Buñuel & die Peitsche

Aus einem Kellerfenster klatschte der Klang
einer Peitsche. Wie die Sonne
brandete & blendete, sengte & brannte…. Ich musste
an Buñuel denken, denn wir waren in einem fremden Garten.
In dem Garten stand ein Pavillon, offen
& einsehbar, in dem Pavillon
ein Bett, auf dem Bett waren
wir, nackt & verschlungen, ineinander
gesteckt, zusammengesteckt, in Bewegung,
die Bewegung, die man Sex nennt…. In einiger Entfernung
saßen fremde Menschen, manche nackt, manche
in Wäsche, die reizen sollte. Tische & Bänke
aus Holz. Die Fremden
aßen Grillgut. Einige schauten
uns zu dabei. »Hast du
ne Tablette genommen?« fragte die Geliebte
als ihr Mund wieder leer war.
»Ja«, sagte ich, »eine halbe.« (Also ein
Dreieck. So viele Eindrücke
& Ablenkungen, und man ist ja nicht mehr
der Jüngste….) Auch die Musik war
in die Jahre gekommen. Nevergreens.
Und wieder die Peitsche! Niemand
schwamm im Pool. Ich dachte: Komischer
Film – diese Realität. Die Menschen schauten
zu viele Pornos. Auch ich
hatte schon zu viele gesehen – Menschen
sowohl wie Pornos. Ein dicker Mann
biss in eine Bratwurst, als wäre sie
ein Symbol. Dabei schaute er
herüber. Charmelos. Indiskret. War dies die Bourgeoisie? Und was
hatten wir hier zu suchen? Hier,
wo es Nichts zu finden gab. »Ganz schön
surreal«, sagte sie. Das Begehren & der Neid
der Anderen streichelte meine Psyche; die geschundene,
verquere. »Ja«, sagte ich – & konnte mich nicht erinnern,
jemals etwas Ähnliches geträumt zu haben. Der
Gynäkologenstuhl im Keller war belegt gewesen. Was
schade war. Wie hässlich mir die Menschen erschienen,
aber die Blumen waren schön, und die Bienen trugen
ihre flauschigen Sträflingsanzüge. Die Gespräche
der Besonnten waren auch nur ein Summen
im Grund, der Vorder- & Hinter- zugleich
sein konnte. Alles eine Frage
der Position. (Apropos: wer den schönsten
Po besaß, war hier keine Frage!) Das Märchen
von Amor & Psyche – den Goldenen Esel
könnte ich auch mal wieder lesen. Wie kam ich
jetzt da drauf? »Wollen wir
reingehen?« fragte sie. Niemand hier war
so jung wie sie, und ich
erst recht nicht. »Ja«, sagte ich, und dann ging es vorwärts
durchs modisch rasierte Fleisch – hin
zur Treppe, die von außen in den Keller führte.
Eine ehemalige Raupe schmetterte mit bunten Flügeln
vor uns her. Drehte dann ab. Überall Symbole.
Blicke folgten uns. Und mit den Blicken einige Körper.
Abwärts. Die Peitsche war verstummt. Die Menschen haben
keine Dreiecke mehr zwischen den Beinen. Ich
streichelte das Haar der Geliebten. Man konnte fühlen,
dass es schön war – & täuschte sich nicht. Wie dunkel
es hier war! Nach all
der Sonne. Doch sie konnten sehen,
was wir taten.

(Man muss nicht
Alles mal erlebt haben. Aber auch nicht
Nichts. Wir haben
dies erlebt, und es war
nicht Alles, aber auch nicht
alles Nichts. Und nun
musste es nicht mehr
geträumt werden.)


Altpapier – oder: Die Zukunft

Kälte, Nebel, buntes Laub.
Blaue Plastiktonnen stehen am Straßenrand, als warteten sie auf
die innere Leere. Ein Mann,
der vermutlich alt ist, bückt sich
nach einem Zettel, den der Zufall fallengelassen hat.
Vielleicht stört das den Ordnungs
Sinn des Mannes; vielleicht
hat es aber auch einfach
Nichts

zu sagen, dass er ihn aufhebt. Mag
Sein, dass in die blaue Tonne gehört,
was der Mann dann in der Hand hällt. Genau
so gut aber könnte der Zufall exakt
gezielt haben. Die Hand am Deckel
der Tonne, will der vermutlich Alte den Zettel wahr
scheinlich entsorgen (wie man so sagt, als gäbe es so etwas
wie Entsorgung); da fällt
sein Blick auf

spitzig winzige Bleistiftschrift:

Du hast Angst vor der Zukunft,
dabei läuft sie vor dir davon.
Alles, was du zu fassen bekommst,
ist Gegenwart.

