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Die innere Zeit

Ich vergesse oft
wie jung du bist

& oft vergesse ich
wie alt auch schon

Als wäre die Zeit nicht
messbar, die hinter dir liegt

Wie alt bist du
wirklich?

Wie ist die Zeit
in dir

vergangen? In
Jedem vergeht sie

doch
anders.

Sag mir
wie spät es ist

in deinem
Innersten

Nie vergesse ich
wie ich vergehe

Als wäre ich selber
die Zeit

auf der Flucht
& du würdest sein

der einzige Augenblick
an den ich

mich erinnere
am Ende

wenn es
zu spät ist


Unverschaukelt

 

Mein Leben lief
wohl darauf hin
Aus: Ich saß

auf einer Schaukel
in der Mitte eines verwahrlosten
Spielplatzes abseits

der Straße Versunken
in den Anblick der Bewegung
neben mir Die Zeit

verging mit dem Pendel
Schlag der anderen Schaukel
an meiner Seite Die junge Frau

hatte so viel Schwung Immer
wieder hielt sie waage
recht inne in der Luft

wie ein Horizont
mit langen blonden Haaren
»Gefühlsorgasmus« sagte

Sie schwärmerisch Dann
schaukelte auch ich ein
bisschen »Soll ich

dich anschubsen?« »Nein« sagte
ich mit wenig Schwung
Menschen gingen

vorbei
& bedeuteten
Nichts

Sie verschaukelte sich nicht
Ich verschaukelte mich nicht
Wir verschaukelten uns nicht

Wir hielten uns
fest an den Ketten
die uns hielten

Die Zeit bleibt
nicht stehen
wie ein Augenblick

an den man sich erinnert
Sie bleibt nicht
stehen wie die junge Frau

zwischen dem
Auf & Ab
der Schaukel

Dieser Bruch
Teil eines Augenblicks
wäre eine schöne

letzte Erinnerung
bevor ich still
stehe

image


In der Spiegelwand

 

Gerne würde ich
ja etwas Tiefsinniger
es schreiben aber ich
sagte bloß Ich kann
deinen Hintern gar nicht
sehen
als ich in die Spiegel
Wand schaute gegen
über dem Bett gegen
über dem Bett stand ein kleines Regal
vor den Spiegelungen die
Frau lag auf den Bäuchen
ihrem & meinem und sie blickte
hinter sich in die Wand wo
Wir ein Bild bildeten mit
vertauschten Seiten so
leicht war sie & zart nicht
die Wand die Frau so
zart dass ein Blick ihre Finger
hätte brechen können vom
Herzen ganz zu
schweigen & doch
spürte ich eine gering
fügige Erleichterung in der Tiefe
als sie sich bewegte & abhob sie
sagte Da und über dem Regal
ging der kleine Knackmond auf
und Alles ward Licht + Schein & vor
sichtiges Gelächter und
gerne würde ich
ja etwas Tief
Sinnigeres schreiben aber was
wäre tiefer & sinniger & tief
sinnlicher als solch ein Moment
An- & Augenblick der Gegenwart
& der Versuch
ihn & die Verwirrung ihn & die
Verbundenheit zu bewahren zu be
wahren wie den Schein
des Mondes dieses Mondes
in der Spiegelwand


Nachts fahren hier keine Züge

 

Die Lichter des Bahnhofs leuchteten auf der anderen Seite
der Straße. Ich betrachtete sie
durch die Fensterfront des Hotels.
Die Bahnhofsuhr war verdeckt durch einen Pfeiler.
Ich saß still
hinter dem Empfang
des Hotels.
Ich hätte mich bewegen müssen,
um die Uhr ablesen zu können.
Aber ich wollte mich nicht bewegen.
Ich wusste, es war zu spät
für die letzten Züge –
& zu früh
für die ersten.
Denn nachts fahren hier keine Züge.
Mehr brauchte ich nicht
zu wissen.


Zeit & Raum

Es war 10 vor 4 am
Nachmittag. Längst
hätte ich schlafen müssen.

Leuchtende Ziffern
auf einer digitalen Uhr.
Rot. In dunkler Umgebung.

