Monatsarchiv: Juli 2020

Klischee

Der Grüne Lampenschirm ist ein Klischee.
In unzähligen Büchern.
Die ich gelesen habe.
Unterm Grünen Lampenschirm.


Todlos

Wenn ich mich todlos im Grabe herumdrehe,
wie ich mich schlaflos hin&herwälzte im Leben,
dann – weil mich hier wie dort
zu Vieles noch beschäftigt.

In meinem Bett gab’s keine Zeitbezüge,
und dass ein Sarg nicht ewig hält,
ist auch nicht in Ordnung.
Der Tag ist noch nicht abgetan,

das Leben noch nicht erledigt.
Wie soll man da denn abgeschaltet
werden können?
Die endgültige Entspannung

gibt’s nicht unter Strom.
Ein Blitz fährt in die Erde,
meine Hand schießt draus hervor;
es ist kein Abwinken, dass

die Passanten erschreckt.
Immer wollte ich schlafen,
wenn ich es nicht konnte.
Und jetzt? Das möchte man

gar nicht zu Ende denken.


Im Museum der abgenutzten Bilder

schmeckt es nach Gemeinheit,
riecht es nach dem Applaus der trägen Masse,
hat man aufgehört zu denken.

Fade Plakate kleben überall.
Luftblasen im Kleister schlagen Wellen.
Anhand von Fingerabdrücken identifiziert man

die Begreifenden. Denen jedes Verständnis fehlt.
Auf der Suche nach Begriffen, die frisch sind,
gehe ich ins Freie.


Wind

Wäre ich ein Wind,
würde ich die Vögel schaukeln
in den Zweigen.

Den ganzen Tag
mit Röcken spielen
& die Mädchen mit ihren eigenen Zöpfen kitzeln.

In herbstlichen Bäumen blätterte ich
wie in bunten Büchern.
Alles Flatterhafte

wäre mir Zerstreuung,
und den Lärm trüge ich fort
von den Ohren der Geliebten.

Die Menschen würden sich wundern:
Der Wind, der Wind – macht was er will!
Aber was er müsste, tut er nicht…..

Als gäbe es kein Naturgesetz,
bewegt er bloß, was er bewegen möchte;
was ihn nicht interessiert, umweht er.

Er ist so still. Und launenhaft.
Ein Hauch nur, ohne Nutzen.
Er treibt sich rum, er kräuselt das Meer,

als wäre alles für ihn geschaffen.
Tja – wär´ ich ein Wind
würde es wohl so

sein. Vieles anders.
Nur ich –
nicht.


Zeitkritik

Diese zeitkritischen Dichter,
diese Gesellschaftskritiker —

Schon toll, gell?
Langlebig nicht, aber toll.

Ich kann die Zeit ja auch nicht
leiden. Die macht alt. Und tot.

Und die Gesellschaft erst.
Zum Kotzen! Nur auf

dem Friedhof kann man sie ertragen.
Also treffen wir uns da. Kommen Sie,

wenn ich tot bin. Lang leb ich
nicht mehr, aber toll.


Schau da

Schau da, ein Mensch!
Manchmal weiß ich nicht, kucke ich
gerade aus dem Fenster

oder in einen Spiegel.
Und wo ist da
der Unterschied —

Die Grenzen sind aus Glas.
Ich versuche, mich
zu unterscheiden,

aber wenn das jeder tut,
wird’s schwierig. Hinterm
Glas ist immer eine Welt.

Ich winke kurz, dann weiß ich
mehr. Vielleicht. Ja, aha,
ich bin also doch

eine junge Frau.


Ja, die Wissenschaft

»Du hättest Arzt werden sollen«, sagte sie, »Du hast
so sanfte Hände.« »Ja, als Kind dacht ich daran, ich
konnte so gut Blut sehen und mochte die

Operationen im Fernsehen. Aber letzten Endes
hätte ich doch nur Mädchenarzt werden wollen.«
Sie lachte. »Nicht

Tierarzt?« »Auch das. Aber nur
für Kleintiere. Wer will schon seinen Arm
im Arschloch einer Kuh versenken.

