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Die Katze & der Wahnsinn

Beinahe besitze ich ein Haus
Tier. Der Ahorn vor meinem Schlaf
Zimmer reicht
bis an die Dachrinne. Wenn
der Wind weht
auf eine bestimmte Weise
berühren die Zweige das Metall
& streichen daran entlang. Der
Klang dieser Berührung erinnert mich
an das Maunzen einer Katze. Oft
liege ich im Bett & kann nicht
schlafen. Aus
vielerlei Gründen, aber
auch aufgrund dieses Klanges.
Ich könnte hinaus gehen
& die Zweige abschneiden.
Es wäre der Tod
meiner Katze. Meiner Katze aus
Holz & Wind, Metall
& Erinnerung. Das klingt
nach Wahnsinn.
Und vielleicht
könnte ich dann erst recht
nicht schlafen. Also
lasse ich sie
weiter wachsen. Über
das Dach hin
aus.


Endlich daheim!

Ich irrte

durch eine düstre
Anstalt

wandelte
heimlich

durch ihre irren
Gänge

& ging in die Irre
die eine Falle
war

Ich verwirrte mich
in mir

auf leeren Fluren
verwandelte ich mich

in Etwas, das
anders war

als das Gewohnte

mit seinen unheimlichen Zimmer
fluchten

Ich verging mich
an meinem alten Ich

das ich
verfluchte

Ich verfiel
& fiel dem Irr
Sinn anheim

& machte keine Anstalten
zu fliehen

Aus

dieser neuen Wohnung
die ein Irrsinn war

von Vielen

Endlich

Da

Heim!


Der Idiot in der Irre

Der Mond scheint ohren
betäubend wie eine nächtliche Schnulze aus dem Radio
mit dem Lautstärkeregler am
Anschlag.
Grell
leuchtet die Einsamkeit
im Gesicht des Idioten,
der durch die verlassenen Gassen
irrt.
Seine Absätze ticken auf dem Pflaster –
unregelmäßig wie eine Uhr mit Herzproblemen.
In lichtlosen Fenstern spiegelt sich seine verlorene Orientierung.
Man wird mich vermissen …. Man vermisst mich bestimmt schon ….
Verdammt, wo? …. Wie komme ich …. ich habe mich ver
laufen …. Bin ich nicht gerade erst los
gegangen? …. Das kann doch nicht
Sein ….

Fremde Namen auf fremden Schildern an fremden Häusern;
Klingelknopfleisten, mit deren Hilfe er die Fremden rufen könnte.
Doch er erwartet
keine Hilfe
von irgend
Jemandem.
Er
wartet
Hilfe von
Nie
man
dem.
Heim …. lautet der Kehrreim seiner Verzweiflung …. Heim!
kehr heim …. zurück …. zurück ins …. wo man mich vermisst …. weil
man mich kennt …. dort …. wo ….

Es ist
als ob
kein Leben mehr wäre
um
ihn
her
um –
die Welt: ein Leichenkeller.
Der Idiot ruft nicht. Schreit nicht. Der Mond ist zu laut.
Alle Ohren verfault. Seine Suche:
ein Widerspruch
in sich.
In ihm.
Denn auch am Ziel wartet
Nichts & Niemand
auf ihn.
Dass diese Nacht vergehen werde,
hat er vergessen. Nicht einmal
sein Tod könnte sie beenden
in seinem Schädel,
durch den er
irrt.
Tick Tick Tick.
Er erinnert sich nicht
an andere

Nächte.
Die Vergangenheit – gelöscht.
Ein Leben – gelöscht.
Eine Welt – gelöscht.
Und doch: Vermissen.
Und Sehnsucht.
Eine absurde Ahnung von
Etwas
Besessenem.
Könnte jemand in meinen Kopf schauen,
sein Blick würde nicht mehr her
aus finden ….

Er lacht. Stumm.
Strom fließt durch Laternendrähte.
Licht, das nichts beweist
als die Existenz von Maschinen –
& den Geist, der sie erschaffen hat
in der Vergangenheit.
Warum bin ich
bloß
los
gegangen?
Ich wäre jetzt dort, wo ich hin will, wenn ich
geblieben wäre ….

Er hätte es nur nicht gewusst.
Nicht gewusst,
dass er dort
hin
wollen
würde
wo er war
falls er ginge.

Der Mond
schein:
eine Heim
Weh
Schnulze

Lauter
& immer
lauter

Alle
Regler
am
An
schlag.

Der Idiot irrt

weit
er.

Durch
mein Ich.


Die rote Nacht

Rot war die Nacht
wie die Vorstellung der Hölle
wie das Blut, das man erahnt
unter der Oberfläche
Eiskristalle krachten wie spröde Rasierklingen
Und verdunkelte Fenster
waren die geweiteten Pupillen der Schlaflosen
In den Verließen der ungeträumten Träume schmachteten
die von allen guten Geistern Verlassenen
Und gebrochene Blicke aus lidlosen Augen sahen das Nichts
Gedankenkreise, eingesperrt in Quadrate
Schnittstellen vergangener Berührungen
Wahn & Sinn & Losigkeit tanzten spinnenbeinig miteinander
Musik existierte nicht mehr
Und kein Rausch konnte die Leere füllen
In den Handgelenken pochten die Endlosschleifen
Und Alles, was jemals vergessen worden war,
sammelte sich in einem berstenden Totenschädel
Ein Hilferuf passte nahtlos in ein Schweigen &
verschwand darin
ohne Wider
hall

Rot war die Nacht
& dann
ganz

Stille


Die Frage

Jemand stellte mir eine Frage.
»Muss es denn immer so düster sein
in deinen Texten? Überall
Tod & Einsamkeit & Verlust.«

Ich blieb stumm.
Ließ den Fragenden
allein.

Auf einem Teppich
aus schwarzem Schimmel
stieg ich die Kellertreppe hinab.
Mein schattenfarbener Mantel
fegte das Ungeziefer von den Stufen;
in seinen Taschen spielten meine dürren Finger
mit den verlorenen Zähnen der Geliebten.

Was ich dort unten in Gläsern sammelte,
war in Schweigen gehüllt & roch
grauenvoll.

Am Ende des Flures, der nahezu
lichtlos war, lachte
ein Wahnsinniger

in einem Spiegel.

Ich

verstand die Frage nicht.


Verirrung

Was tue ich hier?
Vergessen.

Die Schlagschatten der Fremden bewegen sich
wie verzerrte Scherenschnitte
über das Kopfsteinpflaster der Gasse.
Die Abendsonne: eine bittere Blutorange.
Das Geräusch schwierig-hoher Absätze prallt
gegen Fachwerkfassaden.
Verlaufen.
Ich habe mich verlaufen.
Es ging los, als ich die Wohnung verließ.
Es geht immer los, wenn ich die Wohnung verlasse.
Sobald ich einen Fuß vor die Tür setze, habe ich mich
schon verlaufen.
Verlassen. Verwirrt. Verirrt.
Irgend jemand
hat mich gerufen.
An-
gerufen.
Wollte mich
treffen.
Aber wo?
Im Zweifelsfall
dort
wo
ich
nicht
hinge-
höre.
Warum habe ich mich nur darauf
eingelassen –
die Wohnung zu
verlassen?
Es endet
doch immer
gleich.
Ähnlich.
Sofort.
Ja, warum?
Weil ich
hinhörte –
vielleicht.
Wegen
dieser Stimme –
vielleicht;
der Stimme in meinem Kopf.
Hineingetragen
in meinen Kopf
auf dem Wege der
Fern-
melde-
technik.
Eine Stimme – weiblich & fremd.
Hat sie
wirklich
mich
gemein
t?
Oder
war’s doch nur eine
Ver-
wahl.
Aber halt – sie kannte meinen Namen!
Nicht dass dieser Name einzig wäre;
oder auch nur selten – aber
wieviel Zufall würde es brauchen,
dass sie
nicht
mich
gemeint hätte?
Zu
viel
doch wohl…..

