Als ich geboren wurde, waren alle schon tot. Alle, die tot sein durften, weil sie gestorben waren, bevor ich geboren wurde. Vielleicht waren sie auch immer schon tot gewesen. Wie kann es sein, dass diejenigen sterben, die zu meiner Zeit lebten, und an die ich mich erinnere? Da ist etwas falsch. Grundlegend falsch. Der Mensch auf dem Foto soll nicht mehr existieren? Wie kann das sein? Nur noch vergrabener Dreck? Für immer verschwunden. Stimmlos. Atemlos. Er hatte doch so jung ausgesehen, bevor er alt wurde – wie ist das möglich? Ich habe noch seine Stimme im Ohr. Neben all den anderen Stimmen.
Ruhig, ganz ruhig.
Ich BIN ruhig. Nur sie sind es nicht. Auf diesem Foto packt er seinen Koffer. Er will verreisen. Dann kann er doch nicht tot sein. Man kann nicht verreisen, wenn man tot ist. Oder? Er ist noch nicht da gewesen, wo er hin wollte, also muss er doch da sein. Der Koffer ist ja auch noch gar nicht geschlossen.
Wo wollte er denn hin?
Ich weiß es nicht.
Dann war er vielleicht doch schon da.
Wieso DANN ? Was hat das mit mir zu tun? Nur weil ich etwas nicht weiß, soll es stattgefunden haben? Wo ist denn da die Logik?
Wie tot er ist, seit er nicht mehr lebt. Man kann nicht so tot sein; also müsste man doch leben.
Ruhig, ganz ruhig. Mit manchem muss man sich abfinden.
Abfinden! Das ist auch so ein Wort. Die Abfindung. Mir hat noch keiner etwas dafür gegeben, dass einer nicht mehr da ist. Und wenn, würde ich es nicht annehmen. Ich würde es nicht haben wollen. Hoffentlich hat er sein Nackenkissen nicht vergessen. Ich sehe es gar nicht in dem Koffer. Er bekommt doch so schnell Nackenschmerzen. Einmal konnte er kaum aufstehen vor lauter Schmerz. Aber das ist lange her. Er ist noch oft aufgestanden danach. Wahrscheinlich steht er morgen auch wieder auf. Wir können ja gar nicht anders. Wir müssen aufstehen. Weil wir nicht immer liegenbleiben können. So ist es doch. Oder?
Ja.
Wenn er nur nicht seinen Zug verpasst. Er hält so lange inne. Er sollte endlich weiter packen. Hoffentlich ist er nicht zu erschöpft. Dann müsste er sich ausruhen. Vielleicht wartet der Zug ja auch auf ihn. Er hat so oft den Zug genommen, dass der auch mal auf ihn warten könnte. Er hat so oft den Zug genommen, dass ich manchmal dachte, ohne ihn kann ein Zug gar nicht fahren. Er hatte ja Flugangst. Er konnte nicht fliegen. Er meinte, er würde abstürzen. Dabei sind doch immer nur Flugzeuge abgestürzt, in denen er NICHT war. Wenn er sich das klargemacht hätte, hätte er fliegen können. Aber Logik war seine schwache Seite. Da konnte man reden, wie man wollte. Er verstand einen einfach nicht. Na ja. Egal.
Haben Sie nur dieses eine Foto?
Sehen Sie bloß – wie ruhig er atmet. Man sieht es kaum. Nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es sehen. Man muss immer ganz genau hinschauen. Sonst verpasst man, worauf es ankommt. Wenn man natürlich nicht weiß, worauf es ankommt, kann man es auch nicht sehen; da kann man schauen, so lange man will, man sieht es nicht.
Das stimmt.
Als ich geboren wurde, gab es nur Lebendiges um mich herum. Das war schön.
Das ist doch immer noch so. Oder sehen Sie die Toten?
Woher soll ich das wissen? Ich weiß es nicht. Vielleicht sehe ich sie. Sind Sie tot?
Nein. Ruhig, ganz ruhig.
Ich BIN ruhig. So wie er. Ich will nicht unruhiger sein als er. Es ist schön, wie ruhig er ist.
