Archiv des Autors: flederzombie
Flug
Klingende Handarbeit.
Wenn die Worte Pause machen, kann man immer noch ein bisschen klimpern. Und Blödsinn ist kein Sinn zweiter Klasse.
Ein trüber Tropfen
»Dir ist gerade ein Tropfen aus der Nase gefallen«, sagt sie.
»Das war nur Wasser«, sage ich.
»Der war aber trübe.«
»Dann war es eben Wasser, das zu mir passt.«
»Da«, sagt sie und tippt auf meinen Ärmel, mit der Fingerkuppe genau auf den feuchten Fleck.
Das werde ich nicht mehr vergessen.
Wie sie dabei gelächelt hat.
Das hilft beim nächsten Streit.
Als ich ein kleines Mädchen war
Als ich ein kleines Mädchen war,
ging ich die Treppe hinauf.
Plötzlich stand der Großvater dort oben.
Am Anfang oder am Ende der Treppe.
Er lächelte, als er mich sah.
Dann kippte er nach vorn und fiel.
Ich fuhr in ihn, als er mich mitriss,
und wir starben gemeinsam.
Zu spät
Zu spät, sich zu erfinden
Wenn einem erstmal die Geburt dazwischen gekommen ist
Schon gar nicht neu
Abzweigungen
Hier muss ich abbiegen
Es tut mir leid
Ich hätte dich gerne weiter begleitet
Bis zum Ende
Das wäre das Ziel gewesen
Aber hier zweigt ein Weg ab
Den du nicht gehen sollst
Noch nicht
Dein Weg kommt später
Er ist nicht zu sehen bislang
Und länger
Ob unsere Abzweigungen
In parallele Wege führen? —
Ich weiß es nicht
Und ob ich es glaube
Kann ich nicht sagen
Man sagt, Parallelen schneiden sich
Im Unendlichen
Wollen wir, gesetzt die Fälle, uns dort treffen?
Ich will.
Aufgepasst
Plakate von Stummfilmen
hängen leise an den Wänden
In einem anderen Raum erklingt eine Phantasie
auf einem vorgestellten Klavier
Eine Zitterspinne zupft lautlos
Die Fäden in ihrem Netz aus Musik
Ich wurde nie gestillt in meinem Leben
Und trotzdem kein verkrachter Mensch
Alles hat etwas zu bedeuten
Wohl könnte das unheimlich sein
Aber wenn man gut auf sie aufpasst
Verliert man nicht die Ruhe
Geerdet
Könnte eine Blume etwas tun
Täte sie als ob sie noch lebte
Abgeschnitten steht sie gemeinsam mit anderen
In einer Vase auf einem Grab
Und sieht lebendig aus für begrenzte Zeit
Ein Mensch hat sie der Erde geraubt
Um sie einem Toten zu schenken
Der nichts davon weiß
Könnte der Tote etwas tun
Wäre er anders als eine Blume ohne Wurzeln
Tief in der Erde
In einem Gefäß
Alterswerk
Ich bin jetzt in dem Alter
Wo jedes neue Gedicht die vorigen besser aussehen lässt
Und den Gesamteindruck beschädigt
Alterswerk nennt man das
Wenn man nicht schweigen kann
Obwohl man nichts mehr zu sagen hat
Man will sich
Auch noch jene Zeit vertreiben
Die man kaum noch hat
Dabei wäre es besser
Die Zeit würde einen totschlagen
Weil man sie langweilt
Ungnädig genug wäre sie
Aber wahrscheinlich ist man es ihr nicht wert
Drin & bin
All diese Menschen
die groß rauskommen wollen
und denken
das sei das Sein
Ich bleibe lieber
drin – und bin
Für mich
Und nicht für Andere
Gitarrenfrau
Niemand spielt auf ihr.
Sie könnte verstimmt sein.
Vielleicht aber ist sie nur verstummt.
Und was wäre schlimmer?
Keiner weiß es.
