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Kurzes Gedicht, Baltasar Gracián betreffend

 

lo bueno, si breve, dos vezes bueno
(Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.)

Da sitzt man
auf dem Marktplatz
in der Sonne

Eine junge Frau
geht vorbei
Man

betrachtet ihr Kleid
leicht & schön
Das Leben

ist gut
in diesem Augenblick
Und innerlich

nickt man


Lächeln

Er wurde immer etwas 
traurig, wenn
sie eine lange 
Hose anzog; aber
als ihm dies bewusst wurde
musste er

lächeln.


Gelächter im Licht

Eine frühlingsbunte Wiese
Verkehrslärm fernab
Flatterflügel & Gesumm
Mir fiel ein: Hätte Rubens eine Biene gemalt
wäre sie eine Hummel

Pollen schneiten durch den Sonnenglast
Alles wucherte & roch
nach sich
selbst Die Geliebte
im heißen Höschen
neben mir Die Luft
fieberte & schwitzte
als wäre es Hoch
sommer Vögel stellten sich vor
aber wir verstanden sie
nicht Mag
sein dass Menschen da waren
aber ich
sah sie
nicht Selbst
der Horizont war horizontal
sonst nichts
Es
war die Zeit der rechtwinkligen Phantasien
Alles schien
jung Sogar
mein Inneres Eine Hose
so kurz wie das Leben
so knapp wie ein Sieg

»Übrigens« sagte die Frau (wie ich
ihre Stimme liebe
) »Sex
sucht ist heilbar«
»Ich weiß« sagte ich Ich
schaute hinab
auf ihre Sandalen
(Riemen & Zehen
in Bewegung) »Ich
weiß« wieder
holte ich »aber
wer will das schon« Lachen 
Gelächter

Gelächter
im Licht


Buñuel & die Peitsche

Aus einem Kellerfenster klatschte der Klang
einer Peitsche. Wie die Sonne
brandete & blendete, sengte & brannte…. Ich musste
an Buñuel denken, denn wir waren in einem fremden Garten.
In dem Garten stand ein Pavillon, offen
& einsehbar, in dem Pavillon
ein Bett, auf dem Bett waren
wir, nackt & verschlungen, ineinander
gesteckt, zusammengesteckt, in Bewegung,
die Bewegung, die man Sex nennt…. In einiger Entfernung
saßen fremde Menschen, manche nackt, manche
in Wäsche, die reizen sollte. Tische & Bänke
aus Holz. Die Fremden
aßen Grillgut. Einige schauten
uns zu dabei. »Hast du
ne Tablette genommen?« fragte die Geliebte
als ihr Mund wieder leer war.
»Ja«, sagte ich, »eine halbe.« (Also ein
Dreieck. So viele Eindrücke
& Ablenkungen, und man ist ja nicht mehr
der Jüngste….) Auch die Musik war
in die Jahre gekommen. Nevergreens.
Und wieder die Peitsche! Niemand
schwamm im Pool. Ich dachte: Komischer
Film – diese Realität. Die Menschen schauten
zu viele Pornos. Auch ich
hatte schon zu viele gesehen – Menschen
sowohl wie Pornos. Ein dicker Mann
biss in eine Bratwurst, als wäre sie
ein Symbol. Dabei schaute er
herüber. Charmelos. Indiskret. War dies die Bourgeoisie? Und was
hatten wir hier zu suchen? Hier,
wo es Nichts zu finden gab. »Ganz schön
surreal«, sagte sie. Das Begehren & der Neid
der Anderen streichelte meine Psyche; die geschundene,
verquere. »Ja«, sagte ich – & konnte mich nicht erinnern,
jemals etwas Ähnliches geträumt zu haben. Der
Gynäkologenstuhl im Keller war belegt gewesen. Was
schade war. Wie hässlich mir die Menschen erschienen,
aber die Blumen waren schön, und die Bienen trugen
ihre flauschigen Sträflingsanzüge. Die Gespräche
der Besonnten waren auch nur ein Summen
im Grund, der Vorder- & Hinter- zugleich
sein konnte. Alles eine Frage
der Position. (Apropos: wer den schönsten
Po besaß, war hier keine Frage!) Das Märchen
von Amor & Psyche – den Goldenen Esel
könnte ich auch mal wieder lesen. Wie kam ich
jetzt da drauf? »Wollen wir
reingehen?« fragte sie. Niemand hier war
so jung wie sie, und ich
erst recht nicht. »Ja«, sagte ich, und dann ging es vorwärts
durchs modisch rasierte Fleisch – hin
zur Treppe, die von außen in den Keller führte.
Eine ehemalige Raupe schmetterte mit bunten Flügeln
vor uns her. Drehte dann ab. Überall Symbole.
Blicke folgten uns. Und mit den Blicken einige Körper.
Abwärts. Die Peitsche war verstummt. Die Menschen haben
keine Dreiecke mehr zwischen den Beinen. Ich
streichelte das Haar der Geliebten. Man konnte fühlen,
dass es schön war – & täuschte sich nicht. Wie dunkel
es hier war! Nach all
der Sonne. Doch sie konnten sehen,
was wir taten.

(Man muss nicht
Alles mal erlebt haben. Aber auch nicht
Nichts. Wir haben
dies erlebt, und es war
nicht Alles, aber auch nicht
alles Nichts. Und nun
musste es nicht mehr
geträumt werden.)


Eine Beschreibung in klaren Worten

So still
Wie Licht durch ein Fenster fällt
Lächelte sie
Beim Anblick des Meeres

So nackt
Wie eine Beschreibung in klaren Worten
Schritt sie
Durch die weichen Wellen des Sandes

So jung
Wie mein letzter Gedanke
Erschien sie
lm Vergleich zu mir

So hell
Wie ein gestifteter Brand in meiner Finsternis
Leuchtete ihre Haut
Im Glast der Mittagssonne

So glatt
Wie das Glas in einem Bilderrahmen
War ihre Stirn
Über den rauen Bildern ihrer Erinnerung

So heiß
Wie die Strände in meinem Gedächtnis
Brannten die Blicke der Fremden
In ihrer Phantasie

So still
Wie Licht durch ein Fenster fällt
Lächelte sie
Beim Anblick des Meeres

So wild
Wie unsere letzte Nacht
Rauschte das Meer
In dem Augenblick

Als sie sich ihm näherte


Zahnpasta im Waschbecken

 

Da stand sie
also vor meinem Wasch
Becken halbnackt & fing
an sich
die Zähne zu putzen
Ein Klümpchen Zahnpasta
rutschte von der Bürste
& landete Weiß auf Weiß
im Becken Mit dem Mittelfinger
nahm sie es auf
& tat es
zurück auf die Borsten
Putzte weiter Sie
wusste dies
war das Becken
in das der Ein
Same der ich war
häufig wichste Sehnsucht
die an die Kacheln klatscht
lautete
das Geflügelte Wort zwischen uns
Wir hatten gelacht
darüber
Versunken
in ihren Anblick lauschte
ich dem Geräusch in ihrem
Mund Ihrem Mund der weiß
umrandet war & gelacht hatte
Sie mochte es selber
wie ihre Titten wippten wippten
bei jeder Bewegung
ihres Armes Ich
dachte an ihren Mund & wie
still & weiß umrandet er gewesen
war von der Sehn
Sucht Die Sonne
war auf
gegangen & machte die Lampen
nutzlos Wieder war
eine Nacht Vergangenheit & am Ende
spuckte sie
in das Becken


Tiefe

»Nicht so tief« sagte sie
leise. Was meinte

sie nur? Die Ge
fühle? Die Ge
danken? War

es eine Feststellung oder
eine Bitte? Sie war

enger geworden, hatte sich zusammen
gezogen. Die untergehende
Sonne ließ ihren Schein

durch das Hotelzimmerfenster fallen.
Er fiel auf

ihren Rücken. Rötlich. Bäuchlings
lag sie auf dem Bett. Das Zimmer
war billig. Güter

Züge fuhren in der Nähe
vorbei. Ich schaute hinab. Weiche

doch feste Backen. Jung
Mädchen
haft.

