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Unerwartet

Jemand kitzelte ein Gitarrenkind
Ein sanfter Bass tapste nebenher wie ein Bär
Der alte Mann in der Scheibe sang
I’ll see you in my dreams

Da kam sie in das Zimmer und tanzte
Kurzes Hemd, gestreiftes Höschen
Sie barfüßelte vor der Spiegelwand
Drehte sich und schwang die Arme
Witzig und ernst, da und traumverloren
Und so schön und leicht wie der Moment
Den man nicht erwartet hat

Nach all den Jahren
Muss ich immer noch lächeln
Wenn ich einen Raum betrete
In dem sie sitzt
So als wäre ich überrascht
Und könnte es nicht fassen
Weil das Glück das ich hatte
Unfassbar ist
Immer noch immer noch immer

… tender eyes that shine …

Und sie lächelt zurück!
Und lacht sogar! Meistens
Wir wissen wie man das nennt
Aber wir haben ihr einen neuen Namen gegeben
Der nicht nur ein Wort ist

Der alte Mann schweigt
Die Ukulele verstummt
Es ist spät geworden

Der Song summt in meiner Erinnerung
Auf dem Stuhl neben dem Bett
Scheint sich eine Biene entkleidet zu haben
Man muss mit allem rechnen


Im Gedächtnis der Welt

Du warst in dieser Welt
Ich hatte Angst vor dir
Ich fühlte mich beschützt von dir

Wieviele sind noch am Leben
Die dich kannten
Wirst du vergessen sein

Wenn ich sterbe
Als wärest du nie gewesen
Auf dieser Welt 

In der dein Schutz mir fehlte
Als du verschwunden warst
So jung so früh

Es ist egal
Nur die Wesen vergessen
Was verwest

Im Gedächtnis der Welt
Bleibt alles Erinnerung
Sie weiß dass du da warst

Und die Angst ist vergangen

Der Stau

»Warum hältst du?« fragte sie.
Leise lief der Motor: eine gerade Landstraße,
grauer Asphalt, leer & verlassen, einsam
bis zum weit entfernten Horizont - - - - -

»Hier geht’s nicht weiter«, sagte er,
»ich hatte es befürchtet.«
Ein stilles Fragezeichen
auf dem Beifahrerinnensitz: ?

»Im Verkehrsfunk verheimlichen sie so etwas immer.
All diese Staus, die von Tarnfahrzeugen verursacht werden.
Das kann jetzt ein paar Stunden dauern.«
Verdutzt ist ein schönes Wort.

Lächeln ein noch schöneres.
Sie war wie ein Buch der schönen Wörter.
»Unser Leben ist so ereignislos«, sagte sie,
»nie passiert was —

aber was WIR so alles erleben!
Das geht auf keine Brontosaurushaut.
Nur gut, daß keiner seinen Motor laufen läßt.«
»Ach ja«, sagte er – und drehte den Schlüssel.

Wie still es war!
Still & aufregend. Hier -
wie überall; wo man sein konnte.
Bei sich. Mit sich. In sich. Zusammen.


Der Faltenwurf der Spiegel

Die Spiegel werfen Falten
Egal wie jung man auf die Fläche blickt
Alles verkehrt
Und der Geist unsichtbar
Erkenne dich selbst
Wie du nicht bist
Stumm & geruchlos im Glas
Eingeweckt und doch verfaulend
Tiefe nur vorgetäuscht
Leben als optisches Phänomen
Was man da sieht
Soll ein Mensch sein?
Sein sein?
Silbrige Gaukelei
Geht vorbei, geh vorbei
Fabrikat aus Splittern
Ein Ganzes wirst du nie
Lass dich fallen
Wirf dich hin
Wie der Spiegel die Falten
Wie die Schwerkraft die Alten
Täusche vor geh zurück
Schmeiss noch einen letzten Blick
Auf Alles
Was nicht du ist 
Auf Alles 
Was du nicht bist
Spieglein Spieglein Märchentand 
Plisseevisage Stundensand 
Die Spiegel werfen Falten
Sie solln mein Bild behalten




Phazit

Im Sitze meines Lebens 
(was bei Anderen im Laufe heißt)
gemütelte ich häufig auf dem Sopha mit p-h
und Büchern in den Tellern meiner Hände

