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2102

Vladimir Nabokov schrieb an seine Frau, Véra:

Weißt Du, als Natascha Wanja schlafen legte und mit einer großen
Sicherheitsnadel seine Kleidung an ihm feststeckte, hat sie ihm
durch die Haut gestochen und es nicht gemerkt, aber er
schrie natürlich, und endlich stutzte sie, betrachtete ihn genau,
und da sah sie, dass sein Bäuchlein säuberlich mit der Nadel
durchstochen und festgesteckt war.

Ich zuckte
zusammen – 85 Jahre
später – mein Gesicht
beinahe schmerz

verzerrt Alle 
sind tot Vielleicht
lebt Wanja noch? Möglich
Was ist

schon Zeit
im Hinblick auf
Empfindungen?

Selbst – eine Empfindung

‹Schmerz vergeht
mit der Zeit›
Doch Worte rufen ihn 
hervor über die Zeiten 

hinweg in einer anderen 

Dimension Nur eine Vorstellung
die wehtut
Ohne Verletzung Ohne

Blut Verbunden
über alle Gegenwarten 
hinweg mit den Empfindungen 

von Fremden (die nicht einmal existiert haben
müssen ….) 

Ich stehe auf
vom Schreibtisch
gehe in die Küche
um mir einen weiteren Nescafé zu machen

Ein Stein
piekst meine Fußsohle
Kochendes Wasser spritzt auf meine Hand …..

(oder lüge ich
vielleicht?)

Hey, Sie da – im Jahre 2102 !
Können Sie es fühlen?


Fremde aus fremden Fantasien

 

Der Mann B.
fand sich halb
liegend im Bett & las

in einem Buch

Die Frau B.
fand sich auf
recht im Bett & las

in einem Buch

Das Bett war ein
& dasselbe, man konnte es
ihr »gemeinsames« nennen

Die Romane in ihren Händen
hatten nichts miteinander
zu tun

Die Fremden aus den fremden
Fantasien wussten nichts
von einander

Sie handelten
nach den Gesetzen
ihrer fiktiven Welten

erdacht von ihnen
Unbekannten die geglaubt hatten
Wirklichkeiten zu erschaffen

Sie hatten nichts miteinander
gemein »Ist es
gut?« fragte die Frau

irgendwann

»Ja«, sagte der Mann,
»und deins?«
»Auch«, sagte die Frau.

Schweig
end lasen sie
weiter …. gefangen

in ihren Vorstellungen
von den Fremden
aus den fremden Fantasien

von den Wirklichkeiten
die keine waren
erdacht

von Unbekannten


Die Maserung des Schafotts

Nur die Phantasie sieht

Das Lächeln
In der Maserung des Schafotts.


Der unvergessliche Kuss

 

Mir fehlt die Erinnerung
an jenen Kuss – nicht
weil ich ihn vergessen hätte
sondern weil ich ihn nicht bekam

Niemals
hätte ich ihn vergessen
können, wäre er passiert. Doch
unvergesslich ist er auch

weil es ihn nicht gibt. Und es ist
als wäre eine nicht eingetroffene Phantasie
ein Verlust an Wirklichkeit, an den man sich
bis ans Ende erinnert

Sie fehlt mir

die Erinnerung
an eine andere

Wirklichkeit. An

jene Wirklichkeit
in der wir uns geküsst haben


Die Katze & der Wahnsinn

Beinahe besitze ich ein Haus
Tier. Der Ahorn vor meinem Schlaf
Zimmer reicht
bis an die Dachrinne. Wenn
der Wind weht
auf eine bestimmte Weise
berühren die Zweige das Metall
& streichen daran entlang. Der
Klang dieser Berührung erinnert mich
an das Maunzen einer Katze. Oft
liege ich im Bett & kann nicht
schlafen. Aus
vielerlei Gründen, aber
auch aufgrund dieses Klanges.
Ich könnte hinaus gehen
& die Zweige abschneiden.
Es wäre der Tod
meiner Katze. Meiner Katze aus
Holz & Wind, Metall
& Erinnerung. Das klingt
nach Wahnsinn.
Und vielleicht
könnte ich dann erst recht
nicht schlafen. Also
lasse ich sie
weiter wachsen. Über
das Dach hin
aus.


Ungleiche Verhältnisse

Ich fuhr nach Hause. Weg
von einer Frau. Auf einem
Schild an der Autobahn las
ich den Namen eines Ortes,
in dem ich nie gewesen war.
Dort lebte eine andere
Frau. Diese andere Frau
war zu mir gekommen. Immer
wieder. In der Vergangenheit. Nie
hatte ich sie
besucht. Sie war mehr
in meinem Leben gewesen
als ich in ihrem. Die Frau,
von der ich wegfuhr, blieb aus
schließlich bei sich. In der
Gegenwart. Sie
kannte mein Haus nicht. Und
würde es nie kennenlernen.
In der Zukunft.
Es waren ungleiche
Verhältnisse. Irgend
Jemand war immer
nirgendwo gewesen, und
irgendwo war immer Jemand
nicht. Wir
trafen uns niemals
im Gegenseitigen, doch
die Andere nahm ich
in mir mit zur Einen, und
die Eine nahm ich in mir
mit zu mir nach Hause, und
in der Wohnung der Anderen
war meine Phantasie
stets ein ungesehener Gast. Alles
blieb in mir. Ich las den Namen
auf dem Schild & war versucht
die Ausfahrt zu nehmen. Aber
vermutlich hätte ich mich verfahren.
Ich wäre am Ende
angekommen an einem Ort –
wo uns niemand kannte. In dieser Gegend
hätte ich mehr zu suchen
gehabt als irgendwo sonst. Doch
ich fuhr weiter. Auf meinem Weg. Dorthin
wo Viele Weitere niemals
gewesen waren. Nach
Hause.