»Okay« sagte ich
leise. Was

meinte sie
nur? Die Gefühle? Die Ge
danken? Ich

zog mich ein wenig
zurück. Beziehungsweise ihn. Sie

hatte sich zusammen
gezogen nach
dem Höhepunkt. Alles

schien enger
geworden zu sein. Die Sonne

ging immer noch
unter. Bald würde sie
fort sein. Woanders

scheinen. In der Tiefe
der Nacht. Es blieb

das leise Rauschen
der Güter
Züge.


Konzentration

 

»Kannst du kommen?«
Dabei waren sie
beide ganz da.

Sie konzentrierten sich
zu sehr. Sie
sich auf ihn. Er
sich auf sie. Sie

konzentrierten sich der
art auf das Vergnügen
& den Genuss des jeweils

Anderen. »Kannst du so kommen?«
fragte sie – als ihr Mund
wieder schwanzlos war (seltsames Tier).
»Ich weiß nicht«, sagte er. Es

war – als spräche er
mit ihren Schamlippen (seltsamer Mund). »Ich
jedenfalls nicht«, sagte sie

& kletterte von seinem Gesicht. Langsam
schluckte ihr Unterleib
seine Erregung. Und er
beobachtete das Auf

& Ab ihres Rückens. Während sie
sich auf die linke Arschbacke schlug. Er liebte
das Geräusch. Sie warf

einen Blick auf die verdunkelte
Terrassentür neben ihnen, in deren Glas
sie sich spiegelten. Er betrachtete
sie, wie sie

sich & ihn betrachtete – 2 Menschen zu
viert mit ihren Spiegelungen. Spiegelungen, die
sich aufeinander

konzentrierten. Man konnte sie
durchschauen. Als wären sie nicht
ganz da. Hinter der Reflexion war
die Jalousie. Hinter der Jalousie –

die Nacht. Unsichtbar.
Kannst du bleiben? dachte er. Dachte ich
als unsere Blicke sich trafen

im Glas.


Strip-Poker

 

Wir saßen auf dem Sofa.
Sie sagte: »Wollen wir
Strip-Poker spielen?«

»Okay«, sagte ich, »dann
zieh dir mal was an.«
Für einen Augenblick

schien es
als hätten wir verstanden,
worum es im Leben geht.


Eiskalt

 

Eis
kalt
waren ihre Haare

als sie
auf meinen Bauch herab
fielen so schnell

also verliert
das Sperma seine
Temperatur

da draußen
ein feuchtes Lächeln
verzauberte mich Bläschen

die keine Sprechblasen waren
glitzerndes Schweigen
zwischen geöffneten Lippen

ich lachte
& lachte
& lachte Sie

sagte: »Komisch
wie du lachst
wenn du kommst.« Schön

wie sie gelächelt hatte
als sie gekommen war
mich zu besuchen

Sie fuhr
sich durch die Haare
die aneinander

klebten Sie & ich
dachte ich als ich
dieses Lächeln

küsste sobald sie ginge
würde es nichts
mehr zu lachen geben

doch
so weit war es
noch nicht

wie dieser Weg der
zwischen uns lag
wenn sie bei

sich war
wo ein Anderer wohnte
mit ihr Würde ich

darüber nachdenken
bedeutete es Schmerz also
lasse ich’s Eis

kalt glitten ihre Haare
über meinen Bauch
Sie lächelte

als ich kam
& lachte
lachte

& dachte: so
könnte es weiter
gehen wenn sie bliebe


In der Spiegelwand

 

Gerne würde ich
ja etwas Tiefsinniger
es schreiben aber ich
sagte bloß Ich kann
deinen Hintern gar nicht
sehen
als ich in die Spiegel
Wand schaute gegen
über dem Bett gegen
über dem Bett stand ein kleines Regal
vor den Spiegelungen die
Frau lag auf den Bäuchen
ihrem & meinem und sie blickte
hinter sich in die Wand wo
Wir ein Bild bildeten mit
vertauschten Seiten so
leicht war sie & zart nicht
die Wand die Frau so
zart dass ein Blick ihre Finger
hätte brechen können vom
Herzen ganz zu
schweigen & doch
spürte ich eine gering
fügige Erleichterung in der Tiefe
als sie sich bewegte & abhob sie
sagte Da und über dem Regal
ging der kleine Knackmond auf
und Alles ward Licht + Schein & vor
sichtiges Gelächter und
gerne würde ich
ja etwas Tief
Sinnigeres schreiben aber was
wäre tiefer & sinniger & tief
sinnlicher als solch ein Moment
An- & Augenblick der Gegenwart
& der Versuch
ihn & die Verwirrung ihn & die
Verbundenheit zu bewahren zu be
wahren wie den Schein
des Mondes dieses Mondes
in der Spiegelwand


Ein B & ein Apfel, Die Gebrüder Grimm & noch ein B

Auf dem Nachttisch stand ein Teller.
Auf dem Teller lag ein Apfel. Neben
dem Apfel glänzte ein Messer.

Die Frau, die in meinem Bett saß,
lächelte. Aus Gründen, die nichts
mit dem Apfel zu tun hatten.

Ich sagte: »Siehst du den großen
Buchstaben – da – mitten im
Raum?« Sie

schaute dorthin wo
Nichts zu sein schien & sagte: »Was
meinst du?« »Da –

ein riesiges B – mitten
im Zimmer. Das muss
dein Lächeln

gewesen sein.« Und für einen Augen
Blick war da ein Fragezeichen
in ihren Augen – doch dann

ein Lachen. »Ach du«, sagte
sie. »Ja du«, sagte ich. Dann
schnitt

ich den Apfel entzwei. Und
deutete auf seinen
Kern. »Weißt du, wie

man das nennt?« »Na
türlich.« »Nein«, sagte ich,
»das glaubst du nur. Es

steht im Wörterbuch
der Gebrüder Grimm, und
es ist kein

Märchen. Man nennt das
Kitsch.« »Was?« »Den Kern
einer Frucht. Mal beißen?«

»Ach du«, sagte sie. »Ja
du«, sagte ich. Noch ein Lächeln. Noch
ein B. Und sie biss in den Apfel. Und als nichts

mehr von ihm übrig war
außer seinem Innersten
legte sie

sich auf den Bauch. Und ich
biss in etwas, das mich an
einen Apfel erinnerte. Kein

Märchen. Und doch
irgend etwas mit
Magie.


»Ich bin doch auch nur ein Buch«

 

Sie sind über
All: diese Mängel
Exemplare, deren einziger
erkennbarer Mangel der Stempel
Aufdruck MÄNGELEXEMPLAR
zu sein scheint…..

Und in ihnen steht
dasselbe wie in den Anderen,
die weniger wohlfeil sind. Das
ist beinahe verstörend.

»Ich bin doch auch nur ein Buch
wie alle Anderen«, sagte sie. Und
doch duftete sie ganz anders. Als
sie aufgeschlagen vor mir lag. Ich kon

zentrierte & versenkte mich in
All ihre Seiten. All
ihre Zwischen
Räume. In

Ihr stand in
der Tat dasselbe
wie in allen Anderen. Das
war beinahe verstörend.

Aber vielleicht lag es auch

einfach an

Mir.


Rhetorik – oder: Was ich vorhatte

»Was hast du vor?«
Immer wieder kamen diese Worte
aus ihr. Im Ton

Fall des Rausches. Selbst
Vergessen. »Was
hast du vor?« Ich

hatte 4 Finger
in ihr, und meine Zunge
bewegte ihren Kitzler. So

konnte ich nicht
antworten. Aber es war
ja Alles nur

rhetorisch. Selbst
das »Oh Gott!« war
nicht so gemeint. Und

»Tiefer!« ging es
doch kaum. Ich liebe
die Wörter. »Was

hast du vor?« Nichts
Besonderes. Ich wollte sie
fühlen

lassen. Selber fühlen. Und
Alles vergessen. Und vergessen
lassen. Nichts Besonderes in der

Tat. Doch
Alles worauf
es an

kommt in den Augen
Blicken in denen man
keine Antworten er

wartet. Keine Antwort
braucht. Weil sie über
flüssig ist.


