Schlagwort-Archive: Beziehung

Einfach wir

Zwei Ein
Zellgänger sagen
Wir

Zwei Zahn
Bürsten berühren sich
im Glas

Zwei Wäsche
Welten kreisen bunt im Kalleidoskop
der Waschmaschine

Zwei Leid
Ende der Einsamkeit
lachen

Es ist
fast ein
fach

Ein Du
Ein Ich

Ein Wir


Unser Planet

Wenn wir uns täglich begrüßen
als hätten wir uns 1 Jahr
lang nicht gesehen

Gewinnen wir dann Zeit?
Wie alt sind wir?
Wir sind

auf einem anderen Planeten
Seine Zeitrechnung
ist unsere

Wir werden sehr alt
werden gemeinsam
auf unserem Planeten


30161

Sesam!
Im Kühlschrank
Schwitters‘ Saure Sahne
Ach ja, da fällt mir
ein: Hannover
Auch ich war noch nie
in New York (Großstadt ist Großstadt)
aber in Hannover kennen wir einen Swingerclub
& ein Katzencafé (inzwischen pleite)
Da gingen wir immer die Miezen streicheln
Und anschließend spritzte ein Inder
meiner Freundin aufs Bein
(aber nur, weil ich gesagt hatte »Nicht
ins Gesicht« – was schade war, ich hätte es
schön gefunden,
doch man muss ja auch mal an Andere denken)
Es klingelten die Gürtel
Schnallen, Schwanzgewedel, und Hände
waren überall. Das Begehren der Fremden –
man kennt das. Strangers in the night
Feurige Mannschaft, versammeltes Getier
Blicke. Das karierte Röckchen
stand ihr aber auch wirklich
allerliebst. Klein & schön. Mädchenzartes Geschenkel
Das will man doch begreifen; das finde ich
begreiflich. Slipless Night –
für alle Damen ohne: 1 Freigetränk
nach Wahl! Und plötzlich
bekommt das Wort Klapsmühle eine ganz neue
Bedeutung. Weichschwingender
Applaus. Wuchernde Beulen. Irgendjemand
küsste & bezüngelte ihr die Zehen
auf dem Gynäkologenstuhl
(erzählte sie mir später; ihre Füße
waren ja hinter mir gewesen)
Rückwärts von nah
Ein alter Mann stöhnte auf
als sie ihren Finger ableckte
der irgendwo dringesteckt hatte
Das weiche Fell
der Maine-Coon-Katzen
getigert & getüpfelt
Schnurren & Latte
Macchiato. Junge Frauen
mit Milchschaum auf den Lippen. Süß
Irgendetwas erinnerte mich
an Mühlenflügel – – –
Es wurde weiß gelächelt & geleckt
kicher kicher
Manche streckten ein Bein aufwärts
und reinigten sich den Schritt mit der Zunge
(Gras fressen nicht vergessen!) Auf dem Wege
vom Katzencafé zum Swingerclub
kam man an einem Antiquariat vorbei
klein, vollgestopft & schön
Büchertürme im Schaufenster
Alte Folianten, Leinen & Leder
Ein hübscher Rücken neben dem andern
entzückend, berückend, beglückend
Die Reise ins Blaue hinein
Es war winterlich kühl
Viele Bücher trugen ihre Schutzumschläge
allerliebst. Ich
hätte zugreifen mögen
aber immer war’s
geschlossen


Wir wissen es nicht

Die Frau des Dichters sprach
(das haben die so an sich):
»Wie schön – im neuesten Gedicht

sieht man nicht
meinen nackten Po. Endlich
bin ich mal bekleidet.«

Da sprach der Dichter: »Oh!
Ich wusste doch
es fehlt etwas.

Nie ist ein Text perfekt.«

Sie trug eine Hose
während dieses Gespräches.

Das sollte nicht
unerwähnt bleiben
Der Dichter aber

änderte dies.

