere Armut & seinen inneren Reichtum.
Seine Entstellung lebte im Jetzt. Alles was nicht entstellt werden konnte, lebte außerhalb der Zeit.

Erinnerungen.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war. Er hatte Freunde. Freunde, die irgendwo draußen spielten, während er drinnen vorm Plattenspieler saß. Stundenlang. In den kürzesten Stunden seines Lebens. Er setzte die Nadel an. Wie ein Süchtiger. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.
»Willst du nicht rausgehen?« fragte die Mutter. »Das Wetter ist so schön.«
Er verstand die Frage kaum. Und dass andere Menschen ein anderes Verständnis von Schönheit hatten, ahnte er schon damals. Was sie zum Beispiel ‚Schönes Wetter’ nannten, nannte er ‚Das Wetter der dunklen Brillen’.
»Nein«, sagte er. Obwohl er lieber geschwiegen hätte. Es war für ihn ein Verbrechen, in die Musik hineinzureden.
Manchmal dirigierte er. Mit einem Bleistift oder einer abgebrochenen Gardinenstange. Und bei Musikstücken, die ihm neu waren, glaubte er, die nächste Note immer schon zu kennen, bevor er sie hörte. Die Melodien schienen ihm natürlichen Gesetzen zu unterliegen, die transparent vor ihm lagen, während der Komponist sie vielleicht nur unbewusst befolgt hatte. So gewann er den Eindruck, dass er jede Tonfolge, die er jemals hörte, selber hätte komponieren können. Dieser Eindruck, der hauptsächlich eine Empfindung war, vermittelte ihm gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit & Macht; ein Gefühl, das ihn einerseits beglückte, andererseits jedoch maßlos verstörte, weil er außerhalb der Musik weder etwas Vergleichbares fand, noch empfinden konnte. Schon gar nicht dort draußen, wo die anderen spielten. Und wo er sich unsicher & machtlos fühlte. – Oder in der Schule, wo er ein Kind unter vielen war, ein Kind wie alle anderen zu sein schien; und wo Musik unterrichtet wurde – von Menschen, die nicht einmal ahnten, was er wusste. Oder zu wissen glaubte.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war.

Es dauerte nicht lange. Es hielt nicht lange an. Weil nichts lange dauert, und nichts lange anhält. Es sei denn – nach menschlichem Ermessen.
Die Nachmittage des Heranwachsens. Als seine Haut nicht mehr makellos war – & er gerade deshalb nicht hervorstach aus der Masse seiner pubertierenden Altersgenossen. Seine Akne glich der aller anderen. Dennoch sonderte er sich weiter ab von ihnen. Aus Gründen, die er nicht benennen konnte – damals nicht benennen konnte. Kontakte brachen ab – zu den Variablen seines Lebens: den Menschen. Die Konstante in seinem Leben blieb: die Musik. Ab einem ungewissen Zeitpunkt jedoch – einem Zeitpunkt der Ungewissheit – ahnte er nicht mehr, welche Note die nächste sein würde. Weil ihm klar wurde, dass keine bestimmte Note die nächste sein musste. Die Gesetze der Musik waren nicht natürlich; sie waren menschengemacht. Das Durchschauen eines Naturgesetzes – ja, das Naturgesetz selber war nur Illusion gewesen. Eine Illusion der Kindheit. Eine von vielen. Und ein Schauder durchfuhr ihn.
Doch dieser Schauder hatte auch sein Gutes. Es war nicht nur ein Schauder des Unheimlichen, Befremdlichen, sondern auch – & vielleicht vor allem – ein Schauder der Überraschung. Seine Erkenntnis überraschte ihn, und die Melodien & Harmonien überraschten ihn. Bei so manchem Tonartwechsel, der ihn früher nicht im Innersten hätte erschüttern können – da er der Überzeugung gewesen wäre, ihn vorausgesehen zu haben -, bekam er nun eine Gänsehaut. Die wohlige Gänsehaut des Unbekannten. Und er hätte es nicht mehr gewagt – zu dirigieren.

Die Nachmittage des Erwachsenen. Einige wenige Narben; Erinnerungen an Eiterbeulen. Kleine Schlaglöcher in der ansonsten glatten Haut. Nachmittage, die nach & nach zu Nachmitnächten wurden. Verwandte waren verstorben, Freunde verzogen, Liebschaften vergangen. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, war allein. Blieb allein. Mit der Musik. Die Schule hatte er abgebrochen. Er arbeitete als Nachtwächter, mal hier mal dort. Er soff. Was der Musik – beziehungsweise seinem Empfinden & Durchdringen der Musik – neue Dimensionen hinzufügte. Mit der Ginflasche in der Hand begann er zu tanzen; es war eine andere Art der Konzentration; eine körperliche Art – die er bis dahin stets gemieden hatte. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.

Intermezzo – Er denkt:
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Aber wie? Kurz, knapp, unsymphonisch. Telegrammatisch. Und doch voller Wiederholungen. Zeit raffend. Weglassend. Weg lassend. Eine Oper in 5 Minuten. Fragmente Fragmente Fragmente. Nur für mich. In der Dritten Person. Die Dritte Person, die ich bin. Die Ich ist. Und alle früheren beinhaltet. Morsen. Im perkussiven Alphabet, das ein Blinder verstehen kann. Ein Blinder, haha, das ist gut – Form & Inhalt werden eins. Wie in meinem Fall. Sie sind so schwer, meine Lider. So schwer. Wie lange werde ich meine Augen noch offenhalten können? Ach, egal. Ich kann hören. Kann blind tippen. Mit meinen genoppten Fingerkuppen. Und es muss nicht einmal einen Sinn ergeben. Für irgend jemanden. Nicht einmal für mich, für die Dritte Person. Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ohne Musik im Hintergrund. Ohne

