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Das Tagebuch

Ich versenkte mich
in das Tagebuch eines Verstorbenen.
Saß mit ihm am Tisch, lauschte
seinen Gedanken, sah
ihm beim Baden zu,
traf die Menschen, die er kannte,
ertrug seine Krankheiten,
ging mit ihm spazieren.

Dann verließ ich das Haus,
um allein zu gehen.
Schon bald bemerkte ich, daß
niemand mich sah.
Niemand mich sehen konnte,
niemand mir auswich.
Ich war es, der zur Seite treten musste,
sonst wären die Menschen

durch mich hindurch
gegangen wie uninteressante Gespräche.
Wenn niemand dich sieht, bist du
dort wo du sein solltest,
dachte ich.
Wo immer du bist.
Ich kehrte zurück
zu meinen Regalen. Zurück
zu den vergangenen Tagen des Toten.

Dort ist das Leben.


Ruhig, ganz ruhig

Als ich geboren wurde, waren alle schon tot.
Alle, die tot sein durften, weil sie gestorben waren,
bevor ich geboren wurde. Vielleicht waren sie auch
immer schon tot gewesen. Wie kann es sein,
dass diejenigen sterben, die zu meiner Zeit lebten,
und an die ich mich erinnere? Da ist etwas
falsch. Grundlegend falsch. Der Mensch auf dem Foto
soll nicht mehr existieren? Wie kann das sein?
Nur noch vergrabener Dreck? Für immer
verschwunden. Stimmlos. Atemlos.
Er hatte doch so jung ausgesehen,
bevor er alt wurde – wie ist das möglich?
Ich habe noch seine Stimme im Ohr.
Neben all den anderen Stimmen.

Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. Nur sie sind es nicht.
Auf diesem Foto packt er seinen Koffer.
Er will verreisen. Dann kann er doch nicht tot sein.
Man kann nicht verreisen, wenn man tot ist. Oder?
Er ist noch nicht da gewesen, wo er hin wollte,
also muss er doch da sein. Der Koffer ist ja auch
noch gar nicht geschlossen.

Wo wollte er denn hin?

Ich weiß es nicht.

Dann war er vielleicht doch schon da.

Wieso DANN ? Was hat das mit mir zu tun?
Nur weil ich etwas nicht weiß, soll es stattgefunden haben?
Wo ist denn da die Logik?

Wie tot er ist, seit er nicht mehr lebt.
Man kann nicht so tot sein;
also müsste man doch leben.

Ruhig, ganz ruhig. Mit manchem muss man sich abfinden.

Abfinden! Das ist auch so ein Wort.
Die Abfindung. Mir hat noch keiner etwas dafür gegeben,
dass einer nicht mehr da ist. Und wenn, würde ich es
nicht annehmen. Ich würde es nicht haben wollen.
Hoffentlich hat er sein Nackenkissen nicht vergessen.
Ich sehe es gar nicht in dem Koffer. Er bekommt
doch so schnell Nackenschmerzen. Einmal
konnte er kaum aufstehen vor lauter Schmerz.
Aber das ist lange her.
Er ist noch oft aufgestanden danach.
Wahrscheinlich steht er morgen auch wieder auf.
Wir können ja gar nicht anders. Wir müssen
aufstehen. Weil wir nicht immer liegenbleiben können.
So ist es doch. Oder?

Ja.

Wenn er nur nicht seinen Zug verpasst.
Er hält so lange inne. Er sollte endlich
weiter packen. Hoffentlich ist er nicht zu erschöpft.
Dann müsste er sich ausruhen. Vielleicht
wartet der Zug ja auch auf ihn. Er hat so oft
den Zug genommen, dass der auch mal auf ihn
warten könnte. Er hat so oft den Zug genommen,
dass ich manchmal dachte, ohne ihn kann
ein Zug gar nicht fahren. Er hatte ja
Flugangst. Er konnte nicht fliegen. Er meinte,
er würde abstürzen. Dabei sind doch immer nur
Flugzeuge abgestürzt, in denen er NICHT war.
Wenn er sich das klargemacht hätte, hätte er
fliegen können. Aber Logik war seine
schwache Seite. Da konnte man reden,
wie man wollte. Er verstand einen einfach
nicht. Na ja. Egal.