Wir wissen nicht
wo & wann


Der Zauberspruch

Der den Zauberspruch erfand
hat er dich gekannt, über die Zeiten
hinweg? Die Hose mit dem Gummizug

Hat er sie verhext? Wenn ja
danke ich ihm. Der Zug reißt
Das Beinkleid fällt

Stoff zum Träumen ohne Stoff
So nah! So dicht! Und durch Zufall oder Zauber
mundgerecht auf Augenhöhe

Wie lautet sie doch gleich
die Zauberformel? Ach
ja: Hokus

Und dann


Verlaufen

Du hast mich
verlaufen

Wo bin ich
bloß

hin
geraten

Bin ich
zu Hause?


Am Küchenfenster

Ein Gedicht ging
am Küchenfenster vor

über. Lange dunkle Haarwellen,
Hotpants, schwarz & aus
gefranst. Weißes

Top, schulter
frei & eng. Perfekte Beine.
Straffe Leine.

Hund. Ich
hörte auf

zu spülen. Nasse Hände,
laufender Hahn. Das Gedicht

   schritt

voran. Eine Uhr
mit gleichlangen Zeigern. Wie spät
mochte es

wohl sein? Ich
folgte mit Blicken.

Ein junges Brötchen
Ein wedelnder Schwanz.
Schmutziges Geschirr.

Und auch das Fenster war ziemlich
dreckig. Zweipersonenhaus

    halt.

Ein altes Schwein
das gerne spült.

Sie sah mich nicht
Sie kannte mich nicht
Sie sagte nichts
Sie wollte nichts.

Das war schön.
Ein Gedicht

    halt.


Inselbegabung 

I.

Eine Insel
Begabung zum Allein
Sein

Auf keiner Karte
Verzeichnet mit vor Kälte
Zitternden Händen

Ein Meer
Von Dis
Tanz & das Ich

Ein
Glücklicher
Nichtschwimmer

 

II.

Und der Nichtschwimmer erfreute sich
seiner Unfähigkeit zur Fort-Bewegung
ohne Hilfsmittel, und Hilfe
wollte er nicht.

 

III.

Unter
Gehen wie ein Gestirn. Er
Saufen willibald unterm wallenden
Gewölk ~ ~ ~

Frei! Tag
Für Tag! Kein Mensch mehr
Mehr Meer

Allein
Sein im Silberlicht
Der Reflexionen
Mit sich

Selbst auf einer Wellenlänge

Leben
Wie das Symptom einer Krankheit
Als Absonderung
Sekret

 

IV.

Geheimnis
Volle Insel
Auf keiner Karte

Verzeichnet ein
Blinder
Fleck in den Gezeiten


Bewohnte Muschel

Meer muss man
nicht sagen um sich
seiner Existenz zu versichern
da man am Strand liegt
& es in den Ohren rauscht wie
in einer verlassenen
Muschel die Geliebte
neben sich bäuchlings
& nackt auf einem Tuch
ein sandbestäubter Po im Blick
Feld mit Tropfen in denen
die Sonne scheint

Schweigen

gesalzener Wind auf Schleim
häuten die Wellen
vernichten die letzten Spuren
der Vorübergegangenen
die einen Blick riskierten
weil sie nichts zu verlieren hatten
Sandbestäubt, Tropfen
in denen die Sonne scheint

Berauschtes Schweigen

Nur in bewohnten Muscheln ist es
still

Möwen ahnen
nicht dass sie in Büchern stehen
in Wirklichkeit fliegen sie

Wirklich wie wir


Die Mitte der Scheibe

Ein kleines, stilles Mädchen
war sie. Wahr
ist, sie

scheint es noch
immer zu sein
in vielen Augen

blicken. Ihre Augen
allein schweigen
niemals. Hab mich

lieb! sagten sie 
beim ersten
Treffen – & trafen

exakt die Mitte
der Scheibe, die
meine Welt war.


Die Illusion der Kommunikation

Die Menschen wollen immer
dass man mit ihnen redet

Aber dann vergessen sie
was man gesagt hat

Es ist
als hätte man geschwiegen

Also schweigt man
von vornherein

Die Illusion der Kommunikation ist
ungenügend.


