Schlagwort-Archive: Kindheit

ü & a – oder: Von den inneren Organen

Sobald jemand die Schiebetür öffnete
(vielleicht 1 Meter rechts von mir, sie führte
zu Raucherbereich & Klo), waberte
der Geruch von Scheisse über meinen Teller.
Leber, Püree, Zwiebel- & Apfelringe. Dieses Gericht
meiner Kindheit, angepriesen auf einer Schiefertafel vorm Haus,
war der einzige Grund gewesen, die vielleicht
deprimierenste Gaststätte von Celle zu betreten.
Man schrieb das Jahr 2017. Aber wohin
schrieb man es?
Ich schrieb es
nicht. Nirgendwo hin.Warum
auch? Die Musik
aus den 1980er Jahren war hier noch
das Neueste. Der Nichtraucherbereich
war schmaler als ein Eisenbahnwagon; kürzer
sowieso. Nur nicht so beweglich. Alles war eng:
der Raum, die Gedanken, die Kellnerin –
nein, halt, die
Kellnerin kannte ich nicht, obwohl sie mich
duzte. Aber die duzte einfach alle. Also war es,
als ob ich zu Allen gehörte. Dabei kam ich
mir gar nicht so vor. Hinter meinem Rücken
wurde Bayrisch gesprochen, mithin lauter als erlaubt
sein sollte (warum durften die
eigentlich nach Niedersachsen?). Ich hörte
nicht zu, aber die hörten auch nicht auf. Dann
wurde es ganz finster: gegenüber
faselte eine Frau über Literarisches. Sie
gehörte zu einer Gruppe weißer Frisuren, die
mit dem Bus angereist war (wehe
wenn sie losgelassen
); man erfährt
meist zu viel über die Leute (beinahe
hätte ich Menschen getippt). Es ging
um Flaubert; so viel verstand ich
noch. Ansonsten fehlte mir
jegliches Verständnis. Warum
meinen so Viele, ihre Meinung sei
mitteilenswert? Von irgendeiner Relevanz? Besonders
jene, deren Meinung nicht auf
Kenntnissen beruht, sondern auf
Gefühlen (mit langem ü)
& Geschmack (mit kurzem a) –
`s ist einfach
fürchterbar! Das ist der Mensch
in seinem Wahn. Schlimm
war auch, dass es nur 2 Apfelringe auf meinem Teller gab
& Spandau Balletts »Gold« aus den Lautsprechern sickerte.
Da kam mir fast die Leber hoch.
Die geschnetzelt war. Anders
als in meiner Kindheit; da waren
nur die Nieren geschnetzelt gewesen. Die Frau
redete weiter. Ein schlichtes Herz. Ach,
wäre sie doch nach draußen gegangen,
um mit ihren Fingernägeln über die Schiefertafel zu kratzen.
Ich dachte an die Schadstoffe
in den inneren Organen einer Kuh. Ich wünschte
ihr, sie wäre mit Céline verheiratet gewesen. Also,
die Frau, nicht die Kuh. „Mit Louis
unterhielt man sich nicht“,
hatte Lucette Destouches gesagt,
„das war so, und damit basta. Über Literatur
wurde nicht gesprochen, über Musik auch nicht.
Man lebte damit, und darauf kam es an.“
Dabei fällt mir ein: hier gab’s auch Sülze
vom Schwein. Aber mit
den Gehirnen – das ist ja auch so ne
Sache. Was da alles drin ist!
Und oftmals fehlt auch was.
Hatte ich eigentlich genug Geld,
um die Kellnerin zu tippen? 10 % –
die konnte ja nichts
dafür. Es war sicherlich kein Vergnügen
hier zu arbeiten. Anderswo
aber meist auch nicht. Jemand
raucherhustete 2 Tische weiter…. Der
hatte hier doch auch nichts zu suchen.
Meine Mutter hatte den Ulysses
nur zur Hand genommen, weil Richard Burton
so „dafür schwärmte“; und meine Mutter
schwärmte für Richard Burton.
Nach ein paar Seiten sagte sie
etwas schrecklich Banales (ich
erinnere mich genau, dabei wäre es
gewiss angenehm, derartiges vergessen zu können)
& legte das Buch für immer aus der Hand (wobei
„für immer“ nicht mehr lange dauerte).
Waren deshalb „ihre“ Nieren stets geschnetzelt?
Egal – jedenfalls gab es in meiner Kindheit immer genügend Äpfel
zur Leber. In Scheiben, nicht
in Ringen. Erneut ging
die Schiebetür auf & der Mund der Frau
nicht zu. Die war doch auch nicht mehr
ganz frisch. Entsprechend
roch es schon wieder. Nach
Scheisse & Gelaber. Leber &
wortverseuchtem Atem. Es gab ein Fenster,
durch das ich schauen konnte. Auf
eine graue Hauswand auf der anderen Seite
der Gasse. Volkbelebt konnte man sie
schwerlich nennen, eher schon
hohl – kopfhohl sozusagen – doch 2 junge Frauen
standen dort draußen & unterhielten sich. Ein alter
Mann ging vorbei & schwieg. Schweigen
schmückt jedes Gesicht – auch wenn es noch
so garstig ist. Schon deshalb hatte ich viel
zu schweigen. Die Inhaberin ihrer Meinung
indes wollte diese nicht
für sich behalten; sie wollte sie
loswerden (so gesehen wäre es fast verständlich –
wer würde so eine Meinung nicht loswerden wollen? Am besten
für immer!). Ich musste
hier raus. Kaute schneller. Schluckte schneller.
»Zahlen!« 8 (die Hausnummer) – 5 (die Tischnummer) –
9,80 € (die Leber mit Beilagen). Ich klimperte
die notwenigen Münzen zusammen; Kartenzahlung
wäre hier allzu anachronistisch gewesen; fürs angemessene
Trinkgeld reichten sie auch – & dann:
schneller Gruß »Schönen Abend noch«
und nix wie weg. Hinaus
in die ruhige Luft. Wenigstens die
war mehr oder weniger
frisch. Das reichte mal wieder
für ne Weile.
Leute – als bekäme man eine Glocke übergestülpt,
und jemand haute
immer
mit nem Hammer drauf.
Dong! Dong! Dong!


Er wartete

Ich suche mich

zu erinnern was
ich als Kind

er
wartete

vom Leben
in meiner Zukunft.

Es fällt
mir

Nichts

ein. War
es das

was ich er
wartete

oder ist vergessen
in mir was

ich dachte

? Ich denke ich
weiß es

nicht. Ich denke
ich hatte niemals

eine Ahnung.

Er wartete
der kleine Junge

der sich Ich
nannte wie ich

mich Ich nenne
als wären wir

ein Ich. Wartete er
auf mich? Ich

suche mich. Versuche
& vergesse mich.

Finde mich zu
weilen in der Erinnerung

wie
der –

in den vergangenen Gedanken
an die Zukunft die

Jetzt ist.


Der zerfetzte Schirm

Ein von 45 Jahren zerfetzter Sonnenschirm
steht auf meiner Terrasse. Zum ersten Mal
wieder auf
gespannt seit ich
weiß nicht wann. Ich kenne ihn aus
meiner frühen Vergangenheit. In der stand
ein anderes Haus. Unter derselben
Sonne. Unter mir
Moos & Unkraut auf
schweren Steinplatten. In einem benachbarten
Garten erklingt ein Kind
wie das verrostete Scharnier einer alten Tür. Hinter der Tür
schläft die Angst
vor dem Erwachsenwerden.
Das Kind ist nicht ein Kind
wie ich eins war. Und bin.
Neben mir liest eine junge Frau
in einem Buch, das ich nicht kenne.
Sie trägt einen Bikini, und ihr nackter Fuß ruht
auf der Lehne meines Sessels. Ich
sehe einen Hut aus Stroh. Mit
einem roten Band. Und eine Biene
auf der Blüte einer Blume, die ich genau so
wenig kenne wie das Buch. Alles
könnte ein Gemälde sein. Von einem unbekannten Meister. Oder
das Werk eines toten Dichters. Unveröffentlicht
für immer. Ich ließ es
mir träumen. Doch wagte es nicht
zu hoffen. Mehr
weiß ich nicht über das Leben.
Mehr brauche ich nicht
zu wissen. Und der Schirm
spendet kaum
noch Schatten.


Zwischen Zeige- & Mittelfinger

Ich war wohl schon im
mer so. Meine Brüder lachten
wenn ihr kleiner Bruder mal wieder
seufzte. Und jene längst bekannte Geste machte:
Zeige- & Mittelfinger der linken Hand
bewegten sich in der Luft
wie etwas Vorübergehendes.
Das bedeutete: Sie oder Er
ist mir gerade mitten durchs Herz gelaufen.