Eingeschlossen

Eingeschlossen geboren

Sein, Welt, Ich

Manchmal
bilde ich es mir
ein:

dass ich
durch die Schlüssellöcher der Realität schaue

nach draußen –

 

Doch auch dort
sehe ich nur
mein Innerstes.

Und keinen Schlüssel.


Adjektive

Früher
hatte ich für
Alles
so viele Adjektive

wenn ich erzählte

Nichts
wollte ich der fremden Fantasie
überlassen

Das war
der Egoismus des Anfängers.

Je weniger Adjektive –
desto mehr Wirklichkeiten
existieren.


Der hässliche Mann & die Musik

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Das Türglöckchen erzitterte – 440 Hertz. Da er die Wahl hatte, setzte sich der Mann an den Tisch, an den er sich schon immer gesetzt hatte. Dass er die Wahl hatte, war der Grund für die bevorstehende Schließung des Cafés. Die endgültige Schließung. Auch heute war er der einzige Gast. Manchmal war er sich unsicher: Kam er hierher, weil er hier kaum auf Menschen traf, oder traf er hier kaum auf Menschen, weil er hierher kam? Er erinnerte sich kaum noch, wie es anfangs gewesen, er erinnerte sich nur daran, was ihm als erstes aufgefallen war – & was ihn bleiben ließ:
Es gab in diesem Café – keine Musik.
Runde Tische für jeweils 2 bis 3 Niemande. Kalte Beleuchtung. Trübe Fensterscheiben. Das Röcheln veralterter Kaffeemaschinen. Spuren von Nachlässigkeit auf dem Fußboden. Werbende Spiegel an den Wänden. Und keine Musik!
Er brauchte nichts zu bestellen; sobald er saß, brachte man ihm die erste Tasse. Die einzig verbliebene Bedienung – eine Frau, die immer müde aussah – war gleichgültig. Sie war ihm gleichgültig, er war ihr gleichgültig, ihr schien alles gleichgültig. Das gefiel ihm. Und sein Anblick löste nichts mehr aus. Kein Zucken, kein Zögern, kein betontes Wegschauen. Nichts.
Was den Mann so hässlich machte, war seine Haut. Ein Relief warzenähnlicher Erhebungen, die keine Warzen waren. Dicht an dicht. Wachsend. Und sie waren überall. Auf seinen Wangen, seinen Lippen, auf seinem kahlen Schädel, an jeder Stelle seines Körpers. Selbst auf seinen wimpernlosen Augenlidern, die immer schwerer wurden. Das ganze Ausmaß seiner Hässlichkeit konnten die Menschen nur erahnen. Die Menschen, die bloß sein Gesicht, seine Hände & – manchmal, im Sommer – seine Unterarme sahen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.
Er trank seinen Kaffee, betrachtete die Tischplatte – & dachte beinahe ….. nichts.
Tagtäglich verließ er zu exakt derselben Zeit seine Wohnung, um hierher zu kommen; als hätte er eine Arbeit zu verrichten. Als hätte man ihm eine Arbeit gegeben. Ausgerechnet ihm! Er war froh, keine zu haben, und das Verlassen der Wohnung war nur eine Flucht, eine kurze Ausflucht, ein Ausgang aus dem Verließ. Fort aus der geordneten Umgebung seiner ungeordneten Süchte & Sehnsüchte.
Passanten passierten wie unbedeutende Missgeschicke, wenn er – den Blick auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten gerichtet – Distanzen in der Außenwelt zurücklegte.
Die Innenwelt war seine Wohnung. Die Wohnung war seine Innenwelt. Die Erweiterung seines Kopfes, die Nebenhöhle seiner Gedanken, die Herzkammer seiner Empfindungen. Und fast nie war sie musiklos. Allenfalls wenn er schlief. Unruhig schlief, wie immer. Im Chaos der gespeicherten Töne, der Melodien, der Harmonien; im Chaos verkratzter Schellackplatten, dem knisternden Vinyl seiner Jugend, kreisrunder Tonbänder & rechteckiger Cassetten, im Chaos der kaltsilbrigen CDs seiner Gegenwart – & der leise summenden Festplatten mit ihren ungezählten Discographien.
Dabei liebte er die Stille. Die Stille, die er nicht ertragen konnte. Und die Gefühllosigkeit, die ihn gelegentlich überkam, wenn keine Musik da war. Die Sehnsucht nach dieser Gefühllosigkeit war es, was ihn in das Café trieb. Immer wieder – obgleich er wusste, dass er sie nicht jedes Mal dort finden konnte. Denn wenn ab & an eine unbekannte Frau an einem der Tische saß, hörte er in sich eine Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Dann sah er sie wie in Töne gekleidet, und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit.
Symphonische Reizwäsche …… Kammermusikalische Dessous …… Jazzige Negligés …… Liederliche Korsagen …… Nocturnale Schleier …… – Doch am Ende bleibt: der Trauermarsch.
Er lachte. Oftmals. Über sich. Über sein Geschick, über sein Ungeschick. Über seinen Anblick, seinen Einblick, seinen Ausblick. Über seine Verzweiflung (die ihm oft zweifelhaft erschien). Über seine äußere Armut & seinen inneren Reichtum.
Seine Entstellung lebte im Jetzt. Alles was nicht entstellt werden konnte, lebte außerhalb der Zeit.

