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Beim Zahnarzt

Sie schmerzt immer mehr
Die alljährliche Zahnsteinentfernung
Blut fließt, ich balle die Fäuste

Mein Zahnarzt ist 78 Jahre alt
Zwei Oberschenkelhalsbrüche hat er hinter sich
Seine Frau ist tot
Aber manchmal läuft sein Hund durchs Behandlungszimmer
Die Sprechstundenhilfe, peinlich berührt, führt ihn
Dann wieder hinaus – den Hund
»Du darfst hier doch gar nicht sein«, sagt sie
Und tätschelt ihn
Ob sie sich hinterher die Hände wäscht
Weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Der Zahnarzt hat nicht mehr viele Patienten
Aber was ich ihm vor 12 Monaten sagte, hat er vergessen
Dass ich seit 7 Jahren keine Zigarren- & Rotweinbeläge mehr
Auf den Zähnen habe, wundert ihn
Jedes Jahr aufs neue
Und immer wieder fragt er, ob ich keinen Tee mehr trinke

Er will nur noch arbeiten
Bis seine Sprechstundenhilfe in Rente gehen kann
Woanders würde sie doch keinen Job mehr bekommen, meint er
»Außerdem – was soll ich denn sonst machen?
So bin ich gezwungen, jeden Morgen aufzustehen
Und mich zu rasieren; das ist was Gutes.
Und solange meine Hände nicht zittern….«

Das Poster an der Decke kenne ich
In- & auswendig
Kitsch: Elvis Presley, Marilyn Monroe, Stan Laurel & Oliver Hardy,
James Dean und und und – kreisförmig angeordnet
Auch schon alle tot
Wie meine Mutter, die sich hier ein neues Gebiss besorgt hatte
Vor langer Zeit
Gerahmte Fotos verstorbener Hunde zieren die Wände
Da gibt’s viel Staub zu wischen
Ob das jemand tut, weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Die Hunde ähneln einander

Nach Einbruch der Dunkelheit
Geht die Sprechstundenhilfe Gassi
Damit der Doktor nicht wieder stürzt
Sie ist etwas schwerhörig
Aber der Hund ist jung
Er könnte uns alle überleben

Kinderbücher im Wartezimmer
Obwohl keine Kinder mehr kommen
Doch die Erwachsenen erinnern sich vielleicht
Sie gelesen zu haben

Werde ich nächstes Jahr wieder hier sein?
Wird der Doktor nächstes Jahr noch hier sein?
Er würde sich wundern
Wo meine Beläge geblieben sind

Und ich könnte ihm sagen, dass ich keinen Tee mehr trinke
Obwohl das nicht stimmt
Ich möchte nicht der letzte Mund sein
In den er schaut

An meinem Ende
Des Dorfes kann ich hören
Wie der Hund des Zahnarztes
Am anderen Ende bellt

Er begrüßt jeden Patienten persönlich
& meldet ihn an
Aber manche Hunde bellen auch
Weil sie einsam sind


Das Portemonnaie

Das Portemonnaie war wieder da.
Man erzählte es mir.
Ich hatte nicht gewusst, dass es weggewesen,
aber nun – da ich hörte, dass es wieder da war –
wusste ich es.

Kein Grund, sich zu erschrecken.
Es ist ja wieder da.
Als wäre es nie weggewesen.
Die verzweifelte Suche
war mir entgangen.

Was weiß man schon, und
was will man wissen?

Das Ende allein?
Den Weg dorthin?
Den Anfang?

Ich weiß es nicht.
Jetzt ist da etwas.
Vielleicht war es weg
gewesen ohne mein Wissen.

Wo nichts ist
war vielleicht immer schon nichts,
aber niemals kann man sich
sicher sein.