Bei Kilometer 15,5 hatte ich
einen Unfall gehabt. Tod
& Blut an einem Abend,

dessen Datum ich nicht
im Kopf hatte. Es bestand
kein Zusammenhang. Es

waren nur Zahlen. Die einen riefen
eine Erinnerung
wach. Die anderen waren

das Erinnerte. Wieder
andere hatte ich
vergessen. Sie

beschrieben
einen Punkt
in der Zeit. Und

einen Punkt
im Raum. Getrennt
von einander. Vereint

in meinem Denken. Ich
konnte mich drehen &
wenden, wie ich wollte,

aber schlafen konnte ich
nicht. Und dann dachte ich
an etwas Anderes.

Getrennt in
Wirklichkeit. Vereint
in der Erinnerung. Im

Übrigen hatte ein Tier
den Tod gefunden.
Schließlich

war es 4 –
& es passierte immer noch
Nichts.

Wann ich ein
schlief weiß
Niemand.


Irgendwas mit Star Trek

Ein verwittertes gelbes Flugzeug stand auf dem Gelände.
Einmotorig. Über die linke Tragfläche hinweg kletterten wir
Kinder in sein Inneres. Wir waren zu zweit, und
mehr hätten auch nicht in die Maschine gepasst. Obwohl….
Eine gestreifte Spinne hing zwischen den Instrumenten;
sie konnte nicht fliegen, aber Fliegen flogen in ihr Netz
durch die Löcher der gesplitterten Scheiben. Ich behielt sie
im Auge, diese Spinne. Etwas ängstlich. Etwas angeekelt. Aber
nicht einmal sie konnte mich vom Sitz des Piloten vertreiben.
Es roch nach Metall, es roch nach Rost & Vergangenheit.
Wir waren am Boden. Wir blieben am Boden. Alle Zeiger standen
auf 0. Und nur unsere Fantasie
konnte den Propeller noch in Rotation versetzen.
Die beflügelte, beflügelnde Fantasie der Kinder. Es muss
wenige Jahre vor der ersten Mondlandung gewesen sein.
Es gab noch keine Flaggen dort oben, keine Fußspuren.
Nichts, was Reflexionen & Projektionen hätte stören können.
Der rothaarige Junge, der hinter mir saß, war erst vor kurzem
nach Deutschland & in meine Schulklasse gekommen; sein Vater,
ein amerikanischer Offizier, war hier stationiert. Flaggen
flatterten vor dem Gebäude, in dem sie wohnten. Unsere Eltern
unterhielten sich darin. Der Junge erzählte mir von Amerika,
das ich nur aus Filmen & Fernsehserien kannte. Auch den Mond
kannte ich nur aus Filmen & Fernsehserien. Wir wussten nicht, wo
das Flugzeug gewesen war. Also konnte es überall gewesen sein. Über
All. Das gefiel uns. Und ich kannte niemanden sonst, der aus einem
so fernen Land kam wie der Junge mit den roten Haaren. Ich drückte
Knöpfe, die längst keine Funktion mehr hatten – & die Zeit flog
dahin. Am Boden. In unseren Köpfen. In die Zukunft.

Irgendwann erzählte er mir von seiner liebsten
Fernsehserie. Die Handlung drehte sich um Außerirdische, drehte
sich um ein Raumschiff & um fremde Welten. All
es war so weit entfernt – wie Alles Andere, das ich nicht kannte. Und er
zeigte mir Fotos von einem Mann mit seltsamen Ohren & seltsamen Augen
brauen. Faszinierend, dachte ich. Oder so etwas Ähnliches mag ich
gedacht haben. Einige Jahre später kam die Serie
nach Deutschland. Im selben Jahr als das Apollo-Programm eingestellt wurde.
Wir wohnten längst woanders. Ich ging
auf eine andere Schule. Die alten Kontakte waren ab
gebrochen. Und ich erinnerte mich – als ich die erste Folge sah…..
Das Flugzeug, die Spinne, die Flaggen, die Erzählungen….. Ich
mochte die kurzen Uniformen der weiblichen Besatzungsmitglieder.
Schon damals. Es war alles anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie so oft. Aber es gefiel mir. Was nicht so oft der Fall war.
Den Ton einiger Folgen nahm ich mit dem Kassettenrecorder auf, und
nachts im Bett in meinem dunklen Zimmer hörte ich diesen Ton
zu meinen eigenen Bildern. Immer wieder. Science Fiction. Schon
der Kassettenrekorder hatte etwas davon. Verglichen mit unserem alten
Bandgerät. Ich drückte Knöpfe – & die Zeit flog dahin. Im Bett. In
meinem Kopf. In die Zukunft. Und sonstwohin.