Lieber ein Kätzchen heilen,
oder einem Häschen die Löffel putzen.«
»Perverses Schwein!« Kichern.

Das Erklingen eines Klapses. Nach
Schwingen des Mondes.
Abendrot der Oberfläche.

Ȇberhaupt: die Wissenschaft!
Wie ein Kind sie sich vorstellt.
Astronomie! Da hätte ich

landen wollen mit meiner Rakete.« »Wo?«
»Na da.« »Oh – ha ha, das kitzelt.«
»Oder das Klima erforschen,

heiß & feucht in südlichen Regionen.
Und am Nordpol in einem Lächeln versinken.
Piepmätze beobachten, und

den Schlangen beim Züngeln zusehen.
Und dann erst die Meeresforschung! Wo
Lachmöwen kreischen, und

die Muräne schweigt.« »Na,
jetzt geht’s aber durch mit dir.«
»Das Gefühl habe ich auch.

Recht oft sogar. Mein Vater
war Zoologe. Das erklärt so Manches.
Eines Tages schenkte er mir ein Stethoskop.

Vermutlich kann ich deshalb so gut
zuhören.« »Apropos:
reich mir mal die Decke, du

Polarforscher – nicht dass
ich mich verkühle.« Da lag sie.
Am Boden. Ich dachte noch

kurz an die Lehre von den Vulkanen,
an Couchkunde & Mathematik
(10 + 4 + 19 + 5 + 7 + 15) x 1

Dann war die Sprechstunde vorüber.
Der Somnologe misst die Zeit
in Schweigeminuten.


Rand halten !

Wie befremdlich vertraut
Sie im Leben stehen.
Regen sich

auf über Politik
& das TV-Programm,
unterhalten sich

miteinander. Nur
weil Sie zur selben Gattung gehören.
Was Sie für den Rand halten,

ist in meiner Wirklichkeit
immer noch die Mitte.
Ich verbitte

mir alle Vertraulichkeiten!
Halten Sie den Rand!
Da stehe ich

den leisen Fahrtwind
der Erde im schütter werdenen Haar.
Sie regt sich

für mich. Allein.
Auf & ab.
Stille.


Abend, Nacht

Abend.

Für einen Zukunftsroman bleibt keine Zeit mehr,
die Autobiografien – es sind mehrere, die
sich alle gegenseitig widersprechen –

stehen still
unter einer dicken Staubschicht.
Ein paar kurze Gedichte noch

in denen die Gegenwarten aller Zeiten
eingeschlossen sind und
auf ihre Befreiung hoffen.

Wenn sämtliche Regale
zusammenbrechen
wird es endgültig

Nacht.


Unter Glas oder Feine Fäden

Sie stehen auf dem Papier –
die Wörter. Wie die Beine
einer Zitterspinne

die ein Ängstlicher gefangen hat
unter Glas. Und nun –
wohin damit?

Geh dicht heran
& schau sie an.
Ohne Angst

sieht Alles ganz
anders aus.
Man kann

ein Fenster öffnen.
Denn auch im Freien
wollen Netze

gesponnen sein. Feine Fäden,
in denen Lebendiges
sich verfängt.


Sie sind’s

Frühling läßt die schwarze Kettʼ
Wieder rattern an der Säge;
Giftge Stinkgerüche träge
Wabern abgastoll ans Bett.
Bäume sterben schon,
Müssen balde krachen.
– Horch, von nah ein lauter Mäherton!
Frühling, ja sie sind’s!
Spießer hör ich lachen!


Unter meiner Zeitlupe

Auf dem Motorroller
werden Schnecken zu Bienen,
heiß wird flott, es knattert,
es kracht, es spuckt & röhrt,
es raucht aus dem Auspuff,
oben ein Helm, unten ein Höschen
geöffnete Schenkel, nackt & glatt,
jedes Haar, das dort flimmern könnte,
ist wegrasiert. Alles vibriert.