Mit Blätterfingern fuhr ich durch das Laub
der Bände – ganz fremd wurde mir da zufurchte;
fremd der Waren Welt mit ihren Würglichkeiten
und ihrer Enge, die außerhalb des Geistes liegt

Im Rascheln der Romane war ich zu Hause
im Rauschen der Gedichte unterwegs
Der stumme Besucher in den Winkeln
der Biographien: das war ich

Reich war ich in meinen Reichen
Auf den Brettern, die Regal bedeuten
Traf nie einen meinesgleichen
Mischte mich nicht unter Meuten

Was zur Neige geht, ist nicht mein Leben
Eine Welt nähert sich dem Ende
Was Gedanken leise weben
Fällt am Schluß durch offne Hände

Kontakt

Vorsichtig gehen – – –
nicht dass man versehentlich in Kontakt tritt
wie in so’nen Haufen.
Den Gestank wird man so schnell nicht wieder los.

Jeder Auftritt könnte der letzte sein.
Lieber gleich daheim bleiben, denn da ist man schon
und muss sich kaum bewegen.
Lauschen wie der Treibsand durchs Stundenglas rieselt.

Die Klingel hat keinen Strom mehr,
und die Haustür ist verklemmt.
Menschenscheu war ich früher,
heute meprisier‘ ich nur noch.

Schöne Ausblicke sieht man auch durch Fenster.
Bäume, Himmel, Mädchenschenkel —
gehen, bleiben,
nur nicht winken!


Ohne mich

Des Malers Hand schafft
eine Landschaft
ohne Menschen
ohne sich

Denn er ist ein Mensch
Jeder Mensch ist eine Umweltzerstörung
Schon allein – sein Anblick zerstört
die Harmonie

Ich stehe in einer Landschaft
ohne Menschen
blicke aus mir heraus
als wäre ich nicht da

Nein, ich stehe in einer Landschaft
mit mir – wie schön
wäre sie erst ohne mich!

Der Maler soll mich löschen


Virtuell

Eine virtuelle Welt verschwindet
Im leeren Raum des Todes

Ein Idiot stirbt
Auch er dachte

Und hatte eine Sicht auf das
Was er für Alles hielt

Es wird kaum dunkler
Durch sein Verschwinden

Wie finster wird es hingegen
Wenn ein Geist dahingeht

Den wir groß nennen
Und doch — bloß

Eine virtuelle Welt verschwindet
Im leeren Raum des Todes


Wissen

In meiner Jugend wunderte man sich
Was ich alles kannte und wusste

Nun, da ich alt bin
Wundert sich keiner mehr

Als wäre es selbstverständlich
Und wenn sich doch mal einer wundert

Dann weil ich nichts vergessen habe
Irgend etwas ist immer falsch

Und nichts ist selbstverständlich


Die Jacke

Das ist ihre Jacke
Auf der Armlehne des Sessels
Den niemand je benutzt

Achtlos dahingeworfen
Verschlungen unsichtbar
Die Ärmel

Die zieht sie an
Um nicht zu frieren
Da draußen

Jetzt schläft sie
Unter der Decke
Und schwitzt vielleicht

Ein bisschen
Nur kurz habe ich
Vom Buch aufgeschaut

Das ist ihre Jacke
Mir gegenüber
Auf der Armlehne des Sessels

Den niemand je benutzt
Es ist gut
Dass sie da liegt.


Jetzt, dann & in Ewigkeit

Und dann wird kommen die Zeit
Da man uns beneiden kann
Um diese Gegenwart

Und beneiden wird man uns
Darum, daß wir tot sind
Und wir würden uns freuen

Tot zu sein wie wir
Uns nie unseres Lebens gefreut haben
Wenn wir es noch könnten

Also —
Was jammern wir
Es geht uns noch gut

Und wird uns noch besser gehen


Howard

I am too old & cynical & world-weary
to be interested in books of my junk —

Howard war 35 Jahre alt, als er das schrieb.
Er nannte seine Tante »Tochter«
und sich selbst »Großvater«.

Kinder hatte er nicht. Er liebte Spaghetti
und hasste moderne Architektur.
Sein Kinn war gewaltig

und die Welten in seinem Geist beängstigend.
Er hatte keinen Job,
und eigentlich wollte er auch keinen.

Er wollte nur lesen, schreiben und
es warm haben.
Kälte konnte er nicht ertragen.

