Archiv der Kategorie: Erotik/Sex (eine Auswahl)

Die leuchtende Perle

Alle Sträucher, Hecken, Bäume
waren in geometrische Form gebracht.
7 Stunden Lärm vom Benzinmotor,
stummes Leid der Pflanzen.

»Ach du dickes Schaf«, flüsterte sie,
»Beete aus Kieselsteinen!
Wie furchtbar. Kalt, grau
& hässlich. Und diese Gipsfigur!«

»Ich blicke in das Gehirn des Nachbarn«, sagte ich.
»Ich würde da nicht wohnen wollen«, erwiderte sie.
»Du hättest viel Platz – in seinem Gehirn.«
Ein Lächeln, das neben mir spazierte.

Wäre ich er, würde ich hinter der Gardine stehen
und sehen, wie sie vorübergeht im Sommerkleid.
Dann würde sie gleichsam verschwinden
im Dschungel des Vorgartens.

Kegel, Kugeln, Zylinder –
was mögen die Tiere denken?
»Bei uns gibt’s einen neuen Hügel«, sagte sie.
»Ich weiß«, sagte ich. »Darunter

liegt der Maulwurf in seinem Bettchen
mit dem fluffigen Kissen & der dicken Decke.
Über ihm hängt eine leuchtende Perle,
und in ihrem Licht liest er ein rotes Buch

über ein Maulwurfmädchen.«
»Mo-mi-ta«, silbte sie. »Wo
kommt die Perle her?«
»Von einem kleinen Fisch,

den er vor einem großen gerettet hatte.
Zum Dank schenkte der Kleine ihm eine Muschel,
die außen schwarz und innen so rot war wie das Buch.«
»Jetzt erinnere ich mich wieder.«

Wir gingen nach Hause. Licht der Abendsonne.
Gleichschenklige Bewegung, parallele
Zehen in Sandalen. Nie kann man sich sattsehen.
Doch der Maulwurf trägt keine Brille.

Farbenfrohes flatterte im Garten
und saugte an dem, was Menschen Unkraut nennen.
»Was machst du jetzt?« fragte sie.
»Ich werde mich ins Bettchen legen

und auf das Leuchten warten.
Und du?« »Ich weiß
nicht. Vielleicht noch
etwas spielen.«

Ich bin ein Hochstapler
der Bücher. Ein bunter Turm
auf dem Nachttisch
könnte der Beweis sein.

Schwarzweiß flimmerte ein Film
auf mir. Körnige Bilder
& Werbung für Getreideflocken.
Sooo knusprig!

Ich drückte einen Knopf
und schlug ein Buch
auf. Seite 303 (leicht wellig).
Schiller? Na ja.

Als sie unter die Decke kam,
wurde es glatt & warm.
»Man könnte«, sagte sie,
»nachts in den Garten gehen

und schauen, ob es aus dem Hügel
gemütlich leuchtet. Was meinst du?«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Das lässt sich ändern. Hauptsache,

du bleibst lange bei mir.«
Ich nahm die Brille ab.
Der Schirm der Lampe war
ein weißer Zylinder.

»Natürlich«, sagte ich,
»du kennst doch die Floskel –
Unkraut vergeht nicht.« Unter
dem Plumeau blühte es dunkel.


Ein fröhliches Gedicht

Ich las ein trauriges Gedicht
in einem blauen Buch
voller Frauen, die lächelten.

Ihre Absätze hämmerten in meinem Kopf,
ihre Kleider rauschten wie Laub
& streiften die Möbel,

bis der Staub durch die Helligkeit
der Seiten regnete. Ich musste niesen
& sie alle ausziehen,

um zur Ruhe zu kommen.
Wie still es ist,
wenn nackte Frauen schweigen.

Sanfte Hügel,
lautloser Stoff,
farbenfrohe Entblätterung.

Jetzt ist es gut.

Ganz leise wandeln bloße Füße,
ganz langsam
schließe ich das Buch.


Ja, die Wissenschaft

»Du hättest Arzt werden sollen«, sagte sie, »Du hast
so sanfte Hände.« »Ja, als Kind dacht ich daran, ich
konnte so gut Blut sehen und mochte die

Operationen im Fernsehen. Aber letzten Endes
hätte ich doch nur Mädchenarzt werden wollen.«
Sie lachte. »Nicht

Tierarzt?« »Auch das. Aber nur
für Kleintiere. Wer will schon seinen Arm
im Arschloch einer Kuh versenken.

Lieber ein Kätzchen heilen,
oder einem Häschen die Löffel putzen.«
»Perverses Schwein!« Kichern.

Das Erklingen eines Klapses. Nach
Schwingen des Mondes.
Abendrot der Oberfläche.

Ȇberhaupt: die Wissenschaft!
Wie ein Kind sie sich vorstellt.
Astronomie! Da hätte ich

landen wollen mit meiner Rakete.« »Wo?«
»Na da.« »Oh – ha ha, das kitzelt.«
»Oder das Klima erforschen,

heiß & feucht in südlichen Regionen.
Und am Nordpol in einem Lächeln versinken.
Piepmätze beobachten, und

den Schlangen beim Züngeln zusehen.
Und dann erst die Meeresforschung! Wo
Lachmöwen kreischen, und

die Muräne schweigt.« »Na,
jetzt geht’s aber durch mit dir.«
»Das Gefühl habe ich auch.

Recht oft sogar. Mein Vater
war Zoologe. Das erklärt so Manches.
Eines Tages schenkte er mir ein Stethoskop.

Vermutlich kann ich deshalb so gut
zuhören.« »Apropos:
reich mir mal die Decke, du

Polarforscher – nicht dass
ich mich verkühle.« Da lag sie.
Am Boden. Ich dachte noch

kurz an die Lehre von den Vulkanen,
an Couchkunde & Mathematik
(10 + 4 + 19 + 5 + 7 + 15) x 1

Dann war die Sprechstunde vorüber.
Der Somnologe misst die Zeit
in Schweigeminuten.


Unter meiner Zeitlupe

Auf dem Motorroller
werden Schnecken zu Bienen,
heiß wird flott, es knattert,
es kracht, es spuckt & röhrt,
es raucht aus dem Auspuff,
oben ein Helm, unten ein Höschen
geöffnete Schenkel, nackt & glatt,
jedes Haar, das dort flimmern könnte,
ist wegrasiert. Alles vibriert.

