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Auf der Brücke

 

»Was hast du«
fragte sie »geträumt?«
»Wann?« fragte er
»Letzte Nacht« sagte sie
»Ich weiß nicht
Was – ich weiß
nur Wovon« »Wovon
hast du geträumt?«
Sie standen auf
einer Brücke Die Frau
am Geländer Der Mann
etwas abseits Er
hatte Angst vor der
Tiefe Sie
schaute hinab in den Ab
Grund Wind
bewegte Wipfel
Er betrachtete sie wie sie
beobachte wie die Bäume
bewegt wurden von dem
der ihre Haare bewegte
»Vom Alkohol« sagte er
»und vom Verlassen & Verlassenwerden
vom Rauchen – von dem
was ich aufgegeben habe & von dem
was ich bekommen habe
stattdessen« »Klingt«
sagte sie »traurig«
»Gar nicht – ich
habe viel gelacht
im Traum« »Habe ich
nicht gehört«
»Seltsam« sagte er
obwohl es nicht seltsam war
sondern selbstverständlich
Dann sagten sie
wieder nichts
wie zuvor
verloren
in ihren Gedanken
die so oft dem Anderen
galten


In meiner Nähe

 

Ich war allein
in meinem Traum

Nichts & Niemand
umgaben mich

Kein Wort kann es
beschreiben, denn jedes

Wort ist zu viel für Nichts
Und Niemand setzt Jemanden voraus

Einsamkeit ohne Worte
war in meinem Traum

Keine Begriffe
an denen man sich festhalten konnte

Doch es erschreckte mich
nicht, denn ich schien

es gewohnt zu sein von Alters her
Ich träumte eine Wirklichkeit

in der Träume nicht existierten
Und das All war ein kahles Zimmer

in dem ich allein war
Isoliert von Allem

Von Allem, was ohnehin nicht existierte
Plötzlich aber –

hörte ich jemanden
atmen…..

ruhig & regelmäßig
in meiner Nähe

Dabei hatte ich gedacht
meine Nähe gäbe es gar nicht

Ich bekam Angst
so wie Andere ein Geschenk bekommen

Und Bewußtsein bekam ich
Das der Angst ähnelte

Als ich erwachte
war auch dort der Atem

als hätte ich ihn mitgenommen
aus meinem Traum

Ruhig & regelmäßig
atmete es in meiner Nähe

Denn meine Nähe existierte
Und Jemand lag darin

Lag darin wie selbstverständlich
& so als ob

Selbstverständlichkeit in meinem Leben
vorgesehen wäre

Auch sie erwachte
Sie berührte mich in der Finsternis mit ihrer Hand

Nur kurz, um sich meiner Nähe (vielleicht
sogar meiner Existenz) zu vergewissern

Ein leises Kichern der Zufriedenheit –
Dann schlief sie wieder ein

Ich blieb noch eine Weile wach
weil ich das Bewußtsein nicht verlieren wollte

Und weil ich es hören wollte:
Das Atmen

in meiner Nähe


Schwarzgrau

 

Er lag auf ihrer Seite
des Bettes. Als
hätte er es vermocht

die Leere zu füllen,
die er fühlte.
Verflogen

waren alle vertrautfremden Gerüche; nur
ein langes Schwarzes Haar lag
da. Neben

dem Grauen, das ihm gehört
hatte. Wie aus Zu
Fall lagen sie neben

einander – die
Verlorenen. Entwurzelten.
Gefallenen. Er fiel

in Schlaf. Glitt
in einen Traum, an
den er sich nie mehr würde

erinnern können.
In den Traum des Anderen,
der er gewesen war

an ihrer Seite.


Der Traum von Fremdheit

Ich träumte
von ihr. Sie war ganz
anders als in Wirklichkeit.

Andere Haarfarbe. Andere
Frisur. Andere Figur. Anderes
Gesicht. Andere Augen. Andere

Stimme. An den
Geruch der Geträumten erinnere ich
mich nicht.

Nichts
an ihr fand ich
hübsch. Und

sie hätte mir fremd sein müssen.
Doch ich liebte sie
im Traum.

Ich spürte, sie
hatte Dein Wesen. Dein
Innerstes.

Ich träumte
von Deiner Fremdheit
in dieser Welt. Und

ich liebte sie.


Zwischen den Zügen

 

Zwischen den Atem
Zügen ihres Schlafes
flüsterte er immer

wieder: bleib …
bleib … bleib … Verlass mich
nicht
… Er dachte

an Suggestion, dachte
an Hypnose, doch
er glaubte

nicht an sie. Sie
schlief unter ihrer Decke; ein
Traum bewegte ihre Füße ….

Er wachte
& dachte bewegungslos an
die Zukunft, die

nähere, die fernere. In
der Dunkelheit. Und
nach dem Erwachen

fuhr sie fort. Wie man
fortfährt nach einer Pause
im Dialog. Fort

fährt zu atmen. Fort
fährt in einem
Zug. Fort.

Und sein Traum
bewegte ihre
Füße.


Gegenüber vom Tiger wohnte eine Ratte

 

Ich besuchte eine Wohnung.
Ein Mann lebte darin. Mit einem
Tiger. Ich weiß nicht, wer
der Mann war. Aber

der Tiger war freundlich. Wie ein Hund
legte er seine Vorderbeine auf meine
Schultern. Das war mir zu viel

Nähe. Also verließ ich
die Wohnung. Gegen
über war eine weitere
Wohnung. Die Tür öffnete sich nicht

von allein. Eine Frau, die nichts trug
außer einem T-Shirt, öffnete sie. Diese
Frau warst Du aus

meiner Vergangenheit. Nicht
Du aus meiner Gegenwart. Du lächel
test, und hinter Dir huschte
eine Ratte durch den Raum.

»Verdammt«, sagtest Du – als ich
die Wohnung betrat, »die
nervt.« »Immer noch

besser als einen Tiger in der Wohnung
zu haben«, sagte ich, »egal
wie nett der ist.« »Auch wieder
wahr«, erwider

test Du. Dann lagst Du
bäuchlings auf dem Bett, und ich
legte mich angezogen neben Dich. Das

Shirt bedeckte 1 Drittel
Deines Arsches. Die 2 übrigen
betrachtete ich. Und so
bald ich meine Hand darauf

legte – klingelte
das Telefon. Verflucht!
dachte ich, ich werde nicht zurück

finden in diesen Traum. Es war
der Gärtner, der mich weckte, um
mir mitzuteilen, wann er vorbei
kommen würde mit der

Kettensäge. Der Zugang zu
meinem Haus war bei
nahe zu

gewuchert. Wie im
Märchen. Wir beendeten das
Gespräch. Dieser Arsch!, dachte
ich – & ich dachte darüber

nach, warum ich niemals
vom gegenwärtigen Du träumte…..
Eher legte ein freundlicher Tiger seine Vorderbeine

auf meine Schultern. Schließlich
fand ich die Lösung – als wäre es
ein Rätsel gewesen. Und in der Tat fand
ich nicht zurück. In die Wohnung

mit der Ratte.


Der Albtraum nach dem Kindergeburtstag

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor ich erschien bei Einbruch
der Nacht. Jetzt brannten
andere.

 

3

Luftballons hingen drinnen vorm Fenster.
Jalousien & Hosen waren herunter
gelassen. Die Balkontür stand
einen Spaltbreit offen, auf ihrer Glasscheibe
eine bunte Zeichnung von Kinderhand.

Von der Schlafcouch aus betrachtete ich die Luft
Schlangen, die von der Decke
hingen, während ein Frauenkopf sich

auf

&

ab

bewegte zwischen meinen Beinen.

Traum
gleich war unsere

1.
Begegnung

Mitt
Sommer
Nacht.

Fremde Gerüche
Fremde Geräusche
eine mir fremde Wohnung

& irgend
Etwas Vertraut
es im Gelächter.

Wäsche trocknete
auf dem Balkon im Mondlicht –
& wurde nass woanders.