Gegenüber vom Tiger wohnte eine Ratte

 

Ich besuchte eine Wohnung.
Ein Mann lebte darin. Mit einem
Tiger. Ich weiß nicht, wer
der Mann war. Aber

der Tiger war freundlich. Wie ein Hund
legte er seine Vorderbeine auf meine
Schultern. Das war mir zu viel

Nähe. Also verließ ich
die Wohnung. Gegen
über war eine weitere
Wohnung. Die Tür öffnete sich nicht

von allein. Eine Frau, die nichts trug
außer einem T-Shirt, öffnete sie. Diese
Frau warst Du aus

meiner Vergangenheit. Nicht
Du aus meiner Gegenwart. Du lächel
test, und hinter Dir huschte
eine Ratte durch den Raum.

»Verdammt«, sagtest Du – als ich
die Wohnung betrat, »die
nervt.« »Immer noch

besser als einen Tiger in der Wohnung
zu haben«, sagte ich, »egal
wie nett der ist.« »Auch wieder
wahr«, erwider

test Du. Dann lagst Du
bäuchlings auf dem Bett, und ich
legte mich angezogen neben Dich. Das

Shirt bedeckte 1 Drittel
Deines Arsches. Die 2 übrigen
betrachtete ich. Und so
bald ich meine Hand darauf

legte – klingelte
das Telefon. Verflucht!
dachte ich, ich werde nicht zurück

finden in diesen Traum. Es war
der Gärtner, der mich weckte, um
mir mitzuteilen, wann er vorbei
kommen würde mit der

Kettensäge. Der Zugang zu
meinem Haus war bei
nahe zu

gewuchert. Wie im
Märchen. Wir beendeten das
Gespräch. Dieser Arsch!, dachte
ich – & ich dachte darüber

nach, warum ich niemals
vom gegenwärtigen Du träumte…..
Eher legte ein freundlicher Tiger seine Vorderbeine

auf meine Schultern. Schließlich
fand ich die Lösung – als wäre es
ein Rätsel gewesen. Und in der Tat fand
ich nicht zurück. In die Wohnung

mit der Ratte.


Irgendwas mit Star Trek

Ein verwittertes gelbes Flugzeug stand auf dem Gelände.
Einmotorig. Über die linke Tragfläche hinweg kletterten wir
Kinder in sein Inneres. Wir waren zu zweit, und
mehr hätten auch nicht in die Maschine gepasst. Obwohl….
Eine gestreifte Spinne hing zwischen den Instrumenten;
sie konnte nicht fliegen, aber Fliegen flogen in ihr Netz
durch die Löcher der gesplitterten Scheiben. Ich behielt sie
im Auge, diese Spinne. Etwas ängstlich. Etwas angeekelt. Aber
nicht einmal sie konnte mich vom Sitz des Piloten vertreiben.
Es roch nach Metall, es roch nach Rost & Vergangenheit.
Wir waren am Boden. Wir blieben am Boden. Alle Zeiger standen
auf 0. Und nur unsere Fantasie
konnte den Propeller noch in Rotation versetzen.
Die beflügelte, beflügelnde Fantasie der Kinder. Es muss
wenige Jahre vor der ersten Mondlandung gewesen sein.
Es gab noch keine Flaggen dort oben, keine Fußspuren.
Nichts, was Reflexionen & Projektionen hätte stören können.
Der rothaarige Junge, der hinter mir saß, war erst vor kurzem
nach Deutschland & in meine Schulklasse gekommen; sein Vater,
ein amerikanischer Offizier, war hier stationiert. Flaggen
flatterten vor dem Gebäude, in dem sie wohnten. Unsere Eltern
unterhielten sich darin. Der Junge erzählte mir von Amerika,
das ich nur aus Filmen & Fernsehserien kannte. Auch den Mond
kannte ich nur aus Filmen & Fernsehserien. Wir wussten nicht, wo
das Flugzeug gewesen war. Also konnte es überall gewesen sein. Über
All. Das gefiel uns. Und ich kannte niemanden sonst, der aus einem
so fernen Land kam wie der Junge mit den roten Haaren. Ich drückte
Knöpfe, die längst keine Funktion mehr hatten – & die Zeit flog
dahin. Am Boden. In unseren Köpfen. In die Zukunft.

Irgendwann erzählte er mir von seiner liebsten
Fernsehserie. Die Handlung drehte sich um Außerirdische, drehte
sich um ein Raumschiff & um fremde Welten. All
es war so weit entfernt – wie Alles Andere, das ich nicht kannte. Und er
zeigte mir Fotos von einem Mann mit seltsamen Ohren & seltsamen Augen
brauen. Faszinierend, dachte ich. Oder so etwas Ähnliches mag ich
gedacht haben. Einige Jahre später kam die Serie
nach Deutschland. Im selben Jahr als das Apollo-Programm eingestellt wurde.
Wir wohnten längst woanders. Ich ging
auf eine andere Schule. Die alten Kontakte waren ab
gebrochen. Und ich erinnerte mich – als ich die erste Folge sah…..
Das Flugzeug, die Spinne, die Flaggen, die Erzählungen….. Ich
mochte die kurzen Uniformen der weiblichen Besatzungsmitglieder.
Schon damals. Es war alles anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie so oft. Aber es gefiel mir. Was nicht so oft der Fall war.
Den Ton einiger Folgen nahm ich mit dem Kassettenrecorder auf, und
nachts im Bett in meinem dunklen Zimmer hörte ich diesen Ton
zu meinen eigenen Bildern. Immer wieder. Science Fiction. Schon
der Kassettenrekorder hatte etwas davon. Verglichen mit unserem alten
Bandgerät. Ich drückte Knöpfe – & die Zeit flog dahin. Im Bett. In
meinem Kopf. In die Zukunft. Und sonstwohin.

Und 42 Jahre später bin ich gelandet. Auf dem Boden. In einer
Wohnung, die nicht die meine, in einem Raum, der mir nicht mehr
fremd ist. Zwischen gespreizten Schenkeln. Gespreizt
wie Tragflächen. Und die einzige Licht
Quelle ist ein eingeschalteter Fernseher hinter mir. Ein
charmant-gealtertes Röhrengerät. Gealtert bin ich auch. Doch
weniger charmant. Bekannte Namen erklingen
in der Nacht. Kirk. Pille. Spock. Uhura. Ein Film vom Ende
der 70er. Wiederum eine andere Zeit. Propellernde Zungen. Ein gewaltiger
Mond ist aufgegangen. Der damals noch nicht existierte. Bemannter Raum
Flug. Peterchens Arschfahrt. Auch so’ne Kindheitserinnerung. Es riecht
nach Lust. Nach Jugend & Gegenwart. Im Geflacker des Films
sehe ich wie ein Gesicht sich verändert. Ein Mund sich öffnet. Im Rausch.
Und noch mehr. Öffnet sich. Und jemand ruft:
»Alarm, Alarm! Ein Eindringling! Alles auf Gefechtsstation!«
Und ein anderer ruft: »Scotty, bitte kommen!« – dabei heiße ich gar nicht so.
Gelächter säuft ab. Und erstickt in Körpersäften. Und sie flüsterschreit:
»Oh Gott, oh Gott!«, aber auch das ist nicht mein Name.
Science Fiction. Mit wenig Science. Immer wieder. Und es ist immer dieselbe Zeit,
die fliegt. In unseren Köpfen. Die Zeiger stehen nicht. Es
scheint nur so. Es sei denn, es ist etwas kaputt. Alles
auf 0. Wir waren zu
zweit. Im Cockpit. Und doch nicht
allein. Und niemand weiß wie
& wann die Spinne gestorben ist.