Folglich schrieb er eine Geschichte
über jemanden, der nur in der Kälte existieren kann –
weil er längst tot ist.

Howard starb mit 46 Jahren,
also war er mit 35 tatsächlich alt.
Die meisten Menschen wissen nicht,

wie alt sie wirklich sind.
Howard war ein besonderer Mensch.


Alarm !

ALARM!
WIE? WAS? SIE HÖREN
NICHTS?

Je nun, dann brauche ich ja nicht zu schreien,
obwohl ich es möchte.

Vorsicht – wenn Ihnen jemand etwas in eine Körperöffnung steckt,
könnte es Ihr Leben verändern.

Zerstören.

Erinnern Sie sich? Ich konnte keine Grille mehr hören.
Ich erwähnte es einmal.

Nun habe ich ein ganzes Volk im Ohr.
Dem Facharzt sei Dank!

ZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRP
ZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRP
ZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRP
ZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRPZIRP

Und wenn Wasser fließt,
Bäume rauschen,
eine Plastiktüte leise knistert –

gibt es ALARM! FEUERALARM!
SCHRILLEN KREISCHEN PFEIFEN
im ganzen Kopf, fast könnte man denken

man hätte gar nichts darin,
da alles so

HALLT.

»Ist Ihnen das schonmal passiert«, fragte ich.
»Extrem selten«, sagte der Arzt.

Ein Glück, dass das Leben so begrenzt ist.
Da möchte man nicht noch mal 20 sein

(und so verkorkst wie damals).

Plötzlich gibt es wieder eine Zeit davor
und eine Zeit danach.

Eine Zäsur und Gedanken wie
‹Ach, hätte ich dieses Buch doch gelesen,
als es mir noch gut ging!› — obwohl

es einem vielleicht nie gut gegangen war. (Oder
eigentlich doch; man hatte es nur nicht gewusst.)

Ein neuer Orientierungspunkt in der Zeit
wie der Tod eines nahestehenden Menschen.

Und wer stünde einem näher
als der eigene Körper.

Werde ich jetzt böse, verbittert, unerträglich,
einsam, asozial? – Ach, war ich das
nicht schon immer?

Und doch –

Die Hoffnung tickt ganz leise
wie das Werk einer alten Uhr,
die eine falsche Zeit anzeigt.

Sinnlos bewegt es die Zeiger.

Nein, halte sie nicht an dein Ohr.
Selbst wenn du nichts mehr hörst.

Kannst du die Zeit noch lesen?
Es ist egal.

Herbst.

Falls du noch gehst –
gehe vorsichtig
am Laub vorbei

damit es nicht raschelt,
denn sonst gibt es


Momentaufnahme (für die Ewigkeit)

Eine Träne rinnt ihr über die linke Wange.
»Wie groß er heute war«, sagt sie.
In der Tat: zwei Mal hatte sie leicht gewürgt,
und kühles Nass war den Damm hinab gesickert.

Sie lächelt und kam
unter dem Tisch hervor. Weiß & fleckig
stand der Mond im All; er besorgt uns
die Romantik. Wie groß er heute war!

So kommt es mir
zumindest vor. Eine optische Täuschung,
die etwas mit Nähe zu tun hat, glaube ich.
Ein Nachtfalter hat sich an die Scheibe geheftet

im Schein der alten Lampe mit dem grünen Schirm.
Ein leiser Wind bewegte die Zweigsilhouetten,
und der Tag gleitet unausweichlich in die Vergangenheit.
Einen Moment noch

blieb er uns gegenwärtig. Der Moment —
wie groß er heute ist!
Er berührt die Zukunft — und reicht vielleicht
noch weiter. Wir werden

es erlebt haben.


Tod in der Lebendfalle

Man wollte human sein
Die Maus in einer Lebendfalle fangen
Die Falle stand auf der Terrasse

Nachts trippelte es in den Wänden
Erster Tag: nichts
Zweiter Tag: nichts

Schon dachte man nicht mehr daran
Kümmerte sich um anderes
Bis

Tod in der Lebendfalle
So könnte meine Autobiografie heißen
Zwei Stücke Schokolade

Hatte sie gefuttert, ratzeputz
Kein Wasser, wer denkt schon an Wasser
Elender langsamer Tod

Kein erlösender Bügel im Genick
Tot, und als Symbol verwurstet
In einem schlechten Text