Der Mann betrachtet
die sommerlichen Frauen.
Auf dem Muster des Kopfsteinpflasters.
Steinerne Würfel ohne Augen.
Hätte das Kopfsteinpflaster Augen,
könnte es unter Röcke schauen.
Unter Kleider.
Unterröcke, Unterkleider……

Und er träumt sich in den Boden
& schaut
& schaut
aufwärts……
Eine von ihnen vielleicht?
Was wenn
ich mich gar nicht verlaufen habe?
Hier richtig bin?
Oder doch verlaufen – & zwar
so oft verlaufen vom Verlaufen, dass ich
dort angekommen bin, wo ich hin wollte?
Wenn ich mich recht ver-
irre,
könnte es
so
sein.
Und überhaupt – wenn ich
vergessen habe,
wo
ich
hin
wollte,
kann
über-
all
der
richtige
Ort
sein. –
Was tue ich hier?
Vergessen.
Ich habe nicht vergessen,
was ich hier tue,
sondern –
was ich hier tue,
ist
vergessen.
Vielleicht.

Das Licht
ändert sich.
Ich nicht.
Die bittere Blutorange geht
unter.
Ich nicht.
Die Scherenschnitte verlieren
ihre Konturen.
Ich nicht.
Die Geräusche verstummen.
Ich nicht.
Jemand
wird den Mann finden.
Irgend
jemand.
Irgend
wann.
An einem
anderen
Tag.


