Archiv des Autors: flederzombie

Eisberg

Na, Ihr Eisbergspitzenlutscher!
Wieder was gelesen, was Ihr glaubt,
sofort verstanden zu haben?

Ohne Mühe, stimmt’s?
Wie ist die Luft da oben?
Schmeckt’s? Wenn

Euch die Zunge einfröre,
sie am Eise kleben bliebe,
müsstet Ihr schweigen –

das wäre schön.


Der seltene Name

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen in meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
drum hatt ich’s – zu erschaffen.

Das Mädchen mit den Narben
Gedanken Strich Gedanken Strich
Wie kam ich auf den Namen?

Ich weiß es, doch
ich sag es nicht. Nein,
kein Zufall. Natürlich nicht.

Jahre vergingen, andre Namen
zogen vorüber. Novembernächte,
Gewitter & gelbliches Mondlicht.

Dann klingelte es
an meiner Tür – – Ich stolperte wie’n freier
Vers. Ding Pause Dong! — »Na.«

Sie hieß wie das Mädchen
In der Erzählung, die sie nicht kannte.
Narben hatte sie auch.
Aber einen Anorak trug sie nicht.

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
darum musste es erst klingeln.

Das Ding – 1 Dong! (= 10.000 Hot)
Die Klinke ergriffen
und alles offen

Ein zaudernder Blick
Das Beste hoffen —

Anis mag sie nicht riechen.
Nachts sehen wir Schwarzweißes im Farbfernseher.
In manchen Gedichten kann man sie sichten.
Spiegelbildlich. Seitenrichtig.

Und alle Uhren zeigen EINE Zeit.
Ninna Nanna in Blu –

Das Mädchen mit den Gedankenstrichen


Teilweise witzig

Jemand fragte: »Wie alt sind Sie?«
»Etwa 30«, sagte ich.
Verdutzung, Zweifel, Mitleid, Hohn –
ein bissl von Allem im fremden Gesicht.
»Ich weiß, ich sehe älter aus.«
»Äh – ja – und genau wissen Sie’s nicht?«
»Mir ist es genau genug. Ich vermute,
Sie hätten mich auf 60 geschätzt?«
»Nicht ganz, vielleicht. Ich weiß,
es gibt da so Krankheiten…..«
»Genau!« erwiderte ich,
»Kopfschmerzen zum Beispiel.«
Ihm quoll das Questionmark aus den Augen;
sollte ich ihn unwissend sterben lassen?
Ich sagte: »Es ist doch ganz
einfach. Nur die Tage
ohne Kopfschmerz zählen.
Ich hab’s mal grob überschlagen.«
»Oh, ich verstehe.«
»Bloß nicht zu sehr mitfühlen, sonst
müssen Sie ne Tablette einnehmen.«
Er grinste.
Ich schaute ins Apothekenfenster.
Da stand mein Spiegelbild zwischen Medikamenten.
Wie ein Geist. Ich wusste es ja eigentlich:
Alle Tage zählen gleich.
Aber dass man das so sehen muss!
Es sollte Spiegel geben,
in denen der Schmerz zurückbleibt
wenn man daran vorübergeht.
Ach, was soll’s!
Nietzsche hatte auch oft Kopfschmerzen,
und es gibt hübsche Apothekerinnen.
»Ich muss gehen«, sagte ich.
»Müssen wir das nicht alle?« sprach er.
Teilweise weise, teilweise witzig.


Die kleine rote Plastik-Kasse

Ich hatte kein Geld
aber die leere Schublade machte
wenn sie aufsprang

ein Geräusch, das mich entzückte.
Die kleine rote Plastik-Kasse
aus meinem Kaufmannsladen

Man liebt
nie wieder
auf diese Weise

im späteren Leben.


Beweise

Wer meine Worte liest
glaubt an meine Existenz

So wie ich
der ich an keinen Gott glaube
vom Dagewesensein

des James Joyce überzeugt bin
der von den Genannten
der Bedeutendste ist

Für meine Existenz scheint es
Beweise zu geben

Vielleicht deuten diese
aber auf jemand ganz
anderen hin

Wer hat noch
gleich Shakespeares Werke
geschrieben?