Ja.
Danke. Es war nett mit Ihnen zu plaudern, aber ich muss jetzt auch meinen Koffer packen, sonst verpassen wir doch noch den Zug. Der wartet nämlich nicht auf uns.
»Dir ist gerade ein Tropfen aus der Nase gefallen«, sagt sie.
»Das war nur Wasser«, sage ich.
»Der war aber trübe.«
»Dann war es eben Wasser, das zu mir passt.«
»Da«, sagt sie und tippt auf meinen Ärmel, mit der Fingerkuppe genau auf den feuchten Fleck.
Das werde ich nicht mehr vergessen.
Wie sie dabei gelächelt hat.
Das hilft beim nächsten Streit.
Als ich ein kleines Mädchen war,
ging ich die Treppe hinauf.
Plötzlich stand der Großvater dort oben.
Am Anfang oder am Ende der Treppe.
Er lächelte, als er mich sah.
Dann kippte er nach vorn und fiel.
Ich fuhr in ihn, als er mich mitriss,
und wir starben gemeinsam.
Die Straßen gibt es noch.
Die Läden sind verschwunden.
Die Läden, in denen ich Dinge gekauft hatte,
die kaputt gingen
und auf den Müll geworfen wurden.
Irreparabel. Die Verkäufer
sind tot, denn sie waren
schon alt, als ich jung war.
Doch vielleicht nicht so alt
wie ich – heute.
Mich gibt es. Noch.
Noch nicht
kaputt. Noch. Nicht
auf dem Müll. Irre
parabel.
Ich bin noch
da. Mit all den kaputten Dingen
in meiner Erinnerung.
»Was hast du da grad gemacht?« fragt sie. »Eine Spinne in den Garten gebracht.« »War sie groß?« »Nein. Eine ganz dünne, kleine. — Sowas wie du. Als Spinne halt.« Sie lächelt. »Ich mag unsern Garten.« »Na dann ist ja alles gut.«
Man sprach von einem ‹vergessenen› Dichter.
Aber diejenigen, die von ihm sprachen,
hatten ihn nicht vergessen.
Und jene, die nichts von ihm wußten,
hatten ihn niemals gekannt.
Sie lag auf dem Kanapee.
Das Prachtstück. Nackt & bloß.
Bäuchlings, die Kniee gewinkelt; das
Blondhaar pferdegeschweift.
Eine warme Nacht, von antiken Lampen erleuchtet.
»Lu«, sagte er. Der Ohrensessel schützte ihn.
»Hm?«
»Hast du jemals in der Badewanne Flossen getragen?«
»Ja«, sagte sie, »als kleines Mädchen. Du nicht?«
»Doch«, sagte er, »ich habe mir sogar
eine Kaffeedose auf den Rücken geschnallt, um
unter Wasser atmen zu können. Die Dose war
mit einem Schlauch verbunden, und den habe ich
mir in den Mund gesteckt.«
»Und du hast es überlebt, wie ich sehe. Ein Glück.«
»Findest du?«
»Sag nicht sowas.«
»Schon gut. – Hattest du eigentlich eine schöne Kindheit?«
»Nein«, sagte sie. »Du?«
»Ja«, sagte er, »aber das wurde mir erst bewußt,
als sie vorbei war.«
Wo treffen sich Blicke? In der Mitte? Diesseits oder jenseits?
Oder in den Köpfen?
»Wie kommst du auf die Flossen?«
»Weiß nicht. – Vielleicht weil du da so liegst.«
Sie lächelte. »Willst du dich nicht auch ausziehen.«
»Noch nicht«, sagte er, »ich will das Bild nicht zerstören.«
Sie verschränkte ihre Hände unterm Kinn. Blasse Hände. »Und –
was machen wir dann?« Sie schlenkerte mit den Füßen.
Auch in dem großen, alten Spiegel, der am anderen Ende
des Raumes stand; alles darin bekam einen Stich ins Türkise.
»Die Halbwelten in Schwingung versetzen.«
»Au ja« sagte sie.