Es ist so viel mehr
als Sex. So viel mehr
als Erotik. Es trifft mich
so tief im Kern
des Wesens, das nicht nur mein
eigenes ist. Berührt Bereiche,
die das Körperliche niemals
erreicht. Wehmut
& weltumspannende Freude.
Eine erträumte Jugend, die
niemand jemals haben kann.
Vergänglichkeit im schönsten Augenblick
des noch nicht Vergangenen.
Eine reine Idee. Von allem befreit.

Ja, es mag aussehen,
als stände da ein schmutziger alter Mann
an der Straße. Gleich wird ihm sicherlich
der Geifer aus dem Maul laufen, er wird sich
unsittlich berühren und sich vorstellen,
etwas Altes in etwas Junges zu stecken,
um sich aufzuladen.

Nein. Vielleicht stehe ich
noch einen kurzen, nachzitternden Moment
dort. Denke an die Vergeblichkeit
des Versuchs, Bilder in all ihren
Breiten, Tiefen. Längen &
unsichtbaren Dimensionen zu bewahren.
Spüre, dass ich schon nicht mehr
so viel spüre wie in jenem Augenblick,
der eben erst vorüberrauschte.
Vielleicht ein dummes Lächeln im Gesicht.
Ein Lächeln, von dem man nicht wissen kann,
wie dumm oder traurig es ist, und doch
auch glücklich.

Die knappen Shorts
waren von einem Gelb gewesen,
wie es Kinder verwenden,
um die Sonne zu malen.

Unter meiner Zeitlupe
ist das Vergehen immer noch Vergehen,
außerhalb alles längst vergangen.
Lasst mich stehen. In der Ferne
ist noch leise zu hören, was ich gesehen habe.
In der Stille brennt noch ein Bild.
Es duftet. Ich will
versuchen, den Rauch festzuhalten.


Geschützt: Irgendeine Symbolik

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Geschützt: Irgendwas mit Bällen & Kaffee

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Geschützt: 6 Stunden, 5 Nächte, 5 Jahre

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Hüter des Schlafes

Unser Butler klappert mit dem Meißner Geschirr
etwas zu laut; wir werden ihn entlassen müssen.
Der Gärtner raucht wie eine alte Fabrik,
während er die Ränder des Rasens mit
der Nagelschere in Fasson bringt; dann
bekommt er einen Hustenanfall, als
läge er in einem Sterbezimmer in Davos.
Die Dielen knetern; Olga, die osteuropäische
Kammerzofe wienert & wichst das Parkett
des Westflügels. Im halben Schloß hallt es wider.

Und die Geliebte schlief
hoffentlich noch immer.
Es war mitten in der Nacht.
Ich machte mir etwas zu essen.
Klirr! Scheiss Teller!
Im Wohnzimmer trank ich Tee.
Ich verschluckte mich.
Presste mir eine Decke vors Maul,
um die Schlafende nicht zu wecken.
Ja, wir Nachtmenschen haben’s auch nicht leicht.
Auf dem Weg zum Bücherregal
knarzte das Laminat.

Und morgens dann:
»Hast du gut geschlafen?«
»Ja. Ich hab von dir geträumt.
Aber ich weiß nicht mehr, was.«

»Oh, ich weiß schon«, sagte ich.
»Ich lag in einer Lungenklinik.
Nichts Schlimmes, nur ein bisschen Husten.
Da kamst du herein, als Krankenschwester –
in deinem Outfit.« [… das so eng ist, und so kurz, dass
der Po herauslinst wie der Mond aus einer knappen Wolke;
ich hatte es ihr… äh… uns
zu Weihnachten geschenkt.] »Du kamst
mit dem Tablett, und ein Löffel fiel herunter;
da musstest du dich bücken……«

»Orr, hör auf!« lachte sie.

»Hände an die Backen. ›Oh, Herr Leckmich,
Sie schlimmer Mensch, Sie
haben ja schon wieder einen Ständer! Ja,
was machen wir denn da?‹«

»Also, ich glaub, ich hab was anderes geträumt.«
»Ja, ich weiß. Schade eigentlich. Aber Hauptsache,
ich habe dich nicht geweckt.«

»Nein, hast du nicht.«

»Gut.«

»Oh -«


Gerissen

Zack! Da lag der BH im Müll.
Weiß, mit feinen roten Linien.
Zwischen Küchenpapier &

zerbrochenem Porzellan.
Nur weil ein Träger gerissen war.
Als wäre es schlimm, gerissen zu sein.

Ich überlegte,
ihn herauszuangeln.
Und aufzuhängen.

Ihn an die Wand zu nageln,
weil er so schön war.
Und weil er stets

gehalten hatte,
was schön ist.
Ich überlege noch

immer.


Ausstellung

An manchen Tagen
Rinnt das Sonnenlicht in
Sämtliche Ritzen, und die Möwen lärmen im
Chor, während der Sand
Heiß in Zwischenräume dringt
Zehen graben sich ein
Es rauscht in den Ohren, rauscht
In brunstprallen Schwellkörpern
Geblendet sind die Augenblicke, und die
Einsamkeit steigert die Triebe in Todesnähe
Ruhelos zählt man die Tropfen auf fremder Haut
Immer wieder, immer wieder
Nur selten geht die Rechnung auf, und
Nachts leuchten die Monde in der Erinnerung
Es scheint kein Ende zu nehmen
Nie nie niemals


Falls Sie sich wundern

Nein, nicht nur junge Frauen
gehen an meinen Fenstern vorüber.

Aber was da sonst so läuft
ist der schriftlichen Rede weniger wehrt.

Da kriegt man keine Lust
die Feder zu ergreifen

& in Diminutiven zu schwelgen
wie in einer Schublade voll duftender Höschen.

Da fährt der Bauer auf dem Trecker,
dass es stinkt & kracht,

tumbe Visagen
spotten jeglicher Beschreibung,

der Nachbar sägt
in seinem Spießergarten,

und die Mutter schiebt ihr drittes Kind
auf quietschenden Rädern vor sich her.

Nee nee, ich schau auch gar nicht
oft ausm Fenster, aber wenn –

dann lasst mich bitte
(einen Augenblick lang) glücklich sein.

Ein kurzes Röckchen
in goldenem Licht,
mit Grazie getragen,
mehr brauch ich nicht.


Sklaven

Man bedient das Smartphone.
Wie ein Sklave.
Als wäre es smarter als man selbst.
Was man im Griff hat – buchstäblich -,
hat einen im Griff – figürlich.