Erinnerungen.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war. Er hatte Freunde. Freunde, die irgendwo draußen spielten, während er drinnen vorm Plattenspieler saß. Stundenlang. In den kürzesten Stunden seines Lebens. Er setzte die Nadel an. Wie ein Süchtiger. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.
»Willst du nicht rausgehen?« fragte die Mutter. »Das Wetter ist so schön.«
Er verstand die Frage kaum. Und dass andere Menschen ein anderes Verständnis von Schönheit hatten, ahnte er schon damals. Was sie zum Beispiel ‚Schönes Wetter’ nannten, nannte er ‚Das Wetter der dunklen Brillen’.
»Nein«, sagte er. Obwohl er lieber geschwiegen hätte. Es war für ihn ein Verbrechen, in die Musik hineinzureden.
Manchmal dirigierte er. Mit einem Bleistift oder einer abgebrochenen Gardinenstange. Und bei Musikstücken, die ihm neu waren, glaubte er, die nächste Note immer schon zu kennen, bevor er sie hörte. Die Melodien schienen ihm natürlichen Gesetzen zu unterliegen, die transparent vor ihm lagen, während der Komponist sie vielleicht nur unbewusst befolgt hatte. So gewann er den Eindruck, dass er jede Tonfolge, die er jemals hörte, selber hätte komponieren können. Dieser Eindruck, der hauptsächlich eine Empfindung war, vermittelte ihm gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit & Macht; ein Gefühl, das ihn einerseits beglückte, andererseits jedoch maßlos verstörte, weil er außerhalb der Musik weder etwas Vergleichbares fand, noch empfinden konnte. Schon gar nicht dort draußen, wo die anderen spielten. Und wo er sich unsicher & machtlos fühlte. – Oder in der Schule, wo er ein Kind unter vielen war, ein Kind wie alle anderen zu sein schien; und wo Musik unterrichtet wurde – von Menschen, die nicht einmal ahnten, was er wusste. Oder zu wissen glaubte.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war.

Es dauerte nicht lange. Es hielt nicht lange an. Weil nichts lange dauert, und nichts lange anhält. Es sei denn – nach menschlichem Ermessen.
Die Nachmittage des Heranwachsens. Als seine Haut nicht mehr makellos war – & er gerade deshalb nicht hervorstach aus der Masse seiner pubertierenden Altersgenossen. Seine Akne glich der aller anderen. Dennoch sonderte er sich weiter ab von ihnen. Aus Gründen, die er nicht benennen konnte – damals nicht benennen konnte. Kontakte brachen ab – zu den Variablen seines Lebens: den Menschen. Die Konstante in seinem Leben blieb: die Musik. Ab einem ungewissen Zeitpunkt jedoch – einem Zeitpunkt der Ungewissheit – ahnte er nicht mehr, welche Note die nächste sein würde. Weil ihm klar wurde, dass keine bestimmte Note die nächste sein musste. Die Gesetze der Musik waren nicht natürlich; sie waren menschengemacht. Das Durchschauen eines Naturgesetzes – ja, das Naturgesetz selber war nur Illusion gewesen. Eine Illusion der Kindheit. Eine von vielen. Und ein Schauder durchfuhr ihn.
Doch dieser Schauder hatte auch sein Gutes. Es war nicht nur ein Schauder des Unheimlichen, Befremdlichen, sondern auch – & vielleicht vor allem – ein Schauder der Überraschung. Seine Erkenntnis überraschte ihn, und die Melodien & Harmonien überraschten ihn. Bei so manchem Tonartwechsel, der ihn früher nicht im Innersten hätte erschüttern können – da er der Überzeugung gewesen wäre, ihn vorausgesehen zu haben -, bekam er nun eine Gänsehaut. Die wohlige Gänsehaut des Unbekannten. Und er hätte es nicht mehr gewagt – zu dirigieren.

