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Milchreis mit Zimt

In der Regalgasse
kam sie auf mich zu
mit ihrem Einkaufswagen

»Ich hab zweimal Milchreis mit Zimt
für dich«, sagte sie.
Ȁh, danke - - ich glaub,
ich mag den im Moment gar nicht mehr.«
»Ah – okay ---«
»Nach dem letzten Mal ging’s mir so komisch.....«
»Aha....«
»Ja. Hm. Vielleicht bringst du ihn doch besser wieder zurück.«
»Ja; klar; mach ich.«

Das wird jetzt niemand verstehen,
der nicht weiß, wie sie, und nur sie, 
etwas sagen kann – aber
es hätte mir doch beinahe
das pumpende Hohlorgan zerrissen;
und ich musste hinterher
zur Kühlung

Sie stellte die Schälchen zurück
Deren Inhalt ich vielleicht lieber hätte herunterwürgen sollen
um ihr eine Freude zu machen
& um mich selber besser zu fühlen
in aller Übelkeit

Da nahm ich sie von hinten
in die Arme - »Vielen Dank nochmal,
dass du daran gedacht hast.«

Es fielen noch weitere Worte im Supermarkt,
und gelächelt wurde außerdem. 

Und so wird nun auch Milchreis zum Symbol werden
Zur stehenden Redewendung
Zum Insider
Zur Anspielung

in dieser Beziehung.

Und natürlich hat das alles nichts mit Literatur zu tun.
Denn es wird behauptet, die solle 
Gefühle erzeugen – und nicht schildern.
Aber wenn etwas etwas soll
will ich etwas anderes wollen.

Und sagen: Seht her!
So kann es sein.
Es kommt vor
dass sich die Richtigen treffen.
Das sagt Euch der Pessimist,
der an gar nichts glaubt.

Übrigens war vermutlich alles ganz anders. 
Plötzlich hatte ich das kleine Mädchen gesehen & gehört... 
Das Mädchen, das ich nur von Photos kenne 
(& in ihren Augen sehe)
Und es hatte mich gerührt 
Gerührt bis an die Schmerzgrenze —

An der Kasse
war dann noch die Flüssigseife nicht richtig ausgezeichnet
und die Kassiererin konnte so kurz vor Schluss
niemanden mehr erreichen
& in ihrer Liste konnte sie den Preis nicht finden –
drum ließen wir die Seife also auch noch zurück.

Aber das ist ja eigentlich schon wieder eine andere Geschichte.
Die bestimmt ebenfalls irgendeinen Symbolwert hat.


Unerwartet

Jemand kitzelte ein Gitarrenkind
Ein sanfter Bass tapste nebenher wie ein Bär
Der alte Mann in der Scheibe sang
I’ll see you in my dreams

Da kam sie in das Zimmer und tanzte
Kurzes Hemd, gestreiftes Höschen
Sie barfüßelte vor der Spiegelwand
Drehte sich und schwang die Arme
Witzig und ernst, da und traumverloren
Und so schön und leicht wie der Moment
Den man nicht erwartet hat

Nach all den Jahren
Muss ich immer noch lächeln
Wenn ich einen Raum betrete
In dem sie sitzt
So als wäre ich überrascht
Und könnte es nicht fassen
Weil das Glück das ich hatte
Unfassbar ist
Immer noch immer noch immer

… tender eyes that shine …

Und sie lächelt zurück!
Und lacht sogar! Meistens
Wir wissen wie man das nennt
Aber wir haben ihr einen neuen Namen gegeben
Der nicht nur ein Wort ist

Der alte Mann schweigt
Die Ukulele verstummt
Es ist spät geworden

Der Song summt in meiner Erinnerung
Auf dem Stuhl neben dem Bett
Scheint sich eine Biene entkleidet zu haben
Man muss mit allem rechnen


Die Jacke

Das ist ihre Jacke
Auf der Armlehne des Sessels
Den niemand je benutzt

Achtlos dahingeworfen
Verschlungen unsichtbar
Die Ärmel

Die zieht sie an
Um nicht zu frieren
Da draußen

Jetzt schläft sie
Unter der Decke
Und schwitzt vielleicht

Ein bisschen
Nur kurz habe ich
Vom Buch aufgeschaut

Das ist ihre Jacke
Mir gegenüber
Auf der Armlehne des Sessels

Den niemand je benutzt
Es ist gut
Dass sie da liegt.