Aber keiner sagt nichts.
Verschwundene Läden
Die Straßen gibt es noch.
Die Läden sind verschwunden.
Die Läden, in denen ich Dinge gekauft hatte,
die kaputt gingen
und auf den Müll geworfen wurden.
Irreparabel. Die Verkäufer
sind tot, denn sie waren
schon alt, als ich jung war.
Doch vielleicht nicht so alt
wie ich – heute.
Mich gibt es. Noch.
Noch nicht
kaputt. Noch. Nicht
auf dem Müll. Irre
parabel.
Ich bin noch
da. Mit all den kaputten Dingen
in meiner Erinnerung.
Sowas wie du
»Was hast du da grad gemacht?« fragt sie.
»Eine Spinne in den Garten gebracht.«
»War sie groß?«
»Nein. Eine ganz dünne, kleine. —
Sowas wie du.
Als Spinne halt.«
Sie lächelt. »Ich mag unsern Garten.«
»Na dann ist ja alles gut.«
Der vergessene Dichter
Man sprach von einem ‹vergessenen› Dichter.
Aber diejenigen, die von ihm sprachen,
hatten ihn nicht vergessen.
Und jene, die nichts von ihm wußten,
hatten ihn niemals gekannt.
An einen solchen Dichter kann man nicht erinnern.
Flossen
Sie lag auf dem Kanapee.
Das Prachtstück. Nackt & bloß.
Bäuchlings, die Kniee gewinkelt; das
Blondhaar pferdegeschweift.
Eine warme Nacht, von antiken Lampen erleuchtet.
»Lu«, sagte er. Der Ohrensessel schützte ihn.
»Hm?«
»Hast du jemals in der Badewanne Flossen getragen?«
»Ja«, sagte sie, »als kleines Mädchen. Du nicht?«
»Doch«, sagte er, »ich habe mir sogar
eine Kaffeedose auf den Rücken geschnallt, um
unter Wasser atmen zu können. Die Dose war
mit einem Schlauch verbunden, und den habe ich
mir in den Mund gesteckt.«
»Und du hast es überlebt, wie ich sehe. Ein Glück.«
»Findest du?«
»Sag nicht sowas.«
»Schon gut. – Hattest du eigentlich eine schöne Kindheit?«
»Nein«, sagte sie. »Du?«
»Ja«, sagte er, »aber das wurde mir erst bewußt,
als sie vorbei war.«
Wo treffen sich Blicke? In der Mitte? Diesseits oder jenseits?
Oder in den Köpfen?
»Wie kommst du auf die Flossen?«
»Weiß nicht. – Vielleicht weil du da so liegst.«
Sie lächelte. »Willst du dich nicht auch ausziehen.«
»Noch nicht«, sagte er, »ich will das Bild nicht zerstören.«
Sie verschränkte ihre Hände unterm Kinn. Blasse Hände. »Und –
was machen wir dann?« Sie schlenkerte mit den Füßen.
Auch in dem großen, alten Spiegel, der am anderen Ende
des Raumes stand; alles darin bekam einen Stich ins Türkise.
»Die Halbwelten in Schwingung versetzen.«
»Au ja« sagte sie.
Er stand auf und ging zu ihr. Sie streckte die Beine.
Einhändiger Applaus. Zitterndes Gewebe.
Und dann weinte sie.
»Was ist?« sagte er.
»Zu blöd«, sagte sie, »da wurde wohl eine Erinnerung ausgelöst.
Ist gleich wieder vorbei.«
»Tut mir leid.«
»Nicht schlimm. Und nicht deine Schuld. Manche
Erinnerungen sind so überflüssig. Und die schönen
sind bei mir oftmals verschwommen.«
Sie rückte ein Stück zur Seite, und er legte sich neben sie
auf den Rücken. Nur wenige Tropfen,
die er wegzuwischen hatte. Das schmale Gesicht
reflektierte jeden Schein. »Stell dir vor«, sagte sie,
»jemand würde uns so sehen, uns beobachten, uns zuhören –
was würde der denken?«
»Was für eine Vorstellung. Gut, daß das unmöglich ist.