Es ist so viel mehr
als Sex. So viel mehr
als Erotik. Es trifft mich
so tief im Kern
des Wesens, das nicht nur mein
eigenes ist. Berührt Bereiche,
die das Körperliche niemals
erreicht. Wehmut
& weltumspannende Freude.
Eine erträumte Jugend, die
niemand jemals haben kann.
Vergänglichkeit im schönsten Augenblick
des noch nicht Vergangenen.
Eine reine Idee. Von allem befreit.

Ja, es mag aussehen,
als stände da ein schmutziger alter Mann
an der Straße. Gleich wird ihm sicherlich
der Geifer aus dem Maul laufen, er wird sich
unsittlich berühren und sich vorstellen,
etwas Altes in etwas Junges zu stecken,
um sich aufzuladen.

Nein. Vielleicht stehe ich
noch einen kurzen, nachzitternden Moment
dort. Denke an die Vergeblichkeit
des Versuchs, Bilder in all ihren
Breiten, Tiefen. Längen &
unsichtbaren Dimensionen zu bewahren.
Spüre, dass ich schon nicht mehr
so viel spüre wie in jenem Augenblick,
der eben erst vorüberrauschte.
Vielleicht ein dummes Lächeln im Gesicht.
Ein Lächeln, von dem man nicht wissen kann,
wie dumm oder traurig es ist, und doch
auch glücklich.

Die knappen Shorts
waren von einem Gelb gewesen,
wie es Kinder verwenden,
um die Sonne zu malen.

Unter meiner Zeitlupe
ist das Vergehen immer noch Vergehen,
außerhalb alles längst vergangen.
Lasst mich stehen. In der Ferne
ist noch leise zu hören, was ich gesehen habe.
In der Stille brennt noch ein Bild.
Es duftet. Ich will
versuchen, den Rauch festzuhalten.


Geschützt: Irgendeine Symbolik

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Wenigstens ein Igel

Funken zerstieben auf der Straße,
eine Zigarette wurde wutentbrannt
aus dem Fenster geworfen.

Köpfe streiten unhörbar
hinter der Heckscheibe.
Ein Igel rollt sich

ein. Er gerät
zwischen die Räder –
und bleibt

unverletzt.
Was für ein Glück!
Wenigstens er.

Ich weiche aus.
Halte an. Vielleicht
kann ich ihn retten.

Der nächste Streit
könnte schon unterwegs sein.


Zeitbogen

All diese Tode
die die Toten nicht mehr erleben
All diese Lebenden
die in der Welt der Toten noch lebten
und jetzt nicht mehr da sind
so wie jene nicht mehr hier sind

Gut dass du tot bist
So hast du ihren Tod nicht mehr erlebt
Gut dass sie tot ist
So wird sie meinen Tod nicht mehr erleben

Bewahre die Welt
in der du lebtest
Dann bleiben alle die fort sind dort

Für einen Augenblick nur
möchte ich in eine vergangene Welt treten
und mich wundern

»Ach! Du hier? Wie schön.
Wo ich herkomme, kennst du niemanden.
Nur ich erinnere mich an dich.«

»Du lügst doch.«
Ja, vielleicht. Ich möchte lügen,
dass die Zeit sich biegt.

In ihrem Bogen wandeln
Im Wandel der Zeit eine Pause einlegen
Für einen Augenblick nur

Wundern
Und alle bleiben lassen
Wo sie waren

als sie mich an sich erinnerten


Geschützt: Irgendwas mit Bällen & Kaffee

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Geschützt: 6 Stunden, 5 Nächte, 5 Jahre

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Vertragt euch doch

In meinen Bücherwänden stehen sie
Seite an Seite. Die Autoren,
die einander kannten

& hassten. Ihre Werke
kuscheln fast, so nahe
stehen sie sich.

»Vertragt Euch, Kinder«, sage ich.
»Ihr seid nun schon so lange tot,
da streitet man nicht mehr.

Dachtet Ihr, Ihr hättet nicht genug
Raum? Habt Ihr nicht gesehen,
daß Ihr gegen dasselbe kämpftet,

wenn auch nicht immer für dasselbe?
Ihr hattet gemeinsame Feinde;
das hätte Euch zu Freunden machen können.