Momentaufnahme (für die Ewigkeit)

Eine Träne rinnt ihr über die linke Wange.
»Wie groß er heute war«, sagt sie.
In der Tat: zwei Mal hatte sie leicht gewürgt,
und kühles Nass war den Damm hinab gesickert.

Sie lächelt und kam
unter dem Tisch hervor. Weiß & fleckig
stand der Mond im All; er besorgt uns
die Romantik. Wie groß er heute war!

So kommt es mir
zumindest vor. Eine optische Täuschung,
die etwas mit Nähe zu tun hat, glaube ich.
Ein Nachtfalter hat sich an die Scheibe geheftet

im Schein der alten Lampe mit dem grünen Schirm.
Ein leiser Wind bewegte die Zweigsilhouetten,
und der Tag gleitet unausweichlich in die Vergangenheit.
Einen Moment noch

blieb er uns gegenwärtig. Der Moment —
wie groß er heute ist!
Er berührt die Zukunft — und reicht vielleicht
noch weiter. Wir werden

es erlebt haben.


Wie kann man nur

Plötzlich blieb Udo stehen
und schrie eine Rose an:
»Wie kann man nur so rot sein!«

Die Rose rührte sich
nicht. Sie war tatsächlich rot.
Doch nicht außergewöhnlich.

Wir gingen weiter.
Ich schwieg und hatte Mitleid
mit der Rose.


Für Alle

Es gab eine Zeit

Da war mein stets berauschter Geist überzeugt
Die völlige Einsamkeit werde der Schauplatz
Meines künftigen Lebens sein

So wie sie der Schauplatz meiner Gegenwart war
der Schauplatz vieler vergangener Jahre
Ein Schlachtfeld, auf dem man gegen sich selber kämpft

Suff, Bücher, Leere, Kälte —
Der Lebensabend in tausend Nebeln.
Die Selbstzerstörung in voller Fahrt.

Niemals niemals NIEMALS

Würde mehr Ersehntes
Meine Burg, meine Festung
Betreten.

Was ich mir wünschte
Gab es nur noch auf Bildern
Und Bildschirmen

Glatt, geruchlos, zwei Dimensionen
Ohne Tiefe, ohne Wärme
Ohne mich.

— — –

Wie fremd
Ist mir diese Vergangenheit
Dieses Ich

Von damals! Heute!

Sieh doch:
Eine junge Frau geht
Nackt zwischen Bücherregalen

Ich darf sie berühren
Sie berührt und rührt mich
Sie schmeckt und duftet und lebt

Hier. Der Suff ist vergessen.
Die Nüchternheit berauscht.
Meine Burg, meine Festung

Wird barfuß durchtanzt.
Ich dürfte es kaum glauben können.
Aber doch, aber ja.

Ich glaube es. Ich sehe es.

Sie nimmt ein Buch aus dem Regal
Eins meiner alten Bücher
Es ist eine Lücke entstanden

In der Reihe der Folianten
Das Buch lebt auf
In der Lücke steht ein unsichtbares Album

Ich bin in diesem Leben
Sie ist in diesem Leben
Wir sind in unserem Leben

— — —

Was ich eigentlich sagen will:
Es gibt Hoffnung.
Es gibt Erfüllung.

Was es für mich gab
Gibt es für Alle. Für Alle
Die ebenso verzweifelt zweifeln

Wie ich überzeugt war
Die völlige Einsamkeit werde der Schauplatz
Meines künftigen Lebens sein.

Sieh doch: da
Ist sie nicht schön?
Ich könnte es kaum glauben

Wenn ich es nicht wüsste.
Verstehst du, was ich sage?
Für wen ich es sage?

Stell das Buch nicht zurück
Dort steht jetzt ein Album.
Ich blättere manchmal darin


Als wäre es Gras

Die Süßigkeit machte ihn müde.
Die Müdigkeit machte sie süß.
Sie gähnte, er schluckte.

Dann schlief sie. In der Pralinenschachtel
gähnte die Leere. Zu süß,
dachte er, kann es nicht geben

und biss in das letzte Herz.


Die letzte Grille

Wie konnten mir Grillen auf die Nerven
gehen in meiner Jugend! Und später.
Dieses ewige Gezirpe!

Ach, ewig – das sagt man so
dahin.

Abend. Wir liegen im Bett.
Das Fenster steht offen.
»Oh, wie schön«, sagt sie.