Wer meine Worte liest
glaubt bestenfalls an gar nichts mehr


Das Haus

So einfach & unscheinbar
ist das Haus – keiner
der Vorübergehenden, Vorüberlebenden
vorübergehend Lebenden ahnt
dass es voller Rätsel & Geheimnisse ist.
Zu viele Häuser haben sie schon gesehen,
zu viele Häuser gibt es.
Nur der Architekt kennt seinen wahren Wert,
den Wert, den niemand bezahlen würde, weil er nicht
dem Warenwert, genauer: dem Materialwert entspricht; nur er kennt
alle Bedeutungen, von deren Existenz keiner
sich etwas träumen lässt.
Die Anzahl der Steine ist kein Zufall,
sie bezieht sich auf das Innere des Hauses, auf
das Innere seiner Bewohner;
die Quersumme aller addierten Türen & Wände
erzählen eine exakt berechnete Geschichte.
Alles geht auf. Der Rest ist Gedanke.
Im Mauerwerk: seltenste Perlen.
Der Dachboden spielt
auf den Keller an; der Keller
existiert nur in der Phantasie des Architekten,
die seine Persönlichkeit ist.
Was die Maserung des Parketts zu sein scheint,
ist in Wirklichkeit Schnitzerei: winzige Gesichter,
die man nur erkennt, wenn man sie kennt
und am Boden liegt.

Zuweilen sticht den Architekten
die Eitelkeit fast mückengleich. Dann
würde er am liebsten erklären, um
den Nichtsahnenden die Augen und,
falls möglich, den Verstand zu öffnen.
Doch dieser Juckreiz geht rasch vorüber.
Das Verständnis der Anderen
würde dem Wert des Werkes nichts hinzufügen.
Alles ist da. Ob es gesehen wird oder nicht.
Es wird noch da sein, wenn
sich an die Passanten längst schon
niemand mehr erinnert.
Denn das ist ein weiteres Geheimnis dieses Hauses:
Es ist unvergänglich.

Ich stehe da.
Auf der anderen Seite der Straße.
Ich betrachte es.
So einfach & unscheinbar.
Wohnt überhaupt jemand darin?
Da stehe ich.
Verstehe ich.
Passanten passieren.
Fassadenbeschauer.
Wer hat es gebaut?
War ich es?

Es ist gleich
gültig. Denn so
viel steht fest:

Dieses Haus ist ein Gedicht.


Hauptwerk

Mein Hauptwerk, mein Roman, mein Opus Magnum
findet sich auf einschlägigen Sexseiten des Internets.
Mehr & mehr ausufernd……
Immer mehr handelnde Personen kommen
hinzu. Ich erfinde sie. Gebe ihnen
Lebensläufe. Berufe. Profile. Gedanken. Verbinde sie
miteinander. Ihre Wege kreuzen sich,
sie stehen in Beziehung zueinander.
Zehntausende folgen mir, folgen
meinen Schöpfungen, glauben
an ihre Existenz, halten alles
für real. Man liest
meinen bebilderten Roman aus Geschichten
mit dem Schwanz in der Hand,
dem Finger am Kitzler, man fragt nach,
will wissen: wie war das, wie
geht das weiter?
Seltsames Werk! Mein Schmuddel-Ulysses.
Ich bin viele Menschen.
Und selbst ich glaube an sie. Manchmal.
So tief verschwinde ich in meinen Phantasien,
dass ich Frau bin, Mann bin, Fremder bin,
mich selbst als einen Anderen sehe…..
Und am überzeugendsten bin ich, wenn ich
nicht ich bin.
(Was wird X dazu sagen? Ach, X bin ich ja selber,
fast hätte ich’s vergessen!)
Mich vergessen. Mich erschaffen. Andere erschaffen.
Multiple Persönlichkeit – en.

Mein Hauptwerk ist nicht zu fassen,
nicht zu greifen. Es ist virtuell. Ist es
virtuell? Niemals
kann es gebunden erscheinen.

Wie die Wirklichkeit selbst.


Fremde Vögel

Sonne wirft ihren Schein auf den Rasen
Ein fremder Garten mit fremden Vögeln
Ich sitze auf einer Bank
Ruhe
Ein Unbekannter spricht
In unhörbarer Ferne
Mit meiner Geliebten
Wie freundlich sie lächelt
Während Wasser auf sie fällt
Es kommt nicht viel aus dieser Brause
Die über ihr hängt
Verbunden mit einem Schlauch
Der zittert
Der Mann trägt Freizeitkleidung
Sie ist nackt
Geliebte Kontraste
Wie freundlich sie lächelt
Während sein Blick auf sie fällt
Sie ist nass
Er steht
Außerhalb des Niederschlags
Tastende Augen
Glitzernde Sonne zwitschernde Zweige
Selbstzufriedene Ruhe
Der Mann der eifersüchtig sein konnte –
War das wirklich ich
Gewesen