Die ganze Falle vollgeschissen


Still Leben

Die Jahrzehnte, die ich vor mir gehabt hatte
Liegen hinter mir
Der Sinn, den ich nicht gesucht habe
Hätte mich nicht finden können

Erinnerungen sind Schatten auf einem Spiegel
Wer hineinschaut, sieht nichts als Zweifel
Niemand weiß, wo ich bin
Und ich will es nicht wissen

Das Ende bewegt sich nicht auf mich zu
Und ich stehe still
So kommen wir uns näher
Wenn wir uns treffen

Ist es der Abschied


Wie kann man nur

Plötzlich blieb Udo stehen
und schrie eine Rose an:
»Wie kann man nur so rot sein!«

Die Rose rührte sich
nicht. Sie war tatsächlich rot.
Doch nicht außergewöhnlich.

Wir gingen weiter.
Ich schwieg und hatte Mitleid
mit der Rose.


12 Uhr mittags

12 Uhr mittags in der Apotheke.

»Sind Sie gerade aufgestanden?«
»Nein, ich gehe gleich schlafen.«
»Die Tabletten muß man morgens einnehmen.«
»Also vor dem Schlafen.«
»Nein, nach dem Aufstehen.«
»Ich stehe abends auf.«
»Hm, schwierig. Ich weiß nicht…«
»Okay, danke, tschüss.«
Kurze Pause.
»Äh – ja.«
Ich gehe zum Ausgang. Da
ruft sie hinter mir her:
»Gute Nacht!«

Herz auf, Tür auf. Raus.


Das Unglaubliche

Sein 91jähriges Gesicht
konnte ich mit seinem 70jährigen Gesicht
einfach nicht
in Verbindung bringen

War er das?
Nein
Das konnte er nicht sein
Oder doch?

Diese 21 Jahre waren so lang
wie alle 21 Jahre lang sind

Wie konnte – – –

Die Gleichförmigkeit der Zeit hilft
Niemandem
Der Verfall hält sich nicht daran
Was lebt verfällt ungleichmäßig

Doch das eigentlich Unglaubliche:
21 Jahre lang hat er in den Spiegel geschaut
Heute sehe ich aus wie gestern, hatte er gedacht
Am Tag darauf dachte er es auch

Er erkennt sich noch heute
Ja, das bin ich, denkt er

Manchmal war das Erschrecken groß
Als hätte er sich jahrelang nicht gesehen
Doch das verging

Wie er selbst


Der Scherz des Fotografen

Niemand           weiß,          was        das       Foto     zu     bedeuten     hat.
Es        ist        ein                  Rätsel,       so              rätselhaft,              dass
man        es       für etwas         anderes       als         ein     Rätsel         hält.
Der             Gegenstand,                 der            alles    erklären          würde,
lag        im           Blickfeld           des     Fotografen.       Er       hatte     ihn
beiseite geschoben.      Beinahe wäre sein Schatten in das Bild gefallen.

Der Fotograf lachte, als er das Foto betrachtete.


				

Für Alle

Es gab eine Zeit

Da war mein stets berauschter Geist überzeugt
Die völlige Einsamkeit werde der Schauplatz
Meines künftigen Lebens sein

So wie sie der Schauplatz meiner Gegenwart war
der Schauplatz vieler vergangener Jahre
Ein Schlachtfeld, auf dem man gegen sich selber kämpft

Suff, Bücher, Leere, Kälte —
Der Lebensabend in tausend Nebeln.
Die Selbstzerstörung in voller Fahrt.

Niemals niemals NIEMALS

Würde mehr Ersehntes
Meine Burg, meine Festung
Betreten.

Was ich mir wünschte
Gab es nur noch auf Bildern
Und Bildschirmen

Glatt, geruchlos, zwei Dimensionen
Ohne Tiefe, ohne Wärme
Ohne mich.

— — –

Wie fremd
Ist mir diese Vergangenheit
Dieses Ich

Von damals! Heute!

Sieh doch:
Eine junge Frau geht
Nackt zwischen Bücherregalen

Ich darf sie berühren
Sie berührt und rührt mich
Sie schmeckt und duftet und lebt

Hier. Der Suff ist vergessen.
Die Nüchternheit berauscht.
Meine Burg, meine Festung

Wird barfuß durchtanzt.
Ich dürfte es kaum glauben können.
Aber doch, aber ja.