Du glaubst, die kommende Gegenwart
nicht bewältigen zu können.
Dabei gehst du
davon
aus, ihr so zu begegnen, wie du jetzt bist.

Du übersiehst deine eigene Entwicklung,
dein inneres Wachstum.
Was du zur Zeit tust, hättest du dir noch vor einem Jahr
nicht zugetraut. Und selbst ich, der ich dir mehr zutraue
als du dir selber zutraust, würde meine leisen Zweifel gehabt haben,
hättest du damals tun müssen, was dir jetzt beinahe leicht fällt.

Der Mann betrachtet das Haus
hinter der Tonne, nachdem er zu
Ende gelesen hat. Er erinnert sich
an das Haus. Das Haus, das aussieht, als sei es
vergessen worden von allen anderen.
Und die Schrift ist wie seine eigene
vor Jahrzehnten. Blau sind
die Tonnen fürs Altpapier. Und rot
2 Worte

auf der Rückseite des Zettels (doch
wer kann wissen, welche
die Rückseite ist):

zu kitschig

steht da. Der Mann
sagt »Nein« zu sich selbst.
Dann verwahrt er den Zettel
in der Innentasche seines Mantels,
der vermutlich alt ist. Heute

werden die Tonnen geleert, denkt er, so
ein Glück. Noch vor wenigen
Stunden blutete sein Zahnfleisch; da
schaute er in einen Spiegel & hatte rosa Schaum
vorm Mund. Er überprüfte, ob sich
ein Zahn gelockert habe, dann
lächelte er über eine unsinnige Frage,
die ihm in den Sinn gekommen war:
Warum

wurde noch kein Schmetterling
nach mir benannt? Die Antwort
ist einfach. Die Schrift
in Rot scheint dieselbe
zu sein wie die in Bleigrau.
Doch wer kann da schon
sicher

sein


Ein Toter spricht 

Im Fernsehen sprach ein Toter.
Er sprach über ein Buch.
Das Buch eines anderen.
Ich wusste, er, der da redete,
war tot
als ich ihn sah, doch
er redete sehr lebendig
als er redete. Ja,
er ist tot, und das Buch lebt.
Er war begeistert davon.
Und voller Leben. Da
wurde mir klar: etwas von dem
Buch war mit ihm
gestorben.


Vorbei

ich ging vorbei
wie mein Leben
eine unscharfe Reflexion

in Bewegung
auf dem Glas eines Schaufensters
in dem nichts war

als Leere
irgendeine Handlung
war pleite

gegangen & die Räume standen verlassen
ich ging so schnell
vorüber, dass ich die Leere leicht

hätte übersehen können
doch ich nahm sie
wahr

wahr – wie die Gesichter der Passanten
die im Hintergrund sich spiegelten
während ich vorbeiging


SpInnenleben

Die Nacht verbrachte
ich in einer Badewanne
unter einem grünen Becher
der durchsichtig war

Schönes Licht

Zeit um
nachzudenken Was
hatte den Becher bewegt
Hatte es
ein Innenleben
wie ich

Ein großer Schatten
Keine Antwort
Enge

Am Tage
schob man mir eine Karte unter Es
war eine Glückwunschkarte
zum Geburtstag Dabei
weiß nicht einmal ich
wann ich geboren wurde
Und warum

wusste ich was
für eine Karte
das war Ich
verstehe sie nicht
die Zeit Am Ende 

schüttelte man mich
aus dem Becher Auf
einen Haufen
verfaulten Grases Und
ich rannte so schnell
ich konnte durch das Licht

der Sonne Weg
von der Fäulnis
Hinein ins Grün
das lebte

wie ich


Nichts geht 

Nichts geht
vorbei. Dabei
hält es

kurz inne, blickt
in meine Richtung,
lächelt gelangweilt

& verschwindet,
indem es
bleibt.


In dem indem

 

»Bilden Sie einen Satz
in dem indem zusammen
geschrieben wird.« Der Lehrer
rief mich auf, obwohl ich
mich nicht gemeldet hatte.
Ich meldete mich nie.
Ich sagte: »Ich langweile mich,
indem ich hier sitze.«
Die meisten Mitschüler lachten.
Der Lehrer grinste
bloß. »Niemand«, sagte er,
»zwingt Sie hier
zu sein.«
Das stimmte
nur bedingt.
Wo war man schon
frei? Oder auch nur frei
willig? Vielleicht
in Gedanken. Aber auch
dort nur bedingt. Eigentlich
hatte ich gelogen. Ich
langweilte mich gar nicht.
Weil ich mich nicht langweilen kann.
Ich war einfach
ganz woanders gewesen
in Gedanken. Dort
wurde es niemals langweilig.
Der Lehrer mochte mich,
und inzwischen ist er
tot. Ich lebe noch
& mochte ihn auch.
Wie die Grammatik.


