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In dem indem

 

»Bilden Sie einen Satz
in dem indem zusammen
geschrieben wird.« Der Lehrer
rief mich auf, obwohl ich
mich nicht gemeldet hatte.
Ich meldete mich nie.
Ich sagte: »Ich langweile mich,
indem ich hier sitze.«
Die meisten Mitschüler lachten.
Der Lehrer grinste
bloß. »Niemand«, sagte er,
»zwingt Sie hier
zu sein.«
Das stimmte
nur bedingt.
Wo war man schon
frei? Oder auch nur frei
willig? Vielleicht
in Gedanken. Aber auch
dort nur bedingt. Eigentlich
hatte ich gelogen. Ich
langweilte mich gar nicht.
Weil ich mich nicht langweilen kann.
Ich war einfach
ganz woanders gewesen
in Gedanken. Dort
wurde es niemals langweilig.
Der Lehrer mochte mich,
und inzwischen ist er
tot. Ich lebe noch
& mochte ihn auch.
Wie die Grammatik.


Die Taubheit der Augenblicke

 

Die Furcht
einer dieser Augen
Blicke könnte taub werden

Hart
Hörig
& lahm

Wie irgend Jemand
der nicht mehr lange
zu leben hat

Die Furcht
einer dieser Augen
Blicke könnte erblassen

vor Angst
vor dem Tod
& der Vergänglichkeit

Die Furcht
einer dieser Augen
Blicke die uns gehörten

könnte nicht mehr hören
wenn ich ihn zurück
rufe in mein

Gedächtnis

Die Furcht
Die Furcht
Die Angst

Nimm sie
mir mit Deiner

Erinnerung!

Doch behalte sie nicht
für Dich!


Die Anmache

 

»Mach mich nicht an!«
schien die Musik zu sagen.

In der Maske der Vernunft.

Doch ich wollte nicht
auf sie hören.

Ich musste sie hören.
Also machte ich sie an.

Dann sah ich sie.
Die Musik – in Gestalt der Frau.

Die Maske lag am Boden.

Die Frau stand da
in hellen Hauttönen.

Wie hätte ich sie nicht anmachen können?
Die Erinnerung war zu stark.


Zeit & Raum

Es war 10 vor 4 am
Nachmittag. Längst
hätte ich schlafen müssen.

Leuchtende Ziffern
auf einer digitalen Uhr.
Rot. In dunkler Umgebung.

Bei Kilometer 15,5 hatte ich
einen Unfall gehabt. Tod
& Blut an einem Abend,

dessen Datum ich nicht
im Kopf hatte. Es bestand
kein Zusammenhang. Es

waren nur Zahlen. Die einen riefen
eine Erinnerung
wach. Die anderen waren

das Erinnerte. Wieder
andere hatte ich
vergessen. Sie

beschrieben
einen Punkt
in der Zeit. Und

einen Punkt
im Raum. Getrennt
von einander. Vereint

in meinem Denken. Ich
konnte mich drehen &
wenden, wie ich wollte,

aber schlafen konnte ich
nicht. Und dann dachte ich
an etwas Anderes.

Getrennt in
Wirklichkeit. Vereint
in der Erinnerung. Im

Übrigen hatte ein Tier
den Tod gefunden.
Schließlich

war es 4 –
& es passierte immer noch
Nichts.

Wann ich ein
schlief weiß
Niemand.


1984

Mein Arm unter ihrem Nacken.
Entspannung. »Jahrgang 84«, sagte sie.
»Was hast du 1984 gemacht?«

»Nichts«, sagte ich. »Das war die Phase
nach dem Abi, wo ich nichts gemacht habe.
Außer Lesen & Saufen vielleicht. 7 Jahre

lang. Und von deiner Geburt
hat mir auch keiner was gesagt.«
Sie atmete ein Lächeln aus.

Vielleicht trafen sich
in diesem Moment unsere Blicke –
dort oben. An der Zimmerdecke.

»Ach, halt«, sagte ich, »1984
kam der Film 1984 in die Kinos. Mit
John Hurt & Richard Burton. Guter

Film. Den habe ich gesehen. Damals.«
Wie praktisch, wenn der Titel eines Films
gleichzeitig sein Erscheinungsjahr ist. Wie

leicht man sich sowas merken kann. Aber
viel interessanter war doch die Frage:
Wo war Sie 1960 gewesen?


Die alte Musikkassette

 

Es gibt sie schon seit langer Zeit

nicht mehr –

diese Musikkassette

aus

meiner Vergangenheit. Es gibt nicht einmal mehr
ein Abspielgerät in meinem Auto, das auch
ein anderes ist

als damals. Alles
ist anders. (Überholte Technik.) Selbst

ich

vielleicht?

