Stralsund. Inklusive hingeschluderter Improvisation.
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Der seltene Name
Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen in meiner Geschichte.
Ich kannte keines,
das so hieß,
drum hatt ich’s – zu erschaffen.
Das Mädchen mit den Narben
Gedanken Strich Gedanken Strich
Wie kam ich auf den Namen?
Ich weiß es, doch
ich sag es nicht. Nein,
kein Zufall. Natürlich nicht.
Jahre vergingen, andre Namen
zogen vorüber. Novembernächte,
Gewitter & gelbliches Mondlicht.
Dann klingelte es
an meiner Tür – – Ich stolperte wie’n freier
Vers. Ding Pause Dong! — »Na.«
Sie hieß wie das Mädchen
In der Erzählung, die sie nicht kannte.
Narben hatte sie auch.
Aber einen Anorak trug sie nicht.
Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen meiner Geschichte.
Ich kannte keines,
das so hieß,
darum musste es erst klingeln.
Das Ding – 1 Dong! (= 10.000 Hot)
Die Klinke ergriffen
und alles offen
Ein zaudernder Blick
Das Beste hoffen —
Anis mag sie nicht riechen.
Nachts sehen wir Schwarzweißes im Farbfernseher.
In manchen Gedichten kann man sie sichten.
Spiegelbildlich. Seitenrichtig.
Und alle Uhren zeigen EINE Zeit.
Ninna Nanna in Blu –
– – – – – – – – – – –
Rotbäckchen & der Wolf
»Nicht«, sagte sie,
»dass du wieder’n Gichtanfall bekommst.«
Der Steppenwolf blitzte durch
meine Erinnerung, Harry Hallers Pulver.
»Nein«. sagte ich, »nicht
in der Hand.« Po
dagra war’s; ja, wenn man auf Schmerz stünde……
Ihr kleiner, fester Arsch war rot
wies Käppchen im Märchen,
und ein wenig brannte mir die Hand
nun doch. »Fest
er!« hatte sie gesagt. Ihr Befehl
war mir Wunsch gewesen.
Sie hielt sich die Ohren zu,
weil unsere Häute so lärmten.
Heute fragt man mich nicht mehr:
»Heißen Sie wirklich Wolf? Nur Wolf?
Oder doch Wolfgang?« Die ewigen Fragen
meiner Jugend. Und die ebenso ewigen Antworten:
»Ja – nee – den Gang können Sie sich sparen.«
Ich sitze ja auch am liebsten aufm Sofa; das
schont die Gelenke. Ob sich meine
Großeltern träumen ließen, was später einmal
auf ihrer geblümten Couch…… Die Tapeten
verliehen den Schlägen ein farbiges Echo;
kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.
Großmutter, warum hast du so große
Organe? Ha. Ha. Schade,
dass ich keinen Kuchen mehr essen darf;
den Wein habe ich freiwillig aufgegeben
(frei willig? – je nun, dies ist nicht der Augenblick
für Philosophie, noch Religion). Applaus!
aufs Gebäck. Auch ein Wolf
will mal ins Bett – & sich’s gemütlich machen;
da muss die alte Frau halt
weichen. Bevor das Mädel an die Türe klopft.
»Woran denkst du?« fragte sie (da wir
schon bei den ewigen Fragen waren).
»Ich denke nie«, sagte ich, »auch das
hat mir der Arzt verboten.« Welche
Tonhöhe hat wohl so’n Po
klatscher? Kann man
das notieren? – Aber auch
das Absolute Gehör soll ja ein Märchen sein.
Märchen all
enthalben. Aus dem Reich der Erfindungen.
Harry tanzt….. Wer’s glaubt.
Ich humple. Zu
weilen. In grauer
Vorzeit war ich Schlagzeuger gewesen;
daher wahrscheinlich mein Hang
zu perkussiver Erotik. Und
die Einsamkeit des Wolfes
zog ihn zu den Geißlein.
Liebe auf An
hieb. Mozart
lachte
laut
los.
Simpel
Man stand
in einer Galerie kann
auch eine Bibliothek
gewesen sein
Oder ein Kino aber da hätte man
wohl eher gesessen
Egal, ein Museum
vielleicht Jemand
Sagte: »Das könnte
ich auch.« Ich
widerspreche gern
Also sagte ich:
»Nein.« »Was nein?« »Das
könntest du nicht.« »Aber
es ist so simpel.« Ich
sagte: »Und doch
ist es zu spät. Du
könntest nachmachen
sonst nichts.«
»Aber etwas in der
Art.« »Die
Art gibt es
schon«, sagte ich.
Jemand sagte: »Alles
ist
schon mal dagewesen.«
»Ich erinnere mich«
sagte ich, »nicht
schon mal da
gewesen zu sein.«
»Jetzt wird’s
albern.« »Albern
ist es zu glauben
man könnte etwas auch
was schon da ist.
Es sind immer die simpelsten
Geister, die das Schwierige
an der falschen Stelle
suchen.«
»Also«, sagte jemand
»ich finde« »Richtig«,
sagte ich, »man muss
finden. Das ist
der Anfang.«
Dann kommt
Der Stil von selbst
Wo waren wir
Stehen geblieben
Und wie spät war es
Überhaupt in einer Galerie kann
Auch eine Bibliothek gewesen
Sein oder ein Kino
Ein Museum
Vielleicht auf jeden Fall
Zu spät
Unfassbar
Der Mond hing tief
Dicht über der Straße
Unfassbar
In der einbrechenden Nacht
Obwohl ich so lange Arme habe
Die Hände am Steuer
Swingte es im Radio
Dann war das Stück
Zu Ende. Jemand sprach.
Nannte den Interpreten
Den Titel & das Erscheinungsjahr.
1989. Ich dachte an jenes Jahr
& die einzige Frau
In meinem Kopf. Damals
Hatte mich dieser Job
Ereilt. Der erste
Lohn. Mit 29! Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.