Einfach wir

Zwei Ein
Zellgänger sagen
Wir

Zwei Zahn
Bürsten berühren sich
im Glas

Zwei Wäsche
Welten kreisen bunt im Kalleidoskop
der Waschmaschine

Zwei Leid
Ende der Einsamkeit
lachen

Es ist
fast ein
fach

Ein Du
Ein Ich

Ein Wir


Unser Planet

Wenn wir uns täglich begrüßen
als hätten wir uns 1 Jahr
lang nicht gesehen

Gewinnen wir dann Zeit?
Wie alt sind wir?
Wir sind

auf einem anderen Planeten
Seine Zeitrechnung
ist unsere

Wir werden sehr alt
werden gemeinsam
auf unserem Planeten


Die Wolle der Schafe

Erwacht
Ginnungagapisch gegähnt
Was hatte mich –
Ach ja: die Wolle der Schafe wuchs zu laut
Auf der Weide, 3563 Schritte
Von meinem Schlafzimmer entfernt
Aufstehen, auf, stehen, gehen
In den Spiegel schauen, aus dem Spiegel schauen
Toast springen lassen
Den Aufstrich der Kindheit verstreichen
Der Kaffee ist verbittert
Ich will ihm nicht ähneln
Die Sonne ist untergegangen
Ich will ihr nicht folgen
Im Radio wird ein Xylophon beklöppelt
Leben, heißa hopsasa
Ist das noch Traum, oder ist das schon
Nichts? Kaum
Aufgestanden, könnte man sich gleich
Wieder hinsetzen
Und zum Frühstück gemächlich ins Gras beißen
3563 Schritte von meinem Schlafzimmer entfernt
Ruhe da!
Sanft

Der Lärm des Pullovers
Echo der Strickmaschine
In den Spiegel schauen, aus – nee, halt
Da kommt nichts zurück
Gefangener Blick
Ein Sprung in der Oberfläche
Schnell nochmal die Zähne putzen
Damit der Bestatter nicht über Mundgeruch zu klagen hat
Alles fault gemütlich
Vor sich hin, hinter mir her
Ist das Noch, oder ist das Schon?
Wurde man jemals verstanden
Wenigstens von sich selber?
Das versteht sich
Von selbst
Nicht

Dann sattelten wir den Drachen
Das Brot zu erjagen
Wir schossen es von den Bäumen
Hangelten uns von Urlaub zu Urlaub
Wie weiland sich der Oberförster
Von Kronleuchter zu Kronleuchter geschwungen hatte
Um den Teppich zu schonen
Den Teppich, auf dem wir alle bleiben sollen
Für was? Für was denn, Hugo?
Nacht wird auf Nacht geschichtet
Am Ende: eine Mauer aus Nächten
Und dahinter – –
Ist das noch Leben, oder ist das schon
Nichts? Immerhin
Der Wurm, der dem Vogel zum Halse heraushängt
Wird nimmermehr dein Grab besuchen
Heißa hopsasa! Du blut-rotes Ding
Noch einzwei Zucker, dann isses vorbei
Mond geht auf, Hose geht auf
Abstrich des Alters
Im Keller stehen die Gläser mit Eingewecktem
Pfirsichmumien, von der Großmutter gepflückt
Sie strickte Socken, auf die man sich machen konnte
Sogar wenn man ziellos war
Irgendetwas glaubte man
Immer zu finden
28 Butterblumen, 17 Kieselsteine, des Müllers Lust

Es tropft die Zeit
Dann fließt, dann strömt sie
Flutet, überflutet
Gischtender Zeitfall gen Ende
Sintflut

Erweckt erwacht ertrunken
Knack end es Kiefer gelenk
Chaotisches Gedankenknäuel
Zu viel fallengelassen
Zu sehr verstrickt

Mählich wächst das Gras
Doch man ist fast schon taub
Noch dreimal schnell auf Holz geklopft +++
Klingt gut, der Sarg
Spiegelglatt, und riecht nach Pronto

Wie die Möbel in der Kindheit
Man glaubt beinah, bei Trost zu sein
Hohl über, Fährmann!
Reich mir die Hand
Reicht.