Der abgenutzte Falter

Ja, dachte er, jetzt
ist es soweit – man könnte anfangen
in abgenutzten Kitsch-Metaphern
zu denken ›Liebe ist

ein zarter Falter …
Gib auf ihn acht …
Beschütze ihn …
Sonst -‹

– – Verdammt, nein, die Wirklichkeit
Ohne Metaphern, aber auch
gleichsam abgenutzt – –

Er hatte im Wohnzimmer gesessen
& gelesen. Es war Nacht.
Ein Falter flatterte um eine Lampe;
das leise Geräusch

der rasch blätternden Flügel, tickende
Stöße gegen den grün leuchtenden Schirm…..
Flug, Landung, Stille; der Mann

stand auf & machte ein Foto
Der Falter hat ein Gesicht,
dachte er.

Dann las er den Roman
zu Ende, während die Frau
im Schlafzimmer schlief.

Tagsüber war der Falter
nirgends zu sehen. Allerdings
suchte der Mann ihn auch nicht;
er hatte ihn

vergessen.
In der nächsten Nacht
las der Mann einen anderen Roman.
Allein im Wohnzimmer.

Plötzlich hört er
wie die Schlafzimmertür geöffnet wird.
Die Frau geht

in die Küche.
Er blättert um, bewegt die Worte, und
die Frau kehrt zurück
ins Schlafzimmer. Tür zu.

Er liest
eine halbe Seite, dann:
ein Schlag! Fast zart
& vertraut.

Sie wird doch nicht…..

Er legt ein Zeichen
ins Buch & geht
in die Küche – –

Die Fliegenklatsche ist fort!

Beinahe schleicht er
durch den Flur, bleibt stehen, fragt durch die geschlossene Tür:
»Alles gut?«

»Nur ein Falter«, sagt sie,
»er hat mich nicht
schlafen lassen.«

»Du hast tatsächlich -?«
Die Tür bleibt ungeöffnet.
»Was denn? Bloß eine Motte!«

Der Mann entfernte sich, setzte sich
zum Buch. Er öffnete es nicht
(hatte sie nicht vorgestern erst
gesagt: ›Ich habe es aufgegeben

unter deinen Büchern eins zu suchen,
das mir gefällt.‹?) –
er betrachtete das Foto
von gestern.

Ja, dachte er, das ist wirklich
ein Gesicht.

Verdammt!


Literarisches Material

Es war eine Ehe
Frau Max Frischs, die sagte:

Ich habe nicht mit dir gelebt
als literarisches Material,
ich verbiete es,
dass du über mich schreibst.

Sie sagte es
zu ihm. Woher
ich das weiß?

Er hat es in einem Buch verwertet,
darüber geschrieben, wie
es seine Aufgabe war.
Montauk.

Da steht es –
gesperrt & abgesetzt
in Majuskeln.

Wie naiv kann man eigentlich sein?

Werte Dame, DAS WERK KOMMT
AN ERSTER STELLE !

Zumindest bei einem Autor,
der diese Bezeichnung verdient.

HEIRATEN SIE EINEN KLEMPNER,
WENN SIE DAMIT NICHT KLARKOMMEN !

Schriftstellerfrauen – auch so’n Thema…..

Bei der Durchdringung der Wirklichkeit
gibt es keine Sperrgebiete.
Keine Tabus, keine Rücksichten.

Die ernstzunehmende Literatur ist kein Ponyhof.
Sie ist ein Schlachthaus. Aus.
Hier hören die Nettigkeiten auf,
die man sich im Leben erlauben soll.

Ich verbiete es….
Die Ingeborg hätte so einen Schwachsinn nicht gesagt.

Und Nora Joyce hatte keine Ahnung
mit wem sie da zusammenlebte.


Äpfel 

»Ich hab dir Äpfel mitgebracht«, sagte sie freude
strahlend. »Danke«, sagte ich.