Er stand auf und ging zu ihr. Sie streckte die Beine.
Einhändiger Applaus. Zitterndes Gewebe.
Und dann weinte sie.
»Was ist?« sagte er.
»Zu blöd«, sagte sie, »da wurde wohl eine Erinnerung ausgelöst.
Ist gleich wieder vorbei.«
»Tut mir leid.«
»Nicht schlimm. Und nicht deine Schuld. Manche
Erinnerungen sind so überflüssig. Und die schönen
sind bei mir oftmals verschwommen.«
Sie rückte ein Stück zur Seite, und er legte sich neben sie
auf den Rücken. Nur wenige Tropfen,
die er wegzuwischen hatte. Das schmale Gesicht
reflektierte jeden Schein. »Stell dir vor«, sagte sie,
»jemand würde uns so sehen, uns beobachten, uns zuhören –
was würde der denken?«
»Was für eine Vorstellung. Gut, daß das unmöglich ist.
Uns kann doch niemand begreifen.«
Sie lachte, kurz und hell, mit schimmernden Zähnchen.
»Aber wir uns«, sagte sie – »komm, begreif mich.«
Fließende Bewegungen gingen ineinander über;
sie gingen ineinander über. Es gab
nicht viele freie Flächen auf dem Kanapee,
aber mehr und mehr wurden sie mehr.
Und schon ist man ein Dutzend Mal
der Fünfjährige der Vergangenheit.
Das ist ein Schock –
so hab ich’s noch in der Schule gelernt:
5 Dutzend sind ein Schock.
Das kann man wohl sagen.
All diese Fünfjährigen,
die man in sich trägt –
Jeder hat anderes erlebt.
Und anders empfunden.
Man erinnert sich
an die Empfindungen, die
es nicht mehr geben kann,
weil man den Schock auf dem Buckel hat.
Die Illusion von Kontinuität.
Dabei hoppelt, ruckelt & springt man durchs Leben
und altert auch so. Es addieren sich bloß die Abschnitte;
kein Wunder, daß man nicht erwachsen wird.
Manchmal hatte man auch zweieinhalb
Fünfjähre in sich – dann war man so um die 12.
Ich will hier ja nicht so tun, als gäbe es
irgendeine Regelmäßigkeit. Ein Gleichmaß
des Daseins. Keine Maßeinheit
beschränkt die Maßlosigkeit.
Man wechselt die Spielplätze
und spielt, man wäre altersgemäß.
Der Verfall ist die Maske
vor dem wahren Gesicht.
Glaubt mir nicht, glaubt mir nicht –
das bin ich nicht.
Und Ihr seid auch nicht,
was ich sehe.
Maskenballer, wir alle.
Ein letzter Auftritt wird versucht — Da hackt der Schmerz in die Achillessehne! Die Bühne zu hart, der Schritt zu forsch, der Körper zu alt. Wieder nichts. Und es ist ja auch richtig: mit 60 hat man lange genug gelebt. Wie erbärmlich sich alle ans Leben klammern! Immer noch ne Wiederholung des Bekannten; oder dessen Abklatsch, mieser als das Original. Haben die alle kein Gedächtnis? Zu viel Eiweiß im Gehirn? Oder erscheint ihnen durch die schwindenden Sinne Alles ganz neu? 80, 90, 100 — Der Traum von der Unsterblichkeit. Ein Alb! Tja leider, bei mir klemmt der Vorhang auch. Seit 2 Jahren will er sich nicht schließen. Man muss warten. Und versuchen, das geliebte Wesen (das einem heldengleich zur morschen Seite steht) nicht gar zu sehr zu nerven. Bleibt man, tut es weh – geht man, tut es weh. Nicht sein. Ganz vorsichtig von den Brettern humpeln, von den Brettern, die nicht – so – viel – bedeuten.
P.S. Ich mag keinen Besuch. An mein Grab soll auch keiner kommen.
Das Versagen ist ein stilles Zimmer.
Kein Schall, der stört, keine Augen, die glotzen.
Erfolg wäre Lärm, ein Schmerz im Gehör.