Nein, das ist nur Schein. Eine Täuschung. Ich
bin weniger. Gleich. Und mehr. Zugleich.
Ich erinnere mich

nicht mehr,

welche Songs auf dieser Kassette waren –
also auch nicht an die Reihenfolge,
in der ich sie hörte – wenn ich unterwegs war.
Wohin auch immer.

Bei Musikkassetten gibt es keine

zufällige Wiedergabe.

Man weiß immer, was einen als Nächstes erwartet. Wenn man sie kennt.
Manchmal war das gut, und manchmal nicht.

Manchmal war nicht gut, was als Nächstes kam,
und manchmal war es nicht gut, zu wissen, was kommen würde.
Manchmal beides. (Was bedeutet, dass man sich
manchmal sogar freute – auf das, was nicht gut war.)

Man hatte die Möglichkeit

vor- oder zurück-

zu spulen…….

Dass das gefährlich sein konnte
während der Fahrt, war mir
gleichgültig. Aber es war mir meist
zu umständlich. Und beinahe
nie traf ich exakt

Anfang oder Ende

– wenn ich es doch
einmal tat.

Und jetzt habe ich also vergessen:

Welche Lieder. Welche Reihenfolge.

Und doch:
zuweilen höre ich 1 dieser Lieder wieder –
irgendwo – durch Zufall (wenn es Zufall ist) –
& wenn es zu Ende geht, erwarte ich

nach einem kurzen Moment

der Stille

etwas ganz Bestimmtes.

Ich erwarte, einen ganz bestimmten Song zu hören.
Fast höre ich ihn schon. Tatsächlich. In mir.
Ein Teil der vergessenen Reihenfolge ist wieder da!
Ich erinnere mich. Doch

er kommt nicht – dieser eine, bestimmte. Er kommt
niemals. Dieser Zufall (wenn es Zufall wäre) wäre
zu groß.

Zu groß: die Zahl der Möglichkeiten
in einer Welt voller Lieder.

Zu klein: der Ausschnitt davon
auf der Musikkassette.

Es kommt: immer ein anderer.

Und käme der ›richtige‹ Song einmal doch,
würde man vielleicht wahnsinnig werden.

Und da das nächste Lied nicht kommt,
erinnert man sich nicht an das übernächste.

Ach, es ist

& bleibt
kompliziert.

Und die Kassette war
ein Geschenk.

Vielleicht wäre es besser

nicht
darüber
nach zu

denken. So

wie Die
jenigen, die meinen, es ginge
hier

um

Musik.


Nähe oder Ferne?

Da gibt es diese Erinnerung,
die ich habe – & ich weiß
nicht: erinnere ich mich
an eine Fantasie der näheren

oder an eine Realität
der ferneren

Vergangenheit.

Als kleiner Junge war ich so
gelenkig. Und ich probierte
aus – wie gelenkig ich war. Und
wenn ich nackt auf dem Rücken lag

& die Füße auf den Boden
oberhalb meines Kopfes stellte,
war mir mein Schwanz so nahe,
dass er mich störte.

Bei
nahe hing er
mir ins Gesicht.

Fantasie oder Realität?
Nähe oder Ferne?

Sollte es Realität gewesen sein,
wäre also Alles wie immer:

ich war glücklich
ohne es zu wissen, glücklich
ohne damit etwas anfangen zu können.

Was für ein Pech!

 

(Dass ich nicht mehr so gelenkig bin.)


Die dunkle Zone

Da saß er also
& schaute hinab auf den Schatten,
den die Sonne aus ihm machte.
Der Schatten war lang, denn
die Sonne schwamm tief im Abendhimmel –
hinter der Bank, auf der nur er
allein saß.
Gegenüber, auf der anderen Seite
der Straße, befand sich ein Spielplatz, kinderlos;
der Schatten des Mannes reichte nicht bis dort.
Wenige Menschen gingen vorüber. Diesseits
der Straße. Betraten die dunkle Zone
auf dem Gehsteig. Die dunkle Zone, die
sich bewegte, wenn der Mann auf der Bank
sich bewegte. Doch er bewegte sich nicht –
wenn sie betreten wurde.
Wer bist du? dachte der Mann.
Die Silhouette blieb stumm.
Und die Menschen waren fort.
Ihre eigenen Schatten hatten sie mitgenommen.
Erinnerte Bilder glitten über eine Rutsche
abwärts – – – – – & landeten im Sand.
Hunde hatten in den Sand geschissen. Doch
das war egal.
Das Klettergerüst der Gedanken rostete in der feuchten Luft.
Der Mann spürte die Wärme im Rücken. Die Wärme, die
ihn kalt ließ.
Auch kleine Lampen bilden Schatten.
Und ich liebe sie
mehr als jedes Licht der Sonne.
Die Lämpchen. Und die Schatten. Und ihr Spiel.