Und 42 Jahre später bin ich gelandet. Auf dem Boden. In einer
Wohnung, die nicht die meine, in einem Raum, der mir nicht mehr
fremd ist. Zwischen gespreizten Schenkeln. Gespreizt
wie Tragflächen. Und die einzige Licht
Quelle ist ein eingeschalteter Fernseher hinter mir. Ein
charmant-gealtertes Röhrengerät. Gealtert bin ich auch. Doch
weniger charmant. Bekannte Namen erklingen
in der Nacht. Kirk. Pille. Spock. Uhura. Ein Film vom Ende
der 70er. Wiederum eine andere Zeit. Propellernde Zungen. Ein gewaltiger
Mond ist aufgegangen. Der damals noch nicht existierte. Bemannter Raum
Flug. Peterchens Arschfahrt. Auch so’ne Kindheitserinnerung. Es riecht
nach Lust. Nach Jugend & Gegenwart. Im Geflacker des Films
sehe ich wie ein Gesicht sich verändert. Ein Mund sich öffnet. Im Rausch.
Und noch mehr. Öffnet sich. Und jemand ruft:
»Alarm, Alarm! Ein Eindringling! Alles auf Gefechtsstation!«
Und ein anderer ruft: »Scotty, bitte kommen!« – dabei heiße ich gar nicht so.
Gelächter säuft ab. Und erstickt in Körpersäften. Und sie flüsterschreit:
»Oh Gott, oh Gott!«, aber auch das ist nicht mein Name.
Science Fiction. Mit wenig Science. Immer wieder. Und es ist immer dieselbe Zeit,
die fliegt. In unseren Köpfen. Die Zeiger stehen nicht. Es
scheint nur so. Es sei denn, es ist etwas kaputt. Alles
auf 0. Wir waren zu
zweit. Im Cockpit. Und doch nicht
allein. Und niemand weiß wie
& wann die Spinne gestorben ist.


1984

Mein Arm unter ihrem Nacken.
Entspannung. »Jahrgang 84«, sagte sie.
»Was hast du 1984 gemacht?«

»Nichts«, sagte ich. »Das war die Phase
nach dem Abi, wo ich nichts gemacht habe.
Außer Lesen & Saufen vielleicht. 7 Jahre

lang. Und von deiner Geburt
hat mir auch keiner was gesagt.«
Sie atmete ein Lächeln aus.

Vielleicht trafen sich
in diesem Moment unsere Blicke –
dort oben. An der Zimmerdecke.

»Ach, halt«, sagte ich, »1984
kam der Film 1984 in die Kinos. Mit
John Hurt & Richard Burton. Guter

Film. Den habe ich gesehen. Damals.«
Wie praktisch, wenn der Titel eines Films
gleichzeitig sein Erscheinungsjahr ist. Wie

leicht man sich sowas merken kann. Aber
viel interessanter war doch die Frage:
Wo war Sie 1960 gewesen?


Passanten ohne Zukunft

Ein neues Du
ohne Zukunft

im Vorüber
Gehen

Es kommt
& passiert

& wird
vergangen sein

Und jetzt

Du!

Und jetzt

Jetzt
& Jetzt
+ noch 1

Jetzt

ohne Zukunft

Zukunft
die Wir vergessen im

Jetzt

Das vergeht


Das Zeitgefühl

Von Zeit zu Zeit
verliere ich

das Gefühl

für die Zeit. Mein Zeit
Gefühl kommt

mir abhanden.

Den Verlust nicht zu spüren
ist Glück.

Doch da ist immer Jemand
der findet

was ich verloren habe

& es nicht
für sich behalten kann.

Er hebt es auf
& gibt es mir

zurück               im falschen

Moment.

Als hätte dieses Gefühl nicht
auch irgend Jemand Anderem

gehören können.


Wieder so ein Tag

Wieder so ein Tag, dachte ich.
Und hatte ihn schon verloren.

Denn solche Tage, die
bloß Wieder so ein Tag sind,
gibt es nicht

in der Wirklichkeit.

Es gibt sie nur
in der Wahrnehmung.