Evolutionsleere

Ich ging vorbei
Ich konnte gar nicht schnell genug
Vorbeigehen

Am Sportplatz
Ein Globus wurde getreten
Gefangene Luft in Tierhaut

Schreie & Gegröle
O Darwin! ich befürchte, der Mensch
Stammt vom Fußballer ab


Der Dritte Weltkrieg

Der Fischer blätterte um
Eine Frau stolperte
Fiel auf die Seite

Das löste den Dritten Weltkrieg

Aus

Ganz langsam
legte der Fischer das Buch
auf den Nachttisch

»Entschuldigung« flüsterte er
Er nahm sich vor
künftig vorsichtiger umzublättern

Dann schlief er

Ein


Das Lyrikregal

Alle anderen stehen
fest stabil massiv
bei

nahe unverrückbar
an den Wänden voll
von Prosa Wissenschaft

Philosophie Nur
das Regal mit den Gedichten
wackelt

Wannimmer man ein Buch herausnimmt
scheint es kurz vor dem Zusammenbruch
fragil & klapprig

Ohne Rückwand
schwankt es von links nach rechts
wie ein besoffener Poet

Eigentlich hatte ich es
festnageln wollen
ganz zu Anfang

Was für ein oberflächlicher
Gedanke denke ich
heute


Kaum hinaus

Kaum bin ich zur Tür
hinaus
erinnere ich mich nicht mehr
an meinen Namen

Da geht ein Fremder
in Allem was spiegelt
Man kann ihn nicht rufen
denn er weiß nicht

wie er heißt


Rätsel

Ich bin

mir ein Rätsel
und die Lösung, die ich gefunden habe
ist falsch

Ein Rätsel

kann nicht sich selber lösen
Es trägt die Lösung in sich
als Teil seiner Existenz

Trüge es nicht
die Lösung in sich
wäre es

ein anderer

Würde es sich lösen
wäre es

nicht er selbst

Kein Rätsel mehr

Ich bin mir ein Rätsel
und was ich finde
ist mein unlösbares

Ich


30161

Sesam!
Im Kühlschrank
Schwitters‘ Saure Sahne
Ach ja, da fällt mir
ein: Hannover
Auch ich war noch nie
in New York (Großstadt ist Großstadt)
aber in Hannover kennen wir einen Swingerclub
& ein Katzencafé (inzwischen pleite)
Da gingen wir immer die Miezen streicheln
Und anschließend spritzte ein Inder
meiner Freundin aufs Bein
(aber nur, weil ich gesagt hatte »Nicht
ins Gesicht« – was schade war, ich hätte es
schön gefunden,
doch man muss ja auch mal an Andere denken)
Es klingelten die Gürtel
Schnallen, Schwanzgewedel, und Hände
waren überall. Das Begehren der Fremden –
man kennt das. Strangers in the night
Feurige Mannschaft, versammeltes Getier
Blicke. Das karierte Röckchen
stand ihr aber auch wirklich
allerliebst. Klein & schön. Mädchenzartes Geschenkel
Das will man doch begreifen; das finde ich
begreiflich. Slipless Night –
für alle Damen ohne: 1 Freigetränk
nach Wahl! Und plötzlich
bekommt das Wort Klapsmühle eine ganz neue
Bedeutung. Weichschwingender
Applaus. Wuchernde Beulen. Irgendjemand
küsste & bezüngelte ihr die Zehen
auf dem Gynäkologenstuhl
(erzählte sie mir später; ihre Füße
waren ja hinter mir gewesen)
Rückwärts von nah
Ein alter Mann stöhnte auf
als sie ihren Finger ableckte
der irgendwo dringesteckt hatte
Das weiche Fell
der Maine-Coon-Katzen
getigert & getüpfelt
Schnurren & Latte
Macchiato. Junge Frauen
mit Milchschaum auf den Lippen. Süß
Irgendetwas erinnerte mich
an Mühlenflügel – – –
Es wurde weiß gelächelt & geleckt
kicher kicher
Manche streckten ein Bein aufwärts
und reinigten sich den Schritt mit der Zunge
(Gras fressen nicht vergessen!) Auf dem Wege
vom Katzencafé zum Swingerclub
kam man an einem Antiquariat vorbei
klein, vollgestopft & schön
Büchertürme im Schaufenster
Alte Folianten, Leinen & Leder
Ein hübscher Rücken neben dem andern
entzückend, berückend, beglückend
Die Reise ins Blaue hinein
Es war winterlich kühl
Viele Bücher trugen ihre Schutzumschläge
allerliebst. Ich
hätte zugreifen mögen
aber immer war’s
geschlossen