Anders als man denkt
Wenn man denkt
Und wenn man nicht denkt
Kommt es auch
Anders. Ich
Stellte sie mir vor. Wie sie hätte
Getanzt haben können
1989. Zu dieser Musik, die jetzt
zu Ende
gegangen war. Swing! (Auch heute noch
Schaukelt sie für ihr Leben
Gern.) Es tanzt
Mit unsicheren Schritten. Über die
Es nicht nachdenkt. Leicht
Könnte es fallen; gerade
Erst hat es Gehen gelernt –
Das tanzende Mädchen
Wild in meinem Kopf. Das tanzende Mädchen
Das ich nicht gekannt hatte. Das
Tanzende Mädchen, das ich
Kennenlernen würde, verborgen
In einer Frau, die schaukelt. In der einzigen
Frau in meinem Kopf. Ich musste
Lächeln bei diesem Gedanken
Spiel. Und schaltete
Das Radio aus. Die Nachrichten
Von 2016, ich wollte sie
Nicht hören. Unterwegs. Noch immer
Derselbe Job wie damals. Und
Die Tänzerin wartete zu Hause
Auf mich! Es war wirklich
Unfassbar. Unfassbar
Wie man durchs Leben kommt.
Und der Mond hing so tief. Dichter
überm Horizont. Und meine Arme
Hatten exakt die richtige Länge
Für Umarmungen. Und die Krater könnten
ein Lächeln
Bilden
Wie in einem alten Gesicht.
Es ist Alles eine Frage
Der Interpretation.
Herr Mahler kauft sich einen Regenschirm
Am 12. Juni 1909
kaufte Gustav Mahler sich
einen Regenschirm.
Wenn das nicht
ein Gedicht ist
weiß ich es auch nicht.
Aber ich weiß
ohnehin nicht
viel.
Am selben Tag
ließ er sich
die Haare schneiden.
Und das macht
vielleicht schon wieder
Alles kaputt.
So oder so –
es ist
wahr.
Die Anmache
»Mach mich nicht an!«
schien die Musik zu sagen.
In der Maske der Vernunft.
Doch ich wollte nicht
auf sie hören.
Ich musste sie hören.
Also machte ich sie an.
Dann sah ich sie.
Die Musik – in Gestalt der Frau.
Die Maske lag am Boden.
Die Frau stand da
in hellen Hauttönen.
Wie hätte ich sie nicht anmachen können?
Die Erinnerung war zu stark.
Irgendwie auch romantisch
Man brennt für jemanden.
Und irgendwann
auch eine CD.
Für sich selbst
macht man eine Kopie.
Die bleibt
im eigenen Auto.
Irgendwann
ist es vorbei.
Mit der Brennerei.
Man fährt zu jemand anderem.
Und die Laufzeit der alten Kopie
reicht exakt für die Strecke dorthin.
Wenn man die richtige
Geschwindigkeit einhält.
Die alte Musikkassette
Es gibt sie schon seit langer Zeit
nicht mehr –
diese Musikkassette
aus
meiner Vergangenheit. Es gibt nicht einmal mehr
ein Abspielgerät in meinem Auto, das auch
ein anderes ist
als damals. Alles
ist anders. (Überholte Technik.) Selbst
ich
vielleicht?
Nein, das ist nur Schein. Eine Täuschung. Ich
bin weniger. Gleich. Und mehr. Zugleich.
Ich erinnere mich
nicht mehr,
welche Songs auf dieser Kassette waren –
also auch nicht an die Reihenfolge,
in der ich sie hörte – wenn ich unterwegs war.
Wohin auch immer.
Bei Musikkassetten gibt es keine
zufällige Wiedergabe.
Man weiß immer, was einen als Nächstes erwartet. Wenn man sie kennt.
Manchmal war das gut, und manchmal nicht.
Manchmal war nicht gut, was als Nächstes kam,
und manchmal war es nicht gut, zu wissen, was kommen würde.
Manchmal beides. (Was bedeutet, dass man sich
manchmal sogar freute – auf das, was nicht gut war.)
Man hatte die Möglichkeit
vor- oder zurück-
zu spulen…….
Dass das gefährlich sein konnte
während der Fahrt, war mir
gleichgültig. Aber es war mir meist
zu umständlich. Und beinahe
nie traf ich exakt
Anfang oder Ende
– wenn ich es doch
einmal tat.
Und jetzt habe ich also vergessen:
Welche Lieder. Welche Reihenfolge.
Und doch:
zuweilen höre ich 1 dieser Lieder wieder –
irgendwo – durch Zufall (wenn es Zufall ist) –
& wenn es zu Ende geht, erwarte ich
nach einem kurzen Moment
der Stille
etwas ganz Bestimmtes.
Ich erwarte, einen ganz bestimmten Song zu hören.
Fast höre ich ihn schon. Tatsächlich. In mir.
Ein Teil der vergessenen Reihenfolge ist wieder da!
Ich erinnere mich. Doch
er kommt nicht – dieser eine, bestimmte. Er kommt
niemals. Dieser Zufall (wenn es Zufall wäre) wäre
zu groß.
Zu groß: die Zahl der Möglichkeiten
in einer Welt voller Lieder.
Zu klein: der Ausschnitt davon
auf der Musikkassette.
Es kommt: immer ein anderer.
Und käme der ›richtige‹ Song einmal doch,
würde man vielleicht wahnsinnig werden.
Und da das nächste Lied nicht kommt,
erinnert man sich nicht an das übernächste.
Ach, es ist
& bleibt
kompliziert.
Und die Kassette war
ein Geschenk.
Vielleicht wäre es besser
nicht
darüber
nach zu
denken. So
wie Die
jenigen, die meinen, es ginge
hier
um
Musik.
Nähe
Das Ende
war ausgefranst. Ich
bekam den Faden,
den ich schon 4 Mal verflucht hatte,
einfach
nicht durchs Nadeløhr.
Also
machte ich einen sauberen
Schnitt.
Dann ging’s.
Die Nadel stach mich
noch kurz, doch es ging
nicht tief.
