Monatsarchiv: Mai 2016

In meiner Nähe

 

Ich war allein
in meinem Traum

Nichts & Niemand
umgaben mich

Kein Wort kann es
beschreiben, denn jedes

Wort ist zu viel für Nichts
Und Niemand setzt Jemanden voraus

Einsamkeit ohne Worte
war in meinem Traum

Keine Begriffe
an denen man sich festhalten konnte

Doch es erschreckte mich
nicht, denn ich schien

es gewohnt zu sein von Alters her
Ich träumte eine Wirklichkeit

in der Träume nicht existierten
Und das All war ein kahles Zimmer

in dem ich allein war
Isoliert von Allem

Von Allem, was ohnehin nicht existierte
Plötzlich aber –

hörte ich jemanden
atmen…..

ruhig & regelmäßig
in meiner Nähe

Dabei hatte ich gedacht
meine Nähe gäbe es gar nicht

Ich bekam Angst
so wie Andere ein Geschenk bekommen

Und Bewußtsein bekam ich
Das der Angst ähnelte

Als ich erwachte
war auch dort der Atem

als hätte ich ihn mitgenommen
aus meinem Traum

Ruhig & regelmäßig
atmete es in meiner Nähe

Denn meine Nähe existierte
Und Jemand lag darin

Lag darin wie selbstverständlich
& so als ob

Selbstverständlichkeit in meinem Leben
vorgesehen wäre

Auch sie erwachte
Sie berührte mich in der Finsternis mit ihrer Hand

Nur kurz, um sich meiner Nähe (vielleicht
sogar meiner Existenz) zu vergewissern

Ein leises Kichern der Zufriedenheit –
Dann schlief sie wieder ein

Ich blieb noch eine Weile wach
weil ich das Bewußtsein nicht verlieren wollte

Und weil ich es hören wollte:
Das Atmen

in meiner Nähe


Mit Ausnahme der Schmetterlinge

»Ich dachte immer,
ich«, sagte sie, »rede
wenig. Aber du«, sagte
sie, »redest so wenig,
dass ich«, sagte sie, »mich
erst wieder ans Zuhören gewöhnen muss,
wenn ich mit anderen zusammen
bin.« Ich sagte

nichts & grinste. Geschmeichelt. Mir
gefiel, was sie sagte; die Geliebte. Wir
saßen in einem Garten, und
solches Wetter wurde gemeinhin
»schön« genannt. Hummeln summten.
Weil sie sich bewegten. Ich
konnte nicht fliegen. Was
wahrscheinlich niemanden überraschte –

mit Ausnahme der Schmetterlinge,
die auch nicht viel reden. Mir fiel
nichts ein. Außer Leerzeichen. Ich
hörte Stimmen in der Nachbarschaft
& stellte mir die Wörter vor, wie sie
in geschwungenen Blasen über den Köpfen
schwebten. Ein wenig
Wind bewegte die Wiese, und

auf einer alten Tonbandaufnahme behauptete
meine tote Mutter von mir: »Er redet nicht,
wenn Fremde dabei sind.« – sie sagte das
mit ihrer Stimme von 1966, aber es hatte
schon damals nicht gestimmt. Ich sah die Blasen
platzen, und die Menschen wurden besudelt
von ihren eigenen Worten. Die Sonne
verbrannte das Gras, und die Geliebte

beobachtete einen Falter, der
wie eine zitternde Blüte auf einem Ast saß.
Auch Insekten sind mir fremd. Ich sagte:
»Das ist schön«. Wusste sie,
was ich meinte? Wahrscheinlich schon.
Aber dass dieser Anblick schön war,
wusste sie selber. Ich
hätte es nicht sagen müssen.