In der Wahrnehmung, die
nicht mehr unterscheidet.

Wieder so ein Tag, dachte ich
& fühlte mich wie eine Spinne
in der leeren Badewanne –
Alles glatt & weiß & kalt.

Tage, die so wahrgenommen werden, gehen
unter
in der Erinnerung –

verschwimmen
im salzlosen Weniger des Lebens.

Des Lebens, das kürzer scheint,
wenn man Wieder so ein Tag denkt.

Nein, es war nicht
Wieder so ein Tag.

Es war – in Wahrheit:
Nie wieder wird es diesen Tag geben.

Und ich denke
nicht: Gut so!
Wie beschissen er auch gewesen sein mag.


Das Datum auf dem Vorsatzblatt

Auf dem Vorsatzblatt dieses Buches,
das von der Zeit an sich handelte,
hatte ich den Monat & das Jahr
der Lektüre notiert.

Als ich es nach Jahr & Tag
wieder einmal aufschlug,
las ich jenes Datum in meiner Handschrift –
& konnte es kaum glauben.

Das sagte mir mehr
über die Zeit an sich –
als der Inhalt des Buches
es je gekonnt hätte.


Die beflügelte Ameise

 
Die beflügelte Ameise
die man die Fliegende nennt
kroch über den Tisch

immer wieder
hin & her

Hätte sie gewusst
wie lange ihr die Flügel
noch zur Verfügung standen

würde sie
ihre Zeit
nicht so verschwendet haben –

 

dachte ich
während ich sie beobachtete
& auf den Feierabend wartete.


Splitter im Sand

Da war ein Strand, und
der bestand aus dem Sand, der aus
Uhren gerieselt & geronnen war.

Zerbrochen war die Sammlung des Todes. All
seine Sanduhren – & niemand
wusste warum.

Ein Kind war gerannt durch
den Sand, den Strand entlang
& hatte geschrien. Vor

Schmerz.

Die Splitter des Glases der Uhren
der Sammlung des Todes zer
schnitten die kleinen bloßen Sohlen.

Das Salz des Meeres brannte
in den Wunden. Für Stunden. Das Blut
gerann – & die Zeit war seine Vergiftung,

die nicht zum Tode führte.

Und es weinte Jemand. Still
in den Sand. Es war
der Tod. Den

Niemand
mehr fand.


In der Mitte des Zifferblatts

Du & ich
Zeiger einer analogen Uhr

Wir treffen & trennen uns bei
nahe überall

Nur in der Mitte des Zifferblatts
bleiben wir stets vereint

wo die Bewegung der Zeit
kaum zu sehen ist

während sie doch vergeht
wie alles andere

Dort sind sie verbunden
unsere Enden

und bleiben es
auch wenn die Uhr zum Stillstand kommt


Leben eben

Die Ebene war nicht
plan – Planlos stand ich
an ihrem Rand

Rannte dann
über ihre Uneben
heiten

Was eben gewesen war
war nicht immer glatt
vorbei gegangen

& doch
Vergangen
heit

Die Mitte lag immer
im Un
Er
Reich
Baren

Ich fiel
vielmals
Stand auf

einmal mehr

Irgendwann
wird es
das letzte Mal

der Fall
gewesen
sein

Es war einmal

Verwesen
Sein

Eben noch Leben
planlos
platt

& vorbei


Der Oldtimer

Ein Oldtimer fährt durch die Nacht.
Ich fahre hinter ihm her.
Als der Oldtimer modern war
– damals in meiner Kindheit -,
war er mir zu modern.
Ich fand ihn hässlich. Damals.
Heute – finde ich ihn schön.
Im Vergleich.
Und überhaupt.
Das ist die Schuld
der Zeit.


Der 31. Februar

Wo eigentlich die 3
hätte sein sollen, gab es
ein Quadrat….
Ein kleines Fenster
der wechselnden Zahlen;
jeden Tag eine andere.
Und das Glas über diesem Fenster
war konvex – weil die Zahlen
so winzig waren.
Die Ziffern, mit denen die
Stunden, Minuten & Sekunden
benannt wurden, waren dennoch größer als die
Zahlen im Fenster.
Man konnte etwas lernen daraus.
Und wenn man vergesslich war,
hatte der Februar 31 Tage.


In der Zwischenzeit

Nichts brauche ich
zu suchen. Alles
ist da. Nur
sehen muss ich
es.