2 Absätze klangen wie eine Uhr im Vorübergehen;
Frauenfüße in offenen Schuhen. Leise
in der Ferne. Lauter werdend. Am lautesten
in der dunklen Zone. Dann: leiser werdend. Und
vergangen. Im Licht. Verschwommen.
Er lächelte.
Die Sonne macht sich was aus mir.
Sie macht mich zu einem Schatten.
Zum Schatten meiner Selbst.
Es ist ein Naturgesetz.
Wer bist du?

Ein kleiner Junge an der Hand einer Frau.
Sie gingen übers Trottoir. Jenseits
der Straße. Dort wo der Schatten des Mannes
nicht war. Die Frau trug eine Sonnenbrille & ein gelbes Kleid,
und sie führte den Jungen vorbei an dem Spielplatz. Und der Junge
wandte seinen Kopf. In Richtung des Sandkastens. In Richtung
der Wippe. In Richtung der Schaukel. Und
als sie vorüber gegangen waren, blickte der Junge
noch immer zurück.
Ein geworfener Schatten, dachte der Mann.
Das – ist die Antwort. Sonst
Nichts.


Winter des Lebens

Im Winter sind die Menschen stiller
& die Leichen härter

in meiner Vorstellung
Schneegedämpfte Schritte auf
weißen Friedhöfen

frisch Verstorbene
fremd in festgefrorener Erde

Schweigendes Fleisch

Und die Toten
die schon lange tot sind
& die man kannte
haben nichts mehr

was gefrieren könnte

Nichts
als die Erinnerung
der Hinterbliebenen

Alles
Andere zerfällt
oder ist schon längst zer
fallen

Im Winter sind die Menschen stiller
& die Leichen härter

So stelle ich ihn mir vor: den
Winter des Lebens.

Wenn auch das Leben
stiller & härter
wird

mitten im Ver
Fall


Sang- & klangvoll

Sang- & klangvoll möchte ich
sterben

Mit der seltsam-schmerzlichen Note
einer Saite, die

reißt – in der Stille der Nacht
& jeden erschreckt

der in der Nähe ist

Und wer zu dicht bei ihr steht
könnte verletzt werden

durch den Riss
der Saite

War sie überspannt?
War es Ermüdung?

Einerlei!

Niemand wird mehr auf ihr spielen

Aber so mancher Ton
der von ihr kam in der Vergangenheit

wird fortklingen
im dem ein- oder anderen

Ohr

In dem ein- oder anderen
Gedächtnis

Ein Echo der Erinnerung


Die Halde am Rande des Wahnsinns

Nein!
Es ist kein Schwelgen
in Erinnerungen.
Es ist nichts
Besänftigendes.
Es ist ein Stochern
im Gedächtnis…..
In dieser Halde
am Rande des Abgrundes
wo die heißen Dämpfe der Verwesung
die Bilder flirren lassen
& Unbeachtetes plötzlich glitzert
im Müll.
Nein. Kein Schwelgen.
Nichts Gemütliches.
Nur Stochern
& Suchen
am Rand. Vielleicht sogar
am Rande
des Wahnsinns
Wer bin ich?
Wie bin ich
hierher gelangt?
Was macht mich

aus


Der Rettungsring

Mein Bruder glaubt bis heute
mich schwimmen gesehen zu haben
in unserer Kindheit.

Dabei
konnte ich nicht schwimmen.
Und kann es bis heute nicht.

Ich ließ mich bloß treiben
auf dem Meer.

In einem Rettungsring.
In Sichtweite der Erwachsenen.

Mein Bruder erinnert sich
falsch.

Er erinnert mich
an all die Anderen
die glauben zu wissen

wie
ich durchs Leben
gehe.


Wald der Verdrängungen

Durch den Wald der Verdrängungen
gehen wir
verlaufen wir
uns
im Vergehen
Das Leid pfeift ein Lied
in uns
um sich zu vergessen
Und immer tiefer wird der Wald
immer dichter sein
Bestand
Im Lichtlosen verstummten die Erinnerungen
Doch nichts ist tot
bis wir es sind
Herabgefallenes knistert & bricht
unter unsern Schritten
Und es riecht nach Blühen & Verwelken
nach Blättern die sich lösen
Unsere Wurzeln sind bloß
Fangarme
überirdische Tentakel
die Nichts halten
können
auf Dauer
Wind bewegt die schwachen Äste
mit Gewalt
Und wer glaubt
einen Weg gefunden zu haben
unterliegt
nur einer Täuschung
Wald der Verdrängungen
Wald der Märchen
die wir uns verschweigen
Und irgendwo liegt eine Lichtung
ein entblößter Fleck
glatt wie ein krankes Gehirn
ohne Windungen
Unbeschattet & friedlich
Dort
ruht das Vergessen
& wir
in ihm
Endlich
am Ende
Als wäre
Nichts
gewesen