Haben Sie nur dieses eine Foto?

Sehen Sie bloß – wie ruhig er atmet. Man sieht es
kaum. Nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es
sehen. Man muss immer ganz genau hinschauen.
Sonst verpasst man, worauf es ankommt.
Wenn man natürlich nicht weiß, worauf es ankommt,
kann man es auch nicht sehen; da kann man
schauen, so lange man will, man sieht es nicht.

Das stimmt.

Als ich geboren wurde, gab es nur Lebendiges
um mich herum. Das war schön.

Das ist doch immer noch so.
Oder sehen Sie die Toten?

Woher soll ich das wissen?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht sehe ich sie.
Sind Sie tot?

Nein. Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. So wie er.
Ich will nicht unruhiger sein
als er. Es ist schön,
wie ruhig er ist.

Ja.

Danke. Es war nett mit Ihnen zu plaudern,
aber ich muss jetzt auch meinen Koffer packen,
sonst verpassen wir doch noch den Zug.
Der wartet nämlich nicht auf uns.

Sie haben recht.
Ich werde Sie begleiten.


Nicht nur ein Name

Tod, Zeit, Vergänglichkeit
Haben keine Macht
Ohne das Vergessen
Manchmal kehre ich zurück
Aus der Gegenwart und
Suche mich in der Erinnerung

Mit dem Vertrauten meiner Jugend
Alte Geschichten bewohnend
Nähere ich mich den Anfängen
Nicht zum letzen Mal


Die Differenz

Wie oft ich schon gestorben bin
in ihren Träumen, weiß ich nicht.
Auch nicht woran & wie.
Ich frage nicht,
wenn meine Schulter nass wird
und sie mich so sehr drückt,
als wolle sie das Leben
in mir festhalten
& versiegeln
für immer.

Ich mag mein Alter,
ich mag ihr Alter –
und die Differenz dazwischen.
Aber die Wahrscheinlichkeit,
von der sie träumt, würde ich
ihr gern ersparen.
»Ich kann hier nicht bleiben – «
sagt sie. » – dann.« Mehr
sagt sie nicht.
Ich versuche, mir vorzustellen,
wie es wäre,
hier ohne mich zu leben.
Ich kann es nicht.

Ich bliebe gerne da,
wenn ihre Träume wahr werden.
Unsichtbar, nur um zu sehen,
dass es ihr gut geht. Doch
auch das kann ich nicht.

So lange
halten wir uns fest –
als hätten wir die Hoffnung,
dass so – und nur so –
niemand zurückbleibt.


Es ist wohl nicht zu ändern

Man könnte auch mal beachtet
werden, solange man da ist.

Doch erst wenn man geht,
kommt die Aufmerksamkeit.

Wo ist er hin,
warum ist sie nicht hier?

Man hatte sich gewöhnt
& wird sich wieder gewöhnen.

Es ist wohl traurig,
aber nur für kurze Zeit

zu ändern.


Teilweise witzig

Jemand fragte: »Wie alt sind Sie?«
»Etwa 30«, sagte ich.
Verdutzung, Zweifel, Mitleid, Hohn –
ein bissl von Allem im fremden Gesicht.
»Ich weiß, ich sehe älter aus.«
»Äh – ja – und genau wissen Sie’s nicht?«
»Mir ist es genau genug. Ich vermute,
Sie hätten mich auf 60 geschätzt?«
»Nicht ganz, vielleicht. Ich weiß,
es gibt da so Krankheiten…..«
»Genau!« erwiderte ich,
»Kopfschmerzen zum Beispiel.«
Ihm quoll das Questionmark aus den Augen;
sollte ich ihn unwissend sterben lassen?
Ich sagte: »Es ist doch ganz
einfach. Nur die Tage
ohne Kopfschmerz zählen.
Ich hab’s mal grob überschlagen.«
»Oh, ich verstehe.«
»Bloß nicht zu sehr mitfühlen, sonst
müssen Sie ne Tablette einnehmen.«
Er grinste.
Ich schaute ins Apothekenfenster.
Da stand mein Spiegelbild zwischen Medikamenten.
Wie ein Geist. Ich wusste es ja eigentlich:
Alle Tage zählen gleich.
Aber dass man das so sehen muss!
Es sollte Spiegel geben,
in denen der Schmerz zurückbleibt
wenn man daran vorübergeht.
Ach, was soll’s!
Nietzsche hatte auch oft Kopfschmerzen,
und es gibt hübsche Apothekerinnen.
»Ich muss gehen«, sagte ich.
»Müssen wir das nicht alle?« sprach er.
Teilweise weise, teilweise witzig.