Der Albtraum nach dem Kindergeburtstag

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor ich erschien bei Einbruch
der Nacht. Jetzt brannten
andere.

 

3

Luftballons hingen drinnen vorm Fenster.
Jalousien & Hosen waren herunter
gelassen. Die Balkontür stand
einen Spaltbreit offen, auf ihrer Glasscheibe
eine bunte Zeichnung von Kinderhand.

Von der Schlafcouch aus betrachtete ich die Luft
Schlangen, die von der Decke
hingen, während ein Frauenkopf sich

auf

&

ab

bewegte zwischen meinen Beinen.

Traum
gleich war unsere

1.
Begegnung

Mitt
Sommer
Nacht.

Fremde Gerüche
Fremde Geräusche
eine mir fremde Wohnung

& irgend
Etwas Vertraut
es im Gelächter.

Wäsche trocknete
auf dem Balkon im Mondlicht –
& wurde nass woanders.

Als das Wachs am Ende war, erschien
die Dunkelheit. Ich kniete
auf dem Boden & trank
zwischen geöffneten Schenkeln

schluckte
& schluckte

die Lust, die immer lauter wurde

Selbst
Vergessen

 

Und plötzlich:
eine Kinderstimme –
»Mama, was ist
mit dir?«

Ich hielt inne.

Der Schatten eines kleinen Mädchens stand im Zimmer.
Wie ein Erwachen.
»Alles in Ordnung«, sagte die Frau, »ich hatte nur einen
Albtraum.«

Ich verhielt mich
ruhig. Bewegte mich nicht. Hielt mich
für versteckt in der Dunkelheit. Zwischen
den Schenkeln. Für unsichtbar vielleicht –
wie ein Kind, das die Augen schließt.

»Komm«, sagte die Frau, »ich bring dich wieder zurück
ins Bett.«

»Wer ist –
der Andere?« fragte das Mädchen.

Kurze Pause.
»Das ist mein Besuch.«

Vielleicht war es der Mond,
der durch den Spalt oder das bemalte Glas der Balkontür
meinen nackten Arsch beleuchtet hatte.
Ich schwieg. Die Frau stand auf & nahm
das Kind bei der Hand. Silhouetten verließen das Zimmer. Allein
gelassen legte ich mich auf die Couch.
Lauschte leisen Stimmen. Zwischen den Gerüchen. Dann
hörte ich Musik. Kinderlieder von nebenan. Was
für eine seltsame Formulierung, dachte ich: ›Der Andere‹!

Die Frau kam zurück. Legte sich neben mich. Der Schreck
war uns nicht in sämtliche Glieder gefahren. Leises Gelächter.
Und auch die Lieder waren so leise, dass ich sie nicht erkennen konnte.
Zwischendurch wieder Stimmen aus
dem Kinderzimmer. »Ein Märchen«, sagte die Frau. »Zum
Einschlafen.« Die CD war ein Geburtstagsgeschenk.
»Ja«, sagte ich, »die habe ich als Kind auch immer gern gehört.«
Und wir malten uns aus, was das Kind aus uns machen
würde in seiner Phantasie….. Zu
Was ich werden würde in seiner Erinnerung….. Ich
war

ein Anderer. Aber vor allem war

ich

ein Albtraum. Das gefiel mir. Und

die Frau träumte. Träumte mich. Träumte
mich weiter. Immer weiter. Immer wieder. Immer anders. In
dieser Nacht. Und sie presste sich den Handrücken auf den Mund
dabei. Um das Kind nicht erneut zu wecken.

Und ich fragte mich, ob ich nicht
ähnliche Erinnerungen hatte wie dieses
kleine Mädchen sie haben würde.

Doch ich fand
keine Antwort.

Das Märchen ging

zu Ende. Und
als der Morgen dämmerte, fuhr der
Albtraum nach Hause. Und
er schlief ein. Und er
träumte

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor er erschien bei Ein
Bruch der Nacht. Jetzt brannte

ein Anderer

 

3

Schlangen hingen von der Decke &

 

1
Ballon bewegte sich
im Mondlicht

auf

&

ab


Running Gag

 

»Hab ich schon erwähnt, dass ich
feucht bin?« Ich hatte nicht mit
gezählt, wie oft, es war ihr Running Gag, ihr laufen
der Witz, es lief, es lief groß
artig unartig, überall raus, selbst ihre Stimme
klang feucht, am Anfang, und im Hintergrund machte es:
Quatsch Quatsch Quatsch & kwitsch kwitsch
kwitsch
, Stunden über Stunden, Überstunden,
wir quatschten, sie quatschte, es quatschte, fließende Sehn
Sucht, Seen & Sucht, und: »Wie heißt nochmal
die Phobie, trocken zu werden?« »Keine
Ahnung«, sagte ich. »Nein, ich bin sicher,
die heißt anders.« Gelächter. Viel Gelächter.
Immer wieder. Quietschen vor Vergnügen.
Ich konnte hören, wenn sie ihre Beine bewegte,
sie öffnete, sie schloss, glitsch glitsch glitsch,
der Expressionismus der Fotze, »Wie ein Kirsch
Kern«, sagte sie, zwischen ihren Lippen, und ihr Hals
war trockengestöhnt. »Was war das für ein Geräusch
da bei dir im Hintergrund?« »Ach das«, sagte ich,
»da hat Alexander Graham Bell sich im Grabe umgedreht;
mit hochrotem Kopf.« »Ich wette, bei dir ist ein ganz anderer
Kopf hoch & rot.« Wir erkannten den Un

Ernst der Lage. Selbst
Erkenntnis & Befriedigung.
Nicht

Aus

zu denken, man würde Alles mit Ernst verderben.
»Wie läuft’s?« »Lachenweise aufs Laken.«
Auf ein Neues. Das nicht neu ist. Immer wieder. Und doch.
Irgendwie. Als suchte man. Immer wieder. Vertrautes
Neues. Neues Vertrautes. »Hab ich schon erwähnt,
dass ich feucht bin?« Es klang auch wie ein Witz –
witz witz witz, wisperte der Kitzler itzt,
wildbefingert….. Und ein Schmatzen: »Heute
schmecke ich nach Vanille – mit einem Hauch
von Zitrone.« (Nille Nille Nille, spukspuckte es durch meinen Kopf.
Und warum alles in 3er-Gruppen? Vielleicht weil sie 3
Finger in sich hatte?) »Ich würde gerne mal nach Zimt schmecken«,
sagte sie. Da bekam der Begriff ›Zimtziege‹ doch gleich ein anderes
Aroma. Und Zicke reimt sich, schleimt sich sowieso. Und Zimt
gab es auf dem Milchreis meiner Kindheit. Und Milchreis ist
weiß & zäh – und – man findet ja kein Ende, wenn die Asso
ziationen erstmal angefangen haben. Und dann erst, wenn Wir
uns assoziieren…… »Dass jetzt bloß keiner anklopft.«
»Dann geh ich nicht ran.« »Na, du gehst aber ran.«
Ach, und wie es klopfte! In allen Gefäßen floss das Blut.
tudumm tudumm tudumm! Besäuselungen statt Beschreibungen.
»Und dann….. & dann…… & dann……. machen wir, können wir,
werden wir…..« Und dann erwähnte sie etwas, das nur
mit langem Schwanz geht. »So’n Pech«, sagte ich. Und wieder
Lachen. »Man kann ja nicht überall überdurchschnittlich sein.«
Hahaha. Und sie hielt die Sprechmuschel, Säuselmuschel, Quatsch
muschel in Muschinähe, und dann klang das Schmatzen wieder
ganz anders, und es erinnerte mich an einen Zwerg, einen
Zwerg, der irgendeine Frucht genüsslich isst, während
sie im Hintergrund Rauschkulissen hechelte. Ein Kirschen ver
schlingender Zwerg, der vollmundig schweigt. Und ich merkte
mir seine Geschwindigkeit beim Verzehr. Für später. Für dann. Und dann.
Und dann. Und dann, als ich wieder an ihrem Ohr war, er
zählte ich ihr von dem Zwerg. Wie mir ihr Lachen gefiel!
»Soso, während ich mich fingere, hast du also einen Zwerg
im Kopf.« »Nein, ich hatte ihn in der Hand. In meinem Kopf habe ich
nur Dich.« »Hab ich schon erwähnt, dass ich feucht bin?«
Die Nacht floss in Strömen. In Träumen & Fantasien. 3 Wünsche
haben wir. Frei! »Pass auf«, sagte sie, »und dann sehen wir uns & finden uns
scheisse.« »Pass auf«, sagte ich, »lass die Scheisse weg –
& schon ….. passt’s. Vielleicht.« Und wie die Nacht verging
in uns – ein Fließen & Fliegen der Zeit – & wie die
Vögel mit mir telefonierten – als der Tag anbrach
vor ihrem offenen Fenster – zwitsch zwitsch zwitsch! – All
es war offen – & über
haupt: Habe ich schon erwähnt, dass sie feucht war?