Aber nun ist Ruhe. Ich dulde keine
Auseinandersetzung in meinen Regalen.
Die streitsüchtige Jugend ist vorbei,

Ihr seid tot – und habt überlebt.
Reicht Euch die Bände.
Ich hab Euch alle lieb.«


Ich richte mich

(Und hier sehen wir
den Dichter in der Krise.
Erste Zeichen der Verdüsterung,
die in der Umnachtung gipfelte:)

Ich richte mich
an die noch nicht Geborenen.

Und, wenn ich’s könnte,
an die Toten. An euch,

abenddämmernde Zeitgenossen,
richte ich mich

nicht! Genießt eure
Zeit. Etwas anderes bleibt

euch nicht. Und habt ihr sie
genossen, die Zeit, ihr Zeitgenossen,

frisst sie euch
von innen auf.

Ganz still & ätzend,
den Dreck zersetzend,

der ihr seid.
Ich schreib euch klein.

Ich schreib euch kurz,
da ist mir euer ego schnurz.

Ich richte euch.
Ich richte mich

an — wie eine
Henkersmahlzeit.

Eure.
Mahlzeit!

(Wir enthalten uns
jeglicher Interpretation.
Der kluge Leser wird –
Sagten wir ›der kluge Leser‹?
Hahahaha.)


Wenn, dann

Versuche, mich zu fassen.
Zu begreifen, wer & was ich bin.

Wenn du was weißt,
sag’s mir.

Denn ich
weiß es nicht.

Sag es, und dann schweigʼ
für immer.


Diese Tage (Gedicht mit Fußnote)

Diese Tage

an denen ich fast alles,
was ich je geschrieben,
grausam schlecht finde, sind

die schlimmsten!

Schrecklicher Befund.
Schlimme Diagnose.
Keine Heilung.

Letaler Verlauf.
Leben verfehlt.
Alles Psychose.

Das Gestrige ist
heute nicht einmal mehr
meinen eigenen Hohn wert.

Andere lese ich nur noch,
um meinen Platz zu suchen.
Mich einzuordnen.

In der Hoffnung,
noch Schlechtere zu finden,
finde ich – so viele Bessere.*

Früher hätt ich mich besoffen,
bis ich alles wieder gut gefunden.
Jetzt hilft nichts mehr. Nichts.

Nichts zu hoffen.
Nichts zu tun.
Außer warten. Warten.

Ich kann nur warten, bis
es mir wieder gelingt –
mir etwas vorzumachen.

Es ist zum Lachen.
Also lache ich.
Wie einer, der

überschnappt
vom Wahnsinn zur Wahrheit.
Ohne Rückkehr.

Ohne Rückkehr! –
Ohne Rückkehr?
Moment! Halt!

Da ist doch noch…..

Wäre ich so schlecht, wie ich glaube,
würde ich nicht glauben, so schlecht zu sein.

Hoffnung. Verdammte Hoffnung! Willst du
mich quälen? Nun stirb doch. Verrecke
nur einmal nicht zuletzt.

Alte Lügnerin! Blenderin!
Ich bring dich um! Und mich.
Wenn man ohne dich nicht leben kann,

dann eben nicht!
Es ist doch gar zu lächerlich.
Auch DIES wieder: ein DRECK!

 

 

_________________________

*(Unter den Toten.
Nur unter den Toten.
Nur sie sind Maßstab.

Die Lebenden
sind so lächerlich
wie ich.)


Verschwommene Umrisse

Verschwommene Umrisse
schwimmen im Fluss

halb Mensch, halb Sehnsucht
Vielleicht schöne Leichen

Ein Traum schlägt Wellen
von entblößten Wesen

die sich verschwommen haben
und nicht wissen, wohin

Halbmenschen mit Flossen
von Licht übergossen

Von Nässe geblendet
werde ich blind


Existenzkrisen

In verwaisten Räumen
mit leeren Stühlen
denke ich:

Hier ist alles besetzt.
Es ist so voll.
Oder ist dieser Stuhl doch noch frei?

Nicht zu glauben
wie viele Menschen
in einer Existenzkrise sind.

Man kann kaum atmen –
deshalb ist es so still.
Niemand grüßt

während ich einen Platz für mich suche.
Finden muss ich ihn
allein. Wie alle.