Normalerweise gingen wir gemeinsam
einkaufen. Ich hatte darüber nachgedacht,
ob ich ihr sagen sollte, dass sie
bitte Äpfel mitbringen möge. Aber,
obwohl sie selber kaum welche isst, war ich davon ausgegangen, dass sie von allein
daran denken würde. Und ich
wollte ihr die Freude nicht nehmen,
von allein daran gedacht zu haben.
Und mir wollte ich die Freude darüber nicht nehmen,
dass sie von allein daran gedacht hatte. Und uns beiden 
wollte ich die potentielle Freude an der Freude des jeweils anderen bewahren.

Ich war davon
ausgegangen. Doch
ganz sicher war ich nicht gewesen.
Wäre ich mir ganz sicher gewesen,
hätte es die Freude beeinträchtigt.

Es bestand die Gefahr,
ohne Äpfel zu sein.
Das ist nicht komisch.

Oder doch?

Liebe halt.
Es ist kompliziert.
Einfach kompliziert.

Man denkt so viel.

Selbst wenn man behauptet,
an nichts zu denken.

So viel,
als ginge es um
Integralrechnung.

Oder Größeres.
Vom Fühlen ganz
zu schweigen.

Fast eine Art
von Geistesstörung.

Und die Freude,
jetzt darüber zu schreiben,
könnte man sentimental nennen.
So wie alles andere auch.

Aber wer das täte,
hätte nichts verstanden –
& vermutlich diese Freude nur
selbst noch nie empfunden.

Keine Angst, das kann noch
kommen. Jederzeit! 

Und jetzt entschuldigen Sie mich;
ich möchte einen Apfel essen.
Mir scheint, sie
schmecken diesmal ein wenig
besser als
gewöhnlich.


Im Besteckkasten

Ein flatterndes Insekt hätte
es sein können
oder ein spazierendes
das mich kitzelte

im Nacken
Ein Fühler
Paar womöglich
das fühlte

Vielleicht eine Spinne
die den Faden verlor
weil sie müde war
nachdem sie ihren Partner verflüssigt hatte

Nein, es waren
Wimpern, die ein Blinzeln bewegte
Ein Zwinkern vielleicht
Schon halb im Traum

Ein Augenblick
Ein Wimpernschlag
Ein Moment
der nächsten

Nähe
Das Bett als Besteckkasten
Ein Fach in der Schublade
der Gemeinsamkeit

Das Auge im Rücken
Der Tausendfüßer
der über einen Löffel läuft
Das leise Lachen eines Käfers 

das nebelfeucht & warm
auf der Haut eine Spur
hinterlässt
Was hinter mir liegt

bist du
Was neben mir liegt
bist du
Was vor mir liegt

ist die leere Seite
des Bettes sowie die Zukunft 
Ich brauche mich
nur umzudrehen


Klingt wie erfunden

 

Über mir bewegte sich
ein dicker, haariger Arsch.
Neben mir stand
ein Penis in Wartestellung. 
Am Fußende bückte sich
ein alter Transvestit
& streichelte mir die Eier
während meine Geliebte auf mir ritt.
In ihrem Mund zuckte
der nicht ganz so dicke Schwanz, der
zu dem dicken Arsch gehörte.

Speichel troff auf meinen Oberkörper. 
Zuschauer schauten zu. Hinter uns
stöhnte eine Frau,
die auf einem anderen Bett gefickt wurde;
ich konnte sie nicht sehen,
aber es klatschte
unmissverständlich……

Es klingt
wie erfunden.
Zuviel Sexus, zuviel Erections,
Ejaculations, Exhibitions, And General Tales
of Ordinary Madness. Mit einem Hauch
Les Particules élémentaires.

Erinnerung ist Literatur.
Von der man nicht weiß,
wer sie verfasst hat.

            War
         das ich?
   War das wirklich
     mein Erlebnis?

Schmutz, Schund & Hohe Kunst,
ein bisschen Philosophie und
hin & wieder ein Bestseller.

Hauptsache,
die Unterlagen sind abwaschbar.