Der lautlose Fall des Schattens

 

Mit meinen eigenen Augen
(mit welchen auch sonst) beob
achtete ich den lautlosen Fall eines

Schattens. Der Schatten fiel auf
den Boden, knickte ein
an der Wand & versch

wand durch die Tür. Nacht
schwarz & nackt war er ge
wesen. Dieser Nacht

ähnelte Nichts. Und doch
war Nichts ganz
anders. Als ich

das Licht aus
machte, war Schatten über
all im Schlaf

Zimmer. Ganz tief
sinnig hätte man werden können,
aber zum Glück gab es das Rauschen

der Klospülung nebenan. Dort
wo die Schattenwerferin
der Natur gehorchte – so

wie jeder Schatten,
der fällt, wohin
er fallen muss.


Auf der Brücke

 

»Was hast du«
fragte sie »geträumt?«
»Wann?« fragte er
»Letzte Nacht« sagte sie
»Ich weiß nicht
Was – ich weiß
nur Wovon« »Wovon
hast du geträumt?«
Sie standen auf
einer Brücke Die Frau
am Geländer Der Mann
etwas abseits Er
hatte Angst vor der
Tiefe Sie
schaute hinab in den Ab
Grund Wind
bewegte Wipfel
Er betrachtete sie wie sie
beobachte wie die Bäume
bewegt wurden von dem
der ihre Haare bewegte
»Vom Alkohol« sagte er
»und vom Verlassen & Verlassenwerden
vom Rauchen – von dem
was ich aufgegeben habe & von dem
was ich bekommen habe
stattdessen« »Klingt«
sagte sie »traurig«
»Gar nicht – ich
habe viel gelacht
im Traum« »Habe ich
nicht gehört«
»Seltsam« sagte er
obwohl es nicht seltsam war
sondern selbstverständlich
Dann sagten sie
wieder nichts
wie zuvor
verloren
in ihren Gedanken
die so oft dem Anderen
galten


Das Leben ist auch nur der Gesang eines kaputten Vogels

Nein!
Das ist kein
Tinnitus – Das ist
Das Denken
an einen Ton –
Der Gedanke
einer Schwingung –
eintönig wie der Gesang
eines kaputten Vogels –
Wo kommt er her?
Der Ton – ist er Teil
einer Melodie
die Niemand kennt?
Eine vereinsamte Note
verstoßen aus der Harmonie?
Nein! Das ist
kein Tinnitus – Das ist
Die Vorstellung einer Erinnerung –
Vergangener Schall
in einer bestimmten Höhe –
von der Niemand weiß
Was sie bestimmt hat –
Ich träume mich
durch die Schlaflosigkeit – wach
gehalten durch Etwas
das nicht existiert – nur vielleicht
in mir
»Ich kann nicht schlafen«
sagte sie – neben mir
in der Dunkelheit – Doch
mein »Ich
auch nicht« hörte sie

schon nicht

mehr


In meiner Nähe

 

Ich war allein
in meinem Traum

Nichts & Niemand
umgaben mich

Kein Wort kann es
beschreiben, denn jedes

Wort ist zu viel für Nichts
Und Niemand setzt Jemanden voraus

Einsamkeit ohne Worte
war in meinem Traum

Keine Begriffe
an denen man sich festhalten konnte

Doch es erschreckte mich
nicht, denn ich schien

es gewohnt zu sein von Alters her
Ich träumte eine Wirklichkeit

in der Träume nicht existierten
Und das All war ein kahles Zimmer

in dem ich allein war
Isoliert von Allem

Von Allem, was ohnehin nicht existierte
Plötzlich aber –

hörte ich jemanden
atmen…..

ruhig & regelmäßig
in meiner Nähe

Dabei hatte ich gedacht
meine Nähe gäbe es gar nicht

Ich bekam Angst
so wie Andere ein Geschenk bekommen

Und Bewußtsein bekam ich
Das der Angst ähnelte

Als ich erwachte
war auch dort der Atem

als hätte ich ihn mitgenommen
aus meinem Traum

Ruhig & regelmäßig
atmete es in meiner Nähe

Denn meine Nähe existierte
Und Jemand lag darin

Lag darin wie selbstverständlich
& so als ob

Selbstverständlichkeit in meinem Leben
vorgesehen wäre

Auch sie erwachte
Sie berührte mich in der Finsternis mit ihrer Hand

Nur kurz, um sich meiner Nähe (vielleicht
sogar meiner Existenz) zu vergewissern

Ein leises Kichern der Zufriedenheit –
Dann schlief sie wieder ein

Ich blieb noch eine Weile wach
weil ich das Bewußtsein nicht verlieren wollte

Und weil ich es hören wollte:
Das Atmen

in meiner Nähe


Mit Ausnahme der Schmetterlinge

»Ich dachte immer,
ich«, sagte sie, »rede
wenig. Aber du«, sagte
sie, »redest so wenig,
dass ich«, sagte sie, »mich
erst wieder ans Zuhören gewöhnen muss,
wenn ich mit anderen zusammen
bin.« Ich sagte