Wüste

Die feuchte Alkoholikerin zog ein
beim trockenen Alkoholiker
Sex hatte die Türen geöffnet

Es dauerte
bis sie trocken wurde
Es gab Rückfälle

Aber dann
wurde auch sie trocken
Hallelujah! trocken!

trocken trocken

So verdammt trocken
Die Frustration zog ein
Die Türen blieben geschlossen

Die Wüste lebt!

Da fing der trockene Alkoholiker an
zu saufen
Die vielen Jahre der Klarheit

Dahin! Die Flasche
war so feucht
so feucht

so wunderbar feucht!
Wie ein frisches Grab im Regen
Wie zwei Körper vor dem Zerfall


Striche Streifen Schleier

Nu blas schon

die Kerzen

aus

Ich sehe

Striche Streifen Schleier

in Flammen

 

Durchgestrichene Lampen
als hätte ich etwas
gegen Licht

Und nachts auf der Autobahn
nähern sich mir
die leuchtenden Kreuze

Memento mori

Ausgerechnet
ich der ich
schon als Kind
jede Kunstfunzel jedes Petroleumlämpchen
der unsubtilen Lichtverschütterin am Himmel
vorzog
kann nun der freien Wattwahl mich nicht mehr erfreuen

Schraffierte Welt

»Also, wenn wir
Ihren Nachstar jetzt schon lasern, könnte es passieren,
dass die Linse nach hinten ins Auge fällt.
Dann hätten wir ein Problem.«

Wir? Ich
muss jedesmal lachen, wenn ich daran denke.
Halt doch mal
das Auge still, du klapperst so laut!

Und Glaskörper klingt doch auch
irgendwie erotisch…..
Da sehe ich
ein Ballett durchsichtiger Nackttänzerinnen

schillernde Prismenpopos
buntgebrochenes Licht aus diaphanen Schenkeln
mundgeblasene Brüste

ich schweife

ab

Wo waren wir?
Ach ja – nu blas schon
die entzündeten Dochte

Wackelnde Flammen
Striche Streifen Schleier
Rauch geformt
wie eine französische Wolke

 

Und dann bleibt nur noch der Mond
der durchgestrichene
Und am Ende

ergreife ich
den Schweif in meinem Auge
& klettere hinauf

zu ihm

zu ihm

Mare Tranquillitatis

 


Oh, Herbst des Lebens!

Oh, Herbst des Lebens
Warmes Licht der Dämmerung…..

Ja, kein Wunder!
Die Linse des Menschen vergilbt!
Pissgelb wird das Teil im Alter; und
wenn jeder seine eigene Sonne im Auge hat –
was ist dann noch Realität?

Ich kann mich nicht erinnern
an den kalten Blick der Jugend.
Die Täuschung der Gefühle.

Das trübe Ding
wurde mir herausgeschnitten,
(aus anderen Gründen, gewiß)
nun seh ich wieder klar.

Was ist denn das für’n Dreck
da in der Ecke?
Kunst im Auge
wird zur Wissenschaft

wie die Spinne zur Wollmaus.

Mit Blaulicht Richtung Tod,
oder wählen Sie eine Linse mit Filter.
Andrerseits: für mich ist kein Himmel
mehr grau!

Was ist nochmal Realität?
Im Kopf hab ich sie nicht.
Der Arzt, der mit dem Skalpell
auf mich zu kommt

und spricht: »Hören Sie’s auch?
Jemand ruft ganz leise:
›Ich bin ein Star,
holt mich hier raus!‹«

Hahaha, ein Witz,
den hoffentlich bald niemand mehr verstehen wird.
Ich bin sediert,

ein Glück! Legt ein Tuch über mein Gesicht,
steckt mir einen Schlauch in die Nase,
und dann los! Mt 5,29

Und schon sitzen wir am runden Tisch
beim Kaffee: alte Piraten,
die alles verschütten.