GeDicht

Ein winziges Et
Was aus Worten so
Dicht daß es unfassbar
Schwer ist
Untragbar
Kein Zwischenraum
Keine Luft
Kein Licht
Nichts
Welt ge
Formt


Striche Streifen Schleier

Nu blas schon

die Kerzen

aus

Ich sehe

Striche Streifen Schleier

in Flammen

 

Durchgestrichene Lampen
als hätte ich etwas
gegen Licht

Und nachts auf der Autobahn
nähern sich mir
die leuchtenden Kreuze

Memento mori

Ausgerechnet
ich der ich
schon als Kind
jede Kunstfunzel jedes Petroleumlämpchen
der unsubtilen Lichtverschütterin am Himmel
vorzog
kann nun der freien Wattwahl mich nicht mehr erfreuen

Schraffierte Welt

»Also, wenn wir
Ihren Nachstar jetzt schon lasern, könnte es passieren,
dass die Linse nach hinten ins Auge fällt.
Dann hätten wir ein Problem.«

Wir? Ich
muss jedesmal lachen, wenn ich daran denke.
Halt doch mal
das Auge still, du klapperst so laut!

Und Glaskörper klingt doch auch
irgendwie erotisch…..
Da sehe ich
ein Ballett durchsichtiger Nackttänzerinnen

schillernde Prismenpopos
buntgebrochenes Licht aus diaphanen Schenkeln
mundgeblasene Brüste

ich schweife

ab

Wo waren wir?
Ach ja – nu blas schon
die entzündeten Dochte

Wackelnde Flammen
Striche Streifen Schleier
Rauch geformt
wie eine französische Wolke

 

Und dann bleibt nur noch der Mond
der durchgestrichene
Und am Ende

ergreife ich
den Schweif in meinem Auge
& klettere hinauf

zu ihm

zu ihm

Mare Tranquillitatis

 


Der erste Traum

Soeben geboren
möchte das neue Gehirn träumen

Bilder die es nie gesehen hat
Bilder die nie gesehen wurden

Die Unendlichkeit im winzigen Kopf
Das Nichts von dem es nichts weiß

Was siehst du
Ausgestoßener?

Soeben geboren
und schon auf der Flucht


Traumgedächtnis

Im Traum erinnere ich mich
an Ereignisse, die nur in diesem Traum zu meiner Vergangenheit gehören.
Doch manchmal auch an vergangene Träume
oder an Träume, von denen ich träume,
sie in meiner wirklichen Vergangenheit durchlebt zu haben.
Woran erinnert man sich
nach dem Erwachen?

Manchmal an das, was man für Alles hält
Manchmal an das, was ich für Alles halte
Manchmal an das, was das Ich für Alles hält

Oftmals an Nichts

Die geträumte Vergangenheit ist wahr.
Die wahre Vergangenheit – – nein, wohl doch nicht –
geträumt. Oder?

Wer in der Vergangenheit Träume hatte,
hat im Traum Vergangenheiten.
Es kann nicht

anders sein.
Anderes Sein
Anderes sein
Anders sein

Wahres Sein
geträumt

Geträumtes Sein war wahr

Alles
Nichts

All
Es

Das Gedächtnis: ein Traum

Im Traum erinnere ich mich
Im Traum erinnert man sich
Im Traum erinnere man mich

mit all meinen Vergangenheiten
Sie könnten wahr sein
selbst die

von Anderen Geträumten


30 Jahre Nacht

An manchen Tagen kommt kein Individuum mehr auf mich zu.
Da sehe ich nur noch Menschenschläge,
die durch die Drehtür takten.