nichts & grinste. Geschmeichelt. Mir
gefiel, was sie sagte; die Geliebte. Wir
saßen in einem Garten, und
solches Wetter wurde gemeinhin
»schön« genannt. Hummeln summten.
Weil sie sich bewegten. Ich
konnte nicht fliegen. Was
wahrscheinlich niemanden überraschte –

mit Ausnahme der Schmetterlinge,
die auch nicht viel reden. Mir fiel
nichts ein. Außer Leerzeichen. Ich
hörte Stimmen in der Nachbarschaft
& stellte mir die Wörter vor, wie sie
in geschwungenen Blasen über den Köpfen
schwebten. Ein wenig
Wind bewegte die Wiese, und

auf einer alten Tonbandaufnahme behauptete
meine tote Mutter von mir: »Er redet nicht,
wenn Fremde dabei sind.« – sie sagte das
mit ihrer Stimme von 1966, aber es hatte
schon damals nicht gestimmt. Ich sah die Blasen
platzen, und die Menschen wurden besudelt
von ihren eigenen Worten. Die Sonne
verbrannte das Gras, und die Geliebte

beobachtete einen Falter, der
wie eine zitternde Blüte auf einem Ast saß.
Auch Insekten sind mir fremd. Ich sagte:
»Das ist schön«. Wusste sie,
was ich meinte? Wahrscheinlich schon.
Aber dass dieser Anblick schön war,
wusste sie selber. Ich
hätte es nicht sagen müssen.


Unfassbar

Der Mond hing tief
Dicht über der Straße
Unfassbar

In der einbrechenden Nacht
Obwohl ich so lange Arme habe
Die Hände am Steuer

Swingte es im Radio
Dann war das Stück
Zu Ende. Jemand sprach.

Nannte den Interpreten
Den Titel & das Erscheinungsjahr.
1989. Ich dachte an jenes Jahr

& die einzige Frau
In meinem Kopf. Damals
Hatte mich dieser Job

Ereilt. Der erste
Lohn. Mit 29! Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.

Anders als man denkt
Wenn man denkt
Und wenn man nicht denkt

Kommt es auch
Anders. Ich
Stellte sie mir vor. Wie sie hätte

Getanzt haben können
1989. Zu dieser Musik, die jetzt
zu Ende

gegangen war. Swing! (Auch heute noch
Schaukelt sie für ihr Leben
Gern.) Es tanzt

Mit unsicheren Schritten. Über die
Es nicht nachdenkt. Leicht
Könnte es fallen; gerade

Erst hat es Gehen gelernt –
Das tanzende Mädchen
Wild in meinem Kopf. Das tanzende Mädchen

Das ich nicht gekannt hatte. Das
Tanzende Mädchen, das ich
Kennenlernen würde, verborgen

In einer Frau, die schaukelt. In der einzigen
Frau in meinem Kopf. Ich musste
Lächeln bei diesem Gedanken

Spiel. Und schaltete
Das Radio aus. Die Nachrichten
Von 2016, ich wollte sie

Nicht hören. Unterwegs. Noch immer
Derselbe Job wie damals. Und
Die Tänzerin wartete zu Hause

Auf mich! Es war wirklich
Unfassbar. Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.

Und der Mond hing so tief. Dichter
überm Horizont. Und meine Arme
Hatten exakt die richtige Länge

Für Umarmungen. Und die Krater könnten
ein Lächeln
Bilden

Wie in einem alten Gesicht.
Es ist Alles eine Frage
Der Interpretation.


Dieses seltsame Zeitalter

Dieses seltsame Zeitalter,
in dem man Gedichte
auf einem Telefon

schreiben kann. Es
überrascht mich
nicht

mehr.