Jeder seine eigene Schatzinsel.

Pj. Jrtndz frd Örnrmd
Est,rd Öovjz frt F#,,rtimh—–
 
In der Vergangenheit werden wir

    nie mehr leben

In der Zukunft waren wir

    noch nie

Aber auch was noch nicht da ist
kann immer kleiner werden
wie ein nasser Fleck, der verdunstet

Verschüttete Zukunft

Schnell noch ein Blick
aus dem Fenster – – –
Bevor es zu spät

ist – wird – sein könnte –

Es sieht nach Schnee

Aus


Bong Bong

Es war keine Kindheit
wenn dir nie ein Bonbon im Halse steckenblieb
& du dachtest ›Jetzt muss ich
sterben!‹

Aber dann
kam jemand & hielt dich
kopfüber in den Armen,
und du hörtest das Klickern
auf dem Fußboden

wie eine Murmel

Ein paar Tage später
bist du 59 Jahre alt
& erinnerst dich an
dieses Geräusch & das Gefühl

in der Kehle

Du hast noch fast alle
eigenen Zähne, aber klar –
sterben musst du trotzdem.

Doch vielleicht
schon wieder
nicht jetzt.


Über Macht der Worte

Der Born raucht
Ziemlich viel in seinen Gedichten

Und mit
Nicht mal 42 Jahren starb er

An
Lungenkrebs

Aus
Der Born

Hätte nicht rauchen sollen
In seinen Gedichten.


Nachwelt

nach
welt möchte ich
sein für die vergessenen

die toten vergessen
von den leben
den die nach

geboren sind
& ihnen die unsterblichkeit verweigern
trost will ich

sein für die toten
& für jene die noch vor mir sterben
werden


Ein Buch, vorbei

»Ich weiß,
dass ich das Buch gelesen habe,
aber ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
wann, wo & unter welchen Umständen
ich es gelesen habe. Aber
ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
worum es geht, aber ich weiß nicht,
was passiert.

Es ist alles
zu lange her.«

»Wovon redest du?«

»Er kann dich nicht hören.
Er phantasiert.«

»Sicher?«

»Sicher. Es geht zu Ende
mit ihm.«

»Sicher, ich weiß,
dass ich es gelesen habe.
Aber was für einen Sinn hatte es,
das Buch zu lesen, wenn ich
mich an seinen Inhalt
nicht erinnern kann?«

»Du kannst es
wiederlesen.
Hörst du?«

»Er kann
dich nicht hören.«

»Ich könnte
es wiederlesen.«

»Siehst du? Er hat
mich gehört.«

»Aber nein,
das geht ja nicht.
Ich kann es nicht wiederlesen.
Es ist zu spät
dazu.«

»Hörst du? Wenn
du es gelesen hast,
wurde das Buch gelesen
von dir. Das
ist der Sinn. Du musst
dich nicht erinnern.«

»Ich erinnere mich,
dass ich es gelesen habe, aber
gerade jetzt weiß ich
nicht mal mehr,
ob ich es gut fand.