Ich habe mein Leben vertrödelt, versoffen, vertändelt,
ver-fault. Hab mich versagt. Gehöre
niemandem, nicht dazu, nirgendwo
hin, wo ich nicht bin.
Mach’s mir gemütlich im künstlichen Licht.
Hab mich verschrieben
dem Privaten. Abgeschottet & zufrieden.
Verstehe kaum, was Menschen mögen,
was sie antreibt, was sie treiben.
Das Menschenmögliche ist mir zu viel.
Moment – versuche ich hier gerademich zu trösten? mich abzufinden?mich schönzureden? mich interessant zu machen?Das wäre das Schlimmste, das Niedrigste,das Unsägliche. Das letzte Versagen.Schlimmer als selbstverlegt, schlimmerals ein E-Book bei Amazon –nein, bitte nein!Finde ich etwa gut, was ich hier tue?Fand ich es je? Mit Alkohol im Blutvielleicht. Im Suff finden sich ja alle gut.Die armen Schweine. Die sollten sich malnüchtern betrachten. Ganz trocken.Dann ist es aber ausmit der Unsterblichkeit. Mit Epigonen kannselbst die Nachwelt nichts anfangen. Und man gerät nicht in Vergessenheitwenn man niemals im Bewusstsein war.
Oh, du stilles Zimmer. Mein Raum.
Nur mit mir in dir.
Unverzagtes Versagen. Sonst gibt es nichts
zu tun. Alles
weitere versage ich mir.
Schnauze jetzt! Tu doch nicht so! Möchtest gern, du Möchtegern. Der Wille aber ist nichts. Das weiß ja jeder Serienkiller. Da zählt nur die Leiche, und nicht das Messer in der Lade.
Ja, der blindlings tastende Soziopath
trifft nur sich selbst. Da ist keine Welt
im Raum. In jenem Zimmer. Und
keiner versteht ihn.
[Auf dem Lokus blätterte ich in einem alten Video-Katalog von Beate Uhse. Einer der Pornos hieß: Heißer als Lava Was mir dazu augenblicklich einfiel – je nun, Folgendes.]
▪️▪️▪️▪️▪️▪️
🎶 Heißer als Lava Ist ihr Kadaver 🎶
Wenn ich übern Friedhof schleiche Freu ich mich auf ihre Leiche Mit dem Spaten in den Händen Zuckt es schon in meinen Lenden
An ihrem Grabe muss ich graben Um mich an ihrem Leib zu laben Ich klopfe an womit auch immer In silberblassem Mondenschimmer
Sie liegt so schön in ihrem Sarg Sie liegt so still wie ich es mag Ganz feucht ist sie und weich Ich komme, Schatz, ich komme gleich
Du riechst so gut und schweigst so schön Wir wollen gleich nach Hause gehn Da kuscheln wir und schlafen lange Ich küsse deine dunkle Wange
Ich streichle zärtlich deine Waden Liebkose lüstern deine Maden Immer will ich bei dir liegen Rotten stinken Würmer kriegen
Natur sind wir für lange Zeit Ein kleiner Teil von Ewigkeit Und wenn es wohl auch seltsam klingt Ich liebe was aus uns entspringt
Jahre später entdeckte ich ein Foto im Internet: da saß er an einem gedeckten Tisch, und Helmut Berger leckte ihm die Haare (zumindest sah es so aus). Dalli Dalli Aftershow-Party Mitte der 80er Jahre. Wenn man das gewusst hätte – das wäre doch ein Gesprächsthema gewesen! Andererseits: gesprochen hatte man ja nicht so viel.
Ich hatte ihn in einem Sexchat getroffen. 30 Jahre nach HB. – Wir beide auf der Suche nach einem Dreier (auch so’ne Disziplin). Fotos wurden ausgetauscht. Eines seiner Fotos zeigte ich meiner Freundin. »Und?« »Ist okay«, sagte sie, »der geht.« Er/es sollte unser erster sein.