Sehnsucht. Der Flaschengeist. Der Gin. Die körperliche Konzentration.
Als ihm die Haare ausfielen, war es ihm beinahe egal. Einzig die Art wie sie ihm ausfielen interessierte ihn. Das erkennbare Muster der Lücken; der Lichtungen. Kreisrunde Blößen. Es war zu der Zeit als er noch zu Ärzten ging. Also ging er zu einem Arzt. Der betrachtete die Stellen & setzte ein altertümlich anmutendes Gerät an, das mit raschen, gezielten Nadelstichen die Haarwurzeln anregen sollte. Dann hielt er ihm einen kurzen Vortrag über Autoimmunkrankheiten, machte ihm wenig Hoffnung & verschrieb eine Teertinktur zur äußerlichen Anwendung. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, fand das ‚Prinzip Autoimmunkrankheit’ faszinierend. Sich selber abstoßen. Sich selber bekämpfen. Als wohnte ein Anderer in einem selbst. Oder als ob das Selbst sich selber nicht erkennen würde. Dass der Arzt ihm wenig Hoffnung machte, war ihm gleichgültig. Die hatte er ohnehin. Außerdem würde er einem Menschen, der ihm mehr Hoffnung gemacht hätte, nicht geglaubt haben.
Und in der Tat: Es wurde nicht besser. Die kahlen Stellen wurden größer & zahlreicher; deshalb rasierte er sich den Schädel. Und als es ihm mit der Körperbehaarung ebenso erging, rasierte er sich von Kopf bis Fuß. Wie ein Mensch, der Wert auf sein Äußeres legt. (Bei diesem Gedanken musste er lächeln.)
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Jener Abend….. Im Herbst…..
Stunden auf dem Sofa. Dem Sofa, das nach Staub riecht. Er ist betrunken. Der Kopfhörer pumpt Musik in seine Gehörgänge. Flutende Wellen aus Noten, Wein & Gin umwogen sein Gleichgewichtsorgan. Ein staubflirrender Abendsonnenstrahl fällt durch einen Spalt in der Jalousie; durchstreicht den Raum & das künstliche Licht der Lampen. Unschärfe liegt über allem. Der unfokussierte Blick des Mannes zittert über die Dinge, die ihn umgeben. Streift eine der Märchenplatten seiner Kindheit. Eine der wenigen, die ihm geblieben sind. Ihr Dasein erinnert ihn an den Verlust all der anderen. Eine kurze Trauer bricht auf. Trauer über die eigene Unachtsamkeit, die eigene Gleichgültigkeit & die Zufälle des Lebens. Die Zufälle mit ihrer Folgerichtigkeit. Rotkäppchen & der böse Wolf. Durchmesser: 17 – Upm: 33 ⅓. Eine Single mit der Geschwindigkeit einer LP. Ein Zwischending – nicht ganz das Eine, nicht ganz das Andere. Und er hört kaum mehr die Musik, die von außen kommt. Hört: die Musik in ihm; eine Erinnerung ….. Die einleitende Melodie des Märchens ….. Hört: den schaurigen Wandel von Dur zu Moll, den Wandel, der das Abweichen des Mädchens vom rechten Wege perfekt vertont. Das Kind auf verschlungenen Wegen – hin zum Tier – das es verschlingen wird. Und die Gänsehaut schlägt aus …. auf seinen Armen …. seinen Beinen …. seinem Oberkörper …. Ein Horror, den er glaubte vergessen zu haben, fließt wie ein geschwärzter Albtraum durch seine Blutgefäße …. Verlorenes, Niegehabtes & die Sehnsüchte danach …. Sehnsüchte, die nach den verbrannten Wunschzetteln eines Kindes riechen ….. Des Kindes, das er einst gewesen war …. Des Kindes, das die Herrschaft über die Musik besessen hatte ….
Und er schläft ein.

Kurz nur. So kam es ihm vor. Und so war es wohl auch. Die auf Zufall geschaltete Endlosschleife schien wie verknotet. Verheddert zwischen Synapsen. Als er sich aufrichtete, schmerzte sein Rücken. Er setzte die Kopfhörer ab; legte die Musik neben sich auf das Sofa, das nach Staub roch. Schwindel kreiste. Und ein Frösteln, das nichts mit Kälte zu tun hatte, war in ihm. Auf ihm. Auf seiner Haut. Dieser Haut, die …. Mit der linken Hand strich er über seinen rechten Unterarm. Gänsehaut. Die sinnlose Gänsehaut des Haarlosen. Gänsehaut als Selbstzweck. Evolutionsmüll. Entfremdet. Er rieb den Unterarm, um ihn zu wärmen – zu glätten. Und man weiß nie, dachte er, ist es Kälte …. oder Gefühl. Oder beides. Von außen betrachtet jedenfalls. Dieses Außen, wo die Anderen sind. Und wo ich bin, für die Anderen. Er rieb. Weiter. Fester. Spürte in seiner glatten Handfläche das Aufgerauhte seines Armes.

Dies war der Beginn gewesen. Der Beginn der Gänsehaut, die nicht mehr verschwand. Der Gänsehaut, die stehengeblieben war in einem Augenblick erinnerter Musik. In einer Erinnerung an Kindheit, Wandel & Verlust.
Es war leicht gewesen, sie zu verbergen – am Anfang. Er war zu Ärzten gegangen; die Ärzte hatten ihre Ratlosigkeit eingestehen müssen – am Ende. Nichts hatte geholfen. Nichts half. Er hasste die Ärzte für seine Krankheit. Und eine Krankheit war es doch. Sicherlich. Obwohl …. Manchmal hatte er seine Zweifel. Niemand kannte dieses Phänomen. Manchmal nannte er es – in seinem Innersten – seine Gesundheit. Und er lachte.