Ich -«

»Hörst du?«

»Lass ihn in Ruhe.
Merkst du nicht? – er
faselt nur noch.«

»Was für ein Buch
meint er überhaupt?«

»Keine Ahnung. Lass
ihn. Es ist gleich

vorbei.«

»Vorbei.«

»Vorbei?
Ja. — Vorbei.«


Das Gruseligste kommt zum Schluss

Ich kann ja kaum noch
riechen (beinahe hätte ich er
läuternd hinzugefügt: meine Nebenhöhlen sind
im Arsch – aber ein derartiges Wunder bin ich
denn doch nicht) – also
ich kann kaum noch riechen,
aber stinken kann ich noch.
Manches bleibt einem – immer
hin. Wird stärker so
gar. Mit den Jahren. Immer
hin. Mit den Augen aller
dings sieht es nicht
so gut
aus. Mehr
oder weniger sehe ich
weniger & mehr.
Lichter, die nicht da sind,
Gesichter, die verschwimmen.
Tanz der 7 Schleier in schillerndem
Regen. Schauderliche Verdoppelung, Nebelwolken & Heiligen
scheine. Kaum wieder
zu erkennen, diese Welt.
Aber gesehen werden kann ich
noch. Doller
Trost! Ein Fest für die Sinne
anderer. Übrigens –
was da pfeift, ist
nicht der graue Star. Vielleicht
der kleine Mann im bewaldeten Gehör
gang, das Kind, das Angst zur Melodie
macht? Kaum eine Bewegung
bleibt,
die keine Geräusche kreiert wie der seufz
ende Nacht
geist; schon jetzt
ein klipperndes, ein klapperndes Skelett.
Früh übt sich – das heißt
so früh nun auch wieder nicht.
Es ist viertel vor
Nichts. Oder später.
Also lieber nicht
das gichtige Gerippe
bewegen. Bewegung be
kommt man als Asche
noch genug.

Ich weigere mich
zu verwesen! Solange ich lebe
kann ich es allerdings nicht
verhindern. Jedoch

ich rieche nichts. Bei
nahe nichts.

Das Gruseligste aber, liebe Leichen
Gemeinde, kommt
zum Schluss – man stelle sich
vor: mir ist die Freude

ja selbst die
Lust noch immer nicht

Vergangenheit.


Blau 

Man sollte das Gelb
Aus ihren Nadeln
& Blättern ziehen

Dann ständen die Bäume
Blau in der Gegend herum

Das wäre verstörend
& schön

Schön verstörend
Verstörend schön

Und Mondrian könnte wieder
Aus irgendeinem Fenster schauen

Als wäre er nicht …

Wäre er nicht längst
Tot.


Fehlschluss

Auf seinem Grab
Stein hatte man
Sich verschrieben, ach
Wäre es doch nicht bemerkt worden!
Dann würde er vielleicht
Noch leben, denn er wäre ja
Nicht der, der auf dem Grabstein stand.
Er unterläge einem falschen
Namen. Schall & Rauch
In Stein gemeißelt, am Anfang
War das Wort, am Ende
Aber auch. Leben. Ein Fehler.

Jemand
Hatte sich verschrieben
Dem Leben.

Bis zum Schluss.


Der abgenutzte Falter

Ja, dachte er, jetzt
ist es soweit – man könnte anfangen
in abgenutzten Kitsch-Metaphern
zu denken ›Liebe ist

ein zarter Falter …
Gib auf ihn acht …
Beschütze ihn …
Sonst -‹

– – Verdammt, nein, die Wirklichkeit
Ohne Metaphern, aber auch
gleichsam abgenutzt – –

Er hatte im Wohnzimmer gesessen
& gelesen. Es war Nacht.
Ein Falter flatterte um eine Lampe;
das leise Geräusch

der rasch blätternden Flügel, tickende
Stöße gegen den grün leuchtenden Schirm…..
Flug, Landung, Stille; der Mann

stand auf & machte ein Foto
Der Falter hat ein Gesicht,
dachte er.

Dann las er den Roman
zu Ende, während die Frau
im Schlafzimmer schlief.

Tagsüber war der Falter
nirgends zu sehen. Allerdings
suchte der Mann ihn auch nicht;
er hatte ihn

vergessen.
In der nächsten Nacht
las der Mann einen anderen Roman.
Allein im Wohnzimmer.

Plötzlich hört er
wie die Schlafzimmertür geöffnet wird.
Die Frau geht

in die Küche.
Er blättert um, bewegt die Worte, und
die Frau kehrt zurück
ins Schlafzimmer. Tür zu.

Er liest
eine halbe Seite, dann:
ein Schlag! Fast zart
& vertraut.

Sie wird doch nicht…..

Er legt ein Zeichen
ins Buch & geht
in die Küche – –

Die Fliegenklatsche ist fort!

Beinahe schleicht er
durch den Flur, bleibt stehen, fragt durch die geschlossene Tür:
»Alles gut?«

»Nur ein Falter«, sagt sie,
»er hat mich nicht
schlafen lassen.«

»Du hast tatsächlich -?«
Die Tür bleibt ungeöffnet.
»Was denn? Bloß eine Motte!«

Der Mann entfernte sich, setzte sich
zum Buch. Er öffnete es nicht
(hatte sie nicht vorgestern erst
gesagt: ›Ich habe es aufgegeben

unter deinen Büchern eins zu suchen,
das mir gefällt.‹?) –
er betrachtete das Foto
von gestern.