Und dann saßen wir zu dritt auf dem Sofa meiner Großeltern. Er in Radlerhose & T-Shirt, sie in ihrem Schulmädchenoutfit zwischen uns (der karierte Rock so kurz wie das Lineal, das man selber als Schüler im Ranzen gehabt hatte). Ich hatte auch was an, aber soetwas merke ich mir nicht. Der Mann sah älter aus als auf dem Foto, das er mir geschickt hatte, aber so ist das halt – nicht schlimm. Wir waren nicht zum Reden zusammengekommen - sie legte ihren linken Schenkel auf seinen rechten & streichelte die Ausbuchtung, die in der Radlerhose besonders zur Geltung kam. Eigentlich ging alles recht schnell. Dalli Dalli. Er war nun mal Sportler und auf Geschwindigkeit getrimmt. Schnell stand er auf, schnell zog er sich aus. Und schon war sein Schwanz in ihrem Mund. Der Schwanz war ziemlich kurz, aber die Eier gewaltig. (Später fragten wir uns, ob das was mit Doping zu tun hatte; aber ich glaube, da schrumpfen sie eher.) Er trug einen Cockring.
Schließlich gingen wir in das Zimmer mit den Schaufensterpuppen. Da lag eine Matratze auf dem Boden. Auch beim Ficken schien er schnell durchs Ziel kommen zu wollen. Er war ein Rammler. Es hätte mich nicht gewundert, kleine Rauchwölkchen sich kringeln zu sehen. Sie sah nicht gerade begeistert aus. Schaute mir in die Augen. Ein bisschen verloren, ihr Blick. Zum Ausgleich machte ich alles ganz langsam. Seltsamer Staffellauf. Ich war schon immer der Langsamste. In der Schule. Beim Sport. Beim Essen. Wie waren nochmal seine Bestzeiten? »Dein Freund hat einen schönen Schwanz«, sagte er zu ihr. Nun ja. Ob da was gelaufen war – mit Helmut Berger? (Der sah auf jenen Fotos noch richtig gut aus, da wäre ich auch nicht abgeneigt gewesen......)
Ein bisschen Smalltalk gab es dann doch noch. Er saß wieder auf dem Sofa und musste sich nur noch die Schuhe anziehen. Wir standen. Ich glaube, ich hatte mir etwas angezogen, aber soetwas merke ich mir nicht. Sie jedenfalls war noch nackt, soetwas merke ich mir. Er sprach von seinem Herzen. Mit seinem Ruhepuls hätte ich mich für tot erklärt. Ja, der Leistungssport! Ständig musste er irgendetwas tun, um nicht abzunippeln. Sein Arzt sei besorgt, sagte er.
Früher hätte ich das alles viel detaillierter geschildert – aber ich werde ja auch immer älter. Aktuelle Fotos – ach, Schwamm drüber.
Meine Phantasie arbeitet assoziativ. Hatte ich nicht beinahe Verbindung aufgenommen mit Visconti? Die Unschuld. Die Verdammten. Gewalt und Leidenschaft. Ludwig. (Mit Berger.)
Tod in Venedig. Sehnsucht. (Ohne Berger.) Wenn man das alles damals schon gewusst hätte!
Der Olympionike hatte bei den Spielen keine Medaille gewonnen. Dabeisein ist alles. Das war Spitze! Auf der Sofalehne fand ich seinen Cockring. Den warf ich in den Mülleimer zusammen mit dem Kondom.
Der Mensch definiert sich gern Über seine Zahnrad-Existenz Es ist ihm wichtig Wo er sitzt im Werk & wer ihm in die Zähne greift Um ihn voran zu treiben
Seine Welt ist eine Uhr Und er denkt die fliehenden Zeiger Seien die Zeit an sich
Und ohne ihn ginge nichts Aber nichts geht immer Es braucht ihn nicht
Das Nichts
Ich bleibe lieber stehen Ohne mich vergeht alles Genauso schnell
Es zieht vorbei An meinem Stand der Stillstand heißt Ich muss nur bleiben wo ich bin
Ich setze nichts ins Werk Ticke nicht & tacke nicht Weder falsch noch richtig
Gehe nicht & gonge nicht
Es ist mir wenig wichtig Und was mir wichtig ist Verstehen nur wenige
Ich hab versucht kein Mensch zu sein Es ist mir nicht gelungen Ein Zahnrad bin ich nicht
Sonst knirschten meine Zähne In dem Getriebe jener Welt Lasst mich
Rast & Ruhe sein In dieser Uhr Die nichts bedeutet
In der Regalgasse
kam sie auf mich zu
mit ihrem Einkaufswagen
»Ich hab zweimal Milchreis mit Zimt
für dich«, sagte sie.