Die meisten Fragen

Wir kauften 2 Gläser in einem
Möbelhaus. Zu Hause
hatten wir einen Schrank
voller leerer Gläser; die Anschaffung
könnte also für überflüssig gehalten werden. Und warum Gläser
nicht in einem Glashaus angeboten werden,
könnte man sich auch fragen. Aber
dort gibt es bekanntlich nur Pflanzen, und
man sollte nicht mit Steinen werfen.
Wir hatten übrigens gar keine Gläser
gesucht, sondern einen Sessel. Das kommt
erschwerend hinzu. Wir fanden keinen,
der uns gefallen hätte, aber die Gläser
waren hübsch, fanden wir. Niemand
saß auf den Sesseln, die uns
nicht gefielen, und diese Gläser
waren ebenfalls leer. Steine hatten wir keine
dabei. Wir hatten auch keinen Durst.

Die meisten Fragen stellt man sich
nicht. So funktioniert das
nun mal.


Das reicht

 

Nacht.
Der Mond scheint
durch eine rote Gardine.

Der Kühlschrank surrt
leise. Jemand blättert
in einem Buch. Und

Jemand schläft
in einem anderen Raum.
Nacht. Mond. Traum.

Jemand ist Ich. Und
Jemand ist Sie.
Und der Mond

ist kein Symbol.
Er steht für
Nichts

Anderes. Er ist einfach
er selbst. Sie
schläft & ist

wie der Mond
Sie selbst. Ich –
sitze einfach auf dem Sofa

& blättere in einem Lexikon
der Astronomie. Wie
so ein Symbolist

auf Abwegen.
Der Kühlschrank surrt
& kühlt.

Das reicht.


Ein Mann ging aus

 

Ein Mann ging

Aus

Draußen ging er
vorbei. Es sah

Aus

als werde er
von seinem Schatten gezogen.

Wäre das Licht

Aus

gegangen, wäre er
stehen geblieben. Vielleicht.
Drinnen warf ich

meinen Schatten
mithilfe des Scheins

einer kaltleuchtenden Lampe.
Ich schaute

Auf

vom Buch, ich weiß
nicht mehr, welches

es war. Die Realität
schien unwirklich

im Vergleich. Der Mann
ging vorbei. Nun

gut, jeder geht mal

Vorbei

wie jeder Augenblick.
Niemand

hält ihn auf. Und das
Alles hat

Nichts

zu bedeuten.


Donnernder Staub

Ein Schatten huschte über die Strophen
Eine Elster flog am Fenster vorbei
Ich stellte mir vor

Dass der Staub des Alltags donnernd
In der Sonne tanzte
Es war grauen

Haft

Nur der Staub
Der auf Büchern ruhte
Mochte leise

Sein

Aber sicher
Sein konnte man
Sich dessen

Nicht

Das Flattern der Elster
Jedenfalls hatte ich
Nicht

Gehört


Im Spiegel

 

Je besser man jemanden kennt,
desto seltsamer er
scheint es, ihn

im Spiegel zu sehen.

So verkehrt. Es sei
denn, es handelt
sich um einen selbst.

Da ist das Verkehrte
das Gewohnte. Und
man braucht mindestens 2

Spiegel, um sich
richtig zu sehen.
Schon seltsam,

was für Gedanken
einem durch den Kopf gehen können,
im Angesicht einer Fläche

aus rückseitig beschichtetem Glas.
Ich schaue hinein
& weiß

nicht mehr, wen
ich besser
kenne


Was

 

»Ich sehe
was, was
du nicht
siehst«, sagte der Mann.

Sein Augen
Blick spiegelte Leere. Das
war ein Widerspruch –
& kein Kinderspiel.

»Seltsam«, sagte der Andere,
»was könnte das sein?«
»Das, was sein könnte.
Das sehe ich«, sagte der Mann.

Im Blick des Anderen
spiegelte sich die Gegenwart
des Mannes. Zumindest dessen An
wesenheit. Dies war ein Moment,

in dem man einen Kaffee umgerührt hätte,
der längst umgerührt war – nur
um Zeit zu gewinnen. Vor dem nächsten Satz. Aber
da war kein Kaffee mehr – & auch

keine Zeit. Und Nichts
zu gewinnen. »Also ich«, sagte der Andere, »sehe
– was da ist. Was nicht da ist –
sehe ich nicht.«

»Klingt nach Zufriedenheit«, sagte der Mann.
»So weit würde ich nicht gehen«, sagte der Andere.
»Vielleicht nicht
so weit – aber

du bist auf dem Weg. Immer
hin.« »Immer
hin«, wieder
holte der Andere. In Gedanken

versunken. Eine Frau kam
an den Tisch. »Darf’s noch
etwas sein?« fragte sie.
›Etwas sein?‹, dachte der Mann –

›Ja! Das wäre schön.‹
»Nein«, sagte der Andere,
danke. Ich möchte
zahlen.«

Es war Zeit
zu gehen. Wohin
auch

immer.