Die Nachmittage des Erwachsenen. Einige wenige Narben; Erinnerungen an Eiterbeulen. Kleine Schlaglöcher in der ansonsten glatten Haut. Nachmittage, die nach & nach zu Nachmitnächten wurden. Verwandte waren verstorben, Freunde verzogen, Liebschaften vergangen. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, war allein. Blieb allein. Mit der Musik. Die Schule hatte er abgebrochen. Er arbeitete als Nachtwächter, mal hier mal dort. Er soff. Was der Musik – beziehungsweise seinem Empfinden & Durchdringen der Musik – neue Dimensionen hinzufügte. Mit der Ginflasche in der Hand begann er zu tanzen; es war eine andere Art der Konzentration; eine körperliche Art – die er bis dahin stets gemieden hatte. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.

Intermezzo – Er denkt:
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Aber wie? Kurz, knapp, unsymphonisch. Telegrammatisch. Und doch voller Wiederholungen. Zeit raffend. Weglassend. Weg lassend. Eine Oper in 5 Minuten. Fragmente Fragmente Fragmente. Nur für mich. In der Dritten Person. Die Dritte Person, die ich bin. Die Ich ist. Und alle früheren beinhaltet. Morsen. Im perkussiven Alphabet, das ein Blinder verstehen kann. Ein Blinder, haha, das ist gut – Form & Inhalt werden eins. Wie in meinem Fall. Sie sind so schwer, meine Lider. So schwer. Wie lange werde ich meine Augen noch offenhalten können? Ach, egal. Ich kann hören. Kann blind tippen. Mit meinen genoppten Fingerkuppen. Und es muss nicht einmal einen Sinn ergeben. Für irgend jemanden. Nicht einmal für mich, für die Dritte Person. Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ohne Musik im Hintergrund. Ohne

Sehnsucht. Der Flaschengeist. Der Gin. Die körperliche Konzentration.
Als ihm die Haare ausfielen, war es ihm beinahe egal. Einzig die Art wie sie ihm ausfielen interessierte ihn. Das erkennbare Muster der Lücken; der Lichtungen. Kreisrunde Blößen. Es war zu der Zeit als er noch zu Ärzten ging. Also ging er zu einem Arzt. Der betrachtete die Stellen & setzte ein altertümlich anmutendes Gerät an, das mit raschen, gezielten Nadelstichen die Haarwurzeln anregen sollte. Dann hielt er ihm einen kurzen Vortrag über Autoimmunkrankheiten, machte ihm wenig Hoffnung & verschrieb eine Teertinktur zur äußerlichen Anwendung. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, fand das ‚Prinzip Autoimmunkrankheit’ faszinierend. Sich selber abstoßen. Sich selber bekämpfen. Als wohnte ein Anderer in einem selbst. Oder als ob das Selbst sich selber nicht erkennen würde. Dass der Arzt ihm wenig Hoffnung machte, war ihm gleichgültig. Die hatte er ohnehin. Außerdem würde er einem Menschen, der ihm mehr Hoffnung gemacht hätte, nicht geglaubt haben.
Und in der Tat: Es wurde nicht besser. Die kahlen Stellen wurden größer & zahlreicher; deshalb rasierte er sich den Schädel. Und als es ihm mit der Körperbehaarung ebenso erging, rasierte er sich von Kopf bis Fuß. Wie ein Mensch, der Wert auf sein Äußeres legt. (Bei diesem Gedanken musste er lächeln.)
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Jener Abend….. Im Herbst…..
Stunden auf dem Sofa. Dem Sofa, das nach Staub riecht. Er ist betrunken. Der Kopfhörer pumpt Musik in seine Gehörgänge. Flutende Wellen aus Noten, Wein & Gin umwogen sein Gleichgewichtsorgan. Ein staubflirrender Abendsonnenstrahl fällt durch einen Spalt in der Jalousie; durchstreicht den Raum & das künstliche Licht der Lampen. Unschärfe liegt über allem. Der unfokussierte Blick des Mannes zittert über die Dinge, die ihn umgeben. Streift eine der Märchenplatten seiner Kindheit. Eine der wenigen, die ihm geblieben sind. Ihr Dasein erinnert ihn an den Verlust all der anderen. Eine kurze Trauer bricht auf. Trauer über die eigene Unachtsamkeit, die eigene Gleichgültigkeit & die Zufälle des Lebens. Die Zufälle mit ihrer Folgerichtigkeit. Rotkäppchen & der böse Wolf. Durchmesser: 17 – Upm: 33 ⅓. Eine Single mit der Geschwindigkeit einer LP. Ein Zwischending – nicht ganz das Eine, nicht ganz das Andere. Und er hört kaum mehr die Musik, die von außen kommt. Hört: die Musik in ihm; eine Erinnerung ….. Die einleitende Melodie des Märchens ….. Hört: den schaurigen Wandel von Dur zu Moll, den Wandel, der das Abweichen des Mädchens vom rechten Wege perfekt vertont. Das Kind auf verschlungenen Wegen – hin zum Tier – das es verschlingen wird. Und die Gänsehaut schlägt aus …. auf seinen Armen …. seinen Beinen …. seinem Oberkörper …. Ein Horror, den er glaubte vergessen zu haben, fließt wie ein geschwärzter Albtraum durch seine Blutgefäße …. Verlorenes, Niegehabtes & die Sehnsüchte danach …. Sehnsüchte, die nach den verbrannten Wunschzetteln eines Kindes riechen ….. Des Kindes, das er einst gewesen war …. Des Kindes, das die Herrschaft über die Musik besessen hatte ….
Und er schläft ein.