Als das Wachs am Ende war, erschien
die Dunkelheit. Ich kniete
auf dem Boden & trank
zwischen geöffneten Schenkeln

schluckte
& schluckte

die Lust, die immer lauter wurde

Selbst
Vergessen

 

Und plötzlich:
eine Kinderstimme –
»Mama, was ist
mit dir?«

Ich hielt inne.

Der Schatten eines kleinen Mädchens stand im Zimmer.
Wie ein Erwachen.
»Alles in Ordnung«, sagte die Frau, »ich hatte nur einen
Albtraum.«

Ich verhielt mich
ruhig. Bewegte mich nicht. Hielt mich
für versteckt in der Dunkelheit. Zwischen
den Schenkeln. Für unsichtbar vielleicht –
wie ein Kind, das die Augen schließt.

»Komm«, sagte die Frau, »ich bring dich wieder zurück
ins Bett.«

»Wer ist –
der Andere?« fragte das Mädchen.

Kurze Pause.
»Das ist mein Besuch.«

Vielleicht war es der Mond,
der durch den Spalt oder das bemalte Glas der Balkontür
meinen nackten Arsch beleuchtet hatte.
Ich schwieg. Die Frau stand auf & nahm
das Kind bei der Hand. Silhouetten verließen das Zimmer. Allein
gelassen legte ich mich auf die Couch.
Lauschte leisen Stimmen. Zwischen den Gerüchen. Dann
hörte ich Musik. Kinderlieder von nebenan. Was
für eine seltsame Formulierung, dachte ich: ›Der Andere‹!

Die Frau kam zurück. Legte sich neben mich. Der Schreck
war uns nicht in sämtliche Glieder gefahren. Leises Gelächter.
Und auch die Lieder waren so leise, dass ich sie nicht erkennen konnte.
Zwischendurch wieder Stimmen aus
dem Kinderzimmer. »Ein Märchen«, sagte die Frau. »Zum
Einschlafen.« Die CD war ein Geburtstagsgeschenk.
»Ja«, sagte ich, »die habe ich als Kind auch immer gern gehört.«
Und wir malten uns aus, was das Kind aus uns machen
würde in seiner Phantasie….. Zu
Was ich werden würde in seiner Erinnerung….. Ich
war

ein Anderer. Aber vor allem war

ich

ein Albtraum. Das gefiel mir. Und

die Frau träumte. Träumte mich. Träumte
mich weiter. Immer weiter. Immer wieder. Immer anders. In
dieser Nacht. Und sie presste sich den Handrücken auf den Mund
dabei. Um das Kind nicht erneut zu wecken.

Und ich fragte mich, ob ich nicht
ähnliche Erinnerungen hatte wie dieses
kleine Mädchen sie haben würde.

Doch ich fand
keine Antwort.

Das Märchen ging

zu Ende. Und
als der Morgen dämmerte, fuhr der
Albtraum nach Hause. Und
er schlief ein. Und er
träumte

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor er erschien bei Ein
Bruch der Nacht. Jetzt brannte

ein Anderer

 

3

Schlangen hingen von der Decke &

 

1
Ballon bewegte sich
im Mondlicht

auf

&

ab


Irgendwas mit Schamhaar, Garagen & Phimose

Wie waren wir eigentlich
auf dieses Thema gekommen?
Da unten

bei den Garagen der Nachbarn….
Ich weiß es nicht
mehr.

Ich hatte die ersten Stoppeln,
aber er behauptete, seine Scham
haare seien 2 bis 3 Zentimeter lang,

und das glaubte ich nicht.

Ich war wohl auch ein bisschen
verliebt in ihn, denn eigentlich
sah er aus wie ein Mädchen;

und manchmal tauchte er
in meinen Träumen auf –
schwanzlos.

Er öffnete also seine Hose
ein wenig, zog sie & die Unterhose
ein kleines Stück hinunter, er

griff ein paar Haare & zog sie
in die Länge.

»Tatsache!« sagte ich.
Oder so etwas Ähnliches.
Ich war ein wenig

neidisch, und er grinste.
Damals war man noch
stolz auf sowas.

Die Garagentore waren grau
& verschlossen. Selbst
wenn nichts dahinter war,

und tagsüber war zumeist
nichts dahinter. Zumindest
keine Autos, denn die Menschen

mussten ja arbeiten
tagsüber. Das gefiel mir
schon damals nicht.

Ach ja, und nochwas:
Einmal in vertrauter Runde
5 oder 6 von uns waren zusammen

in der Garage, die unser Treffpunkt war,
eingerichtet mit Sperrmüllmöbeln –
da holte er seinen Schwanz heraus.

Er hatte eine Operation hinter sich.
Wegen Phimose. Alle
schauten hin –

nur ich nicht.
Ich konnte es nicht.
Er lachte –

»Kuck doch«, sagte er.
Aber mein Blick blieb
abgewandt.

Das Bild
hätte nicht in meine Träume
gepasst.


Traum los!

»Ich habe nicht geträumt«,
sagte der Erwachte
nach langem Schlaf

Er kannte
weder Wissenschaft
noch Forschung

Zu tief
hatte er geschlafen
um sich erinnern zu können

»Ich bin kein großer Träumer«, sagte er
& glaubte doch
an Gott

Ich
schlafe schlecht & erinnere mich
an Alles

Daher brauche ich
an die Träume nicht
zu glauben

Ich wache
oft & kenne sie

Ich ungläubiger Mensch
bin ein großer
Träumer

rein
rational
betrachtet

Amen!


Die dünne Oberfläche des Traumes

Von außen
blickte die Frau in seinen Traum

& sie sah sich
als Spiegelung
auf seiner Oberfläche

Im Innern
schlief der Mann
mit offenen Augen

& auf der Innenfläche des Traumes
sah er sein seiten
verkehrtes Abbild

& Sie
dahinter

die ihn
nicht sehen konnte

Sie schienen 1
für den Träumenden

& ihre Reflexionen berührten sich

getrennt
allein

durch die dünne Oberfläche
des Traumes


Alles hört auf & beginnt

Irgendwo träumte eine einsame Frau
mein Leben
Einsam & schön

Als sie erwachte
war ich tot

Alles
hörte auf
zu existieren

mithin
auch Sie

Ich schrak auf
aus meinem Schlaf
der mir ewig erschienen war

& begann
von Ihr zu träumen


Der nicht geträumte Traum vom erschossenen Hund

Da ist ein Garten auf der anderen Seite der Straße,
vor meinem Schlafzimmerfenster.
In dem Garten bellte ein Hund,
den die Menschen allein gelassen hatten.
Ich wollte den Tag verschlafen
& konnte es nicht. Der Hund
bellte den ganzen Tag hindurch.
Ich hätte ihn gerne erschossen
in einem Traum, den ich
nicht träumen konnte

seinetwegen
ihretwegen
meinetwegen.

Und so
musste er weiter bellen.

Wie
wir alle.


Splitter im Sand

Da war ein Strand, und
der bestand aus dem Sand, der aus
Uhren gerieselt & geronnen war.

Zerbrochen war die Sammlung des Todes. All
seine Sanduhren – & niemand
wusste warum.

Ein Kind war gerannt durch
den Sand, den Strand entlang
& hatte geschrien. Vor

Schmerz.

Die Splitter des Glases der Uhren
der Sammlung des Todes zer
schnitten die kleinen bloßen Sohlen.

Das Salz des Meeres brannte
in den Wunden. Für Stunden. Das Blut
gerann – & die Zeit war seine Vergiftung,

die nicht zum Tode führte.

Und es weinte Jemand. Still
in den Sand. Es war
der Tod. Den

Niemand
mehr fand.