Es floss kein Blut,
und im Radio spielten sie unser Lied.
Anschließend kam
die Werbung –
& ich biss
den Faden
ab.
Film: orale Bekreuzigung
Ich filmte sie
mit meinen Augen
Blende: auf
Verblendung ein
gestellt
Schärfe: gestochen
scharf
im Fokus: die Frau
Sie kommt zurück
aus dem Bad
zurück ins Schlafzimmer
die Klospülung rauscht
im Hintergrund
Die Frau: nackt im Licht der Kerzen
im Licht der bunten Lampe im Bücherregal
Die Decke liegt am Boden
Ich liege entspannt & ausgebreitet
da
Sie kommt
ins feuchte Bett
5 Küsse gibt sie mir
in rascher Folge:
Schwanz, Bauchnabel, beide Brustwarzen, Mund
Ich grinse
denke irgendwas wie: orale Bekreuzigung
Sünde! Sünde! hahaha
& dann liegt sie neben mir
entspannt
Es läuft
Musik
Wir schauen an die Decke
Und irgendwann
ein paar Songs später:
ich richte mich auf
um sie zu küssen
von oben herab
& ihre Augen schwimmen
»Was ist?«
»Ich werde nie das sein, was du brauchst
& was du dir wünscht.«
»Nicht doch – so’n Quatsch, das bist du
doch schon jetzt.«
»Nein,
lass es
dir gesagt
sein.«
Rückblende:
eine Nachricht von ihr
aus der Zeit als ich sie nur auf Fotos gesehen hatte,
auf Fotos, die ein Anderer ‚geschossen’ hatte –
›Warnung: ich mache es immer wieder selber kaputt.
Weil ich bin. Wie ich bin. Übel.‹
Ich hatte sie aus
geblendet. Diese Warnung.
Und das war gut
so.
Was würde man alles verpassen,
wenn man sich um Warnungen kümmern würde!
Orale Bekreuzigungen
zum Beispiel.
Oder sie: [Replay:]
Sie kommt zurück
nackt im Licht der Kerzen
im bunten Licht der Lampe zwischen den Büchern
etwas rauscht
im Hintergrund
(Auch das hatte sie mir geschrieben, früher:
›Du bist mein Hintergrundrauschen.‹)
die Klospülung
verstummt
es läuft
Musik
wir schauen an die Decke
Abblende
Jazz oder Easy Listening?
Manchmal, beim Zuhören,
verwechselte sie Jazz & Easy Listening
miteinander.
Natürlich: die Grenzen sind fließend.
Noch fließender fürs ungeschulte Ohr.
Sie verwechselte zumeist
das Schwierige mit dem Einfachen –
als wäre das scheinbar Einfache nicht schwierig.
Das erinnert mich
an unsere Gespräche. Wenn sie
mir zuhörte. Wenn ich
ihr zuhörte.
Fließende Grenzen
zwischen Worten & Schweigen
zwischen dem Schweren & dem Leichten
dem Einfachen & dem Schwierigen
Fließende Grenzen
Miteinander
Ineinander
verfließend
& dann
verflossen.
Spiel oder Abspiel
Ich notierte mir einen Einfall.
Spielte mit ihm. Und dem Bleistift.
Und den Gedanken, die folgten.
Leises Kratzen auf Papier.
In der Ferne hörte ich Klaviermusik.
Dann tippte ich irgendwas.
Wieder Gedanken.
Leise Berührung der Tasten.
Und ich fragte mich:
Spielt dort jemand selber?
Oder wird nur abgespielt, was
Jemand Anderer eingespielt hat?
Sang- & klangvoll
Sang- & klangvoll möchte ich
sterben
Mit der seltsam-schmerzlichen Note
einer Saite, die
reißt – in der Stille der Nacht
& jeden erschreckt
der in der Nähe ist
Und wer zu dicht bei ihr steht
könnte verletzt werden
durch den Riss
der Saite
War sie überspannt?
War es Ermüdung?
Einerlei!
Niemand wird mehr auf ihr spielen
Aber so mancher Ton
der von ihr kam in der Vergangenheit
wird fortklingen
im dem ein- oder anderen
Ohr
In dem ein- oder anderen
Gedächtnis
Ein Echo der Erinnerung
Der weite Weg vom 100sten ins 1000ste
Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Plötzlich war er da. Und ich ging. Auf ihm.
In einem fremden Land. In der Erinnerung.
Ich kleiner Junge, der mir fremd ist, in
gewisser Weise. Nach all dieser Zeit. Die
man die vergangene nennt. Mal
trödelte ich hinterher; mal
lief ich voraus.
Mit der leeren Milchkanne in der Hand;
sie war leicht; aus Plastik; schlenkerte;
leuchtendes Weiß im Sonnenlicht, Griff & Deckel
in hellem Blau. Meine Brüder gingen denselben Weg,
umkreisten die Mutter. Keine Autos, nur Landschaft;
ein Weg ohne Gehsteig, von feinem Sand bestäubt;
links & rechts Wiesen, in der Ferne der Saum eines Waldes. Alles wild. Wuchernd.
Wie ich manchmal. Heiß war die Luft – & bewegt von einem leichten Wind.
Anders als zu Hause. Mit einem Hauch von Salz. Ich erinnere mich
an die Lupinen, die ich sah. Weil ich dabei an Fix & Foxi denken musste.
(Wölfchen & Lupinchen.)
Der Weg war weit – bis zu dem Hof, wo wir die frische Milch bekamen; so
erschien es zumindest meinen kurzen Beinen in den noch kürzeren Hosen.
Wir gingen & gingen; manchmal schloss ich auf –
zu den anderen; dann wieder setzte ich mich ab, so dass man nach mir rief.
Ich erinnere mich nur an Weite & Leere auf diesem Weg; an fremde Menschen
erinnere ich mich nicht. Und dann waren wir
an einem Strand. Und die Milchkanne war fort.