Kurz nur. So kam es ihm vor. Und so war es wohl auch. Die auf Zufall geschaltete Endlosschleife schien wie verknotet. Verheddert zwischen Synapsen. Als er sich aufrichtete, schmerzte sein Rücken. Er setzte die Kopfhörer ab; legte die Musik neben sich auf das Sofa, das nach Staub roch. Schwindel kreiste. Und ein Frösteln, das nichts mit Kälte zu tun hatte, war in ihm. Auf ihm. Auf seiner Haut. Dieser Haut, die …. Mit der linken Hand strich er über seinen rechten Unterarm. Gänsehaut. Die sinnlose Gänsehaut des Haarlosen. Gänsehaut als Selbstzweck. Evolutionsmüll. Entfremdet. Er rieb den Unterarm, um ihn zu wärmen – zu glätten. Und man weiß nie, dachte er, ist es Kälte …. oder Gefühl. Oder beides. Von außen betrachtet jedenfalls. Dieses Außen, wo die Anderen sind. Und wo ich bin, für die Anderen. Er rieb. Weiter. Fester. Spürte in seiner glatten Handfläche das Aufgerauhte seines Armes.

Dies war der Beginn gewesen. Der Beginn der Gänsehaut, die nicht mehr verschwand. Der Gänsehaut, die stehengeblieben war in einem Augenblick erinnerter Musik. In einer Erinnerung an Kindheit, Wandel & Verlust.
Es war leicht gewesen, sie zu verbergen – am Anfang. Er war zu Ärzten gegangen; die Ärzte hatten ihre Ratlosigkeit eingestehen müssen – am Ende. Nichts hatte geholfen. Nichts half. Er hasste die Ärzte für seine Krankheit. Und eine Krankheit war es doch. Sicherlich. Obwohl …. Manchmal hatte er seine Zweifel. Niemand kannte dieses Phänomen. Manchmal nannte er es – in seinem Innersten – seine Gesundheit. Und er lachte.