Ȁh, danke - - ich glaub,
ich mag den im Moment gar nicht mehr.«
»Ah – okay ---«
»Nach dem letzten Mal ging’s mir so komisch.....«
»Aha....«
»Ja. Hm. Vielleicht bringst du ihn doch besser wieder zurück.«
»Ja; klar; mach ich.«
Das wird jetzt niemand verstehen,
der nicht weiß, wie sie, und nur sie,
etwas sagen kann – aber
es hätte mir doch beinahe
das pumpende Hohlorgan zerrissen;
und ich musste hinterher
zur Kühlung
Sie stellte die Schälchen zurück
Deren Inhalt ich vielleicht lieber hätte herunterwürgen sollen
um ihr eine Freude zu machen
& um mich selber besser zu fühlen
in aller Übelkeit
Da nahm ich sie von hinten
in die Arme - »Vielen Dank nochmal,
dass du daran gedacht hast.«
Es fielen noch weitere Worte im Supermarkt,
und gelächelt wurde außerdem.
Und so wird nun auch Milchreis zum Symbol werden
Zur stehenden Redewendung
Zum Insider
Zur Anspielung
in dieser Beziehung.
Und natürlich hat das alles nichts mit Literatur zu tun.
Denn es wird behauptet, die solle
Gefühle erzeugen – und nicht schildern.
Aber wenn etwas etwas soll
will ich etwas anderes wollen.
Und sagen: Seht her!So kann es sein.Es kommt vordass sich die Richtigen treffen.Das sagt Euch der Pessimist,der an gar nichts glaubt.
Übrigens war vermutlich alles ganz anders.
Plötzlich hatte ich das kleine Mädchen gesehen & gehört...
Das Mädchen, das ich nur von Photos kenne
(& in ihren Augen sehe)
Und es hatte mich gerührt
Gerührt bis an die Schmerzgrenze —
An der Kasse
war dann noch die Flüssigseife nicht richtig ausgezeichnet
und die Kassiererin konnte so kurz vor Schluss
niemanden mehr erreichen
& in ihrer Liste konnte sie den Preis nicht finden –
drum ließen wir die Seife also auch noch zurück.
Aber das ist ja eigentlich schon wieder eine andere Geschichte.
Die bestimmt ebenfalls irgendeinen Symbolwert hat.
Jemand kitzelte ein Gitarrenkind
Ein sanfter Bass tapste nebenher wie ein Bär
Der alte Mann in der Scheibe sang I’ll see you in my dreams
Da kam sie in das Zimmer und tanzte
Kurzes Hemd, gestreiftes Höschen
Sie barfüßelte vor der Spiegelwand
Drehte sich und schwang die Arme
Witzig und ernst, da und traumverloren
Und so schön und leicht wie der Moment
Den man nicht erwartet hat
Nach all den Jahren
Muss ich immer noch lächeln
Wenn ich einen Raum betrete
In dem sie sitzt
So als wäre ich überrascht
Und könnte es nicht fassen
Weil das Glück das ich hatte
Unfassbar ist
Immer noch immer noch immer
… tender eyes that shine …
Und sie lächelt zurück!