Mein Vater besaß ein großes graues Schlauchboot, mit dem man
segeln konnte. Und in der Ferne sahen wir das weiße, spitzwinklige Tuch auf dem Meer. Winzig über der flirrend blendenden Oberfläche. Ich suchte glattgespülte Steine im klaren Wasser, und irgendwann sah ich
das Dreieck kippen. Mein Vater war ein guter Schwimmer. Also wurde gelacht.
Und ich sang: »Junge, komm bald wieder«. Dann wurde noch mehr gelacht.
Meer & Himmel in hellem Blau …. Wolken & Segel in leuchtendem Weiß ….
Und dies war die erste Schallplatte gewesen, die ich mir gewünscht & bekommen hatte. Das also war der Musikgeschmack des kleinen Fremden. ›Junge, komm bald wieder‹. Es könnte dem Erwachsenen fast peinlich sein, das zu erwähnen. Wenn er gedankenlos wäre.
›Ich schlich mich heimlich fort – als Mutter schlief.‹ Eine Zeile voller Sehnsucht & Grusel. Fort. Fort. Flucht. Einsamkeit. Fern von zu Hause. Und es war ganz still, und ich war allein in der nächtlichen Hotelhalle, und ich arbeitete am Empfang oder las vielleicht ein Buch, und dann legte ich die Arbeit oder das Buch beiseite, und
Freddy Quinn gab mir ein ordentliches Trinkgeld & sagte:
»Weil Sie so nett waren«; dabei hatte ich mich nur daran erinnert, was er beim
letzten Besuch, vor vielleicht 7 oder 8 Jahren, zum Frühstück geordert hatte,
das wunderte ihn offenbar, da er sich
an mich nicht erinnern konnte, und weil er ja nichts ahnte – von diesem Strand & meiner ersten Platte & dem kenternden Vater & dem Gelächter & meinem Gesang; und er konnte ja nichts ahnen von jenem späten Abend – als
der Vater in unser Zimmer kam, um Gute Nacht zu sagen…. Er hatte gerade einen Film mit Freddy Quinn gesehen, und er war gut gelaunt, sang selber ein Lied aus diesem Film & machte einen Witz, über den wir lange lachen mussten. Und als er den Raum verlassen hatte & es dunkel war, sagte derjenige meiner beiden Brüder, mit dem ich mir diesen Raum teilte & der oben im Etagenbett lag: »Warum hat er nicht immer so gute Laune?« Und das war ein Satz voller Traurigkeit; einer Traurigkeit, die wir beide spürten wie einen Schlag. Wie einen Schlag von vielen – während wir noch immer lächeln mussten. Und Freddy Quinn sagte: »Hat das Zimmer einen Fernseher? Ich brauche unbedingt einen Fernseher, um einschlafen zu können.« Natürlich hatte es einen Fernseher. Aber es ist lange her, und wer weiß, was für Hotels er schon gesehen hatte in seinem Leben. Dann sagte er »Gute Nacht« & fuhr mit dem Aufzug nach oben. Während ich hinunter ging
zum Strand. In meinem kindlichen Aufzug. Den kurzen Hosen. Den durchsichtigen
Strandschuhen aus Plastik. Die ich trug, weil ich es hasste, auf Steine zu treten. Steine, die spitz, und nicht glattgespült waren. Und dann war die Milchkanne gefüllt. Und schwer. Und schlenkerte nicht mehr. Und von dem Trinkgeld,
das Freddy Quinn mir gegeben hatte, kaufte ich mir
Schnaps & soff mich besinnungs- & erinnerungslos. Fix & Foxi.
Niemand kommt wieder.
Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Es gab ihn nicht. Nicht so.
Es gab ihn nicht – bis
ich mich an ihn erinnerte.
Er war – viele Wege.
Warum erinnerte ich mich – in dem Moment
als ich mich erinnerte?
Würde ich darüber nachdenken, würde ich
wohl darauf kommen. Aber
ich brauche es nicht
zu wissen. Nicht
zu wissen – auf meinem Weg
vom 100sten ins
1000ste.
Wetter
Ich hasse lautes Wetter.
Also hasse ich Gewitter.
Ich hasse Regen, weil er plätschert.
Ich hasse Schnee, weil er geschippt wird; das macht Krach.
Ich hasse Sonne, weil dann zu viele Menschen draußen sind,
die Lärm machen.
Ich hasse Wind, weil er heult.
Jetzt wird’s schwierig. Was bleibt da noch?
Schnee & Sonne wären ganz okay,
wenn da nicht die Menschen wären.
Man kann sie nicht erschießen.
Denn auch das macht Krach.
Und näher möchte ich den meisten nicht kommen.
Was bleibt –
ist die Musik
& so manche Nacht.
Zähneklappern
Manchmal
wenn ich draußen bin
klappert’s drinnen
in meinem Mund.
Immerhin: es sind meine eigenen Zähne
die da klappern…..
Nicht aus Furcht. Zumeist.
klapperklapperklapperklapper!
Und manchmal denke ich dann
an Chet Baker & all die Schneide- & anderen Zähne
die ihm fehlten.
My funny Valentine.
Man konnte es hören
in seinen späten Gesängen.
Vor seinem Fenstersturz.
Funny? – Bloody! – My bloody Valentine.
So sind sie: meine Assoziationen, meine Einfälle
& Erinnerungen. A thousand tumultuous recollections.
Und da ist dieser Film über Horst Janssen –
Ego heißt er (einer der besten Titel überhaupt) –
& Janssen sagt an einer Stelle: »Ich sollte
mir neue Zähne machen lassen«
oder so ähnlich; und sein lispelnder Mund, der
beinahe zahnlos grinst, erinnert mich
jedesmal an Chet Baker & Wolfgang Neuss.
Alkohol, Drogen, Schlägereien…..
Neue Zähne haben sie sich nicht machen lassen,
sofern ich mich nicht irre.
Wenn mir besonders kalt ist, nehme ich
ein Bad – & höre Chet Baker.
Und das Bad ist immer zu heiß. So heiß
dass ich Kopfschmerzen bekomme. So ist das
mit der Nostalgie.