»Was?«
»Die Grille. Ich hab schon ewig
keine Grille mehr gehört.«

»Ist das nicht ein Vogel?«
»Nein, nicht der Vogel,
die Grille. Eine einzelne Grille.«

Ich stehe auf. Halte
den Kopf aus dem Fenster.
»Na ja«, sagt sie. »Es ist

ja nur eine, und der Ton ist
sehr hoch und leise.«
Ich sage nicht:

Da ist keine Grille. Es gibt
keine Grillen mehr. Sie sind
verschwunden. Für immer.

Aus. Gestorben. Da liegt sie.
Mit ihren jungen Ohren.
Ihren jungen, hübschen Ohren.

Ich lege mich wieder zu ihr.
Wie konnten mir Grillen auf die Nerven
gehen? Jemals.

In meiner Jugend. Und später.
Wie lange ist es her,
dass ich die letzte Grille gehört habe?

Und es nicht wusste.
Nicht ewig. Denn das sagt man nur so
dahin.


Die leuchtende Perle

Alle Sträucher, Hecken, Bäume
waren in geometrische Form gebracht.
7 Stunden Lärm vom Benzinmotor,
stummes Leid der Pflanzen.

»Ach du dickes Schaf«, flüsterte sie,
»Beete aus Kieselsteinen!
Wie furchtbar. Kalt, grau
& hässlich. Und diese Gipsfigur!«

»Ich blicke in das Gehirn des Nachbarn«, sagte ich.
»Ich würde da nicht wohnen wollen«, erwiderte sie.
»Du hättest viel Platz – in seinem Gehirn.«
Ein Lächeln, das neben mir spazierte.

Wäre ich er, würde ich hinter der Gardine stehen
und sehen, wie sie vorübergeht im Sommerkleid.
Dann würde sie gleichsam verschwinden
im Dschungel des Vorgartens.

Kegel, Kugeln, Zylinder –
was mögen die Tiere denken?
»Bei uns gibt’s einen neuen Hügel«, sagte sie.
»Ich weiß«, sagte ich. »Darunter

liegt der Maulwurf in seinem Bettchen
mit dem fluffigen Kissen & der dicken Decke.
Über ihm hängt eine leuchtende Perle,
und in ihrem Licht liest er ein rotes Buch

über ein Maulwurfmädchen.«
»Mo-mi-ta«, silbte sie. »Wo
kommt die Perle her?«
»Von einem kleinen Fisch,

den er vor einem großen gerettet hatte.
Zum Dank schenkte der Kleine ihm eine Muschel,
die außen schwarz und innen so rot war wie das Buch.«
»Jetzt erinnere ich mich wieder.«

Wir gingen nach Hause. Licht der Abendsonne.
Gleichschenklige Bewegung, parallele
Zehen in Sandalen. Nie kann man sich sattsehen.
Doch der Maulwurf trägt keine Brille.

Farbenfrohes flatterte im Garten
und saugte an dem, was Menschen Unkraut nennen.
»Was machst du jetzt?« fragte sie.
»Ich werde mich ins Bettchen legen

und auf das Leuchten warten.
Und du?« »Ich weiß
nicht. Vielleicht noch
etwas spielen.«

Ich bin ein Hochstapler
der Bücher. Ein bunter Turm
auf dem Nachttisch
könnte der Beweis sein.

Schwarzweiß flimmerte ein Film
auf mir. Körnige Bilder
& Werbung für Getreideflocken.
Sooo knusprig!

Ich drückte einen Knopf
und schlug ein Buch
auf. Seite 303 (leicht wellig).
Schiller? Na ja.

Als sie unter die Decke kam,
wurde es glatt & warm.
»Man könnte«, sagte sie,
»nachts in den Garten gehen

und schauen, ob es aus dem Hügel
gemütlich leuchtet. Was meinst du?«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Das lässt sich ändern. Hauptsache,

du bleibst lange bei mir.«
Ich nahm die Brille ab.
Der Schirm der Lampe war
ein weißer Zylinder.

»Natürlich«, sagte ich,
»du kennst doch die Floskel –
Unkraut vergeht nicht.« Unter
dem Plumeau blühte es dunkel.


Menagerie

Oft genug habe ich belegt,
wie besessen ich bin.
Und darauf bestehe ich.

Sie träumte
von einem verlorenen Rock,
der wie ein Fetzen Mondlicht

auf einer saftigen Wiese ruht.
Duft der Dämmerung,
Stille der Grashalme.