Die Verträumten

»Kaffee?« fragte der Mann mit dem Tiergesicht. (Bald erinnerte es an Ratte, bald an Katze, bald an Hund.)
»Nein«, sagte die Frau, »lieber nicht, sonst wacht ER womöglich noch auf.« Auch die Frau hatte ein Gesicht. Meistens. Aber nicht immer. Manchmal war es eine matte weiße Fläche, auf die sich alles projezieren ließ.
Der fensterlose Raum, in dem sie – & die vielen Anderen – sich befanden, war groß. Und unübersichtlich. Schummerte in warmgedämpftem Licht. Licht, das wie aus der Skala eines Röhrenradios kam. Vertikale schmale Streifen bildeten die Tapeten; rot & grau. Die Möbel waren verwirrend asymmetrisch gezimmert & schienen sich ständig von selbst zu verrücken; wer unachtsam war, stieß sich immer wieder an ihnen.
Stimmenmix & Cool Jazz.
Der Rattkatzhund sagte: »Denken Sie wirklich, ER könnte aufwachen, wenn wir zu munter werden?«
»Ich weiß nicht, was ich denke«, sagte die Frau. Ihr Gesicht war in diesem Moment eine verdrängte Erinnerung. Eine Erinnerung aus den rattigen Phasen des Mannes.
»Egal«, sagte er, »ich trinke jedenfalls einen – & ich werd mir etwas Asbach hineinkippen. Vielleicht schwindelt’s dann in seinem Kopf.«
Er grinste verkatert. Ihre Schultern zuckten.
»Wenn Sie meinen.«
Sie trug ein weinrotes Abendkleid. Auffällig viele Frauen trugen Abendkleider, auffällig viele Männer schwarze Anzüge, Smokings, Fracks. Wer etwas anderes trug, fiel besonders auf. Und am meisten fielen Diejenigen auf, die nichts trugen; doch nicht immer wurden sie beachtet.
Der Rattkatzhund blickte sich um; auf den Spiegeln seines Smokings lagen Schuppen. »Wo issn jetz die Bar schon wieder hin?«
»Na, da«, sagte die Frau. Ihr roter Zeigefingernagel wies ihm den Weg.
»Diese Möbel machen mich noch verrückt«, sagte er & ließ sie allein.
Rauch waberte zur Musik. Pfeifen, Zigarren, Zigaretten glühten. Asche fiel zu Boden. Paare tanzten. Tänze paarten sich mit der Musik.
Man sah keine Tür, doch ein Vorhang aus pantherschwarzem Samt schien einen Aus- oder Eingang zu verhüllen.
»Verdammt warm hier«, sagte jemand im Vorübergehen.
»Ich friere«, sagte ein anderer.
Ein blonde Frau in violetten Dessous lag bäuchlings auf einer Ottomane. Sie beobachtete die Tanzenden. Ein kleiner Junge im Matrosenanzug näherte sich ihr. Er lächelte.
»Du bist aber schön«, sagte er.
Sie blickte ernst. »Ach ja?«
»Ja. Wenn ich dich sehe, höre ich Cellomusik.«
»Sei nicht so altklug«, sagte sie mit scharfer Stimme.
»Ich höre Cellomusik, und ich sehe F-Löcher.«
»Verschwinde, du kleiner Perversling.«
Der Junge lachte ihr eine Gänsehaut, machte »Quak Quak« & versickerte im Parkett. Sie fing an zu weinen.
Ein dicker alter Mann blieb bei ihr stehen.
»Was ist?« fragte er.
»Nichts«, sagte sie.
»Das ist doch nichts Besonderes«, sagte er & ging weiter.
Einer aus der Masse hielt ihn an.
»Wissen Sie, wie spät es ist?«
»Das weiß Niemand nicht«, sagte der dicke alte Mann.
»Doch, ich nämlich«, sagte der Massenmensch.
»Na dann«, sagte der Alte, »lassen Sie mich doch in Ruhe.«
Und er ging weiter.
Der Massenmensch war verdutzt. Er blickte auf sein nacktes Handgelenk. Schwarze Haare tentakelten, aber er konnte sie nicht lesen.
»Was mache ich hier nur?« flüsterte er.
Am anderen Ende des Raumes stand eine Dame mit abstehenden Ohren am Buffet. Sie vernahm das Geflüster, wandte sich augenblicklich um & eilte auf den Massenmenschen zu. Einige Nudeln fielen dabei zu Boden, denn der Pastaberg auf dem Teller in ihrer Linken bebte.
Als sie den Massenmenschen erreicht hatte, deutete sie mit der Gabel auf ihn.
»Was Sie hier machen? Das kann ich Ihnen sagen.«
»Ach ja?«
»Ja«, sagte sie. »Sie machen hier dasselbe wie ich.«
»Und was machen Sie hier?«
»Nicht wissen, was ich hier mache.«
»Sie sind ja verrückt.«
»Ich bin nicht verrückt. Ich bin doch kein Möbelstück.«
»Zumindest ergibt das, was Sie sagen, keinerlei Sinn.«
»Na und?« sagte sie. »Es reicht doch, wenn ich mich ergebe.«
»Nun gut«, sagte er. »Dann können wir uns ja auch gemeinsam ergeben. In unser Schicksal.«
»Das haben Sie aber schön gesagt«, sagte sie.
Und eine weitere Nudel fiel zu Boden, während der Massenmensch eine Erektion bekam. Er mochte abstehende Ohren.
Sie stellte den Teller auf einem der Tische ab, behielt die Gabel in der Hand, und gemeinsam krabbelten sie unter einen anderen Tisch, wo bereits ein toter Igel lag.
»Hier ist es aber dunkel«, sagte sie. Doch schon spiegelte sich die Flamme eines Zippos in ihren Augen, und sie roch Benzin.
»Ist der tot?« sagte sie.
»Wahrscheinlich«, sagte er.
»Sei vorsichtig«, sagte sie, »nicht dass wir uns stechen.«
»Dann leg erstmal die Gabel weg.«
»Oh, die hatte ich ganz vergessen.«
Sie wurde rot. Sie legte die Gabel neben den Igel.
»Jetzt aber«, sagte sie.
»Wann sonst?« sagte er.
Schuhe, Hosenbeine & nackte Frauenwaden zogen an ihnen vorüber, während sie sich auszogen, um sich auszuziehen & sich später wieder anziehen zu können/dürfen/müssen.
Becken stießen aneinander. Zu schnell für Cool Jazz.
Uncool & hitzig.
Eine tiefe Stimme donnerte durch den Raum:
»Dadadas nimmst dududu sofofofort zurückkkkk, sonst stetetetech ich dich a-a-a-a-bbb!«
Nicht alle blickten sich um, aber Diejenigen, die es taten, langweilten sich schon vorher – wie in einer Endlosschleife.
Die Stimme gehörte einem schwarzen Kaninchen. Einem stotternden Kaninchen. Wutentbrannt schaute es aus einem weißen Zylinder; in seiner rechten Pfote blitzte ein Stilett.
Ein Mann, der aussah wie Bela Lugosi stand davor; er trug einen Dreiteiler. Noch hielt er seinen halbsteifen Schwanz in der Hand. Sein Sperma sickerte dem Kaninchen ins rechte Auge. Das sich rötete. Und zu tränen begann.
»Äntschuuldigunk«, sagte der Belaeske, »abärr ich kaahn das nicht zurrühcknäähmen.«
Das Kaninchen ärgerte sich. Vielleicht war es ursprünglich weiß gewesen. So wie der Saft auf seiner Stirn. Tropfende Blässe.
Der Rattkatzhund trank seinen Kaffee mit Asbach.
Wir werden alle sterben! dachte er. Wenn ER aufwacht.
Schuppen fielen von den Spiegeln seines Smokings.
Die Frau, die meistens ein Gesicht hatte, hatte gerade keins. Das einzige, was sie hatte, war Hoffnung. Die Hoffnung – zu überleben. Rote Blasen wie aus einer Lavalampe zeitlupten über die mattweiße Fläche. Heller als ihr Abendkleid.
Ein Mann mit einem Bleistift notierte sich Nichts auf eine Visitenkarte. Auf eine Visitenkarte eines Menschen, der niemals Besuch empfing & niemals jemanden besuchte. Der Bleistift war spitz & hatte einen Radiergummi, der sich nutzlos fühlte – wie der Spazierstock eines Querschnittsgelähmten; aber auch frisch & unverbraucht.
Über der Lehne eines braunen Stuhls hing: eine grüne Lederjacke. Auf der Sitzfläche lagen: ein Feldstecher …. eine schwarze Fliege, die man (mit Klebstoff) als Schnurrbart hätte missbrauchen können …. ein Monokel …. Gänsekiele, die aus (musikbedingten?) Gänsehäuten gerupft worden waren …. fallengelassene Gamaschen …. ein Kummerbund mit Ketchup-Flecken …. & eine ausgestopfte Möwe mit Rechtschreibschwäche.
Lachen ritt auf einer Kanonenkugel.
Ein einsamer Mann im Frack trank Rum. Seinem Frack fehlten die Schwänze. Die traurige Frau neben ihm trug eine Stoffschere in der Gesäßtasche ihrer löchrigen Jeans.
Trug: Schluss. In ihrem Herzen.
Er rauchte eine Zigarre.
Die Frau sagte:
»Das ist keine Pfeife.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Sie sagte:
»Aber du.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Und es graute ihm. Er war traurig. Und die Frau war einsam.
Eine Verflossene. Wie die Zeit. Schon jetzt. Eine schmelzende Uhr. Zu weich für die Gegenwart. Zu weich für die Realität. Doch – vielleicht – zu hart für einen Traum.
Ein toter Schmetterling lag auf einem Schachtisch ohne Figuren; sein Körper ruhte auf B7. Sehr langsam bewegte sich eine gelbschwarz-gestreifte Spinne auf ihn zu. Sie war etwa halb so groß gewesen wie der Schmetterling, als sie ihre Reise auf H1 begonnen hatte; nun, da sie E4 passierte, war sie bereits doppelt so groß wie er. Eine nackte Dame stand neben dem Tisch & beobachtete sie.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Dame.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Spinne.
Was hat das nur zu bedeuten? hätte der Schmetterling denken können, wenn er noch gelebt hätte.
»Oh ja, fick mich!«, rief die Frau mit den abstehenden Ohren. Unter dem mittlerweile verrückten Tisch.
Der Rattkatzhund trat neben die nackte Dame, tätschelte ihren Hintern & stellte seine leere Kaffeetasse mit Nachdruck auf C6. Die Spinne hielt inne.
»Warum haben Sie das getan?« fragte die Dame.
»Ihm war danach«, sagte der Rattkatzhund. Er lächelte hündisch.
»Ich verstehe«, sagte die Dame, »da kann man nichts machen.«
»So ist es.«
»Gefällt Ihnen mein Arsch?«
»Ich dachte, Sie meinten die Spinne.«
»Nein.«
»Ja. Er klingt gut. So mollig.«
»Nicht durig?«
»Nur wenn er glücklich ist. Denke ich mir.«
»Das ist traurig.«
»Finde ich nicht.«
»Dann suchen Sie.«
»Wir haben keine Zeit.«
»Ach ja ….. Das hätte ich beinah vergessen.«
»Bein … Ah!« sagte er.
Die Spinne dachte: So ein Arsch!
Sie hatte die Lust verloren. Die Lust auf den toten Schmetterling. Der Weg um die leere Tasse war ihr zu weit.
Jetzt tanzten die Paarungen zu Stan Getz.
Ein Mann in einem schwarzen Umhang saß in einem Ohrensessel. In einer düsteren Ecke des Raumes. Das Schwarz wirkte besonders schwarz – wie ein Vergessen von Farbe – wie das Schwarz des Tiefschlafs. Der Mann fiel auf. Schatten fiel auf – sein Gesicht. Viele fragten nach ihm, niemand hatte eine Antwort.
Eine Frau: »Wer ist das?«
Ein Mann: »Wer?«
Die Frau: »Der da. In der Ecke.«
Der Mann: »Keine Ahnung.«
Die Frau: »Er schweigt die ganze Zeit.«
Der Mann: »Vielleicht ist er stumm.«
Die Frau: »Wenn er stumm wäre, könnte er nicht schweigen.«
Der Mann: »Wie bitte?«
Die Frau: »Schweigen setzt die Fähigkeit zu sprechen voraus.«
Der Mann: »Moment. Darüber muss ich nachdenken.«
Die Frau: »Tun Sie das. Aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.«
Der Mann: »Ich denke grundsätzlich stumm.«
Die Frau: »Sie haben es noch nicht begriffen.«
Der Mann: »Mutter, bist du’s?«
Die Frau: »Ab ins Bett mit dir. Sonst sag ich’s deinem Vater, und dann setzt es was.«
Der helle Blitz im Schattengesicht war vermutlich ein Lächeln.
Der Belaeske verstaute seinen Schwanz; das Kaninchen verschwand im Zylinder; der Zylinder löste sich in Duft auf.
Auf einem roten Sofa saß eine Frau im Smoking. Schwarzer Bubikopf, grüne Augen, eine leere Zigarettenspitze im Mundwinkel. Zurückgelehnt & gelassen betrachtete sie die Tanzenden. Bewegungslos die Sichbewegenden. Und zwischen all dem Geschiebe & Gedrehe, zwischen all den lustig-lustvollen Illustrationen von Noten – erblickte sie: die Augen der Schere in der Tasche der traurigen Frau. Und dachte: Dieser Drang! Wo kommt dieser Drang her? Aus mir? Aus ihm?
Die traurige Frau spürte den Blick auf ihrer Gesäßtasche. Schaute sich um. Schaute ins Grün. Fühlte sich aus- & angezogen – und ging zu der Frau auf dem Sofa.
»Ja?« fragte sie. Obwohl Ja doch eigentlich eine Antwort ist.
»Leihst du mir deine Schere?« sagte die Frau im Smoking.
»Gerne«, sagte die traurige Frau. »Ich leihse dir. Aber nicht zu laut.«
Beide lächelten.
Die Bubiköpfige steckte Daumen & Mittelfinger durch die Augen der Schere & begann sich die Smokingbeine abzuschneiden. Weit oben. Ganz weit oben. So weit oben wie es gerade noch im Sitzen (mit angehobenen Beinen) ging.
»Ich weiß, warum du das tust«, sagte die traurige Frau.
»Ich ahne, was du weißt«, sagte die Frau mit der Schere.
»Er.«
»Ja, Er. Oder Alle.«
»Der freie Wille.«
»Der freie Wille«, wiederholte die Frau mit der Schere.
RitschRatsch.
Und sie lachten. Alle. Heftig.
Fast hysterisch.
»Wie heißt du eigentlich?« fragte die traurige Frau.
»Wenn ich das wüsste.«
»Das ist aber ein schöner Name.«
Sie konnten sich nicht vorstellen.
Die Schere wurde zurückgegeben; die appen Smokingbeine langsam von den Schenkeln gezogen. Über Herrenschuhe hinweg, in denen bare Frauenfüße steckten. Hot Smoking Pants! Sie legte den überflüssigen Stoff neben sich auf das Sofa & schlug die Beine übereinander. Und sofort wurde ihr warm. Von den Blicken, die sie spürte. Auf ihrer Schenkelhaut. Träumend, sehnsüchtig, neidisch, begehrlich.
Im Kopf eines alten Mannes: Sie sein! Einmal nur. Für einige fremde Augenblicke. Eine wie sie. Mit meinem Bewusstsein. Mich selber betrachtend. Meine Schönheit erkennend. Damit spielen. Alles fühlen. Mich bewegen, ganz leicht, jung & schön. Frei. – Frei? Nun ja.
Die traurige Frau verstaute die Schere & ging zurück zu ihrem Rumtrinker.
Ein Gemälde erschien aus dem Nichts; hing unversehens an der Wand hinter dem roten Sofa. Ein Galgen in Pastelltönen …. mehrere Erhängte in einer Reihe …. mit verwaschenen Gesichtern …. Jemand war im Begriff die Treppe hinaufzusteigen, mit einem Messer in der Hand …. Vielleicht um die Toten abzuschneiden, vielleicht um sie auszuweiden …. Nur wenige nahmen das Bild überhaupt wahr. Zu ablenkend war die Frau davor.
Und es roch nach Nagellackentferner & Brotpudding.
»Ich hätte Lust, die Loreley zu singen«, sagte Dr. Kottmann.
»Wenn Sie das tun, werde ich Sie heftig ohrfeigen«, sagte Franz & spuckte sich auf die Stulpenstiefel.
»Das ist absurd«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Ist es doch«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Woooohl!«
In diesem Moment bewegte sich der schwarze Vorhang – & Tina betrat den Raum. Sie trug einen knappen, hellblauen Bikini & ein automatisches Gewehr; um die Taille einen lockeren Patronengürtel. Blonde Zöpfe (Affenschaukel). Und sie begann, wahllos in die Menge zu schießen. Wahllos? Niemand schrie. Löcher wurden geboren. In Stoff & Fleisch. Blut spritzte. Hirn spritzte. Körper fielen zu Boden. Der alte Mann betrachtete ihren Popo, registrierte jede Bewegung, die dieser bei jedem Schuss, bei jedem Rückstoß machte. Dann drehte sie sich herum & schoss ihm zwischen die Augen. Er lächelte.
Der Rattkatzhund & die Gesichtslose, die tatsächlich mal wieder gesichtslos war, standen am Buffet.
Er sagte: »Und Sie hatten Angst, ein Kaffee könnte Ihn aufwecken.«
»Ja«, sagte sie mundlos, »das war einer meiner verrückten Gedanken.«
»Ach, so verrückt war der gar nicht. Eher verträumt, würde ich sagen.«
»Dann tun Sie’s doch.«
Tina lud nach. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie daran zu hindern. Die Musik war sanft, und die Leichen häuften sich.
Die Gesichtslose erinnerte sich an ihr Gesicht, und plötzlich war es wieder da. Niemand erkannte sie.
Tina barfüßelte zu der dunklen Ecke, wo der Ohrensessel stand. Sie zielte in den Schatten. Sie drückte ab. Dies war der einzige Schuss, der lautlos war.
Dann sagte sie: »Entschuldigung. Ich habe mich vertan. Ich dachte, dies sei eine Rechenmaschine.«
»Endlich«, sagte der Mann im schwarzen Umhang.
Und es roch nach Blut, nach Hirn, nach Schatten, als die Decke des Raumes sich öffnete.