Vergessene Wege

Oftmals konnte mein Vater sich nicht mehr erinnern
wie er von der Arbeit nach Hause gefahren war
als es auf das Ende zuging

Es war das End
stadium

Etwas fraß an seinem Gedächtnis

Angekommen
war er erschrocken darüber

Aber oft
würde er diese Strecke ohnehin nicht mehr fahren

Das
vergaß er nie

während er von seinem Vergessen erzählte

Er war 5 Jahre jünger
als ich
heute

Oftmals kann ich mich nicht mehr erinnern
wie ich von zuhause zur Arbeit gefahren bin

Ich bewege den Wagen wie in Trance
durch die Dunkelheit

Zu gut kenne ich diese Strecke
Zu oft bin ich sie gefahren
um darüber nachzudenken

Ich denke an
Alles Andere

Ich träume & habe keine Ahnung
in welchem Stadium ich bin

Manchmal weckt mich ein Tier
Dann bin ich erschrocken über meinen Leichtsinn

Doch das ändert nichts

Ich erzähle von meinem Erinnern

Irgendwann werden alle Wege vergessen sein
Und ich werde ankommen

wo Alle
am Ende
sein werden


Menschliche Beziehungen

Ich erinnere mich
an den fehlenden Arm des Zeitungslieferanten;
an sein Gesicht,
das nicht fehlte, erinnere ich mich
nicht.

Das erinnert mich
an uns
& Dein Gesicht
in meinem Arm.

An das Merkwürdige
Menschlicher Beziehungen.

Ich erinnere mich
an Deinen Arm, der fehlt.
Weil er da
gewesen
war.

Nicht so oft
erinnere ich mich
an das Fehl
ende

in der Vergangenheit.

Schon seltsam,
was die Erinnerung tut
& die Wahrnehmung unterlässt.

Seltsam,
was die Erinnerung unterlässt
& die Wahrnehmung tut.

Und der Zeitungslieferant
ist kein Zeitungslieferant mehr.
Und den Arm hatte er
sich selber abgehackt. Aber das
gehört nicht hierher –

obwohl
es merkwürdig ist.


Quoted by heart

Ich zitiere
aus dem Vergessen

in deinem Kopf.

Erinnerungen
die du zum Schweigen bringst

hole ich
von dort zurück.

Sie sind nicht verloren

gegangen.

Was ich auswendig kenne
ist unser Innerstes.

Ich bin
unser Gedächtnis.

Und die Vergangenheit
ist nicht in unseren Köpfen

allein.


Gedächtnislos

Gedächtnislos
möchte ich sein
in Nächten wie diesen

da nur die schönen Erinnerungen
zu existieren scheinen

Ein schmerzvoller Kontrast

Bilder
die nicht
in den hässlichen Rahmen der Gegenwart passen

Bilder
die aus dem Zeitrahmen gefallen sind

Gedächtnis
Los

Aber nein

Nichts ist verloren
in mir

Nichts ist verloren
außer mir


Verwaiste Einträge

Aus
gebremst
Verlang
samt
durch den Ball
ast der Zeit

: Der alte Computer :

Man möchte etwas öffnen
Man klickt auf ein Symbol

& dann
wartet man

& wartet

Lauscht dem Geräusch
der alten Festplatte

ratternde Drehungen
im Inneren

Das Rauschen & Keuchen
der Lüftung

Der alte Rechner

In der Registry häufen sich
die verwaisten Einträge

sinnlose Überbleibsel
alles Gelöschten

Daten
die keinen Zweck mehr erfüllen

Und so manche Verknüpfung
so manches Symbol
verweist auf ein Programm
das längst deinstalliert wurde

Ich sitze
vor dem Monitor

versuche
Etwas
zu öffnen

& warte …..

Und ich grabe
in meinem Gedächtnis

wie so
ein alter Rechner.

Über
all
Symbole.

Ein
träge.

 

 

Man
braucht
Geduld.


Der Schmutzfilm

Am Ende
auf der Windschutzscheibe
macht es
keinen
Unterschied
mehr
ob
das Insekt
schön war
oder nicht

Es ist
vergangen
verflogen
tot

So oder so
ein hässlicher Fleck
der die klare Sicht
behindert

Der anmutigste Schmetterling
ist nur noch
ein Dreck

am Ende.