Angenehm traurig

Da war diese Hollywoodschönheit, und sie
griff mir von oben in die Hose, durch den Bund, und
ihre Zwillingsschwester schaute zu, die
es in Wirklichkeit gar nicht gibt, und
plötzlich waren beide fort, ohne
dass ich mich darüber wunderte….. ich
ging in den Keller meines Hauses
& hörte ein Stöhnen; es kam
aus dem Zimmer am Ende des Ganges, aus
dem Zimmer, das einst ein Schlafzimmer gewesen
& inzwischen eine Rumpelkammer war; unvermittelt
stand ich im Türrahmen – ohne
dorthin gegangen zu sein…..
Ein Mann, älter als ich, kniete nackt auf dem Bett, das
nicht mehr existierte, und die Geliebte der Vergangenheit
hatte seinen Schwanz im Mund & lächelte mir
mit ihren Augen zu – als es ihm kam….. Das
Sperma tropfte von ihrem Kinn auf die lakenlose Matratze,
und die Erektion, mit der ich erwachte, war
angenehm traurig.

Ich schickte ihr eine Nachricht:
Weißt du, was mir heute
aufgrund eines Traumes klar wurde?
Ich wünsche dir, dass
wenigstens du
Sex hast – wenn
ich schon keinen habe. Ohne
alle Ironie & ohne
einen bösen Gedanken in meinem Hinterkopf.
Und das – nicht aus Desinteresse
oder gar Gleichgültigkeit…. Es
fühlt sich gut an.

Natürlich antwortete sie nicht.
Sie antwortete nie.
Schon als wir noch zusammen waren
kam oftmals keine Antwort.
Es war, behaupte ich, eine Charakterschwäche, die
Stärke suggerieren sollte. Vor allem
sich selbst gegenüber wollte sie stets
stark erscheinen.

Dieser Hollywoodschönheit wäre ich beinahe
mal über den Weg gelaufen. Jahre zuvor.
In London.
Ich war mit einer Freundin dort, und wir
hatten uns für einen halben Tag getrennt, um
den eigenen Interessen nachzugehen.
Ich durchstöberte Antiquariate, besuchte das
Sherlock-Holmes-Museum & saß schließlich in einem Pub,
trank Guinness & rauchte Zigarillos.
Am Abend dann erzählte sie mir
von ihrem Einkaufsbummel. In einem
Schuhgeschäft, Nähe Carnaby Street, hatte sie
diese Schauspielerin gesehen – & es bedeutete ihr
nichts. Ganz beiläufig erzählte sie davon, während sie
von ihren neuen Schuhen schwärmte. Ich schwärmte
– ein wenig – für diese Schauspielerin. Damals.
Und konnte meinen Ärger nicht verbergen. Es war
lächerlich. Und traurig. Wieder etwas verpasst.

Ab & an meldet sich diese Freundin. Meist schriftlich.
Doch nicht immer antworte ich ihr.
Sie erwähnt gerne mal den Namen der Schauspielerin,
um mich freundschaftlich zu necken…..
Aber die bedeutet mir längst nichts mehr, und
es ist mir egal – sie nie gesehen zu haben
in der Wirklichkeit. Das
ist angenehm. Vielleicht auch
traurig. Angenehm
traurig eben.

 

 

 

 

 

Siehe auch:
Sherlock Holmes als Arme Sau
London


Geträumte Rückfälle

Die Träume
in denen ich saufe
sind mir eine Hilfe

denn in ihnen bin ich maßlos

enttäuscht
von mir
& meiner Schwachheit

Geträumte Rückfälle

Doch dann: das Erwachen

Froh – & beinahe glücklich
Denn es gibt nicht viele Träume
in denen ich schwächer bin

als
in der Wirklichkeit

 

 

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Ohne Dich

Ich träume
lieber von der Hölle
als von Dir.

Denn wenn ich von Dir träume
ist das Erwachen
die Hölle.


Der Traum vom 07.03.2014

Ich war unterwegs
in einem Zug.
Ein Zug war unterwegs
mit mir
als Passagier. Wenige
Andere waren unterwegs mit mir
& schienen nicht zu zählen.
Hinter den Fenstern
im Draußen herrschte
Dunkelheit (ein sanftes Regiment, in dem
Alles unterging).
Ich stellte – ver
stellte eine Weiche; ich
weiß nicht, wie….. Es geschah
von meinem Platz aus.
Dann spürte ich die Kurve,
die der Zug nicht hätte nehmen sollen.
Es war meine Schuld.
Der Zug hielt.
Es war eine Endstation.
Alle stiegen aus – & hatten unvermittelt
alte Gesichter; trübe Augen
hatten die Orientierung verloren.
Wankende Gestalten.
Der Bahnhof war ein Kopf
bahnhof. Er war verlassen &
hatte einen Namen, den ich vergessen habe.
Ich wollte nur
nach Hause.
Und wusste nicht, wo es lag –
von hier aus, von dort
aus. Ich
wusste nur, dass dort
Niemand war.
Also ging ich in eine Telefonzelle, wie
es sie nicht mehr gibt – & wählte
meine Nummer. Ohne
Münzen eingeworfen zu haben.
Jemand antwortete.
Ein bekannte Stimme der
Vergangenheit. Eine Frau, die
längst tot war.
Ihre Stimme klang älter
als sie je geworden war; brüchig
heiser & verwirrt.
Ich wollte abgeholt werden.
Doch die Frau lag
bewegungsunfähig
in meinem Haus, von dem ich nicht wusste,
wo es lag.
Dann geschah,
was geschehen musste – & zu oft geschieht,
in schlechten Filmen:
ich erwachte.
Die Träume machen es sich immer zu einfach.
Ihr Ende ist keine Lösung.
Manchmal: eine Erlösung. Wenigstens das.
Ich bin zu Hause. Wach. Irgendwo
liegt dieser Bahnhof. Ich
weiß nicht wo. Von hier
aus. Noch immer
wanken die Gestalten orientierungslos
über den Bahnsteig. Ich
habe die Weiche gestellt. Verstellt.
Es ist meine Schuld, wenn sie
nicht nach Hause finden.
Doch die Schuld
ist auch
nur ein Traum. Ein Traum
vom Freien Willen.


Unterm gelben Zeigefinger

Was oben scheint
ist erneut der Mond.
Der Mond scheint
gelb, getarnt als Sonne.
Als Sonne der Nacht,
gelb wie der Zeigefinger eines nikotinsüchtigen Serienkillers;
er deutet
hinunter auf den Wald……
Knisterschritte in stiller Umgebung.
Was unten scheint
ist erneut die Frau. Getarnt
als Traum.
Traum, Baum, Saum eines Nacht
hemdes…. kurz & durchschimmernd ….
in Stummfilmblau.
Bloße Schenkel in Bewegung,
Nadelgeruch & das Ende der Stille.
Das Heulen des Tieres schneidet
ein Muster in die Dunkelheit & hinterlässt
eine Tonspur.
Ein Wolf träumt in der Ferne,
und seine Sehnsucht reisst die Frau
zu Boden…… fällt
über sie her,
leckt sie ab
mit schweigender Zunge &
zitterndem Schwanz.
Speichel tropft unterm Märchenmond.
Und Licht bricht in den Schweißperlen der Frau.
Rot ist die Lust
wie eine unter
gehende
Sonne….
& ihr Blut sickert
in den Boden
der Nacht.