Rummel

Auf dem Rummelplatz
Gleich neben der Schießbude
Steht ein Dichter & flüstert

Seine Gedichte.
Kleine Narben im Gesicht
Wie von Querschlägern.

Wenn’s plötzlich still würde,
Wäre es ihm peinlich.
Doch die Gefahr ist gering.

Megafone. Boxen. Mikrofone.
Würste kreischen.
Kinder platzen.

»Papa, schieß mir einen Teddy!«
»Ruhe, ich muss mich konzentriern.«
Da schweigt der Dichter

Bis es knallt.
Und danach sagt er
auch nichts mehr.


Hüter des Schlafes

Unser Butler klappert mit dem Meißner Geschirr
etwas zu laut; wir werden ihn entlassen müssen.
Der Gärtner raucht wie eine alte Fabrik,
während er die Ränder des Rasens mit
der Nagelschere in Fasson bringt; dann
bekommt er einen Hustenanfall, als
läge er in einem Sterbezimmer in Davos.
Die Dielen knetern; Olga, die osteuropäische
Kammerzofe wienert & wichst das Parkett
des Westflügels. Im halben Schloß hallt es wider.

Und die Geliebte schlief
hoffentlich noch immer.
Es war mitten in der Nacht.
Ich machte mir etwas zu essen.
Klirr! Scheiss Teller!
Im Wohnzimmer trank ich Tee.
Ich verschluckte mich.
Presste mir eine Decke vors Maul,
um die Schlafende nicht zu wecken.
Ja, wir Nachtmenschen haben’s auch nicht leicht.
Auf dem Weg zum Bücherregal
knarzte das Laminat.

Und morgens dann:
»Hast du gut geschlafen?«
»Ja. Ich hab von dir geträumt.
Aber ich weiß nicht mehr, was.«

»Oh, ich weiß schon«, sagte ich.
»Ich lag in einer Lungenklinik.
Nichts Schlimmes, nur ein bisschen Husten.
Da kamst du herein, als Krankenschwester –
in deinem Outfit.« [… das so eng ist, und so kurz, dass
der Po herauslinst wie der Mond aus einer knappen Wolke;
ich hatte es ihr… äh… uns
zu Weihnachten geschenkt.] »Du kamst
mit dem Tablett, und ein Löffel fiel herunter;
da musstest du dich bücken……«

»Orr, hör auf!« lachte sie.

»Hände an die Backen. ›Oh, Herr Leckmich,
Sie schlimmer Mensch, Sie
haben ja schon wieder einen Ständer! Ja,
was machen wir denn da?‹«

»Also, ich glaub, ich hab was anderes geträumt.«
»Ja, ich weiß. Schade eigentlich. Aber Hauptsache,
ich habe dich nicht geweckt.«

»Nein, hast du nicht.«

»Gut.«

»Oh -«


Gerissen

Zack! Da lag der BH im Müll.
Weiß, mit feinen roten Linien.
Zwischen Küchenpapier &

zerbrochenem Porzellan.
Nur weil ein Träger gerissen war.
Als wäre es schlimm, gerissen zu sein.

Ich überlegte,
ihn herauszuangeln.
Und aufzuhängen.

Ihn an die Wand zu nageln,
weil er so schön war.
Und weil er stets

gehalten hatte,
was schön ist.
Ich überlege noch

immer.


Zu lang

»Komisch«, (wer spricht? ich nicht),
»die letzte Strophe legt den Eindruck
nahe, es müsse ihr ein langes Gedicht
vorausgegangen sein. Dabei
ist es so kurz. Das wirkt
unharmonisch.
Überstürzt.«

»Ja«, (ich spreche).
»Das stimmt. Aber nur,
wenn man nicht liest,
was nicht dort steht.

Mir ist es viel
zu lang.«


Das Tagebuch

Ich versenkte mich
in das Tagebuch eines Verstorbenen.
Saß mit ihm am Tisch, lauschte
seinen Gedanken, sah
ihm beim Baden zu,
traf die Menschen, die er kannte,
ertrug seine Krankheiten,
ging mit ihm spazieren.