Jeder Einzelne eine Legion
von Lautsprechern, Alkoholopfern, fleischgewordenen Sinnlosigkeiten
– allüberall hirnbetäubendes Geschwätz, Gegacker & Geschrei –

Are you talking to me?
Are you talking to me?
ARE YOU TALKING TO ME?

30 Jahre Nacht.
Dienst. Hotel. Empfang. Und
Wer damals, zu Beginn, noch mein Interesse wecken konnte,

kann heute, kurz vorm Ende, nicht einmal mehr meine Verachtung in Schlaf versetzen.
Oder ist das gar schon Hass?
Sie halten sich für interessant?

Dann sollten Sie erstmal meine Hämorrhoiden sehen!
30 Jahre Nacht.
Wo soll die Reise enden?

Spürt denn niemand die Schlange vor & hinter sich?
Das Fließband unter sich?
Die Sprechblase über sich?

Die alte Taxifahrerin, die hier jede Nacht aufs Klo geht,
könnte vielleicht mitreden. Aber
wenigstens Die schweigt.

Evolution. Dass ich nicht lache!
Und die Stille Nacht hat’s nie gegeben.
Es klirren die Flaschen in der Plastiktüte.

Und das Geleut ist auch nur noch Leergut
leer gut, voll scheiße
Ding Ding Ding

An manchen Tagen kommt kein Individuum mehr auf mich zu.
Da sehe ich nur noch Menschenschläge,
die durch die Drehtür takten.

Die Hoffnung lebt,
sie könnte stehenbleiben –
und zwischen den Scheiben

ist Nichts


Knechtseelen

Brave new Gegenwart
Wo die Knechtseelen immer erreichbar sind
Immer abrufbar für die Bosse
Wo sie sich gebraucht & wichtig fühlen können
In ihren Knechtgruppen, die sie in ihren Taschen mit sich führen
Ruf mich an! Schreib mir! Ich will
Dein Sklave sein!
Nicht dass ich viele eigene Gedanken hätte, aber diejenigen,
die ich habe, darfst du mir auch noch nehmen.
In diesen geistfernen Zeiten
Wo die Zeit selber nichts mehr wert ist
Jeder Angestellte seinem Ansteller mit feuchten Händen die Ketten überreicht
An denen er herumgeführt werden kann wie an einem Nasenring…..
Hier, meine Nummer. (Die Nummer bist du selber!)
Und das Schlimmste: sie merken es nicht
In all ihrer Dumpfheit
Zucht & Ordnung
Prägung der kleinen Münzen
Erziehungen, Züchtigungen
Nutzvieh!
Vernetzt
Verkäfigt
Gefangen
Brave new Gegenwart
Und sie verstehen ihre enge Welt nicht mehr
Wenn einer sich nicht mitkrümmt, mitbuckelt, mitschleimt
Bald werdet Ihr tot sein! (in 10, 30 oder 50 Jahren) Was war Euer Leben?
Warum habt Ihr es den Anderen so leicht gemacht?
Ausgerechnet Denen!
Das bisschen FreiSein, das einem möglich ist in dieser Welt
ist Euch immer noch zu viel?
Arme Knechtseelen
Die Ihr mein Mitleid noch als Beleidigung empfindet
Ja, Ihr seid brav
So brav, dass man Euch die Köpfe tätscheln möchte
pat pat pat


Wir wissen es nicht

Die Frau des Dichters sprach
(das haben die so an sich):
»Wie schön – im neuesten Gedicht

sieht man nicht
meinen nackten Po. Endlich
bin ich mal bekleidet.«

Da sprach der Dichter: »Oh!
Ich wusste doch
es fehlt etwas.

Nie ist ein Text perfekt.«

Sie trug eine Hose
während dieses Gespräches.

Das sollte nicht
unerwähnt bleiben
Der Dichter aber

änderte dies.

Wir wissen nicht
wo & wann


Oh, Herbst des Lebens!

Oh, Herbst des Lebens
Warmes Licht der Dämmerung…..

Ja, kein Wunder!
Die Linse des Menschen vergilbt!
Pissgelb wird das Teil im Alter; und
wenn jeder seine eigene Sonne im Auge hat –
was ist dann noch Realität?