Ich stellte mir das bildlich vor. Ein Mädchen
aus meiner Grundschulklasse oder ein Junge
2 Klassen höher. Egal. Ja,
es war lächerlich. 2 kleine Finger, 1 leerer
Raum dazwischen, Bewegung – & Luft, die geräuschvoll
ausgeatmet wurde. Und die Geste hatte längst
die Worte ersetzt. Die noch lächerlicher waren. Irgendwo
hoch über dem Boden der Tatsachen. Da war
die Ahnung unerfüllbarer Hoffnungen. Nie
zu stillender Sehnsüchte. In einer
unüberschaubaren Zukunft, die auch
ein leerer Raum war. Das Lachen
der Vernunft bedeutete noch den geringsten
Schmerz. Denn es war nicht boshaft. Nur verständnis
los. Und manchmal lachte ich auch selber
über mich. Über dieses Herz. Und diese Geste.
»Na«, sagte irgendeiner
meiner Brüder, »läuft da wieder jemand
mittendurch?« Sie lachten. Und es war ja auch
zum Lachen. Zeige- & Mittelfinger,
die in der Luft vorübergehen. Nur –
nichts ging wirklich jemals
vorüber.

 


Wie es war

 

Wie es war
als Kind über eine Wiese zu toben
durch Blumen & Schmetterlinge;
durch Gras, das mindestens bis zu den Knien reichte….

Wie es war
im tiefwilden Gewucher Dinge & Lebe
Wesen zu entdecken, die man noch nicht gekannt hatte –
& sich zu verstecken zwischen den Unebenheiten

dieser Welt – vor der Welt
da draußen…. oder tief drinnen…. wie All
Dies war & Vieles
mehr war

haben die Menschen wohl längst vergessen.
Jene Menschen, die ihre Vorgärten trimmen
wie Friedhöfe. Überall nur
Ordnung & Erinnerungen
an den Tod. Ge- &

Verbot. Untersagtes Betreten.
Betretenes Schweigen der Natur. Kinder
die sich nicht verstecken
können. Nichts entdecken können.

Lebensverachtung. Und Gleich
Macherei.

Wie es war
mögen sie vergessen haben, diese
Menschen – aber sie können erahnen

Wie es sein wird

über ihren Gräbern.


Irgendwas mit Star Trek

Ein verwittertes gelbes Flugzeug stand auf dem Gelände.
Einmotorig. Über die linke Tragfläche hinweg kletterten wir
Kinder in sein Inneres. Wir waren zu zweit, und
mehr hätten auch nicht in die Maschine gepasst. Obwohl….
Eine gestreifte Spinne hing zwischen den Instrumenten;
sie konnte nicht fliegen, aber Fliegen flogen in ihr Netz
durch die Löcher der gesplitterten Scheiben. Ich behielt sie
im Auge, diese Spinne. Etwas ängstlich. Etwas angeekelt. Aber
nicht einmal sie konnte mich vom Sitz des Piloten vertreiben.
Es roch nach Metall, es roch nach Rost & Vergangenheit.
Wir waren am Boden. Wir blieben am Boden. Alle Zeiger standen
auf 0. Und nur unsere Fantasie
konnte den Propeller noch in Rotation versetzen.
Die beflügelte, beflügelnde Fantasie der Kinder. Es muss
wenige Jahre vor der ersten Mondlandung gewesen sein.
Es gab noch keine Flaggen dort oben, keine Fußspuren.
Nichts, was Reflexionen & Projektionen hätte stören können.
Der rothaarige Junge, der hinter mir saß, war erst vor kurzem
nach Deutschland & in meine Schulklasse gekommen; sein Vater,
ein amerikanischer Offizier, war hier stationiert. Flaggen
flatterten vor dem Gebäude, in dem sie wohnten. Unsere Eltern
unterhielten sich darin. Der Junge erzählte mir von Amerika,
das ich nur aus Filmen & Fernsehserien kannte. Auch den Mond
kannte ich nur aus Filmen & Fernsehserien. Wir wussten nicht, wo
das Flugzeug gewesen war. Also konnte es überall gewesen sein. Über
All. Das gefiel uns. Und ich kannte niemanden sonst, der aus einem
so fernen Land kam wie der Junge mit den roten Haaren. Ich drückte
Knöpfe, die längst keine Funktion mehr hatten – & die Zeit flog
dahin. Am Boden. In unseren Köpfen. In die Zukunft.

Irgendwann erzählte er mir von seiner liebsten
Fernsehserie. Die Handlung drehte sich um Außerirdische, drehte
sich um ein Raumschiff & um fremde Welten. All
es war so weit entfernt – wie Alles Andere, das ich nicht kannte. Und er
zeigte mir Fotos von einem Mann mit seltsamen Ohren & seltsamen Augen
brauen. Faszinierend, dachte ich. Oder so etwas Ähnliches mag ich
gedacht haben. Einige Jahre später kam die Serie
nach Deutschland. Im selben Jahr als das Apollo-Programm eingestellt wurde.
Wir wohnten längst woanders. Ich ging
auf eine andere Schule. Die alten Kontakte waren ab
gebrochen. Und ich erinnerte mich – als ich die erste Folge sah…..
Das Flugzeug, die Spinne, die Flaggen, die Erzählungen….. Ich
mochte die kurzen Uniformen der weiblichen Besatzungsmitglieder.
Schon damals. Es war alles anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie so oft. Aber es gefiel mir. Was nicht so oft der Fall war.
Den Ton einiger Folgen nahm ich mit dem Kassettenrecorder auf, und
nachts im Bett in meinem dunklen Zimmer hörte ich diesen Ton
zu meinen eigenen Bildern. Immer wieder. Science Fiction. Schon
der Kassettenrekorder hatte etwas davon. Verglichen mit unserem alten
Bandgerät. Ich drückte Knöpfe – & die Zeit flog dahin. Im Bett. In
meinem Kopf. In die Zukunft. Und sonstwohin.

Und 42 Jahre später bin ich gelandet. Auf dem Boden. In einer
Wohnung, die nicht die meine, in einem Raum, der mir nicht mehr
fremd ist. Zwischen gespreizten Schenkeln. Gespreizt
wie Tragflächen. Und die einzige Licht
Quelle ist ein eingeschalteter Fernseher hinter mir. Ein
charmant-gealtertes Röhrengerät. Gealtert bin ich auch. Doch
weniger charmant. Bekannte Namen erklingen
in der Nacht. Kirk. Pille. Spock. Uhura. Ein Film vom Ende
der 70er. Wiederum eine andere Zeit. Propellernde Zungen. Ein gewaltiger
Mond ist aufgegangen. Der damals noch nicht existierte. Bemannter Raum
Flug. Peterchens Arschfahrt. Auch so’ne Kindheitserinnerung. Es riecht
nach Lust. Nach Jugend & Gegenwart. Im Geflacker des Films
sehe ich wie ein Gesicht sich verändert. Ein Mund sich öffnet. Im Rausch.
Und noch mehr. Öffnet sich. Und jemand ruft:
»Alarm, Alarm! Ein Eindringling! Alles auf Gefechtsstation!«
Und ein anderer ruft: »Scotty, bitte kommen!« – dabei heiße ich gar nicht so.
Gelächter säuft ab. Und erstickt in Körpersäften. Und sie flüsterschreit:
»Oh Gott, oh Gott!«, aber auch das ist nicht mein Name.
Science Fiction. Mit wenig Science. Immer wieder. Und es ist immer dieselbe Zeit,
die fliegt. In unseren Köpfen. Die Zeiger stehen nicht. Es
scheint nur so. Es sei denn, es ist etwas kaputt. Alles
auf 0. Wir waren zu
zweit. Im Cockpit. Und doch nicht
allein. Und niemand weiß wie
& wann die Spinne gestorben ist.


Der Albtraum nach dem Kindergeburtstag

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor ich erschien bei Einbruch
der Nacht. Jetzt brannten
andere.

 

3

Luftballons hingen drinnen vorm Fenster.
Jalousien & Hosen waren herunter
gelassen. Die Balkontür stand
einen Spaltbreit offen, auf ihrer Glasscheibe
eine bunte Zeichnung von Kinderhand.

Von der Schlafcouch aus betrachtete ich die Luft
Schlangen, die von der Decke
hingen, während ein Frauenkopf sich

auf

&

ab

bewegte zwischen meinen Beinen.

Traum
gleich war unsere

1.
Begegnung

Mitt
Sommer
Nacht.

Fremde Gerüche
Fremde Geräusche
eine mir fremde Wohnung

& irgend
Etwas Vertraut
es im Gelächter.

Wäsche trocknete
auf dem Balkon im Mondlicht –
& wurde nass woanders.

Als das Wachs am Ende war, erschien
die Dunkelheit. Ich kniete
auf dem Boden & trank
zwischen geöffneten Schenkeln

schluckte
& schluckte

die Lust, die immer lauter wurde

Selbst
Vergessen

 

Und plötzlich:
eine Kinderstimme –
»Mama, was ist
mit dir?«

Ich hielt inne.