Irgendwas mit Schamhaar, Garagen & Phimose

Wie waren wir eigentlich
auf dieses Thema gekommen?
Da unten

bei den Garagen der Nachbarn….
Ich weiß es nicht
mehr.

Ich hatte die ersten Stoppeln,
aber er behauptete, seine Scham
haare seien 2 bis 3 Zentimeter lang,

und das glaubte ich nicht.

Ich war wohl auch ein bisschen
verliebt in ihn, denn eigentlich
sah er aus wie ein Mädchen;

und manchmal tauchte er
in meinen Träumen auf –
schwanzlos.

Er öffnete also seine Hose
ein wenig, zog sie & die Unterhose
ein kleines Stück hinunter, er

griff ein paar Haare & zog sie
in die Länge.

»Tatsache!« sagte ich.
Oder so etwas Ähnliches.
Ich war ein wenig

neidisch, und er grinste.
Damals war man noch
stolz auf sowas.

Die Garagentore waren grau
& verschlossen. Selbst
wenn nichts dahinter war,

und tagsüber war zumeist
nichts dahinter. Zumindest
keine Autos, denn die Menschen

mussten ja arbeiten
tagsüber. Das gefiel mir
schon damals nicht.

Ach ja, und nochwas:
Einmal in vertrauter Runde
5 oder 6 von uns waren zusammen

in der Garage, die unser Treffpunkt war,
eingerichtet mit Sperrmüllmöbeln –
da holte er seinen Schwanz heraus.

Er hatte eine Operation hinter sich.
Wegen Phimose. Alle
schauten hin –

nur ich nicht.
Ich konnte es nicht.
Er lachte –

»Kuck doch«, sagte er.
Aber mein Blick blieb
abgewandt.

Das Bild
hätte nicht in meine Träume
gepasst.


Bitte nicht klopfen!

Bitte nicht klopfen!

besagt das Schild, das an meiner Haustür
schweigt. Die Klingel hat einen Wackel
Kontakt. Sie klingelt nur im Ausnahme
Fall. Die Vernünftigen haben einen ganz besonderen
Druck. Wenn sie meinen Knopf berühren. Da
schließt sich kein Stromkreis – & alles bleibt still.
Und wenn jemand sagt: »Nun bleib mal
auf dem Teppich!«
– dann tue ich das.
Ich bleibe. Groß ist der Teppich, und
er trägt mich….. wohin auch im
mer…. & erträgt mich, wenn es sonst
niemand kann…..

Fransen flattern im Flugwind
Frischbelüftetes Farbengewebe
Tag & Nacht verfliegen in raschem Wechsel
während ich sitzend auf die Erde herabschaue
oder liegend ins Himmelmeer tauche
Ein Stück kühle Wolke reiße ich mir aus dem Bausch
& betupfe meine Stirn damit – es riecht nach
einem Traum vom Regen
Die Sonne ist laut, und der Mond flüstert, und
manchmal ist da eine Stewardess in knapper Uniform,
die auf allen Sechsen übern Teppich krabbelt, stock
nüchtern bin ich – während der Fotzensaft der Fantasie ins Gewebe tropft……
Auch jetzt ist sie da; es ist Tag, und sie erklärt mir die Notausgänge:
Teppichsaum links  Teppichsaum rechts  Teppichsaum vorne  Teppichsaum hinten!
Und sie deutet auf eine eingewobene Inschrift:
Bitte nicht klopfen während des Fluges!
Ich fühle mich wie der Dieb von Bagdad, und was ich
gestohlen habe, ist die Zeit – die mit mir fliegt
Versäumte Saumseligkeiten…. Unter mir:
die Vergangenheit in Kindergröße, ich über
fliege sie wie das Buch eines Toten – über
das man nicht hinwegkommt…..
»Tomatensaft?« – »Wer denkt denn jetzt an Tomatensaft?
Ich zeig dir, wo der Tomatensaft herkommt, du Sau!«
Wir lachen. Das ist es
was übrig
bleibt:
das Lachen.
»Schau, da oben schwimmt die Zukunft.«
Wer
hier Was sagt, ist völlig egal.
Einem Fliegenden Teppich kämmt man nicht die Fransen.
Und es rutscht der Saum ihrer Uniform. Auf
wärts. »Zieh sie aus, ich weiß auch so, wer & was du bist.«
»Später«, lautet die Antwort.
»Ja, gibt’s denn sowas?«
»Manchmal.«
Und wenn man ganz leise ist, kann man hören –
wie der Raum sich krümmt –
vor Lachen

Einstein, Einstein, Alles muss versteckt sein!
Lass uns weiter fliegen
In der gestohlenen Zeit
Die Luft  Das Licht  Die Bewegung  Die Weite
endlich im unendlichen Universum oder
umgekehrt
und unten steht vielleicht jemand
vor meiner Haustür & verhält sich
vernünftig…..
»Wurdest du schon mal mit einem Teppich
klopfer vermöbelt?«
»Ja, das Muster ist noch da, ich kann es dir zeigen,
später.«
»Ja, gibt’s denn sowas?«
»Manchmal.«
Ein Abdruck im weichen Bindegewebe der Erinnerung
Auch der Teppich hat ein Muster
gewoben aus Wollen
verschiedener Art
Ein Vogel kreuzt die Teppichbahn (zieh
deine Federn aus, ich weiß auch so, wer & was du bist), er
schaut verdutzt & taucht hinauf ins Meer
verschwindet im Gewölk, das Nebel für ihn ist
Da drängt sich eine Frage auf: ist Dies
vielleicht ein Gobelin?
Das Muster könnte auch ein Bild sein
Einerlei – ob Wand, ob Boden
Die Grenzen sind auf
gehoben
(in einer Vitrine – verschlossen)
& offen
»Im Haus meiner Großeltern gab es einen Klopfer
aus Messing.«
»Das muss sehr schmerzhaft gewesen sein.«
»An der Tür. Ein großer Ring aus Messing.«
»Auch Türen haben Gefühle. Das muss sehr schmerzhaft gewesen sein.«
Lachen
Wind im Haar der Flugbegleiterin
»Weißt du, worauf dies Alles hinausfliegt?«
»Ja.«
»Und – bist du traurig?«
»Nein.«
»Das ist gut.«
»Ja.«
»Musik wäre schön.«
»Sie
ist schön. Denn ich höre sie auch so.«
Langsam wird die Sonne rot
& leise
Tomatensaft & ein Lachen & ein wenig Blut
am Himmel
Die Zeit verfliegt
verfliegt uns
& kennt doch stets die Richtung
Schau nicht nach unten
Sonst wird dir schwindel
ich
»Jetzt?«
»Ja.«
»Zieh dich aus. Ich weiß auch so, wer
& was du bist.«
Wie ruhig der Teppich fliegt
Kein Schlingern, kein Absacken in
unsichtbaren Luft
Löchern….. Kein Wackeln im Luft
Strom…. Das Gewebe trägt uns
Erträgt uns, macht Alles
erträglich
während sich schließt, was ein Kreis werden will –
Und die Begleiterin schlüpft
aus ihrer Uniform
so schön
so schön
& dann – nackt – ist sie anders
als jedes Klischee, als jede
Vorstellung
Kein Stundenglas, und keine Hippe –
kein Gerippe, nur weiche Linien & Schönheit
und sie kommt
ganz nah
und sie beugt
sich hinab
und sie flüstert
in meine Brust hinein

»Bitte nicht klopfen.«


Nacktfotos, von Fremden geschossen

Auch das
ein faszinierender Gedanke:

man erfreut sich
an den Nacktfotos der Geliebten
Nacktfotos aus fremder Vergangenheit –
& weiß doch: da war kein
Selbstauslöser

im Spiel

Ein Anderer
Geliebter

hat die Fotos geschossen

man kann es

spüren
schmecken
hören
sehen

Und die Fantasie ist dabei

anwesend beim Shooting
in der Vergangenheit

Und derjenige, der Geliebter war,
bereitete den Boden für den nächsten
Geliebten – in der Zukunft

& hat Anteil
an der Erregung des gegenwärtigen

Niemals
werden sie sich kennenlernen.