Die rollenden Köpfe

Der Mann träumte das Grauen.
Von oben herab schaute er
auf namenloses Elend:
das Viertel eines unbekannten Ortes, das
hoch auf einem Plateau lag
in irgendeiner Welt; gewaltige
steinerne Treppen führten dort hinauf – nur
dass Niemand dort hinauf stieg….
in dieser Welt.
Verfallene Hütten aus schimmelndem Material,
eingefallene Dächer – Dreck & Gestank.
Alles war gräulich, und das Wetter
konnte aus keinem Himmel kommen.
Apathische Menschen lagen am Boden
überall. Und allüberall
waren Kinder.
Körperlose Kinder.
Kleine Köpfe bewegten sich über den Unter
grund – teils schwebten sie wie auf einem Luftkissen, teils
rollten sie über das rissige Grau.
Und der Blick des Mannes, der ebenso körperlos über
Allem schwebte, sah –
wie die Köpfe
immer wieder
auf die Treppen zu
rollten…..
auf die Stufen, die in einen unsichtbaren Ab
grund führten.
Schief & verrottet waren die Stufen – schmerzhaft
pochte die Hilflosigkeit des träumenden Beobachters….
des beobachtenden Träumers. Und dann
fielen
die
Köpfe
die Treppen hinab.
Prallten auf ihre Gesichter, die anfingen
zu bluten; und
das Geschrei, das aus ihren nichtvorhandenen Kehlen drang,
hätte Jeden geweckt –
nur den Träumer nicht.
Die Eltern der stürzenden Köpfe
sahen zu. Taten
nichts.
Lagen herum. Mit bloßen
Füßen, gezeichnet von Blut
ergüssen. Nichts
interessierte sie
mehr. Nichts
konnte sie bewegen.
Die Lethargie machte ihre Augen stumpf
wie die gebrochenen Augen von Toten.
Schreie! Schreie! Schreie!
Kleine weinende Köpfe mit gebrochenen Nasen
rollten & hüpften die Stufen hinunter, der Tiefe entgegen….
wie Spielbälle sinnlosen Leidens …. Kanonenkugeln
aus berstendem Fleisch.
Des Träumers Blick schwebte
über Allem
in einem Himmel
aus dem kein Wetter kam.
Nicht die Schreie, nicht das Weinen, nicht das Wimmern
konnten ihn dem Schlaf entreissen. Und doch
erwachte er.
Aus
einem Grund, den er
nie erfahren würde ….
Aus
einem Ab
grund, den er
nur zu gut kannte…..

Heftig atmend kam er zu sich
in meinem Kopf. Kam er zu mir
in meinem Kopf, der
auf einem Kissen lag.
Sein Herz schlug wild
in meinem Schädel.
Träume stürzten treppab in mir.
Jetzt

musste nur noch

Ich

er
wachen.

Erwachen.

Und
zu mir kommen.

Aus

diesem Traum.


Ohne Musik-Begleitung

Bei der Beerdigung
deiner Träume
gibt es nicht einmal mehr

Musik

Keine Begleitung
von Harmonien
frisst die

Stille

Lebendig begraben
in derselben Mördergrube
schweigen die

Hoffnungen.


Die rote Nacht

Rot war die Nacht
wie die Vorstellung der Hölle
wie das Blut, das man erahnt
unter der Oberfläche
Eiskristalle krachten wie spröde Rasierklingen
Und verdunkelte Fenster
waren die geweiteten Pupillen der Schlaflosen
In den Verließen der ungeträumten Träume schmachteten
die von allen guten Geistern Verlassenen
Und gebrochene Blicke aus lidlosen Augen sahen das Nichts
Gedankenkreise, eingesperrt in Quadrate
Schnittstellen vergangener Berührungen
Wahn & Sinn & Losigkeit tanzten spinnenbeinig miteinander
Musik existierte nicht mehr
Und kein Rausch konnte die Leere füllen
In den Handgelenken pochten die Endlosschleifen
Und Alles, was jemals vergessen worden war,
sammelte sich in einem berstenden Totenschädel
Ein Hilferuf passte nahtlos in ein Schweigen &
verschwand darin
ohne Wider
hall

Rot war die Nacht
& dann
ganz

Stille


Traumblöd & realitätsnah

Ich war so blöd
in meinem Traum.

So fantasielos
& realitätsnah.

Ich war unterwegs
in meinem Auto

zu einem
bekannten Ziel.

Dabei standen mir doch

Fliegende Teppiche

zur Verfügung.

Raumschiffe
& Flügel.

Und es gab
so viele
unbekannte Ziele.


Die Traurigkeit der Kassiererin

Da wartete ich nun also auf ein Taxi
an einem Herbstmorgen vor Sonnenaufgang.
Mit meinem Kuchen in der Hand –
Puddingstücke mit zentimeterdickem Schokoladenguss,
Käsequader mit Mandarinen; ein großes,
schweres Päckchen.
(Gleich neben dem Hotel, in dem ich aushilfsweise arbeitete,
gab es eine Bäckerei.)
Das Taxi kam, ich stieg ein.
»Na, Feierabend?« sagte der Fahrer.
»Endlich«, sagte ich.
»Und Sie haben mir Kuchen mitgebracht; das ist aber
nett.«
Kurzes pflichtgemäßes Lachen meinerseits.
»Das ist mein Ritual nach der Nachtschicht«, sagte ich –
»ins Bett, einen Film gucken & dabei Kuchen essen.«
»Ja«, sagte er, »solche Rituale braucht man. Ich trinke
2, 3 Bier nach der Arbeit.«
Ich sagte nichts. Dachte an mein kaputtes Auto. An die
Fleischbatzen, die ich aus dem Motorraum geklaubt hatte.
An den Gestank des Blutes. An den
erschrockenen Blick aus schwarzen, geweiteten Augen.
An das späte Rendevouz auf der Autobahn – ohne Fernlicht,
bei 140 km/h. Es würde nie erwachsen werden – dieses
Reh.
»Trinken Sie gar nicht?« fragte der Fahrer.
»Nein«, sagte ich, »nicht mehr.«
»Also – 2, 3 Bier nach der Arbeit finde ich ok«, sagte er, »oder
ein Glas Wein zum Essen.«
»Klar«, sagte ich.
»Ich hab nen Kumpel – bei dem geht unter 3 Flaschen Wodka am Tag
gar nix. Oder 2 Flaschen Bacardi
Ich fragte mich, warum er ausgerechnet mit mir über dieses Thema sprach.
Wie isser nochmal darauf gekommen? Ach ja, der Kuchen.
»Na, so viel hab ich nicht geschafft«, sagte ich, »aber zuviel war’s auf
jeden Fall; nach einem Glas Wein zum Essen kann ich nicht aufhören.«
»Ach, das kenne ich. Ihnen fehlt diese Grenze im Gehirn, die sagt: Genug!«
Diesmal verkniff ich mir das Lachen.
»Ja, so ungefähr.«
»Bei mir ist das so mit dem Essen. Deshalb bin ich so dick.«
Ich fand ihn nicht besonders dick; aber allzu genau hatte ich ihn mir auch
nicht angeschaut.
»Immerhin«, sagte er, »ich zwinge mich dazu, am Tag nicht mehr als
1 Stück Schokolade zu essen. Aber dieses 1 Stück
muss sein.«
»Und ich zwinge mich dazu, nicht mehr als 1 Tafel am Tag zu Essen, neben
all den anderen Süßigkeiten.«
Er lachte. »Sieht man Ihnen nicht an.«
Über das Rauchen sprachen wir auch noch. Er rechnete mir vor, wieviel
ihn das im Monat kostete.
»Mit dem Rauchen habe ich zur selben Zeit aufgehört wie
mit dem Trinken«, sagte ich.
»Sie werden mir langsam unheimlich«, sagte er.
»Ja«, sagte ich, »unheimlich langweilig.«
Endlich waren wir angekommen.
Ich zahlte den ausgemachten Preis. (Personalfahrt
nennt sich das, ein Abkommen zwischen dem Hotel &
dem Taxiunternehmen. Trotz des Nachlasses
lohnte es sich für mich kaum, überhaupt
zu arbeiten. Busse aber fahren um diese Uhrzeit nicht
in das Kaff, in dem ich wohne.)
»Heute Abend wieder?« fragte der Fahrer.
»Ja«, sagte ich. –
Eigentlich war ich
nach dem ersten mächtigen Puddingstück
bereits satt.
Doch ich aß all die anderen Stücke auch noch.
Genüßlich im gemütlichen Bett.
Ja – im Grunde hatte ich den Alkohol
durch Süßigkeiten ersetzt. (Und dabei
10 Kilo abgenommen.)
Als der Film zuende war,
dauerte es noch lange
bis ich einschlafen konnte.
Schwerer Magen, schwerer Kopf.