Der Verlauf war schleichend. Über viele Jahre hinweg. Die Gänsehaut wuchs; zunächst in die Höhe. Sie wuchs unter dem Einfluss der Musik. Unter dem Einfluss der Musik, von der er nicht lassen konnte. Er versuchte es immer wieder. Schaffte es vielleicht einige Tage ab & an; unter den Qualen der Stille. Der vermeintlichen Stille, die er liebte – & die er doch nicht ertragen konnte. Sie war vermeintlich, weil sie nicht in ihm war – vermeintlich, weil die Erinnerung an bestimmte Melodien & Harmonien ihn nie zur Ruhe kommen ließ – & die Erinnerung an die Musik den gleichen Klang & oft denselben Wert hatte wie die Musik selber.
Schließlich breitete die Gänsehaut sich aus. Bewucherte nach & nach seinen ganzen Körper. Bis hin zur Schädeldecke. Gesicht, Augenlider, Lippen, Genitalien – nichts blieb unentstellt. Partien, die im Normalfall nicht betroffen werden, wurden betroffen. Die Brauen fielen ihm aus; dann verlor er die Wimpern. Sein Bartwuchs, der immer schon spärlich gewesen war, hörte auf zu existieren.
Und da es möglich war, noch zurückgezogener zu leben als er es bereits getan hatte, lebte der Mann noch zurückgezogener. Der Alkohol, beziehungsweise der Zustand, in den dieser ihn versetzte, begann ihn zu langweilen; also beendete er die Sauferei von einem Tag auf den anderen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Sein Platz, den er – im Stillen – ‚mein Platz’ genannt haben würde, wenn er in solchen Begriffen gedacht hätte, war nicht frei. Eine Frau saß dort. Eine Unbekannte. Eine Fremde. Sie trug eine dunkle Brille. Ein Buch lag geschlossen neben ihrer Kaffeetasse; in einem neutralen Schutzumschlag, der wie von einem Kind gebastelt aussah. Der hässliche Mann setzte sich zwei Tische weiter auf einen Stuhl, von dem aus er die Frau hätte beobachten können. Sie waren die einzigen Gäste. Die gleichgültige Bedienung bediente ihn unaufgefordert. Er schüttete seine übliche Überdosis Zucker in den Kaffee & rührte um. Kreisende Bewegung …. Das KlingKling! des Löffels …. Und der Mann: in Gedanken.
So sieht das also aus, wenn jemand dort sitzt, wo ich sonst sitze. Von woanders aus betrachtet. Nur nicht so hässlich, haha. Seltsam, kann mich gar nicht erinnern, dass dort jemals jemand gesessen hätte…. Eine Frau. Nicht glotzen, bloß nicht. Gut, dass meine Lider so schwer sind. Wann hatte ich zuletzt? Nicht drüber nachdenken. Ja, klar, wenn man denkt ‚nicht drüber nachdenken’, ist es schon zu spät. Schon passiert. Aber es sind ja nur Zahlen …. Jahreszahlen …. Ziffern, in denen man Zeiträume mißt. Räume durchmessen …. durchschreiten …. Zeiträume, in denen man so einsam ist, dass man nur das Geräusch der eigenen Absätze hört. Musik, Takt – & ein Echo, das es ohne Mauern nicht geben würde. Bitter. Mehr Zucker. Die könnten die Maschine auch mal wieder reinigen. Na gut, lohnt sich vielleicht nicht mehr. Leise rühren. Sie trinkt auch nur Kaffee. Einfachen Kaffee, keinen modischen Schnickschnack. Scheint hübsch zu sein …. aber wie soll man sicher sein, wenn man die Augen nicht …. Wetter der dunklen Brillen …. Nein, nun wirklich nicht, weder hier noch draußen. Wolkenbezug im Himmelbett. Beziehungsweise Niederschlag. Das Blau ihres Rockes erinnert mich…. ich weiß nicht, woran. Der Saum – ein Traum. Fließend. Wie ein Übergang. Ein. Über. Gang. Wohin?
Waren dies die Gedanken des Mannes? Wahrscheinlich. Diese – oder ähnliche – oder ganz andere.
Der Regen klang nach rohen Erbsen in einem Sieb. Einem Sieb, das ein Unbekannter schüttelte. Sie saßen nur da & tranken ihren Kaffee. Der hässliche Mann & die Frau. Die ihr Buch nicht berührte. Er wartete auf die Melodie in seinem Kopf; die Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Doch sie blieb aus. Wie in Stille gekleidet saß sie da; und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit. Einmal mehr. Und mehr als je zuvor.
Zeit verging. Wer würde zuerst gehen? Der Mann hätte sie gerne gehen gesehen. Gesehen, wie sie sich bewegte, wenn sie aufstand & ging. Den Fall ihres Rockes, die Bewegung ihrer Beine, den Schwung ihrer Waden. Den Sound ihrer Schuhe hätte er gerne gehört….. Und doch – er wollte nach Hause. Sofern er zuerst das Café verließe, wäre es ihm möglich, sich vorstellen, dass sie noch immer dort sein würde, wenn er zurückkäme. Am nächsten Tag – oder irgendwann. Er würde es nicht glauben, aber träumen. Das genügte. Ihm.
Also ging er.
Um wiederzukommen. Am nächsten Nachmittag. Über feuchte Gehwege hinweg, den Blick auf die glänzenden Fugen zwischen den Platten gerichtet. Es war ein weiterer Nachmittag, da sie an der Stelle saß, die er am Vortag eingenommen hatte. Am Vortag war es ebenso gewesen, obgleich es sich doch um unterschiedliche Plätze handelte. Dies dachte der Mann. Und lächelte, während er sich hinsetzte, wo sie gesessen hatte – auf seinen alteingesessenen Platz. Zwei weitere Gäste an anderen Tischen; Stammgäste wie er. Wieder lag ein geschlossenes Buch neben der Kaffeetasse der Frau; vielleicht dasselbe Buch, vielleicht ein anderes im selben Schutzumschlag. Derselbe Rock; dieselbe dunkle Brille. Dieselbe Sehnsucht, sie gehen zu sehen. Und der Wunsch, sie würde bleiben bis er wiederkäme.
Tag für Tag.
Nur Einsamkeit kann so an Fremden hängen.
Und nachts pumpten die Kopfhörer Musik in seine Gänsehaut. Und die Gänsehaut warf gezackte Schatten im künstlichen Licht – auf die Rauhfasertapete, deren Muster er auswendig zu kennen glaubte, da es unveränderlich war. Wieviele Nächte hatte er die Wände angestarrt….. Die Wände im papierenen Kostüm. Weiße Projektionsfläche seiner Phantasien. Innere Bilder auf immergleichem Muster. Und das Muster prägte sich ein; prägte sein Unterbewusstsein. Rauhe Oberflächen hinterlassen den tiefsten Eindruck – bei Berührung.
Welche Musik mag die Tapete gehört haben, bevor ich sie kaufte? Er lachte. Leise in sich hinein. Ich lache leise in mich hinein…. In wen auch sonst? Er dachte. An die Frau. Die Unbekannte. Die Fremde. Spielte mit ihr. In Gedanken. Stellte sie sich vor. Stellte sich ihr vor. In seiner Vorstellung. Fantasierte sich eine Realität zusammen, in der sie gemeinsam die sichtbare Welt belächelten.
Am folgenden Tag war sie nicht da. Und für ihn war ihre Abwesenheit bereits ein Fehlen. Er sagte nichts, fragte nichts, saß allein, rührte um, trank & kam sich albern vor. Seine Empfindungen, seine Gedanken kamen ihm albern vor.
Vielleicht hat sie sich nur verspätet. Vielleicht kommt sie noch. Und überhaupt – was heißt ‚verspätet’? Wer Termine hat, kann sich verspäten; wer feste Zeiten hat, kann sich verspäten – ich würde mich verspäten, wenn ich nicht Punkt 16 Uhr das Türglöckchen zum Bimmeln brächte…. Aber sie…. ist vielleicht frei. Kann kommen & gehen, wie es ihr beliebt….. Ich könnte das auch. Aber ich kann es eben nicht. Ich bin nicht frei. Ich folge Gesetzmäßigkeiten. Gesetzmäßigkeiten, die ich nicht durchschaue. Ein Sklave. Ein hässlicher Sklave, haha. Ja, vielleicht kommt sie noch. Und dann brauche ich nicht zu warten, bis sie geht, um zu sehen, wie sie geht. Bewegung, Schwung, Sound, der Swing des blauen Rocks……
Doch sie kam nicht. Und er ging. Bevor die Dunkelheit, die nun in ihm war, sich über die Straßen senkte.