Ich wurde schon als Kind zu heiß gebadet –
befürchte ich. Zumindest hatte ich oft Kopfschmerzen.
Das ist eigentlich ein anderes Thema – aber was soll’s.
So sind sie: meine Assoziationen.
Eingefallene Wangen…..
Niemand hat die Dichter gezeichnet
wie Janssen. Ich liebe seinen Poe.
Komm, leg dich zu mir
in die Badewanne,
Berenice! Und zeig mir deinen.
Die Whist-Wut des Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Ja ja, ich weiß:
Sein Leben war tragisch,
sagt man.
Aber ich bin noch nicht am Ende
seines Tagebuchs.
Ich liege im Bett; bin
am Anfang. Und
ich muss lachen –
immer wieder.
16. April – Whist zu dritt mit Flegont. Hatte unglaubliches Pech.
17. April – Whist zu viert mit mit Roman Jefimowitsch und Flegont.
Hatte sehr großes Pech.
18. April – Whist.
19. April – Whist gespielt. Ärgerte mich über mein Pech.
20. April – Whist zu zweit mit Flegont. Glück gehabt, aber trotzdem langweilig.
21. April – Abends Whist zu viert.
22. April – Abends Whist zu fünft. Hatte Pech und war schrecklich wütend.
23. April – Whist in zwei Partien.
24. April – Lese nichts, weiß nichts. Nur für Whist vergeude ich eine Unmasse
wertvoller Zeit.
25. April – Whist. War gereizt, aber weniger als gestern.
26. April – Whist zu dritt. Ach, ist das ein Leben!
28. April – Dieser Whist zu dritt geht mir derart auf die Nerven, daß ich
zu fürchten beginne, dies könnte sich auf meine Gesundheit auswirken.
Habe mich wieder bis zur Raserei geärgert und in Haß hineingesteigert.
Aber nicht mitzuspielen – dazu fehlt mir die Kraft. […] Nach dem Abendessen
Whist, der mich sehr erzürnte.
30. April – Wozu spiele ich bloß Whist? Außer Verstimmung und Wut
bringt das doch nichts.
1. Mai – Nach dem Abendessen Whist mit Roman Jefimowitsch. Habe
mich sehr geärgert, wurde aber sehr nervös. Haben bis 1 Uhr nachts
Whist gespielt.
6. Mai – Whist gab’s überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, Whist ist für mich fast
eine Notwendigkeit – eigentlich peinlich.
So geht es weiter. Immer weiter.
Manchmal gewann er auch.
Ich hasse Spiele. Aber
das erwähnte ich schon.
Auf meinem Plattenspieler dreht sich
eine Schallplatte meiner Mutter.
1. Klavierkonzert in b-Moll op. 23
Eine Erinnerung aus früher Kindheit.
Meiner Kindheit.
Sie ist sehr
verkratzt.
Ja. Sein Leben
war tragisch.
Die Styropordecke
„In niedrigen Räumen werden auch
die Gedanken niedrig.“
behauptet Dostojewski.
Der Kellerraum, in dem ich
den Großteil meiner Jugend verbrachte, war
sehr niedrig.
Die Decke war
mit Styroporplatten verkleidet.
Dennoch
war mir Alles zu laut.
Ich selber:
ebenfalls zu laut.
Für die Anderen
& für mich.
Es pfiff in meinen Ohren –
noch Stunden nachdem ich
den Verstärker ausgeschaltet hatte.
100 Watt
in einem kleinen Raum voller Bücher.
Die Styropordecke war mein Kerbholz.
Man sah die Schmisse, die die Gitarren hinterließen,
wenn ich sie mir, ohne aufzupassen, umhängte.
Nach der Decke strecken konnte man sich nicht
in diesem Raum. Allenfalls
im Sitzen. Stand man
aufrecht, mussten die Arme nach oben hin
angewinkelt bleiben (zwischen den kantigen Spuren der Instrumente sah man
die weichrunden Vertiefungen meiner Fingerkuppen…..)
Ursprünglich waren die Platten
weiß gewesen. Später waren sie
gebräunt vom Tabaksqualm.
Über Allem:
Schritte & Klopfen.
Meine Gedanken waren
niedrig, wenn sie niedrig sein wollten;
hoch, wenn sie hoch sein wollten.
Die Träume schienen unendlich,
wann immer ich es wollte.
Die Erwartungen waren
Ungeheuer;
die Enttäuschungen
gigantisch.
Es passte Alles
in diesen kleinen, niedrigen Raum –
in dem ich meist
allein war.
Ein Glücksfall?
Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann….
Nach dem Auftritt saßen die 3
in der Hotelbar. Wie üblich
war ich nicht im Konzert gewesen; ich
musste arbeiten. Neben der Bar. An
der Rezeption.
(So ist es ja fast immer: man könnte
Freikarten bekommen, aber der Grund,
weshalb man sie bekommen würde, ist
derselbe, weshalb man sie nicht nutzen könnte.
Wie tiefsinnig!)
Mangelsdorff ging aufs Klo.
Volker Kriegel & Wolfgang Dauner saßen an der Theke.
Dauner fing an über Zettel’s Traum zu reden.
Irgend etwas Oberflächliches.
Eigentlich mag ich es nicht, wenn Andere
über meine Schätze reden. Es ist
eine Art von Eifersucht.
Andererseits empfand ich es als
bemerkenswerten Zufall, dass sie ausgerechnet
in einem Hotel gelandet waren, wo der
Nachtportier dieses Buch gelesen hatte.
Außerdem hatte ich in meiner Jugend keine
von Dauners TV-Sendungen über den Jazz verpasst.
Kriegel war schwer zu verstehen.
Er hatte Kehlkopfkrebs.
Sein Gitarrenstil hatte mich nie vom Hocker gehauen,
aber ich mochte seine Zeichnungen.
Ich erledigte also meine öden kleinen Aufgaben,
hörte zu, und
Mangelsdorff kam zurück vom Klo.