Dann verließ ich das Haus,
um allein zu gehen.
Schon bald bemerkte ich, daß
niemand mich sah.
Niemand mich sehen konnte,
niemand mir auswich.
Ich war es, der zur Seite treten musste,
sonst wären die Menschen

durch mich hindurch
gegangen wie uninteressante Gespräche.
Wenn niemand dich sieht, bist du
dort wo du sein solltest,
dachte ich.
Wo immer du bist.
Ich kehrte zurück
zu meinen Regalen. Zurück
zu den vergangenen Tagen des Toten.

Dort ist das Leben.


Der lächelnde Elefant

Leben
Im Stoßzahn eines Elefanten
Scheinbar lächelnd
Mein gekrümmter Elfenbeinturm
Auf der Flucht
Vor Wilderern vor Jägern vor
Menschen im All
Gemeinen
Dünnhäutig – mein graues Ich
Gerunzelt
Wer schmunzelt?
All
Es nur Schein

Leben im Stoß
Steiler Zahn
Wildes Jagen von Häuten
Alles Leben ist

Widerspruch


Echo

In einem Hohlkopf
muss ein einsamer Gedanke
ein fürchterliches Echo haben.

Er hat sich verirrt,
weiß nicht, wie er dort hingekommen ist.
Hat Angst vor der Leere.

Fühlt sich fremd.
Wird immer lauter.
Schreit.

Er will raus.
Muss raus.
Mit Gewalt.


Nein !

Einige Menschen glauben,
ich schriebe über sie
& über mich.

Ich schreibe aber
über das Menschliche
in meiner Gegenwart.

Wir Einzelwesen sind unwichtig,
nur Statisten in der ernsten Komödie,
ich ich nachzuzeichnen suche.

Wir stehen bloß im Vordergrund,
um den Hintergrund
zu verdecken.

Nein, glaubt nicht,
es ginge um mich,
es ginge um Euch.

Glaubt nicht,
weitet Eure Gedanken!
Denkt!


Das Mädchen mit dem Krokodil

[ Für meine Augenblickssammlung ]

 

Es ist doch nur Luft.
Oder ist es der Atem
eines geliebten Menschen?

Ein Mädchen im roten Sommerkleid
überquert die Straße. Auf seinem Kopf,
durch seine Hände gesichert,

balanciert es ein Krokodil, das etwa
zwei Meter lang ist. Beide lächeln,
leuchtend grün das Krokodil,

leicht gerötet das Mädchen,
das sich beobachtet fühlt.
Es ist nicht mehr klein

& noch nicht groß. (das Mädchen).
Wer hat es wohl aufgeblasen?
(das Krokodil)

Ich bin ein Schauer,
und wo mein Blick sich niederschlägt,
da blitzt & donnert Phantasie.

jemand bläst
bis ihm die Puste ausgeht
spricht ins Krokodil
lacht ins Ventil
tritt einen Balg mit nacktem Fuß
man hört es kichern, ganz hell, ganz froh
Schallwellen, die man ins Wasser wirft
um nicht unterzugehen
»Vergiß deinen Bikini nicht!«
»Den hab ich schon drunter.«
»Und creme dich gut ein.«
»Ja-ha.«
flüchtige, sonnendurchschossene Sekunden
ein weißgepunktetes schwarzes Tuch fällt zu Boden
Wo geht es hier zum Pool?
»Hast du auch alles?«
»Ja!«
»Dann grüß schön!«
»Mach ich! Tschühüüs!«

Es könnte auch alles ganz traurig sein:
der Vater gestorben, sein letztes Röcheln
im Krokodil gefangen, die Mutter schickt das Kind,
um es abzulenken, zur Freundin mit dem Planschbecken –

aber ich will es nicht glauben.
Lebensfreude überquert die Straße.
Rot & grün im Sonnenhonig.
Ein bewegtes Bild im Fenster.

Ich hänge es auf
in meinem Gedächtnispalast.
Wenn es dunkel wird, kann ich es betrachten.
Es heißt: Das Mädchen mit dem Krokodil.