Schließlich
fand ich mich wieder
in einem geträumten Supermarkt.
Draußen war es kalt gewesen – doch hier
war es warm. Ich stand vorm Ausgang,
schaute hinaus durch das Glas
der Tür – auf einem Schild der Schriftzug:
Real
neben mir ein Einkaufswagen
voller Flaschen.
Ich hielt eine Flasche Wermut in der Hand.
Trank daraus. Erst vorsichtig. Dann
in großen Schlucken.
Bittersüß.
Irgendwann wandte ich mich um –
der Supermarkt war beinahe menschenleer; wie
kurz vor Schluss…..
Nur eine einzige Kasse war besetzt.
Die Kassiererin sah mich an – als
hätte sie mich schon die ganze Zeit über
beobachtet.
Ich fühlte mich
mit ihr allein.
Fühlte mich
allein
unter ihrem intensiven Blick.
Aus schwarzen, geweiteten Augen.
Bittersüß.
Hatte ich nicht bezahlt?`
Doch. Das hatte ich. Ob
gleich ich es nicht geträumt hatte.
Und sie sagte
über die Distanz hinweg:

»Sie wissen, warum
ich traurig bin.«

Augen
blicklich
erwachte
ich.

Verwirrt.
Mit Herzklopfen
& dem Geschmack von Wer
mut im Mund.

Ein Traum.
Ein Traum!
Nur ein Traum.

Un
fass
bare
Er
leicht
er
ung …..

Beinahe
war ich glücklich

in diesem Augenblick.

Denn – ja,
ich hatte gewusst, warum
sie
traurig gewesen
war.


Gläserne Vasen

Dieser seltsame Raum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Tag
träumen

Ein fensterloser Raum
voller Regale
denen die Rückwände fehlten

Regale
die seine innere Leere zer
teilten

kreuz & quer

in regel
lose Ab
schnitte

In den Regalen
Nichts
als Vasen aus farbigem Glas

Bunte Gefäße
ohne In
halt

Überall
Reflexion & Brechung
des Kunstlichtes

Er unterlag nicht
der Illusion
seine Träume zu beherrschen
nur weil es Tagträume waren

Gedanken
Spiele

Frauen
traumwandelten durch den Raum

spielerisch

als hätten sie
etwas ver
standen
das er nicht be
greifen konnte

Er war er
griffen
von ihrem Anblick

Tag für Tag

Maskierte Gesichter
nackte Körper

Verhüllte Körper
entblößte Gesichter

Wesen
die niemals
Etwas
sagten

Wesen
die un
auf
hör
lich
Nichts
sagten

Dieser seltsame Traum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Räumen

Räume
deren Fenster
verhangen waren

Eines Traumtages
so glaubte er
würde eine Vase aus farblosem Glas
in einem der Regale stehen

& sein Blick
würde fallen

durch das Glas
durch die Leere
durch das Nichts

auf eine Frau
ohne Maske
unverkleidet & nackt

Ihr Anblick
leicht verzerrt
durch das gekrümmte Glas

in dem er selber
sich spiegelte

Gebrochene Augen
blicke

in künstlichem Licht

& Sie
würde Etwas sagen

von dem er nicht ahnte
dass er es
sich

erträumt hatte


Traumhaft

Ich träumte
von Enttäuschungen.

Dann
erwachte ich.

Und die Wirklichkeit war

traumhaft.


Die vergessene Frage

»Das wollte ich nicht«, sagte die Frau
im Traum des Mannes.

Der Mann erwachte
& fragte sich:
Was hat sie gemeint?

Etwas
das er sich erträumt hatte?

Etwas
das geschehen war
in der ungeträumten Wirklichkeit?

In der Wirklichkeit
konnte er sie nicht fragen.
Sie hätte ihn für verrückt gehalten –

sofern sie existierte.

Vielleicht hätte sie sogar geleugnet,
je in seinen Träumen gewesen zu sein.

Lange Zeit
lag er wach & grübelte;
wünschte sich –

wieder einzuschlafen.

Als es ihm endlich gelang,
musste er sie lange suchen.

Als er sie endlich fand,
hatte er die Frage vergessen

in der Wirklichkeit.


Das Albtraumhaus

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Versteckt
in einem verwilderten Garten;
umrankt von

Phantasien
Ängsten
& Faszination.

Meines lag am Ende der Straße,
das eigentlich kein Ende war – nur
eine Biegung, wo die Straße einen anderen Namen bekam.
Kaum sichtbar war es,
hinter Hecken, die hinter einem verfaulten Zaun wucherten,
hinter Bäumen, die so gigantisch waren, wie sie es nur
in der Kindheit sein können.

Wir Kinder wussten
nicht, wessen Adresse dies gewesen war.
Unsere Vorstellungen lebten darin.
In kahlen kalten Räumen voller Staub
& huschendem Getier; in der Geräuschkulisse
der raschelnden Blätter, die der Wind durch die zerbrochenen Fenster
des oberen Stockwerks ins Innere geweht hatte.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück.

Das Gartentor knarrte & quietschte wie ein antikes Klischee.
Wege waren Vergangenheit; Alles war
überwachsen.
Ein umgekippter Teich trübsalte stinkend unterm Algenteppich;
ich erzählte eine Geschichte von ruhelosen Toten, die
unter dem Garten wohnten, man müsse nur
in den Teich springen, um sie zu besuchen.
Die Anderen lachten
mit Gänsehäuten.

Einer Frau aus Stein fehlte das halbe Gesicht.
Alles wirkte wie erfunden.
Und war doch greifbar.

»Gehen wir rein?« fragte einer.
Er meinte das Haus.

Groß & grau & verwittert
schien es lebendiger
als die Natur ringsum.

Die unteren Fenster waren mit Brettern vernagelt.

»Es könnte einstürzen«, sagte ein anderer.

Eine ausladende Treppe führte einige Stufen aufwärts
zum Eingang. Niemand wollte ein Feigling sein. Das
Geländer war zerbrochen. Ein Trauerflor
aus schwarzem Schimmel hatte sich über die Ränder der Tür
gebreitet. Ein großes Netz reichte vom Türknauf aus Schmiedeeisen
bis zur Ecke des Rahmens links oben; gelb & schwarz gestreift
hing die Spinne in ihrer Vorratskammer.

»Das ist eklig«, sagte ichweißnichtwer. »Ich geh da nicht rein.«

Niemand wollte ein Feigling sein.
Und doch sagte niemand etwas
dagegen.

Und selbst wenn wir es gewollt hätten,
wären wir nicht hineingekommen –
redeten wir uns ein.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück

in der Wirklichkeit.

Wie oft
ich in meinen Träumen dort war,
kann ich nicht sagen.

Nachts blickte ich in die Innenräume,
denn nachts steckte immer ein Schlüssel im Schloss;
oder die Tür war angelehnt &
das Netz zerrissen.
Ich fühlte, die Spinne war da –
aber ich sah sie nicht.
Das Herz schlug
wie eine wahnsinnig gewordene Uhr,
und manchmal ahnte ich,
dass Bela Lugosi im Nebenzimmer auf mich wartete.

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Doch
nicht jeder weiß davon.

Nicht jeder träumt davon.

Niemals
wird das Haus, in dem ich heute lebe, so sein
wie dieses Haus meiner Kindheit.

So schön,
so verborgen,
so geheimnisvoll.

Aber es wohnen Menschen in meiner Nähe,
die es für verlassen halten.
Für unbewohnt.

Und das ist schön.

Vielleicht
träumt irgendwo
ein Kind
von meinem Haus;

träumt sich hinein
in meine Räume.

Vielleicht
ist es gerade
hier

irgendwo.

Und ich
bin die Gestalt
im Nebenzimmer.


Traum ohne Wecker

1 Wecker
klingelte
& riss
mich
gleich
zeit
ich
aus
1 Traum
+
1 Traum im Traum

2 Ebenen
zer
stört
auf
1
mal

zeit
=
verloren

Ich hatte vergessen
einen Wecker zu
träumen

gestellt
auf eine
unbewusste
Stunde

Was ich geträumt hatte
im Traum
war

Vergessen

Was bleibt
ist
die Unsicherheit

ob
ich
wach
bin


Verirrung

Was tue ich hier?
Vergessen.