Zielsicher

Zielsicher
fanden sie
die Nächte,
in denen sie
sich
nicht
hätten
allein
lassen
dürfen,
um sich darin
allein zu lassen.

Zielsicher
fanden die Nächte
sie,
um ihr menschliches Unvermögen
auszukosten.

Wind
gebärdet sich
wie Sturm

die Sucht
nach Nähe
wie Liebe.

Der Schlaf des Einen
ist die Hölle
des Anderen

in Nächten
wie diesen.

Er ging in die Küche.
Um die Zeit abzulesen.
Von den Flaschen.
Die Zeit,
die langsamer
verging
als
er.

Die Flaschen hatten zugesehen,
damals, als
sie
vor ihm kniete
in der Küche,
seinen Schwanz im Mund.
Und sie hatten
reflektiert.
Vielleicht nicht diese
Flaschen, aber
Flaschen wie diese.

Er konnte sie schlafen hören.
In einer Ferne, die er
nicht kannte.

Sie war so müde gewesen.
Müde
wie der Tod im Stummfilm.

(Eine seiner Kindheitserinnerungen
aus der Zeit, da er
noch
nicht
unterscheiden konnte
zwischen dem,
was er sah
&
der Wirklichkeit.
Damals hatte er den Tod gesehen.
Weil er es
glaubte.

Damals
hatte er
Vieles
nicht
auseinander-
halten
können.