Ich schaute nach oben.
Der Mond ist aufgegangen … O
heiliges Decamerone & Satyricon!
Wenigstens trägt er ein Kondom …
hoffentlich mit Kirschgeschmack …
sie mag doch Kirschen …
Was für ein Arsch!

Irgendwann saß man wieder
an der Bar. Vor dem
bunten Cocktailglas –
& sollte smalltalken. Alkohol
frei war der Cocktail; schließlich
war man trocken. Seit Jahren. Weggesperrt
die Sucht. Eine Frau
schob ihr
Kleid aus Kunst
Leder hoch
& zeigte uns ihren Intimschmuck;
sie zog daran, bis mir die Schamlippen wehtaten,
die ich nicht mal habe. Ihr Mann (ich
denke, das war er) starrte
auf die Beine meiner Freundin. Kein Rock
war kürzer als ihrer. Sie sog
am Strohhalm. Rechts von mir
wollte einer ein Gespräch anknüpfen.
Ich wendete mich ab.
»Das war ganz schön
unhöflich«, sagte sie später.
»Ich war doch nicht zum Reden dort«,

sagte ich. 120 Tage später.
Es können auch Minuten gewesen
sein. In der Umkleide
kleidete der Transvestit sich um.
Sein Gesicht erinnerte mich
an einen Altrocker aus der DDR.
Der Rock rutschte zu Boden,
keiner war kürzer als ihrer,
sie zog die
Alltagshose an.
Einer von den Puhdys hat mir das Skrotum gekrault,
dachte ich.

Erfahrung, die klingt
wie Erfindung, findet man
interessant

& zweifelhaft. Zu schön
um wahr zu sein.

Zu wahr
um schön zu sein?
Ist so

das Leben?
Die Wirklichkeit

ist meistens zu schnell
& das Leben noch schneller

vorbei

Als wir gingen
sagte die Geliebte »Tschüss«
zu dem geschminkten Herrn
mit den zärtlichen Fingern. Ich sagte
nichts. Wirklich, es ist
wahr: sie ist einfach
höflicher als ich.

Netter sowieso.


Niemand ist

 

Niemand ist ich
Außer mir
Nicht einmal
Die sind
Wie ich
Können ich sein

Was ich kann
Oder nicht kann
Kann nur ich
So wie ich
Es kann
Oder nicht kann

Meinen Schmerz
Meine Freude
Empfinde nur ich
So wie ich
So ähnlich kann mir niemand sein
Dass er es könnte

Wenn ich versage
Versage ich einzigartig
Wer’s mir nachmacht
Macht es anders
Ich muss nichts können
Denn ich bin da

Ganz da
Ganz hier
Ganz ich
Gäbe es einen Sinn
Zu existieren
Dies wäre er

Niemand ist du
Nur du
Die sind
Wie du
Sind es nicht
Was wäre die Welt ohne dich

Sie wäre völlig anders
Selbst wenn es niemand merkte
Außer mir (vielleicht)
Mehr soll man sich nicht wünschen
Nur ich sein Du sein
Hier & Da

Sein


Dank 

Man war höflich
zueinander & wusste
sich gegenseitig zu schätzen.

»Danke fürs Saugen«, sagte sie
zu ihm. Er stellte das Gerät
zurück ins Kabuff.

Nahezu staubfrei war das
Schlafzimmer. Sie gingen zu Bett.
Später sagte er zu ihr: »Danke

fürs Saugen.« Das Gerät wurde
verstaut. Dann lachten sie beide
& schlummerten ein.


Spaziergang 

Man ging spazieren. »Hast du die
Frau gesehen?« fragte die Frau.
»Nein«, log der Mann.
»Ist sie hübscher als ich?«
»Nein«, widersprach er
sich. Ohne dass sie sich
wunderte.

Am Abend saßen sie
beisammen. Die Frau saß
vor dem Stapel ihrer Bücher
& konnte sich nicht entscheiden,
welches sie weiter
lesen wollte. Angefangen
hatte sie alle.