Ich habe doch gar keinen
Rock, denkt sie, der weiß
ist, wie konnte ich ihn verlieren?

Da erhebt er sich
& fliegt davon –
ein gigantischer Zitronenfalter.

Ich hörte etwas, das ich
für einen unruhigen Traum hielt.
Es war 1 vor 3 in der Nacht,

ich legte das Buch auf das Sofa,
ging durch den Flur & lauschte
an der Schlafzimmertür.

»Alles in Ordnung?« flüsterte ich.
»Was machst du?« fragte sie.
In meiner Vorstellung stürzte eine Wand ein.

So laut war das Getöse. Gleich nebenan.
Ich ging ins Bad & schaltete das Licht ein.
Ein fremder Kater schaute über den Wannenrand,

groß & massig, getigert, mit weißen Flecken.
Als er mich sah, jammerte er. Dann
geriet er in Panik, als wäre er

ich, gefangen in einer Katze, die gefangen ist
in der Badewanne in einem fremden Haus.
Nichts bietet Halt.

Sie kam aus dem Schlafraum.
Traumverschlafen. »Was ist?«
»Katze«, sagte ich. Zwei Delphine,

ein Frosch & ein Pinguin waren schon
in die Wanne gefallen; jetzt holte er noch
eine Ente vom Fensterbrett. Enge

weiße, glatte Welt. Krallengeprassel
auf Emaille. Erst als ich einen Wäschekorb
ganz langsam hineinstellte,

sprang der Kater aus der Wanne,
als hätte er nie ein Problem gehabt.
Und da er sich erinnerte,

wo er hereingekommen war…..
Eng, violett & kurz
war ihr Unterhemd, sonst

trug sie nichts. »Mist«, sagte sie,
»ich hab vergessen, die Terrassentür
in meinem Zimmer zuzumachen.«

»Schnell weiterschlafen«, sagte ich,
»Du hast im Traum deinen Rock verloren,
und jetzt irrst du

unten ohne über dämmrige Wiesen.«
»Spinner«, sagte sie lächelnd.
»Ja, Spinner gibt’s da wahrscheinlich auch,

obwohl ich nur einen Zitronenfalter gesehen habe,
und der war eigentlich dein Rock.«
»Gute RestNacht«, sagte sie,

und ein kleiner, runder Mond verschwand
im Bett. Das Buch
hatte sich nicht vom Sofa bewegt;

das fand ich
sympathisch. Es war wie ich,
wenn nichts mich stört.

Ihr Rock landete auf einer Lupine,
sie schaukelte, er flatterte. Die Träumerin
denkt: wie warm es noch ist,

eigentlich brauche ich ihn nicht.
Die Luft tut gut. Niemand sonst scheint
dort zu sein. Nur ich, der nicht

zu sehen ist. Und eine zärtliche Brise,
die überall hinkommt & tut,
was sie will.


Leicht schwierig

Im Vergessen bewußt
Sein. Vergessen
daß es einem gutgeht

daß man glücklich ist
in der Bewußtlosigkeit
der Gegenwart

Nichts
soll mich erinnern
Sei still

Nein
wenn du still bist
fällt es mir wieder ein

Sag was
Nein, doch nicht
Das

Wie leicht es schwierig wird
glücklich zu sein
wenn man es ist


Wenigstens ein Igel

Funken zerstieben auf der Straße,
eine Zigarette wurde wutentbrannt
aus dem Fenster geworfen.

Köpfe streiten unhörbar
hinter der Heckscheibe.
Ein Igel rollt sich

ein. Er gerät
zwischen die Räder –
und bleibt

unverletzt.
Was für ein Glück!
Wenigstens er.

Ich weiche aus.
Halte an. Vielleicht
kann ich ihn retten.

Der nächste Streit
könnte schon unterwegs sein.