Älter werden
: die langsame Lösung

Von der Welt

Fremden Vögeln lauschen
Sie nicht verstehen
Trotzdem lieben
Da sind noch mehr
Menschen in diesem Garten
Manche suchen den Schatten
Wie ich

Sie stellt das Wasser ab
Sie reflektiert – ich denke
Das Kleingeld der Sonne
Beperlter Popo
Perlen vor die Säue
Aha schau an soso

Der Unbekannte
Könnte ihr ein Handtuch reichen
Aber da ist keins
Vielleicht hätte sie’s genommen

Doch jetzt kommt sie
Quer durch den Garten
Durch Licht durch Blicke
Auf mich zu

Tropfend & lächelnd
Nackt jung & langsam
Angekommen beugt sie sich
auf Kusshöhe

»Wie war das Wasser?« frage ich
Sie sagt »Ich hasse Smalltalk«
Das verstehe ich
Und liebe


Zeit

Mein Vater kommt vom Einkaufen zurück
Er ist tot
Befremdend billig
Sind die Lebensmittel
Er schaut mich an
Erkennt mich nicht
Ich bin älter als er
Aber es stört ihn nicht
Dass ich da bin
Sein Tod ist fast
So lange her wie seine Geburt
Zurücklag als er starb
»Die Buttermilch war heute günstig«
Sagt er
Ich verstehe
Nicht was Vergangenheit ist
Was Gegenwart
Alles ist
Zeit

Alles ist
Gleich
Zeit
Ich

»Gut dass du wieder da bist«
Sage ich

 


Trabanten der Angst

Hornige Sichelmonde auf dem Nachttisch
Trabanten der Angst
Worum kreisen ihre Gedanken?

Etwas sticht in meinen Rücken
Auf dem Laken liegt
Ein vergessener

Ich lege diesen Mond
Zu den anderen
Manchmal

Höre ich sie beißen
Neben mir
Und wenn sie mich berührt

Spüre ich ihre Fingerkuppen
Ganz weich
Und ungeschützt


Wüste

Die feuchte Alkoholikerin zog ein
beim trockenen Alkoholiker
Sex hatte die Türen geöffnet

Es dauerte
bis sie trocken wurde
Es gab Rückfälle

Aber dann
wurde auch sie trocken
Hallelujah! trocken!

trocken trocken

So verdammt trocken
Die Frustration zog ein
Die Türen blieben geschlossen

Die Wüste lebt!

Da fing der trockene Alkoholiker an
zu saufen
Die vielen Jahre der Klarheit

Dahin! Die Flasche
war so feucht
so feucht

so wunderbar feucht!
Wie ein frisches Grab im Regen
Wie zwei Körper vor dem Zerfall


Trägheit

sie er
trägt ihn

er er
trägt sie

sie er
tragen sich

wohin?

träge
ertragen sie sich

ins tragische
ende


Schmutz

»Wir müssten«,
sagte sie, »mal wieder
die Fenster putzen.«

Ich sagte:
»Wer rauskucken will, muss putzen.
Ich will nicht rauskucken.«

Das stimmt
nicht ganz.

Wenn eine junge Frau
mit nackten Schenkeln vorbei
geht, will ich.

Aber dann steht mir
der Schmutz
eigentlich ganz gut.

Und ich sehe
genug.

Also – ich bin raus.
Mag putzen wer will.

Ich will
nicht.

Vielleicht will sie
ja.


Die Vorstellung der Weite der Vorstellung

Die Sterne betrachten,
ohne ins Freie zu gehen –
in einem Buch
über Astronomie

Die Weite des Raums
in geschlossenen Räumen

Das Freie im Kopf
Die Vorstellung der Weite

Die Sterne betrachten
Im Licht der Lampen

Die Augen schließen
Und sehen


Album der Spiegel

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Flüchtiges Album der Gegenwart
Das Ich als optisches Phänomen
Scheinbar verkehrt

Die Erinnerungen nicht festgehalten
Sondern losgelassen
Hinter der Stirn im Spiegel

verkehrt verblasst
getönt beschlagen

Das Blättern fällt
schwer ein Spiegel
wiegt mehr als

Papierene Vergangenheit
Und nur wer einem ganz nahe ist
wird reflektiert

Für einen Augenblick
Verkehrt verblasst
getönt verschwunden

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Papier Glas Silber
Seiten Blätter Farben

Nirgends ist Schwarzweiß
Doch in keinem Album gibt es Zukunft


Bei Trost

Als man noch Landkarten
& Atlanten wälzte,
suchte ich Trost

Wo lag dieses Kaff?