Ein bunter Dreck.
Ein Schmutzfilm.

Insektengleich
fliegen die Erlebnisse dahin

Erinnerungen
behindern die klare Sicht
auf die Gegenwart

Zeit verfliegt

Leben vergeht.

Und doch –
das Gedächtnis
ist
keine Scheibe

Es ist
nicht
aus Glas

obwohl es
zerbrechlich ist.

Und was den Schmetterling
& all die anderen Insekten
– hässlich oder nicht –

aus-
macht

ist
nicht

ihr Ende.

Ist nicht
der Film
der von ihnen
übrig
bleibt

in der
Erinnerung.


Der Fall des Stockes

Der Stock
des alten Mannes
fiel

Das Geräusch
von zitterndem Holz
auf kaltglatten Fliesen

Er fiel
als der alte Mann
Hut & Mantel an der Theatergarderobe abgeben wollte

Ich bückte mich
mit der Jugendlichkeit
die über 30 Jahre her ist

Hob den Stock auf
& reichte ihn
dem Mann

Ein Lächeln – seins
»Danke, das ist überaus freundlich
von Ihnen«

Ein Lächeln – meins
»Bitte sehr,
gern geschehen«

(Den Theaterbesuch hätte ich mir
kaum leisten können. Man hatte ihn mir geschenkt.
Mehr noch, man hatte mir ein Abo geschenkt. Das ich mir
auf keinen Fall hätte leisten können. Ja, ich war ein
Abonnent; gehörte plötzlich zu der Spezies, die von den Künstlern
so oft verspottet wird. Mit Recht verspottet. Wahllose Allesfresser.

Schluck die Klassik! Schluck die Moderne! Schluck den Boulevard!
So ging ich regelmäßig ins Theater. Meist noch vor dem Frühstück.
Nachtmensch, schon damals. Und es war nicht das einzige
Theater-Abo, das ich geschenkt bekam…. Irgendwann hörte ich auf,
in jedes Stück zu gehen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr,
mich vom Wecker aus dem Schlaf reissen zu lassen, um zu meinem reservierten
Platz zu eilen. Irgendwann wiederholten sich die Stücke. Oftmals waren die
Schauspieler noch das Beste daran – all diese Berühmtheiten, die
inzwischen tot sind…. Tot wie….
Doch zurück zu dem alten Mann & seinem Stock. Wo ist er denn? Gerade
war er doch noch da.
Ach ja, dort….)

Unser Lächeln
Sein Alter
Meine Jugend

Die freundlichen Worte
Das Geräusch des fallenden Holzes
Was auch immer

Wer weiß schon
von jedem Moment
warum

er sich
ins Bewusstsein
das zur Erinnerung wird

einbrennt

Momente
die so unscheinbar
erscheinen

Nichtig
wie ein schlechtes
Theaterstück

Ich sah den alten Mann
nur
dieses eine Mal

Das Stück? –
habe ich
vergessen

Den Stock –
habe ich
behalten.


Das Geräusch der Diele

Ich weiß nicht,
wie oft ich bereits über diesen Flur gegangen bin;
leise in zurückliegenden Nächten ….
Ein Rundgang, der zu meinem Job gehört,
hoch oben im Turm des alten Hotels.
Die Stufen, die dorthin führen,
habe ich nie gezählt.
Wenige Zimmer hinter Doppeltüren,
wo fremde Menschen schlafen
oder schlaflos sind;
dicke Mauern einer mittelalterlichen Befestigung,
welche nun einem anderen, friedlichen Zweck dienen.
Und dann
eines Nachts
steht ein Kinderwagen vor einer der Türen.
Ich muss ausweichen.
Abkommen
von meinem üblichen Weg.
Trete auf eine Diele
ganz am Rande des schmalen Ganges.
Und das Geräusch, das sie verursacht, ist
das Geräusch im Gästezimmer meiner Großeltern ….