6 Stunden, 5 Nächte, 5 Jahre

Sechs Stunden im Zug.
Ich fuhr nach München.
Ihr Freund war zur Kur, das Hotelzimmer
reserviert. 5 Nächte. Billig.
Tags gingen wir spazieren; sie
zeigte mir die Stadt, die sie verabscheute.
Abends schauten wir fern in ihrer (seiner) Wohnung.
Nachts im Hotel wurde gefickt.
Ich bezahlte sie. (Nie davor & nie danach
habe ich bezahlt, und für keine andere
hätte ich es getan.) Es ging um
ihr Gewissen; da ich sie bezahlte,
fiel es ihr leichter, ihren Freund
zu hintergehen. Menschliche Seele,
man kennt das: dieses Ding da, aus
dem man kaum schlau wird. Küssen
durfte ich sie nicht. Das war das Schlimmste.
Aber auch die Bezahlung war grausam
für mich. Am letzten Tag
hatte sie einen Termin. Jemand anderes
hatte ihr online Geld für Sex geboten; sie
langweilte sich, also wollte sie
etwas erleben. Ein bisschen Schwung
ins Leben bringen. Ich ging
in ein Museum, und sie zu dem Café,
wo sie alles besprechen wollten.
Eine Stunde später waren wir
wieder zusammen. »Und?«
fragte ich. – »Wird schon gehen«,
sagte sie. »Er hat mir gleich die Hand
aufs Bein gelegt. Das hasse ich. Außerdem
hat er eine hohe Stimme. Wie ein Mädchen.
Schrecklich. Zu jung isser auch,
nächste Woche treffen wir uns.«
Dieses Ding da, aus dem man kaum
schlau wird. Ich habe es auch.
Ein Schmerz im Herz, ein Puckern
im Schwanz. Ich weiß es doch auch nicht.
Es war alles so seltsam. Am nächsten Tag
saß ich wieder im Zug. Zum Abschied
durfte ich sie nicht einmal
auf die Wange küssen. Am Telefon
erzählte sie mir später alles
ganz genau. Die Therme, das Stundenhotel,
der Whirlpool… Und wieder:
Schmerz & Puckern.

Mehr als 5 Jahre
leben wir jetzt zusammen.
Kein Ende abzusehen.
Mehr Glück ist
dem Menschen nicht zugänglich.

 


Hüter des Schlafes

Unser Butler klappert mit dem Meißner Geschirr
etwas zu laut; wir werden ihn entlassen müssen.
Der Gärtner raucht wie eine alte Fabrik,
während er die Ränder des Rasens mit
der Nagelschere in Fasson bringt; dann
bekommt er einen Hustenanfall, als
läge er in einem Sterbezimmer in Davos.
Die Dielen knetern; Olga, die osteuropäische
Kammerzofe wienert & wichst das Parkett
des Westflügels. Im halben Schloß hallt es wider.

Und die Geliebte schlief
hoffentlich noch immer.
Es war mitten in der Nacht.
Ich machte mir etwas zu essen.
Klirr! Scheiss Teller!
Im Wohnzimmer trank ich Tee.
Ich verschluckte mich.
Presste mir eine Decke vors Maul,
um die Schlafende nicht zu wecken.
Ja, wir Nachtmenschen haben’s auch nicht leicht.
Auf dem Weg zum Bücherregal
knarzte das Laminat.

Und morgens dann:
»Hast du gut geschlafen?«
»Ja. Ich hab von dir geträumt.
Aber ich weiß nicht mehr, was.«

»Oh, ich weiß schon«, sagte ich.
»Ich lag in einer Lungenklinik.
Nichts Schlimmes, nur ein bisschen Husten.
Da kamst du herein, als Krankenschwester –
in deinem Outfit.« [… das so eng ist, und so kurz, dass
der Po herauslinst wie der Mond aus einer knappen Wolke;
ich hatte es ihr… äh… uns
zu Weihnachten geschenkt.] »Du kamst
mit dem Tablett, und ein Löffel fiel herunter;
da musstest du dich bücken……«

»Orr, hör auf!« lachte sie.

»Hände an die Backen. ›Oh, Herr Leckmich,
Sie schlimmer Mensch, Sie
haben ja schon wieder einen Ständer! Ja,
was machen wir denn da?‹«

»Also, ich glaub, ich hab was anderes geträumt.«
»Ja, ich weiß. Schade eigentlich. Aber Hauptsache,
ich habe dich nicht geweckt.«

»Nein, hast du nicht.«

»Gut.«

»Oh -«


Gerissen

Zack! Da lag der BH im Müll.
Weiß, mit feinen roten Linien.
Zwischen Küchenpapier &

zerbrochenem Porzellan.
Nur weil ein Träger gerissen war.
Als wäre es schlimm, gerissen zu sein.

Ich überlegte,
ihn herauszuangeln.
Und aufzuhängen.

Ihn an die Wand zu nageln,
weil er so schön war.
Und weil er stets

gehalten hatte,
was schön ist.
Ich überlege noch

immer.