Die Schlagschatten der Fremden bewegen sich
wie verzerrte Scherenschnitte
über das Kopfsteinpflaster der Gasse.
Die Abendsonne: eine bittere Blutorange.
Das Geräusch schwierig-hoher Absätze prallt
gegen Fachwerkfassaden.
Verlaufen.
Ich habe mich verlaufen.
Es ging los, als ich die Wohnung verließ.
Es geht immer los, wenn ich die Wohnung verlasse.
Sobald ich einen Fuß vor die Tür setze, habe ich mich
schon verlaufen.
Verlassen. Verwirrt. Verirrt.
Irgend jemand
hat mich gerufen.
An-
gerufen.
Wollte mich
treffen.
Aber wo?
Im Zweifelsfall
dort
wo
ich
nicht
hinge-
höre.
Warum habe ich mich nur darauf
eingelassen –
die Wohnung zu
verlassen?
Es endet
doch immer
gleich.
Ähnlich.
Sofort.
Ja, warum?
Weil ich
hinhörte –
vielleicht.
Wegen
dieser Stimme –
vielleicht;
der Stimme in meinem Kopf.
Hineingetragen
in meinen Kopf
auf dem Wege der
Fern-
melde-
technik.
Eine Stimme – weiblich & fremd.
Hat sie
wirklich
mich
gemein
t?
Oder
war’s doch nur eine
Ver-
wahl.
Aber halt – sie kannte meinen Namen!
Nicht dass dieser Name einzig wäre;
oder auch nur selten – aber
wieviel Zufall würde es brauchen,
dass sie
nicht
mich
gemeint hätte?
Zu
viel
doch wohl…..

Der Mann betrachtet
die sommerlichen Frauen.
Auf dem Muster des Kopfsteinpflasters.
Steinerne Würfel ohne Augen.
Hätte das Kopfsteinpflaster Augen,
könnte es unter Röcke schauen.
Unter Kleider.
Unterröcke, Unterkleider……

Und er träumt sich in den Boden
& schaut
& schaut
aufwärts……
Eine von ihnen vielleicht?
Was wenn
ich mich gar nicht verlaufen habe?
Hier richtig bin?
Oder doch verlaufen – & zwar
so oft verlaufen vom Verlaufen, dass ich
dort angekommen bin, wo ich hin wollte?
Wenn ich mich recht ver-
irre,
könnte es
so
sein.
Und überhaupt – wenn ich
vergessen habe,
wo
ich
hin
wollte,
kann
über-
all
der
richtige
Ort
sein. –
Was tue ich hier?
Vergessen.
Ich habe nicht vergessen,
was ich hier tue,
sondern –
was ich hier tue,
ist
vergessen.
Vielleicht.

Das Licht
ändert sich.
Ich nicht.
Die bittere Blutorange geht
unter.
Ich nicht.
Die Scherenschnitte verlieren
ihre Konturen.
Ich nicht.
Die Geräusche verstummen.
Ich nicht.
Jemand
wird den Mann finden.
Irgend
jemand.
Irgend
wann.
An einem
anderen
Tag.


Vergessen

Ich hatte sie liegenlassen
in der Eile des Erwachens
das wie eine Flucht aus der Nacht gewesen war

Ich hatte sie liegenlassen
in einem kleinen Zimmer
in dem eine Tote lag

Eine Tote
die soeben erwacht war
um mich anzulächeln

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
die ich durch meine Träume trage

Die ich durch meine Träume trage
um zu fotografieren
was mir begegnet

Ich hatte sie liegenlassen
eine altmodische wertvolle Spiegelreflexkamera
voller Bilder

Bilder von
den Sehenswürdigkeiten meiner Träume
den Traumwürdigkeiten meines Unterbewusstseins

Ich hatte die Bilder
entwickeln wollen
eines Tages

Hatte sie einkleben wollen
in das Album
meines Bewusstseins

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
in der Eile des Erwachens

Ich hatte sie
vergessen
in dem Zimmer der lächelnden Toten

die ich nicht
vergessen
konnte

Vielleicht
werde ich sie
wiederfinden

Ich werde
sie
suchen

in
einem anderen
Traum


Fern Beziehung

Ich existiere

die meiste Zeit
für Dich
nur

als Stimme
als geschriebenes Wort
als Phantasie

körper
los

beziehungs
weise

fern.

So
wie
Du
für
mich.