Das war’s auch schon.
Sie wussten kaum, dass ich da war.
Sie wussten nicht, was ich wusste,
Sie wussten nicht, dass ich zuhörte.
Als ich von Kriegels Tod erfuhr, dachte ich:
Scheißkrebs! – Wie immer.
Erst lange Zeit später las ich, dass er
einem Herzinfarkt erlegen war.
Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann DAS!
Eigentlich
ein Glücksfall.
Vermute ich.
Mangelsdorff starb ein paar Jahre später.
An Leukämie.
Dauner lebt noch.
Glaube ich.
Ich lebe noch.
Glaube ich.
So funktioniert’s – oder auch nicht
Ein Mädchen spielt
Saxophon
irgend
wo
wann
wie
Ich kann es sehen & hören
obwohl mir
Hören & Sehen
längst vergangen sind
& ich das Mädchen nicht kenne
Ein Kater namens Leo
den ich Adolf nenne
öffnet eine Kühlschranktür
& hört das Spiel
Nicht jeder muss das verstehen.
Ich weiß, es gibt
mindestens 1 Menschen,
der es könnte.
Vielleicht niemand sonst.
Doch das ist bedeutungslos.
Selbst
wenn dieser 1 Mensch
Es niemals lesen sollte –
Es steht
geschrieben
& nur das
zählt
1
2
3
Der Sinn liegt
wo
anders.
Der Unsinn
löffelt
Ihn
So funktioniert
Poe
Sie.
Ohne Musik-Begleitung
Bei der Beerdigung
deiner Träume
gibt es nicht einmal mehr
Musik
Keine Begleitung
von Harmonien
frisst die
Stille
Lebendig begraben
in derselben Mördergrube
schweigen die
Hoffnungen.
Die Stimmung
Die Saiten wurden gestimmt
in der Wärme.
Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
richtig.
Dann wurde es kalt.
Sie verzogen sich.
Niemand stimmte
die Saiten erneut.
Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
falsch.
Unser Lied.
Der Klingelton
In der Vergangenheit war ich
der Klingelton einer Frau.
Eine alte Aufnahme
meines Gitarrengeklimpers
auf ihrem Handy. Aus
einer noch ferneren Vergangenheit –
als meine Fingerkuppen noch
eine Hornhaut hatten.
Sie liebte das Geräusch
des Umgreifens – das Quietschen
zwischen den Akkorden. Und mich. Und je
neuer die Saiten, desto besser
& lauter.
Manchmal hörte ich mich spielen,
während ich auf ihr herumspielte; oder
ihre Zunge dort war, wo sie immer hätte sein sollen.
Dann war ich mir selbst
eine ärgerliche Unterbrechung; und sie
sprach mit Anderen.
Doch wenn sie fort war
– egal wo –
wusste ich, ich war
so etwas wie
die Hintergrundmusik ihres Tages.
Immer da – mit meinem amateurhaften Begreifen
der Saiten.
Heute
hat sie ein anderes Handy
& einen anderen Klingelton.
Irgendeine Konserve. Von Fremden.
Es hätte keinen Sinn
sie anzurufen.
Entweder wäre besetzt, oder
sie ginge nicht ran. Kein
Klingelton erinnerte sie
an mich. Keine Harmonie.
Und außerdem
habe ich schon lange keine
Hornhaut mehr. Und
keine Lust mehr
zu spielen.
(Das Klingeltongeklimper:)
Hau mir ab mit Connie Francis!
Der Fusel verzog sein Gesicht.
Soll heißen: Der Mann verzog sein Gesicht, als
er den Fusel in sich hineinschüttete.
(Immer diese Mehrdeutigkeit
der Sprache! Immer diese Mißverständnisse.)
Eigentlich hätte ich
dieser Mann sein sollen.
Billigen Liebeskummer ersäuft man am besten
mit billigem Schnaps.
Grüner Tee ist da eher nutzlos
& uncool – aber
wäre ich dieser Mann gewesen,
hätte ich keinen Liebeskummer gehabt; dann
wäre der Grüne Tee angemessen gewesen, aber
ich hätte ihn nicht getrunken….
Ach, was weiß denn ich. Es ist kompliziert.
Ich war schon bei der zweiten Kanne; draußen
war es längst dunkel, und jedes Möbelstück in meinem Haus
sah aus, als sei es von IHR berührt worden. Wie ich.
Die leise Rieselmusik aus dem Radio barg die Gefahr in sich,
dass jederzeit das falsche Lied gespielt werden konnte; in
Phasen wie diesen ist es daher gut, wenn Unser Lied
niemals ein Hit war. Das erhöht die Chancen
davonzukommen.
Die Konversation stockte.
Ich hatte ohnehin schon genug gesagt. Eigentlich
habe ich immer das Gefühl, genug gesagt zu haben –
selbst wenn ich schweige. Und da ich
mir ständig widerspreche, sagte ich nun wieder etwas:
»Verdammt, ich möchte auch mal Glück haben. Und
ich meine nicht: im Spiel. Ich hasse Spiele!«
»Du redest wie ein Besoffener«, sagte er.
»Das ist das Gute«, sagte ich, »nach Jahrzehnten
der Sauferei braucht man keinen Alkohol mehr, um
zu denken, zu fühlen & zu reden wie ein Besoffener.
Man hat alle Zustände in sich gespeichert.«
»Na, Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke.« Ich stellte die Tasse ab
als sei sie ein leeres Whiskyglas. Das erschien mir
lächerlich. Und daher
passend.
In dem Spiegel, der neben dem Bücherregal hing,
konnte ich nur mich sehen. Ich war allein
in seinem Bild. Und natürlich
kam mir der Gedanke:
Dieses Spiegelbild entspricht der Wahrheit mehr
als die Wirklichkeit.
Alles
eine Sache des
Blickwinkels.
Die Stimme des Mannes, der
ich hätte sein sollen, klang
unsicher.