Ich war mal wieder beim Abwasch
(bekanntlich spüle ich gerne Geschirr).
Und wieder ging eine junge Frau am Fenster vorüber
(das macht diese Tätigkeit beinahe regelmäßig
noch attraktiver). Ihr Blick:
ins Display gesaugt (ein Brontosaurus auf einem Elektroroller
hätte an ihr vorbeifahren können, sie
würde ihn wohl kaum bemerkt haben).
Plötzlich hielt sie
inne. Stoppte, stand, starrte.
Halt, Sklavin! Beachte mich!
[War sie auf meine Seite gestoßen, las sie
meine Texte? Nagelte mein Esprit
sie aufs Trottoir? hahaha!]
Es hat doch Vieles sein Gutes –
mir blieb Zeit, zu betrachten.
Die schlanke Silhouette, die enge enge Hose (keine kurze
diesmal), der brünette Pferdeschwanz, in sanft nachschwingender
Bewegung…… (Eine Vogelspinne
hätte auf dem Teller in der Spüle tanzen können,
ich würde sie wohl kaum bemerkt haben.)
Was ich sah, gefiel mir
buchstäblich figürlich.
Halt, Sklave! Beachte mich!
Als wären ihr halbierte Globen ins Beinkleid gerutscht.
Hemisphären, Welten, Halbwelten.
Wenn man sie doch begreifen könnte!

Die Triebe.
Ja, die Triebe.
Gefesselte Aufmerksamkeit.
Ablenkung vom Wesentlichen –

Wo war ich stehengeblieben?
Ach ja, sie ging weiter.
Da war wohl was zu Ende gegangen.
Und man kann sich auch gar nicht mehr so lange
konzentrieren heutzutage.

Schau an! Da
war noch ein Fettspritzer
auf dem Pfannenwender, den
hatte ich übersehen.


Hauptwerk

Mein Hauptwerk, mein Roman, mein Opus Magnum
findet sich auf einschlägigen Sexseiten des Internets.
Mehr & mehr ausufernd……
Immer mehr handelnde Personen kommen
hinzu. Ich erfinde sie. Gebe ihnen
Lebensläufe. Berufe. Profile. Gedanken. Verbinde sie
miteinander. Ihre Wege kreuzen sich,
sie stehen in Beziehung zueinander.
Zehntausende folgen mir, folgen
meinen Schöpfungen, glauben
an ihre Existenz, halten alles
für real. Man liest
meinen bebilderten Roman aus Geschichten
mit dem Schwanz in der Hand,
dem Finger am Kitzler, man fragt nach,
will wissen: wie war das, wie
geht das weiter?
Seltsames Werk! Mein Schmuddel-Ulysses.
Ich bin viele Menschen.
Und selbst ich glaube an sie. Manchmal.
So tief verschwinde ich in meinen Phantasien,
dass ich Frau bin, Mann bin, Fremder bin,
mich selbst als einen Anderen sehe…..
Und am überzeugendsten bin ich, wenn ich
nicht ich bin.
(Was wird X dazu sagen? Ach, X bin ich ja selber,
fast hätte ich’s vergessen!)
Mich vergessen. Mich erschaffen. Andere erschaffen.
Multiple Persönlichkeit – en.

Mein Hauptwerk ist nicht zu fassen,
nicht zu greifen. Es ist virtuell. Ist es
virtuell? Niemals
kann es gebunden erscheinen.

Wie die Wirklichkeit selbst.


Fremde Vögel

Sonne wirft ihren Schein auf den Rasen
Ein fremder Garten mit fremden Vögeln
Ich sitze auf einer Bank
Ruhe
Ein Unbekannter spricht
In unhörbarer Ferne
Mit meiner Geliebten
Wie freundlich sie lächelt
Während Wasser auf sie fällt
Es kommt nicht viel aus dieser Brause
Die über ihr hängt
Verbunden mit einem Schlauch
Der zittert
Der Mann trägt Freizeitkleidung
Sie ist nackt
Geliebte Kontraste
Wie freundlich sie lächelt
Während sein Blick auf sie fällt
Sie ist nass
Er steht
Außerhalb des Niederschlags
Tastende Augen
Glitzernde Sonne zwitschernde Zweige
Selbstzufriedene Ruhe
Der Mann der eifersüchtig sein konnte –
War das wirklich ich
Gewesen

Älter werden
: die langsame Lösung

Von der Welt

Fremden Vögeln lauschen
Sie nicht verstehen
Trotzdem lieben
Da sind noch mehr
Menschen in diesem Garten
Manche suchen den Schatten
Wie ich

Sie stellt das Wasser ab
Sie reflektiert – ich denke
Das Kleingeld der Sonne
Beperlter Popo
Perlen vor die Säue
Aha schau an soso

Der Unbekannte
Könnte ihr ein Handtuch reichen
Aber da ist keins
Vielleicht hätte sie’s genommen

Doch jetzt kommt sie
Quer durch den Garten
Durch Licht durch Blicke
Auf mich zu

Tropfend & lächelnd
Nackt jung & langsam
Angekommen beugt sie sich
auf Kusshöhe

(was alle hinter ihr
freuen muss)

»Wie war das Wasser?« frage ich
Sie sagt »Ich hasse Smalltalk«
Das verstehe ich
Und liebe