Uns kann doch niemand begreifen.«
Sie lachte, kurz und hell, mit schimmernden Zähnchen.
»Aber wir uns«, sagte sie – »komm, begreif mich.«
Fließende Bewegungen gingen ineinander über;
sie gingen ineinander über. Es gab
nicht viele freie Flächen auf dem Kanapee,
aber mehr und mehr wurden sie mehr.
Schock
Und schon ist man ein Dutzend Mal
der Fünfjährige der Vergangenheit.
Das ist ein Schock –
so hab ich’s noch in der Schule gelernt:
5 Dutzend sind ein Schock.
Das kann man wohl sagen.
All diese Fünfjährigen,
die man in sich trägt –
Jeder hat anderes erlebt.
Und anders empfunden.
Man erinnert sich
an die Empfindungen, die
es nicht mehr geben kann,
weil man den Schock auf dem Buckel hat.
Die Illusion von Kontinuität.
Dabei hoppelt, ruckelt & springt man durchs Leben
und altert auch so. Es addieren sich bloß die Abschnitte;
kein Wunder, daß man nicht erwachsen wird.
Manchmal hatte man auch zweieinhalb
Fünfjähre in sich – dann war man so um die 12.
Ich will hier ja nicht so tun, als gäbe es
irgendeine Regelmäßigkeit. Ein Gleichmaß
des Daseins. Keine Maßeinheit
beschränkt die Maßlosigkeit.
Man wechselt die Spielplätze
und spielt, man wäre altersgemäß.
Der Verfall ist die Maske
vor dem wahren Gesicht.
Glaubt mir nicht, glaubt mir nicht –
das bin ich nicht.
Und Ihr seid auch nicht,
was ich sehe.
Maskenballer, wir alle.
Vorhang
Ein letzter Auftritt wird versucht —
Da hackt der Schmerz in die Achillessehne!
Die Bühne zu hart, der Schritt zu forsch,
der Körper zu alt.
Wieder nichts.
Und es ist ja auch richtig:
mit 60 hat man lange genug gelebt.
Wie erbärmlich sich alle ans Leben klammern!
Immer noch ne Wiederholung des Bekannten;
oder dessen Abklatsch, mieser als das Original.
Haben die alle kein Gedächtnis?
Zu viel Eiweiß im Gehirn?
Oder erscheint ihnen durch die schwindenden Sinne
Alles ganz neu?
80, 90, 100 —
Der Traum von der Unsterblichkeit. Ein Alb!
Tja leider, bei mir klemmt der Vorhang auch.
Seit 2 Jahren will er sich nicht schließen.
Man muss warten. Und versuchen,
das geliebte Wesen (das einem heldengleich
zur morschen Seite steht) nicht gar zu sehr zu nerven.
Bleibt man, tut es weh – geht man, tut es weh.
Nicht sein. Ganz vorsichtig von den Brettern humpeln,
von den Brettern, die
nicht – so – viel –
bedeuten.
P.S. Ich mag keinen Besuch.
An mein Grab soll auch keiner kommen.
Furcht
Waren Sie schon mal draußen?
So richtig draußen?
Da trifft man Menschen,
die gar nicht draußen zu sein scheinen.
Die verhalten sich, als wären sie
drinnen.
Es ist zum Fürchten.
Als der Schnee noch von den Antennen fiel
Als der Schnee noch von den Antennen fiel
und die bewegten Bilder rauschten
fluchte man –
weil man nicht ahnte
daß selbst dies Gegenstand einer Sehnsucht sein kann
im Rückblick der Zukunft
Denke daran
versuche ich mir zu sagen, wenn
ich fluche
Erinnere dich an die Zukunft
Das Bessere könnte dich langweilen
Und der Charme des Ärgerlichen
dich erheitern.




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