Der Schatten eines kleinen Mädchens stand im Zimmer.
Wie ein Erwachen.
»Alles in Ordnung«, sagte die Frau, »ich hatte nur einen
Albtraum.«

Ich verhielt mich
ruhig. Bewegte mich nicht. Hielt mich
für versteckt in der Dunkelheit. Zwischen
den Schenkeln. Für unsichtbar vielleicht –
wie ein Kind, das die Augen schließt.

»Komm«, sagte die Frau, »ich bring dich wieder zurück
ins Bett.«

»Wer ist –
der Andere?« fragte das Mädchen.

Kurze Pause.
»Das ist mein Besuch.«

Vielleicht war es der Mond,
der durch den Spalt oder das bemalte Glas der Balkontür
meinen nackten Arsch beleuchtet hatte.
Ich schwieg. Die Frau stand auf & nahm
das Kind bei der Hand. Silhouetten verließen das Zimmer. Allein
gelassen legte ich mich auf die Couch.
Lauschte leisen Stimmen. Zwischen den Gerüchen. Dann
hörte ich Musik. Kinderlieder von nebenan. Was
für eine seltsame Formulierung, dachte ich: ›Der Andere‹!

Die Frau kam zurück. Legte sich neben mich. Der Schreck
war uns nicht in sämtliche Glieder gefahren. Leises Gelächter.
Und auch die Lieder waren so leise, dass ich sie nicht erkennen konnte.
Zwischendurch wieder Stimmen aus
dem Kinderzimmer. »Ein Märchen«, sagte die Frau. »Zum
Einschlafen.« Die CD war ein Geburtstagsgeschenk.
»Ja«, sagte ich, »die habe ich als Kind auch immer gern gehört.«
Und wir malten uns aus, was das Kind aus uns machen
würde in seiner Phantasie….. Zu
Was ich werden würde in seiner Erinnerung….. Ich
war

ein Anderer. Aber vor allem war

ich

ein Albtraum. Das gefiel mir. Und

die Frau träumte. Träumte mich. Träumte
mich weiter. Immer weiter. Immer wieder. Immer anders. In
dieser Nacht. Und sie presste sich den Handrücken auf den Mund
dabei. Um das Kind nicht erneut zu wecken.

Und ich fragte mich, ob ich nicht
ähnliche Erinnerungen hatte wie dieses
kleine Mädchen sie haben würde.

Doch ich fand
keine Antwort.

Das Märchen ging

zu Ende. Und
als der Morgen dämmerte, fuhr der
Albtraum nach Hause. Und
er schlief ein. Und er
träumte

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor er erschien bei Ein
Bruch der Nacht. Jetzt brannte

ein Anderer

 

3

Schlangen hingen von der Decke &

 

1
Ballon bewegte sich
im Mondlicht

auf

&

ab


Irgendwas mit Schamhaar, Garagen & Phimose

Wie waren wir eigentlich
auf dieses Thema gekommen?
Da unten

bei den Garagen der Nachbarn….
Ich weiß es nicht
mehr.

Ich hatte die ersten Stoppeln,
aber er behauptete, seine Scham
haare seien 2 bis 3 Zentimeter lang,

und das glaubte ich nicht.

Ich war wohl auch ein bisschen
verliebt in ihn, denn eigentlich
sah er aus wie ein Mädchen;

und manchmal tauchte er
in meinen Träumen auf –
schwanzlos.

Er öffnete also seine Hose
ein wenig, zog sie & die Unterhose
ein kleines Stück hinunter, er

griff ein paar Haare & zog sie
in die Länge.

»Tatsache!« sagte ich.
Oder so etwas Ähnliches.
Ich war ein wenig

neidisch, und er grinste.
Damals war man noch
stolz auf sowas.

Die Garagentore waren grau
& verschlossen. Selbst
wenn nichts dahinter war,

und tagsüber war zumeist
nichts dahinter. Zumindest
keine Autos, denn die Menschen

mussten ja arbeiten
tagsüber. Das gefiel mir
schon damals nicht.

Ach ja, und nochwas:
Einmal in vertrauter Runde
5 oder 6 von uns waren zusammen

in der Garage, die unser Treffpunkt war,
eingerichtet mit Sperrmüllmöbeln –
da holte er seinen Schwanz heraus.

Er hatte eine Operation hinter sich.
Wegen Phimose. Alle
schauten hin –

nur ich nicht.
Ich konnte es nicht.
Er lachte –

»Kuck doch«, sagte er.
Aber mein Blick blieb
abgewandt.

Das Bild
hätte nicht in meine Träume
gepasst.


Nähe oder Ferne?

Da gibt es diese Erinnerung,
die ich habe – & ich weiß
nicht: erinnere ich mich
an eine Fantasie der näheren

oder an eine Realität
der ferneren

Vergangenheit.

Als kleiner Junge war ich so
gelenkig. Und ich probierte
aus – wie gelenkig ich war. Und
wenn ich nackt auf dem Rücken lag

& die Füße auf den Boden
oberhalb meines Kopfes stellte,
war mir mein Schwanz so nahe,
dass er mich störte.

Bei
nahe hing er
mir ins Gesicht.

Fantasie oder Realität?
Nähe oder Ferne?

Sollte es Realität gewesen sein,
wäre also Alles wie immer:

ich war glücklich
ohne es zu wissen, glücklich
ohne damit etwas anfangen zu können.

Was für ein Pech!

 

(Dass ich nicht mehr so gelenkig bin.)


Die dunkle Zone

Da saß er also
& schaute hinab auf den Schatten,
den die Sonne aus ihm machte.
Der Schatten war lang, denn
die Sonne schwamm tief im Abendhimmel –
hinter der Bank, auf der nur er
allein saß.
Gegenüber, auf der anderen Seite
der Straße, befand sich ein Spielplatz, kinderlos;
der Schatten des Mannes reichte nicht bis dort.
Wenige Menschen gingen vorüber. Diesseits
der Straße. Betraten die dunkle Zone
auf dem Gehsteig. Die dunkle Zone, die
sich bewegte, wenn der Mann auf der Bank
sich bewegte. Doch er bewegte sich nicht –
wenn sie betreten wurde.
Wer bist du? dachte der Mann.
Die Silhouette blieb stumm.
Und die Menschen waren fort.
Ihre eigenen Schatten hatten sie mitgenommen.
Erinnerte Bilder glitten über eine Rutsche
abwärts – – – – – & landeten im Sand.
Hunde hatten in den Sand geschissen. Doch
das war egal.
Das Klettergerüst der Gedanken rostete in der feuchten Luft.
Der Mann spürte die Wärme im Rücken. Die Wärme, die
ihn kalt ließ.
Auch kleine Lampen bilden Schatten.
Und ich liebe sie
mehr als jedes Licht der Sonne.
Die Lämpchen. Und die Schatten. Und ihr Spiel.

2 Absätze klangen wie eine Uhr im Vorübergehen;
Frauenfüße in offenen Schuhen. Leise
in der Ferne. Lauter werdend. Am lautesten
in der dunklen Zone. Dann: leiser werdend. Und
vergangen. Im Licht. Verschwommen.
Er lächelte.
Die Sonne macht sich was aus mir.
Sie macht mich zu einem Schatten.
Zum Schatten meiner Selbst.
Es ist ein Naturgesetz.
Wer bist du?

Ein kleiner Junge an der Hand einer Frau.
Sie gingen übers Trottoir. Jenseits
der Straße. Dort wo der Schatten des Mannes
nicht war. Die Frau trug eine Sonnenbrille & ein gelbes Kleid,
und sie führte den Jungen vorbei an dem Spielplatz. Und der Junge
wandte seinen Kopf. In Richtung des Sandkastens. In Richtung
der Wippe. In Richtung der Schaukel. Und
als sie vorüber gegangen waren, blickte der Junge
noch immer zurück.
Ein geworfener Schatten, dachte der Mann.
Das – ist die Antwort. Sonst
Nichts.


Schwäche An Fall

 

Ab

& An über
kommt mich die Schwäche
mir vorzustellen wie es wäre
mein Geschreibsel in Form
eines Buches vor mir zu sehen

Es sind nur kurze An
Fälle von Eitelkeit
Eine Art von Regression
zurück zu den Wünschen der Kindheit

den Wünschen des Kindes
das Bücher liebte &
vielleicht Dichter werden wollte

Kinderwünsche

Das Kind: ein Buch
Das Buch: ein Kind

Be greif bar

Und es gibt wahrlich genug Verlage
die jeden Dreck drucken.
Wahrscheinlich würde sogar ich
einen finden für meinen virtuellen Dreck

Aber:

Sie gehen vorüber
diese Anfälle

bisher. Welch Glück!