Fremde aus fremden Fantasien

 

Der Mann B.
fand sich halb
liegend im Bett & las

in einem Buch

Die Frau B.
fand sich auf
recht im Bett & las

in einem Buch

Das Bett war ein
& dasselbe, man konnte es
ihr »gemeinsames« nennen

Die Romane in ihren Händen
hatten nichts miteinander
zu tun

Die Fremden aus den fremden
Fantasien wussten nichts
von einander

Sie handelten
nach den Gesetzen
ihrer fiktiven Welten

erdacht von ihnen
Unbekannten die geglaubt hatten
Wirklichkeiten zu erschaffen

Sie hatten nichts miteinander
gemein »Ist es
gut?« fragte die Frau

irgendwann

»Ja«, sagte der Mann,
»und deins?«
»Auch«, sagte die Frau.

Schweig
end lasen sie
weiter …. gefangen

in ihren Vorstellungen
von den Fremden
aus den fremden Fantasien

von den Wirklichkeiten
die keine waren
erdacht

von Unbekannten


Er wartete

Ich suche mich

zu erinnern was
ich als Kind

er
wartete

vom Leben
in meiner Zukunft.

Es fällt
mir

Nichts

ein. War
es das

was ich er
wartete

oder ist vergessen
in mir was

ich dachte

? Ich denke ich
weiß es

nicht. Ich denke
ich hatte niemals

eine Ahnung.

Er wartete
der kleine Junge

der sich Ich
nannte wie ich

mich Ich nenne
als wären wir

ein Ich. Wartete er
auf mich? Ich

suche mich. Versuche
& vergesse mich.

Finde mich zu
weilen in der Erinnerung

wie
der –

in den vergangenen Gedanken
an die Zukunft die

Jetzt ist.


Alktraum

»Den Titel hab ich
schon«, sagte ich. Ich
schaute nach oben.

Vor lauter
Bewölkung sah man
die Wolken nicht. Der Tag

war dunkel. »Na immer
hin«, sagte der Mann
neben mir. Er saß

auf derselben Bank wie
ich, und das war
kein Zufall. Er trug

einen seltsamen Mantel. Zuweilen
sah es aus, als habe er Flügel. Wahr
scheinlich war er aber nur

kaputt. Der Mann hatte ein Gesicht
wie ein Pferd. Ein Pferd, das
ein Gesicht wie ein Mensch hatte. (Er

gibt das einen Sinn? Ich hoffe schon. Aber
wenn nicht – ist es auch
egal. Man hat sich ja längst

daran gewöhnt, dass kaum
etwas einen Sinn ergibt.) Jeden
falls war es lang, dieses

Gesicht, und ein Gebiss dominierte
darin. »Und wie
lautet er?« fragte der Mann.

»Wie der Alkohol wieder in mein Leben trat
& sich dafür rächte, dass ich versucht hatte
ihn daraus zu verbannen.«

Er sagte: »Das ist ein verdammt
langer Titel.« »Es ist ja auch eine
verdammt lange Geschichte«, sagte

ich. »Was geschieht
darin?« wollte er wissen. Ich gab
eine verschwommene Antwort…..

Wie der Alkohol
in Gestalt einer Frau
durch meine Tür trat.

Jung & schön
& zerstörerisch. Selbst
zerstörerisch im

Besonderen. Und wie
ich mich verliebte. Und nicht
aufhören konnte

zu lieben. »Verstehe«,
sagte er. Tat er
das? Ich hatte meine

Zweifel. »Eine Allegorie«, sagte
er. »Wie der Alk … wieder Alk … ein
Alktraum … Alkegorie …« Wusst’ich’s

doch! Nichts
verstand er. Und wenn er schon
Nichts verstand, wer

konnte es dann verstehen? Er schien
die Wörter abzuschmecken, zu
probieren. Flüsternd. Zähne

bleckend. »Allehohl … Alleholgorie …« Vertieft
in Gedanken,
die ihm nicht

gehörten. Es waren meine
Gedanken. Vielleicht gehörte
ihm nicht einmal

dieser seltsame Mantel. Mit den vermeintlichen
Flügeln. Und wir beide wussten,
dass wir uns nicht mehr erinnern konnten

wann wir uns kennengelernt hatten. Und wie.
Wir sprachen nicht
darüber. Niemals. Da

saßen wir. Im Freien. (Im Freien – das klingt
wie ein bitterer Scherz.) Menschen
gingen vorüber. Alle Menschen

sind vorübergehend. Wir
schauten sie kaum an. Die Sonne
schien. Hinter den Wolken.