Der Verlauf war schleichend. Über viele Jahre hinweg. Die Gänsehaut wuchs; zunächst in die Höhe. Sie wuchs unter dem Einfluss der Musik. Unter dem Einfluss der Musik, von der er nicht lassen konnte. Er versuchte es immer wieder. Schaffte es vielleicht einige Tage ab & an; unter den Qualen der Stille. Der vermeintlichen Stille, die er liebte – & die er doch nicht ertragen konnte. Sie war vermeintlich, weil sie nicht in ihm war – vermeintlich, weil die Erinnerung an bestimmte Melodien & Harmonien ihn nie zur Ruhe kommen ließ – & die Erinnerung an die Musik den gleichen Klang & oft denselben Wert hatte wie die Musik selber.
Schließlich breitete die Gänsehaut sich aus. Bewucherte nach & nach seinen ganzen Körper. Bis hin zur Schädeldecke. Gesicht, Augenlider, Lippen, Genitalien – nichts blieb unentstellt. Partien, die im Normalfall nicht betroffen werden, wurden betroffen. Die Brauen fielen ihm aus; dann verlor er die Wimpern. Sein Bartwuchs, der immer schon spärlich gewesen war, hörte auf zu existieren.
Und da es möglich war, noch zurückgezogener zu leben als er es bereits getan hatte, lebte der Mann noch zurückgezogener. Der Alkohol, beziehungsweise der Zustand, in den dieser ihn versetzte, begann ihn zu langweilen; also beendete er die Sauferei von einem Tag auf den anderen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Sein Platz, den er – im Stillen – ‚mein Platz’ genannt haben würde, wenn er in solchen Begriffen gedacht hätte, war nicht frei. Eine Frau saß dort. Eine Unbekannte. Eine Fremde. Sie trug eine dunkle Brille. Ein Buch lag geschlossen neben ihrer Kaffeetasse; in einem neutralen Schutzumschlag, der wie von einem Kind gebastelt aussah. Der hässliche Mann setzte sich zwei Tische weiter auf einen Stuhl, von dem aus er die Frau hätte beobachten können. Sie waren die einzigen Gäste. Die gleichgültige Bedienung bediente ihn unaufgefordert. Er schüttete seine übliche Überdosis Zucker in den Kaffee & rührte um. Kreisende Bewegung …. Das KlingKling! des Löffels …. Und der Mann: in Gedanken.
So sieht das also aus, wenn jemand dort sitzt, wo ich sonst sitze. Von woanders aus betrachtet. Nur nicht so hässlich, haha. Seltsam, kann mich gar nicht erinnern, dass dort jemals jemand gesessen hätte…. Eine Frau. Nicht glotzen, bloß nicht. Gut, dass meine Lider so schwer sind. Wann hatte ich zuletzt? Nicht drüber nachdenken. Ja, klar, wenn man denkt ‚nicht drüber nachdenken’, ist es schon zu spät. Schon passiert. Aber es sind ja nur Zahlen …. Jahreszahlen …. Ziffern, in denen man Zeiträume mißt. Räume durchmessen …. durchschreiten …. Zeiträume, in denen man so einsam ist, dass man nur das Geräusch der eigenen Absätze hört. Musik, Takt – & ein Echo, das es ohne Mauern nicht geben würde. Bitter. Mehr Zucker. Die könnten die Maschine auch mal wieder reinigen. Na gut, lohnt sich vielleicht nicht mehr. Leise rühren. Sie trinkt auch nur Kaffee. Einfachen Kaffee, keinen modischen Schnickschnack. Scheint hübsch zu sein …. aber wie soll man sicher sein, wenn man die Augen nicht …. Wetter der dunklen Brillen …. Nein, nun wirklich nicht, weder hier noch draußen. Wolkenbezug im Himmelbett. Beziehungsweise Niederschlag. Das Blau ihres Rockes erinnert mich…. ich weiß nicht, woran. Der Saum – ein Traum. Fließend. Wie ein Übergang. Ein. Über. Gang. Wohin?
Waren dies die Gedanken des Mannes? Wahrscheinlich. Diese – oder ähnliche – oder ganz andere.
Der Regen klang nach rohen Erbsen in einem Sieb. Einem Sieb, das ein Unbekannter schüttelte. Sie saßen nur da & tranken ihren Kaffee. Der hässliche Mann & die Frau. Die ihr Buch nicht berührte. Er wartete auf die Melodie in seinem Kopf; die Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Doch sie blieb aus. Wie in Stille gekleidet saß sie da; und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit. Einmal mehr. Und mehr als je zuvor.
Zeit verging. Wer würde zuerst gehen? Der Mann hätte sie gerne gehen gesehen. Gesehen, wie sie sich bewegte, wenn sie aufstand & ging. Den Fall ihres Rockes, die Bewegung ihrer Beine, den Schwung ihrer Waden. Den Sound ihrer Schuhe hätte er gerne gehört….. Und doch – er wollte nach Hause. Sofern er zuerst das Café verließe, wäre es ihm möglich, sich vorstellen, dass sie noch immer dort sein würde, wenn er zurückkäme. Am nächsten Tag – oder irgendwann. Er würde es nicht glauben, aber träumen. Das genügte. Ihm.
Also ging er.
Um wiederzukommen. Am nächsten Nachmittag. Über feuchte Gehwege hinweg, den Blick auf die glänzenden Fugen zwischen den Platten gerichtet. Es war ein weiterer Nachmittag, da sie an der Stelle saß, die er am Vortag eingenommen hatte. Am Vortag war es ebenso gewesen, obgleich es sich doch um unterschiedliche Plätze handelte. Dies dachte der Mann. Und lächelte, während er sich hinsetzte, wo sie gesessen hatte – auf seinen alteingesessenen Platz. Zwei weitere Gäste an anderen Tischen; Stammgäste wie er. Wieder lag ein geschlossenes Buch neben der Kaffeetasse der Frau; vielleicht dasselbe Buch, vielleicht ein anderes im selben Schutzumschlag. Derselbe Rock; dieselbe dunkle Brille. Dieselbe Sehnsucht, sie gehen zu sehen. Und der Wunsch, sie würde bleiben bis er wiederkäme.
Tag für Tag.
Nur Einsamkeit kann so an Fremden hängen.
Und nachts pumpten die Kopfhörer Musik in seine Gänsehaut. Und die Gänsehaut warf gezackte Schatten im künstlichen Licht – auf die Rauhfasertapete, deren Muster er auswendig zu kennen glaubte, da es unveränderlich war. Wieviele Nächte hatte er die Wände angestarrt….. Die Wände im papierenen Kostüm. Weiße Projektionsfläche seiner Phantasien. Innere Bilder auf immergleichem Muster. Und das Muster prägte sich ein; prägte sein Unterbewusstsein. Rauhe Oberflächen hinterlassen den tiefsten Eindruck – bei Berührung.
Welche Musik mag die Tapete gehört haben, bevor ich sie kaufte? Er lachte. Leise in sich hinein. Ich lache leise in mich hinein…. In wen auch sonst? Er dachte. An die Frau. Die Unbekannte. Die Fremde. Spielte mit ihr. In Gedanken. Stellte sie sich vor. Stellte sich ihr vor. In seiner Vorstellung. Fantasierte sich eine Realität zusammen, in der sie gemeinsam die sichtbare Welt belächelten.
Am folgenden Tag war sie nicht da. Und für ihn war ihre Abwesenheit bereits ein Fehlen. Er sagte nichts, fragte nichts, saß allein, rührte um, trank & kam sich albern vor. Seine Empfindungen, seine Gedanken kamen ihm albern vor.
Vielleicht hat sie sich nur verspätet. Vielleicht kommt sie noch. Und überhaupt – was heißt ‚verspätet’? Wer Termine hat, kann sich verspäten; wer feste Zeiten hat, kann sich verspäten – ich würde mich verspäten, wenn ich nicht Punkt 16 Uhr das Türglöckchen zum Bimmeln brächte…. Aber sie…. ist vielleicht frei. Kann kommen & gehen, wie es ihr beliebt….. Ich könnte das auch. Aber ich kann es eben nicht. Ich bin nicht frei. Ich folge Gesetzmäßigkeiten. Gesetzmäßigkeiten, die ich nicht durchschaue. Ein Sklave. Ein hässlicher Sklave, haha. Ja, vielleicht kommt sie noch. Und dann brauche ich nicht zu warten, bis sie geht, um zu sehen, wie sie geht. Bewegung, Schwung, Sound, der Swing des blauen Rocks……
Doch sie kam nicht. Und er ging. Bevor die Dunkelheit, die nun in ihm war, sich über die Straßen senkte.

Nächte, Nachmittage, Rituale, Fugen, Löcher, Tonarme, Geräusche, Klang, Melodien, Harmonie, Leere, Sehnsucht, Fremdheit, Schmerz, Humor, Gelächtertränen, Einsamkeit & Träume…..
Und die dritte Person, die in meiner Wohnung sitzt & lauscht, bin ich.
Morgen…..
Morgen wird sie wieder da sein.