Ja, dachte er, das ist wirklich
ein Gesicht.

Verdammt!


Bios 

Becketts Mutter hatte einen Esel.
Das war nicht ihr Mann.
Ihr Mann las meistens
Edgar Wallace. Er angelte
Makrelen mit seinem Sohn.
Der spielte 4händig Klavier. Aber
nicht alleine. Eine Hälfte der 4 Hände
gehörte seinem Bruder
Frank. Sam spielte gut Tennis. Aber niemals
gegen Nabokov, der auch gut spielte. Vermutlich
weil sie sich nie begegneten
spielten sie niemals
gegeneinander. Sie waren gleichzeitig
in Paris. 1927
fuhr Beckett nach Florenz. Da wurde
meine Mutter geboren. Nicht in Florenz,
sondern in Clausthal-Zellerfeld, aber
1927.
Ich öffne eine Dose
Makrelen. Schaue auf
die Uhr. Es ist 90 Jahre
später. Ich fahre
den Rechner hoch. Der Rechner
hängt sich auf. Ein Fehler
im BIOS. Vermutlich.
Steuerung
Alt
Entfernen.
Reboot. Yes. Alle
sind
tot. Die Makrelen,
Beckett & seine Verwandtschaft,
Nabokov & meine Mutter,
Edgar Wallace & der Esel.


Letzten Endes 

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Dichters.

Der Leser weiß es
(zumindest kann er es wissen),
mancher Dichter wird es fühlen
(vielleicht kann auch er es wissen).

Schon nicht mehr ganz da,
mit dem Geist schon
halb in der Kiste.

Noch nicht
ganz da
schon nicht
mehr hier

Es könnte das beste Gedicht sein,
es könnte das schlechteste Gedicht sein;
oder einfach

gar nichts
Besonderes.

Man weiß nicht,
welche dieser Möglichkeiten
die schlimmste Tatsache wäre.
Abgesehen vom Tod

natürlich. Wobei aller
dings der Tod
keine Möglichkeit ist –
außer für den Selbstmörder.

Ansonsten
ist er bloß eine Gewissheit.
Wahrlich nichts Besonderes.

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Lesers.

Der Leser
kann es fühlen.
Der Dichter
weiß nichts.

Es sollte besser
nicht zu gut sein,
um den Abschied nicht
unnötig zu erschweren.

Lieber
nichts Besonderes.

Der letzte Dichter
vor dem Tod
des Gedichts.

Es geht
um letzte Dinge.

Zerfall der Gedanken
Zerfall der Welt
Zerfall der Gedankenwelt

Und jeder Tod ist
ein Buch, das sich selber zuschlägt,
und keine Kraft kann
es mehr öffnen.

Welche Seite war
die letzte, die man sah?
War es die letzte?
Und was stand da?
Ein Gedicht?

Unwahr
Scheinlich

Aber
möglich. Vielleicht
das letzte vom letzten

Menschen


Die Macht der Gewöhnung 

Sie sagte »Wenn
du stirbst, lasse ich dich
einfach da liegen –

& lege mich
zu dir.«
»Das ist«,

sagte ich, »schön. So
romantisch. Aber irgendwann werde ich
anfangen zu stinken.«

»Das macht nichts«,
sagte sie.
Daran bin ich gewöhnt.«


Ein Toter spricht 

Im Fernsehen sprach ein Toter.
Er sprach über ein Buch.
Das Buch eines anderen.
Ich wusste, er, der da redete,
war tot
als ich ihn sah, doch
er redete sehr lebendig
als er redete. Ja,
er ist tot, und das Buch lebt.
Er war begeistert davon.
Und voller Leben. Da
wurde mir klar: etwas von dem
Buch war mit ihm
gestorben.