30161

Sesam!
Im Kühlschrank
Schwitters‘ Saure Sahne
Ach ja, da fällt mir
ein: Hannover
Auch ich war noch nie
in New York (Großstadt ist Großstadt)
aber in Hannover kennen wir einen Swingerclub
& ein Katzencafé (inzwischen pleite)
Da gingen wir immer die Miezen streicheln
Und anschließend spritzte ein Inder
meiner Freundin aufs Bein
(aber nur, weil ich gesagt hatte »Nicht
ins Gesicht« – was schade war, ich hätte es
schön gefunden,
doch man muss ja auch mal an Andere denken)
Es klingelten die Gürtel
Schnallen, Schwanzgewedel, und Hände
waren überall. Das Begehren der Fremden –
man kennt das. Strangers in the night
Feurige Mannschaft, versammeltes Getier
Blicke. Das karierte Röckchen
stand ihr aber auch wirklich
allerliebst. Klein & schön. Mädchenzartes Geschenkel
Das will man doch begreifen; das finde ich
begreiflich. Slipless Night –
für alle Damen ohne: 1 Freigetränk
nach Wahl! Und plötzlich
bekommt das Wort Klapsmühle eine ganz neue
Bedeutung. Weichschwingender
Applaus. Wuchernde Beulen. Irgendjemand
küsste & bezüngelte ihr die Zehen
auf dem Gynäkologenstuhl
(erzählte sie mir später; ihre Füße
waren ja hinter mir gewesen)
Rückwärts von nah
Ein alter Mann stöhnte auf
als sie ihren Finger ableckte
der irgendwo dringesteckt hatte
Das weiche Fell
der Maine-Coon-Katzen
getigert & getüpfelt
Schnurren & Latte
Macchiato. Junge Frauen
mit Milchschaum auf den Lippen. Süß
Irgendetwas erinnerte mich
an Mühlenflügel – – –
Es wurde weiß gelächelt & geleckt
kicher kicher
Manche streckten ein Bein aufwärts
und reinigten sich den Schritt mit der Zunge
(Gras fressen nicht vergessen!) Auf dem Wege
vom Katzencafé zum Swingerclub
kam man an einem Antiquariat vorbei
klein, vollgestopft & schön
Büchertürme im Schaufenster
Alte Folianten, Leinen & Leder
Ein hübscher Rücken neben dem andern
entzückend, berückend, beglückend
Die Reise ins Blaue hinein
Es war winterlich kühl
Viele Bücher trugen ihre Schutzumschläge
allerliebst. Ich
hätte zugreifen mögen
aber immer war’s
geschlossen


Der Zauberspruch

Der den Zauberspruch erfand
hat er dich gekannt, über die Zeiten
hinweg? Die Hose mit dem Gummizug

Hat er sie verhext? Wenn ja
danke ich ihm. Der Zug reißt
Das Beinkleid fällt

Stoff zum Träumen ohne Stoff
So nah! So dicht! Und durch Zufall oder Zauber
mundgerecht auf Augenhöhe

Wie lautet sie doch gleich
die Zauberformel? Ach
ja: Hokus

Und dann


Rockgedicht

Beinahe hätte ich
ein langes Gedicht geschrieben

Aber nein. Mit Gedichten
verhält es sich wie mit Röcken

Die kürzesten
sind oft die schönsten

& was sich dahinter verbirgt
ist das Eigentliche.

Sieh, da liegt etwas
auf dem Grund…..

Heb es auf!


Am Küchenfenster

Ein Gedicht ging
am Küchenfenster vor

über. Lange dunkle Haarwellen,
Hotpants, schwarz & aus
gefranst. Weißes

Top, schulter
frei & eng. Perfekte Beine.
Straffe Leine.

Hund. Ich
hörte auf

zu spülen. Nasse Hände,
laufender Hahn. Das Gedicht

   schritt

voran. Eine Uhr
mit gleichlangen Zeigern. Wie spät
mochte es

wohl sein? Ich
folgte mit Blicken.

Ein junges Brötchen
Ein wedelnder Schwanz.
Schmutziges Geschirr.

Und auch das Fenster war ziemlich
dreckig. Zweipersonenhaus

    halt.

Ein altes Schwein
das gerne spült.

Sie sah mich nicht
Sie kannte mich nicht
Sie sagte nichts
Sie wollte nichts.

Das war schön.
Ein Gedicht

    halt.


Bewohnte Muschel

Meer muss man
nicht sagen um sich
seiner Existenz zu versichern
da man am Strand liegt
& es in den Ohren rauscht wie
in einer verlassenen
Muschel die Geliebte
neben sich bäuchlings
& nackt auf einem Tuch
ein sandbestäubter Po im Blick
Feld mit Tropfen in denen
die Sonne scheint

Schweigen

gesalzener Wind auf Schleim
häuten die Wellen
vernichten die letzten Spuren
der Vorübergegangenen
die einen Blick riskierten
weil sie nichts zu verlieren hatten
Sandbestäubt, Tropfen
in denen die Sonne scheint

Berauschtes Schweigen

Nur in bewohnten Muscheln ist es
still

Möwen ahnen
nicht dass sie in Büchern stehen
in Wirklichkeit fliegen sie

Wirklich wie wir


Rotbäckchen & der Wolf

»Nicht«, sagte sie,
»dass du wieder’n Gichtanfall bekommst.«
Der Steppenwolf blitzte durch
meine Erinnerung, Harry Hallers Pulver.
»Nein«. sagte ich, »nicht
in der Hand.« Po
dagra war’s; ja, wenn man auf Schmerz stünde……
Ihr kleiner, fester Arsch war rot
wies Käppchen im Märchen,
und ein wenig brannte mir die Hand
nun doch. »Fest
er!« hatte sie gesagt. Ihr Befehl
war mir Wunsch gewesen.
Sie hielt sich die Ohren zu,
weil unsere Häute so lärmten.
Heute fragt man mich nicht mehr:
»Heißen Sie wirklich Wolf? Nur Wolf?
Oder doch Wolfgang?« Die ewigen Fragen
meiner Jugend. Und die ebenso ewigen Antworten:
»Ja – nee – den Gang können Sie sich sparen.«
Ich sitze ja auch am liebsten aufm Sofa; das
schont die Gelenke. Ob sich meine
Großeltern träumen ließen, was später einmal
auf ihrer geblümten Couch…… Die Tapeten
verliehen den Schlägen ein farbiges Echo;
kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.
Großmutter, warum hast du so große
Organe? Ha. Ha. Schade,
dass ich keinen Kuchen mehr essen darf;
den Wein habe ich freiwillig aufgegeben
(frei willig? – je nun, dies ist nicht der Augenblick
für Philosophie, noch Religion). Applaus!
aufs Gebäck. Auch ein Wolf
will mal ins Bett – & sich’s gemütlich machen;
da muss die alte Frau halt
weichen. Bevor das Mädel an die Türe klopft.
»Woran denkst du?« fragte sie (da wir
schon bei den ewigen Fragen waren).
»Ich denke nie«, sagte ich, »auch das
hat mir der Arzt verboten.« Welche
Tonhöhe hat wohl so’n Po
klatscher? Kann man
das notieren? – Aber auch
das Absolute Gehör soll ja ein Märchen sein.
Märchen all
enthalben. Aus dem Reich der Erfindungen.
Harry tanzt….. Wer’s glaubt.
Ich humple. Zu
weilen. In grauer
Vorzeit war ich Schlagzeuger gewesen;
daher wahrscheinlich mein Hang
zu perkussiver Erotik. Und
die Einsamkeit des Wolfes
zog ihn zu den Geißlein.
Liebe auf An
hieb. Mozart
lachte
laut
los.