Mond mit eigenem Licht

Sie scheint
Wenn alles dunkel ist
Wie ein Mond
Mit eigenem Licht

Und niemals gewöhnt man sich
So sehr an den Mond
Dass man seine Schönheit nicht
Mehr wahrnähme

Schon gar nicht an diesen
Der nicht nur reflektiert
& der die Sonne nicht braucht
Um zu leuchten

Es klingt wie ein Rätsel
Ist aber keins

Sie scheint
Mich zu lieben


Meine kleine Sanduhr

Meine kleine Sanduhr steht
in meinen Armen.
Sie spiegelt sich nackt
im Fenster, weil

der Rolladen geschlossen ist.
Im Tageslicht wäre ihr Abbild
geisterhaft – so als hielte ich
ein Wunschbild

fest. Ganz fest.
Rücken, Taille, Hüfte –
die Zeit vergeht,
während sie steht.

Jedes Korn ein Bruchteil
eines Augenblicks.
Ich fasse, begreife, halte ihn
fest, fest. Fest.


Die Differenz

Wie oft ich schon gestorben bin
in ihren Träumen, weiß ich nicht.
Auch nicht woran & wie.
Ich frage nicht,
wenn meine Schulter nass wird
und sie mich so sehr drückt,
als wolle sie das Leben
in mir festhalten
& versiegeln
für immer.

Ich mag mein Alter,
ich mag ihr Alter –
und die Differenz dazwischen.
Aber die Wahrscheinlichkeit,
von der sie träumt, würde ich
ihr gern ersparen.
»Ich kann hier nicht bleiben – «
sagt sie. » – dann.« Mehr
sagt sie nicht.
Ich versuche, mir vorzustellen,
wie es wäre,
hier ohne mich zu leben.
Ich kann es nicht.

Ich bliebe gerne da,
wenn ihre Träume wahr werden.
Unsichtbar, nur um zu sehen,
dass es ihr gut geht. Doch
auch das kann ich nicht.

So lange
halten wir uns fest –
als hätten wir die Hoffnung,
dass so – und nur so –
niemand zurückbleibt.


Es ist wohl nicht zu ändern

Man könnte auch mal beachtet
werden, solange man da ist.

Doch erst wenn man geht,
kommt die Aufmerksamkeit.

Wo ist er hin,
warum ist sie nicht hier?

Man hatte sich gewöhnt
& wird sich wieder gewöhnen.

Es ist wohl traurig,
aber nur für kurze Zeit

zu ändern.


Der seltene Name

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen in meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
drum hatt ich’s – zu erschaffen.

Das Mädchen mit den Narben
Gedanken Strich Gedanken Strich
Wie kam ich auf den Namen?

Ich weiß es, doch
ich sag es nicht. Nein,
kein Zufall. Natürlich nicht.

Jahre vergingen, andre Namen
zogen vorüber. Novembernächte,
Gewitter & gelbliches Mondlicht.

Dann klingelte es
an meiner Tür – – Ich stolperte wie’n freier
Vers. Ding Pause Dong! — »Na.«

Sie hieß wie das Mädchen
In der Erzählung, die sie nicht kannte.
Narben hatte sie auch.
Aber einen Anorak trug sie nicht.

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
darum musste es erst klingeln.

Das Ding – 1 Dong! (= 10.000 Hot)
Die Klinke ergriffen
und alles offen

Ein zaudernder Blick
Das Beste hoffen —

Anis mag sie nicht riechen.
Nachts sehen wir Schwarzweißes im Farbfernseher.
In manchen Gedichten kann man sie sichten.
Spiegelbildlich. Seitenrichtig.

Und alle Uhren zeigen EINE Zeit.
Ninna Nanna in Blu –

 

– – – – – – – – – – –

 

Das Mädchen mit den Gedankenstrichen


Fremde Vögel

Sonne wirft ihren Schein auf den Rasen
Ein fremder Garten mit fremden Vögeln
Ich sitze auf einer Bank
Ruhe
Ein Unbekannter spricht
In unhörbarer Ferne
Mit meiner Geliebten
Wie freundlich sie lächelt
Während Wasser auf sie fällt
Es kommt nicht viel aus dieser Brause
Die über ihr hängt
Verbunden mit einem Schlauch
Der zittert
Der Mann trägt Freizeitkleidung
Sie ist nackt
Geliebte Kontraste
Wie freundlich sie lächelt
Während sein Blick auf sie fällt
Sie ist nass
Er steht
Außerhalb des Niederschlags
Tastende Augen
Glitzernde Sonne zwitschernde Zweige
Selbstzufriedene Ruhe
Der Mann der eifersüchtig sein konnte –
War das wirklich ich
Gewesen