Ich kann mich nicht erinnern
an den kalten Blick der Jugend.
Die Täuschung der Gefühle.

Das trübe Ding
wurde mir herausgeschnitten,
(aus anderen Gründen, gewiß)
nun seh ich wieder klar.

Was ist denn das für’n Dreck
da in der Ecke?
Kunst im Auge
wird zur Wissenschaft

wie die Spinne zur Wollmaus.

Mit Blaulicht Richtung Tod,
oder wählen Sie eine Linse mit Filter.
Andrerseits: für mich ist kein Himmel
mehr grau!

Was ist nochmal Realität?
Im Kopf hab ich sie nicht.
Der Arzt, der mit dem Skalpell
auf mich zu kommt

und spricht: »Hören Sie’s auch?
Jemand ruft ganz leise:
›Ich bin ein Star,
holt mich hier raus!‹«

Hahaha, ein Witz,
den hoffentlich bald niemand mehr verstehen wird.
Ich bin sediert,

ein Glück! Legt ein Tuch über mein Gesicht,
steckt mir einen Schlauch in die Nase,
und dann los! Mt 5,29

Und schon sitzen wir am runden Tisch
beim Kaffee: alte Piraten,
die alles verschütten.

Jeder seine eigene Schatzinsel.

Pj. Jrtndz frd Örnrmd
Est,rd Öovjz frt F#,,rtimh—–
 
In der Vergangenheit werden wir

    nie mehr leben

In der Zukunft waren wir

    noch nie

Aber auch was noch nicht da ist
kann immer kleiner werden
wie ein nasser Fleck, der verdunstet

Verschüttete Zukunft

Schnell noch ein Blick
aus dem Fenster – – –
Bevor es zu spät

ist – wird – sein könnte –

Es sieht nach Schnee

Aus


Der Zauberspruch

Der den Zauberspruch erfand
hat er dich gekannt, über die Zeiten
hinweg? Die Hose mit dem Gummizug

Hat er sie verhext? Wenn ja
danke ich ihm. Der Zug reißt
Das Beinkleid fällt

Stoff zum Träumen ohne Stoff
So nah! So dicht! Und durch Zufall oder Zauber
mundgerecht auf Augenhöhe

Wie lautet sie doch gleich
die Zauberformel? Ach
ja: Hokus

Und dann


3 Bücher

Wir lesen 3 Bücher
Mein Schatten, mein Spiegelbild & ich

Ein dunkles, ein verkehrtes, ein humoristisches
Das humoristische ist das schwerste

Verstehen wir sie?
Immer wenn ich zu den anderen hinüber schaue

Schauen sie zu mir herüber und lesen nicht
Vielleicht ist meinem Schatten das dunkle zu flach

Meinem Spiegelbild das verkehrte zu leicht
Wenn wir fertig sind, wollen wir tauschen

Mein Schatten nickt
Mein Spiegelbild lächelt


Unkonzentriert

Wie unkonzentriert
ich doch manchmal beim Gedichte-Lesen bin!

Des Dichters Asche
könnte feucht werden.

Bitte, lesen Sie dies
unkonzentriert.

Denken Sie
an etwas anderes.

Es geschieht mir recht.


Keine Bilder

Ein Säugling schrie verborgen
durch den Körper einer Frau

Wartezimmer, oder doch eher -halle: hohe Decke, harte Stühle hahaha
Menschen mit geschlossenen Augen & erweiterten Pupillen
Gut dass wir kein Kind haben

Die Frau, die für mich nur Rücken & Hinterkopf war,
legte sich ein Handtuch über die Schulter –
Schmatzen Saugen Grummeln
Das Auto stand im Absoluten

Halteverbot
Blick durchs Fenster
ob’s schon abgeschleppt – nee, da steht’s

noch
Wenn Gott oder Jesus persönlich
in schlechten Filmen auftreten

umgibt sie ein Leuchten, ein Schein ….
So sah ich
Alles im Moment

Ein paar Tropfen in die Augen
und Alles scheint heilig
im scheinheiligen Heiligenschein