Nächte, Nachmittage, Rituale, Fugen, Löcher, Tonarme, Geräusche, Klang, Melodien, Harmonie, Leere, Sehnsucht, Fremdheit, Schmerz, Humor, Gelächtertränen, Einsamkeit & Träume…..
Und die dritte Person, die in meiner Wohnung sitzt & lauscht, bin ich.
Morgen…..
Morgen wird sie wieder da sein.

Allein – das Einzige, das am folgenden Tag dort war – war ihre Abwesenheit. Und die Gefahr, dass er sich daran gewöhnen würde.
Jetzt hing ein Zettel an einer der trüben Fensterscheiben. Darauf ein Datum. Das Datum der Schließung. Es blieben ihm noch 2 Wochen. Die letzten Wochen eines alten Rituals. Er würde sich umschauen müssen nach einem anderen Café, das seinen Bedürfnissen entsprach. Er hasste den Gedanken daran; und er wusste, dass er es nicht tun würde, bevor ihm die Tür mit jener Klinke, die sich im Laufe der Jahre auf wundersame Weise seiner Hand angepasst zu haben schien, endgültig verschlossen blieb. Und beinahe ebenso sehr hasste er den Gedanken, sich von der Bedienung – der gleichgültigen Frau, die immer müde aussah – verabschieden zu sollen; ein peinlicher Moment, der ihm bevorstand, so wie es ihm meist peinlich war, wenn er sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten glaubte beugen zu müssen.
Zwei Tage später saß sie wieder auf seinem Stammplatz. In einem roten Rock, der etwas kürzer war als der blaue. Das Glöckchen zitterte nach – 440 Hertz. Das Röcheln der veralteten Maschinen erinnerte mehr denn je an letzte Atemzüge. Ein staubflirrender Sonnenstrahl leuchtete auf einer weißen Bluse. Und die dunkle Brille schien endlich einen Sinn zu haben. Es war dieselbe Brille wie immer. (Wie immer! Das klingt, als wären Jahre vergangen. Als wären wir Alte Bekannte. Zumindest Alte Bekannte vom Sehen. Nun – wer weiß…. Ich habe die Zeit nie begriffen. Als existierte ich außerhalb ihrer Räume….) Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Neben der Kaffeetasse. Die Frau las darin. Ihre Fingerkuppen eilten über die Zeilen. Weiß & erhaben waren diese Zeilen, und die Haut der Frau erspürte deren Inhalt.
Der hässliche Mann setzte sich dorthin, wo er noch nie gesessen hatte, nur einen Tisch von der Frau entfernt. Er hatte sich vorgenommen, noch kurz vor dem Ende des Cafés alle Plätze darin auszuprobieren; eine Idee, die ihm bis dahin nie gekommen war. Er beobachtete die Frau – & war nicht überrascht. Natürlich nicht. Er war beinahe so wenig überrascht, wie er damals – in seiner Kindheit – von Melodien & Harmonien überrascht gewesen war. Damals – als er geglaubt hatte, Gesetzmäßigkeiten durchschauen zu können, die es gar nicht gab. – Er beobachtete die Frau nicht anders als zuvor. Ebenso zurückhaltend, ebenso unaufdringlich. Als hätte sie ihn sehen können.
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Und sie könnte es lesen. Mit ihren Fingerspitzen. Spüren – mit ihrer Haut, die so glatt erscheint….. So glatt, wie Haut nur erscheinen kann, wenn man sie mit bloßem Auge betrachtet. Sie würde zwischen den Zeilen lesen, zwischen den Zeichen, würde die Räume zwischen den Erhabenheiten ertasten – die Zwischenräume, die ihr das Lesen erst ermöglichen. Wie schwer meine Lider sind! Ja, ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ein Happy End könnte ich erfinden. Ein Ende, welches das Schreiben unnötig machte; und das Papier überflüssig. Sie würde – meine Haut lesen. Mein Innerstes im Äußeren. Mein Leben lesen. Meine Krankheit. Meine Gänsehaut – die Blindenschrift der Musik. Das Buch meiner Erinnerungen. Das Buch mit dem erfundenen Happy End – ich finde sie, sie findet mich, wir finden uns – erfinden uns – neu…… Und man müsste es glauben. Wie ein Kind. Dieses Ende. Dieses glückliche Ende…..