Und lacht sogar! Meistens
Wir wissen wie man das nennt
Aber wir haben ihr einen neuen Namen gegeben
Der nicht nur ein Wort ist
Der alte Mann schweigt
Die Ukulele verstummt
Es ist spät geworden
Der Song summt in meiner Erinnerung
Auf dem Stuhl neben dem Bett
Scheint sich eine Biene entkleidet zu haben
Man muss mit allem rechnen
Du warst in dieser Welt
Ich hatte Angst vor dir
Ich fühlte mich beschützt von dir
Wieviele sind noch am Leben
Die dich kannten
Wirst du vergessen sein
Wenn ich sterbe
Als wärest du nie gewesen
Auf dieser Welt
In der dein Schutz mir fehlte
Als du verschwunden warst
So jung so früh
Es ist egal
Nur die Wesen vergessen
Was verwest
Im Gedächtnis der Welt
Bleibt alles Erinnerung
Sie weiß dass du da warst
Und die Angst ist vergangen
»Warum hältst du?« fragte sie. Leise lief der Motor: eine gerade Landstraße, grauer Asphalt, leer & verlassen, einsam bis zum weit entfernten Horizont - - - - -
»Hier geht’s nicht weiter«, sagte er, »ich hatte es befürchtet.« Ein stilles Fragezeichen auf dem Beifahrerinnensitz: ?
»Im Verkehrsfunk verheimlichen sie so etwas immer. All diese Staus, die von Tarnfahrzeugen verursacht werden. Das kann jetzt ein paar Stunden dauern.« Verdutzt ist ein schönes Wort.
Lächeln ein noch schöneres. Sie war wie ein Buch der schönen Wörter. »Unser Leben ist so ereignislos«, sagte sie, »nie passiert was —
aber was WIR so alles erleben! Das geht auf keine Brontosaurushaut. Nur gut, daß keiner seinen Motor laufen läßt.« »Ach ja«, sagte er – und drehte den Schlüssel.
Wie still es war! Still & aufregend. Hier - wie überall; wo man sein konnte. Bei sich. Mit sich. In sich. Zusammen.
Die Spiegel werfen Falten
Egal wie jung man auf die Fläche blickt
Alles verkehrt
Und der Geist unsichtbar
Erkenne dich selbst
Wie du nicht bist
Stumm & geruchlos im Glas
Eingeweckt und doch verfaulend
Tiefe nur vorgetäuscht
Leben als optisches Phänomen
Was man da sieht
Soll ein Mensch sein?
Sein sein?
Silbrige Gaukelei
Geht vorbei, geh vorbei
Fabrikat aus Splittern
Ein Ganzes wirst du nie
Lass dich fallen
Wirf dich hin
Wie der Spiegel die Falten
Wie die Schwerkraft die Alten
Täusche vor geh zurück
Schmeiss noch einen letzten Blick
Auf Alles
Was nicht du ist
Auf Alles
Was du nicht bist
Spieglein Spieglein Märchentand
Plisseevisage Stundensand
Die Spiegel werfen Falten
Sie solln mein Bild behalten
Im Sitze meines Lebens (was bei Anderen im Laufe heißt) gemütelte ich häufig auf dem Sopha mit p-h und Büchern in den Tellern meiner Hände
Mit Blätterfingern fuhr ich durch das Laub der Bände – ganz fremd wurde mir da zufurchte; fremd der Waren Welt mit ihren Würglichkeiten und ihrer Enge, die außerhalb des Geistes liegt
Im Rascheln der Romane war ich zu Hause im Rauschen der Gedichte unterwegs Der stumme Besucher in den Winkeln der Biographien: das war ich
Reich war ich in meinen Reichen Auf den Brettern, die Regal bedeuten Traf nie einen meinesgleichen Mischte mich nicht unter Meuten
Was zur Neige geht, ist nicht mein Leben Eine Welt nähert sich dem Ende Was Gedanken leise weben Fällt am Schluß durch offne Hände
Hier könnte eine Blogroll sein.
Wenn ich nicht so egozentrisch wäre.
Statistik
93.834 hits
"Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab´ niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht."
(Friedrich Nietzsche)
„Meine kleinen Gedichte
Kommen wie kleine Blumen mir vor,
Lauter winzige Wichte,
Aber zusammen doch ein Flor,
Und hervor
Aus dem Chor
Blicken Vergißmeinichte.“
(Friedrich Rückert)
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