Das Knarren, Knetern & Knarzen des federnden Fußbodens,
wenn ich mich auf das Bett zubewegte …. Das Bett,
welches mir so hoch erschien; mit der Decke, die so
dick & schwer war …. Und wenn ich darin lag, kam mir
die Zimmerdecke noch höher vor (ich schätzte die Höhe auf 4 oder 5 Meter) ….
Alles – fast alles – war gigantisch in diesem Haus
im Angesicht meiner Kleinheit ….
Die Räume, die Treppen, die Flure; alles war alt &
roch nach Holz, und an den Wohnungstüren befanden sich
mechanische Klingeln, die durch Drehung eines Griffes
einen metallisch-ratternden Schellenklang von sich gaben ….
Es lebten noch andere Menschen hier, glaubte ich, aber
ich sah sie nie …. Ich konnte sie riechen, glaubte ich,
im Gemeinschaftsklo auf dem Treppenabsatz …. Ich hasste dieses Klo ….
Hasste das Gemeinschaftliche daran; nur die lange Kette, die vom
Spülkasten herabhing, und der Porzellangriff an ihrem Ende faszinierten mich ….
Und oft hörte ich das Rauschen, nachts im Bett …. Nachts? – Ich glaubte,
dass es Nacht sei …. weil in der Kindheit oftmals das als Nacht erscheint, was
in Wirklichkeit doch nur Abend ist …. Das Rauschen
übertönte die Stimmen der Großeltern im Wohnzimmer, die Stimme der Mutter, die
noch nicht »Gute Nacht« gesagt hatte …. & die große Entfernung zur Zimmerdecke
gebar schattige Ungeheuer, vor denen die Bettdecke keinerlei Schutz bot ….
In meiner Erinnerung schien hier tagsüber immer die Sonne ….
Im Hof hinterm Haus befand sich der Schuppen mit der Werkstatt meines Großvaters.
Darin roch es nach Sägemehl & Klebstoff & den filterlosen ägyptischen Zigaretten
aus der Blechdose, die mein Großvater rauchte, und
das Sonnenlicht mochte ich am liebsten, wenn es
durch die schmutzigen kleinen Fensterscheiben auf die Werkbank mit ihrer
Unordnung fiel …. Keine Ahnung, was mein Großvater dort machte, ich jedenfalls
bastelte irgend etwas Zweckloses ….
Zweck
loses
Sinn
loses
der-
weil
die Zeit
verging ….
Und das Haus
schrumpfte ….
Während
ich
wuchs ….
Ob es eingerissen wurde; ob selbst meinen Großeltern alles
zu groß geworden war; ob sie es sich nicht mehr leisten konnten –
ich weiß es nicht.
Sie zogen in eine winzige Wohnung.
Sie waren so alt geworden
wie nie zuvor, obwohl ich sie schon
für so alt gehalten hatte, als ich
noch ganz klein & alle Räume größer gewesen waren.
Es gab dort kein Gästezimmer mehr. Die Klingel war elektrisch &
langweilig. Das Klo wurde nicht mehr mit Fremden geteilt.
Wenige Möbel waren übriggeblieben; alles roch
nach alten Menschen & den Zigarren, die mein Großvater
nur etappenweise & anstelle der Zigaretten rauchte
(in den Aschenbechern lagen Reste:
mal halblang, mal viertellang, manchmal nur ein Stummel, der aus
Sparsamkeit noch weiter, bis knapp über Fingerbreite, heruntergequalmt wurde).
Nichts übertönte die gebrochenen Stimmen des Paares
in der Enge. Nichts Neues wurde erschaffen, denn es gab
keine Werkstatt mehr.
Genaugenommen wusste & weiß ich
fast nichts
über meine Großeltern
& ihr Leben.
In meinem Wohnzimmer steht ihr mächtiges Sofa, und
das Grammophon funktioniert noch. Die Sprungfedern des Sofas
haben ihr eigenes Geräusch, und manchmal erschreckt mich
– mitten in der Musik – ein lauter Knall, den die alte
Grammophonfeder von sich gibt (während sie sich entspannt).
Und irgendwo im Keller liegt eine Zigarrenkiste, in der
hässliche Nazi-Memorabilien verschimmeln.

Ein Kinderwagen auf dem Gang.
Leer. Der kleine Mensch schläft (vermutlich).
In einem Turmzimmer mit hoher Decke.
In einem uralten Gebäude.
Ich gehe weiter.
Knarren, Knetern & Knarzen verändern sich
mit jedem Schritt.
Morgen wird das Hindernis
nicht mehr hier sein.
Das Hindernis, dem ich
ausweichen musste.
Und er
wird sich
bewusst
nicht
an diesen Ort
erinnern ….
Der kleine Mensch.


Die verlorene Erinnerung

Meine verlorene Erinnerung
fand ich wieder
im Gedächtnis
der Geliebten

Aufgehoben
Bewahrt
Sicher

Ich wusste kaum mehr
wieviel ich getrunken hatte
Nur was:
Wodka
Cocktails
Rotwein

Allein
doch nicht einsam
war ich durch das Haus
getanzt
oder
gewankt
oder
gestolpert
oder
was auch immer

Mit dem Telefon in der Hand
Der geliebten Stimme im Ohr

Die Stimme so nah
Die Geliebte so fern

In meinem Schädel
ein Kettenkarussell
bewegt von
Sehnsucht
Alkohol
& langsamem Vergessen

Und irgendwann
war ich
ins Bett
ge-

fallen …..

