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Bei Trost

Als man noch Landkarten
& Atlanten wälzte,
suchte ich Trost

Wo lag dieses Kaff?

»Der ist wohl nicht ganz
bei Trost!« sagten die Leute
so oft von anderen

Was versteht man als Kind?

Man versteht
was die Erwachsenen nicht meinen
Und das ist oft mehr, als sie denken

Die nicht bei Trost Seienden, wo waren die –
Bei sich? Zu Hause?
Bei anderen?

Unterwegs? Kurz vor Trost
oder darüber hinaus – hatten sie sich verlaufen?
Auf der Suche –

Trost – wo liegt dieses Kaff?
Und wer will da wohnen?
Gibt’s da einen Campingplatz?

All diese Fragezeichen –
Wie das Muster der Tapete im Kinderzimmer
Und die Antworten schnarchen nebenan

oder sterben im Schlaf
Ich war noch nie dort
& möchte auch nicht

dahin

Es wäre mir zu laut
zu öde
zu voll


Das Portemonnaie

Das Portemonnaie war wieder da.
Man erzählte es mir.
Ich hatte nicht gewusst, dass es weggewesen,
aber nun – da ich hörte, dass es wieder da war –
wusste ich es.

Kein Grund, sich zu erschrecken.
Es ist ja wieder da.
Als wäre es nie weggewesen.
Die verzweifelte Suche
war mir entgangen.

Was weiß man schon, und
was will man wissen?

Das Ende allein?
Den Weg dorthin?
Den Anfang?

Ich weiß es nicht.
Jetzt ist da etwas.
Vielleicht war es weg
gewesen ohne mein Wissen.

Wo nichts ist
war vielleicht immer schon nichts,
aber niemals kann man sich
sicher sein.