Die Gesellschaft
der kraft- & leblosen Bücher
voll von leb- & kraftlosem Wortgeschunkel
ist eine von vielen

Gesellschaften die ich meide

Also: wenn
Sie DIES in einem Buch lesen –
bin ich entweder

schwach geworden & geblieben
oder tot (was beinahe das Gleiche ist
obschon mir Letzeres wohl lieber wäre)

Oder:
Jemand hat meine Worte gestohlen
& nicht für sich behalten (was ein hervorragender
Witz wäre! Ein Witz, von dem ich vermutlich niemals
etwas erfahren würde….. – Womöglich bringe ich gerade
Jemanden auf eine Idee; aber was soll’s! Ich
bin verschwenderisch mit meinen Ideen &
mit meinen Worten & vielleicht
werde ich längst tot sein
wenn es geschieht

Was für ein Gedanke:
man ist schon lange verrottet &
hat Spuren hinterlassen die
einem nicht mehr zugeordnet werden können!

Das ist schön. Der perfekte Mord.
Nachruhm ohne Ruhm!)

Ist es nicht egal
wie & unter welchem Namen
die Worte überleben?

Solange sie über
haupt die Kraft besitzen zu über

leben


Der weite Weg vom 100sten ins 1000ste

Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Plötzlich war er da. Und ich ging. Auf ihm.
In einem fremden Land. In der Erinnerung.
Ich kleiner Junge, der mir fremd ist, in
gewisser Weise. Nach all dieser Zeit. Die
man die vergangene nennt. Mal
trödelte ich hinterher; mal
lief ich voraus.
Mit der leeren Milchkanne in der Hand;
sie war leicht; aus Plastik; schlenkerte;
leuchtendes Weiß im Sonnenlicht, Griff & Deckel
in hellem Blau. Meine Brüder gingen denselben Weg,
umkreisten die Mutter. Keine Autos, nur Landschaft;
ein Weg ohne Gehsteig, von feinem Sand bestäubt;
links & rechts Wiesen, in der Ferne der Saum eines Waldes. Alles wild. Wuchernd.
Wie ich manchmal. Heiß war die Luft – & bewegt von einem leichten Wind.
Anders als zu Hause. Mit einem Hauch von Salz. Ich erinnere mich
an die Lupinen, die ich sah. Weil ich dabei an Fix & Foxi denken musste.
(Wölfchen & Lupinchen.)
Der Weg war weit – bis zu dem Hof, wo wir die frische Milch bekamen; so
erschien es zumindest meinen kurzen Beinen in den noch kürzeren Hosen.
Wir gingen & gingen; manchmal schloss ich auf –
zu den anderen; dann wieder setzte ich mich ab, so dass man nach mir rief.
Ich erinnere mich nur an Weite & Leere auf diesem Weg; an fremde Menschen
erinnere ich mich nicht. Und dann waren wir
an einem Strand. Und die Milchkanne war fort.
Mein Vater besaß ein großes graues Schlauchboot, mit dem man
segeln konnte. Und in der Ferne sahen wir das weiße, spitzwinklige Tuch auf dem Meer. Winzig über der flirrend blendenden Oberfläche. Ich suchte glattgespülte Steine im klaren Wasser, und irgendwann sah ich
das Dreieck kippen. Mein Vater war ein guter Schwimmer. Also wurde gelacht.
Und ich sang: »Junge, komm bald wieder«. Dann wurde noch mehr gelacht.
Meer & Himmel in hellem Blau …. Wolken & Segel in leuchtendem Weiß ….
Und dies war die erste Schallplatte gewesen, die ich mir gewünscht & bekommen hatte. Das also war der Musikgeschmack des kleinen Fremden. ›Junge, komm bald wieder‹. Es könnte dem Erwachsenen fast peinlich sein, das zu erwähnen. Wenn er gedankenlos wäre.
›Ich schlich mich heimlich fort – als Mutter schlief.‹ Eine Zeile voller Sehnsucht & Grusel. Fort. Fort. Flucht. Einsamkeit. Fern von zu Hause. Und es war ganz still, und ich war allein in der nächtlichen Hotelhalle, und ich arbeitete am Empfang oder las vielleicht ein Buch, und dann legte ich die Arbeit oder das Buch beiseite, und
Freddy Quinn gab mir ein ordentliches Trinkgeld & sagte:
»Weil Sie so nett waren«; dabei hatte ich mich nur daran erinnert, was er beim
letzten Besuch, vor vielleicht 7 oder 8 Jahren, zum Frühstück geordert hatte,
das wunderte ihn offenbar, da er sich
an mich nicht erinnern konnte, und weil er ja nichts ahnte – von diesem Strand & meiner ersten Platte & dem kenternden Vater & dem Gelächter & meinem Gesang; und er konnte ja nichts ahnen von jenem späten Abend – als
der Vater in unser Zimmer kam, um Gute Nacht zu sagen…. Er hatte gerade einen Film mit Freddy Quinn gesehen, und er war gut gelaunt, sang selber ein Lied aus diesem Film & machte einen Witz, über den wir lange lachen mussten. Und als er den Raum verlassen hatte & es dunkel war, sagte derjenige meiner beiden Brüder, mit dem ich mir diesen Raum teilte & der oben im Etagenbett lag: »Warum hat er nicht immer so gute Laune?« Und das war ein Satz voller Traurigkeit; einer Traurigkeit, die wir beide spürten wie einen Schlag. Wie einen Schlag von vielen – während wir noch immer lächeln mussten. Und Freddy Quinn sagte: »Hat das Zimmer einen Fernseher? Ich brauche unbedingt einen Fernseher, um einschlafen zu können.« Natürlich hatte es einen Fernseher. Aber es ist lange her, und wer weiß, was für Hotels er schon gesehen hatte in seinem Leben. Dann sagte er »Gute Nacht« & fuhr mit dem Aufzug nach oben. Während ich hinunter ging
zum Strand. In meinem kindlichen Aufzug. Den kurzen Hosen. Den durchsichtigen
Strandschuhen aus Plastik. Die ich trug, weil ich es hasste, auf Steine zu treten. Steine, die spitz, und nicht glattgespült waren. Und dann war die Milchkanne gefüllt. Und schwer. Und schlenkerte nicht mehr. Und von dem Trinkgeld,
das Freddy Quinn mir gegeben hatte, kaufte ich mir
Schnaps & soff mich besinnungs- & erinnerungslos. Fix & Foxi.
Niemand kommt wieder.
Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Es gab ihn nicht. Nicht so.
Es gab ihn nicht – bis
ich mich an ihn erinnerte.
Er war – viele Wege.
Warum erinnerte ich mich – in dem Moment
als ich mich erinnerte?
Würde ich darüber nachdenken, würde ich
wohl darauf kommen. Aber
ich brauche es nicht
zu wissen. Nicht
zu wissen – auf meinem Weg
vom 100sten ins
1000ste.


Marina Vlady

Bist Du’s?
Ist sie’s?
Wer spielt?

Als kleiner Junge war ich so verschwärmt
in Marina Vlady – wie in so viele
Andere. Nur anders. Weil es immer
anders ist. Und, wer weiß, vielleicht war sie es
am Anfang nicht einmal selbst, die
ich sah, so jung & verschwärmt wie ich war.
Sie hatte eine Schwester, 8 Jahre älter als sie &
ebenfalls Schauspielerin. In der richtigen
Beleuchtung waren sie wie Zwillinge.
Zumindest für meine naiven Kinderaugen.
Und eine Zeitlang wusste ich nichts
von dieser älteren Schwester, die sogar
einen anderen Nachnamen trug.
Welch seltsame Unsicherheit & Verwirrung
wenn ich einen Film mit dieser Anderen sah; mit
dieser Frau, von deren Existenz ich nichts ahnte.
Ich sah sie, glaubte zu wissen, wer sie war
– & zweifelte doch. Sie war der Schwarm,
mit dem etwas nicht stimmte. Weil
das Gefühl nicht passte.
Welchen Namen hatte ich im Vorspann
nicht gelesen? Konnte ich überhaupt lesen –
damals? Hätte ich lesen können?

Ja, es war seltsam. Solange es dauerte.
Und die Auflösung war so banal. Schade.
Und heute? –
Habe ich das alles jetzt erfunden? War es vielleicht
gar nicht so? Wer kann das wissen? Außer mir. Und
weiß ich es denn? Es war verwirrend, ist
verwirrend & bleibt verwirrend; wie
das Gefühl, das ich hatte – jedes Mal
wenn ich Odile sah. Bevor ich erfuhr, wie sich
alles verhielt.
Aber eigentlich geht es ja um etwas ganz anderes.
Du siehst eine Frau….. und…..
Ach, Marina!
Du wurdest nie
zu einer dieser Ikonen, die jeder kennt,
kein Kaffeetassenmotiv, kein
Gesicht auf einer Müslischale.
Und das ist schön.
Du spieltest nie in einem Meisterwerk –
& hättest doch einen besseren Text verdient
als diesen, der alles andere ist als
das. Und ich werde jetzt nicht
nachschauen, ob Du noch lebst
& Deine Schwester tot ist –
oder umgekehrt. Oder
ob Alles ganz anders ist.