Schmatzen Saugen Grummeln aus dem Jenseits
Jenseits der Frau
Stille Zufriedenheit

»Komisch« sagte die Geliebte
(auch sie besaß einen harten Stuhl; gleich
neben mir) – »keine Bilder«

tat
sächlich es
stimmte

Kahle Wände
Leer wie die Seite vor dem ersten Einfall
oder – nach den Einfällen – der Raum

zwischen den Zeilen

Aber: keine Bilder ist doch auch nur ein Bild

oder eine Metapher

Selbst keine Bilder lassen sich interpretieren
Schließlich waren wir in einer Augenklinik
– – – war das nun

Hoffnungslosigkeit
oder Rücksicht
Gedankenlosigkeit

oder einfach Das Große Garnichts?
(Sich vor eine Wand stellen & fragen:
»Was will uns das sagen?«)

Nüscht wie Nix
wahrscheinlich

Und wieder kam jemand vor mir dran
der nach mir gekommen war
(Auch so’n Lebensmotto)

Ich hatte Durst
Nicht dass ich auch unter das Handtuch gewollt hätte
Aber der Wasserspender in der Ecke

sah aus als hätte
Charlton Heston in einer Drehpause
sich einen Becher daraus abgefüllt

verkleidet als Moses
Ob der Säugling schlecht sieht?
Oder doch die Mutter?

Eine Uhr gab es hier auch nicht
die ich nicht hätte lesen können
Ein orangenes Blinklicht

hinter der Scheibe
jetzt? jetzt? –
nein, da steht’s noch

Das Vergehen der Zeit
ist kein Verbrechen
Oder doch? (Nur wenn man sich amüsiert)

Jemand hob die Lider
& sah mich an
Ja, schau nur her, ich bin’s

Simon Templer! – oder einer von den anderen
Da öffnete sich eine Tür
als ob eine Tür sich öffnen könnte

und eine Frau in Weiß sagte
meinen Namen


Rockgedicht

Beinahe hätte ich
ein langes Gedicht geschrieben

Aber nein. Mit Gedichten
verhält es sich wie mit Röcken

Die kürzesten
sind oft die schönsten

& was sich dahinter verbirgt
ist das Eigentliche.

Sieh, da liegt etwas
auf dem Grund…..

Heb es auf!


Bong Bong

Es war keine Kindheit
wenn dir nie ein Bonbon im Halse steckenblieb
& du dachtest ›Jetzt muss ich
sterben!‹

Aber dann
kam jemand & hielt dich
kopfüber in den Armen,
und du hörtest das Klickern
auf dem Fußboden

wie eine Murmel

Ein paar Tage später
bist du 59 Jahre alt
& erinnerst dich an
dieses Geräusch & das Gefühl

in der Kehle

Du hast noch fast alle
eigenen Zähne, aber klar –
sterben musst du trotzdem.

Doch vielleicht
schon wieder
nicht jetzt.


Über Macht der Worte

Der Born raucht
Ziemlich viel in seinen Gedichten

Und mit
Nicht mal 42 Jahren starb er

An
Lungenkrebs

Aus
Der Born

Hätte nicht rauchen sollen
In seinen Gedichten.


Verlaufen

Du hast mich
verlaufen

Wo bin ich
bloß

hin
geraten

Bin ich
zu Hause?


Die Kerze

Jemand malte
eine brennende Kerze auf Leinwand.
Dann nahm er das feuchte Bild
& ging durch einen finsteren Gang.

Er schloss
die Augen; ohne zu stolpern,
ohne anzustoßen
erreichte er eine Tür.

Dahinter war ein heller Raum.
Da war ein Haken
in einer der Wände.
Er hängte das ungerahmte Bild daran auf.

Sogleich erschien ihm
der Raum noch ein wenig heller.
Er hatte keine Ahnung,
wer hier wohnte.

Der hier wohnte,
mochte das Bild nicht.
Es war ihm unbegreiflich,
wie es hierhergekommen war.