Allein – das Einzige, das am folgenden Tag dort war – war ihre Abwesenheit. Und die Gefahr, dass er sich daran gewöhnen würde.
Jetzt hing ein Zettel an einer der trüben Fensterscheiben. Darauf ein Datum. Das Datum der Schließung. Es blieben ihm noch 2 Wochen. Die letzten Wochen eines alten Rituals. Er würde sich umschauen müssen nach einem anderen Café, das seinen Bedürfnissen entsprach. Er hasste den Gedanken daran; und er wusste, dass er es nicht tun würde, bevor ihm die Tür mit jener Klinke, die sich im Laufe der Jahre auf wundersame Weise seiner Hand angepasst zu haben schien, endgültig verschlossen blieb. Und beinahe ebenso sehr hasste er den Gedanken, sich von der Bedienung – der gleichgültigen Frau, die immer müde aussah – verabschieden zu sollen; ein peinlicher Moment, der ihm bevorstand, so wie es ihm meist peinlich war, wenn er sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten glaubte beugen zu müssen.
Zwei Tage später saß sie wieder auf seinem Stammplatz. In einem roten Rock, der etwas kürzer war als der blaue. Das Glöckchen zitterte nach – 440 Hertz. Das Röcheln der veralteten Maschinen erinnerte mehr denn je an letzte Atemzüge. Ein staubflirrender Sonnenstrahl leuchtete auf einer weißen Bluse. Und die dunkle Brille schien endlich einen Sinn zu haben. Es war dieselbe Brille wie immer. (Wie immer! Das klingt, als wären Jahre vergangen. Als wären wir Alte Bekannte. Zumindest Alte Bekannte vom Sehen. Nun – wer weiß…. Ich habe die Zeit nie begriffen. Als existierte ich außerhalb ihrer Räume….) Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Neben der Kaffeetasse. Die Frau las darin. Ihre Fingerkuppen eilten über die Zeilen. Weiß & erhaben waren diese Zeilen, und die Haut der Frau erspürte deren Inhalt.
Der hässliche Mann setzte sich dorthin, wo er noch nie gesessen hatte, nur einen Tisch von der Frau entfernt. Er hatte sich vorgenommen, noch kurz vor dem Ende des Cafés alle Plätze darin auszuprobieren; eine Idee, die ihm bis dahin nie gekommen war. Er beobachtete die Frau – & war nicht überrascht. Natürlich nicht. Er war beinahe so wenig überrascht, wie er damals – in seiner Kindheit – von Melodien & Harmonien überrascht gewesen war. Damals – als er geglaubt hatte, Gesetzmäßigkeiten durchschauen zu können, die es gar nicht gab. – Er beobachtete die Frau nicht anders als zuvor. Ebenso zurückhaltend, ebenso unaufdringlich. Als hätte sie ihn sehen können.
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Und sie könnte es lesen. Mit ihren Fingerspitzen. Spüren – mit ihrer Haut, die so glatt erscheint….. So glatt, wie Haut nur erscheinen kann, wenn man sie mit bloßem Auge betrachtet. Sie würde zwischen den Zeilen lesen, zwischen den Zeichen, würde die Räume zwischen den Erhabenheiten ertasten – die Zwischenräume, die ihr das Lesen erst ermöglichen. Wie schwer meine Lider sind! Ja, ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ein Happy End könnte ich erfinden. Ein Ende, welches das Schreiben unnötig machte; und das Papier überflüssig. Sie würde – meine Haut lesen. Mein Innerstes im Äußeren. Mein Leben lesen. Meine Krankheit. Meine Gänsehaut – die Blindenschrift der Musik. Das Buch meiner Erinnerungen. Das Buch mit dem erfundenen Happy End – ich finde sie, sie findet mich, wir finden uns – erfinden uns – neu…… Und man müsste es glauben. Wie ein Kind. Dieses Ende. Dieses glückliche Ende…..

Dieses Ende, das ich
nicht
schreiben
kann.


Die Ränder des Lebens

Sie sind nutzlos.
Die Untersetzer, die du dir
besorgt hast. Be-
sorgt,
um den kostbaren Tisch, der
zugleich dein
Lieblingstisch ist,
zu schützen ….
zu bewahren ….
zu erhalten
in seinem ursprünglichen Zustand.

Das Leben
stellt seine Gläser
übervoll von ätzenden Flüssigkeiten
immer wieder
neben die Untersetzer.

Um seine Spuren zu hinterlassen.

Hässliche Ränder
auf dem, was
dir
wertvoll
er-
scheint …..

Doch
was hässlich ist,
bestimmen nur die Seh-
gewohnheiten.

Wirf sie fort –
die Untersetzer
& die Sehgewohnheiten!

Sie sind nutzlos.

Beginne zu lesen
in den Rändern.

Erkenne
ihre Muster.

Vielleicht
geben erst sie
dem Tisch
seinen

wahren
Wert.


Die altbekannte Eitelkeit

Da war sie wieder –
die altbekannte Eitelkeit.
Ein fremder Mensch fand Worte
für die Worte, die man gefunden hatte;
die man gefunden hatte – bestenfalls ohne zu suchen;
gefunden, um sie niederzuschreiben ….
sich niederzuschreiben ….
Alles niederzuschreiben ….
Ohne Rücksicht.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
Ohne Rücksicht auf Gewinne.
Und die Worte des Menschen, den man
nicht kannte, waren
voll des Lobes;
sie waren wohltuend;
aufbauend;
waren schmeichelnd, ohne schmeichelnd sein zu wollen;
bewundernd fast & ganz
von Herzen kommend.
Man spürt diesen Kitzel, dieses
Streicheln des Selbstwertgefühls,
dieses innere Wachsen …..
Und plötzlich
schaudert es einen.
Da ist sie wieder –
die altbekannte Eitelkeit.
Die alte Schlampe in einem selbst.
Die Nutte im Inneren der Inspiration.
Und man erkennt:
Man ist noch immer nicht dort!
Man ist noch lange nicht dort,
wo man hin möchte.
Noch lange nicht dort,
wo man hin muss.
Unabhängig von allem Fremden.
Fern aller Einflüsse.
Einsam & frei
im eigenen Kern.


Vergessen

Ich hatte sie liegenlassen
in der Eile des Erwachens
das wie eine Flucht aus der Nacht gewesen war

Ich hatte sie liegenlassen
in einem kleinen Zimmer
in dem eine Tote lag

Eine Tote
die soeben erwacht war
um mich anzulächeln

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
die ich durch meine Träume trage

Die ich durch meine Träume trage
um zu fotografieren
was mir begegnet

Ich hatte sie liegenlassen
eine altmodische wertvolle Spiegelreflexkamera
voller Bilder

Bilder von
den Sehenswürdigkeiten meiner Träume
den Traumwürdigkeiten meines Unterbewusstseins

Ich hatte die Bilder
entwickeln wollen
eines Tages

Hatte sie einkleben wollen
in das Album
meines Bewusstseins

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
in der Eile des Erwachens

Ich hatte sie
vergessen
in dem Zimmer der lächelnden Toten

die ich nicht
vergessen
konnte

Vielleicht
werde ich sie
wiederfinden

Ich werde
sie
suchen

in
einem anderen
Traum


Die Nebengeräusche der Wirklichkeit

Nicht einmal »Was?« oder »Wie bitte?« sagte sie.
Dabei wusste die Frau, dass
der Mann
etwas
gesagt hatte. Nur
verstanden hatte sie es
nicht.
Seine Worte waren
untergegangen
in den Nebengeräuschen
ihrer Wirklichkeit –
an ihrem
Ende
der Leitung,
das für ihn
das andere Ende
war.

Nicht einmal »Was?« oder »Wie bitte?« sagte er.
Dabei wusste der Mann, dass
die Frau
etwas
gesagt hatte. Nur
verstanden hatte er es
nicht.
Ihre Worte waren
untergegangen
in den Nebengeräuschen
seiner Wirklichkeit –
an seinem
Ende
der Leitung,
das für sie
das andere Ende
war.

Wiederholen
wollte
sich
niemand.

Es schien
ihnen
nicht wichtig genug.

Nicht mehr.

Die Zeit der wichtigen Worte war vorbei.

Es blieben
die Nebengeräusche
der getrennten Wirklichkeiten,
in denen unverstanden unterging,
was gesagt wurde.

An dem Ende,
das für sie beide
dasselbe Ende
war.