In dem indem

 

»Bilden Sie einen Satz
in dem indem zusammen
geschrieben wird.« Der Lehrer
rief mich auf, obwohl ich
mich nicht gemeldet hatte.
Ich meldete mich nie.
Ich sagte: »Ich langweile mich,
indem ich hier sitze.«
Die meisten Mitschüler lachten.
Der Lehrer grinste
bloß. »Niemand«, sagte er,
»zwingt Sie hier
zu sein.«
Das stimmte
nur bedingt.
Wo war man schon
frei? Oder auch nur frei
willig? Vielleicht
in Gedanken. Aber auch
dort nur bedingt. Eigentlich
hatte ich gelogen. Ich
langweilte mich gar nicht.
Weil ich mich nicht langweilen kann.
Ich war einfach
ganz woanders gewesen
in Gedanken. Dort
wurde es niemals langweilig.
Der Lehrer mochte mich,
und inzwischen ist er
tot. Ich lebe noch
& mochte ihn auch.
Wie die Grammatik.


Über Es

(für S.)

Ich schreibe
über mein Leben

Aber mein Leben
will nicht, dass

Ich
Über Es

Schreibe

S
will im Verborgenen

Leben

So                     vergehen
Wir

Still
& unbemerkt

Bis
Wir

Sterben


Die innere Zeit

Ich vergesse oft
wie jung du bist

& oft vergesse ich
wie alt auch schon

Als wäre die Zeit nicht
messbar, die hinter dir liegt

Wie alt bist du
wirklich?

Wie ist die Zeit
in dir

vergangen? In
Jedem vergeht sie

doch
anders.

Sag mir
wie spät es ist

in deinem
Innersten

Nie vergesse ich
wie ich vergehe

Als wäre ich selber
die Zeit

auf der Flucht
& du würdest sein

der einzige Augenblick
an den ich

mich erinnere
am Ende

wenn es
zu spät ist


Der Dachboden

Nichts war
auf dem Dachboden nur
eine gelbe Wäscheleine

von Balken zu Balken
gespannt in der Kälte
einer Winternacht

Niemals
wurde sie benutzt
»Weißt

du« sagte der
Mann »Nein« sagte die
Frau »Lass mich

doch aus
reden« sagte er »Weißt
du manchmal da

stelle ich
mir vor mich
dort oben auf zu

hängen
weil ich so gern wüsste
wie du dich

dann fühlen würdest«
»Nun« sagte sie
»du wirst

es nie er
fahren« »Du hast
recht« sagte er »ich

weiß nur noch
nicht so recht wie
so«

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Unverschaukelt

 

Mein Leben lief
wohl darauf hin
Aus: Ich saß

auf einer Schaukel
in der Mitte eines verwahrlosten
Spielplatzes abseits

der Straße Versunken
in den Anblick der Bewegung
neben mir Die Zeit

verging mit dem Pendel
Schlag der anderen Schaukel
an meiner Seite Die junge Frau

hatte so viel Schwung Immer
wieder hielt sie waage
recht inne in der Luft

wie ein Horizont
mit langen blonden Haaren
»Gefühlsorgasmus« sagte

Sie schwärmerisch Dann
schaukelte auch ich ein
bisschen »Soll ich

dich anschubsen?« »Nein« sagte
ich mit wenig Schwung
Menschen gingen

vorbei
& bedeuteten
Nichts

Sie verschaukelte sich nicht
Ich verschaukelte mich nicht
Wir verschaukelten uns nicht

Wir hielten uns
fest an den Ketten
die uns hielten

Die Zeit bleibt
nicht stehen
wie ein Augenblick

an den man sich erinnert
Sie bleibt nicht
stehen wie die junge Frau

zwischen dem
Auf & Ab
der Schaukel

Dieser Bruch
Teil eines Augenblicks
wäre eine schöne

letzte Erinnerung
bevor ich still
stehe

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Was bleibt

 

Das Herz bleibt

stehen

auf

recht
ohne sich

aus

zu ruhen

Es bleibt

Nichts
Anderes

übrig


Wie es war

 

Wie es war
als Kind über eine Wiese zu toben
durch Blumen & Schmetterlinge;
durch Gras, das mindestens bis zu den Knien reichte….

