Nichts als Dampf

Manchmal
setzte ich mich mit einem Reclam-Heft oder
einem Donald-Duck-Comic
in irgendeine Ecke
des menschenleeren Schulhofs;
manchmal
ging ich in den nahegelegenen Plattenladen, um
in den Singles zu stöbern.
Meistens aber
lehnte ich mich gegen das Geländer meiner liebsten
Eisenbahnbrücke & schaute hinab
auf die Schienen.
Ich war der einzige Schüler der Grundschule, der
(was damals ungewöhnlich war) regelmäßig
1 oder 2 Freistunden hatte.
Und jeder Atemzug dieser Stunden hatte
einen besonderen Geschmack.
Frei.
Frei.
Frei!

Ich schaute hinab,
kannte jede Maserung, jeden Riss in den alten Holzschwellen;
und der Schotter im Gleisbett bedeutete mir mehr als
die Kiesel am Meeresstrand.
Ich wartete.
Wartete auf mein Verschwinden.
Wartete auf das Verschwinden der Welt um mich herum.
Manchmal
erblickte man den Dampf – bevor man die Lokomotive sah oder hörte;
manchmal
hörte man die Lok – bevor man sie oder den Dampf sah;
und manchmal kam alles gleichzeitig.
Das Rollen, das Donnern, das Rattern, das Scheppern, das Zischen …..
Der Klang der Ferne, die sich näherte.
Die Vorfreude.
Gewölk aus einem fahrenden Schornstein kam auf mich zu;
eine künstliche Nebelbank zum Ausruhen & Vergessen.
Und dann sah ich nichts mehr.
Alles weiß
um mich herum.
Ich selber:
unsichtbar für alle Anderen.
Der einzigartige Geschmack des Dampfes.
Die Wonne der verlorenen Orientierung.
Frei.
Frei.
Frei!

Ich
allein.
Im Nebel, der
begreifbar war.
Ich atmete ihn ein.
Atmete tief.
Wie im Rausch.
Während den Anderen
in einem stickigen Schulzimmer,
das ich nur zu gut kannte
& gar zu sehr hasste,
irgendeine Religion
eingetrichtert wurde.


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