Doch
Alles
geht
auseinander

irgendwann.)

Er
war nicht müde.

Er ging im Haus umher,
ziellos
durch die Wellen
der Musik.

Verwirrt
wie seine Gedanken
Verwirrt
wie seine Gefühle

Zusammen
hang
los!

Die Gelassenheit von einst
war fort.

Er wusste nicht,
worauf seine Gedanken hinaus wollten …..
Und wohin
hinaus?

Vielleicht
in die Raserei
Vielleicht
in den Wahnsinn

Zielsicher


Geträumter Asphalt

Ich lag rücklings auf geträumtem Asphalt
& starrte in den Himmel
Der Himmel war dunkelgrau
& an Stelle der Wolken
zog kreisender Schaum über ihn hinweg
In dem Schaum glänzten unzählige
Luftblasen
Mein einziger Freund stand neben mir
& schaute zu wie das Moos an
meinen Häuserwänden emporwuchs
»Ich werde wahnsinnig!« schrie ich
Der Anblick des Himmels war
unerträglich
doch ich
konnte meinen Blick
nicht von ihm wenden
Ich hörte die gluckernde Bewegung
des Schaums
Mein Freund sagte nichts
Ich befürchtete in den Himmel
gesogen zu werden
Das Haus wächst zu dachte ich
Nie mehr werde ich
hineinkommen

Und eine
fremde Frau
beugte sich
sinnlos
über
mich


Vielleicht in der Zukunft

Da mein Gedächtnis
so gut ist,
sollte es doch auch
in der Lage sein,
sich an
Ungeschehenes
zu erinnern.
An alle
Möglichkeiten &
Unmöglichkeiten
meines Lebens,
an Alles, was ich
nicht
bemerkte,
an Alles, was
niemals
existierte.

In meinem Gedächtnis sollte
ein Reichtum herrschen
wie nirgendwo sonst;
die vergangene Wirklichkeit
sollte ein müder Abklatsch sein
meiner gegenwärtigen Erinnerung.

Vielleicht
wird es
eines Tages
so sein.

Eines Tages
in der
Zukunft.

So
oder
so
ähnlich.

Vielleicht.

Es
wäre
der

Wahnsinn.


Das Läuten

In der tiefsten Stille
meiner Einsamkeit
höre ich
manchmal
ein Klingeln
ein Läuten
ein Schellen

& ich weiß nicht –
ist es
Das Klingeln an der Haustür
Das Klingeln von Leuten
Das Läuten der Kirchenglocken
Das Klingeln des Telefons
Das Läuten des Lumpensammlers –

Oder

ist es

vielleicht

Das Schellen
der klingenden Glöckchen

an den Zipfeln

meiner Narrenkappe ….

wenn ich
den Kopf
schüttle


Der Mann im Schaufenster

Ich sah diesen Mann
im Schaufenster.
Sein Gesicht –
in meinen Augen war es
müde
alt
gezeichnet
zerstört.
Vom Leben.
Von Jahrzehnten der
Unvernunft.
Seine Haut
war schlecht &
voller Narben.
Hinter ihm standen
die Schaufensterpuppen.
Schön
& glatt
& niemals
zum Leben erwacht.
Aufgemalte Augen
starrten mich an.
Eine der Puppen war
ein Kind
aus Kunststoff.
Es lächelte
tot.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Wo war
das Kind
in ihm?
Wo
der kleine Junge, der
einst
seine Freude
in einen Fotoapparat
gestrahlt hatte ….
Reitend
auf einem Schaukelpferd.
Mit einer Lebendigkeit, die
erschütternd war. –
Geblieben
war
ein Schwarzweißfoto;
das schwarzweiße Abbild
seiner bunten Welt.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Es war
durchsichtig.
Durch sein Gesicht hindurch
sah ich
das Gesicht
des Kindes.
Des Kindes
aus Kunststoff.
Des Kindes
mit
dem toten Lächeln.


Der didaktische Traum

Es war ein Albtraum, keine Frage.
Ich befand mich in einem Raum, wo
Menschen der Job weggenommen wurde.
Man nahm mir meinen &
gab mir einen anderen.
Von einem Moment auf den nächsten
sollte ich
Lehrer sein.
Ohne Ausbildung.
Man drohte mir Gewalt an &
drückte mir 2 beschriebene Blätter in die Hand.
Das eine enthielt eine kurzen Text mit der
Überschrift »Schuld«
auf dem anderen stand:
»Diskutieren Sie diesen Text mit Ihren Schülern.
Klasse 6b.«

Ich wollte den Text nicht lesen.
Ich tat es nicht.
Und dann irrte ich durch
ein gigantisches Gebäude.
Verwinkelte Gänge … unzählige Türen …
Rolltreppen … Einsamkeit & Angst …
In einer Nische stand mein bester Freund.
»Der Job ist nichts für Dich«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte ich. »Aber vielleicht
gewöhne ich mich daran. Im Laufe der Jahre.«
Der Freund war fort, ich ging weiter.
Lief über die Rolltreppen ins oberste Stockwerk,
Regen trommelte auf das gläserne Dach.
Klasse 6b, Klasse 6b … Wo zur Hölle ist
Klasse 6b?

Es gab keine Hinweise, keine Schilder,
keine Menschen, die ich hätte Fragen können;
und hätte es sie gegeben, würde ich wohl nicht den
Mut gehabt haben, zu fragen.
Ich ging immer weiter. Weiter. Dachte darüber nach,
wie ich
unterrichten würde ….

Ich betrete den Klassenraum.
Ordentlich & aufrecht sitzen sie da.
Jungs & Mädchen.
Eine eher kleine Klasse.
Sie schauen zu mir auf, während ich
zu meinem Pult gehe.
Ich sage:
»Morgen, Ihr Freaks.«
Und setze mich.
Werfe die beiden Blätter auf den Boden.
Lege die Füße hoch.
Ich sehe das Erstaunen in den
kleinen Gesichtern.
Entgeisterung.
Sie blicken sich gegenseitig an.
Fragend.
Einige lächelnd.
»Guten Morgen«, sagen sie dann.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ihr wollt was lernen?« frage ich.
»Ja«, antworten sie.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ich kann Euch aber nichts beibringen«,
sage ich. »Ich weiß
nichts.«
Schweigen.
»Ihr solltet lieber
zu Hause sein, im Bett liegen &
Musik hören. Oder durch den Regen laufen
& in die Pfützen springen. Ihr
solltet nicht hier sein.«
Wieder lächeln einige Wenige.
Und setzen sich bequemer hin.
Und

Ich ging weiter.
Öffnete wahllos eine der Türen.
Köpfe auf Hälsen bewegten sich, wandten mir
Gesichter zu – viele kleine Menschen +
1 Lehrerin.
Alle stumm.
Schnell machte ich die Tür wieder zu.
Weiter. Weiter.
Unterm Regengetrommel.
Und dann sah ich
hinter Glasfenstern & Glastüren
ein riesiges Atrium.
Ein Atrium im obersten Stockwerk!
Überall Bänke & Tische.
An denen Menschen saßen,
offenbar Schüler & Lehrer.
Sie waren beim Essen.
Der Regen fiel auf sie herab,
verdünnte ihre Suppen, füllte ihre Gläser.
Sie mussten verrückt sein.
Alle.
Durch eine der Türen betrat ein Mann das
Innere des Gebäudes. Er trug
eine Polizeiuniform, führte einen Hund;
Hund & Mann waren nass.
Ich nahm
meinen Mut zusammen.
»Entschuldigung«, sagte ich zu der
Uniform. »Ich suche
Klasse 6b.«
Der Hund trug einen Maulkorb.
Der Mann sagte:
»Da müssen Sie ins Untergeschoss.
Und dort gehen Sie dann ….«
Er beschrieb einen Weg, den ich sofort
vergaß.
Ich bedankte mich, wandte mich ab &
suchte die Rolltreppe, die mich
nach unten bringen sollte.
Ich konnte sie nicht finden.
Mir fiel auf, dass
die beiden Blätter nicht mehr
da waren. Ich musste sie verloren haben. –
Ja, vielleicht
würde ich mich
an den Job gewöhnen –
im Laufe der Jahre.