Bilder
Metaphern
Symbole

Sie liegen
auf meinem Weg.
Wie Sperrmüll.
Den man als Kunst verkaufen könnte.

Eine Binsenweisheit.

An jedem Tag.
In jeder Nacht.
An den ödesten Orten
liegen sie – bereit
gesehen zu werden.
Sogar am Arbeitsplatz –
dem Reich von Zwang & Fremd
bestimmung.

Auf meinem Rundgang durch die Nacht
(ich werde bezahlt dafür, dass ich Rundgänge durch die Nacht mache;
Nachtwache an Orten, wo Andere schlafen)…..
Auf einem meiner Rundgänge durch die Nacht also
war mir der Weg verstellt.
Auf dem Gang standen:
ein Kinderwagen & ein Rollator.
So dicht nebeneinander, dass
ich nicht dazwischen
passte. Dichter
neben
einander
hätten sie nicht stehen können. Platter
hätte es nicht erfunden werden können.
In meinem Kopf grinste es
während ich einen anderen Weg nahm. Um
an mein bedeutungsloses Ziel zu gelangen. Mir fehlte
ein Sarg. In dem Bild. Doch den
konnte ich mir denken. Ich bilde mir
ein, dass die Zeit
ein klein wenig weniger
vergeudet ist – wenn ich mit diesem
Blick
meiner Wege gehe…..
Durch Zwang & Fremdbestimmung.
Durch den Sperrmüll
meiner Tage. Tage, die
Nächte sind.
Durch die kurze Zeit da
zwischen.


Eine Frage der Augenblicke

Dieser Moment
im 17. Jahrhundert
als Gryphius über den Augenblick schrieb

Betrachtung der Zeit

Was hatte er im Auge?
Die Ewigkeit.

So weit
wird’s nicht reichen –

aber immer
hin: ich
lese seine Zeilen

mehr als 300
Jahre später

& weiß
was er meint.

Ich suche
dasselbe.

Jeden Moment.

Alles eine Frage
der Augen
Blicke.

 

 

Gryphius


Science Fiction

Staubbedeckte Tonbandspulen kreisten
auf einem alten Gerät. Hergestellt von
Toten. Für eine Firma, die längst nicht mehr
existierte.
Magnetisierte Vergangenheit. Schallwellen in Form.
Ein 5jähriger Junge quasselt. Verstorbene sprechen
mit ihm. Es wird gelacht & gesungen. Ein Radio spielt
im Hintergrund. Vergessene Melodien.
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Hörte hinein
in einen Raum der Vergangenheit. Damals
hatten die Spulen sich ebenso gedreht. Kreislauf.
Wenn der Junge sprechen soll,
verstummt er.
»Erzähl mal die Geschichte mit dem Kronleuchter«,
sagt ein Mann.
Schweigen.
»Als ob Fremde da wären«, sagt eine Frau. »Dann
isser genauso.«
Irgendwann fängt ein 15Jähriger an zu singen:
»Stellt den Teller untern Tisch,
Nikolaus bricht sich das Genick –
lustig lustig, trallerallalla,
bald ist Niklas-Abend da….«

Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Die längst
vergangen ist. Lauschte
einem Wir, das es nicht mehr gab.
Ich hörte mich lachen.
Wunder der Technik! Das Neueste vom Neuen!
In Mono. Ton für Ton bewahrt. Für die
Zukunft.
Ich erinnere mich, wie
ich damals hörte, was
damals schon lange her gewesen war.
Aber toter sind die Toten heute auch nicht – als damals.
Heute sitze ich in einem Raum der Gegenwart, die
Gegenwart ist. Der Motor ist kaputt.
Das alte Gerät macht seltsame Geräusche.
Alles vermischt sich, verwischt sich – die Schichten
der Zeit.
Die Spulen sind von neuem Staub bedeckt. Ich betrachte sie
wie einen Raum, in dem eine andere Zeit herrscht.
Ich will sie nicht hören.

All diese Science-Fiction-Filme meiner Kindheit…..
Die überholten Vorstellungen der Zukunft.
Wie charmant sie oftmals wirken.
Wie naiv.
Manchmal denke ich.
Denke: auch ich
bin so ein altes Röhrengerät
im Science-Fiction-Film der Vergangenheit,
der in einer Zukunft spielt,
die längst vorbei ist –

vorbei

ohne
vielleicht
jemals
Gegenwart
geworden –

Gegenwart
gewesen

zu
sein.