»Und überhaupt«, sagte er, »das ist doch
alles Quatsch – Glück, Pech, Liebe, Spiel.…
Dieses alberne Sprichwort. Glück & Pech kann man
zur Not ja noch auseinanderhalten, aber Liebe
& Spiel?«
»Du meinst Liebesspiel?«
»Ich meine gar nichts.«
»Jetzt redest du wie ein Besoffener.«
»Das ist korrekt«, sagte er. Und stellte das Whiskyglas ab
wie ein Whiskyglas. Daraufhin
fing er zu singen an – über das Radiogeriesel hinweg:
»Die Liiieebe ist ein sääältsames Spiieel….«
»Aufhören!«
Er sang noch: »Sie kommt…« Dann verstummte er.
»Oh verdammt«, sagte ich, »hau mir bloß ab mit Connie Francis.
Dies ist nicht der Augenblick für Schlager.«
Er grinste.
Eigentlich fand ich
es auch ganz amüsant. Und in meiner Kindheit
hatte ich dieses Lied durchaus gemocht.
Wahrscheinlich war es für manche Paare
Unser Lied gewesen. Arme Schweine. Auch sie.
»Wart’s ab«, sagte er – plötzlich ganz ernst, »sie
wird zurückkommen.«
»Na sicher.«
»Ja, Mann. Echt, Mann. Denk nur an all die Zufälle, die
keine waren. Ihr gehört zusammen…. selbst wenn ihr
nicht zusammen passt…. Da beisst kein Faden…. also, die Maus….
Ach, du weißt schon, was ich meine.«
»Na sicher.«
»Wahrscheinlich…. wahrscheinlich hat das Ganze sie
unbewusst ein bisschen erschreckt…. & deshalb isse auf
Distanz gegangen…. Wart’s nur ab.«
»Westentaschenpsychologie«, sagte ich, »sehr gut.«
»Na immerhin«, sagte er, »besser als nix. Besser als
Selbstmitleid. Besser als irgendwelche Scheißgedichte, die
alles nur schlimmer machen.«
»Du hast zuviel getrunken«, sagte ich.
»Du auch. Immer schon.«
Grün ist ihre Lieblingsfarbe – fiel mir ein.
Ich schaute in den Spiegel. Ohne mich anzusehen.
Wie oft war Sie an ihm vorübergegangen…..
Lachend. Nackt. Selbstbewusst.
Vielleicht hatte sie ihn berührt. Wie mich.
Ihr Bild hätte darin
gefangen sein sollen. Doch da war
nichts.
Womöglich hatte er recht.
Nicht der Spiegel.
(Immer diese Mehrdeutigkeit der Sprache! Immer
diese Mißverständnisse.)
Nein, nicht der Spiegel –
der Mann, der im Spiegel
nicht zu sehen war.
So wie Sie.
Shuffle
Unterwegs.
Irgendwo.
Egal wo.
Ich höre
Musik.
Es läuft
eine Wiedergabeliste
im Shufflemodus…..
Die Liste
ist immer länger geworden,
angewachsen
über viele Jahre hinweg.
Und sie wächst weiter.
Stetig.
Mit halbem Gehirn höre ich
die Musik…..
Mit der anderen Hälfte versuche ich
das Muster des Zufalls zu erkennen.
Es muss eines geben.
Ich weiß, das es eins gibt –
denn als die Liste kürzer war,
fand ich es heraus….
immer wieder.
(Oder war es Zufall –
ein anderer Zufall, der mich glauben ließ,
es herausgefunden zu haben?)
Unterwegs.
Irgendwo.
Egal wo.
Im Leben.
Ich versuche,
das Muster zu erkennen.
Sollte ich es finden
– durch Denken oder durch Zufall -,
werde ich wissen,
was als Nächstes kommt.
Was
am Ende
kommt,
weiß ich
ohne
hin.
Ein Rätsel
Niemand wusste, woher sie gekommen war.
Niemand ahnte, wie sie sich Zutritt verschafft hatte.
Was sie im Schilde führte, war abzusehen –
Diebstahl & Mord.
Wie beinahe immer.
Die Zahl ihrer Verbrechen war Legion;
niemand lebte mehr, der sich an das älteste hätte erinnern können,
niemand würde das Ende ihrer Untaten noch erleben.
Sie bricht ein in die Häuser der Reichen,
legt sich in die Betten der Liebenden,
raubt & tötet
Alles
was unersetzlich ist.
Zurück läßt sie
dort
Nichts
als
Unglück
Sehnsucht
Verderben.
Und als die Menschen begriffen,
was geschehen war,
war es zu spät.
† † †
Nur manchmal
– vergleichsweise selten –
setzt sie sich an den Tisch des Dichters
räkelte sie sich auf dem Flügel des Komponisten
wird sie die Hand des Künstlers leiten…..
Und ihre bloße Anwesenheit
führt zur Erschaffung dessen
was bleibt –
zur Erschaffung dessen
was weder geraubt, noch getötet werden kann.
Eine Art von Wiedergutmachung.
Sie gehorcht niemandem.
Doch dem Philosophen
gelingt es
ab & an
sie aus dem Haus zu denken.
* * *
Die Frau richtete
sich auf. Der Mann betrachtete
liegend ihren Rücken.
Sie zündete sich eine Zigarette an.
»Es wird mir zu viel«, sagte sie.
»Zuviel«, wiederholte er, »natürlich.«
»Ja. Es ist so kompliziert, wie es nie werden sollte.«
Der Mann schwieg.
Und von 1000 Gedanken in seinem Kopf galten 999 dem,
was hätte sein können – & einer dem,
was war.
Kein einziger galt
der Vergangenheit.
Der einsamen Vergangenheit.
Er sagte: »Was daran kompliziert sein soll – ist mir
ein Rätsel.«
Sie sagte: »Dein Verhalten ist mir
ein Rätsel.«
* * *
Ich sitze am Schreibtisch,
lese was ich geschrieben habe –
& es gefällt mir nicht.
Ich sollte es wegwerfen.
Dass ich es nicht tue, ist mir
ein Rätsel.
