Monatsarchiv: August 2018

Literarisches Material

Es war eine Ehe
Frau Max Frischs, die sagte:

Ich habe nicht mit dir gelebt
als literarisches Material,
ich verbiete es,
dass du über mich schreibst.

Sie sagte es
zu ihm. Woher
ich das weiß?

Er hat es in einem Buch verwertet,
darüber geschrieben, wie
es seine Aufgabe war.
Montauk.

Da steht es –
gesperrt & abgesetzt
in Majuskeln.

Wie naiv kann man eigentlich sein?

Werte Dame, DAS WERK KOMMT
AN ERSTER STELLE !

Zumindest bei einem Autor,
der diese Bezeichnung verdient.

HEIRATEN SIE EINEN KLEMPNER,
WENN SIE DAMIT NICHT KLARKOMMEN !

Schriftstellerfrauen – auch so’n Thema…..

Bei der Durchdringung der Wirklichkeit
gibt es keine Sperrgebiete.
Keine Tabus, keine Rücksichten.

Die ernstzunehmende Literatur ist kein Ponyhof.
Sie ist ein Schlachthaus.
Hier hören die Nettigkeiten auf,
die man sich im Leben erlauben soll.

Ich verbiete es….
Die Ingeborg hätte so einen Schwachsinn nicht gesagt.

Und Nora Joyce hatte keine Ahnung
mit wem sie da zusammenlebte.


Rotbäckchen & der Wolf

»Nicht«, sagte sie,
»dass du wieder’n Gichtanfall bekommst.«
Der Steppenwolf blitzte durch
meine Erinnerung, Harry Hallers Pulver.
»Nein«. sagte ich, »nicht
in der Hand.« Po
dagra war’s; ja, wenn man auf Schmerz stünde……
Ihr kleiner, fester Arsch war rot
wies Käppchen im Märchen,
und ein wenig brannte mir die Hand
nun doch. »Fest
er!« hatte sie gesagt. Ihr Befehl
war mir Wunsch gewesen.
Sie hielt sich die Ohren zu,
weil unsere Häute so lärmten.
Heute fragt man mich nicht mehr:
»Heißen Sie wirklich Wolf? Nur Wolf?
Oder doch Wolfgang?« Die ewigen Fragen
meiner Jugend. Und die ebenso ewigen Antworten:
»Ja – nee – den Gang können Sie sich sparen.«
Ich sitze ja auch am liebsten aufm Sofa; das
schont die Gelenke. Ob sich meine
Großeltern träumen ließen, was später einmal
auf ihrer geblümten Couch…… Die Tapeten
verliehen den Schlägen ein farbiges Echo;
kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.
Großmutter, warum hast du so große
Organe? Ha. Ha. Schade,
dass ich keinen Kuchen mehr essen darf;
den Wein habe ich freiwillig aufgegeben
(frei willig? – je nun, dies ist nicht der Augenblick
für Philosophie, noch Religion). Applaus!
aufs Gebäck. Auch ein Wolf
will mal ins Bett – & sich’s gemütlich machen;
da muss die alte Frau halt
weichen. Bevor das Mädel an die Türe klopft.
»Woran denkst du?« fragte sie (da wir
schon bei den ewigen Fragen waren).
»Ich denke nie«, sagte ich, »auch das
hat mir der Arzt verboten.« Welche
Tonhöhe hat wohl so’n Po
klatscher? Kann man
das notieren? – Aber auch
das Absolute Gehör soll ja ein Märchen sein.
Märchen all
enthalben. Aus dem Reich der Erfindungen.
Harry tanzt….. Wer’s glaubt.
Ich humple. Zu
weilen. In grauer
Vorzeit war ich Schlagzeuger gewesen;
daher wahrscheinlich mein Hang
zu perkussiver Erotik. Und
die Einsamkeit des Wolfes
zog ihn zu den Geißlein.
Liebe auf An
hieb. Mozart
lachte
laut
los.


Sterne der Kindheit

Dass ich es so spät bemerkt habe
Verwundert mich
Noch heute

Dass die Sterne die ich als Kind gesehen
Unsichtbar geworden waren
Fiel mir lange nicht auf

So oft hatte ich abends
In den Himmel geschaut
Die Städte müssen dunkel gewesen sein

Ich wusste es nicht
Dass sie dunkel waren
Ahnte nicht dass sie heller werden würden

So viele Sterne sah ich als Kind
Eines Tages schaute ich nach oben
War erwachsen und alles schwarz über mir

Das waren die Menschen
Das war der Fortschritt
Das war der Verlust des Funkelns

Ich hätte es früher bemerken
Den Augenblick des Verlustes
Wahrnehmen müssen

Aber so ist der Mensch nicht
Er sieht den Mond
Er sieht die Venus

Was verloren gegangen ist
Bemerkt er
Zu spät


Unvergesslich

Ich erinnere mich

Niemand kannte den Mann
Manche glaubten es
trotzdem

Er schrieb

Er schreibe
Unvergessliche Gedichte

behauptete er

War das zu glauben?
Er lächelte

»Nichts« sagte er
»hebe ich auf

Alles
werfe ich weg

so
fort«

So war
es wahr

Seine Gedichte waren unvergesslich
weil niemand sie kannte

& er sich erinnerte