Rahmenhandlung

Das Glöcklein klingelte beim Öffnen der Tür, es klingelte beim Schließen. Als lebte eine besonders kleine Maus darin, die sich eine Murmel an den Schwanz gebunden hatte und die nun, vor lauter Freude mich zu sehen, hundgleich wedelte. – Nun gut, vielleicht klang es nicht ganz so, aber mir gefällt das Bild.
Ein gelackter Verkäufer schnellte auf mich zu. Schließlich war hier sonst niemand, auf den er hätte zuschnellen können.
»Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Guten Tag, das wäre schön.«
»Was suchen Sie?«
Das war eine große Frage. Doch ich entschloss mich, eine kleine Antwort zu geben.
»Einen Rahmen für mein Bild«, sagte ich.
»Nun, wie Sie sehen, haben wir eine große Auswahl.«
Das war keine Lüge; immerhin befand ich mich in einer Rahmenhandlung. Wodurch allerdings seine Frage, was ich denn suche, merkwürdig sinnlos wurde.
Da ich mich vermutlich besonders unentschlossen umsah, stellte der Gelackte gleich die nächste:
»Darf ich fragen, um was für eine Art von Bild es sich handelt?«
Ich setzte voraus, dass er es durfte und antwortete:
»Es geht um das Bild, das ich mir von der Welt mache.«
»Aha«, sagte er. Mit einem Blick, als fürchtete er den Überfall eines Psychopathen. »Tja – wie groß ist es denn?«
»Nicht besonders groß, fürchte ich.«
»Hmm, dann werden wir bestimmt etwas finden.«
Ich mochte es nicht, dass er Wir gesagt hatte; erstens kannte ich den Mann überhaupt nicht, und zweitens war es sein Beruf, etwas zu finden.
»Haben Sie an einen bestimmten Stil gedacht?« fragte er.
»Ob an einen bestimmten weiß ich nicht, aber ich glaube, ein schlechter wäre gut.«
»Nun, so etwas führen wir nicht.« Es klang fast entrüstet. Dabei war mir nicht einmal aufgefallen, dass er gerüstet gewesen wäre. Aber ich fühlte mich beruhigt, dass ich in diesem wir nicht mehr enthalten war.
»Ach wissen Sie«, sagte ich. »wenn ich mich hier umschaue, glaube ich sehr wohl, dass Sie dergleichen führen.«
Es hätte wenig Sinn, seinen Gesichtsausdruck zu beschreiben, dennoch unterlasse ich es.
»Sie haben es nicht zufällig bei sich?« sagte er.
»Von Zufall kann gar keine Rede sein«, erwiderte ich. »Ich habe es selbstverständlich immer bei mir. Ich kann es nur nicht so zeigen. – Und außerdem würden Sie ohnehin nichts erkennen; es ist ziemlich düster.«
»Also, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.«
»Machen Sie sich nichts draus. Kein Grund, sich zu entleiben.«
»Vielleicht sehen Sie sich doch am besten selber um und wählen einfach, was Ihnen gefällt.«
»Sie haben recht«, sagte ich. »Allerdings werde ich eher bevorzugen, was mir nicht gefällt. Da ist ja auch das Sortiment viel größer.«
Nun entfernte er sich fast ebensoschnell, wie er gekommen war. Ich fühlte mich wie von einer Geschwulst befreit.
Es herrschte Ordnung in der Rahmenhandlung. Rechtecke wohin man schaute, nebeneinander, hintereinander, zur Auflockerung hier und dort etwas Eiförmiges. Es wurde der Eindruck vermittelt, nichts könne jemals irgendwo herausfallen. Sogar die Zwischenräume wirkten wie gerahmt durch die Außenseiten der Rahmen. Hinter dem Verkaufstresen gab es eine geöffnete Tür. Sofort glaubte ich, eine leicht geschürzte Weiblichkeit würde in ihrem Rahmen erscheinen, auf dass die Erotik hier nicht zu kurz komme; aber auch dieser Glaube konnte der Wirklichkeit nicht lange standhalten. Immerhin: der Gelackte war durch diese Tür gegangen; wo etwas Garstiges entschwand, ist fast schon Schönheit; völlig unwahrscheinlich war es also nicht, dass im Wechselrahmen der Tür nach Hässlichkeit und Leere etwas erfreulich Erfräuliches sich manifestieren werde. War mein Bild etwa doch nicht so düster, wie ich gedacht hatte?
Ich konnte mich nicht entscheiden. Weder Stil, noch Form, weder Farbe, noch Verarbeitung, weder Muster, noch Größe passten zu meinem Bild. Und ich wusste plötzlich nicht einmal mehr, warum ich den Laden überhaupt betreten hatte. Bestimmt nicht wegen der Beispielbilder im Schaufenster. Dort wurde allzu tumb gegrient. Kein Zahn war vergilbt. Keine Pore atmete. In den Augen war Platz für ganz viel Nichts. Und das heiratete sich dann. Zumindest zum Schein. Ich hatte mich in der Glasscheibe gespiegelt, und schon meine Reflexion passte nicht ins Bild.
Es wurde Zeit in die Glocke zu schauen. Die Maus mit der Murmel zu grüßen und ihr Glück zu wünschen. An sie wollte ich glauben. Viele Geschichten gibt es. Ohne mich. Zyklen von Erzählungen. Ohne mich. Doch ich war in der Rahmenhandlung. Man sollte nicht zu viel von mir erwarten.


Evolutionsleere

Ich ging vorbei
Ich konnte gar nicht schnell genug
Vorbeigehen

Am Sportplatz
Ein Globus wurde getreten
Gefangene Luft in Tierhaut

Schreie & Gegröle
O Darwin! ich befürchte, der Mensch
Stammt vom Fußballer ab


Das Lyrikregal

Alle anderen stehen
fest stabil massiv
bei

nahe unverrückbar
an den Wänden voll
von Prosa Wissenschaft

Philosophie Nur
das Regal mit den Gedichten
wackelt

Wannimmer man ein Buch herausnimmt
scheint es kurz vor dem Zusammenbruch
fragil & klapprig