Niemand sonst sitzt an meinem Tisch.
Jemand hat das Haus verlassen.
Denke ich.
Verschimmelte Kirschen
Das Licht geht an
im Kühlschrank.
Die Cocktailkirschen sind verschimmelt, und
im Glas mit den kernlosen Oliven schwimmen
weiße Flocken;
die Flüssigkeit ist trübe.
Ich friere.
Mir fällt nichts ein.
Die Ideen sind weg;
die Musik klingt anders.
Nichts tanzt.
Und das Essen schmeckt
langweilig.
Zigarren vertrocknen;
die Gesichter & Phantasien des Rauchs
haben sich verzogen.
Wo bin ich?
Wo ist der versoffene Kettenraucher –
mein Kern?
Er ruht sich aus.
Er reist
durch die Einöde der Enthaltsamkeit,
sammelt Kräfte
für später
& empfindet
Heimweh –
eine andere Art von
Kater.
Nichts Neues.
Er wird den Weg zurück
finden.
So wie er ihn immer gefunden hat.
Aus Sehnsucht.
Das Rot der Kirschen
soll leuchten.
Das Grün der Oliven
soll glänzen.
Klare Flüssigkeiten, in denen
die Musik Wellen schlägt.
Das Licht geht aus
im Kühlschrank.
Die trübe Quelle
Die Literatur
Die Musik
Die Kunst
Die Philosophie
die rein ist &
klar
kommt
so oft
gefiltert
aus einer Quelle
die getrübt ist
Getrübt von
all den Unfähigkeiten
die unsichtbar
in ihr ver-
Wesen
im Unter-
Grund
Die Unfähigkeit
im Alltag zu funktionieren
Die Unfähigkeit
an anderes zu denken
Die Unfähigkeit
seinen Geist zu vermarkten
Die Unfähigkeit
sein Leben zu meistern
Und tiefer noch
als im Untergrund
eitern die Wunden
die niemals verheilen
& ein Scheitern
verseucht das Leben
Die Menschen stehen
so oft
be-
wundernd
vor der sprudelnden Klarheit
verstehen vielleicht
nicht einmal
diese
& schütteln
betrübt
& angeekelt
den Kopf
ohne jedes Verständnis
im Angesicht der Quelle
Peanuts
Ich hatte wohl beiläufig erwähnt, wie sehr ich
die Peanuts liebte – & dass ich 2 Paar Socken
mit Snoopy-Aufdruck besaß
(in Grau, aus grauer Vorzeit).
Der Sommer ging allmählich zuende; es wurde kühler.
Die Frau trug einen Rock, der
meine Handbreit über den Knien aufhörte.
Sie ging ins Wohnzimmer, zog ihre Schuhe &
ihre dünne Jacke aus & stellte ihre Tasche ab.
»Ich habe heute übrigens was drunter«, sagte sie.
»Ach – das ist ja mal ganz was Neues«, sagte ich, »so
kalt isses doch noch gar nicht.«
Ein Lächelblitz aus blauen Augen. »Schau nach.«
Ich ging zu ihr, bückte mich & schob
lang-
sam
ihren Rock hoch.
Da waren sie (vereint auf violettem Stoff, vorne):
Snoopy & Woodstock!
»Süß«, sagte ich, »lässt Du mir das hier?«
»Sicher.«
»Dann ab mit uns unter die Kuscheldecke.«
Kleidungsstücke waren zufällig
auf den Boden des Schlafzimmers gefallen; nur
das Höschen
hing ordentlich über der Stuhllehne.
Der Hund lag auf dem Rücken; die Augen geschlossen.
Jetzt war sie blond wie Woodstock, doch
in der Vergangenheit
war auch sie ein
kleines rothaariges Mädchen
gewesen.
Ein Mädchen mit Sommersprossen.
Und weil
manchmal
einfach
Alles
passt,
lief
die Mondscheinsonate,
als ich ihr
in den Hintern biss
(Glenn Gould allerdings –
& nicht
Schröder).
Lachen
Lecken
Lachen (mit langem aaaaaa) auf dem Laken
The Doctor is in
The Doctor is out
Sprechblasen
Gedanken-
blasen
Als sie wieder in ihr knallblaues Auto stieg,
wusste ich, was ihr fehlte
unterm Rock.
Und ich wusste, was
mir
fehlen würde ……
In den Tagen des Alleinseins
– das Vögelchen war ausgeflogen –
schnüffelte ich
nach dem Erwachen
& vor dem Einschlafen
an dem Höschen;
ich nahm Witterung auf,
denn auch ich
bin nur
ein Hund
ein Wolf
ein Tier
eine Art von
Comicfigur.
Nach & nach
wurde der Duft schwächer;
wie auf der Flucht.
Wir telefonierten.
»Wird höchste Zeit, dass Du wiederkommst«, sagte ich,
»ich habe alles inhaliert, was es zu inhalieren gab.
Snoopy hat Sehnsucht,
und was zu Knabbern brauch ich auch.«
»Nüsse?« sagte sie.
»Arsch«, sagte ich.
Es wurde noch kühler
draußen.
Noch heißer
in uns.
Und beim nächsten Mal trug sie
Jeans, die nur so knackten;
und irgendwann, unter der Decke,
sagte sie: »Ich laufe aus.«
Und ich dachte an das Meer,
an die Hohe See,
an ein Schiff, das ausläuft;
und ich wollte in See stechen,
hinaus auf das Meer Meer Meer ……
»Ich hab da was, womit Du Dich
abtrocknen kannst«, sagte ich.
Sie grinste.
«Schon klar«, sagte sie.
Snoopys Augen waren noch immer geschlossen,
als würde er es genießen, wie sie ihn
benutzte.
Und der Duft
würde wieder
für eine gewisse Zeit des Alleinseins
reichen.
Reichen, um zu
riechen –
zu schnuppern –
zu schnüffeln –
um zu träumen
wie ein Hund …..
Ein Hund, der
auf dem Dach seiner Hütte schläft.






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