Die gute Mahlzeit

Der Mann mit dem Schirm hielt den Schirm
aufgespannt über Currywurst & Pommes – &
über seinen Kopf, in den er Currywurst & Pommes happte.
Es war noch Platz unter dem Schirm.
Für einen zweiten Mann.
Den Freund. Den Mann mit der Bratwurst.
Abenddämmerung.
Nieselregen trommelte zart auf den schwarzen Stoff.
Der Stehtisch stand frei.
Sie hatten ihn sich ausgesucht,
obwohl sie unterm Vordach des Imbisses noch Platz gefunden hätten.
»Und?« sagte der Mann mit der Bratwurst.
»Nichts und.«
»Nichts Neues also?«
»Nein.«
»Du hast immer noch
nichts von ihr gehört?«
»Nein.«
»Seltsam.«
»Vielleicht. – Aber eigentlich
nicht.«
»Was meinst du?«
Eine Straßenbahn fuhr vorbei –
fast leer – ein von innen leuchtender Wurm –
metallischer Klang.
»Ganz einfach«, sagte der Mann mit dem Schirm;
das gelbe Plastikgäbelchen in eine Fleischscheibe pieksend,
»manche Menschen sind
wie eine gute Mahlzeit:
Am Anfang
schön
gut duftend
appetitanregend
lecker –
& am Ende
auch nur Scheisse.«
Er lächelte;
zufrieden mit seiner Formulierung.
Der Mann mit der Bratwurst grinste,
stippte das Ding in seiner Hand in den Senf.
»Du bist zu hart«, sagte er.
Der Mann mit dem Schirm sagte:
»Erwähnte ich schon mal, dass ich knusprige Pommes
nicht ausstehen kann?«
Er nahm eine einzelne Fritte zwischen die Finger –
lang, labberig, fettgetränkt.
»So müssen sie sein.«
Das rasche Auf & Ab seiner Hand
unterstrich die weiche Beschaffenheit, die er meinte.
»Und so bin ich«, sagte er. »Und manchmal
auch so….«
Und er streckte den Arm aus & hielt die Fritte
in den Regen.
Dann aß er sie auf.
»Übrigens sind mir knusprige Pommes auch zu laut«,
sagte er. »Ich liebe das leise Essen.«
Der Andere grinste. Schon wieder.
»Spinner«, sagte er. Freundschaftlich.
Der Mann mit dem Schirm lachte. Kurz.
Er betrachtete die Kondensperlen auf den Bierflaschen.
»Schade«, sagte er, »dass die Straßenbahnen hier
keine Oberleitungen mehr haben. –
Ich mochte den Funkenflug.«


Die leichte Schulter

Ich wurde geboren
ohne
leichte Schulter.

Das ist zwar
schmerzhaft,

aber
keine Behinderung.


Die wahre Stärke

Wenn du fühlst
dass der Mensch
den du liebst
stärker ist
als
du –

– weil er
(anders als du)
über die gemeinsame Zeit bestimmen kann
– weil er
(anders als du)
verschwinden kann ohne ein Lebenszeichen
für eine Zeit die dir endlos erscheint
– weil er
(anders als du)
seine Vernunft nie verliert
da seine Vernunft nie verliert im Kampf gegen
die Empfindungen
– weil er
sein Verhalten stets rational erklären kann

Wenn du fühlst
dass der Mensch
den du liebst
stärker ist
als
du –

weil
seine Gefühle
sein Leben kaum zu ändern vermögen

dann
solltest du
froh sein!

Denn
Alles
worauf es wirklich ankommt
ist stärker
in dir
als
in
ihm.


Die Wälder der verletzten Bäume

Man soll sie nicht verletzen
die Bäume.
Nichts
in ihre Rinde ritzen –
keine Namen,
keine Herzen,
keine Pfeile.

Und doch
tut man es;
Manche zumindest
tun es –
in der Verblendung des Augenblicks,
mit der Waffe in der Hand ….

Mit der Stichwaffe, die
das Licht reflektiert.

Zeichen
die bezeichnen
was
nicht
von Dauer
sein
kann ….

Späne
die zu Boden fallen
& vermodern ….

Fremde gehen vorüber
an den Bäumen, die
verletzt wurden –

lesen die Zeichen
& träumen

ohne zu wissen.

Sie durchstreifen die Wälder.

Die Wälder des Vergehens.

Die Wälder der Vergangenheit.

Die Wälder der verletzten Bäume.

Und suchen
vielleicht
nur eine freie Stelle
für ihre eigene Verblendung.
Mit dem Messer in der Hand.

Wie die Mörder.
Im Schattenwurf der Zweige.

Nichts ist von Dauer –
nicht einmal das
Bedauern.

Nicht einmal
die Verletzungen
überleben.

Fällen ….
Gefällt ….
Gefallen ….

In kalten Winternächten
brennen die Öfen.
Holz knistert.
Wärmt die Fremden.
Zeichen gehen in Flammen auf.

Namen
Pfeile
Herzen

Asche.


Der Nachtfalter auf dem Insektennetz

Letztes Abendlicht
gerastert
durch die dünnen Fäden eines Netzes

Insektennetz vorm Küchenfenster
Das Fenster geschlossen
Was dem Netz den Sinn raubt

Leere Aschenbecher & volle Flaschen auf der Durchreiche
Gin, Wodka, Whisky, Tequila, Absinth …..
Ich gehe an ihnen vorbei

rastlos

Nicht trinken
Nicht trinken
Nicht trinken!

Durch die Flüssigkeiten in den Flaschen
ist mein Blick
auf das leere Wohnzimmer dahinter

gefallen

Die Leere
hat Platz
genommen

So viel Platz
dass es eng wird
in mir

Ich fühle mich
aus dem Zusammenhang
gerissen

Wie ein Satz
der plötzlich

keinen Sinn mehr ergibt
oder
einen anderen als gedacht

oder
wie ein Satz der
allein

nicht mehr verstanden wird
nicht mehr verstanden werden kann

Letztes Abendlicht
gerastert
durch die dünnen Fäden eines Netzes

Das Licht
ist mir
zu viel

Ich gehe zum Fenster
um die Rolläden
herunter zu lassen

Außen
auf den winzigen Quadraten
dem umwobenen Nichts
ruht

ein Nachtfalter

wie auf der Seite
eines Rechenhefts
aus Fäden & Luft

Wenn ich das Licht aussperrte
würde ich ihn einsperren

Gefangen
zwischen Netz & Verdunkelung

mit dem Blick
in das Innere
meiner Einsamkeit

Aber warum
soll es ihm gehen
wie mir?

Ich werde ihm das ersparen

Ich öffne das Fenster
tippe sacht gegen das Netz

Er soll davonfliegen

Durch den späten Abend
in die Nacht

die sein Zuhause ist

Ich tippe
Er fällt

herab

tot

Ich atme
frische Luft

Ein
Zwei
letzte Züge

vor dem Schließen des Fensters

Nicht trinken
Nicht trinken
Nicht trinken!

Die Flaschen sind voll
Die Aschenbecher sind leer

ohne Asche

Die Leere
hat
Platz
genommen


Zurückgelegt

Ein Weg war zurückgelegt
Ein Kontakt abgebrochen

Verletzt
lagen die Bruchstücke
auf dem Boden der Tatsachen

zu dem dieser Weg geworden war

Sie blieben auf der Strecke
um
zu ruhen

vielleicht
zu heilen.

Ein Weg war abgebrochen
Ein Kontakt zurückgelegt

Zurückgelegt
wie ein Vorrat

Zur Sicherheit

Zurückgelegt
für noch schlechtere Zeiten

Zurückgelegt
für die Zukunft.