Kein Neid

Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen
bereiten ihnen keinerlei Probleme; sie
denken nicht einmal darüber nach,
sie erledigen vieles
beinahe automatisch.
Es kostet sie
keine Überwindung,
Anforderungen gerecht zu werden.
Sie nehmen vieles
wichtig & ernst.
Der Job – kein Problem.
Termine – kein Problem.
Telefonate – kein Problem.
Kontakte – kein Problem.
Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.

Ich
funktioniere schlecht.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen,
die Wiederholungen kleiner, lächerlicher
Tätigkeiten, die einem die Lebenszeit
wegfressen – ich kann sie
schwer ertragen.
Der Job – eine Freiheitsberaubung.
Jeder Termin – eine Schlinge am Hals.
Jedes Telefonat – ein Drama der Selbstüberwindung.
Jeder Kontakt – eine Störung der inneren Ruhe.
Ich funktioniere schlecht.
Weniges nehme ich
wichtig & ernst.
Weniges erledige ich automatisch;
überall sind
Gedanken, die dazwischenkommen.
Anforderungen überfordern mich.

… & doch …

Ich empfinde keinen Neid.
Ich möchte nicht sein
wie sie.
Nicht funktionieren wie sie.
Ich möchte nicht tauschen.

Denn ich weiß:
Ich werde entschädigt; es gibt
einen Ausgleich für meine Defizite.
Es gibt einen Ausgleich
in allen Bereichen, die mir
wirklich
wichtig sind.
In allen Bereichen, die
meine relative Freiheit ausmachen.

Nein.
Kein Neid!

Niemals!


Wenn mich die Romantik überkommt

Wenn mich die Romantik überkommt,
zünde ich Kerzen an,
lege ruhige Musik auf,
öffne ein paar Flaschen Wein &
lese im Schein der flackernden Flammen
Beipackzettel.
Je schlimmer die Nebenwirkungen,
desto wohliger die Schauer;
die Kontraindikationen lerne ich auswendig,
um sie
gezielt zu mißachten, und
über die Dosierungshinweise lache ich laut.
Wechselwirkung – ein Begriff, den schon
Schopenhauer verachtete.
Zuguterletzt halte ich
die Zettel in die Flammen &
erfreue mich am
Brandgeruch.


Die letzten Worte

Ich lag am Boden,
umringt
von den nebelhaften Fratzen
der Schaulustigen.
Und die letzten Worte,
die ich wie aus der Ferne hörte,
bevor ich starb,
lauteten:
»Lassen Sie mich
bloß nicht durch; ich
bin Arzt!«


Der Showmaster

Keine Fluchtmöglichkeit.
Kein Entkommen
vor dem Bild des Toten
in meinem Kopf.
Durch meine Augen wurde es
nach außen projiziert; ich
sah es
überall
vervielfacht –
wie ein Tapetenmuster auf den Wänden,
wie ein Teppichmuster auf dem Boden –
& ich sah es
in den Gesichtern aller Menschen.

Ich war dem Bestatter &
meiner Mutter in die winzige Kapelle gefolgt ….
Draußen war es längst dunkel.
Der offene Sarg stand zwischen hohen
Kerzenleuchtern.
Auf den ersten Blick
fing ich an zu
zittern.
Ein Gemisch aus Rotz & Tränen
tropfte auf den Boden.
Ich blieb nahe bei der Tür stehen,
keinen weiteren Schritt hätte ich
in Richtung Sarg machen können.
Die Augen des Toten schienen mir
nicht ganz geschlossen zu sein; sie
beobachteten mich.
Der Mund war nicht ganz geschlossen;
das Gebiss wirkte monströs
zwischen den zurückgezogenen Lippen.
Schmerz war der alte Meister, der die
vergilbte Haut gezeichnet hatte.
Die Frisur des Toten war
irgendwie seltsam – ähnlich wie er sie
im Leben getragen hatte, aber eben doch
nicht exakt so …. Der Bestatter hatte
die kaum ergrauten Haare gekämmt.
Als die Mutter an den Sarg herantrat &
das Gesicht berührte, das vom Krebs
leergefressen worden war, wurde
das Grauen für mich
unerträglich.
Und sie schaute zu mir herüber & fragte:
»Willst Du nicht näher kommen & Dich
verabschieden?«
Als ich den Kopf schüttelte, tropften noch mehr
Tränen & Rotz auf den Boden.
»Wir müssen gehen«, sagte meine Mutter
zu dem Bestatter. Der Bestatter war
der Vater eines Schulfreundes.
Sie nahmen mich zwischen sich, hielten mich
unter den Armen, da ich
kaum laufen konnte.
Und sie brachten mich zum Auto.
»Das war ein Fehler gewesen«, sagte sie.

Zuhause
ging ich in mein Zimmer.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Überall.
Ich schaltete den kleinen Schwarzweiß-
fernseher ein, den der Tote mir
knapp 1 Jahr zuvor
zu Weihnachten geschenkt hatte.
Es lief eine Spielshow, die
ich immer gerne sah.
Alle Beteiligten hatten
das Gesicht des Toten ….
Aber der Showmaster hatte auch
die Statur des Toten. Und
seine Frisur sah exakt so aus wie
die Frisur, die ich kurz zuvor gesehen hatte;
sie war
wie von einem Bestatter kreiert ….
Der Showmaster war
das Erschreckendste von all diesen
kleinen, schwarzweißen Wesen.

Und ich verstand nicht,
was sie sagten.
Und ich begriff nicht,
was sie taten.

Und die Träume, die folgten, waren
widerwärtig.

Und die Zeit, die folgte, ließ
das Bild des Toten
verblassen.

13 Jahre später
erhielt der Showmaster
einen Preis.
Er hielt eine Dankesrede.
Sein Gesicht
war leergefressen vom Krebs,
der Hemdkragen zu weit
für seinen Hals.
Schmerz war der alte Meister, der
unter der Schminke
sein Gesicht gezeichnet hatte.
Sein kaum ergrautes Haar
(im Farbfernseher)
schien mir ein wenig anders als sonst
gekämmt worden zu sein – –
aber ich mochte mich irren.

Kurz darauf
war der Showmaster tot.

Ich
schaute immer weniger
Fernsehen.

Der Bestatter hatte
meinen Vater fotografiert;
es war der Wunsch meiner Mutter gewesen.
Die Fotos tat sie in einen
altertümlichen Stahlsafe im Keller, den
mein Vater noch selber gekauft hatte.
Niemals wurden diese Fotos
betrachtet …..