Dieses Ende, das ich
nicht
schreiben
kann.


Fluch der Fantasie

Ein winziger Glutpunkt hoch über der Straße.
Ich fuhr durch die Nacht;
das Auto einäugig (totes Abblendlicht rechts).
Keines sonst war unterwegs.
Ich näherte mich der Brücke.
Jemand rauchte. Unsichtbar. Dort oben.
Tragische Musik im Radio;
die letzte Stelle des Kilometerstands zählte schnell,
aufwärts – Ziffer Ziffer Ziffer!
Und jeder Zug des Fremden
– oder war es eine Fremde? –
glühte heller; für einen Augenblick.
Gedanken kamen in Fahrt …..
Das Unsichtbare,
Fremde
wollte gedeutet werden.

Ein Besoffener, ein Bekiffter, ein Gestörter
mit einem Ziegelstein …. er hat nur
auf mich gewartet …. auf irgend jemanden
gewartet …. Vernichtung, Spaß & Adrenalin …. –

Eine Verzweifelte, eine Verlassene, eine Hinterbliebene,
die ihre letzte Zigarette raucht; den Blick verloren
auf der dunklen Straße …. unter ihr ….

Und ich konnte
ihn
sehen,
ihn
hören,
ihn
spüren –
den Stein …. den Aufprall …. das Bersten ….
Splitter, die in meine Augen schossen,
Blut, Schmerz, Schleudern & Tod ….

Und ich konnte
ihn
sehen,
ihn
hören,
ihn
spüren –
den Körper, der aufschlug …. auf der Straße ….
vor mir …. hinter mir …. auf mir ….
ein fremdes Gesicht, das durch die Windschutzscheibe brach ….
entstellt, zerschnitten, sterbend ….

Und nach der 9
kam die 0,
als ich
unter der Brücke hindurch
fuhr
in meinem Zyklopenauto,
und die Glut blieb zurück,
einsam
auf der Brücke ….

Vielleicht stand dort nur
ein glücklicher Mensch.
Ein Mensch, der
kurz innegehalten,
der die Ruhe genossen hatte, die ich zer-
störte.

Ein Mensch, der
seinen Hund spazierenführte.


Das Feuer des Zuhörens

Es war
als wäre ich
dabei gewesen.
Wie so oft.

Zuhören
zeichnet

bewegte Bilder.

Zuhören
riecht.

Zuhören
schmeckt.

Zuhören
klingt.

Zuhören
fühlt
sich an.

Ich lag im Bett; das Telefon am Ohr.
Sie erzählte.

Es ist ein eiskalter Abend, eine eiskalte Nacht.
Ein Osterfeuer brennt in der Dunkelheit.
Es wird getrunken. Bier. Wein. Schnaps (»Hütten-Feuer«
heißt das Zeug).
Knisternde Flammen, Rauchgeruch, Stimmen.
Es wird verdaut.
Und das Klo ist so weit weg.

Ich hörte Musik –
wusste aber gar nicht, ob es dort Musik gegeben hatte.

Sie muss pissen. Dringend.
Das Klo ist so weit weg.
Doch da ist eine Scheune.
Im Gegenlicht des Feuers.
Sie geht hinter die Scheune.

Ich hörte ihre Schritte auf der gefrorenen Erde.

Es ist finster hinter der Scheune.
Die Gürtelschnalle klimpert.
Jeans & Slip gleiten über den unsichtbaren Arsch,
die unsichtbaren Oberschenkel hinab.
Sie hockt sich hin.
Sieht in der Entfernung die Rücken dreier Männer
an einem Baum, die tun, was sie im Begriff ist
zu tun.
Und
sie lässt es laufen.

Ich hörte es plätschern,
sah es dampfen,
roch es &
spürte die Wärme, die den Boden erweichte.

Ein Schatten tritt hinter die Scheune.
Geworfen von einem Fremden.
Sie vernimmt das
Zzziippp eines Reißverschlusses ….
»Hallo?« sagt sie, »ich sitze hier bereits.«
»Oh«, sagt der Fremde, »Entschuldigung, ich habe dich nicht bemerkt.«

War es wirklich ein Fremder?
Schließlich
konnten sie sich nicht erkennen.

Der Mann verschwindet.
So schnell er vermutlich kann.

»Ich hätte warten sollen, bis er ausgepackt hat«, sagte sie.
»Du Sau!« sagte ich.
Wir lachten.
Sehr.

Sie hätte ohnehin nichts sehen können.
So wie er sie nicht hatte sehen können.

Nur ich
konnte sie

sehen

in diesem Moment

konnte sie

riechen
hören
fühlen

Mein Ohr war heiss geworden
vom Hörer.
Alle Sinne lagen wach
in meinem Bett.

Zuhören
ist
geil.

Macht
geil.

»Und wehe, Du schreibst darüber«, sagte sie.
»Natürlich nicht«, sagte ich.