Ich glaube es. Ich sehe es.

Sie nimmt ein Buch aus dem Regal
Eins meiner alten Bücher
Es ist eine Lücke entstanden

In der Reihe der Folianten
Das Buch lebt auf
In der Lücke steht ein unsichtbares Album

Ich bin in diesem Leben
Sie ist in diesem Leben
Wir sind in unserem Leben

— — —

Was ich eigentlich sagen will:
Es gibt Hoffnung.
Es gibt Erfüllung.

Was es für mich gab
Gibt es für Alle. Für Alle
Die ebenso verzweifelt zweifeln

Wie ich überzeugt war
Die völlige Einsamkeit werde der Schauplatz
Meines künftigen Lebens sein.

Sieh doch: da
Ist sie nicht schön?
Ich könnte es kaum glauben

Wenn ich es nicht wüsste.
Verstehst du, was ich sage?
Für wen ich es sage?

Stell das Buch nicht zurück
Dort steht jetzt ein Album.
Ich blättere manchmal darin


Kolonie

Am Ende des Tages sind wir fein
mit allem, denn Alles macht einen Sinn.
Isses nich nice?

Deutschland – die Sprachkolonie.
TrumpLand grüßt aus der Lederhose.
Man möchte puken.

Schnell noch’n Burger in die Wampe
& ein T-Bone-Steak auf den Grill.
Immer wieder ein Wunder

dass die Gehirne nicht aus den Nasenlöchern laufen.
Aufgeweicht von den Massenprodukten
aus Hollywood.

Vomit hamwa das verdient?
Mit der Blödheit, meine Lieben,
mit der Blödheit.

Sie sehen die fünfte Staffel des dritten Teils der Nichtigkeit.
Und das Popcorn ist so laut,
dass man den eigenen Hass kaum noch hören kann.

Mit dem Amoklaufen allerdings hapert es
hierzulande noch. Es wird viel zu selten
geschossen. Doch das kriegen

wir auch noch hin.
Wichtig ist, was hinten rauskommt
am Ende des Tages.

Right?


Nichts wie weg

Ein alter Mann ging
An einem Spiegel vorbei
Ich kannte ihn

nicht. Aber
Wir hatten dieselben Erinnerungen.
Ganz kurz

Schauten wir uns in die Augen.
Dann schauten wir erschrocken
Nichts wie weg


Ein alter Mann ging
An einem Spiegel vorbei
Ich kannte ihn

kaum. Aber
Wir hatten ähnliche Erinnerungen.
Ganz kurz

Schauten wir uns in die Augen.
Dann schauten wir erschrocken
Nichts wie weg


Dornen, oder: Ein schlechter Tausch

In meiner Kindheit
Konnte es mich glücklich machen
Einen breiten Gürtel zu haben

Einen Gürtel mit 2 Dornen.

Es war mir wichtig
Wie hoch die Absätze meiner Schuhe waren.
Es konnte mich traurig machen

Wenn mir etwas nicht perfekt erschien.

Aber die sogenannte Gelassenheit des Alters
Die Erkenntnis was wirklich wichtig ist
Im Leben

Sind ein Dreck dagegen.


Drei Silberlöffel

Drei Silberlöffel gewann Cervantes.
Das war der erste Preis
In einem Gedichtwettbewerb

Aber mit einem Silberlöffel
darf man nicht mal ein weichgekochtes Ei essen
das man nicht hat

Man kann geboren werden
mit einem silbernen Löffel im Mund
Man muss ihn abgeben

wenn es soweit ist.
Doch was ist damit gewonnen?
Man könnte

irgendetwas rühren
wie mit einem Gedicht
für das man sich nichts kaufen kann

Etwas auslöffeln
das zu dünn ist
um es in die verkrüppelte Hand zu nehmen

Aller guten Dinge sind
nichts. Kennt jemand
dieses Gedicht?

Ich kenne es nicht.


Der Autodidakt

Wem – nein, wer sich die Tür zur Literatur nicht in früher Jugend öffnet, der wird nimmermehr einen Zugang finden. Man trägt den Schlüssel tief in seinem Innern. Oder eben nicht. Wer sich gewaltsam Eintritt verschafft, wird ein Einbrecher im fremden Gebäude sein und nicht wissen, was er stehlen soll. Wer darauf hofft, Andere könnten ihm Einlass gewähren, hat nicht begriffen, dass er so bestenfalls Gast oder Museumsbesucher sein würde. Man kann sich vielleicht umschauen, ein bisschen was lernen sogar, aber im Gefühl des Besitzens darin leben kann man nicht. Und was man zu lernen vermöchte, ist niemals das Wesentliche.