Die Suchsucht

Die Sucht des Suchens
führt
zu Entzugs-
erscheinungen –
nachdem man
gefunden hat.

Finden
ist keine Befriedigung
von Dauer,

das Gefundene
kein Ersatz
für die Suche.

Die Sehnsucht
wird
zur Suchsucht.

Heilung
ist aus-
geschlossen.


Mittenindernacht

Mittenindernacht heißt der Ort, wo
die Verlorenen umher-
irren,
die Irren sich
verlieren
& die Sehnsucht zum Wahnsinn mu-
tiert.

Ein schwarzer Mond hängt wie ein
Loch in einem weißen Himmel, der
kein Licht spendet.

Die ins Dunkel verkehrten Gesichter der aus dem Leben Vertriebenen
maskieren wie Abziehbilder die Köpfe, in denen
finstere Gedanken kreisen,
und die Verlassenen ziehen durch die Gassen, die
zu
Nichts
führen.

In den geträumten Häusern wohnt
Niemand
in tausenderlei Gestalt.

Und verzerrte Perspektiven
verschieben die Flucht
linien ins End
lose.

Der heisere Gesang der Trunkenen
prallt gegen Wände & hallt
gefangen in spitzen Winkeln

ohne Ende
ohne Ende

Mittenindernacht heißt der Ort,
und wer hofft,
dort zu finden, was er sucht,
findet die Hoffnungslosigkeit
in den Augen der Anderen –

doch
sie sieht der eigenen ähnlich,
diese Hoffnungslosigkeit –

& mehr Trost ist nicht
zu er-
warten

mitten
in
der
Nacht.


Hatten wir sie wirklich?

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit
wie wir
verloren haben?

Haben wir sie überhaupt
verloren?
Haben wir sie nicht
eher
weggeworfen
liegengelassen
vergessen
?

Weggeworfen in Menschenmengen …..
wo sie zu Tode getrampelt wurde.

Liegengelassen an Orten …..
wo wir
nichts
zu suchen & daher
nichts
zu finden hatten.

Vergessen
weil unsere Sinne abgelenkt waren
durch Alles
Laute
Grelle
Aufdringliche

durch Alles
was trotz seiner offenkundigen Schwäche
stärker war als unsere Erkenntnisfähigkeit.

Vergessen
weil unser Empfinden gefesselt war
durch alberne Ziele
in einer lächerlichen Welt.

Diese unfassbare Dummheit –
sich der eigenen Sterblichkeit bewusst
& dennoch so verschwenderisch zu sein!

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit?

Ja, wir hatten sie.

Und
noch
ist
Zeit
übrig.

Eine andere Zeit.

Noch
ist
Zeit

zu lernen

es
anders
zu machen.

Zeit
zu gewinnen.

Durch
Bewahren.


Dieser Stolz

Dieser Stolz
der verhindert
dass man

sein innerstes Selbst auslebt
genießt
liebt
überlebt

Dieser Stolz
der verhindert
dass man

sein innerstes Selbst erkennt
& die Wahrheit sieht

Dieser Stolz
der

nichts ist
als
Betrug –

Selbstbetrug
vor allem.

Der oder die
Stärkere
will man sein

Das eigene Wunschbild
im Spiegel fremder Augen

Ein Herrscher oder
eine Herrscherin
der oder die
den Heldentod nicht scheut.

Doch der sogenannte Heldentod
ist auch nur
ein Haufen dampfender Gedärme
im Dreck.

Sie sagte:
»Die Männer, die gerne betonten, dass
ich sie unbedingt hatte haben wollen –
hatten mich nicht lange.«

Er dachte:
Man wird mir einen Orden umhängen.
Mein Name wird mich überleben
in der Geschichte.

Am Ende
war sie allein
(& es störte sie kaum –
was das Schlimmste daran war).

Am Ende
war er
verwest & vergessen
(& es kümmerte
niemanden –
was nicht weiter schlimm war).

Dieser Stolz
tötet
Alles

in
Liebe

& Krieg.

Er ist
etwas
für Schwächlinge.

Und was der Stolz nicht wahrhaben will
ist
oftmals
die Wahrheit.


Der Schein trügt

Am Ende wird es aussehen
als hätte es einen nicht interessiert.
Als hätte man nichts darin
merk-
würdig
gefunden.

Vielleicht sogar
wird es so aussehen
als würde man es
nicht kennen ….

…. hätte es
nie
gelesen.

Fast
wie
neu

könnte es aussehen

am Ende –

Das Buch,
in dem man
jeden Satz
unterstreichen möchte ….
& deshalb
NICHTS
unterstreicht.


Die Schlange auf der Socke

In der Einöde des Jobs
fiel mein Blick
wie zufällig
auf die schwarze Socke meiner Arbeitskleidung.
Eine feine Schlange wand sich darum:
Ein langes blondes Haar.
Und die Erinnerung an das Lachen
reichte für ein Lächeln.
»Du reisst mir noch mal alle Haare aus«,
hatte sie gesagt.
Und tatsächlich
fand ich sie
überall.
Zuhause
wo ich jetzt gern gewesen wäre.
Mit meiner Erinnerung.
Und den Schlangen.
Eng umschlungen.
Mit ihr.
Die sie zurückgelassen hatte.
Ich
ließ das Haar, wo es war.
Und die Erinnerung an das Lachen
reichte für ein Lachen
in der Einöde des Jobs.
»Übrigens«, hatte sie gesagt
(& es war ein historischer Satz),
»Du hast mir genau
aufs Zäpfchen gespritzt.«


Der Verlust des Unbewussten

Der Mann liebte
ganz besonders
diese eine Bewegung,
die sie
unbewusst
immer wieder machte.

Sie gehörte zu ihr
wie ein winziger Tick.

Eines Tages
sagte er es
der Frau.

Ab jenem Tag
schien
für ihn
das Unbewusste dieser Bewegung
verloren zu sein.

Er glaubte,
Absicht zu erkennen.

Und er hörte auf,
diese Bewegung zu lieben.

Er begann,
sie zu hassen.

Er fühlte sich
manipuliert.

Sah
einen Trick
im Tick.

Mag sein,
so dachte er,
dass ich mich irre.
Mag sein,
dass die Absicht
nur in meiner Wahrnehmung
existiert.

Es machte
fast
schon keinen Unterschied mehr.

Bewusst
oder
unbewusst.

Die eigenen Worte
hatten seinen Blick verzerrt.

Und der Mann dachte:
Hätte ich doch nur
geschwiegen!


Zu leben verstehen

Der Eine sagte:
»Ich verstehe zu leben.«

Und er begab sich
unter Menschen
handelte
arbeitete
zerstreute sich.

Der Andere dachte:
Wenn das Leben ist –
möchte ich es nicht verstehen
zu leben.

Und er blieb
allein
betrachtete
dachte
konzentrierte sich.

Da draußen:
die Welt
wie man sie
vorfindet.

Da drinnen:
die Welt
wie man sie
sich vorstellt.

Ich verstehe
zu träumen.