Klingt wie erfunden

Über mir bewegte sich
ein dicker, haariger Arsch.
Neben mir stand
ein Penis in Wartestellung. 
Am Fußende bückte sich
ein alter Transvestit
& streichelte mir die Eier
während meine Geliebte auf mir ritt.
In ihrem Mund zuckte
der nicht ganz so dicke Schwanz, der
zu dem dicken Arsch gehörte.

Speichel troff auf meinen Oberkörper. 
Zuschauer schauten zu. Hinter uns
stöhnte eine Frau,
die auf einem anderen Bett gefickt wurde;
ich konnte sie nicht sehen,
aber es klatschte
unmissverständlich……

Es klingt
wie erfunden.
Zuviel Sexus, zuviel Erections,
Ejaculations, Exhibitions, And General Tales
of Ordinary Madness. Mit einem Hauch
Les Particules élémentaires.

Erinnerung ist Literatur.
Von der man nicht weiß,
wer sie verfasst hat.

War
das ich?
War das wirklich
mein Erlebnis?

Schmutz, Schund & Hohe Kunst,
ein bisschen Philosophie und
hin & wieder ein Bestseller.

Hauptsache,
die Unterlagen sind abwaschbar.

Ich schaute nach oben.
Der Mond ist aufgegangen … O
heiliges Decamerone & Satyricon!
Wenigstens trägt er ein Kondom …
hoffentlich mit Kirschgeschmack …
sie mag doch Kirschen …
Was für ein Arsch!

Irgendwann saß man wieder
an der Bar. Vor dem
bunten Cocktailglas –
& sollte smalltalken. Alkohol
frei war der Cocktail; schließlich
war man trocken. Seit Jahren. Weggesperrt
die Sucht. Eine Frau
schob ihr
Kleid aus Kunst
Leder hoch
& zeigte uns ihren Intimschmuck;
sie zog daran, bis mir die Schamlippen wehtaten,
die ich nicht mal habe. Ihr Mann (ich
denke, das war er) starrte
auf die Beine meiner Freundin. Kein Rock
war kürzer als ihrer. Sie sog
am Strohhalm. Rechts von mir
wollte einer ein Gespräch anknüpfen.
Ich wendete mich ab.
»Das war ganz schön
unhöflich«, sagte sie später.
»Ich war doch nicht zum Reden dort«,

sagte ich. 120 Tage später.
Es können auch Minuten gewesen
sein. In der Umkleide
kleidete der Transvestit sich um.
Sein Gesicht erinnerte mich
an einen Altrocker aus der DDR.
Der Rock rutschte zu Boden,
keiner war kürzer als ihrer,
sie zog die
Alltagshose an.
Einer von den Puhdys hat mir das Skrotum gekrault,
dachte ich.

Erfahrung, die klingt
wie Erfindung, findet man
interessant

& zweifelhaft. Zu schön
um wahr zu sein.

Zu wahr
um schön zu sein?
Ist so

das Leben?
Die Wirklichkeit

ist meistens zu schnell
& das Leben noch schneller

vorbei

Als wir gingen
sagte die Geliebte »Tschüss«
zu dem geschminkten Herrn
mit den zärtlichen Fingern. Ich sagte
nichts. Wirklich, es ist
wahr: sie ist einfach
höflicher als ich.

Netter sowieso.


Kurzes Gedicht, Baltasar Gracián betreffend

 

lo bueno, si breve, dos vezes bueno
(Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.)

Da sitzt man
auf dem Marktplatz
in der Sonne

Eine junge Frau
geht vorbei
Man

betrachtet ihr Kleid
leicht & schön
Das Leben

ist gut
in diesem Augenblick
Und innerlich

nickt man


Gelächter im Licht

Eine frühlingsbunte Wiese
Verkehrslärm fernab
Flatterflügel & Gesumm
Mir fiel ein: Hätte Rubens eine Biene gemalt
wäre sie eine Hummel

Pollen schneiten durch den Sonnenglast
Alles wucherte & roch
nach sich
selbst Die Geliebte
im heißen Höschen
neben mir Die Luft
fieberte & schwitzte
als wäre es Hoch
sommer Vögel stellten sich vor
aber wir verstanden sie
nicht Mag
sein dass Menschen da waren
aber ich
sah sie
nicht Selbst
der Horizont war horizontal
sonst nichts
Es
war die Zeit der rechtwinkligen Phantasien
Alles schien
jung Sogar
mein Inneres Eine Hose
so kurz wie das Leben
so knapp wie ein Sieg

»Übrigens« sagte die Frau (wie ich
ihre Stimme liebe
) »Sex
sucht ist heilbar«
»Ich weiß« sagte ich Ich
schaute hinab
auf ihre Sandalen
(Riemen & Zehen
in Bewegung) »Ich
weiß« wieder
holte ich »aber
wer will das schon« Lachen
Gelächter

Gelächter
im Licht


Zahnpasta im Waschbecken

 

Da stand sie
also vor meinem Wasch
Becken halbnackt & fing
an sich
die Zähne zu putzen
Ein Klümpchen Zahnpasta
rutschte von der Bürste
& landete Weiß auf Weiß
im Becken Mit dem Mittelfinger
nahm sie es auf
& tat es
zurück auf die Borsten
Putzte weiter Sie
wusste dies
war das Becken
in das der Ein
Same der ich war
häufig wichste Sehnsucht
die an die Kacheln klatscht
lautete
das Geflügelte Wort zwischen uns
Wir hatten gelacht
darüber
Versunken
in ihren Anblick lauschte
ich dem Geräusch in ihrem
Mund Ihrem Mund der weiß
umrandet war & gelacht hatte
Sie mochte es selber
wie ihre Titten wippten wippten
bei jeder Bewegung
ihres Armes Ich
dachte an ihren Mund & wie
still & weiß umrandet er gewesen
war von der Sehn
Sucht Die Sonne
war auf
gegangen & machte die Lampen
nutzlos Wieder war
eine Nacht Vergangenheit & am Ende
spuckte sie
in das Becken


Tiefe

»Nicht so tief« sagte sie
leise. Was meinte

sie nur? Die Ge
fühle? Die Ge
danken? War

es eine Feststellung oder
eine Bitte? Sie war

enger geworden, hatte sich zusammen
gezogen. Die untergehende
Sonne ließ ihren Schein

durch das Hotelzimmerfenster fallen.
Er fiel auf

ihren Rücken. Rötlich. Bäuchlings
lag sie auf dem Bett. Das Zimmer
war billig. Güter

Züge fuhren in der Nähe
vorbei. Ich schaute hinab. Weiche

doch feste Backen. Jung
Mädchen
haft.