Und der Film
riss

…..

Als ich erwachte
war da ein Schnitt
in meiner Handfläche
& ich wusste nicht woher

Ich erinnerte mich
an das Blut
Erinnerte mich
es abgeleckt zu haben
Erinnerte mich
an die Stimme
& den Schmerz

Der Schmerz war
vergangen
Die Wunde
ein Rätsel
das sich geschlossen hatte
während ich schlief

Meine verlorene Erinnerung
fand ich wieder
im Gedächtnis
der Geliebten

als wir erneut telefonierten …..

»Komisch«, sagte ich, »da ist ein Schnitt
in meiner Handfläche, und ich weiß nicht mehr,
wie es dazu gekommen ist.«
»Du hast einen Bilderrahmen aufgefangen«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Du hast eine Tür zugeknallt, und dabei ist
ein Bilderrahmen runtergefallen, den Du gerade noch
auffangen konntest.«
»Scheiße, ja – jetzt fällt’s mir wieder ein. –
Nur welcher …. ich habe doch kaum noch Türen hier ….«
Ich ging den Flur auf & ab. Dachte nach. Dachte nach …..
»Ah, ich hab’s«, sagte ich. »Die Schlafzimmertür!
Don Quixote ist runtergefallen.«
»Ja, Du warst auf dem Weg ins Bett.«
»Das ist das erste Mal, dass ich so etwas vergessen habe.«
»Na, jetzt hast Du ja mich«, sagte sie. »Lass mich
Dein Gedächtnis sein.«

Wir lachten
Sie & ich
Dulcinea (die kein Phantasiegespinnst mehr war) &
Der Ritter von der traurigen Gestalt

Es war gruselig
einen Filmriss zu erleben

Doch es ist schön
ein solches Gedächtnis zu haben

Ein Gedächtnis
das meine verlorenen Erinnerungen
aufhebt & bewahrt
Sie in Sicherheit bringt
für mich

Ein Gedächtnis in der Ferne

Ein Gedächtnis
das
mich
liebt.

JD500103


Memoiren

Eine grobe Skizze
Einige willkürliche Striche
gezeichnet
mit einem stumpfen Bleistift
auf Millimeterpapier

Das Blatt
herausgerissen
aus einem Block
der verloren ging

Die Mine bricht ab

& das Blatt
vergilbt.

Zerfällt
mit der Zeit.


Die seitenverkehrte Erinnerung

Auf dem Weg zum Kühlschrank
passierte die Frau das bisschen Tageslicht,
das durch die verglaste Haustür in den Flur drang.
Da erst sah ich
wie gerötet ihre linke Arschbacke war.
Ich machte sie darauf aufmerksam.
Sie lachte.
»Kein Wunder – wenn Du
mich schlägst.«
»Aber«, sagte ich, »die linke scheint
empfindlicher zu sein als
die rechte. Außerdem sind
die Zahnabdrücke verschwunden.«
Die Frau blieb vor einem meiner
zahlreichen Wandspiegel
rücklings stehen &
schaute über ihre Schulter hinweg,
zehenspitzte & reckte sich, bis sie
ihren Arsch sehen konnte …..
Sie lächelte.
Geschlagene
Stunden lang hätte ich sie in dieser
Po-
sition
beobachten mögen, doch
gerade die
Flüchtigkeit des Augenblicks
brannte sich so eindrücklich
in mein Inneres
wie die Dauer es nicht gekonnt hätte –
rot
rot
rot ……
& heiß.
Und manchmal,
wenn sie nicht da ist,
schaue ich
im Vorübergehen
in diesen Spiegel – &
sehe
das Bild, das sie sah ……
Die seitenverkehrte Erinnerung
an die
Wirklichkeit.


Selbst Vergessen

Manchmal sitze ich
selbstvergessen
in meiner
Erinnerung
& beobachte
die Toten.


Das vergessene Gedicht

Nun ist es mir also zum ersten Mal passiert:
Nach dem Erwachen konnte ich mich
nicht mehr an das Gedicht erinnern, das ich
vor dem Einschlafen in meinem Kopf
geschrieben hatte.
Nicht einmal eine Ahnung davon,
um was es ging, ist zurück geblieben.
Ich notiere mir nie etwas.
In meiner finsteren Schlaflosigkeit fallen
mir 2 oder 3 Texte ein – dann
schlafe ich, träume ich – &
am Abend, nach dem Frühstück,
brauche ich sie nur noch von meiner
Erinnerung abzuschreiben.
So war es bisher.
Nun gut, ich hatte zu viel getrunken,
aber das habe ich meistens. Für mich
ist das keine Erklärung.
Und es war doch nur 1 einziges Gedicht;
keine 2 oder 3.
Irgend etwas Besonderes muss es
auf sich gehabt haben mit diesem Gedicht;
etwas, das eine Verdrängung
in Gang gesetzt hat.
Vielleicht war es das beste Gedicht, das
mir jemals eingefallen ist (was nicht
viel heißen will).
Vielleicht kommt es irgendwann zurück?
Vielleicht tarnt es sich dann als
neuer Einfall ….
Werde ich es wiedererkennen?