Älter werden
: die langsame Lösung

Von der Welt

Fremden Vögeln lauschen
Sie nicht verstehen
Trotzdem lieben
Da sind noch mehr
Menschen in diesem Garten
Manche suchen den Schatten
Wie ich

Sie stellt das Wasser ab
Sie reflektiert – ich denke
Das Kleingeld der Sonne
Beperlter Popo
Perlen vor die Säue
Aha schau an soso

Der Unbekannte
Könnte ihr ein Handtuch reichen
Aber da ist keins
Vielleicht hätte sie’s genommen

Doch jetzt kommt sie
Quer durch den Garten
Durch Licht durch Blicke
Auf mich zu

Tropfend & lächelnd
Nackt jung & langsam
Angekommen beugt sie sich
auf Kusshöhe

(was alle hinter ihr
freuen muss)

»Wie war das Wasser?« frage ich
Sie sagt »Ich hasse Smalltalk«
Das verstehe ich
Und liebe


Zeit

Mein Vater kommt vom Einkaufen zurück
Er ist tot
Befremdend billig
Sind die Lebensmittel
Er schaut mich an
Erkennt mich nicht
Ich bin älter als er
Aber es stört ihn nicht
Dass ich da bin
Sein Tod ist fast
So lange her wie seine Geburt
Zurücklag als er starb
»Die Buttermilch war heute günstig«
Sagt er
Ich verstehe
Nicht was Vergangenheit ist
Was Gegenwart
Alles ist
Zeit

Alles ist
Gleich
Zeit
Ich

»Gut dass du wieder da bist«
Sage ich

 


Trabanten der Angst

Hornige Sichelmonde auf dem Nachttisch
Trabanten der Angst
Worum kreisen ihre Gedanken?

Etwas sticht in meinen Rücken
Auf dem Laken liegt
Ein vergessener

Ich lege diesen Mond
Zu den anderen
Manchmal

Höre ich sie beißen
Neben mir
Und wenn sie mich berührt

Spüre ich ihre Fingerkuppen
Ganz weich
Und ungeschützt


Wüste

Die feuchte Alkoholikerin zog ein
beim trockenen Alkoholiker
Sex hatte die Türen geöffnet

Es dauerte
bis sie trocken wurde
Es gab Rückfälle

Aber dann
wurde auch sie trocken
Hallelujah! trocken!

trocken trocken

So verdammt trocken
Die Frustration zog ein
Die Türen blieben geschlossen

Die Wüste lebt!

Da fing der trockene Alkoholiker an
zu saufen
Die vielen Jahre der Klarheit

Dahin! Die Flasche
war so feucht
so feucht

so wunderbar feucht!
Wie ein frisches Grab im Regen
Wie zwei Körper vor dem Zerfall


Trägheit

sie er
trägt ihn

er er
trägt sie

sie er
tragen sich

wohin?

träge
ertragen sie sich

ins tragische
ende


Schmutz

»Wir müssten«,
sagte sie, »mal wieder
die Fenster putzen.«

Ich sagte:
»Wer rauskucken will, muss putzen.
Ich will nicht rauskucken.«

Das stimmt
nicht ganz.

Wenn eine junge Frau
mit nackten Schenkeln vorbei
geht, will ich.

Aber dann steht mir
der Schmutz
eigentlich ganz gut.

Und ich sehe
genug.

Also – ich bin raus.
Mag putzen wer will.

Ich will
nicht.

Vielleicht will sie
ja.


Penderecki & Pavese

Im Fernsehen lief etwas Kulturelles,
also drehte sie sich auf die Seite
& schlief ein.
Penderecki war gestorben, sein Leben wurde kurz
zusammengefasst. Als es vorbei war,
stellte ich den Ton ab & ließ einen
Porno laufen. Ich spielte
an mir herum, ich dachte
an Cesare Pavese, dessen Böser Blick
auf meinem Nachttisch lag. Pavese
& die Frauen. Ich schaltete
alles aus. Neben mir
Schlafatem. An die Frauen
sollte man nicht zu viel denken. Sonst macht man
Schluss kurz vor 42
& schafft keine 86 mehr.