Hat er es sich träumen lassen? Dieser
vergangene, dieser Verflossene – als
er auf den Auslöser drückte?

Ja
wirklich:

faszinierend
verzwickt
erregend

dieser Ge
danke


Film: orale Bekreuzigung

Ich filmte sie
mit meinen Augen

Blende: auf
Verblendung ein
gestellt

Schärfe: gestochen
scharf

im Fokus: die Frau

Sie kommt zurück
aus dem Bad
zurück ins Schlafzimmer
die Klospülung rauscht
im Hintergrund
Die Frau: nackt im Licht der Kerzen
im Licht der bunten Lampe im Bücherregal
Die Decke liegt am Boden
Ich liege entspannt & ausgebreitet
da
Sie kommt
ins feuchte Bett
5 Küsse gibt sie mir
in rascher Folge:
Schwanz, Bauchnabel, beide Brustwarzen, Mund
Ich grinse
denke irgendwas wie: orale Bekreuzigung
Sünde! Sünde! hahaha
& dann liegt sie neben mir
entspannt
Es läuft
Musik
Wir schauen an die Decke

Und irgendwann
ein paar Songs später:

ich richte mich auf
um sie zu küssen
von oben herab
& ihre Augen schwimmen
»Was ist?«
»Ich werde nie das sein, was du brauchst
& was du dir wünscht.«
»Nicht doch – so’n Quatsch, das bist du
doch schon jetzt.«
»Nein,
lass es
dir gesagt
sein.«

Rückblende:
eine Nachricht von ihr
aus der Zeit als ich sie nur auf Fotos gesehen hatte,
auf Fotos, die ein Anderer ‚geschossen’ hatte –
›Warnung: ich mache es immer wieder selber kaputt.
Weil ich bin. Wie ich bin. Übel.‹

Ich hatte sie aus
geblendet. Diese Warnung.
Und das war gut
so.

Was würde man alles verpassen,
wenn man sich um Warnungen kümmern würde!

Orale Bekreuzigungen
zum Beispiel.

Oder sie: [Replay:]

Sie kommt zurück
nackt im Licht der Kerzen
im bunten Licht der Lampe zwischen den Büchern
etwas rauscht
im Hintergrund

(Auch das hatte sie mir geschrieben, früher:
›Du bist mein Hintergrundrauschen.‹)

die Klospülung
verstummt
es läuft
Musik
wir schauen an die Decke

Abblende


Über uns

Wir stolperten
über uns

 

Wir fielen

fielen

über uns

her

 

Über uns
war
Nichts

als Luft

Wir waren
unter uns

In uns
war
Nichts

als Lust

 

Wir fielen

fielen

über uns

her

 

Nichts ging
über uns

Alles
unter uns

Wir stolperten
über uns
Wir fielen

hin

& her

über uns

Wir lagen
nur so da

am

Ende


Schmetterlingsgleich

Wir hatten uns nie gesehen
Wir hatten uns nie gehört
Wir kannten uns nur
durchs geschriebene Wort

Und sie schrieb von ihrer Zunge
die mich berühren würde
schmetterlingsgleich
& überall

Das gefiel mir

Und als wir uns sahen
Und als wir uns hörten
war ihre Stimme anders
als ich sie mir vorgestellt hatte

Doch ihre Zunge war schmetterlingsgleich
Stumm in meinem Mund
Stumm an meinem Schwanz
Weich, flatternd & schweigend

sprach sie die Wahrheit

Und sie berührte mich
überall
über
all


Schmuddelkomödie mit gewaschenen Gardinen

Es erinnerte mich
beinahe an eine dieser Schmuddelkomödien
– vom Anfang der 70er Jahre, dabei war es bereits das Ende
dieses Jahrzehnts. Da stand sie also
barfuß auf der Leiter – & hängte die frisch gewaschenen
Gardinen auf. Das grüne Kleid mit dem gelben Blümchenmuster war
eines ihrer kürzesten. Kurz & knapp. Ich saß auf dem Sofa
& schaute zu; ihr Mann (neben der Leiter) hielt
die Stores in beiden Händen; und sie streckte sich
& schob ein Plastikröllchen nach dem andern in die Schiene
an der Decke. Draußen vor dem Fenster
verblasste eine Landschaft in der Sonne. Ich
erinnere mich nicht an sie. Nicht an die Landschaft
& kaum an die Sonne. An die Sonne erinnere ich mich nur
als Lichtspiel auf nackter Schenkelhaut. Als Gegenlicht &
Reflex. Gelbgrün rutschte der Saum übers Pogebäck, und
natürlich trug die junge Frau nichts unter diesem Kleid. Es war
die Zeit, es war Klischee, und es war
diese seltsame Schwäche des Mannes; seltsam &
gewöhnlich zugleich. Das Begehren der Anderen erhöht den Wert
des Begehrten. Und nicht zuletzt den Wert dessen, der sich
als ‚Besitzer’ des Begehrten fühlt. Ein kleiner, billiger Kick.
Nicht ohne Gefahr. Ich saß also da, lauschte dem Geräusch
der Röllchen, dem belanglosen Geplauder zwischendurch –
& war nichts als Auge & Erektion –
& Besuch, ich schlief im Gästezimmer, ich hörte
das Gestöhne bei Nacht. Und machmal auch bei Tag. Über
die Konstellation der Komödianten gibt es nicht viel zu sagen.
1 Ehepaar & 1 Vereinzelter. Und die wunderbare Verblendung
der Hormone. Die grandiose Dummheit der Wollust.
Es war – als hätte der Mann nie darüber nachgedacht, weshalb es
der Frau nichts ausmachte, sich dem Besuch so zu zeigen. Dabei hatte
es oft genug Streit gegeben, weil die Frau sich den Bekleidungswünschen des Mannes
widersetzte. Es war ein Spiel, ein Hin & Her, es war Schwäche gegen Stärke,
Widerspiel & Kräftemessen, Spiel mit Feuern jeglicher Art, dem Feuer
der Leidenschaften, dem eigenen Feuer, dem Feuer der Anderen &
brennenden Sehnsüchten.
Die Gardinen waren noch feucht. Ich konnte sie riechen. Der Mann grinste;
der Arsch grinste, und ich grinste wohl auch – ab & an. Eine Komödie eben.
Die Wohnung war groß; 2geschossig, die Schlafzimmer oben. Und irgendwann
waren wir oben, die Frau oben, ich oben, die Frau oben auf mir, und unten
wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt. Wir hörten es beide. Da wir
es gewohnt waren, aufmerksam zu bleiben. Man wusste nie sicher, wann
er nach Hause kommen würde. Also sprang sie runter
von mir & ich aus dem Bett. Sie griff sich das Kleid vom Boden &
rannte ins Bad. Wo blieb denn nur die Musik
vom Hammerklavier? Warum waren wir nicht schwarzweiß?
Ach nee, es waren ja die 70er. Und nicht die 20er. Obwohl……
Irgendwie gelangte ich in die Beine meiner Hose – & ritsch!:
ein Stück Haut verklemmte den Reißverschluss. Das war das Ende
der Erektion. Es blieb keine Zeit, Schmerz zu empfinden. Also:
ratsch!: wieder runter mit dem Reißverschluss….. Und es blutete
nur ein wenig. Ich schnappte mir ein Buch, setzte mich aufs Bett &
sah, über den Flur hinweg, wie sie aus dem Bad kam. In Grün & Gelb
& ohne Schuhe. Sie barfüßelte treppab, und wir flogen
nicht auf. Dieses Mal.
Herzblut, Penisblut, Ende gut, Alles gut.
Nun ja – so gut war das Ende nun auch wieder nicht.
Aber egal. Die Menschliche Komödie
halt. Kurz & knapp.
Es wurde nicht viel gelernt daraus.
Dieselben Fehler wurden weiterhin gemacht.
Und – ja: der Geruch frisch gewaschener Gardinen
macht mich geil.