»Der ist wohl nicht ganz
bei Trost!« sagten die Leute
so oft von anderen

Was versteht man als Kind?

Man versteht
was die Erwachsenen nicht meinen
Und das ist oft mehr, als sie denken

Die nicht bei Trost Seienden, wo waren die –
Bei sich? Zu Hause?
Bei anderen?

Unterwegs? Kurz vor Trost
oder darüber hinaus – hatten sie sich verlaufen?
Auf der Suche –

Trost – wo liegt dieses Kaff?
Und wer will da wohnen?
Gibt’s da einen Campingplatz?

All diese Fragezeichen –
Wie das Muster der Tapete im Kinderzimmer
Und die Antworten schnarchen nebenan

oder sterben im Schlaf
Ich war noch nie dort
& möchte auch nicht

dahin

Es wäre mir zu laut
zu öde
zu voll


Penderecki & Pavese

Im Fernsehen lief etwas Kulturelles,
also drehte sie sich auf die Seite
& schlief ein.
Penderecki war gestorben, sein Leben wurde kurz
zusammengefasst. Als es vorbei war,
stellte ich den Ton ab & ließ einen
Porno laufen. Ich spielte
an mir herum, ich dachte
an Cesare Pavese, dessen Böser Blick
auf meinem Nachttisch lag. Pavese
& die Frauen. Ich schaltete
alles aus. Neben mir
Schlafatem. An die Frauen
sollte man nicht zu viel denken. Sonst macht man
Schluss kurz vor 42
& schafft keine 86 mehr.


Beim Zahnarzt

Sie schmerzt immer mehr
Die alljährliche Zahnsteinentfernung
Blut fließt, ich balle die Fäuste

Mein Zahnarzt ist 78 Jahre alt
Zwei Oberschenkelhalsbrüche hat er hinter sich
Seine Frau ist tot
Aber manchmal läuft sein Hund durchs Behandlungszimmer
Die Sprechstundenhilfe, peinlich berührt, führt ihn
Dann wieder hinaus – den Hund
»Du darfst hier doch gar nicht sein«, sagt sie
Und tätschelt ihn
Ob sie sich hinterher die Hände wäscht
Weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Der Zahnarzt hat nicht mehr viele Patienten
Aber was ich ihm vor 12 Monaten sagte, hat er vergessen
Dass ich seit 7 Jahren keine Zigarren- & Rotweinbeläge mehr
Auf den Zähnen habe, wundert ihn
Jedes Jahr aufs neue
Und immer wieder fragt er, ob ich keinen Tee mehr trinke

Er will nur noch arbeiten
Bis seine Sprechstundenhilfe in Rente gehen kann
Woanders würde sie doch keinen Job mehr bekommen, meint er
»Außerdem – was soll ich denn sonst machen?
So bin ich gezwungen, jeden Morgen aufzustehen
Und mich zu rasieren; das ist was Gutes.
Und solange meine Hände nicht zittern….«

Das Poster an der Decke kenne ich
In- & auswendig
Kitsch: Elvis Presley, Marilyn Monroe, Stan Laurel & Oliver Hardy,
James Dean und und und – kreisförmig angeordnet
Auch schon alle tot
Wie meine Mutter, die sich hier ein neues Gebiss besorgt hatte
Vor langer Zeit
Gerahmte Fotos verstorbener Hunde zieren die Wände
Da gibt’s viel Staub zu wischen
Ob das jemand tut, weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Die Hunde ähneln einander

Nach Einbruch der Dunkelheit
Geht die Sprechstundenhilfe Gassi
Damit der Doktor nicht wieder stürzt
Sie ist etwas schwerhörig
Aber der Hund ist jung
Er könnte uns alle überleben

Kinderbücher im Wartezimmer
Obwohl keine Kinder mehr kommen
Doch die Erwachsenen erinnern sich vielleicht
Sie gelesen zu haben

Werde ich nächstes Jahr wieder hier sein?
Wird der Doktor nächstes Jahr noch hier sein?
Er würde sich wundern
Wo meine Beläge geblieben sind

Und ich könnte ihm sagen, dass ich keinen Tee mehr trinke
Obwohl das nicht stimmt
Ich möchte nicht der letzte Mund sein
In den er schaut

An meinem Ende
Des Dorfes kann ich hören
Wie der Hund des Zahnarztes
Am anderen Ende bellt

Er begrüßt jeden Patienten persönlich
& meldet ihn an
Aber manche Hunde bellen auch
Weil sie einsam sind


Das Portemonnaie

Das Portemonnaie war wieder da.
Man erzählte es mir.
Ich hatte nicht gewusst, dass es weggewesen,
aber nun – da ich hörte, dass es wieder da war –
wusste ich es.