Daran erinnerte ich mich. Immer
wieder. Wie verführerisch
Sie aussieht, wie

Liebenswert. So jung
& traurig. Und wie
Sie durch den Rahmen

Der Tür tritt. Meiner
Tür. Und mein Haus
Zu einem anderen

Macht. Und hier ging eine Frau
vorbei, die jeder hässlich
genannt hätte, und

ihre Frisur glich einem übervölkerten
Schlangennest. »Woran denkst du?«
fragte ich

den Mann mit dem Gesicht
eines Pferdes, das aus
sah wie ein Mensch. »An meine

Mutter«, sagte er. Er betrachtete einen Stein. Er
gab das einen Sinn? Wir mochten es
hoffen. Aber sicher

waren wir nicht. Das Haus
roch nach Wein; nach Blut, das in schmalen Wunden gerann. Die Luft schmeckte nach geweinten

Tränen. Leere füllte die Flaschen. Mit Nichts. Und ich
konnte nicht aufhören
zu lieben. Der Mann

sagte: »Wollen wir etwas trinken gehen? Ich muss deine Gedanken ertränken. Damit mir etwas einfällt. Für dich.« Auf seinem Lächeln

hätte man Klavier spielen können.
»Nein«, sagte ich, »ich
trinke nicht.« Schon

Lange
Nicht
Mehr und

Noch
Immer
Nicht


Der Schatten der Tigerspinne

Niemals vor & niemals nach
diesem Tag sah ich eine wie
Sie in dieser Gegend.

Sie warf ihren Schatten
auf den roten Vorhang; der
Vorhang verfärbte das Sonnenlicht, und

der Schatten war größer als
Sie selbst. Schwarz zitterte
er, und rot

durchflutet war der Raum.
Ich war nicht mehr allein & verließ
das Sofa, um zu sehen, wer

den Schatten warf. Ich zog
den Vorhang beiseite, und
das Licht blendete uns.

»Seltsam«, sagte ich,  »solche
habe ich zuletzt in meiner Kindheit
gesehen, und damals war ich ganz

woanders.« Die junge Frau
lächelte. Ich sprach nur, um
– wie man so sagt – das Eis

zu brechen, doch da war
gar kein Eis. Nur die nachgiebige
Schüchternheit der ersten Begegnung.

Von innen betrachteten wir
das Netz & die schwarzgelbe Zeichnung
der Spinne dort draußen

im Winkel des Fensters. Wo mochte
sie herkommen, und wohin
war sie verschwunden

am nächsten Morgen, als wir
nur noch das verlassene Netz
vorfanden? Niemals

vor & niemals nach
diesem Tag sah ich eine
wie Sie in dieser Gegend. Sie war

wie ein allzu bemühtes, doch allzu
einfaches Bild in einem allzu
einfachen Gedicht.

Aber sie war einfach
da. Wie die Erinnerung
an meine Kindheit. Wie

das Netz & ihr Schatten. Sie
war da. Wie die Wirklichkeit. Und wie
die Frau, in die ich mich verliebte.

Siehe auch


Das zerbrochene Lächeln

Ein Spiegel fiel aus
seinem Rahmen. Ein Lächeln
zerbrach. In ihm. Ungezählte

Splitterbilder prasselten
zu Boden. Scherben
schnitten in die Hände

der Verzweifelten. Sie
übte glücklich
aus

zu sehen. Doch
überzeugte kaum
sich selbst.

Sie kehrte das All
es zusammen – die Splitter
das Lächeln, die wandelnden

Bilder. Und warf
sie klirrend & blut
end in den Müll.

Der Rahmen blieb
zurück an der Wand.
Und rahmte

die Schatten der
Vorübergehenden
ein. Niemand

glaubte
das einstudierte Glück.
Denn das Lächeln blieb

zerbrochen.


Dieser Platz

Niemand kannte diesen Platz.
Und auch mir war er fremd.
Wie ein Ort

Aus

Einem
Vergessenen
Traum.

Das Ziel,
Welches man nicht erreichte,
Weil das Erwachen zu früh kam –

Der Traum zu schnell verging.

Niemand kannte diesen Platz.
Seine Existenz
War zweifelhaft.

Dieser Platz in meinem Leben,
den Du jetzt ein
nimmst.


Das muss ich sein

Jemand suchte mich.
Fragte jemand anderen,
Ob er jemanden gesehen habe

Der antwortete:
»Hab nur einen gesehen,
Der in einem Buch liest.«

»Das muss er sein«, sagte Jemand.
Und es stimmte. Das musste
Ich sein. Und deshalb war ich

Es.


Über Es

(für S.)