Immer weniger

»Du wirst tatsächlich immer dünner«, sagte sie.
Ihre Hand auf Testfahrt
unter der Bettdecke
auf meinem Oberschenkel
meinem Arsch
meinem Bauch ….
»Tja«, sagte ich, »so ist das.«
Ihre Stimme klang besorgt. »Du wirst
immer weniger.«
»Mehr von mir würdest du gar nicht
ertragen; deshalb sehen wir uns doch
so selten.«
»So meinte ich das aber nicht«, sagte sie.
»Ich weiß. Aber ich
meinte es so.«
»Du solltest mehr essen &
– hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde –
mehr Alkohol trinken.«
»Mehr ist gut«, sagte ich. »Mehr als
nichts. – Aber keine Sorge. Das werde ich. Irgendwann.
Sobald die Nüchternheit genau so zum Ritual geworden ist,
wie es das Saufen zuletzt gewesen war. Manche
Gewohnheiten langweilen mich einfach. Irgendwann.
Ebenso wie manche Abhängigkeiten.«
Ich konnte sie
nachdenken
hören.
Unter der Bettdecke.
Und ich stellte mir vor, wie ich
immer weniger wurde …..
So lange
bis ich
verschwunden war.


Phantasiegekitzel

Die einzige Lichtquelle
im Schlafzimmer
war das Display des Handys.
Ich lag im Bett & las.
Es ging um Spinnen.
Sobald es finster wurde spürte ich
ein Kitzeln auf dem Oberarm ….
Verdammte Phantasie, dachte ich.
Wie immer.
Was ich lese, spüre ich.
Doch
Etwas
war
Anders
als
sonst.
Ein wenig mehr
Realität
vielleicht …..
Mit der Hand wischte ich
das Kitzeln
hinweg;
schaltete die Lampe ein ….
Eine Zitterspinne
– groß & dünn –
verschwand zwischen den Büchertürmen
auf dem Boden.
Langsam –
& doch
zu schnell
für mich.
Ich suchte sie.
Schob Bücher beiseite.
Fand sie nicht.
Zu viele Winkel,
zu viele Verstecke.
Zu viele Bücher
mit ihrer Realität.
Ich machte das Licht aus.
Die Spinne war da
in der Dunkelheit;
sie war keine
verdammte Phantasie.
Vielleicht würde sie ja
zurück ins Bett kommen
während ich schlief,
würde mir über das Gesicht &
in meinen Mund klettern …..
Das war
höchst
un-
wahrscheinlich
– ich wusste das -,
doch ich spürte bereits
den Kitzel.


Die Zunge

Noch heiß
von den Worten
die sie eben formte
fährt die Zunge
über fremde Haut

stumm
tastend
schmeckend

Eine Flamme
aus Fleisch

& Blut

die brennt
& tropft

kennenlernt
& verzehrt

im
Über-
fluss

Nichts
löscht das Feuer
wenn sie
auf eine Andere
trifft

in gemein-
samem
Schweigen.


Gefallen

….. & dann fällt
ein Buch
dir plötzlich
in die Hände

Ein Buch
das du
vielleicht
nur vergessen hattest

Versteckt
zwischen anderen
ungelesenen Büchern

Ein Buch
das dir
der Zufall
in die Hände
gespielt hat

Du blätterst
Du liest …..

& fragst dich
Warum erst jetzt?

Wäre es
mir früher in die Hände
gefallen

hätte ich es
länger
in meiner Erinnerung gehabt

Die Schuld
des Vergessens

Die Schuld
des Zufalls

Doch vielleicht
ist nur dieser Zeitpunkt
der richtige

….. & dann fällt
ein Mensch


Nur für Miss Verständnis

Es gibt sie tatsächlich –
Menschen,
die gut finden,
was ich schreibe;
Menschen,
denen meine Worte
irgend
etwas
sagen,
bedeuten;
Menschen,
die neugierig werden &
sich angezogen fühlen …..

»…. seit fast 5 Monaten frage ich mich,
wer der faszinierende Typ hinter den Worten ist ….«

»…. die Gedichte erinnern mich manchmal
an die Möglichkeiten ….«

»…. bilde mir ein, dass Du nur für mich schreibst ….«

Gleiche Wellenlängen
Gleiche Sehnsüchte
Gleiche Hoffnungen
Gleiche Träume

Alles
offen-
bar
nur
schein-
bar.

Sie lesen die Texte
& glauben doch,
ich sei

ein Anderer ….

Einer, der
funktioniert
wie gewünscht.

Einer, der
sich einfügt.

Einer, der
sich fügt.

Und der Fluss der Worte,
der sie mitreißt,
soll
einer leise säuselnden Quelle entspringen.

Zahm
Sanft
Gleichbleibend
Geradlinig
Klar
Vorhersehbar.

Und am besten wäre
die Quelle
ein simpler Wasserhahn, den man
nach Belieben
auf- & zudrehen könnte.

Nein!

Wer mich kennenlernt,
wird
mich kennenlernen.

Man hätte es
wissen
müssen.

Und –
Ja ….

Bilde Dir ruhig ein,
dass ich
Dies
nur für Dich
geschrieben habe.


Die billige Perücke

Wie eine Perücke
auf einem kahlen Haupt
verkleidete der Anschein
ihre Beziehung.

Wie eine Perücke
sollte er
die lebensbedrohliche Krankheit
verbergen –

verbergen
die Folgen der letzten Hoffnung;
verbergen
die Aussicht auf den Tod.

Es war eine billige, hässliche Perücke,
jede Kunstfaser eine Lüge.
Sie saß schlecht, und
nichts an ihr sah
natürlich aus.

Die unechten Haare
gingen aus &
fielen zu Boden.

Hinterließen eine Spur
des Verfalls.

Des Verfalls, den
sie hatten kaschieren sollen.

Eines Tages
kam die nackte Wahrheit,
riss die Reste der Perücke von dem kahlen Haupt,
das nurmehr ein Totenschädel war,
und warf sie ins Feuer.

Es blieb
Nichts
als

Rauch,
Asche
& Gestank.

Und die Gewissheit,
dass auch die
teuerste & schönste Perücke

nichts
geändert hätte.


Die Kreise meiner Hölle

Meine Hölle
ist andauernder Lärm

Ihre Kreise
sind Geräusche
deren Ursprung ich nicht kenne

Geräusche
denen meine Phantasie
Ewigkeit verleiht

Meine Hölle
ist der Lärm
der Lebenden

Der Lärm
sinnlosen Tuns

Der Lärm
der Zerstreuung

Meine Hölle
ist das lautstarke Verstummen
der Toten

Das Dröhnen
ihrer ungesagten Worte
in meinem Schädel

Der Krach
der Verwesung

Meine Hölle
ist die plötzliche Stille
Deines Herzens

Und die Kreise meiner Hölle
sind die ewigen Schreie
Deines Schweigens


Das Geräusch der Diele

Ich weiß nicht,
wie oft ich bereits über diesen Flur gegangen bin;
leise in zurückliegenden Nächten ….
Ein Rundgang, der zu meinem Job gehört,
hoch oben im Turm des alten Hotels.
Die Stufen, die dorthin führen,
habe ich nie gezählt.
Wenige Zimmer hinter Doppeltüren,
wo fremde Menschen schlafen
oder schlaflos sind;
dicke Mauern einer mittelalterlichen Befestigung,
welche nun einem anderen, friedlichen Zweck dienen.
Und dann
eines Nachts
steht ein Kinderwagen vor einer der Türen.
Ich muss ausweichen.
Abkommen
von meinem üblichen Weg.
Trete auf eine Diele
ganz am Rande des schmalen Ganges.
Und das Geräusch, das sie verursacht, ist
das Geräusch im Gästezimmer meiner Großeltern ….