Ohne Rückwand
schwankt es von links nach rechts
wie ein besoffener Poet

Eigentlich hatte ich es
festnageln wollen
ganz zu Anfang

Was für ein oberflächlicher
Gedanke denke ich
heute


Rätsel

Ich bin

mir ein Rätsel
und die Lösung, die ich gefunden habe
ist falsch

Ein Rätsel

kann nicht sich selber lösen
Es trägt die Lösung in sich
als Teil seiner Existenz

Trüge es nicht
die Lösung in sich
wäre es

ein anderer

Würde es sich lösen
wäre es

nicht er selbst

Kein Rätsel mehr

Ich bin mir ein Rätsel
und was ich finde
ist mein unlösbares

Ich


Der erste Traum

Soeben geboren
möchte das neue Gehirn träumen

Bilder die es nie gesehen hat
Bilder die nie gesehen wurden

Die Unendlichkeit im winzigen Kopf
Das Nichts von dem es nichts weiß

Was siehst du
Ausgestoßener?

Soeben geboren
und schon auf der Flucht


Traumgedächtnis

Im Traum erinnere ich mich
an Ereignisse, die nur in diesem Traum zu meiner Vergangenheit gehören.
Doch manchmal auch an vergangene Träume
oder an Träume, von denen ich träume,
sie in meiner wirklichen Vergangenheit durchlebt zu haben.
Woran erinnert man sich
nach dem Erwachen?

Manchmal an das, was man für Alles hält
Manchmal an das, was ich für Alles halte
Manchmal an das, was das Ich für Alles hält

Oftmals an Nichts

Die geträumte Vergangenheit ist wahr.
Die wahre Vergangenheit – – nein, wohl doch nicht –
geträumt. Oder?

Wer in der Vergangenheit Träume hatte,
hat im Traum Vergangenheiten.
Es kann nicht

anders sein.
Anderes Sein
Anderes sein
Anders sein

Wahres Sein
geträumt

Geträumtes Sein war wahr

Alles
Nichts

All
Es

Das Gedächtnis: ein Traum

Im Traum erinnere ich mich
Im Traum erinnert man sich
Im Traum erinnere man mich

mit all meinen Vergangenheiten
Sie könnten wahr sein
selbst die

von Anderen Geträumten


Knechtseelen

Brave new Gegenwart
Wo die Knechtseelen immer erreichbar sind
Immer abrufbar für die Bosse
Wo sie sich gebraucht & wichtig fühlen können
In ihren Knechtgruppen, die sie in ihren Taschen mit sich führen
Ruf mich an! Schreib mir! Ich will
Dein Sklave sein!
Nicht dass ich viele eigene Gedanken hätte, aber diejenigen,
die ich habe, darfst du mir auch noch nehmen.
In diesen geistfernen Zeiten
Wo die Zeit selber nichts mehr wert ist
Jeder Angestellte seinem Ansteller mit feuchten Händen die Ketten überreicht
An denen er herumgeführt werden kann wie an einem Nasenring…..
Hier, meine Nummer. (Die Nummer bist du selber!)
Und das Schlimmste: sie merken es nicht
In all ihrer Dumpfheit
Zucht & Ordnung
Prägung der kleinen Münzen
Erziehungen, Züchtigungen
Nutzvieh!
Vernetzt
Verkäfigt
Gefangen
Brave new Gegenwart
Und sie verstehen ihre enge Welt nicht mehr
Wenn einer sich nicht mitkrümmt, mitbuckelt, mitschleimt
Bald werdet Ihr tot sein! (in 10, 30 oder 50 Jahren) Was war Euer Leben?
Warum habt Ihr es den Anderen so leicht gemacht?
Ausgerechnet Denen!
Das bisschen FreiSein, das einem möglich ist in dieser Welt
ist Euch immer noch zu viel?
Arme Knechtseelen
Die Ihr mein Mitleid noch als Beleidigung empfindet
Ja, Ihr seid brav
So brav, dass man Euch die Köpfe tätscheln möchte
pat pat pat


Rockgedicht

Beinahe hätte ich
ein langes Gedicht geschrieben

Aber nein. Mit Gedichten
verhält es sich wie mit Röcken

Die kürzesten
sind oft die schönsten

& was sich dahinter verbirgt
ist das Eigentliche.