Ledig
lich
im Traum

bist Du

immer
mir

so
nah

wie ein
eigener Gedanke

begreif-
doch
auch
unfassbar


Das verschwundene Zeichen

Ich weiß nicht wohin
ich fuhr
in diesem Traum

Der Weg
war mir un-
bekannt

Irgendwo
warf ich ein Buch
aus dem fahrenden Zug

Ich hatte das Buch noch nicht gelesen

Ich wollte zurückkehren an den Ort
wo ich es fortwarf

Ein Lesezeichen
in meinem Traum

Doch ich wusste
ich würde es nicht wiederfinden
den Ort nicht wiedersehen

Und ich träumte
dass jemand das Buch fand
& mit nach Hause nahm

Und das Haus war
der Ort zu dem ich zurückkehren wollte

Ich hatte es
noch nie gesehen

Doch ich wusste

Du
wohntest
darin


Die Verträumten

»Kaffee?« fragte der Mann mit dem Tiergesicht. (Bald erinnerte es an Ratte, bald an Katze, bald an Hund.)
»Nein«, sagte die Frau, »lieber nicht, sonst wacht ER womöglich noch auf.« Auch die Frau hatte ein Gesicht. Meistens. Aber nicht immer. Manchmal war es eine matte weiße Fläche, auf die sich alles projezieren ließ.
Der fensterlose Raum, in dem sie – & die vielen Anderen – sich befanden, war groß. Und unübersichtlich. Schummerte in warmgedämpftem Licht. Licht, das wie aus der Skala eines Röhrenradios kam. Vertikale schmale Streifen bildeten die Tapeten; rot & grau. Die Möbel waren verwirrend asymmetrisch gezimmert & schienen sich ständig von selbst zu verrücken; wer unachtsam war, stieß sich immer wieder an ihnen.
Stimmenmix & Cool Jazz.
Der Rattkatzhund sagte: »Denken Sie wirklich, ER könnte aufwachen, wenn wir zu munter werden?«
»Ich weiß nicht, was ich denke«, sagte die Frau. Ihr Gesicht war in diesem Moment eine verdrängte Erinnerung. Eine Erinnerung aus den rattigen Phasen des Mannes.
»Egal«, sagte er, »ich trinke jedenfalls einen – & ich werd mir etwas Asbach hineinkippen. Vielleicht schwindelt’s dann in seinem Kopf.«
Er grinste verkatert. Ihre Schultern zuckten.
»Wenn Sie meinen.«
Sie trug ein weinrotes Abendkleid. Auffällig viele Frauen trugen Abendkleider, auffällig viele Männer schwarze Anzüge, Smokings, Fracks. Wer etwas anderes trug, fiel besonders auf. Und am meisten fielen Diejenigen auf, die nichts trugen; doch nicht immer wurden sie beachtet.
Der Rattkatzhund blickte sich um; auf den Spiegeln seines Smokings lagen Schuppen. »Wo issn jetz die Bar schon wieder hin?«
»Na, da«, sagte die Frau. Ihr roter Zeigefingernagel wies ihm den Weg.
»Diese Möbel machen mich noch verrückt«, sagte er & ließ sie allein.
Rauch waberte zur Musik. Pfeifen, Zigarren, Zigaretten glühten. Asche fiel zu Boden. Paare tanzten. Tänze paarten sich mit der Musik.
Man sah keine Tür, doch ein Vorhang aus pantherschwarzem Samt schien einen Aus- oder Eingang zu verhüllen.
»Verdammt warm hier«, sagte jemand im Vorübergehen.
»Ich friere«, sagte ein anderer.
Ein blonde Frau in violetten Dessous lag bäuchlings auf einer Ottomane. Sie beobachtete die Tanzenden. Ein kleiner Junge im Matrosenanzug näherte sich ihr. Er lächelte.
»Du bist aber schön«, sagte er.
Sie blickte ernst. »Ach ja?«
»Ja. Wenn ich dich sehe, höre ich Cellomusik.«
»Sei nicht so altklug«, sagte sie mit scharfer Stimme.
»Ich höre Cellomusik, und ich sehe F-Löcher.«
»Verschwinde, du kleiner Perversling.«
Der Junge lachte ihr eine Gänsehaut, machte »Quak Quak« & versickerte im Parkett. Sie fing an zu weinen.
Ein dicker alter Mann blieb bei ihr stehen.
»Was ist?« fragte er.
»Nichts«, sagte sie.
»Das ist doch nichts Besonderes«, sagte er & ging weiter.
Einer aus der Masse hielt ihn an.
»Wissen Sie, wie spät es ist?«
»Das weiß Niemand nicht«, sagte der dicke alte Mann.
»Doch, ich nämlich«, sagte der Massenmensch.
»Na dann«, sagte der Alte, »lassen Sie mich doch in Ruhe.«
Und er ging weiter.
Der Massenmensch war verdutzt. Er blickte auf sein nacktes Handgelenk. Schwarze Haare tentakelten, aber er konnte sie nicht lesen.
»Was mache ich hier nur?« flüsterte er.
Am anderen Ende des Raumes stand eine Dame mit abstehenden Ohren am Buffet. Sie vernahm das Geflüster, wandte sich augenblicklich um & eilte auf den Massenmenschen zu. Einige Nudeln fielen dabei zu Boden, denn der Pastaberg auf dem Teller in ihrer Linken bebte.
Als sie den Massenmenschen erreicht hatte, deutete sie mit der Gabel auf ihn.
»Was Sie hier machen? Das kann ich Ihnen sagen.«
»Ach ja?«
»Ja«, sagte sie. »Sie machen hier dasselbe wie ich.«
»Und was machen Sie hier?«
»Nicht wissen, was ich hier mache.«
»Sie sind ja verrückt.«
»Ich bin nicht verrückt. Ich bin doch kein Möbelstück.«
»Zumindest ergibt das, was Sie sagen, keinerlei Sinn.«
»Na und?« sagte sie. »Es reicht doch, wenn ich mich ergebe.«
»Nun gut«, sagte er. »Dann können wir uns ja auch gemeinsam ergeben. In unser Schicksal.«
»Das haben Sie aber schön gesagt«, sagte sie.
Und eine weitere Nudel fiel zu Boden, während der Massenmensch eine Erektion bekam. Er mochte abstehende Ohren.
Sie stellte den Teller auf einem der Tische ab, behielt die Gabel in der Hand, und gemeinsam krabbelten sie unter einen anderen Tisch, wo bereits ein toter Igel lag.
»Hier ist es aber dunkel«, sagte sie. Doch schon spiegelte sich die Flamme eines Zippos in ihren Augen, und sie roch Benzin.
»Ist der tot?« sagte sie.
»Wahrscheinlich«, sagte er.
»Sei vorsichtig«, sagte sie, »nicht dass wir uns stechen.«
»Dann leg erstmal die Gabel weg.«
»Oh, die hatte ich ganz vergessen.«
Sie wurde rot. Sie legte die Gabel neben den Igel.
»Jetzt aber«, sagte sie.
»Wann sonst?« sagte er.
Schuhe, Hosenbeine & nackte Frauenwaden zogen an ihnen vorüber, während sie sich auszogen, um sich auszuziehen & sich später wieder anziehen zu können/dürfen/müssen.
Becken stießen aneinander. Zu schnell für Cool Jazz.
Uncool & hitzig.
Eine tiefe Stimme donnerte durch den Raum:
»Dadadas nimmst dududu sofofofort zurückkkkk, sonst stetetetech ich dich a-a-a-a-bbb!«
Nicht alle blickten sich um, aber Diejenigen, die es taten, langweilten sich schon vorher – wie in einer Endlosschleife.
Die Stimme gehörte einem schwarzen Kaninchen. Einem stotternden Kaninchen. Wutentbrannt schaute es aus einem weißen Zylinder; in seiner rechten Pfote blitzte ein Stilett.
Ein Mann, der aussah wie Bela Lugosi stand davor; er trug einen Dreiteiler. Noch hielt er seinen halbsteifen Schwanz in der Hand. Sein Sperma sickerte dem Kaninchen ins rechte Auge. Das sich rötete. Und zu tränen begann.
»Äntschuuldigunk«, sagte der Belaeske, »abärr ich kaahn das nicht zurrühcknäähmen.«
Das Kaninchen ärgerte sich. Vielleicht war es ursprünglich weiß gewesen. So wie der Saft auf seiner Stirn. Tropfende Blässe.
Der Rattkatzhund trank seinen Kaffee mit Asbach.
Wir werden alle sterben! dachte er. Wenn ER aufwacht.
Schuppen fielen von den Spiegeln seines Smokings.
Die Frau, die meistens ein Gesicht hatte, hatte gerade keins. Das einzige, was sie hatte, war Hoffnung. Die Hoffnung – zu überleben. Rote Blasen wie aus einer Lavalampe zeitlupten über die mattweiße Fläche. Heller als ihr Abendkleid.
Ein Mann mit einem Bleistift notierte sich Nichts auf eine Visitenkarte. Auf eine Visitenkarte eines Menschen, der niemals Besuch empfing & niemals jemanden besuchte. Der Bleistift war spitz & hatte einen Radiergummi, der sich nutzlos fühlte – wie der Spazierstock eines Querschnittsgelähmten; aber auch frisch & unverbraucht.
Über der Lehne eines braunen Stuhls hing: eine grüne Lederjacke. Auf der Sitzfläche lagen: ein Feldstecher …. eine schwarze Fliege, die man (mit Klebstoff) als Schnurrbart hätte missbrauchen können …. ein Monokel …. Gänsekiele, die aus (musikbedingten?) Gänsehäuten gerupft worden waren …. fallengelassene Gamaschen …. ein Kummerbund mit Ketchup-Flecken …. & eine ausgestopfte Möwe mit Rechtschreibschwäche.
Lachen ritt auf einer Kanonenkugel.