Ich schreibe
über mein Leben

Aber mein Leben
will nicht, dass

Ich
Über Es

Schreibe

S
will im Verborgenen

Leben

So                     vergehen
Wir

Still
& unbemerkt

Bis
Wir

Sterben


Geblendet von der Dunkelheit

Das Licht der Nacht
Tischlampe fiel
Auf die Lider

der Schlafenden                        (Dies könnte ein Plural sein, doch
                                                                    Sie ist einzig & allein.)
Wie tief Sie
Schlief wie tief
Sie atmete

Der Mann im schwarzen An
Zug kam von der Nacht
Schicht

Nach Hause

Sein Blick fiel
Wie das Licht der Nacht
Tischlampe auf

das Gesicht

Der Schlafenden
Die er liebte wie das Licht
Der Nacht

Wie tief
Sie schlief wie
Tief Sie atmete                                      (Sie könnte die Lampe sein, oder
                                                               die Nacht. Doch Sie ist Sie.)
Er beugte sich hinab
Zu Ihr
& machte die Lampe

Aus

Ein leiser Laut des Erschreckens
Aus Ihrem Mund
& die Decke zog

Sie über ihre
Geschlossenen Augen
Als sei Sie

Geblendet von der Dunkelheit

So wie er
Geblendet war
Von Ihr                                                 (Nicht die Lampe, nicht
                                                               die Nacht. Nur Sie.
Geblendet                                                   Wahr.)
Von Ihr
& Ihrer

Dunkelheit


Tief unter der Oberfläche

Er wusste,
sie hatte Angst
nur eine Oberfläche
zu sein für ihn.

»Arsch, Titten, Beine«,
hatte sie gesagt.

Er dachte: ›Irgendwann
wird sie Alles begreifen.
Die Wahrheit, das Einzigartige –
die Tiefe.‹

Sie saßen auf der Terrasse.
Es war fast schon dunkel.
Sie spielte
auf der Gitarre, und sie

beide beobachteten die Fledermäuse,
die wie hektische Schatten über den Hinter
Grund der Dämmerung
flatterten. ›Hoffentlich‹,

dachte er,
›wird es nicht
zu spät
sein.‹


Eine Beschreibung in klaren Worten

So still
Wie Licht durch ein Fenster fällt
Lächelte sie
Beim Anblick des Meeres

So nackt
Wie eine Beschreibung in klaren Worten
Schritt sie
Durch die weichen Wellen des Sandes

So jung
Wie mein letzter Gedanke
Erschien sie
lm Vergleich zu mir

So hell
Wie ein gestifteter Brand in meiner Finsternis
Leuchtete ihre Haut
Im Glast der Mittagssonne

So glatt
Wie das Glas in einem Bilderrahmen
War ihre Stirn
Über den rauen Bildern ihrer Erinnerung

So heiß
Wie die Strände in meinem Gedächtnis
Brannten die Blicke der Fremden
In ihrer Phantasie

So still
Wie Licht durch ein Fenster fällt
Lächelte sie
Beim Anblick des Meeres

So wild
Wie unsere letzte Nacht
Rauschte das Meer
In dem Augenblick

Als sie sich ihm näherte


Der zerfetzte Schirm

Ein von 45 Jahren zerfetzter Sonnenschirm
steht auf meiner Terrasse. Zum ersten Mal
wieder auf
gespannt seit ich
weiß nicht wann. Ich kenne ihn aus
meiner frühen Vergangenheit. In der stand
ein anderes Haus. Unter derselben
Sonne. Unter mir
Moos & Unkraut auf
schweren Steinplatten. In einem benachbarten
Garten erklingt ein Kind
wie das verrostete Scharnier einer alten Tür. Hinter der Tür
schläft die Angst
vor dem Erwachsenwerden.
Das Kind ist nicht ein Kind
wie ich eins war. Und bin.
Neben mir liest eine junge Frau
in einem Buch, das ich nicht kenne.
Sie trägt einen Bikini, und ihr nackter Fuß ruht
auf der Lehne meines Sessels. Ich
sehe einen Hut aus Stroh. Mit
einem roten Band. Und eine Biene
auf der Blüte einer Blume, die ich genau so
wenig kenne wie das Buch. Alles
könnte ein Gemälde sein. Von einem unbekannten Meister. Oder
das Werk eines toten Dichters. Unveröffentlicht
für immer. Ich ließ es
mir träumen. Doch wagte es nicht
zu hoffen. Mehr
weiß ich nicht über das Leben.
Mehr brauche ich nicht
zu wissen. Und der Schirm
spendet kaum
noch Schatten.


Die Maserung des Schafotts

Nur die Phantasie sieht

Das Lächeln
In der Maserung des Schafotts.