Heiße Luft

»Du bist Luft für mich«, schwieg sie.
Auch ich war ganz still.
Ich atmete tief ein, um
zu leben – die Luft
die ich war.
Und
ich verschwand…..
Heißer Wind, der
unter ihren Rock wehte, um ihn
ganz leicht
anzuheben. Bis
sie lächelte.


Kurven

Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs.

Am liebsten in die Kurven
der Geliebten
als wären sie der Weg.

Der Weg
zur Ruhe zu kommen.

Und das Ziel zugleich.

Sie kamen oft.

Kamen
zur Ruhe
zu sich
& zu
einander

ineinander

& lachten in den Lachen auf dem Laken.

Kalt waren die Lachen
& feucht.

Bevor sie trockneten.
Flecken der Erinnerung

die blieben
während sie gingen
die Geliebten

Und immer wieder
kam sie wieder.

Nur einmal nicht.
Und wer einmal nicht wiederkommt
kommt niemals wieder

denn einmal ist der Anfang
von niemals
wenn es ums Wieder geht

Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs

Am liebsten in die Kurven
der Geliebten.

Und dann war sie
weg.


Die Venus über der Straße

Nein,
ich kann sie nicht ernst nehmen –
die Venus über der Straße.
Die Stecknadel am Abendhimmel.
Sie leitet mich
fehl.
Wenn ich ein Auge zudrücke, scheint sie
über dem Hotel zu leuchten,
in dem ich arbeite –
für 8 Euro pro Stunde
+ Nachtzuschlag,
inklusive mieser Musik, die alles berieselt.
Da ist wenig Erotik;
von Liebe ganz zu schweigen.
Jedenfalls, was mich betrifft.
Selbst das Essen, das ich bekomme,
wirkt meist lieblos.
In den Zimmern,
an denen ich vorbei gehe,
nachts auf meinem Rundgang,
mag es anders sein. Vielleicht.
Ein bisschen wie
in meinem Kopf.
Hier schnarcht’s, da stöhnt’s,
die Klospülung rauscht, und
das plötzliche Niesen hinter einer Tür
erschreckt mich fast zu Tode.
Manchmal klatscht es auch dahinter
– & das ist kein Applaus.
»Wir hätten gern ein Doppelzimmer.«
»Ich hab nur noch Einzel.«
»Das ist okay.«
»Das Bett hat nur 90 cm.«
Keine Ahnung, ob das stimmt.
»Das reicht uns.«
Da wett’ich drauf!
»Hauptsache, es is schön warm.«
»Selbstverständlich.«
Und wenn Eure Hitze nicht reicht,
schenk ich Euch einen vollen
Benzinkanister. (E10. Ich muss sparen).

»Möchten Sie auch frühstücken?«
»Äh…. nein, wir reisen ganz früh wieder ab.«
Na sicher. Ohne Gepäck. Und die Adresse
ist gleich nebenan.

Hin & wieder stirbt jemand.
Hin & wieder blutet jemand.
Aber meistens
nicht.
Und sollte ich gerade essen, ist
das Hotel ausgebucht.
Nein, ich kann sie nicht ernst nehmen.
Die Venus über der Straße.
Und die Arbeit.
Und noch
so mancherlei.


Knaurs Buch vom Film


Knaurs Buch vom Film
© 1956 by Droemersche Verlangsanstalt
Autor: Waldekranz Arpe

(Was für ein Vorname!)

Es stand in der Bibliothek meines Vaters.
Gern nahm ich es
mit ins Bett.
All
diese Il
lust
rationen….
All
diese Photographien….

Sogenannte Göttinnen
der Leinwand……

Zum
Niemals
Sattsehen.

Riso amoro:
Silvana Mangano
auf ihrem Bett
im Hemd – &
meinem liebsten Kleidungsstück:
dem Sonstnichts….
Prachtgeschenkel in Schwarzweiß
Neorealismus
So neu – für einen kleinen Jungen

The Seven Year Itch:
Das hochgeblasene Kleid der Marilyn M.
bevor es, bevor sie zum Abziehbild wurde
Zufällige Zugluft eines Zuges

Und ein Teil der Erregung war
Hineinversetzung: die Vorstellung
so auszusehen & so gesehen
zu werden……

Ava Gardner
Gina Lollobrigida
Theda Bara (‚der erste Filmvamp’ hieß es da)
Die bloßen Brüste der badenen Martine Carol
(In einer Zeit als es keine Nacktheit am Zeitungskiosk gab.)

& so weiter
& so fort

Weit fort
in Träumen

Und in Sommernächten
schlich ich mich hinaus
nackt oder halbnackt
ins Freie

Dorthin
wo Niemand war
aber Jemand
hätte sein können

auf ein
samen Wegen

gerne unterm Mond

Wilde Schlägereien des Herzens
Die Unruhe der Hormone

& die Lust war so groß
dass ich keine Befriedigung wollte

Fast ein Schmerz –
Dazu die Angst
aufzufliegen

erwischt zu werden
von den Achsoerwachsenen

Doch es geschah nicht.
Nichts geschah
außer mir.

So Vieles
in mir.

Die Filme sah ich
später –

am Anfang stand
Das Buch.