So viele 
Geschichten! Woher
soll ich wissen, welche
mir am Ende am besten gefallen
haben wird?

Der Mann saß
einfach nur da & dachte 
an den Spaziergang.


Die Zellteilung der Gefangenen

Gefangen im Leben
Gefangen in der Welt

Die Zellteilung der Gefangenen:
das Zusammen

Sein

Geteiltes Leben
Geteilte Welt

Liebe

Vermehrung

sonst
Nichts


Die Reise ins Nichts

 

Einmal in dieses Nichts reisen,
an das die Männer immer zu
denken behaupten, wenn

die Frauen fragen:
»Woran denkst du?«
Es wäre

die abenteuerlichste Reise,
die denkbar ist – und
womöglich

würde man
niemals zurück
finden


Der winzige Tubaspieler

 

Ein winziger Tubaspieler
Lebte unter unserem Bett

Hin & wieder
Probierte er sein Instrument

Das winzig war wie er
& doch klang wie ein großes

Nur 1 oder 2 Töne zumeist
Ließ er hören – niemals

Eine Melodie
Und obwohl wir es wußten

Sagten wir immer
Wenn wir ihn probieren hörten:

»Wer war das?«
»Ich

war’s nicht.« »Ich
auch nicht.«

»Ach ja, der
Tubaspieler!« Gelächter

Es war schön
Dass wir 3

So vertraut
Miteinander waren.


Die Macht der Gewöhnung 

Sie sagte »Wenn
du stirbst, lasse ich dich
einfach da liegen –

& lege mich
zu dir.«
»Das ist«,

sagte ich, »schön. So
romantisch. Aber irgendwann werde ich
anfangen zu stinken.«

»Das macht nichts«,
sagte sie.
Daran bin ich gewöhnt.«


Verschweigen Versprechen Versagen

Furchtbar
Laut war das Verschweigen
Und ein Versprechen wurde leise

Gebrochen
Die Lüge ist ein Versagen
Der Wirklichkeit

Am Ende
Geht jeder
Noch ein bisschen einsamer

Getrennt
Durch ein Gespinst
Von Unwahrheiten

Wer hatte verschwiegen?
Wer hatte versprochen?
Ein Mensch

Wie ich & Du wie
Alle Furchtbar Gebrochen
& am Ende ge

trennt
Durch ein Versagen
Der Wirklichkeit


Lächeln

Er wurde immer etwas 
traurig, wenn
sie eine lange 
Hose anzog; aber
als ihm dies bewusst wurde
musste er

lächeln.


Gelächter im Licht

Eine frühlingsbunte Wiese
Verkehrslärm fernab
Flatterflügel & Gesumm
Mir fiel ein: Hätte Rubens eine Biene gemalt
wäre sie eine Hummel

Pollen schneiten durch den Sonnenglast
Alles wucherte & roch
nach sich
selbst Die Geliebte
im heißen Höschen
neben mir Die Luft
fieberte & schwitzte
als wäre es Hoch
sommer Vögel stellten sich vor
aber wir verstanden sie
nicht Mag
sein dass Menschen da waren
aber ich
sah sie
nicht Selbst
der Horizont war horizontal
sonst nichts
Es
war die Zeit der rechtwinkligen Phantasien
Alles schien
jung Sogar
mein Inneres Eine Hose
so kurz wie das Leben
so knapp wie ein Sieg

»Übrigens« sagte die Frau (wie ich
ihre Stimme liebe
) »Sex
sucht ist heilbar«
»Ich weiß« sagte ich Ich
schaute hinab
auf ihre Sandalen
(Riemen & Zehen
in Bewegung) »Ich
weiß« wieder
holte ich »aber
wer will das schon« Lachen
Gelächter