Sieh, da liegt etwas
auf dem Grund…..

Heb es auf!


Bong Bong

Es war keine Kindheit
wenn dir nie ein Bonbon im Halse steckenblieb
& du dachtest ›Jetzt muss ich
sterben!‹

Aber dann
kam jemand & hielt dich
kopfüber in den Armen,
und du hörtest das Klickern
auf dem Fußboden

wie eine Murmel

Ein paar Tage später
bist du 59 Jahre alt
& erinnerst dich an
dieses Geräusch & das Gefühl

in der Kehle

Du hast noch fast alle
eigenen Zähne, aber klar –
sterben musst du trotzdem.

Doch vielleicht
schon wieder
nicht jetzt.


Über Macht der Worte

Der Born raucht
Ziemlich viel in seinen Gedichten

Und mit
Nicht mal 42 Jahren starb er

An
Lungenkrebs

Aus
Der Born

Hätte nicht rauchen sollen
In seinen Gedichten.


Die Kerze

Jemand malte
eine brennende Kerze auf Leinwand.
Dann nahm er das feuchte Bild
& ging durch einen finsteren Gang.

Er schloss
die Augen; ohne zu stolpern,
ohne anzustoßen
erreichte er eine Tür.

Dahinter war ein heller Raum.
Da war ein Haken
in einer der Wände.
Er hängte das ungerahmte Bild daran auf.

Sogleich erschien ihm
der Raum noch ein wenig heller.
Er hatte keine Ahnung,
wer hier wohnte.

Der hier wohnte,
mochte das Bild nicht.
Es war ihm unbegreiflich,
wie es hierhergekommen war.

Er nahm es ab
& warf es aus dem Fenster.
Auf der Tapete unter dem Haken
war ein Brandfleck.

Draußen wurde es dunkel.
Und jemand schrie.


Nachwelt

nach
welt möchte ich
sein für die vergessenen

die toten vergessen
von den leben
den die nach

geboren sind
& ihnen die unsterblichkeit verweigern
trost will ich

sein für die toten
& für jene die noch vor mir sterben
werden


Herr psst

Vorbei die Zeit
da man nackt auf dem Sofa saß
& dachte: ‹bald wird es dafür zu kalt sein›

Ich zitiere mein Zittern
der vergangenen Jahre, sinngemäß
Furcht

lässt die Bäume erröten
und die Furchtsamsten entblättern sich
als erste

(Ich kenne Menschen
bei denen ist es ganz
ähnlich)

Es ist
als dächten die Bäume
wie Menschen

zeit
weise
viel

zu viel


Wozu die Eile?

Wohin des Weges,
rasender Schmerz? Noch
früh genug

wirst du dort sein
wo niemand dich haben will.
Gemach, gemach!

Schau, die schöne Wiese —
wie’se im Sonnenglast grünt
& die ehemaligen

Raupen über Blüten flattern
Existierst du überhaupt
in ihrer Welt?

Ich weiß, du
hast es auch nicht leicht –
wer dich kennt,

hasst dich.
Setz dich, Schmerz,
von mir aus

auch neben mich
Aber nicht zu nah
Wir wollen beide

aus

ruhen


Ein Buch, vorbei

»Ich weiß,
dass ich das Buch gelesen habe,
aber ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
wann, wo & unter welchen Umständen
ich es gelesen habe. Aber
ich erinnere mich nicht
an seinen Inhalt.

Ich weiß,
worum es geht, aber ich weiß nicht,
was passiert.