»Okay« sagte ich
leise. Was

meinte sie
nur? Die Gefühle? Die Ge
danken? Ich

zog mich ein wenig
zurück. Beziehungsweise ihn. Sie

hatte sich zusammen
gezogen nach
dem Höhepunkt. Alles

schien enger
geworden zu sein. Die Sonne

ging immer noch
unter. Bald würde sie
fort sein. Woanders

scheinen. In der Tiefe
der Nacht. Es blieb

das leise Rauschen
der Güter
Züge.


Konzentration

 

»Kannst du kommen?«
Dabei waren sie
beide ganz da.

Sie konzentrierten sich
zu sehr. Sie
sich auf ihn. Er
sich auf sie. Sie

konzentrierten sich der
art auf das Vergnügen
& den Genuss des jeweils

Anderen. »Kannst du so kommen?«
fragte sie – als ihr Mund
wieder schwanzlos war (seltsames Tier).
»Ich weiß nicht«, sagte er. Es

war – als spräche er
mit ihren Schamlippen (seltsamer Mund). »Ich
jedenfalls nicht«, sagte sie

& kletterte von seinem Gesicht. Langsam
schluckte ihr Unterleib
seine Erregung. Und er
beobachtete das Auf

& Ab ihres Rückens. Während sie
sich auf die linke Arschbacke schlug. Er liebte
das Geräusch. Sie warf

einen Blick auf die verdunkelte
Terrassentür neben ihnen, in deren Glas
sie sich spiegelten. Er betrachtete
sie, wie sie

sich & ihn betrachtete – 2 Menschen zu
viert mit ihren Spiegelungen. Spiegelungen, die
sich aufeinander

konzentrierten. Man konnte sie
durchschauen. Als wären sie nicht
ganz da. Hinter der Reflexion war
die Jalousie. Hinter der Jalousie –

die Nacht. Unsichtbar.
Kannst du bleiben? dachte er. Dachte ich
als unsere Blicke sich trafen

im Glas.


Strip-Poker

 

Wir saßen auf dem Sofa.
Sie sagte: »Wollen wir
Strip-Poker spielen?«

»Okay«, sagte ich, »dann
zieh dir mal was an.«
Für einen Augenblick

schien es
als hätten wir verstanden,
worum es im Leben geht.


Eiskalt

 

Eis
kalt
waren ihre Haare

als sie
auf meinen Bauch herab
fielen so schnell

also verliert
das Sperma seine
Temperatur

da draußen
ein feuchtes Lächeln
verzauberte mich Bläschen

die keine Sprechblasen waren
glitzerndes Schweigen
zwischen geöffneten Lippen

ich lachte
& lachte
& lachte Sie

sagte: »Komisch
wie du lachst
wenn du kommst.« Schön

wie sie gelächelt hatte
als sie gekommen war
mich zu besuchen

Sie fuhr
sich durch die Haare
die aneinander

klebten Sie & ich
dachte ich als ich
dieses Lächeln

küsste sobald sie ginge
würde es nichts
mehr zu lachen geben

doch
so weit war es
noch nicht

wie dieser Weg der
zwischen uns lag
wenn sie bei

sich war
wo ein Anderer wohnte
mit ihr Würde ich

darüber nachdenken
bedeutete es Schmerz also
lasse ich’s Eis

kalt glitten ihre Haare
über meinen Bauch
Sie lächelte

als ich kam
& lachte
lachte

& dachte: so
könnte es weiter
gehen wenn sie bliebe


In der Spiegelwand

 

Gerne würde ich
ja etwas Tiefsinniger
es schreiben aber ich
sagte bloß Ich kann
deinen Hintern gar nicht
sehen
als ich in die Spiegel
Wand schaute gegen
über dem Bett gegen
über dem Bett stand ein kleines Regal
vor den Spiegelungen die
Frau lag auf den Bäuchen
ihrem & meinem und sie blickte
hinter sich in die Wand wo
Wir ein Bild bildeten mit
vertauschten Seiten so
leicht war sie & zart nicht
die Wand die Frau so
zart dass ein Blick ihre Finger
hätte brechen können vom
Herzen ganz zu
schweigen & doch
spürte ich eine gering
fügige Erleichterung in der Tiefe
als sie sich bewegte & abhob sie
sagte Da und über dem Regal
ging der kleine Knackmond auf
und Alles ward Licht + Schein & vor
sichtiges Gelächter und
gerne würde ich
ja etwas Tief
Sinnigeres schreiben aber was
wäre tiefer & sinniger & tief
sinnlicher als solch ein Moment
An- & Augenblick der Gegenwart
& der Versuch
ihn & die Verwirrung ihn & die
Verbundenheit zu bewahren zu be
wahren wie den Schein
des Mondes dieses Mondes
in der Spiegelwand


Der Totenkopf auf der Schnalle

 

B
suchte eine Frau. Fuhr um
die 200 Kilometer, obgleich die Strecke bloß 108 Kilo
Meter betrug. Verfahren über Verfahren. Bau
Stelle über Baustelle. Um
Leitungen. Keine Navigations
Hilfe. Kam
an im Dunkeln. Kurz vor
Mitternacht. Klingelte unten. Sprach
in die Gegensprechanlage. Hörte
ein Summen. Öffnete die Tür. Stieg
die Treppe hinauf. Und ich

erinnere mich kaum
an die Begrüßung. Gab ich
ihr die Hand? Auf
Regung, Überraschung & leichtes
Erschrecken löschten die Erinnerung.
Ich hatte sie mir ganz anders
vorgestellt. Ihre Selbst
Beschreibung hatte gelautet:
groß, dick, unattraktiv. Ich
hatte ihr geschrieben: Jetzt stelle ich dich
mir als Walkuh vor. Und in Wirklichkeit
wird sich herausstellen, dass du ein Gold
Fisch bist
. –
Ich bin eine Walkuh, hatte sie
zurück geschrieben. Das