Er nahm es ab
& warf es aus dem Fenster.
Auf der Tapete unter dem Haken
war ein Brandfleck.

Draußen wurde es dunkel.
Und jemand schrie.


Nachwelt

nach
welt möchte ich
sein für die vergessenen

die toten vergessen
von den leben
den die nach

geboren sind
& ihnen die unsterblichkeit verweigern
trost will ich

sein für die toten
& für jene die noch vor mir sterben
werden


Herr psst

Vorbei die Zeit
da man nackt auf dem Sofa saß
& dachte: ‹bald wird es dafür zu kalt sein›

Ich zitiere mein Zittern
der vergangenen Jahre, sinngemäß
Furcht

lässt die Bäume erröten
und die Furchtsamsten entblättern sich
als erste

(Ich kenne Menschen
bei denen ist es ganz
ähnlich)

Es ist
als dächten die Bäume
wie Menschen

zeit
weise
viel

zu viel


Am Küchenfenster

Ein Gedicht ging
am Küchenfenster vor

über. Lange dunkle Haarwellen,
Hotpants, schwarz & aus
gefranst. Weißes

Top, schulter
frei & eng. Perfekte Beine.
Straffe Leine.

Hund. Ich
hörte auf

zu spülen. Nasse Hände,
laufender Hahn. Das Gedicht

   schritt

voran. Eine Uhr
mit gleichlangen Zeigern. Wie spät
mochte es

wohl sein? Ich
folgte mit Blicken.

Ein junges Brötchen
Ein wedelnder Schwanz.
Schmutziges Geschirr.

Und auch das Fenster war ziemlich
dreckig. Zweipersonenhaus

    halt.

Ein altes Schwein
das gerne spült.

Sie sah mich nicht
Sie kannte mich nicht
Sie sagte nichts
Sie wollte nichts.

Das war schön.
Ein Gedicht

    halt.


Wozu die Eile?

Wohin des Weges,
rasender Schmerz? Noch
früh genug

wirst du dort sein
wo niemand dich haben will.
Gemach, gemach!

Schau, die schöne Wiese —
wie’se im Sonnenglast grünt
& die ehemaligen

Raupen über Blüten flattern
Existierst du überhaupt
in ihrer Welt?

Ich weiß, du
hast es auch nicht leicht –
wer dich kennt,

hasst dich.
Setz dich, Schmerz,
von mir aus

auch neben mich
Aber nicht zu nah
Wir wollen beide

aus

ruhen


Ein Buch, vorbei

»Ich weiß,
dass ich das Buch gelesen habe,
aber ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
wann, wo & unter welchen Umständen
ich es gelesen habe. Aber
ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
worum es geht, aber ich weiß nicht,
was passiert.

Es ist alles
zu lange her.«

»Wovon redest du?«

»Er kann dich nicht hören.
Er phantasiert.«

»Sicher?«

»Sicher. Es geht zu Ende
mit ihm.«

»Sicher, ich weiß,
dass ich es gelesen habe.
Aber was für einen Sinn hatte es,
das Buch zu lesen, wenn ich
mich an seinen Inhalt
nicht erinnern kann?«

»Du kannst es
wiederlesen.
Hörst du?«

»Er kann
dich nicht hören.«

»Ich könnte
es wiederlesen.«

»Siehst du? Er hat
mich gehört.«

»Aber nein,
das geht ja nicht.
Ich kann es nicht wiederlesen.
Es ist zu spät
dazu.«

»Hörst du? Wenn
du es gelesen hast,
wurde das Buch gelesen
von dir. Das
ist der Sinn. Du musst
dich nicht erinnern.«

»Ich erinnere mich,
dass ich es gelesen habe, aber
gerade jetzt weiß ich
nicht mal mehr,
ob ich es gut fand.

Ich -«

»Hörst du?«

»Lass ihn in Ruhe.
Merkst du nicht? – er
faselt nur noch.«

»Was für ein Buch
meint er überhaupt?«

»Keine Ahnung. Lass
ihn. Es ist gleich

vorbei.«

»Vorbei.«

»Vorbei?
Ja. — Vorbei.«