Es ist alles
zu lange her.«

»Wovon redest du?«

»Er kann dich nicht hören.
Er phantasiert.«

»Sicher?«

»Sicher. Es geht zu Ende
mit ihm.«

»Sicher, ich weiß,
dass ich es gelesen habe.
Aber was für einen Sinn hatte es,
das Buch zu lesen, wenn ich
mich an seinen Inhalt
nicht erinnern kann?«

»Du kannst es
wiederlesen.
Hörst du?«

»Er kann
dich nicht hören.«

»Ich könnte
es wiederlesen.«

»Siehst du? Er hat
mich gehört.«

»Aber nein,
das geht ja nicht.
Ich kann es nicht wiederlesen.
Es ist zu spät
dazu.«

»Hörst du? Wenn
du es gelesen hast,
wurde das Buch gelesen
von dir. Das
ist der Sinn. Du musst
dich nicht erinnern.«

»Ich erinnere mich,
dass ich es gelesen habe, aber
gerade jetzt weiß ich
nicht mal mehr,
ob ich es gut fand.

Ich -«

»Hörst du?«

»Lass ihn in Ruhe.
Merkst du nicht? – er
faselt nur noch.«

»Was für ein Buch
meint er überhaupt?«

»Keine Ahnung. Lass
ihn. Es ist gleich

vorbei.«

»Vorbei.«

»Vorbei?
Ja. — Vorbei.«


Inselbegabung 

I.

Eine Insel
Begabung zum Allein
Sein

Auf keiner Karte
Verzeichnet mit vor Kälte
Zitternden Händen

Ein Meer
Von Dis
Tanz & das Ich

Ein
Glücklicher
Nichtschwimmer

 

II.

Und der Nichtschwimmer erfreute sich
seiner Unfähigkeit zur Fort-Bewegung
ohne Hilfsmittel, und Hilfe
wollte er nicht.

 

III.

Unter
Gehen wie ein Gestirn. Er
Saufen willibald unterm wallenden
Gewölk ~ ~ ~

Frei! Tag
Für Tag! Kein Mensch mehr
Mehr Meer

Allein
Sein im Silberlicht
Der Reflexionen
Mit sich

Selbst auf einer Wellenlänge

Leben
Wie das Symptom einer Krankheit
Als Absonderung
Sekret

 

IV.

Geheimnis
Volle Insel
Auf keiner Karte

Verzeichnet ein
Blinder
Fleck in den Gezeiten


Bewohnte Muschel

Meer muss man
nicht sagen um sich
seiner Existenz zu versichern
da man am Strand liegt
& es in den Ohren rauscht wie
in einer verlassenen
Muschel die Geliebte
neben sich bäuchlings
& nackt auf einem Tuch
ein sandbestäubter Po im Blick
Feld mit Tropfen in denen
die Sonne scheint

Schweigen

gesalzener Wind auf Schleim
häuten die Wellen
vernichten die letzten Spuren
der Vorübergegangenen
die einen Blick riskierten
weil sie nichts zu verlieren hatten
Sandbestäubt, Tropfen
in denen die Sonne scheint

Berauschtes Schweigen

Nur in bewohnten Muscheln ist es
still

Möwen ahnen
nicht dass sie in Büchern stehen
in Wirklichkeit fliegen sie

Wirklich wie wir


Das Gruseligste kommt zum Schluss

Ich kann ja kaum noch
riechen (beinahe hätte ich er
läuternd hinzugefügt: meine Nebenhöhlen sind
im Arsch – aber ein derartiges Wunder bin ich
denn doch nicht) – also
ich kann kaum noch riechen,
aber stinken kann ich noch.
Manches bleibt einem – immer
hin. Wird stärker so
gar. Mit den Jahren. Immer
hin. Mit den Augen aller
dings sieht es nicht
so gut
aus. Mehr
oder weniger sehe ich
weniger & mehr.
Lichter, die nicht da sind,
Gesichter, die verschwimmen.
Tanz der 7 Schleier in schillerndem
Regen. Schauderliche Verdoppelung, Nebelwolken & Heiligen
scheine. Kaum wieder
zu erkennen, diese Welt.
Aber gesehen werden kann ich
noch. Doller
Trost! Ein Fest für die Sinne
anderer. Übrigens –
was da pfeift, ist
nicht der graue Star. Vielleicht
der kleine Mann im bewaldeten Gehör
gang, das Kind, das Angst zur Melodie
macht? Kaum eine Bewegung
bleibt,
die keine Geräusche kreiert wie der seufz
ende Nacht
geist; schon jetzt
ein klipperndes, ein klapperndes Skelett.
Früh übt sich – das heißt
so früh nun auch wieder nicht.
Es ist viertel vor
Nichts. Oder später.
Also lieber nicht
das gichtige Gerippe
bewegen. Bewegung be
kommt man als Asche
noch genug.