gefiel mir. Die Couch
war ausgezogen. Ich setzte mich
darauf. Die Frau setzte sich neben mich.
»Du musst aber nicht die ganze Nacht
bleiben«, sagte sie, »wenn du meinst, dass
es nicht geht – dass es nicht
passt.« »Ich weiß«, sagte ich, »schon
okay.« Da waren Menschen
in der Bildröhre. Sie alle waren
schlanker als in Wirklichkeit,
denn das Format war falsch
eingestellt: 16 zu 9 unangepasst
in dem alten 4zu3Gerät. Es war
wie eine erfundene Symbolik. Doch
ich muss nichts erfinden. Verzerrte Wahr
Nehmung. Ich fragte mich,
ob sich das nicht ändern ließe. Aber ich sagte

nichts. Was mir durch den Kopf ging
stolperte, flog auf die Fresse, stand wieder auf,
stolperte erneut & kroch über den Boden. So viele Kilo
Meter für Nichts? Blöd
Sinn! Engstirnigkeit! Äußerlichkeiten! Zeit
einen weiteren, breiteren Horizont zu B
kommen! Schluss
mit den festen
Vorstellungen
der Vergangenheit!
Ich
küsste sie. Sie
hatte sehr weiche Lippen. Wie gut
sie sich anfühlten! Wie gut sich
Vieles anfühlte. Es gab so Viel
zu begreifen. »Oh«, sagte sie, »Pfeffer
Minz?« »Fisherman’s«, sagte ich. Sie
sagte: »Fisherman’s sind toll
beim Blasen; machen einen eisigen
Schwanz.« »Verdammt«, sagte ich, »ich
hab die im Auto gelassen.«
Lachen.
»Ich hatte heute übrigens
Knoblauch am Essen«, sagte sie. Ich
sagte: »Ich liebe

Knoblauch.
Aber heute habe ich extra keinen gegessen.«
Ihre Haut roch nach Creme. Das störte
mich ein wenig – weil es mich an die Hand
Cremes meiner Mutter erinnerte. Die Wände waren leer.
Ich sah keine Bilder. Auf einem Schrank
einige Bücher. Ich ließ meinen Blick
über alles hinweg
sehen. Und im Fernsehen machten sie
lange Gesichter. Sie schaltete den Ton
aus. Schließlich sagte sie: »Du musst mir helfen.
Ich bekomme deinen Gürtel nicht auf.«
Es war ein Trick dabei. Ich hatte mich gewöhnt
an diesen Gürtel. Auf der Schnalle
war ein Totenkopf. Ab
gebildet. Aber das bedeutet
Nichts. Ich blieb über
Nacht.


Irgendwas mit Star Trek

Ein verwittertes gelbes Flugzeug stand auf dem Gelände.
Einmotorig. Über die linke Tragfläche hinweg kletterten wir
Kinder in sein Inneres. Wir waren zu zweit, und
mehr hätten auch nicht in die Maschine gepasst. Obwohl….
Eine gestreifte Spinne hing zwischen den Instrumenten;
sie konnte nicht fliegen, aber Fliegen flogen in ihr Netz
durch die Löcher der gesplitterten Scheiben. Ich behielt sie
im Auge, diese Spinne. Etwas ängstlich. Etwas angeekelt. Aber
nicht einmal sie konnte mich vom Sitz des Piloten vertreiben.
Es roch nach Metall, es roch nach Rost & Vergangenheit.
Wir waren am Boden. Wir blieben am Boden. Alle Zeiger standen
auf 0. Und nur unsere Fantasie
konnte den Propeller noch in Rotation versetzen.
Die beflügelte, beflügelnde Fantasie der Kinder. Es muss
wenige Jahre vor der ersten Mondlandung gewesen sein.
Es gab noch keine Flaggen dort oben, keine Fußspuren.
Nichts, was Reflexionen & Projektionen hätte stören können.
Der rothaarige Junge, der hinter mir saß, war erst vor kurzem
nach Deutschland & in meine Schulklasse gekommen; sein Vater,
ein amerikanischer Offizier, war hier stationiert. Flaggen
flatterten vor dem Gebäude, in dem sie wohnten. Unsere Eltern
unterhielten sich darin. Der Junge erzählte mir von Amerika,
das ich nur aus Filmen & Fernsehserien kannte. Auch den Mond
kannte ich nur aus Filmen & Fernsehserien. Wir wussten nicht, wo
das Flugzeug gewesen war. Also konnte es überall gewesen sein. Über
All. Das gefiel uns. Und ich kannte niemanden sonst, der aus einem
so fernen Land kam wie der Junge mit den roten Haaren. Ich drückte
Knöpfe, die längst keine Funktion mehr hatten – & die Zeit flog
dahin. Am Boden. In unseren Köpfen. In die Zukunft.

Irgendwann erzählte er mir von seiner liebsten
Fernsehserie. Die Handlung drehte sich um Außerirdische, drehte
sich um ein Raumschiff & um fremde Welten. All
es war so weit entfernt – wie Alles Andere, das ich nicht kannte. Und er
zeigte mir Fotos von einem Mann mit seltsamen Ohren & seltsamen Augen
brauen. Faszinierend, dachte ich. Oder so etwas Ähnliches mag ich
gedacht haben. Einige Jahre später kam die Serie
nach Deutschland. Im selben Jahr als das Apollo-Programm eingestellt wurde.
Wir wohnten längst woanders. Ich ging
auf eine andere Schule. Die alten Kontakte waren ab
gebrochen. Und ich erinnerte mich – als ich die erste Folge sah…..
Das Flugzeug, die Spinne, die Flaggen, die Erzählungen….. Ich
mochte die kurzen Uniformen der weiblichen Besatzungsmitglieder.
Schon damals. Es war alles anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie so oft. Aber es gefiel mir. Was nicht so oft der Fall war.
Den Ton einiger Folgen nahm ich mit dem Kassettenrecorder auf, und
nachts im Bett in meinem dunklen Zimmer hörte ich diesen Ton
zu meinen eigenen Bildern. Immer wieder. Science Fiction. Schon
der Kassettenrekorder hatte etwas davon. Verglichen mit unserem alten
Bandgerät. Ich drückte Knöpfe – & die Zeit flog dahin. Im Bett. In
meinem Kopf. In die Zukunft. Und sonstwohin.