Kein Grund, sich zu erschrecken.
Es ist ja wieder da.
Als wäre es nie weggewesen.
Die verzweifelte Suche
war mir entgangen.

Was weiß man schon, und
was will man wissen?

Das Ende allein?
Den Weg dorthin?
Den Anfang?

Ich weiß es nicht.
Jetzt ist da etwas.
Vielleicht war es weg
gewesen ohne mein Wissen.

Wo nichts ist
war vielleicht immer schon nichts,
aber niemals kann man sich
sicher sein.


Einfach wir

Zwei Ein
Zellgänger sagen
Wir

Zwei Zahn
Bürsten berühren sich
im Glas

Zwei Wäsche
Welten kreisen bunt im Kalleidoskop
der Waschmaschine

Zwei Leid
Ende der Einsamkeit
lachen

Es ist
fast ein
fach

Ein Du
Ein Ich

Ein Wir


Rahmenhandlung

Das Glöcklein klingelte beim Öffnen der Tür, es klingelte beim Schließen. Als lebte eine besonders kleine Maus darin, die sich eine Murmel an den Schwanz gebunden hatte und die nun, vor lauter Freude mich zu sehen, hundgleich wedelte. – Nun gut, vielleicht klang es nicht ganz so, aber mir gefällt das Bild.
Ein gelackter Verkäufer schnellte auf mich zu. Schließlich war hier sonst niemand, auf den er hätte zuschnellen können.
»Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Guten Tag, das wäre schön.«
»Was suchen Sie?«
Das war eine große Frage. Doch ich entschloss mich, eine kleine Antwort zu geben.
»Einen Rahmen für mein Bild«, sagte ich.
»Nun, wie Sie sehen, haben wir eine große Auswahl.«
Das war keine Lüge; immerhin befand ich mich in einer Rahmenhandlung. Wodurch allerdings seine Frage, was ich denn suche, merkwürdig sinnlos wurde.
Da ich mich vermutlich besonders unentschlossen umsah, stellte der Gelackte gleich die nächste:
»Darf ich fragen, um was für eine Art von Bild es sich handelt?«
Ich setzte voraus, dass er es durfte und antwortete:
»Es geht um das Bild, das ich mir von der Welt mache.«
»Aha«, sagte er. Mit einem Blick, als fürchtete er den Überfall eines Psychopathen. »Tja – wie groß ist es denn?«
»Nicht besonders groß, fürchte ich.«
»Hmm, dann werden wir bestimmt etwas finden.«
Ich mochte es nicht, dass er Wir gesagt hatte; erstens kannte ich den Mann überhaupt nicht, und zweitens war es sein Beruf, etwas zu finden.
»Haben Sie an einen bestimmten Stil gedacht?« fragte er.
»Ob an einen bestimmten weiß ich nicht, aber ich glaube, ein schlechter wäre gut.«
»Nun, so etwas führen wir nicht.« Es klang fast entrüstet. Dabei war mir nicht einmal aufgefallen, dass er gerüstet gewesen wäre. Aber ich fühlte mich beruhigt, dass ich in diesem wir nicht mehr enthalten war.
»Ach wissen Sie«, sagte ich. »wenn ich mich hier umschaue, glaube ich sehr wohl, dass Sie dergleichen führen.«
Es hätte wenig Sinn, seinen Gesichtsausdruck zu beschreiben, dennoch unterlasse ich es.
»Sie haben es nicht zufällig bei sich?« sagte er.
»Von Zufall kann gar keine Rede sein«, erwiderte ich. »Ich habe es selbstverständlich immer bei mir. Ich kann es nur nicht so zeigen. – Und außerdem würden Sie ohnehin nichts erkennen; es ist ziemlich düster.«
»Also, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.«
»Machen Sie sich nichts draus. Kein Grund, sich zu entleiben.«
»Vielleicht sehen Sie sich doch am besten selber um und wählen einfach, was Ihnen gefällt.«
»Sie haben recht«, sagte ich. »Allerdings werde ich eher bevorzugen, was mir nicht gefällt. Da ist ja auch das Sortiment viel größer.«
Nun entfernte er sich fast ebensoschnell, wie er gekommen war. Ich fühlte mich wie von einer Geschwulst befreit.
Es herrschte Ordnung in der Rahmenhandlung. Rechtecke wohin man schaute, nebeneinander, hintereinander, zur Auflockerung hier und dort etwas Eiförmiges. Es wurde der Eindruck vermittelt, nichts könne jemals irgendwo herausfallen. Sogar die Zwischenräume wirkten wie gerahmt durch die Außenseiten der Rahmen. Hinter dem Verkaufstresen gab es eine geöffnete Tür. Sofort glaubte ich, eine leicht geschürzte Weiblichkeit würde in ihrem Rahmen erscheinen, auf dass die Erotik hier nicht zu kurz komme; aber auch dieser Glaube konnte der Wirklichkeit nicht lange standhalten. Immerhin: der Gelackte war durch diese Tür gegangen; wo etwas Garstiges entschwand, ist fast schon Schönheit; völlig unwahrscheinlich war es also nicht, dass im Wechselrahmen der Tür nach Hässlichkeit und Leere etwas erfreulich Erfräuliches sich manifestieren werde. War mein Bild etwa doch nicht so düster, wie ich gedacht hatte?
Ich konnte mich nicht entscheiden. Weder Stil, noch Form, weder Farbe, noch Verarbeitung, weder Muster, noch Größe passten zu meinem Bild. Und ich wusste plötzlich nicht einmal mehr, warum ich den Laden überhaupt betreten hatte. Bestimmt nicht wegen der Beispielbilder im Schaufenster. Dort wurde allzu tumb gegrient. Kein Zahn war vergilbt. Keine Pore atmete. In den Augen war Platz für ganz viel Nichts. Und das heiratete sich dann. Zumindest zum Schein. Ich hatte mich in der Glasscheibe gespiegelt, und schon meine Reflexion passte nicht ins Bild.
Es wurde Zeit in die Glocke zu schauen. Die Maus mit der Murmel zu grüßen und ihr Glück zu wünschen. An sie wollte ich glauben. Viele Geschichten gibt es. Ohne mich. Zyklen von Erzählungen. Ohne mich. Doch ich war in der Rahmenhandlung. Man sollte nicht zu viel von mir erwarten.