Das Knarren, Knetern & Knarzen des federnden Fußbodens,
wenn ich mich auf das Bett zubewegte …. Das Bett,
welches mir so hoch erschien; mit der Decke, die so
dick & schwer war …. Und wenn ich darin lag, kam mir
die Zimmerdecke noch höher vor (ich schätzte die Höhe auf 4 oder 5 Meter) ….
Alles – fast alles – war gigantisch in diesem Haus
im Angesicht meiner Kleinheit ….
Die Räume, die Treppen, die Flure; alles war alt &
roch nach Holz, und an den Wohnungstüren befanden sich
mechanische Klingeln, die durch Drehung eines Griffes
einen metallisch-ratternden Schellenklang von sich gaben ….
Es lebten noch andere Menschen hier, glaubte ich, aber
ich sah sie nie …. Ich konnte sie riechen, glaubte ich,
im Gemeinschaftsklo auf dem Treppenabsatz …. Ich hasste dieses Klo ….
Hasste das Gemeinschaftliche daran; nur die lange Kette, die vom
Spülkasten herabhing, und der Porzellangriff an ihrem Ende faszinierten mich ….
Und oft hörte ich das Rauschen, nachts im Bett …. Nachts? – Ich glaubte,
dass es Nacht sei …. weil in der Kindheit oftmals das als Nacht erscheint, was
in Wirklichkeit doch nur Abend ist …. Das Rauschen
übertönte die Stimmen der Großeltern im Wohnzimmer, die Stimme der Mutter, die
noch nicht »Gute Nacht« gesagt hatte …. & die große Entfernung zur Zimmerdecke
gebar schattige Ungeheuer, vor denen die Bettdecke keinerlei Schutz bot ….
In meiner Erinnerung schien hier tagsüber immer die Sonne ….
Im Hof hinterm Haus befand sich der Schuppen mit der Werkstatt meines Großvaters.
Darin roch es nach Sägemehl & Klebstoff & den filterlosen ägyptischen Zigaretten
aus der Blechdose, die mein Großvater rauchte, und
das Sonnenlicht mochte ich am liebsten, wenn es
durch die schmutzigen kleinen Fensterscheiben auf die Werkbank mit ihrer
Unordnung fiel …. Keine Ahnung, was mein Großvater dort machte, ich jedenfalls
bastelte irgend etwas Zweckloses ….
Zweck
loses
Sinn
loses
der-
weil
die Zeit
verging ….
Und das Haus
schrumpfte ….
Während
ich
wuchs ….
Ob es eingerissen wurde; ob selbst meinen Großeltern alles
zu groß geworden war; ob sie es sich nicht mehr leisten konnten –
ich weiß es nicht.
Sie zogen in eine winzige Wohnung.
Sie waren so alt geworden
wie nie zuvor, obwohl ich sie schon
für so alt gehalten hatte, als ich
noch ganz klein & alle Räume größer gewesen waren.
Es gab dort kein Gästezimmer mehr. Die Klingel war elektrisch &
langweilig. Das Klo wurde nicht mehr mit Fremden geteilt.
Wenige Möbel waren übriggeblieben; alles roch
nach alten Menschen & den Zigarren, die mein Großvater
nur etappenweise & anstelle der Zigaretten rauchte
(in den Aschenbechern lagen Reste:
mal halblang, mal viertellang, manchmal nur ein Stummel, der aus
Sparsamkeit noch weiter, bis knapp über Fingerbreite, heruntergequalmt wurde).
Nichts übertönte die gebrochenen Stimmen des Paares
in der Enge. Nichts Neues wurde erschaffen, denn es gab
keine Werkstatt mehr.
Genaugenommen wusste & weiß ich
fast nichts
über meine Großeltern
& ihr Leben.
In meinem Wohnzimmer steht ihr mächtiges Sofa, und
das Grammophon funktioniert noch. Die Sprungfedern des Sofas
haben ihr eigenes Geräusch, und manchmal erschreckt mich
– mitten in der Musik – ein lauter Knall, den die alte
Grammophonfeder von sich gibt (während sie sich entspannt).
Und irgendwo im Keller liegt eine Zigarrenkiste, in der
hässliche Nazi-Memorabilien verschimmeln.

Ein Kinderwagen auf dem Gang.
Leer. Der kleine Mensch schläft (vermutlich).
In einem Turmzimmer mit hoher Decke.
In einem uralten Gebäude.
Ich gehe weiter.
Knarren, Knetern & Knarzen verändern sich
mit jedem Schritt.
Morgen wird das Hindernis
nicht mehr hier sein.
Das Hindernis, dem ich
ausweichen musste.
Und er
wird sich
bewusst
nicht
an diesen Ort
erinnern ….
Der kleine Mensch.


Eine Art von Selbsterkenntnis

Sie schmeckte
sich

als ich
sie
küsste

Ich schmeckte
mich

als sie
mich
küsste

Eine Art
von
Selbst-
erkenntnis

Sich
selber
kennen
lernen

Geschmack
an sich
finden

Saft & Sperma
im Mund
des Anderen.

Eine
untrennbare
Mischung

Wir schmeckten
uns

als wir
einander
küssten


Fern Beziehung

Ich existiere

die meiste Zeit
für Dich
nur

als Stimme
als geschriebenes Wort
als Phantasie

körper
los

beziehungs
weise

fern.

So
wie
Du
für
mich.

Ledig
lich
im Traum

bist Du

immer
mir

so
nah

wie ein
eigener Gedanke

begreif-
doch
auch
unfassbar


Das verschwundene Zeichen

Ich weiß nicht wohin
ich fuhr
in diesem Traum

Der Weg
war mir un-
bekannt

Irgendwo
warf ich ein Buch
aus dem fahrenden Zug

Ich hatte das Buch noch nicht gelesen

Ich wollte zurückkehren an den Ort
wo ich es fortwarf

Ein Lesezeichen
in meinem Traum

Doch ich wusste
ich würde es nicht wiederfinden
den Ort nicht wiedersehen

Und ich träumte
dass jemand das Buch fand
& mit nach Hause nahm

Und das Haus war
der Ort zu dem ich zurückkehren wollte

Ich hatte es
noch nie gesehen

Doch ich wusste

Du
wohntest
darin


Der Fingerabdruck

Wo
auf dem Spiegel
ein Staubkorn gewesen war
befand sich nun ein
Finger
ab
druck

Lange
war der Spiegel nicht abgewischt worden
Lange
hatte das Staubkorn seinen festen Platz gehabt
auffällig & größer als alle anderen

Ein Partikel
der Vergangenheit
Vielleicht nur ein Stück
der eigenen Hautoberfläche

Die Linien des Abdrucks waren nicht
meine
Ich wusste es
ohne sie je zuvor betrachtet zu haben

& doch
waren sie
nicht
fremd

Linien
die mich berührt hatten

über
all

Mein gespiegeltes Auge
war trübe
denn der Abdruck lag
wie ein Schleier
auf ihm

Und wieder
würde der Spiegel
lange Zeit
nicht

abgewischt werden

Zeit
den Verlauf der Linien
auswendig zu lernen