Wahrscheinlich
interpretiere ich in das alles
mal wieder
zu viel hinein.
Wahrscheinlich war es nur ein
Scheißgedicht – wie
so viele andere.


Im allerletzten Moment

»Ist das wirklich schon so lange her?«

»Jetzt ist das Jahr auch schon wieder halb rum.«

»Damals.«

»Warum dauert das so lange.«

»Es war viel zu schnell vorbei.«

»Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.«

Ob wir
die Zeit
wenigstens
im allerletzten Moment
unseres Lebens
begreifen?

Dann
wenn es
zu spät ist?


Scannen

Der Staub der Gegenwart liegt auf
der Glasscheibe des Scanners.

Man legt ein altes Foto darauf
& die Maschine tut, was sie
tun muss, sobald man
einen bestimmten Knopf drückt.

Etwas Virtuelles entsteht.

Und alle Fehler mischen sich.

Die verblassten Farben des Originals ….
Die Einflüsse fehlerhafter Einstellungen ….
Der alte Staub auf dem Foto ….
Der neue Staub auf dem Glas ….

Weiße Punkte –

& am Ende
weiß man nicht mehr
Was
Woher

stammt –

& wie die
Wirklichkeit
einmal
ausgesehen hat.


Der Bienenstich

Nacht.
Stille.
Auf dem Bildschirm:
nackte Frauen über Telefonnummern.
Stummgeschaltet.
Ich sitze im Bett & esse
ein Stück Kuchen.
Bienenstich.
Es ist mein Frühstück.
Ich betrachte die Beine.
Der Kuchen ist lecker.
Die Gedanken fliegen.
Da bin
Ich. Als kleiner Junge.
In kurzen Hosen.
Ferienausflug.
Ich kletterte einen steilen Abhang
hinauf. Meinem Vater &
meinen Brüdern hinterher.
Hatte Angst
abzurutschen ….
hinunter zu fallen ….
Der Aufstieg war anstrengend.
Ich schaute nur nach oben,
achtete kaum darauf, wo ich
hintrat.
Dann:
Ein Stich.
Ein Schrei.
Ein unbekannter Schmerz
in meinem rechten Bein. – –
Die Biene war dem Tod geweiht;
auch sie auf einem Ausflug –
ihrem letzten.
Ich weiß nicht mehr, ob ich
weinte.
Wahrscheinlich.
Mein Vater ging die paar Schritte
abwärts, zurück zu mir.
Meine Brüder warteten.
Mein Vater kniete sich hin.
Pulte den Stachel heraus.
Presste seine Lippen auf mein Bein
& saugte.
Dann spuckte er auf den Boden.
Der Schmerz blieb.
Noch eine Weile.

Aber ich habe ihn vergessen.
Vergessen, wie er sich anfühlte.
Was ich nicht vergessen habe ….
Egal.
Der Kuchen ist alle, und
die Beine sind noch da.


Der Fleck auf dem Boden

Der Fleck auf dem Boden
ist die Tatsache, die
geblieben ist.
Das Überbleibsel eines
vergangenen Moments, an den
ich mich nicht erinnern kann.
Er ist winzig,
dieser Fleck,
und ich weiß nicht einmal,
woraus er besteht.
Ich weiß nur:
Ich
muss
sein Verursacher
sein.
Denn niemand sonst
ist hier;
niemand sonst
war hier.

Ich zögere,
ihn wegzuwischen.

Denn schließlich
könnte
die Erinnerung
zurückkommen

& wertvoll sein


Der alte Film

Die alte Kopie eines
noch älteren Filmes

Voller Kratzer &
Markierungen

Die Markierungen all der
Vorführer
durch deren Hände die Kopie
gegangen ist

Jumpcuts
fehlende Bilder
fehlende Sekunden

Herausgeschnittene
Momente

Ehemalige
Risse

Krächzender Ton
Verblasste Farben

Wenn man Glück hat
erinnert man sich
wie der Film ursprünglich
aussah

Wenn man kein Glück hat
ist vielleicht genau diese Kopie
die Erinnerung

& der Film
die eigene Vergangenheit