Von der Zukunft
ganz zu

schweigen.


Bumerang & Kleiderbügel

In dieser Fernsehserie, die
aus dem Schwarzweißgerät meiner Kindheit kam
& die ich niemals versäumte,
gab es einen Jungen mit einem Bumerang.
Immer wenn er ihn warf,
hielt
für die Dauer des Fluges
Alles
um ihn herum
an –
Bewegungen gefroren,
Menschen standen erstarrt (& wussten nichts davon),
die Zeit gerann, und
die Umgebung wurde zum
leblosen Bild.
Nur der Junge & sein Bumerang
bewegten sich
in diesem allgemeinen Stillstand.
Bis der Bumerang seine Kreisbahn beendet hatte
& der Junge ihn wieder auffing.
Für mich
waren die Abenteuer, um die es eigentlich ging,
nebensächlich.
Ich holte einen hölzernen Kleiderbügel aus dem Schrank,
drehte den Haken heraus –
& warf den Bügel quer durch mein Zimmer.
Nichts bewegte sich in diesem Zimmer; nur
ich & der Kleiderbügel.
Der Flug des Bumerangs war mir immer
zu kurz gewesen.
Der Flug des Kleiderbügels war noch kürzer.
Er krachte gegen die Wand &
fiel aufs Bett.
»Was machst du da?« rief die Mutter.
»Nichts«, rief ich.
Was sie mir nicht glaubte.
Und ich glaubte nicht,
dass sie erstarrt in der Küche gestanden hatte,
während der Kleiderbügel durch mein Zimmer geflogen war.
Aber ich hätte es gerne geglaubt.
Hätte gerne
Alles
angehalten.
Immer wieder.
Die Menschen.
Die Bewegung.
Und die Zeit.


Auf kurze Sicht

»Ich kann keine Straßenschilder mehr richtig erkennen«,
sagte mein Bruder. Damals, nachdem er
aus dem Knast gekommen war.
Er führte das zurück
auf die Enge der Zelle; auf das lange
Vorsichhinstarren – den Blick auf die Wände gerichtet.
Wände mit Bildern fremder Frauen. Frauen, die
nackt waren. In der Einsamkeit. Eingeschlossenheit.
Er besorgte sich eine Brille. Um die Schilder
wieder lesen zu können. Die Schilder mit den Regeln.
Meine Kurzsichtigkeit hat andere Gründe.
Und ich war ja auch weniger lange eingesperrt gewesen.
Damals – in der Klapsmühle.
Gebrochenes Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Auch ich besorgte mir eine Brille. Um die Ferne
wieder erkennen zu können. Die Ferne, in die ich
niemals wollte. In der Wirklichkeit. (Und
scheiß auf die Regeln, die dort herrschen!)
Nein, sie ist nicht zwangsläufig angeboren – die Kurzsichtigkeit.
Früher hatte ich das immer geglaubt. Man glaubt eben schnell –
bevor man eigene Erfahrungen macht. (Und dass diese Erfahrung
mich & meinen Bruder nichts Falsches gelehrt hatte, bestätigten mir
die medizinischen Fachbücher.)
Oftmals nehme ich sie ab – die Brille.
Ich brauche sie nicht, um zu lesen. Oder zu schreiben. Sie stört
beim Küssen. Sie stört beim Sex (zumindest beim Sex mit Anderen).
Und was weit weg ist, gefällt mir
verschwommen
oft besser.
Ich sperre mich selber ein.
Mein Haus ist ein Gefängnis & eine Klapsmühle
zugleich.
Glaubte ich an den Freien Willen, würde ich sagen:
ich sperre mich freiwillig ein.
Aber so naiv bin ich nicht. War ich nie.
Ich mag das lange Vormichhinstarren. Den Blick
auf die Wände gerichtet. Wände mit Bildern.
Fotos von Fremden. Da ich Familienfotos hasse. Nacktfotos
der Geliebten (ein Plural, der zum Singular wurde….)
Manche der Fotos selber geschossen, manche
geschossen von Geliebten der Geliebten – die man
niemals kennenlernen wird….. Die Frau
meines Bruders….. (Oh, diese
Mehrdeutigkeiten!) Gebrochenes
Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Und noch mehr sehe ich
in den Zwischenräumen.
Wo man ohne Brille schärfer sieht. Mehr er
kennt.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich
in meinen Träumen eine Brille trage. Wahr
scheinlich. Doch sie spielt keine Rolle. Dort.