 

 

Marina bw


Tut-ench-Amun

In der Bücherwand lebte das Bild der Mumie.

In einem der Wohnzimmer meiner Kindheit.
Irgendwo – im zufällig erscheinenden Farbmuster
tausender Rücken aus Leinen, Leder & Pappe wartete
der Tod auf mich. Der Tod als plötzliche Gewissheit.
Götter, Gräber & Gelehrte hieß das Buch
(ein Bestseller, Pfui Deibel!).
Nichts ahnend blätterte ein junges Ich darin –
Fotos goldener Schätze; Vasen, Masken, bunt & schön;
die Landschaften Ägyptens & die Gesichter von Männern, die
sich über einen Sarkophag beugten & die Ruhe eines Toten störten…..
Und diese 1 Seite, die ich umschlug, war
die Grabkammertür zu künftigen Albträumen.
Der Kopf des verstorbenen Pharaos starrte in mein Kindgesicht
aus grauen Augenhöhlen; – Jahrtausende senkten sich
auf mich herab, und der Tod griff nach mir
wie eine Wirklichkeit, von der ich immer nur
fantasiert hatte – in den dunklen Zimmern der Schlaflosigkeit.
So wirst DU aussehen …. So werden DIE ELTERN aussehen ….
So werden DIE BRÜDER aussehen …. grau, papieren,
rissig, geädert, die Lippen zurückgezogen vom brüchigen Gebiss ….
Der Tod Der Tod Der Tod! …. Sieh es dir an, dieses Bild! Das bist

Ich schlug das Buch zu. Stellte es zurück. In die Bücherwand.
Nie wieder wollte ich es öffnen.
Als wäre es notwendig gewesen – noch einmal
hineinzuschauen! Das Bild lebte. Pulsierte in mir
lebendig, nur allzu lebendig – lebendiger als jede Anschauung,
lebendiger als jeder Nachtmahr, plastisch
wie eine überfahrene Katze in der Straßenmitte.
Doch allein – dieses Buch im Hause zu wissen, zu wissen,
dass dieses Foto mir so nahe war; dass dieses Mumiengesicht
aus einer Seite heraus auf die gegenüberliegende Seite des
geschlossenen Buches starrte – aus grausiggrauen Höhlen,
die lid- & mitleidlos waren….. DAS allein, und allein zu sein
mit diesem Buch in diesem Haus in dieser Kindheit mit diesem
Wissen! …..
Natürlich – zog es mich – wieder & wieder – in die Nähe
des Buches – wie es einen immer zieht – in die diversen Nähen
all dessen, was nicht fern genug sein kann….. Es zog mich, und
es zieht mich in die Nähe des Gedankens, in die Nähe des Todes,
in die Nähe der Todesgedanken. Und der Bücher. Wieder & wieder.
Das Buch ging verloren. Irgendwann. In einem Wechsel – bei
einem Umzug. Ich vergaß es. Beinahe. Und
dann kaufte ich es mir neu. Jahrzehnte später. Es zog mich zurück. Doch
es hatte seinen Schrecken verloren. Die Erinnerung an das Grauen
war nicht das Grauen selbst. Ja,
es hatte Tote gegeben – in der Zwischenzeit; Tote, die mich tatsächlich
erinnerten…. an dieses Bild. Und Andere, die
es nicht taten. Jahrtausende senkten sich auf mich herab, und
ich lebe noch. Wie das Bild der Mumie
in der Bücherwand meiner Kindheit.


1 Jahr

1 Jahr ohne Alkohol.

Was für ein Satz!
Und zunächst dachte ich:
Das gab es noch nie – seit
deinem 14. Lebensjahr….

Seit jenem Weihnachtsabend
nach dem Tod meines Vaters, als
mein Bruder, der gerade aus dem Knast entlassen worden war,
mir Gin mit O-Saft gab – &
ich mich verliebte.
In den Duft des Gins
& die spätere Frau meines Bruders.
Aber – das stimmt überhaupt nicht.
Schon lange vorher hatte es niemals
1 komplettes Jahr ohne Alkohol gegeben….
Ein Gläschen Sekt zu Silvester oder zu Geburtstagen….
ein Schlückchen Sliwowitz, das ich mir ab & an
aus der Hausbar meiner Eltern stibitzte (weil ich
Geruch, Geschmack & Wirkung so mochte; ich mochte
Pflaumen schon immer gerne) ….
Ach ja, und da war auch noch der Schluck Bier, den
ich aus dem Glas meines Vaters bekam – als der
eine seiner Geliebten besuchte (sie war Inhaberin einer Bar,
hatte lange schwarze Haare, sah südländisch aus, und
wenn ich länger darüber nachdenken würde, fiele mir vielleicht
auch ihr Name wieder ein…. Astrid?); jedenfalls saß ich auf dem Schoß
meines Vaters, nippte an dem Bier – & mochte es nicht. Was
ich mochte, war die Tatsache, dass er mir etwas davon abgab. Und
ich auf seinem Schoß saß. Und die hübsche Frau mich anlächelte.
Mit ihren großen dunklen Augen & ihren vollen Lippen.
Ich muss 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein.
Später kamen die Dichter.
Allesamt Säufer. Jedenfalls diejenigen, die mir am meisten bedeuteten.
Trinken war auch eine Haltung. Eine Lebenseinstellung. Etwas,
das eine bestimmte Art von Kunst hervorbrachte; eine, die es
– ohne Exzess – so nicht gegeben hätte. Ja, sie waren Vorbilder.
In meiner Jugend. Und lange darüber hinaus. Aber
heute habe ich keine Vorbilder mehr. In keinem Bereich meines Lebens.
Ein sehr angenehmes Gefühl. Ich möchte nicht mehr jung sein.
Also: wann hatte ich zuletzt ein Jahr ohne Alkohol gehabt?
Ich weiß es nicht. Jedenfalls: vor über 45 Jahren.
Eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob es jetzt
exakt 1 Jahr ist….
Es war keine große Sache. Kein großer Schritt. Nichts Geplantes.
Ich hatte eine Erkältung & eine Nebenhöhlenentzündung,
pausierte deshalb mit Rauchen & Trinken….. & –
blieb einfach dabei.
Den Tag des letzten Schlucks, des letzten Zuges aus der Zigarre
habe ich mir nicht gemerkt. Nicht angestrichen im Kalender.
Den ich ohnehin nicht besitze.
Es war kein besonderer Tag.
Eigentlich.
Natürlich: der Genuss fehlt mir. Ab & an. Der Genuss
war immer die Hauptsache – im Grunde. Und sicherlich: die
Bratwurst schmeckt noch besser, wenn man ein Bier dazu trinkt (Ja,
ich glaube, sie hieß wirklich Astrid)…. Und
Pizza ohne Rotwein dazu konnte ich mir früher kaum vorstellen –
obwohl ich mir Vieles vorstellen konnte…. Aber
was soll’s! Ich komme klar. Und ich komme auch
ohne Betäubung klar – wenn es mir schlecht geht. Ich weiß,
dass ich nicht Maß halten kann. Zumindest nicht für lange Zeit.
Und es gibt andere Arten zu flüchten.
Vielleicht wäre das Trinken gut fürs Schreiben? Kann sein.
Egal.
An meinem rechten großen Zeh kann man immer noch sehen,
wo ich mich verletzt habe – als ich mich im Suff
aufs Maul legte….. Und es anfing
zu bluten. Mal wieder.
Doch nach & nach
verschwindet auch diese Spur.
Verflüchtigt sich
wie Alkohol.


Geisterbahn

Niemand
hätte den kleinen Jungen davon abhalten können
mit der Geisterbahn zu fahren

so schien es

Niemand
hätte ihm die Augen öffnen können

solange es dauerte

Mit fest verschlossenen Lidern
fuhr er durch die Geräusche & Gerüche
den inneren Blick aufgerissen
die Pupillen geweitet in Dunkelheit & Schrecken

Wie langsam doch die Zeit verging
im Innern!
In der Künstlichkeit
die er nicht sehen wollte

Einmal fuhr ihm ein Schleier durchs Gesicht
& er erschrak
ganz stumm

Und da lag ein Arm
auf seinen Schultern
schwer & lebendig

Weiter! Weiter! Durch die Finsternis
der geschlossenen Lider
Durch die Bilder
die aus der eigenen Tiefe kommen

Nichts
in der Rummelplatz=Welt konnte
so grausam erschreckend, anziehend & wichtig sein
wie die Geisterbahn

Weiter! Weiter! Auf dem vorbestimmten Weg
ruckelnd & krachend

Endlich
stieß das Gefährt gegen die Flügeltüren
drückte sie in die Außenwelt

Der Junge öffnete die Augen

Vorsichtig

Alles
war zu grell
als die Fahrt zu Ende ging

Und die Erwachsenen behaupteten, es sei
Alles
nur Pappmaché & Plastik
Alles
nur halb so schlimm

»Nochmal!« sagte ich.
Mein Vater lächelte. »Hattest du die Augen offen?«
»Nein.«
»Machst du sie auf, wenn wir nochmal fahren?«
»Ganz bestimmt – nicht.«
»Na schön«, sagte er. »Ein Mal noch.«


Der Rettungsring

Mein Bruder glaubt bis heute
mich schwimmen gesehen zu haben
in unserer Kindheit.