Gelächter
im Licht


Schon wieder Liebe 

– – und dann hatte sie meinen Schlaf
nicht stören wollen
& hatte die Spülung
nicht betätigt, weil sich das Klo gleich
nebenan befand, und später, als sie
wusste, dass ich erwacht war, vergaß sie
zu spülen, weil sie in meinen Armen
lag, und als ich
aufstand, um zu pissen, sah ich:
Kacke, 2 nette kleine
Würstchen im Flachspüler, mit
aufgeweichtem Papier drumherum. Fast
wie ein Geschenk. Ein Brauch
aus der Vorgeschichte.
Wie rücksichtsvoll sie war!
Das ist Liebe, dachte ich.
Und ich betätigte die Spülung für sie 
bevor ich mich setzte.
Ich wusste, es
würde ihr furchtbar peinlich sein,
und ich atmete
flach – – 


Der lautlose Fall des Schattens

 

Mit meinen eigenen Augen
(mit welchen auch sonst) beob
achtete ich den lautlosen Fall eines

Schattens. Der Schatten fiel auf
den Boden, knickte ein
an der Wand & versch

wand durch die Tür. Nacht
schwarz & nackt war er ge
wesen. Dieser Nacht

ähnelte Nichts. Und doch
war Nichts ganz
anders. Als ich

das Licht aus
machte, war Schatten über
all im Schlaf

Zimmer. Ganz tief
sinnig hätte man werden können,
aber zum Glück gab es das Rauschen

der Klospülung nebenan. Dort
wo die Schattenwerferin
der Natur gehorchte – so

wie jeder Schatten,
der fällt, wohin
er fallen muss.


Auf der Brücke

 

»Was hast du«
fragte sie »geträumt?«
»Wann?« fragte er
»Letzte Nacht« sagte sie
»Ich weiß nicht
Was – ich weiß
nur Wovon« »Wovon
hast du geträumt?«
Sie standen auf
einer Brücke Die Frau
am Geländer Der Mann
etwas abseits Er
hatte Angst vor der
Tiefe Sie
schaute hinab in den Ab
Grund Wind
bewegte Wipfel
Er betrachtete sie wie sie
beobachte wie die Bäume
bewegt wurden von dem
der ihre Haare bewegte
»Vom Alkohol« sagte er
»und vom Verlassen & Verlassenwerden
vom Rauchen – von dem
was ich aufgegeben habe & von dem
was ich bekommen habe
stattdessen« »Klingt«
sagte sie »traurig«
»Gar nicht – ich
habe viel gelacht
im Traum« »Habe ich
nicht gehört«
»Seltsam« sagte er
obwohl es nicht seltsam war
sondern selbstverständlich
Dann sagten sie
wieder nichts
wie zuvor
verloren
in ihren Gedanken
die so oft dem Anderen
galten


In meiner Nähe

 

Ich war allein
in meinem Traum

Nichts & Niemand
umgaben mich

Kein Wort kann es
beschreiben, denn jedes

Wort ist zu viel für Nichts
Und Niemand setzt Jemanden voraus

Einsamkeit ohne Worte
war in meinem Traum

Keine Begriffe
an denen man sich festhalten konnte

Doch es erschreckte mich
nicht, denn ich schien

es gewohnt zu sein von Alters her
Ich träumte eine Wirklichkeit

in der Träume nicht existierten
Und das All war ein kahles Zimmer

in dem ich allein war
Isoliert von Allem

Von Allem, was ohnehin nicht existierte
Plötzlich aber –

hörte ich jemanden
atmen…..