Unser Planet

Wenn wir uns täglich begrüßen
als hätten wir uns 1 Jahr
lang nicht gesehen

Gewinnen wir dann Zeit?
Wie alt sind wir?
Wir sind

auf einem anderen Planeten
Seine Zeitrechnung
ist unsere

Wir werden sehr alt
werden gemeinsam
auf unserem Planeten


Die Wolle der Schafe

Erwacht
Ginnungagapisch gegähnt
Was hatte mich –
Ach ja: die Wolle der Schafe wuchs zu laut
Auf der Weide, 3563 Schritte
Von meinem Schlafzimmer entfernt
Aufstehen, auf, stehen, gehen
In den Spiegel schauen, aus dem Spiegel schauen
Toast springen lassen
Den Aufstrich der Kindheit verstreichen
Der Kaffee ist verbittert
Ich will ihm nicht ähneln
Die Sonne ist untergegangen
Ich will ihr nicht folgen
Im Radio wird ein Xylophon beklöppelt
Leben, heißa hopsasa
Ist das noch Traum, oder ist das schon
Nichts? Kaum
Aufgestanden, könnte man sich gleich
Wieder hinsetzen
Und zum Frühstück gemächlich ins Gras beißen
3563 Schritte von meinem Schlafzimmer entfernt
Ruhe da!
Sanft

Der Lärm des Pullovers
Echo der Strickmaschine
In den Spiegel schauen, aus – nee, halt
Da kommt nichts zurück
Gefangener Blick
Ein Sprung in der Oberfläche
Schnell nochmal die Zähne putzen
Damit der Bestatter nicht über Mundgeruch zu klagen hat
Alles fault gemütlich
Vor sich hin, hinter mir her
Ist das Noch, oder ist das Schon?
Wurde man jemals verstanden
Wenigstens von sich selber?
Das versteht sich
Von selbst
Nicht

Dann sattelten wir den Drachen
Das Brot zu erjagen
Wir schossen es von den Bäumen
Hangelten uns von Urlaub zu Urlaub
Wie weiland sich der Oberförster
Von Kronleuchter zu Kronleuchter geschwungen hatte
Um den Teppich zu schonen
Den Teppich, auf dem wir alle bleiben sollen
Für was? Für was denn, Hugo?
Nacht wird auf Nacht geschichtet
Am Ende: eine Mauer aus Nächten
Und dahinter – –
Ist das noch Leben, oder ist das schon
Nichts? Immerhin
Der Wurm, der dem Vogel zum Halse heraushängt
Wird nimmermehr dein Grab besuchen
Heißa hopsasa! Du blut-rotes Ding
Noch einzwei Zucker, dann isses vorbei
Mond geht auf, Hose geht auf
Abstrich des Alters
Im Keller stehen die Gläser mit Eingewecktem
Pfirsichmumien, von der Großmutter gepflückt
Sie strickte Socken, auf die man sich machen konnte
Sogar wenn man ziellos war
Irgendetwas glaubte man
Immer zu finden
28 Butterblumen, 17 Kieselsteine, des Müllers Lust