Dabei
konnte ich nicht schwimmen.
Und kann es bis heute nicht.

Ich ließ mich bloß treiben
auf dem Meer.

In einem Rettungsring.
In Sichtweite der Erwachsenen.

Mein Bruder erinnert sich
falsch.

Er erinnert mich
an all die Anderen
die glauben zu wissen

wie
ich durchs Leben
gehe.


Vergessene Wege

Oftmals konnte mein Vater sich nicht mehr erinnern
wie er von der Arbeit nach Hause gefahren war
als es auf das Ende zuging

Es war das End
stadium

Etwas fraß an seinem Gedächtnis

Angekommen
war er erschrocken darüber

Aber oft
würde er diese Strecke ohnehin nicht mehr fahren

Das
vergaß er nie

während er von seinem Vergessen erzählte

Er war 5 Jahre jünger
als ich
heute

Oftmals kann ich mich nicht mehr erinnern
wie ich von zuhause zur Arbeit gefahren bin

Ich bewege den Wagen wie in Trance
durch die Dunkelheit

Zu gut kenne ich diese Strecke
Zu oft bin ich sie gefahren
um darüber nachzudenken

Ich denke an
Alles Andere

Ich träume & habe keine Ahnung
in welchem Stadium ich bin

Manchmal weckt mich ein Tier
Dann bin ich erschrocken über meinen Leichtsinn

Doch das ändert nichts

Ich erzähle von meinem Erinnern

Irgendwann werden alle Wege vergessen sein
Und ich werde ankommen

wo Alle
am Ende
sein werden


Knaurs Buch vom Film


Knaurs Buch vom Film
© 1956 by Droemersche Verlangsanstalt
Autor: Waldekranz Arpe

(Was für ein Vorname!)

Es stand in der Bibliothek meines Vaters.
Gern nahm ich es
mit ins Bett.
All
diese Il
lust
rationen….
All
diese Photographien….

Sogenannte Göttinnen
der Leinwand……

Zum
Niemals
Sattsehen.

Riso amoro:
Silvana Mangano
auf ihrem Bett
im Hemd – &
meinem liebsten Kleidungsstück:
dem Sonstnichts….
Prachtgeschenkel in Schwarzweiß
Neorealismus
So neu – für einen kleinen Jungen

The Seven Year Itch:
Das hochgeblasene Kleid der Marilyn M.
bevor es, bevor sie zum Abziehbild wurde
Zufällige Zugluft eines Zuges

Und ein Teil der Erregung war
Hineinversetzung: die Vorstellung
so auszusehen & so gesehen
zu werden……

Ava Gardner
Gina Lollobrigida
Theda Bara (‚der erste Filmvamp’ hieß es da)
Die bloßen Brüste der badenen Martine Carol
(In einer Zeit als es keine Nacktheit am Zeitungskiosk gab.)

& so weiter
& so fort

Weit fort
in Träumen

Und in Sommernächten
schlich ich mich hinaus
nackt oder halbnackt
ins Freie

Dorthin
wo Niemand war
aber Jemand
hätte sein können

auf ein
samen Wegen

gerne unterm Mond

Wilde Schlägereien des Herzens
Die Unruhe der Hormone

& die Lust war so groß
dass ich keine Befriedigung wollte

Fast ein Schmerz –
Dazu die Angst
aufzufliegen

erwischt zu werden
von den Achsoerwachsenen

Doch es geschah nicht.
Nichts geschah
außer mir.

So Vieles
in mir.

Die Filme sah ich
später –

am Anfang stand
Das Buch.

Knaur bw


Das Glück meines Lebens

Die Erwachsenen um mich herum
nahm ich kaum wahr.
Dennoch hörte ich, wie jemand sagte:
»Er kann sich so gut mit sich selbst beschäftigen.
Man kann ihn gut alleine lassen.«
Ich war etwa 6 Jahre alt.
Ich saß auf dem Fußboden
mit einem Müllwagen aus Plastik
& ahnte nicht, dass
Dies
das Glück meines Lebens war.


Der Oldtimer

Ein Oldtimer fährt durch die Nacht.
Ich fahre hinter ihm her.
Als der Oldtimer modern war
– damals in meiner Kindheit -,
war er mir zu modern.
Ich fand ihn hässlich. Damals.
Heute – finde ich ihn schön.
Im Vergleich.
Und überhaupt.
Das ist die Schuld
der Zeit.


Stankstellen

Am liebsten spielte ich
drinnen – immer schon.

Und noch weiter
drinnen – in meinem Kopf

mit Wörtern & Worten.

Ein kleiner Junge
der am liebsten
im Bett lag.

Es war gar nicht so lange her
dass ich die Wörter gelernt hatte

– & doch:
halb bewusst, halb unbewusst
erschienen sie mir oft
unzureichend – schon damals.

Eigentlich mochte ich den Benzingeruch
der Tankstellen. Als man noch nicht
selber tanken musste & der Liter
ein paar Groschen kostete –

in meinem Kopf aber
wurden Tankstellen zu Stankstellen,

und in dem Tante-Emma-Laden an der Ecke
hieß auch Alles anders, als ich es für richtig hielt.

Meine Eltern hörten irgendwann auf
mich zu verbessern
& lachten schließlich.

Dann
kam die Schule
mit ihren Regeln…..

Die Schule war
draußen.

ICH
HASSTE
SIE.


Die verlorene Allee

In Allem, was ich finde, ist nicht Das, was ich hatte –
als ich nicht suchte.
Dieses Gefühl meiner Kindheit
als ich durch eine Allee spazierte
& in die Baumkronen schaute…..

Nein, kein Gefühl.

Jedes Wort ist zu eng
in Anbetracht der Weite
dieses Blickes.

Die gegenwärtige Straße mag schöner sein
als es diese Allee jemals war – aber
sie führt zu nichts,
diese Schönheit.

Und sie ist
Nichts
im Vergleich

zu dem Verlorenen,
das kein Wort benennen kann.

Sie liegt noch da –
diese Allee
in der Stadt meiner Kindheit.

Ich sitze noch hier
in einer anderen Stadt –
in dem Haus meiner Gegenwart.

Irgendwo
im All.

Aber
es gibt uns beide nicht mehr.

Nicht
in einer einzigen Wirklichkeit.

Weder die Allee,
die ich nicht suchte ….

…. noch mich,
der ich nicht zu finden bin.

Wir sind verloren.

Alle.


Zu spät geboren – oder: Irgendwas ist ja immer

Manche Frauen sollte man kennenlernen
bevor sie zur Mutter werden.

Bevor
– aus nahezu krankhafter Überkompensation
irgendwelcher Defizite & schlechter Erinnerungen
an die eigene Kindheit –
das Gluckenhafte & Kittelschürzige in ihnen
ausbricht.

Wie bei meiner Mutter.

Nun ja, es gestaltete sich schwierig
für mich
meine Mutter kennenzulernen –
bevor sie Mutter wurde.

Es war wohl zu spät
als ich zur Welt kam.


Das Bild ihrer inneren Kindheit

All
mählich
baut es sich auf

vor meinem inneren Auge

: Das Bild ihrer Kindheit

Eine Collage eigentlich
aus inneren Verletzungen

Splitterbilder
eines zertrümmerten Spiegels
in dem ich Teile von mir sehe

& in den fehlenden Teilen des Bildes
spiegelt sich die Finsternis
in unsichtbaren Schattierungen

Reine Ein
bildung natürlich

Vermutungen meiner
seits

da ich sie damals nicht kannte

& sie heute auf andere Weise
nicht kenne

Mein Blick fällt

auf schein
bares Erwachsen
sein

auf Ver
halten

Verhaltungen

& das Gewölk
das aus ihrem Mund schleiert

hinter der Kälte
front ihres Schweigens

 

Und nun –

genug der Poesie!

Klartext.

Wir konnten nicht anders.
Wir können nicht anders.

Niemals!

Sie bemerkte mich zuerst, und
ich weiß,
warum.

Sie wollte mich, und
ich weiß,
warum.

Wir wollten uns, und
konnten nicht
anders.