Ein einsamer Mann im Frack trank Rum. Seinem Frack fehlten die Schwänze. Die traurige Frau neben ihm trug eine Stoffschere in der Gesäßtasche ihrer löchrigen Jeans.
Trug: Schluss. In ihrem Herzen.
Er rauchte eine Zigarre.
Die Frau sagte:
»Das ist keine Pfeife.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Sie sagte:
»Aber du.«
Er sagte:
»Ich weiß.«
Und es graute ihm. Er war traurig. Und die Frau war einsam.
Eine Verflossene. Wie die Zeit. Schon jetzt. Eine schmelzende Uhr. Zu weich für die Gegenwart. Zu weich für die Realität. Doch – vielleicht – zu hart für einen Traum.
Ein toter Schmetterling lag auf einem Schachtisch ohne Figuren; sein Körper ruhte auf B7. Sehr langsam bewegte sich eine gelbschwarz-gestreifte Spinne auf ihn zu. Sie war etwa halb so groß gewesen wie der Schmetterling, als sie ihre Reise auf H1 begonnen hatte; nun, da sie E4 passierte, war sie bereits doppelt so groß wie er. Eine nackte Dame stand neben dem Tisch & beobachtete sie.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Dame.
Was hat das nur zu bedeuten? dachte die Spinne.
Was hat das nur zu bedeuten? hätte der Schmetterling denken können, wenn er noch gelebt hätte.
»Oh ja, fick mich!«, rief die Frau mit den abstehenden Ohren. Unter dem mittlerweile verrückten Tisch.
Der Rattkatzhund trat neben die nackte Dame, tätschelte ihren Hintern & stellte seine leere Kaffeetasse mit Nachdruck auf C6. Die Spinne hielt inne.
»Warum haben Sie das getan?« fragte die Dame.
»Ihm war danach«, sagte der Rattkatzhund. Er lächelte hündisch.
»Ich verstehe«, sagte die Dame, »da kann man nichts machen.«
»So ist es.«
»Gefällt Ihnen mein Arsch?«
»Ich dachte, Sie meinten die Spinne.«
»Nein.«
»Ja. Er klingt gut. So mollig.«
»Nicht durig?«
»Nur wenn er glücklich ist. Denke ich mir.«
»Das ist traurig.«
»Finde ich nicht.«
»Dann suchen Sie.«
»Wir haben keine Zeit.«
»Ach ja ….. Das hätte ich beinah vergessen.«
»Bein … Ah!« sagte er.
Die Spinne dachte: So ein Arsch!
Sie hatte die Lust verloren. Die Lust auf den toten Schmetterling. Der Weg um die leere Tasse war ihr zu weit.
Jetzt tanzten die Paarungen zu Stan Getz.
Ein Mann in einem schwarzen Umhang saß in einem Ohrensessel. In einer düsteren Ecke des Raumes. Das Schwarz wirkte besonders schwarz – wie ein Vergessen von Farbe – wie das Schwarz des Tiefschlafs. Der Mann fiel auf. Schatten fiel auf – sein Gesicht. Viele fragten nach ihm, niemand hatte eine Antwort.
Eine Frau: »Wer ist das?«
Ein Mann: »Wer?«
Die Frau: »Der da. In der Ecke.«
Der Mann: »Keine Ahnung.«
Die Frau: »Er schweigt die ganze Zeit.«
Der Mann: »Vielleicht ist er stumm.«
Die Frau: »Wenn er stumm wäre, könnte er nicht schweigen.«
Der Mann: »Wie bitte?«
Die Frau: »Schweigen setzt die Fähigkeit zu sprechen voraus.«
Der Mann: »Moment. Darüber muss ich nachdenken.«
Die Frau: »Tun Sie das. Aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.«
Der Mann: »Ich denke grundsätzlich stumm.«
Die Frau: »Sie haben es noch nicht begriffen.«
Der Mann: »Mutter, bist du’s?«
Die Frau: »Ab ins Bett mit dir. Sonst sag ich’s deinem Vater, und dann setzt es was.«
Der helle Blitz im Schattengesicht war vermutlich ein Lächeln.
Der Belaeske verstaute seinen Schwanz; das Kaninchen verschwand im Zylinder; der Zylinder löste sich in Duft auf.
Auf einem roten Sofa saß eine Frau im Smoking. Schwarzer Bubikopf, grüne Augen, eine leere Zigarettenspitze im Mundwinkel. Zurückgelehnt & gelassen betrachtete sie die Tanzenden. Bewegungslos die Sichbewegenden. Und zwischen all dem Geschiebe & Gedrehe, zwischen all den lustig-lustvollen Illustrationen von Noten – erblickte sie: die Augen der Schere in der Tasche der traurigen Frau. Und dachte: Dieser Drang! Wo kommt dieser Drang her? Aus mir? Aus ihm?
Die traurige Frau spürte den Blick auf ihrer Gesäßtasche. Schaute sich um. Schaute ins Grün. Fühlte sich aus- & angezogen – und ging zu der Frau auf dem Sofa.
»Ja?« fragte sie. Obwohl Ja doch eigentlich eine Antwort ist.
»Leihst du mir deine Schere?« sagte die Frau im Smoking.
»Gerne«, sagte die traurige Frau. »Ich leihse dir. Aber nicht zu laut.«
Beide lächelten.
Die Bubiköpfige steckte Daumen & Mittelfinger durch die Augen der Schere & begann sich die Smokingbeine abzuschneiden. Weit oben. Ganz weit oben. So weit oben wie es gerade noch im Sitzen (mit angehobenen Beinen) ging.
»Ich weiß, warum du das tust«, sagte die traurige Frau.
»Ich ahne, was du weißt«, sagte die Frau mit der Schere.
»Er.«
»Ja, Er. Oder Alle.«
»Der freie Wille.«
»Der freie Wille«, wiederholte die Frau mit der Schere.
RitschRatsch.
Und sie lachten. Alle. Heftig.
Fast hysterisch.
»Wie heißt du eigentlich?« fragte die traurige Frau.
»Wenn ich das wüsste.«
»Das ist aber ein schöner Name.«
Sie konnten sich nicht vorstellen.
Die Schere wurde zurückgegeben; die appen Smokingbeine langsam von den Schenkeln gezogen. Über Herrenschuhe hinweg, in denen bare Frauenfüße steckten. Hot Smoking Pants! Sie legte den überflüssigen Stoff neben sich auf das Sofa & schlug die Beine übereinander. Und sofort wurde ihr warm. Von den Blicken, die sie spürte. Auf ihrer Schenkelhaut. Träumend, sehnsüchtig, neidisch, begehrlich.
Im Kopf eines alten Mannes: Sie sein! Einmal nur. Für einige fremde Augenblicke. Eine wie sie. Mit meinem Bewusstsein. Mich selber betrachtend. Meine Schönheit erkennend. Damit spielen. Alles fühlen. Mich bewegen, ganz leicht, jung & schön. Frei. – Frei? Nun ja.
Die traurige Frau verstaute die Schere & ging zurück zu ihrem Rumtrinker.
Ein Gemälde erschien aus dem Nichts; hing unversehens an der Wand hinter dem roten Sofa. Ein Galgen in Pastelltönen …. mehrere Erhängte in einer Reihe …. mit verwaschenen Gesichtern …. Jemand war im Begriff die Treppe hinaufzusteigen, mit einem Messer in der Hand …. Vielleicht um die Toten abzuschneiden, vielleicht um sie auszuweiden …. Nur wenige nahmen das Bild überhaupt wahr. Zu ablenkend war die Frau davor.
Und es roch nach Nagellackentferner & Brotpudding.
»Ich hätte Lust, die Loreley zu singen«, sagte Dr. Kottmann.
»Wenn Sie das tun, werde ich Sie heftig ohrfeigen«, sagte Franz & spuckte sich auf die Stulpenstiefel.
»Das ist absurd«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Ist es doch«, sagte Dr. Kottmann.
»Ist es nicht«, sagte Franz.
»Woooohl!«
In diesem Moment bewegte sich der schwarze Vorhang – & Tina betrat den Raum. Sie trug einen knappen, hellblauen Bikini & ein automatisches Gewehr; um die Taille einen lockeren Patronengürtel. Blonde Zöpfe (Affenschaukel). Und sie begann, wahllos in die Menge zu schießen. Wahllos? Niemand schrie. Löcher wurden geboren. In Stoff & Fleisch. Blut spritzte. Hirn spritzte. Körper fielen zu Boden. Der alte Mann betrachtete ihren Popo, registrierte jede Bewegung, die dieser bei jedem Schuss, bei jedem Rückstoß machte. Dann drehte sie sich herum & schoss ihm zwischen die Augen. Er lächelte.
Der Rattkatzhund & die Gesichtslose, die tatsächlich mal wieder gesichtslos war, standen am Buffet.
Er sagte: »Und Sie hatten Angst, ein Kaffee könnte Ihn aufwecken.«
»Ja«, sagte sie mundlos, »das war einer meiner verrückten Gedanken.«
»Ach, so verrückt war der gar nicht. Eher verträumt, würde ich sagen.«
»Dann tun Sie’s doch.«
Tina lud nach. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie daran zu hindern. Die Musik war sanft, und die Leichen häuften sich.
Die Gesichtslose erinnerte sich an ihr Gesicht, und plötzlich war es wieder da. Niemand erkannte sie.
Tina barfüßelte zu der dunklen Ecke, wo der Ohrensessel stand. Sie zielte in den Schatten. Sie drückte ab. Dies war der einzige Schuss, der lautlos war.
Dann sagte sie: »Entschuldigung. Ich habe mich vertan. Ich dachte, dies sei eine Rechenmaschine.«
»Endlich«, sagte der Mann im schwarzen Umhang.
Und es roch nach Blut, nach Hirn, nach Schatten, als die Decke des Raumes sich öffnete.