Es dauerte nicht lange –
bis mein Bruder keine Brille mehr brauchte.
Die zurückgenommene Anpassung war eine neue Anpassung.
Ich hatte immer meine Schwierigkeiten
mit der Anpassung.
Meine Brille ist alt. Zu alt. Sie stammt aus einer Zeit
als ich Alles anders sah. Doch nur
die Oberflächen sah ich anders. Damals.
Die Unschärfe ist mein Zeitmesser.
Auf lange Sicht bräuchte ich
eine neue Brille.
Aber nein.
Nichts, was wirklich wichtig ist, sähe damit
anders

aus.

 

 

 

Kreuz- & Querverweise:

Die Klapsmühle
Das Fingerschnippen
Rosinen im Kopf
Das Chaos spritzt Wassertropfen


Wie eine Uhr

Ich gehe
nach

wie eine Uhr

die auf
zu
ziehen

Jemand

Vergessen

hat

 

Der Zeit

gehe ich nach

Hinterher
gehe ich
ihr

wie einer Geliebten
die flieht

vor
mir

 

Sie geht
weiter

ist immer

weiter
als ich

Ich bin

ihr

gleich
gültig


gleich zeit ich

Ich will leben
& sterben

gleich
zeit
ich

Oh, Moment –
das tue ich
ja

wie
Alles
Andere
auch

Nichts
hat eine

Wahl


Gedächtnislos

Gedächtnislos
möchte ich sein
in Nächten wie diesen

da nur die schönen Erinnerungen
zu existieren scheinen

Ein schmerzvoller Kontrast

Bilder
die nicht
in den hässlichen Rahmen der Gegenwart passen

Bilder
die aus dem Zeitrahmen gefallen sind

Gedächtnis
Los

Aber nein

Nichts ist verloren
in mir

Nichts ist verloren
außer mir


Tropfen in der Finsternis

Etwas
tropfte auf den Boden
in der Finsternis

,,,,,,,,,,

In welcher Entfernung
konnte man nur schätzen

,,,,,,,,,

Die Richtung
glaubte man zu erkennen
durch konzentriertes Lauschen

,,,,,,,,

Was
war es?

,,,,,,,

Ein Sekret
vielleicht

Eine Flüssigkeit
auf jeden
Fall

Blut
Schweiß
Pisse
Sperma
Eiter?

,,,,,,

Zu viele
Gerüche vermischten sich
in der Finsternis

,,,,,

Verletzungen
Lust
Tod

,,,,

Eine nicht sichtbare Lache

Vielleicht nur Wasser

,,,

»Koste doch«, flüsterte eine un
vertraute Stimme – im Takt
der Tropfen

Die tickenden Tropfen
der verfließenden Zeit

,,

Die Orientierung ging
verloren

im Raum

,

Ein weiterer Ver
lust

ohne
Be
deutung

.


Schwarzlicht

Es ist
manchmal
als änderte die Zeit
die Wellenlänge
des Lichtes

Das Licht der Lieblingslampen
anheimelnd
warm
& vertraut

wird zu

Schwarzlicht

Fremd
erscheint einem

Alles

& kalt

was man in
anderem Licht
kannte

Man sieht
die Flecken
die unsichtbar gewesen waren

Sieht
den Dreck
dessen Existenz man
in manchen Augenblicken
nur befürchtet hatte

Er leuchtet
hell

Doch
nichts
Wesentliches
hat sich verändert.

Nur
eine Wellenlänge

 

Man könnte
einfach
die Augen
schließen

wenn
es
einfach
wäre


Der Schmutzfilm

Am Ende
auf der Windschutzscheibe
macht es
keinen
Unterschied
mehr
ob
das Insekt
schön war
oder nicht

Es ist
vergangen
verflogen
tot

So oder so
ein hässlicher Fleck
der die klare Sicht
behindert

Der anmutigste Schmetterling
ist nur noch
ein Dreck

am Ende.

Ein bunter Dreck.
Ein Schmutzfilm.