Nun gut, sollen Lehrer und Professoren meinetwegen sich mithilfe des allgemeinen Irrglaubens ihre Existenzen sichern. Vielleicht hilft es ihnen durchs Leben, sich und das, was sie tun, ernstzunehmen — das ist immerhin auch etwas wert und verursacht keinen nennenswerten Schaden. Wir machen uns alle etwas vor. Und wenigstens dies lässt sich sogar lernen.

Aber jetzt entschuldigen Sie mich. Klingeln Sie nicht, klopfen Sie nicht. Ich werde nicht öffnen. Denn ich habe nichts zu tun.


Als wäre es Gras

Die Süßigkeit machte ihn müde.
Die Müdigkeit machte sie süß.
Sie gähnte, er schluckte.

Dann schlief sie. In der Pralinenschachtel
gähnte die Leere. Zu süß,
dachte er, kann es nicht geben

und biss in das letzte Herz.


Die letzte Grille

Wie konnten mir Grillen auf die Nerven
gehen in meiner Jugend! Und später.
Dieses ewige Gezirpe!

Ach, ewig – das sagt man so
dahin.

Abend. Wir liegen im Bett.
Das Fenster steht offen.
»Oh, wie schön«, sagt sie.

»Was?«
»Die Grille. Ich hab schon ewig
keine Grille mehr gehört.«

»Ist das nicht ein Vogel?«
»Nein, nicht der Vogel,
die Grille. Eine einzelne Grille.«

Ich stehe auf. Halte
den Kopf aus dem Fenster.
»Na ja«, sagt sie. »Es ist

ja nur eine, und der Ton ist
sehr hoch und leise.«
Ich sage nicht:

Da ist keine Grille. Es gibt
keine Grillen mehr. Sie sind
verschwunden. Für immer.

Aus. Gestorben. Da liegt sie.
Mit ihren jungen Ohren.
Ihren jungen, hübschen Ohren.

Ich lege mich wieder zu ihr.
Wie konnten mir Grillen auf die Nerven
gehen? Jemals.

In meiner Jugend. Und später.
Wie lange ist es her,
dass ich die letzte Grille gehört habe?

Und es nicht wusste.
Nicht ewig. Denn das sagt man nur so
dahin.


Weltfremd

Weltfremd wurde ich geboren
Ohne Vorstellungen
Von Etwas und Nichts

Dann stellte sie sich
Mir vor die Welt
Ich schloss Bekanntschaft

Sie drängte sich
Auf wie ein besoffenes Wesen
Das nicht schweigen will

Obszön gewöhnlich pöbelhaft
Ein Fremder unter Fremden
Die sich zu kennen schienen

So kam ich
Mir vor
Es ist Zeit

Zu vergessen
Nichts wiederzuerkennen
Was man gesehen hat

Zeit sich zurückzuziehen
Erinnerungen zu verlieren
Wie Schlüssel

Zu Türen die man nicht öffnen möchte
Etwas und Nichts schließen
Bekanntschaft

Noch niemand war so dumm
Dass er nicht sterben konnte
Auch Gehirne ohne Furchen

Würden vergehen


Schwinger

»Ach«, sagte er.
»Ach was?«, sagte sie.
»An manchen Tagen

Will man sich
Doch schon nach dem Erwachen
Aufhängen.«

»Hm. — Darf ich dann
Neben dir hängen?«
»Gerne.«

»Au ja! Und dann
Schwingen wir
Miteinander.«

»Wir können auch pendeln.«
»Pendler und Schwinger«, sagte sie –
»So wie im Leben.«

Man lächelte; fragte sich, wie spät es sei —
Und ließ sich noch ein wenig
Zeit.


Keine Zeit für Zeitgenossen

In der Gegenwart lebe ich
selber. Ich
habe keine Zeit

für Bücher meiner Zeit.
Lasst mich in Ruhe
die Toten kennen

lernen; den Blick werfen
aus meinem Zeitfenster,
das so schmal ist

wie ein Sarg.
Ich muss leben
vor meiner Zeit.