Der Stahlsafe –
es gibt ihn noch.
Er steht noch immer in einem Keller.
Immer noch liegen die Fotos darin.
Noch immer
unbetrachtet ….

Manchmal
in durchzechten Nächten, wenn
die Musik
sehr laut ist,
zieht es mich in den Keller
wie an den Rand eines Abgrundes.
Schon als Kind glaubte ich oft,
in die Tiefe springen zu müssen ….
Doch etwas anderes in mir
hielt mich jedes Mal
zurück.
Und auch jetzt noch
ist es so.
Der Safe bleibt verschlossen;
die Fotos unbetrachtet

bis
(vielleicht)
kurz vor
dem
end-
gültigen
Sprung.


Der Schneestrand

Eigentlich hätte da
Sand & Sonne sein müssen, aber
es lag Schnee am Strand, und
der Himmel war schwer & dunkel.
Das Meer fast schwarz,
regelmäßig gemustert von sanften Wellen.
Wir liefen barfuß durch die weiße Kälte.
Ich wusste nicht, wer sie war, aber
sie schien mich zu kennen.
Schön war sie
&
jung
&
einsam.
Ich war
einsam
&
alt
&
hässlich.
Wir lachten, bis uns warm wurde.
Das Meer war ein Rausch
im Hintergrund.
Es war eine
verkehrte Welt,
durch die wir liefen.
Aber für uns war es
die
einzig
wahre.


Hinter den Büchern

Und vielleicht
gibt es im Staub hinter den Büchern,
die im Regal stehen,
seltsame Zeichen, die man
lesen könnte.
Die asymmetrischen Fußspuren lichtscheuer Wesen,
die dort im Schatten hin & her huschten ….
Die Geheimschrift eines Luftzuges, der
in einem bestimmten Moment
durch ein Fenster wehte ….
Abdrücke von Fingern, die
nach Verlorenem tasteten …..
Und die Spur eines Buches, das man
versehentlich
zu weit nach hinten geschoben hatte.


Der Geschmack der Selbstzerstörung

Nichts schmeckt so lecker
wie die Selbstzerstörung
in einer Nacht voll von Musik.
Nichts leuchtet so hell
wie die düstere Fantasie.
Doch der Nachgeschmack ist bitter,
und der Tinnitus pfeift
einen Trauermarsch.
Bevor die Finsternis
hereinbricht.


Geliebte Albträume

Wie langweilig wäre mein Schlaf
ohne die
geliebten Albträume ! –

Die Toten meines Lebens schicken mir
verstörende Briefe,
bevor sie
plötzlich wieder da sind
& mit fremden Gesichtern
meine Ruhe stören

Blutige Unfälle passieren
in meiner Nähe,
bevor
die Kugel des Psychopathen
in meine Schläfe dringt

Flugzeuge stürzen ab
Schiffe versinken

Flammen züngeln nach mir

In düsteren, verwinkelten Kellergängen
werde ich verfolgt
von meiner Vergangenheit
in Gestalt von
riesigen, untoten Spinnen

Zähne fallen mir aus
& meine Umgebung ist mir fremd

Ärzte schütteln den Kopf
über meiner Leiche

Auf schmutzigem, grauem Kopfsteinpflaster
liegt sterbend
die Geliebte
unter meinem Messer

Wüsten bestehen aus Treibsand
Gärten aus Morast

Der Schweiß
sickert in meine Matratze, während
das Fluchtauto
nicht anspringt

…. nicht anspringt, sobald
die geträumte Wirklichkeit
mir auf den Fersen ist –


Das Traumbuch

Und dann ging ich
zum Bücherregal & suchte
nach diesem
einen Buch.

Unbedingt
wollte ich es lesen.
Jetzt.

Ich war überzeugt
es zu besitzen.

Ich schritt die Reihen ab,
hin & her,
Meter für Meter –
erst langsam, dann
schnell, dann
wieder langsam.

Die Verzweiflung wuchs.
Der Wunsch, es zu lesen
wuchs
mit der Verzweiflung.

Wo war dieses Buch?
Ich wusste, es existiert.

Ich schwitzte.
Kam außer Atem.

Hielt schließlich inne &
setzte mich auf den Boden vor dem Regal.

Und dann
irgendwann
wurde es mir klar – :

Ich hatte dieses Buch
nur
in einem Traum gekauft.


Der Traum des Wahnsinnigen

Ein Wahnsinniger träumte
mich in die Welt

Schreiend wälzte er sich auf dem Boden
& konnte nicht erwachen

Wo war er hergekommen?
Niemand wußte es.

Wo würde ich enden?
Ich wollte es nicht wissen.

Rückwärts entfernte ich mich von ihm
behielt ihn im Blick – dann

drehte ich mich um
& rannte

Ich rannte in die Welt
in die wir nicht gehörten

Ich
der Traum des Wahnsinnigen

Und ich höre seine Schreie
überall & jederzeit


Unter Beobachtung

»Sie sind nur zur Beobachtung hier«,
sagte der Mann ohne Gesicht.
Der Raum war leer &
so düster, dass ich
nicht einmal sah, wo das Licht herkam;
auch seine Wände konnte ich nicht erkennen.
Der Raum hätte endlos sein können.
Unbegrenzt.
In meiner Vorstellung war er es.
Aber ich hatte auch eine Vorstellung der
Realität
&
ihrer Grenzen.
»Es wird nicht lange dauern»,
sagte der Mann. »Wir
wollen uns nur
Klarheit verschaffen.«
»Klarheit worüber?« fragte ich.
Ȇber Ihren Zustand. Und
Ihre Eignung.«
»Ich eigne mich für gar nichts«, sagte ich.
»Auch das
ist eine Eignung«, sagte er.
»Aber kein Zustand«, sagte ich.
Vielleicht hätte er gelächelt, wenn er
ein Gesicht gehabt hätte.
Ich stellte es mir zumindest vor.
Ich wollte nicht beobachtet werden;
nur unbeobachtet hatte ich eine Chance,
mich nicht unwohl zu fühlen.
»Ich möchte lieber gehen«, sagte ich.
»Keine Chance«, sagte er. »Niemand geht,
bevor die Beobachtung zuende ist.«
Er
ging.
Dorthin, wo
eine Wand sein mochte.
Oder auch nicht.
Ich
blieb.
Und
fühle mich
be
ob
acht
et
cetera


Hollywood?

1977, nachmittags.
Ich saß in einem fast leeren Kino
& sah zum ersten Mal
„Einer flog über das Kuckucksnest“.
Und unter all den Gedanken, die mir
dabei durch den Kopf gingen,
war auch der Gedanke:
Wie sauber dort alles ist … wie
ordentlich ….

Die Klapse in der ich ca. ½ Jahr zuvor
gesessen hatte,
hatte nicht so ausgesehen.
Ich sah
einen Hollywood-Film; einen
sehr guten, aber eben
Hollywood ….
Ich & die armen Schweine damals
hatten das
wahre Leben gesehen.
Keine Ahnung,
wer das
gedreht hatte.