»Ich warne dich«, sagte sie,
»ich bin nicht kompatibel.«

»Ich warne dich«, sagte ich,
»ich werde über alles schreiben.«

»Das kannst du. Damit
komme ich klar.«

»Ok, ich
vielleicht auch.«

Aber nein.
Ich schrieb nicht über
Alles.

Zumindest
veröffentlichte ich nicht
Alles.

Notwehr ist oftmals zu einfach.

Und Erwachsentun
ist die Notwehr des Kindes.

Die Antwort
auf das, was ich zu erkennen glaube,
kann manchmal nur mein Schweigen sein.

Tipp Tipp Tipp Tipp Tipp
das einzige Geräusch in
Nächten des verstummten Gelächters.

Nächten wie dieser.

3 Monate sind vergangen…..
Monate voller Fantasien &
lächerlicher Selbstbefriedigung.

Erinnerungen.

Telefonate & Textnachrichten.

»Würde es dir etwas ausmachen«, schrieb ich,
»wenn ich nebenher noch etwas anderes laufen hätte?«

»Nein. Würde es nicht. Vermute ich. –
Ich hoffe, du tauscht dich aus mit ihr; das
würde mich beruhigen.«

Und sie nannte sie:
»deine andere Option«.

Als ob es die gäbe!


Nein,
ich kann Dich nicht beruhigen.
Und warum sollten wir uns auch
beruhigen?
Einander beruhigen?
Wo wir sind –
soll Aufregung, Erregung, Ruhelosigkeit sein!

Für manche Menschen
ist Liebe einfach
keine Beruhigung.

Ich kann Dich lesen hören….
Fühlen….
Denken: ‚Schon wieder Interna!’

Ja,
ich hatte Dich gewarnt.

Und muss ein bisschen lächeln
über uns.

Ich sehe Dein Bild.
Vor mir.

Und wenn mein Spiegelbild Dich umarmt,
schlagen unsere Herzen

Dichter
bei
ein
ander

Vielleicht auch
auf
ein
ander
ein

aber immer

mit
ein
ander

im
selben
Takt.


Science Fiction

Staubbedeckte Tonbandspulen kreisten
auf einem alten Gerät. Hergestellt von
Toten. Für eine Firma, die längst nicht mehr
existierte.
Magnetisierte Vergangenheit. Schallwellen in Form.
Ein 5jähriger Junge quasselt. Verstorbene sprechen
mit ihm. Es wird gelacht & gesungen. Ein Radio spielt
im Hintergrund. Vergessene Melodien.
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Hörte hinein
in einen Raum der Vergangenheit. Damals
hatten die Spulen sich ebenso gedreht. Kreislauf.
Wenn der Junge sprechen soll,
verstummt er.
»Erzähl mal die Geschichte mit dem Kronleuchter«,
sagt ein Mann.
Schweigen.
»Als ob Fremde da wären«, sagt eine Frau. »Dann
isser genauso.«
Irgendwann fängt ein 15Jähriger an zu singen:
»Stellt den Teller untern Tisch,
Nikolaus bricht sich das Genick –
lustig lustig, trallerallalla,
bald ist Niklas-Abend da….«

Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Die längst
vergangen ist. Lauschte
einem Wir, das es nicht mehr gab.
Ich hörte mich lachen.
Wunder der Technik! Das Neueste vom Neuen!
In Mono. Ton für Ton bewahrt. Für die
Zukunft.
Ich erinnere mich, wie
ich damals hörte, was
damals schon lange her gewesen war.
Aber toter sind die Toten heute auch nicht – als damals.
Heute sitze ich in einem Raum der Gegenwart, die
Gegenwart ist. Der Motor ist kaputt.
Das alte Gerät macht seltsame Geräusche.
Alles vermischt sich, verwischt sich – die Schichten
der Zeit.
Die Spulen sind von neuem Staub bedeckt. Ich betrachte sie
wie einen Raum, in dem eine andere Zeit herrscht.
Ich will sie nicht hören.

All diese Science-Fiction-Filme meiner Kindheit…..
Die überholten Vorstellungen der Zukunft.
Wie charmant sie oftmals wirken.
Wie naiv.
Manchmal denke ich.
Denke: auch ich
bin so ein altes Röhrengerät
im Science-Fiction-Film der Vergangenheit,
der in einer Zukunft spielt,
die längst vorbei ist –

vorbei

ohne
vielleicht
jemals
Gegenwart
geworden –

Gegenwart
gewesen

zu
sein.

Von der Zukunft
ganz zu

schweigen.


»So ist das im Leben.«

Immer
wenn mein Vater zu mir sagte:
»So ist das im Leben.«,

hatte ich das Gefühl,
er sagte es ebensosehr
zu sich selber.

Immer
war es die Begründung

für einen
Verzicht

für die
Unerfüllbarkeit eines Wunsches

für ein
schmerzliches Vermissen

oder die
Notwendigkeit einer Pflichterfüllung.

Die Antwort auf die Frage eines Kindes,
das von Anderem träumte.

Es war eine Begründung
ohne Grund, ohne Erklärung;
ein Schweigegebot, das allen
Diskussionen ein Ende bereiten sollte.

Ich hasse es noch heute,
wenn jemand diesen Satz sagt.

Hasste es aber ganz besonders,
wenn ER ihn sagte.

Dass es dunkel wird,
wenn das Licht ausgeht –
ist so im Leben.

Dass kein Feuer ewig brennt –
ist so im Leben.

Aber
was mein Vater mich glauben machen wollte,
war niemals zwangsläufig so im Leben.

Was er da sagte, war
nichts als eine Phrase –
eine bequeme Lüge.

Etwas,
das er selber gerne geglaubt hätte.

Das Kind, das ich war, meinte,
eine gewisse Traurigkeit & Resignation
im Tonfall der väterlichen Stimme zu erkennen.

Weil es den Mann, der mein Vater war,
für zu klug hielt, um zu glauben,
was er da sagte.

Und später dachte ich oft, dass
sein ungeheurer Jähzorn
in erster Linie
vielleicht genau daher kam.

Verzicht
Unerfüllte Wünsche
Vermissen
& alberne Pflichterfüllung

Er hatte diese Familie am Hals
– & im Kopf wohl oft
anderes.

Erinnerungen an das Kind,
das er gewesen war –
& das von Anderem geträumt hatte.

Ich wollte es
anders machen
in meinem Leben.

Ich habe es anders gemacht.
Doch gebracht – hat’s nicht viel.

Auch ich
habe diesen Jähzorn.

Seinen Jähzorn.
Vielleicht.

Tja,
so ist das …..


Bumerang & Kleiderbügel

In dieser Fernsehserie, die
aus dem Schwarzweißgerät meiner Kindheit kam
& die ich niemals versäumte,
gab es einen Jungen mit einem Bumerang.
Immer wenn er ihn warf,
hielt
für die Dauer des Fluges
Alles
um ihn herum
an –
Bewegungen gefroren,
Menschen standen erstarrt (& wussten nichts davon),
die Zeit gerann, und
die Umgebung wurde zum
leblosen Bild.
Nur der Junge & sein Bumerang
bewegten sich
in diesem allgemeinen Stillstand.
Bis der Bumerang seine Kreisbahn beendet hatte
& der Junge ihn wieder auffing.
Für mich
waren die Abenteuer, um die es eigentlich ging,
nebensächlich.
Ich holte einen hölzernen Kleiderbügel aus dem Schrank,
drehte den Haken heraus –
& warf den Bügel quer durch mein Zimmer.
Nichts bewegte sich in diesem Zimmer; nur
ich & der Kleiderbügel.
Der Flug des Bumerangs war mir immer
zu kurz gewesen.
Der Flug des Kleiderbügels war noch kürzer.
Er krachte gegen die Wand &
fiel aufs Bett.
»Was machst du da?« rief die Mutter.
»Nichts«, rief ich.
Was sie mir nicht glaubte.
Und ich glaubte nicht,
dass sie erstarrt in der Küche gestanden hatte,
während der Kleiderbügel durch mein Zimmer geflogen war.
Aber ich hätte es gerne geglaubt.
Hätte gerne
Alles
angehalten.
Immer wieder.
Die Menschen.
Die Bewegung.
Und die Zeit.


Noch’n Gleichnis

Das Hundehalsband hatte Stacheln.
(Falls man etwas, das abgerundet ist,
Stachel nennen darf.)
Außerdem war es konstruiert wie
eine Schlinge – zog das Tier, oder
zog der Mensch, zog es sich zusammen.

Der Unterschied – ein Unterschied
zwischen unserem Vater & uns Kindern war:

Er
legte dem Hund das Halsband an,
wie es sich gehörte.

Wir
drehten es herum – Stacheln nach außen;
und durch einen kleinen Trick
setzten wir die Würgevorrichtung außer Kraft.