Wie es war
im tiefwilden Gewucher Dinge & Lebe
Wesen zu entdecken, die man noch nicht gekannt hatte –
& sich zu verstecken zwischen den Unebenheiten

dieser Welt – vor der Welt
da draußen…. oder tief drinnen…. wie All
Dies war & Vieles
mehr war

haben die Menschen wohl längst vergessen.
Jene Menschen, die ihre Vorgärten trimmen
wie Friedhöfe. Überall nur
Ordnung & Erinnerungen
an den Tod. Ge- &

Verbot. Untersagtes Betreten.
Betretenes Schweigen der Natur. Kinder
die sich nicht verstecken
können. Nichts entdecken können.

Lebensverachtung. Und Gleich
Macherei.

Wie es war
mögen sie vergessen haben, diese
Menschen – aber sie können erahnen

Wie es sein wird

über ihren Gräbern.


Zeit & Raum

Es war 10 vor 4 am
Nachmittag. Längst
hätte ich schlafen müssen.

Leuchtende Ziffern
auf einer digitalen Uhr.
Rot. In dunkler Umgebung.

Bei Kilometer 15,5 hatte ich
einen Unfall gehabt. Tod
& Blut an einem Abend,

dessen Datum ich nicht
im Kopf hatte. Es bestand
kein Zusammenhang. Es

waren nur Zahlen. Die einen riefen
eine Erinnerung
wach. Die anderen waren

das Erinnerte. Wieder
andere hatte ich
vergessen. Sie

beschrieben
einen Punkt
in der Zeit. Und

einen Punkt
im Raum. Getrennt
von einander. Vereint

in meinem Denken. Ich
konnte mich drehen &
wenden, wie ich wollte,

aber schlafen konnte ich
nicht. Und dann dachte ich
an etwas Anderes.

Getrennt in
Wirklichkeit. Vereint
in der Erinnerung. Im

Übrigen hatte ein Tier
den Tod gefunden.
Schließlich

war es 4 –
& es passierte immer noch
Nichts.

Wann ich ein
schlief weiß
Niemand.


Da kriegste zu viel

Ich treffe ja immer

wieder auf Frauen
die zu wenig wollen

& zu geben
vermögen.

Ziel

sicher.

Aus

gerechnet

Diese sehen sich also
mir gegenüber – einer Nacht

Gestalt, halb
Vampir, halb
Zombie, Blut

& Innereien

bevor
zug
end.

Da kriegen sie
natürlich zu viel.

Ihr Blut, das von Herzen kommt,
wollen sie für sich

behalten

& ihr Innerstes wollen sie nicht

preis
geben.

Es ist nicht leicht
ein Untoter zu sein

wenn die Quellen des Lebens ver

siegen verlieren

am

Ende

selbst
die Nächte

ihren Reiz.


Wäre der Tod

 

Wäre der Tod eine Frau
existierte wenigstens eine
die meine Sehnsucht stillen könnte

im Leben
am Ende
unmittelbar vor dem Vergehen

der

Hoffnung

& gleich
zeitig mit dem Verlust

der

Welt.


Jemandes Fernlicht

Fernlicht
wurde zu Gegen
Licht & schnitt
eine Silhouette aus der Dunkelheit

Ein Mensch wie ein Schlag
Schatten in der Nacht
an einem Ort
wo er glaubte Etwas zu suchen zu haben

Blendung & Verblendung

Ein letztes Über
Treten einer Grenze
im Rausch – & ein Laster ergriff
ihn zum letzten Mal

Sie hatten sich
gefunden
nach einem endlos
erscheinenden Flirt

an einem Ort
wo der Mensch nicht hingehörte


Sperrmüll in der Nacht

Sperrmüll im Licht der Laterne
Ein Sessel am Straßenrand
Ein Mann schlief
darin

Ich fuhr vorüber

Sein Gesicht sah
aus als hätte ein Nachtfalter
sein Unwesen darin
getrieben

Jemand hatte ihn an den Rand gestellt

Da waren Risse in der Oberfläche
Sprungfedern die herausgesprungen waren
& Schatten
auf dem Bürgersteig

Ich schaute in den Innenspiegel

Das Bild entfernte sich
Es blieb zurück
Während ich weiter fuhr
Durch die Nacht

Ein Falter starb in meinem Abblendlicht

Ganz still & leise
Während aus dem Radio irgend
eine Musik kam
die ich vergessen habe