Der seltsame Mann

»Ich verstehe die Frage nicht«, sagte er.
Er schaute mir in die Augen.
»Ich habe keine Wahl. Niemand
hat eine Wahl.«
Ich sagte:
»Du meinst, den freien Willen
gibt es nicht?«
»Natürlich nicht.«
»Ich verstehe trotzdem nicht, warum
Du Dich selbst zerstörst.«
»Wirklich nicht? – Es ist nur
die konsequente Fortsetzung dessen,
was andere begonnen haben.«
»Klingt einfach. Schuld sind immer
die anderen.«
Sein Blick brannte sich in meinen
Schädel. Böse.
»Wenn Du mir so kommst, sollten wir
das Gespräch besser
abbrechen. Ich habe es mir noch nie
leicht gemacht.«
»Ich wollte Dir nicht zu
nahe treten«, sagte ich.
»Solltest Du auch nicht. In meiner Nähe
verbrennt man sich
schnell.«
»Ok«, sagte ich, »ich
geh dann mal.«
»Ok«, sagte er, »pass auf Dich auf.
Es muss sich ja nicht
jeder
selbst
zerstören.«
Er lächelte.
Dieser seltsame Mann.
Der seltsame Mann
in meinem
Spiegel.


Der neurotische Hund

Der Hund war so neurotisch wie
wir alle in diesem Haus.
Jeder, der von meinen Eltern erzogen wurde,
musste neurotisch werden. Früher oder
später. Meist früher.
Auch der Hund wurde geschlagen, nicht
nur wir Kinder.
Wenn Fremde ins Haus kamen, wurde
das Tier ins Klo gesperrt.
Eine wildgewordene, kläffende,
zähnefletschende Schäferhündin.
Und wehe, man war unvorsichtig.
Einem meiner Schulfreunde hatte sie
in den Arsch gebissen, und ich
selber bekam einmal 3 tiefe Bisswunden in
den Oberkörper.
Sie war keine große Menschenfreundin,
so viel kann man wohl sagen.
Aber sie liebte andere Tiere, vor allem
Katzen.
Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich sagen,
dass wir eine ganze Menge
gemeinsam hatten.


Selbstbildnis

Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.
Er wollte sich sehen, wie
ein Fremder ihn sehen würde.
Um sich zu erkennen.
Vielleicht.
Der Raum hinter ihm war
beinahe dunkel;
die Lampe über dem Spiegel
schwach.
Fremd, dachte er.
Fremd.
Er suchte, die Verbindung
zu seinem Abbild zu
durchtrennen.
Glaubte,
für einen Sekundenbruchteil,
dass es ihm gelungen sei –
nur um im nächsten Augenblick
zu glauben,
dass er sich geirrt habe.
Doch er war sich nicht sicher.
Fremd wie ein neuer
Gedanke;
fremd wie ein neues
Gefühl.

Aus dem dunklen Hintergrund
löste sich eine noch dunklere
Gestalt ….
Wie ein Scherenschnitt.
Eine schlanke Silhouette, gehüllt
in Unkenntlichkeit; das
Gesicht
verborgen hinter schwarzem Stoff,
straff gespannt.
Die Figur kam ihm bekannt vor.
Lautlos wurde sie ein immer größerer
Teil des Spiegelbildes.
In der Hand
– war es die linke, war es die rechte?, er
wusste es nicht –
trug sie etwas, das er für ein chirurgisches
Instrument hielt.
Es wirkte schwer.
Er wandte sich um, schaute
in den Raum.
Der Raum war
leer.
Er hörte ein Splittern,
wandte sich wieder dem Spiegel zu.
– –
Die Gestalt war fort.
Der Sprung im Spiegel befand sich
fast in der Mitte –
eine Narbe, die wie ein
schräger Blitz
sein Spiegelbild
gezeichnet hatte.
Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.

Da war es :

Sein Selbstbildnis!

Sein Selbstbildnis,
das ihm
irgendwie

fremd war.


Der Sinn fürs Praktische

Ich bin leicht zu irritieren,
und am meisten irrtiert mich
der Sinn fürs Praktische, den
die Menschen in meiner Umgebung
besitzen.
Alles scheint einfach zu sein; für sie.
Vor allem das Einfache, das für mich
so schwierig ist. Das Alltägliche.
Es ist schwierig für mich, weil es
mich nicht interessiert; es sei
denn, ich lese darüber. Aber dann
muss es interessant geschrieben sein.
(Stil über Inhalt.)
Was soll ich mit dem Alltag?
Ich will die Allnacht!
Ruhe.
Und keine Eindringlinge in meinem Kopf.
»Wie kann man nur so lebensfremd sein?«
Ein Satz, den ich des öfteren höre.
Fremd war ich immer –
mir ….
den anderen …..
dem Leben.

Und überhaupt:
Das Leben –

Es kommt mir nicht zu nah, aber
es geht mir zu nah.

Ich besitze keinen
Sinn fürs Praktische.

Vielleicht einen anderen –
aber den hat
das Leben
nicht.


Der Schweiß in der Matratze

Die Albträume, die mich die größte Menge
an Schweiß kosten, sind diejenigen,
in denen ich jünger bin als in der
Schlaflosigkeit.

Denn
die Hölle habe ich
hinter mir.

Vielleicht habe ich
eine noch schlimmere Hölle
vor mir.

Wahrscheinlich sogar.

Aber von ihr
träume ich nicht.

Gegenwart findet nicht statt
in meinem Schlaf.

Die Matratze ist vollgesogen
vom AngstSchweiß
der Erinnerungen.


Das wunderbare Chaos

Wann hörte ich eigentlich auf,
unordentlich & chaotisch zu sein in
allem Äußeren?

Wenn ich genau darüber nachdenke,
war es – als
meine innere Ordnung zusammenbrach &
das Chaos in mir zu wohnen begann.

Das wunderbare Chaos.

Fortan wurde ich so
ordentlich, dass ich jeden Gegenstand,
den ein Besucher in meiner Abwesenheit
in die Hand genommen & ein wenig anders
wieder zurückgelegt (verrückt) hatte, sofort
bei Betreten des Raums
bemerkte – erfühlte.

Eine Art von Austausch
zwischen Innen & Außen
hatte stattgefunden.

Ein Ausgleich, der
ein Gleichgewicht herstellen sollte.

Ab & an
wünsche ich mir die äußere Unordnung zurück,
als könnte diese mein (verrücktes) Inneres wieder
ordnen ….
Dann beginne ich, wie ein Set-Designer
eine Unordnung herzustellen ….

Aber sie ist künstlich –
vielleicht sogar kunstvoll,
eine Kulisse für meinen inneren Film.

Ich belächle meine Versuche,
denn letztlich ist dieser Film doch nur
eine Komödie,

& das innere Chaos
bleibt
wunderbar.


Das Fingerschnippen

Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.

(siehe auch: Die Klapsmühle)


Mir fehlt einfach Alles

Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein;
Alles, was man braucht, um
veröffentlicht
zu werden;
Alles, was man braucht, um
irgendwo
dazu
zu
gehören.

Formulare, die
innerhalb gewisser Fristen ausgefüllt werden
müssen,
lasse ich so lange liegen, bis
Strafen
angedroht werden;
& dann
lasse ich sie noch länger liegen;
Anrufe
nehme ich nicht entgegen.

Sprechen
tue ich ungern.

Vorlesen
tue ich nie.

Ich möchte nicht
gesehen werden,

nicht einmal in einem
Seitenweg.

Nicht einmal in
der Nacht.

Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein.

Alles, was ich habe, sind
ein paar Bleistifte,
ein paar Schreibmaschinen,
ein Computer
& Papier –

& ein paar
blöde Ideen, die
in der Schlaflosigkeit
des Besoffenseins
geboren werden.