Es tropft die Zeit
Dann fließt, dann strömt sie
Flutet, überflutet
Gischtender Zeitfall gen Ende
Sintflut

Erweckt erwacht ertrunken
Knack end es Kiefer gelenk
Chaotisches Gedankenknäuel
Zu viel fallengelassen
Zu sehr verstrickt

Mählich wächst das Gras
Doch man ist fast schon taub
Noch dreimal schnell auf Holz geklopft +++
Klingt gut, der Sarg
Spiegelglatt, und riecht nach Pronto

Wie die Möbel in der Kindheit
Man glaubt beinah, bei Trost zu sein
Hohl über, Fährmann!
Reich mir die Hand
Reicht.


Evolutionsleere

Ich ging vorbei
Ich konnte gar nicht schnell genug
Vorbeigehen

Am Sportplatz
Ein Globus wurde getreten
Gefangene Luft in Tierhaut

Schreie & Gegröle
O Darwin! ich befürchte, der Mensch
Stammt vom Fußballer ab


Der Dritte Weltkrieg

Der Fischer blätterte um
Eine Frau stolperte
Fiel auf die Seite

Das löste den Dritten Weltkrieg

Aus

Ganz langsam
legte der Fischer das Buch
auf den Nachttisch

»Entschuldigung« flüsterte er
Er nahm sich vor
künftig vorsichtiger umzublättern

Dann schlief er

Ein


Das Lyrikregal

Alle anderen stehen
fest stabil massiv
bei

nahe unverrückbar
an den Wänden voll
von Prosa Wissenschaft

Philosophie Nur
das Regal mit den Gedichten
wackelt

Wannimmer man ein Buch herausnimmt
scheint es kurz vor dem Zusammenbruch
fragil & klapprig

Ohne Rückwand
schwankt es von links nach rechts
wie ein besoffener Poet

Eigentlich hatte ich es
festnageln wollen
ganz zu Anfang

Was für ein oberflächlicher
Gedanke denke ich
heute


Kaum hinaus

Kaum bin ich zur Tür
hinaus
erinnere ich mich nicht mehr
an meinen Namen

Da geht ein Fremder
in Allem was spiegelt
Man kann ihn nicht rufen
denn er weiß nicht

wie er heißt


Rätsel

Ich bin

mir ein Rätsel
und die Lösung, die ich gefunden habe
ist falsch

Ein Rätsel

kann nicht sich selber lösen
Es trägt die Lösung in sich
als Teil seiner Existenz

Trüge es nicht
die Lösung in sich
wäre es

ein anderer

Würde es sich lösen
wäre es

nicht er selbst

Kein Rätsel mehr

Ich bin mir ein Rätsel
und was ich finde
ist mein unlösbares

Ich


30161

Sesam!
Im Kühlschrank
Schwitters‘ Saure Sahne
Ach ja, da fällt mir
ein: Hannover
Auch ich war noch nie
in New York (Großstadt ist Großstadt)
aber in Hannover kennen wir einen Swingerclub
& ein Katzencafé (inzwischen pleite)
Da gingen wir immer die Miezen streicheln
Und anschließend spritzte ein Inder
meiner Freundin aufs Bein
(aber nur, weil ich gesagt hatte »Nicht
ins Gesicht« – was schade war, ich hätte es
schön gefunden,
doch man muss ja auch mal an Andere denken)
Es klingelten die Gürtel
Schnallen, Schwanzgewedel, und Hände
waren überall. Das Begehren der Fremden –
man kennt das. Strangers in the night
Feurige Mannschaft, versammeltes Getier
Blicke. Das karierte Röckchen
stand ihr aber auch wirklich
allerliebst. Klein & schön. Mädchenzartes Geschenkel
Das will man doch begreifen; das finde ich
begreiflich. Slipless Night –
für alle Damen ohne: 1 Freigetränk
nach Wahl! Und plötzlich
bekommt das Wort Klapsmühle eine ganz neue
Bedeutung. Weichschwingender
Applaus. Wuchernde Beulen. Irgendjemand
küsste & bezüngelte ihr die Zehen
auf dem Gynäkologenstuhl
(erzählte sie mir später; ihre Füße
waren ja hinter mir gewesen)
Rückwärts von nah
Ein alter Mann stöhnte auf
als sie ihren Finger ableckte
der irgendwo dringesteckt hatte
Das weiche Fell
der Maine-Coon-Katzen
getigert & getüpfelt
Schnurren & Latte
Macchiato. Junge Frauen
mit Milchschaum auf den Lippen. Süß
Irgendetwas erinnerte mich
an Mühlenflügel – – –
Es wurde weiß gelächelt & geleckt
kicher kicher
Manche streckten ein Bein aufwärts
und reinigten sich den Schritt mit der Zunge
(Gras fressen nicht vergessen!) Auf dem Wege
vom Katzencafé zum Swingerclub
kam man an einem Antiquariat vorbei
klein, vollgestopft & schön
Büchertürme im Schaufenster
Alte Folianten, Leinen & Leder
Ein hübscher Rücken neben dem andern
entzückend, berückend, beglückend
Die Reise ins Blaue hinein
Es war winterlich kühl
Viele Bücher trugen ihre Schutzumschläge
allerliebst. Ich
hätte zugreifen mögen
aber immer war’s
geschlossen