Knaur bw


Die Mütze der Stripperin

Durch einen dieser berüchtigten Zufälle landete ich
in einem Nachtclub. Obwohl es spätabends war, war ich
jung. Kannte die Stadt nicht, kannte die Menschen nicht.
Wusste nicht, was mich erwarten würde. Nirgends. Und
auch in diesem Club nicht, der sich Nachtclub nannte;
sogar am späten Abend.
Artistik, versprach der Schaukasten.
5 oder 6 Kekse hatte ich an dem Tag gegessen, um
Geld zu sparen.
Ich saß direkt an der Bühne, konnte meinen Ellenbogen darauf
stützen. Stützte meinen Ellenbogen darauf. Trank Rotwein.
Ohne andere Grundlage als die Kekse. 5 oder 6.
Leichter Schwindel. Artistik
wurde geboten. Man jonglierte
mit Langeweile. Zauberte.
Im Licht des Weines beinahe unterhaltsam.
Gerade wollte ich gehen, da kam
die erste Frau. Auf die Bühne neben meinen
Ellenbogen. Und zog sich aus
in einem anderen Licht.
Ich blieb.
1 Frau lang. 2 Frauen lang.
Hübsch, doch keine Schönheiten.
Weitere folgten.
Ich war so jung, dass es einfach für sie war,
älter zu sein als ich. Hübscher zu sein
war noch einfacher
für sie. Ich
war froh, hier zu sein. Dankte dem Zufall,
dem berüchtigten.
Die Schönheit kam zuletzt.
In blauem Jeansstoff. Hotpants, Weste & Mütze.
Schwarze Stiefel.
Die Artisten gerieten
in Vergessenheit;
was auf sie gefolgt war, geriet
in Vergessenheit.
In mein Vergessen.
Und der einzig wahre Zaubertrick des Abends
geschah – als sie die Mütze abnahm……
Wie konnte all
dies Haar
darunter versteckt gewesen sein?
Rotgetönte dunkle Wellen.
Und sie kam zu mir (ich konnte sie
riechen) & setzte
mir ihre Mütze auf. Lächelnd.
Ich rückte sie zurecht. Die Mütze. Am Schirm.
Es blieben nur 2
Teile, die es auszuziehen galt.
Die Weste & die Hotpants (nichts
darunter, und die Stiefel
behielt sie an)…..
Eine aufblasbare Champagnerflasche
stand auf der Bühne, vielleicht 1 Meter hoch.
Die Schönheit tanzte um sie herum, berührte
mit ihren Fingern das, was bei einer echten Flasche
der Korken gewesen wäre, lächelte
in Richtung des jüngsten Zuschauers,
der ihre Mütze trug, und die Lautsprecher
vibrierten von: Sailors: ‚A Glass of Champagne’…..
Die Mütze passte mir. Wärmte die Träume.
Erhitzte die Fantasien. Gebar Erwartungen.
Dann lag die Flasche am Boden, und
die Schönheit ritt nackt & gestiefelt auf ihr.
Im Rhythmus gesungener Worte.
Getönt wogende Wellen, weiches Fleisch – & über
all Haut Haut Haut.
You’ve got the figure full of delights
Sie ritt & tanzte, tanzte & ritt – & ich
konnte mir vorstellen, mir ausmalen, mir
erträumen – the two of us over a glass of Champagne…..
Fieberwahn des bemützten Schädels. Roter
Wein ohne Grundlage. Leichter Schwindel….. Mein Ellenbogen
hatte längst die Bühne verlassen. Schließlich
ging auch sie. Die Schönheit.
Ein kurzer Augenblitz in meine Richtung, dann
wandte sie sich um & verschwand (dieser Arsch dieser
Arsch dieser Arsch
) hinter dem Vorhang,
dessen Farbe ich vergessen habe.
Hände applaudierten. Irgendein Typ, der vermutlich
ein Gesicht hatte, kam hervor, sammelte
die 2 Teile vom Boden auf
& nahm mir die Mütze.
Wie ein Dieb.
Fort. Alles
fort.
Mein Kopf
wurde nicht kühler dadurch. Doch
ich ging. Verschwand
wie sie.
Die Frau, die ich damals liebte, hatte
die gleichen Hotpants, die gleiche Weste, eine
ähnliche Mütze. Auch sie
war älter als ich. Sie arbeitete in einer Bar &
lief gerne nackt & gestiefelt durch die Wohnung,
in der ich zu Gast war.
Berüchtigte Zufälle.
Ich kannte die Menschen nicht, kannte die Stadt nicht.
Die Stadt dieses Nachtclubs.
Ich war dort –
nur wegen Joyce.
Und Thomas Mann.
Ich stand an einem Grab
in der Nähe eines Zoos, und
die Sonne schien
auf meinen ungeschützten Schädel.
Ich konnte die Elefanten hören,
und jemand hatte eine Rose
auf ein Denkmal gelegt.
Ich dachte an die Schönheit
& an die Nacht, die
ein später Abend gewesen war.


Das Plakat

»Eigentlich seltsam«, sagte sie
(sie saß auf ihren Fersen, auf der Matratze,
nackt, den Blick gerichtet
auf das Plakat, das an der Wand hinter mir hing,
überm Kopfteil des Bettes).
»Was?« sagte ich.
»Dass du da ein Russ-Meyer-Plakat hängen hast;
du stehst doch gar nicht auf Brüste.«
Ich musste lächeln.
Das muss ich öfter
als ich denken mag.
»Erstens«, sagte ich: »ist das nicht wahr.
Die Tatsache, dass ich Beine & Hintern bevorzuge,
heisst doch nicht, dass ich nicht auf Titten stehe. Und
zweitens: sind diese Filme
unverwechselbar. Rein
formal gesehen.
Da hatte jemand Stil.
Und hat dem Alles Andere untergeordnet.
Das gefällt mir. So
muss man’s machen.«
Faster Pussycat, Kill! … Kill!
»So gesehen….«, sagte sie.
»Außerdem«, sagte ich,
»habe ich dir schon bei unserem ersten Treffen mitgeteilt,
dass mir deine gefallen.«
Jetzt lächelte sie.
Das musste sie öfter
als sie sich erinnern mag.

 

 

Plakat bw


Poesie & Erotikchat

Rilke im Licht eines Monitors
Ein geöffnetes Buch im Schein geöffneter Fenster
Virtueller Fenster
Poesie & Erotikchat – irgend Etwas sucht man ja immer
Die Einsamen suchen – aber nicht nur die
Hi, darf man stören? Was suchst du?
Ja, was eigentlich?
Ein rasches Ende.
Ende der Leere Ende der Sehnsucht Ende des Drucks Ende
der Geilheit Ende der Suche Ende der Eintönigkeit Ende des
Immergleichen Ende Ende Ende
Wo wohnst du? – Oh, Mist, zu weit, cu ….
Es hätte gepasst – vielleicht
Eine weitere Illusion, die man sich machen kann
Doch wahrscheinlich war die Frau ein Mann
der die Fantasien des Mannes am besten kennt
Überall Fakes (& Anglizismen, Fuck, Rilke hätte die nicht benutzt!)
Lügen – um sich begehrt zu fühlen
Wie alt bist du? Irgendwelche Tabus?
„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen….“
Wer will meine Frau ficken?
Wer will zusehen?
Wer will mich?

Überall Wille – überall Wollen – vorhanden oder gesucht
schmerzlich vermisst oder fast schon tot
– & über Allem: Fragen
Was hast du an?
Wie wär’s mit einem Rollenspiel?

Alles nur Schein – Schwein – & alleine Sein
Dominant & devot – treffen wir uns
bei einem Gläschen Natursekt
„Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen….“
Was suchst du?
Ja, was eigentlich? Und wo?
Einen romantischen Sonnenuntergang
zum Rein
wichsen
Schalt die Cam ein
Ich steh auf Dirty Talk

Rainer Maria, hilf!
Tipp Tipp Tipp Tast
aturen

Warum suchst du? Warum suchen wir? Warum immer?
mbi44 besuchbar sucht
Tina im T-shirt
(zu schön, um wahr zu sein) sucht
Paar aus Raum31 sucht

Zu wenig zu wenig zu wenig
Wer Nichts hat, sucht
Wer Etwas hat, sucht
In Büchern, in geöffneten Fenstern, die sich schließen
oder einfach verschwinden
Abkürzungen suchen Abkürzungen
„und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig voneinander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen :

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…“

Rilke
im Licht
eines Monitors

Kurz bevor
der Strom ausfiel

 

 

Rilke


Unterm gelben Zeigefinger

Was oben scheint
ist erneut der Mond.
Der Mond scheint
gelb, getarnt als Sonne.
Als Sonne der Nacht,
gelb wie der Zeigefinger eines nikotinsüchtigen Serienkillers;
er deutet
hinunter auf den Wald……
Knisterschritte in stiller Umgebung.
Was unten scheint
ist erneut die Frau. Getarnt
als Traum.
Traum, Baum, Saum eines Nacht
hemdes…. kurz & durchschimmernd ….
in Stummfilmblau.
Bloße Schenkel in Bewegung,
Nadelgeruch & das Ende der Stille.
Das Heulen des Tieres schneidet
ein Muster in die Dunkelheit & hinterlässt
eine Tonspur.
Ein Wolf träumt in der Ferne,
und seine Sehnsucht reisst die Frau
zu Boden…… fällt
über sie her,
leckt sie ab
mit schweigender Zunge &
zitterndem Schwanz.
Speichel tropft unterm Märchenmond.
Und Licht bricht in den Schweißperlen der Frau.
Rot ist die Lust
wie eine unter
gehende
Sonne….
& ihr Blut sickert
in den Boden
der Nacht.