Einfach wir

Zwei Ein
Zellgänger sagen
Wir

Zwei Zahn
Bürsten berühren sich
im Glas

Zwei Wäsche
Welten kreisen bunt im Kalleidoskop
der Waschmaschine

Zwei Leid
Ende der Einsamkeit
lachen

Es ist
fast ein
fach

Ein Du
Ein Ich

Ein Wir


Unser Planet

Wenn wir uns täglich begrüßen
als hätten wir uns 1 Jahr
lang nicht gesehen

Gewinnen wir dann Zeit?
Wie alt sind wir?
Wir sind

auf einem anderen Planeten
Seine Zeitrechnung
ist unsere

Wir werden sehr alt
werden gemeinsam
auf unserem Planeten


30161

Sesam!
Im Kühlschrank
Schwitters‘ Saure Sahne
Ach ja, da fällt mir
ein: Hannover
Auch ich war noch nie
in New York (Großstadt ist Großstadt)
aber in Hannover kennen wir einen Swingerclub
& ein Katzencafé (inzwischen pleite)
Da gingen wir immer die Miezen streicheln
Und anschließend spritzte ein Inder
meiner Freundin aufs Bein
(aber nur, weil ich gesagt hatte »Nicht
ins Gesicht« – was schade war, ich hätte es
schön gefunden,
doch man muss ja auch mal an Andere denken)
Es klingelten die Gürtel
Schnallen, Schwanzgewedel, und Hände
waren überall. Das Begehren der Fremden –
man kennt das. Strangers in the night
Feurige Mannschaft, versammeltes Getier
Blicke. Das karierte Röckchen
stand ihr aber auch wirklich
allerliebst. Klein & schön. Mädchenzartes Geschenkel
Das will man doch begreifen; das finde ich
begreiflich. Slipless Night –
für alle Damen ohne: 1 Freigetränk
nach Wahl! Und plötzlich
bekommt das Wort Klapsmühle eine ganz neue
Bedeutung. Weichschwingender
Applaus. Wuchernde Beulen. Irgendjemand
küsste & bezüngelte ihr die Zehen
auf dem Gynäkologenstuhl
(erzählte sie mir später; ihre Füße
waren ja hinter mir gewesen)
Rückwärts von nah
Ein alter Mann stöhnte auf
als sie ihren Finger ableckte
der irgendwo dringesteckt hatte
Das weiche Fell
der Maine-Coon-Katzen
getigert & getüpfelt
Schnurren & Latte
Macchiato. Junge Frauen
mit Milchschaum auf den Lippen. Süß
Irgendetwas erinnerte mich
an Mühlenflügel – – –
Es wurde weiß gelächelt & geleckt
kicher kicher
Manche streckten ein Bein aufwärts
und reinigten sich den Schritt mit der Zunge
(Gras fressen nicht vergessen!) Auf dem Wege
vom Katzencafé zum Swingerclub
kam man an einem Antiquariat vorbei
klein, vollgestopft & schön
Büchertürme im Schaufenster
Alte Folianten, Leinen & Leder
Ein hübscher Rücken neben dem andern
entzückend, berückend, beglückend
Die Reise ins Blaue hinein
Es war winterlich kühl
Viele Bücher trugen ihre Schutzumschläge
allerliebst. Ich
hätte zugreifen mögen
aber immer war’s
geschlossen


Wir wissen es nicht

Die Frau des Dichters sprach
(das haben die so an sich):
»Wie schön – im neuesten Gedicht

sieht man nicht
meinen nackten Po. Endlich
bin ich mal bekleidet.«

Da sprach der Dichter: »Oh!
Ich wusste doch
es fehlt etwas.

Nie ist ein Text perfekt.«

Sie trug eine Hose
während dieses Gespräches.

Das sollte nicht
unerwähnt bleiben
Der Dichter aber

änderte dies.

Wir wissen nicht
wo & wann


Der Zauberspruch

Der den Zauberspruch erfand
hat er dich gekannt, über die Zeiten
hinweg? Die Hose mit dem Gummizug

Hat er sie verhext? Wenn ja
danke ich ihm. Der Zug reißt
Das Beinkleid fällt

Stoff zum Träumen ohne Stoff
So nah! So dicht! Und durch Zufall oder Zauber
mundgerecht auf Augenhöhe

Wie lautet sie doch gleich
die Zauberformel? Ach
ja: Hokus

Und dann


Verlaufen

Du hast mich
verlaufen

Wo bin ich
bloß

hin
geraten

Bin ich
zu Hause?