Und 42 Jahre später bin ich gelandet. Auf dem Boden. In einer
Wohnung, die nicht die meine, in einem Raum, der mir nicht mehr
fremd ist. Zwischen gespreizten Schenkeln. Gespreizt
wie Tragflächen. Und die einzige Licht
Quelle ist ein eingeschalteter Fernseher hinter mir. Ein
charmant-gealtertes Röhrengerät. Gealtert bin ich auch. Doch
weniger charmant. Bekannte Namen erklingen
in der Nacht. Kirk. Pille. Spock. Uhura. Ein Film vom Ende
der 70er. Wiederum eine andere Zeit. Propellernde Zungen. Ein gewaltiger
Mond ist aufgegangen. Der damals noch nicht existierte. Bemannter Raum
Flug. Peterchens Arschfahrt. Auch so’ne Kindheitserinnerung. Es riecht
nach Lust. Nach Jugend & Gegenwart. Im Geflacker des Films
sehe ich wie ein Gesicht sich verändert. Ein Mund sich öffnet. Im Rausch.
Und noch mehr. Öffnet sich. Und jemand ruft:
»Alarm, Alarm! Ein Eindringling! Alles auf Gefechtsstation!«
Und ein anderer ruft: »Scotty, bitte kommen!« – dabei heiße ich gar nicht so.
Gelächter säuft ab. Und erstickt in Körpersäften. Und sie flüsterschreit:
»Oh Gott, oh Gott!«, aber auch das ist nicht mein Name.
Science Fiction. Mit wenig Science. Immer wieder. Und es ist immer dieselbe Zeit,
die fliegt. In unseren Köpfen. Die Zeiger stehen nicht. Es
scheint nur so. Es sei denn, es ist etwas kaputt. Alles
auf 0. Wir waren zu
zweit. Im Cockpit. Und doch nicht
allein. Und niemand weiß wie
& wann die Spinne gestorben ist.


Der Albtraum nach dem Kindergeburtstag

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor ich erschien bei Einbruch
der Nacht. Jetzt brannten
andere.

 

3

Luftballons hingen drinnen vorm Fenster.
Jalousien & Hosen waren herunter
gelassen. Die Balkontür stand
einen Spaltbreit offen, auf ihrer Glasscheibe
eine bunte Zeichnung von Kinderhand.

Von der Schlafcouch aus betrachtete ich die Luft
Schlangen, die von der Decke
hingen, während ein Frauenkopf sich

auf

&

ab

bewegte zwischen meinen Beinen.

Traum
gleich war unsere

1.
Begegnung

Mitt
Sommer
Nacht.

Fremde Gerüche
Fremde Geräusche
eine mir fremde Wohnung

& irgend
Etwas Vertraut
es im Gelächter.

Wäsche trocknete
auf dem Balkon im Mondlicht –
& wurde nass woanders.

Als das Wachs am Ende war, erschien
die Dunkelheit. Ich kniete
auf dem Boden & trank
zwischen geöffneten Schenkeln

schluckte
& schluckte

die Lust, die immer lauter wurde

Selbst
Vergessen

 

Und plötzlich:
eine Kinderstimme –
»Mama, was ist
mit dir?«

Ich hielt inne.

Der Schatten eines kleinen Mädchens stand im Zimmer.
Wie ein Erwachen.
»Alles in Ordnung«, sagte die Frau, »ich hatte nur einen
Albtraum.«

Ich verhielt mich
ruhig. Bewegte mich nicht. Hielt mich
für versteckt in der Dunkelheit. Zwischen
den Schenkeln. Für unsichtbar vielleicht –
wie ein Kind, das die Augen schließt.

»Komm«, sagte die Frau, »ich bring dich wieder zurück
ins Bett.«

»Wer ist –
der Andere?« fragte das Mädchen.

Kurze Pause.
»Das ist mein Besuch.«

Vielleicht war es der Mond,
der durch den Spalt oder das bemalte Glas der Balkontür
meinen nackten Arsch beleuchtet hatte.
Ich schwieg. Die Frau stand auf & nahm
das Kind bei der Hand. Silhouetten verließen das Zimmer. Allein
gelassen legte ich mich auf die Couch.
Lauschte leisen Stimmen. Zwischen den Gerüchen. Dann
hörte ich Musik. Kinderlieder von nebenan. Was
für eine seltsame Formulierung, dachte ich: ›Der Andere‹!

Die Frau kam zurück. Legte sich neben mich. Der Schreck
war uns nicht in sämtliche Glieder gefahren. Leises Gelächter.
Und auch die Lieder waren so leise, dass ich sie nicht erkennen konnte.
Zwischendurch wieder Stimmen aus
dem Kinderzimmer. »Ein Märchen«, sagte die Frau. »Zum
Einschlafen.« Die CD war ein Geburtstagsgeschenk.
»Ja«, sagte ich, »die habe ich als Kind auch immer gern gehört.«
Und wir malten uns aus, was das Kind aus uns machen
würde in seiner Phantasie….. Zu
Was ich werden würde in seiner Erinnerung….. Ich
war

ein Anderer. Aber vor allem war

ich

ein Albtraum. Das gefiel mir. Und

die Frau träumte. Träumte mich. Träumte
mich weiter. Immer weiter. Immer wieder. Immer anders. In
dieser Nacht. Und sie presste sich den Handrücken auf den Mund
dabei. Um das Kind nicht erneut zu wecken.

Und ich fragte mich, ob ich nicht
ähnliche Erinnerungen hatte wie dieses
kleine Mädchen sie haben würde.

Doch ich fand
keine Antwort.

Das Märchen ging

zu Ende. Und
als der Morgen dämmerte, fuhr der
Albtraum nach Hause. Und
er schlief ein. Und er
träumte

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor er erschien bei Ein
Bruch der Nacht. Jetzt brannte

ein Anderer

 

3

Schlangen hingen von der Decke &

 

1
Ballon bewegte sich
im Mondlicht

auf

&

ab


Der Händedruck

»Sind das wirklich 5 Finger?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
»Oh mein Gott!«
Dann drückte sie mir die Hand.

Ganz fest. Es war unsere
erste Begegnung.
Die Kerzen gingen aus, es
wurde dunkel.

Und im ersten Tageslicht bewegte ich die Finger
dicht vor ihrem Gesicht. »Ich werde nie wieder
Gitarre spielen können«, sagte ich.

Wir lachten.