Der Vater war stark.
Er hätte den Hund ohnehin halten können.

Wir Kinder waren schwach.
Wir hätten den Hund niemals halten können.

Ich spüre noch heute
den Schmerz in den Knien;
das Brennen der dreckigen Wunden….

nachdem der Hund mich mal wieder
hinter sich her geschleift hatte.

Halsband


Das Albtraumhaus

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Versteckt
in einem verwilderten Garten;
umrankt von

Phantasien
Ängsten
& Faszination.

Meines lag am Ende der Straße,
das eigentlich kein Ende war – nur
eine Biegung, wo die Straße einen anderen Namen bekam.
Kaum sichtbar war es,
hinter Hecken, die hinter einem verfaulten Zaun wucherten,
hinter Bäumen, die so gigantisch waren, wie sie es nur
in der Kindheit sein können.

Wir Kinder wussten
nicht, wessen Adresse dies gewesen war.
Unsere Vorstellungen lebten darin.
In kahlen kalten Räumen voller Staub
& huschendem Getier; in der Geräuschkulisse
der raschelnden Blätter, die der Wind durch die zerbrochenen Fenster
des oberen Stockwerks ins Innere geweht hatte.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück.

Das Gartentor knarrte & quietschte wie ein antikes Klischee.
Wege waren Vergangenheit; Alles war
überwachsen.
Ein umgekippter Teich trübsalte stinkend unterm Algenteppich;
ich erzählte eine Geschichte von ruhelosen Toten, die
unter dem Garten wohnten, man müsse nur
in den Teich springen, um sie zu besuchen.
Die Anderen lachten
mit Gänsehäuten.

Einer Frau aus Stein fehlte das halbe Gesicht.
Alles wirkte wie erfunden.
Und war doch greifbar.

»Gehen wir rein?« fragte einer.
Er meinte das Haus.

Groß & grau & verwittert
schien es lebendiger
als die Natur ringsum.

Die unteren Fenster waren mit Brettern vernagelt.

»Es könnte einstürzen«, sagte ein anderer.

Eine ausladende Treppe führte einige Stufen aufwärts
zum Eingang. Niemand wollte ein Feigling sein. Das
Geländer war zerbrochen. Ein Trauerflor
aus schwarzem Schimmel hatte sich über die Ränder der Tür
gebreitet. Ein großes Netz reichte vom Türknauf aus Schmiedeeisen
bis zur Ecke des Rahmens links oben; gelb & schwarz gestreift
hing die Spinne in ihrer Vorratskammer.

»Das ist eklig«, sagte ichweißnichtwer. »Ich geh da nicht rein.«

Niemand wollte ein Feigling sein.
Und doch sagte niemand etwas
dagegen.

Und selbst wenn wir es gewollt hätten,
wären wir nicht hineingekommen –
redeten wir uns ein.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück

in der Wirklichkeit.

Wie oft
ich in meinen Träumen dort war,
kann ich nicht sagen.

Nachts blickte ich in die Innenräume,
denn nachts steckte immer ein Schlüssel im Schloss;
oder die Tür war angelehnt &
das Netz zerrissen.
Ich fühlte, die Spinne war da –
aber ich sah sie nicht.
Das Herz schlug
wie eine wahnsinnig gewordene Uhr,
und manchmal ahnte ich,
dass Bela Lugosi im Nebenzimmer auf mich wartete.

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Doch
nicht jeder weiß davon.

Nicht jeder träumt davon.

Niemals
wird das Haus, in dem ich heute lebe, so sein
wie dieses Haus meiner Kindheit.

So schön,
so verborgen,
so geheimnisvoll.

Aber es wohnen Menschen in meiner Nähe,
die es für verlassen halten.
Für unbewohnt.

Und das ist schön.

Vielleicht
träumt irgendwo
ein Kind
von meinem Haus;

träumt sich hinein
in meine Räume.

Vielleicht
ist es gerade
hier

irgendwo.

Und ich
bin die Gestalt
im Nebenzimmer.


Es lebe Freud!

Freud war längst tot
als meine Mutter mir Bananenbrote brachte
während ich auf dem Klo saß.
Meine Füße berührten
nicht
den Boden.
Eingeschlafene Beine
die Härte der Brille
die Härte des Stuhls
Härte überall.
Die langen Nachmittage der Verstopfung.
Immer wieder.
Trägheit
des
Darmes.
Als hätte ich
Alles
für mich behalten wollen.
Völle-
Gefühl.
Scheiße & Schmerz
in Überfülle.
Lahmgelegte Peristal-
tik.
Ich hörte das Leben
weitergehen –
da draußen
außerhalb der Zelle.
Meine beiden Brüder spielten
als ob nichts sei.
Die Putzfrau – Frau Lüttchens – wischte & saugte.
Die Geräusche lenkten mich ab
störten mich
weckten
meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle.
Stunden
die endlos schienen.
Immer wieder.
Eine Kindheit wie
Rizinusöl…..
Nase zuhalten
& schlucken!
Ekel
der den Hals verschleimt.
– Das is doch alles psüüchisch!
Klar doch! Anale Phase & so. Man
kennt das.
Geiz
Pedanterie
übertriebener Ordnungssinn
Sammelwut
Ja nee isso –

»Bananen stopfen« sagte meine Mutter.
Aber irgend etwas musste ich ja essen
um nicht kraftlos vom Klo zu kippen.
Und ich liebte das nunmal:
Graubrot mit Butter & Bananenscheiben
in Häppchen geschnitten
gereicht mit einem Gäbelchen
das eigentlich ein Zweizack war
mit dem man
normalerweise
Fruchtstücke aus der Bowle fischte.
Freud ist längst tot.
Ich gehe durch das Haus
das meine Mutter mir vererbt hat.
Alles
hat seinen Platz.
Alles
ist wohlgeordnet.
Die Bücher…..
Die Filme…..
Die Ton-
träger…..
Die Schreibmaschinen…..
Die Musikinstrumente…..
Besitz
der belastet.
Und
manchmal
meine Sehnsucht weckt.
Meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle
die mein Haus ist.
Doch
ich
bin
träge.
So
träge
wie mein Darm
damals.
Und heute…..
Scheiße, Schmerz & Blut.
Der anale Ka-
rakter…..
Manches
ändert sich
nie. Oder doch
kaum.
Da ist keine Putzfrau.
Niemand spielt.
Meine Füße berühren den Boden.
Und ich schlucke
kein Rizinusöl mehr.
Cascara Sagrada. Life might be so.
Das Leben ist hart.
Man kann
nicht
Alles
für sich behalten.
Freud ist tot.
Es lebe Freud!
Und dieser Schlager
den ich als Kind so oft hörte:
Yes, we have no bananas!

Ausgerechnet Bananen!

Freud bw


Im Abseits

Unverstanden
stand das Kind
im Abseits

& Abseits
war überall
wo es stand

im Leben

Der Unverstand
der Anderen
führte zu ihrem

Unverständnis

Die Anderen
standen
Abseits vom Abseits

in der Mitte
des
Lebens

wo es lärmt
& kracht
& schreit

Das Kind
liebte
die Ruhe

die Stille
der Ausgrenzung

die Mauern
des Schweigens

& sogar
ein wenig
den Schmerz der Isolation

Das Kind
verstand
im Abseits

die Anderen

& mehr
als die Anderen.

Und die Klangfarbe
auf den Mauern des Schweigens
ist ein beruhigendes

Schwarz

Und eine Uhr
geht
ganz leise

im Abseits

Unaufhaltsam
bewegt sie sich
zu

auf
die Stunde
des Kindes

im Abseits.


Das Gegenlicht

Es brennt!

wie ein Feuer
…. das wärmt
wie ein Feuer
…. das verzehrt

Es brennt!

wie eine offene Wunde
…. die niemals heilt
wie eine Wunde
…. die sich langsam schließt

Es brennt!

wie eine reinigende Flüssigkeit
…. die in die Augen rinnt
wie ein Gas
…. das in die Augen weht

Es brennt!

wie eine Frage
…. die man nicht zu stellen wagt
wie eine Frage
…. auf die es keine Antwort gibt

Es brennt!

wie Hämorrhoiden beim Kacken
wie Nesseln bei Berührung
brennt wie Verlangen
brennt wie Sehnsucht

Es brennt!

wie ein Gewürz
…. ohne das Alles fade wäre
wie eine Taschenlampe
…. die unter der Bettdecke

das Lieblingsbuch der Kindheit beleuchtet

Es ist

hässlich
& schön
kitschig
& abstrakt

Es ist

Schmerz
& Beruhigung

Widerspruch
& Kontrast

Hintergrund
& Vorder-
grund

Und es wirft
die Schatten
die über
all

ex
is
tieren

über
all
hin

Das Licht!

Es brennt
auf der Rückseite
meiner
düsteren
Gedanken –

lichterloh
& farbenfroh.