Die leuchtende Perle

Alle Sträucher, Hecken, Bäume
waren in geometrische Form gebracht.
7 Stunden Lärm vom Benzinmotor,
stummes Leid der Pflanzen.

»Ach du dickes Schaf«, flüsterte sie,
»Beete aus Kieselsteinen!
Wie furchtbar. Kalt, grau
& hässlich. Und diese Gipsfigur!«

»Ich blicke in das Gehirn des Nachbarn«, sagte ich.
»Ich würde da nicht wohnen wollen«, erwiderte sie.
»Du hättest viel Platz – in seinem Gehirn.«
Ein Lächeln, das neben mir spazierte.

Wäre ich er, würde ich hinter der Gardine stehen
und sehen, wie sie vorübergeht im Sommerkleid.
Dann würde sie gleichsam verschwinden
im Dschungel des Vorgartens.

Kegel, Kugeln, Zylinder –
was mögen die Tiere denken?
»Bei uns gibt’s einen neuen Hügel«, sagte sie.
»Ich weiß«, sagte ich. »Darunter

liegt der Maulwurf in seinem Bettchen
mit dem fluffigen Kissen & der dicken Decke.
Über ihm hängt eine leuchtende Perle,
und in ihrem Licht liest er ein rotes Buch

über ein Maulwurfmädchen.«
»Mo-mi-ta«, silbte sie. »Wo
kommt die Perle her?«
»Von einem kleinen Fisch,

den er vor einem großen gerettet hatte.
Zum Dank schenkte der Kleine ihm eine Muschel,
die außen schwarz und innen so rot war wie das Buch.«
»Jetzt erinnere ich mich wieder.«

Wir gingen nach Hause. Licht der Abendsonne.
Gleichschenklige Bewegung, parallele
Zehen in Sandalen. Nie kann man sich sattsehen.
Doch der Maulwurf trägt keine Brille.

Farbenfrohes flatterte im Garten
und saugte an dem, was Menschen Unkraut nennen.
»Was machst du jetzt?« fragte sie.
»Ich werde mich ins Bettchen legen

und auf das Leuchten warten.
Und du?« »Ich weiß
nicht. Vielleicht noch
etwas spielen.«

Ich bin ein Hochstapler
der Bücher. Ein bunter Turm
auf dem Nachttisch
könnte der Beweis sein.

Schwarzweiß flimmerte ein Film
auf mir. Körnige Bilder
& Werbung für Getreideflocken.
Sooo knusprig!

Ich drückte einen Knopf
und schlug ein Buch
auf. Seite 303 (leicht wellig).
Schiller? Na ja.

Als sie unter die Decke kam,
wurde es glatt & warm.
»Man könnte«, sagte sie,
»nachts in den Garten gehen

und schauen, ob es aus dem Hügel
gemütlich leuchtet. Was meinst du?«
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Das lässt sich ändern. Hauptsache,

du bleibst lange bei mir.«
Ich nahm die Brille ab.
Der Schirm der Lampe war
ein weißer Zylinder.

»Natürlich«, sagte ich,
»du kennst doch die Floskel –
Unkraut vergeht nicht.« Unter
dem Plumeau blühte es dunkel.


Der Anhalter

In der prallen Sonne (sie schien
jetzt schon seit so vielen Wochen,
dass sie wie ein nerviger Gast war)
stand ein Anhalter neben der Landstraße.
Er hatte ein Gesicht & einen Körper.
Ich hielt an und ließ das jenseitige
Seitenfenster herunter. Das Gesicht
erschien in der schwülen Öffnung und fragte:
»Fahren Sie nach« (es nannte den Namen
des übernächsten Ortes)»?«
»Nein.«
»Wo fahren Sie denn hin?«
»Dorthin – wo Sie auf keinen Fall sein wollen.«
Abrupt trat ich aufs Gaspedal. Es knirschte & staubte.
Im Rückspiegel sah ich sie stehen. Mir nach blicken.
In der prallen Sonne. (Geh doch endlich
nach Hause! Ich kann dich nicht mehr ertragen!)
Ich schloss das Seitenfenster (diese Hitze!)
und fuhr in den übernächsten Ort.
Der Mann hätte doch erkennen müssen,
dass im Wagen kein Platz übrig war.
Ich & mein Ego in klimatisierter Luft.