Insektengleich
fliegen die Erlebnisse dahin

Erinnerungen
behindern die klare Sicht
auf die Gegenwart

Zeit verfliegt

Leben vergeht.

Und doch –
das Gedächtnis
ist
keine Scheibe

Es ist
nicht
aus Glas

obwohl es
zerbrechlich ist.

Und was den Schmetterling
& all die anderen Insekten
– hässlich oder nicht –

aus-
macht

ist
nicht

ihr Ende.

Ist nicht
der Film
der von ihnen
übrig
bleibt

in der
Erinnerung.


Im Abseits

Unverstanden
stand das Kind
im Abseits

& Abseits
war überall
wo es stand

im Leben

Der Unverstand
der Anderen
führte zu ihrem

Unverständnis

Die Anderen
standen
Abseits vom Abseits

in der Mitte
des
Lebens

wo es lärmt
& kracht
& schreit

Das Kind
liebte
die Ruhe

die Stille
der Ausgrenzung

die Mauern
des Schweigens

& sogar
ein wenig
den Schmerz der Isolation

Das Kind
verstand
im Abseits

die Anderen

& mehr
als die Anderen.

Und die Klangfarbe
auf den Mauern des Schweigens
ist ein beruhigendes

Schwarz

Und eine Uhr
geht
ganz leise

im Abseits

Unaufhaltsam
bewegt sie sich
zu

auf
die Stunde
des Kindes

im Abseits.


Traum ohne Wecker

1 Wecker
klingelte
& riss
mich
gleich
zeit
ich
aus
1 Traum
+
1 Traum im Traum

2 Ebenen
zer
stört
auf
1
mal

zeit
=
verloren

Ich hatte vergessen
einen Wecker zu
träumen

gestellt
auf eine
unbewusste
Stunde

Was ich geträumt hatte
im Traum
war

Vergessen

Was bleibt
ist
die Unsicherheit

ob
ich
wach
bin


Jetzt

Ich lebe
in der zukünftigen
Vergangenheit
erinnere mich
an die vergangene
Gegenwart
als ich an die
Zukunft
dachte
die
Jetzt
ist


Hatten wir sie wirklich?

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit
wie wir
verloren haben?

Haben wir sie überhaupt
verloren?
Haben wir sie nicht
eher
weggeworfen
liegengelassen
vergessen
?

Weggeworfen in Menschenmengen …..
wo sie zu Tode getrampelt wurde.

Liegengelassen an Orten …..
wo wir
nichts
zu suchen & daher
nichts
zu finden hatten.

Vergessen
weil unsere Sinne abgelenkt waren
durch Alles
Laute
Grelle
Aufdringliche

durch Alles
was trotz seiner offenkundigen Schwäche
stärker war als unsere Erkenntnisfähigkeit.

Vergessen
weil unser Empfinden gefesselt war
durch alberne Ziele
in einer lächerlichen Welt.

Diese unfassbare Dummheit –
sich der eigenen Sterblichkeit bewusst
& dennoch so verschwenderisch zu sein!

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit?

Ja, wir hatten sie.

Und
noch
ist
Zeit
übrig.

Eine andere Zeit.

Noch
ist
Zeit

zu lernen

es
anders
zu machen.

Zeit
zu gewinnen.

Durch
Bewahren.


Am Strand der Zeit

Und dann spürst du
den Sand der Todes-Uhr zwischen deinen Zehen
Am Strand der Zeit
die du verloren hast

Du schaust auf das Meer
das immer weniger wird
& immer schneller
folgt Ebbe auf Ebbe

Verlassene Schiffe liegen auf Grund
Ein Wrack neben dem andern
ohne Ziel, ohne Hafen
unter einem grauen Himmel

Es ist kalt
& ein schneidender Wind schlägt Wellen
Du kannst nicht schwimmen
& das Fernweh schmerzt in der Brust

Es riecht nach Salz
das aus Wunden rieselt
& die Flaschen, die an Land gespült werden
sind leer

Doch
Etwas
träumt in dir
noch immer

Jemand schwimmt
in deine Richtung
nackt & schön
wie eine letzte Hoffnung

Warm & lebendig
in all der Kälte

Vielleicht
zu spät

Doch wer weiß schon
was zu spät bedeutet
wenn die Uhr
zerbrochen ist