ruhig & regelmäßig
in meiner Nähe

Dabei hatte ich gedacht
meine Nähe gäbe es gar nicht

Ich bekam Angst
so wie Andere ein Geschenk bekommen

Und Bewußtsein bekam ich
Das der Angst ähnelte

Als ich erwachte
war auch dort der Atem

als hätte ich ihn mitgenommen
aus meinem Traum

Ruhig & regelmäßig
atmete es in meiner Nähe

Denn meine Nähe existierte
Und Jemand lag darin

Lag darin wie selbstverständlich
& so als ob

Selbstverständlichkeit in meinem Leben
vorgesehen wäre

Auch sie erwachte
Sie berührte mich in der Finsternis mit ihrer Hand

Nur kurz, um sich meiner Nähe (vielleicht
sogar meiner Existenz) zu vergewissern

Ein leises Kichern der Zufriedenheit –
Dann schlief sie wieder ein

Ich blieb noch eine Weile wach
weil ich das Bewußtsein nicht verlieren wollte

Und weil ich es hören wollte:
Das Atmen

in meiner Nähe


Unfassbar

Der Mond hing tief
Dicht über der Straße
Unfassbar

In der einbrechenden Nacht
Obwohl ich so lange Arme habe
Die Hände am Steuer

Swingte es im Radio
Dann war das Stück
Zu Ende. Jemand sprach.

Nannte den Interpreten
Den Titel & das Erscheinungsjahr.
1989. Ich dachte an jenes Jahr

& die einzige Frau
In meinem Kopf. Damals
Hatte mich dieser Job

Ereilt. Der erste
Lohn. Mit 29! Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.

Anders als man denkt
Wenn man denkt
Und wenn man nicht denkt

Kommt es auch
Anders. Ich
Stellte sie mir vor. Wie sie hätte

Getanzt haben können
1989. Zu dieser Musik, die jetzt
zu Ende

gegangen war. Swing! (Auch heute noch
Schaukelt sie für ihr Leben
Gern.) Es tanzt

Mit unsicheren Schritten. Über die
Es nicht nachdenkt. Leicht
Könnte es fallen; gerade

Erst hat es Gehen gelernt –
Das tanzende Mädchen
Wild in meinem Kopf. Das tanzende Mädchen

Das ich nicht gekannt hatte. Das
Tanzende Mädchen, das ich
Kennenlernen würde, verborgen

In einer Frau, die schaukelt. In der einzigen
Frau in meinem Kopf. Ich musste
Lächeln bei diesem Gedanken

Spiel. Und schaltete
Das Radio aus. Die Nachrichten
Von 2016, ich wollte sie

Nicht hören. Unterwegs. Noch immer
Derselbe Job wie damals. Und
Die Tänzerin wartete zu Hause

Auf mich! Es war wirklich
Unfassbar. Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.

Und der Mond hing so tief. Dichter
überm Horizont. Und meine Arme
Hatten exakt die richtige Länge

Für Umarmungen. Und die Krater könnten
ein Lächeln
Bilden

Wie in einem alten Gesicht.
Es ist Alles eine Frage
Der Interpretation.


Im Spiegel

 

Je besser man jemanden kennt,
desto seltsamer er
scheint es, ihn

im Spiegel zu sehen.

So verkehrt. Es sei
denn, es handelt
sich um einen selbst.

Da ist das Verkehrte
das Gewohnte. Und
man braucht mindestens 2

Spiegel, um sich
richtig zu sehen.
Schon seltsam,

was für Gedanken
einem durch den Kopf gehen können,
im Angesicht einer Fläche

aus rückseitig beschichtetem Glas.
Ich schaue hinein
& weiß

nicht mehr, wen
ich besser
kenne


Fremde aus fremden Fantasien

 

Der Mann B.
fand sich halb
liegend im Bett & las

in einem Buch

Die Frau B.
fand sich auf
recht im Bett & las

in einem Buch

Das Bett war ein
& dasselbe, man konnte es
ihr »gemeinsames« nennen

Die Romane in ihren Händen
hatten nichts miteinander
zu tun

Die Fremden aus den fremden
Fantasien wussten nichts
von einander

Sie handelten
nach den Gesetzen
ihrer fiktiven Welten

erdacht von ihnen
Unbekannten die geglaubt hatten
Wirklichkeiten zu erschaffen

Sie hatten nichts miteinander
gemein »Ist es
gut?« fragte die Frau

irgendwann

»Ja«, sagte der Mann,
»und deins?«
»Auch«, sagte die Frau.

Schweig
end lasen sie
weiter …. gefangen

in ihren Vorstellungen
von den Fremden
aus den fremden Fantasien

von den Wirklichkeiten
die keine waren
erdacht

von Unbekannten