GeDicht

Ein winziges Et
Was aus Worten so
Dicht daß es unfassbar
Schwer ist
Untragbar
Kein Zwischenraum
Keine Luft
Kein Licht
Nichts
Welt ge
Formt


Striche Streifen Schleier

Nu blas schon

die Kerzen

aus

Ich sehe

Striche Streifen Schleier

in Flammen

 

Durchgestrichene Lampen
als hätte ich etwas
gegen Licht

Und nachts auf der Autobahn
nähern sich mir
die leuchtenden Kreuze

Memento mori

Ausgerechnet
ich der ich
schon als Kind
jede Kunstfunzel jedes Petroleumlämpchen
der unsubtilen Lichtverschütterin am Himmel
vorzog
kann nun der freien Wattwahl mich nicht mehr erfreuen

Schraffierte Welt

»Also, wenn wir
Ihren Nachstar jetzt schon lasern, könnte es passieren,
dass die Linse nach hinten ins Auge fällt.
Dann hätten wir ein Problem.«

Wir? Ich
muss jedesmal lachen, wenn ich daran denke.
Halt doch mal
das Auge still, du klapperst so laut!

Und Glaskörper klingt doch auch
irgendwie erotisch…..
Da sehe ich
ein Ballett durchsichtiger Nackttänzerinnen

schillernde Prismenpopos
buntgebrochenes Licht aus diaphanen Schenkeln
mundgeblasene Brüste

ich schweife

ab

Wo waren wir?
Ach ja – nu blas schon
die entzündeten Dochte

Wackelnde Flammen
Striche Streifen Schleier
Rauch geformt
wie eine französische Wolke

 

Und dann bleibt nur noch der Mond
der durchgestrichene
Und am Ende

ergreife ich
den Schweif in meinem Auge
& klettere hinauf

zu ihm

zu ihm

Mare Tranquillitatis

 


Der erste Traum

Soeben geboren
möchte das neue Gehirn träumen

Bilder die es nie gesehen hat
Bilder die nie gesehen wurden

Die Unendlichkeit im winzigen Kopf
Das Nichts von dem es nichts weiß

Was siehst du
Ausgestoßener?

Soeben geboren
und schon auf der Flucht


Traumgedächtnis

Im Traum erinnere ich mich
an Ereignisse, die nur in diesem Traum zu meiner Vergangenheit gehören.
Doch manchmal auch an vergangene Träume
oder an Träume, von denen ich träume,
sie in meiner wirklichen Vergangenheit durchlebt zu haben.
Woran erinnert man sich
nach dem Erwachen?

Manchmal an das, was man für Alles hält
Manchmal an das, was ich für Alles halte
Manchmal an das, was das Ich für Alles hält

Oftmals an Nichts

Die geträumte Vergangenheit ist wahr.
Die wahre Vergangenheit – – nein, wohl doch nicht –
geträumt. Oder?

Wer in der Vergangenheit Träume hatte,
hat im Traum Vergangenheiten.
Es kann nicht

anders sein.
Anderes Sein
Anderes sein
Anders sein

Wahres Sein
geträumt

Geträumtes Sein war wahr

Alles
Nichts

All
Es

Das Gedächtnis: ein Traum

Im Traum erinnere ich mich
Im Traum erinnert man sich
Im Traum erinnere man mich

mit all meinen Vergangenheiten
Sie könnten wahr sein
selbst die

von Anderen Geträumten