Ich weigere mich
zu verwesen! Solange ich lebe
kann ich es allerdings nicht
verhindern. Jedoch

ich rieche nichts. Bei
nahe nichts.

Das Gruseligste aber, liebe Leichen
Gemeinde, kommt
zum Schluss – man stelle sich
vor: mir ist die Freude

ja selbst die
Lust noch immer nicht

Vergangenheit.


Sägemehl

Unterm Sofa liegt Sägemehl
Als hätte sich etwas bewegt

Ich war’s
nicht Haben die Termiten geschnarcht

Oder ich Hatte jemand
Sex auf dem Sofa

Ist es die Asche
meines Großvaters in dessen

Wohnung es stand als ich
jung war Ich

könnte den Kopf schütteln
Zur Not sogar meinen

Aber wer weiß, was
dabei heraus käme


Der Unterschied

Wie banal
einem plötzlich alles erscheint
wenn man aus gewissen Büchern

wieder
auf
blickt

Sogar
wenn Banalität das Thema war

Im Vergleich siegt immer die Kunst

Doch manchmal
legt sich der Glanz der Kunst
auf die Banalität des Alltags

ein schwacher Reflex der Reflexionen

Das Andere Licht
in dem man etwas plötzlich sieht
wenn man aus gewissen Büchern

wieder
auf
blickt


Blau 

Man sollte das Gelb
Aus ihren Nadeln
& Blättern ziehen

Dann ständen die Bäume
Blau in der Gegend herum

Das wäre verstörend
& schön

Schön verstörend
Verstörend schön

Und Mondrian könnte wieder
Aus irgendeinem Fenster schauen

Als wäre er nicht …

Wäre er nicht längst
Tot.


Fehlschluss

Auf seinem Grab
Stein hatte man
Sich verschrieben, ach
Wäre es doch nicht bemerkt worden!
Dann würde er vielleicht
Noch leben, denn er wäre ja
Nicht der, der auf dem Grabstein stand.
Er unterläge einem falschen
Namen. Schall & Rauch
In Stein gemeißelt, am Anfang
War das Wort, am Ende
Aber auch. Leben. Ein Fehler.

Jemand
Hatte sich verschrieben
Dem Leben.

Bis zum Schluss.


Literarisches Material

Es war eine Ehe
Frau Max Frischs, die sagte:

Ich habe nicht mit dir gelebt
als literarisches Material,
ich verbiete es,
dass du über mich schreibst.

Sie sagte es
zu ihm. Woher
ich das weiß?

Er hat es in einem Buch verwertet,
darüber geschrieben, wie
es seine Aufgabe war.
Montauk.

Da steht es –
gesperrt & abgesetzt
in Majuskeln.

Wie naiv kann man eigentlich sein?

Werte Dame, DAS WERK KOMMT
AN ERSTER STELLE !

Zumindest bei einem Autor,
der diese Bezeichnung verdient.

HEIRATEN SIE EINEN KLEMPNER,
WENN SIE DAMIT NICHT KLARKOMMEN !

Schriftstellerfrauen – auch so’n Thema…..

Bei der Durchdringung der Wirklichkeit
gibt es keine Sperrgebiete.
Keine Tabus, keine Rücksichten.

Die ernstzunehmende Literatur ist kein Ponyhof.
Sie ist ein Schlachthaus. Aus.
Hier hören die Nettigkeiten auf,
die man sich im Leben erlauben soll.

Ich verbiete es….
Die Ingeborg hätte so einen Schwachsinn nicht gesagt.

Und Nora Joyce hatte keine Ahnung
mit wem sie da zusammenlebte.


Rotbäckchen & der Wolf

»Nicht«, sagte sie,
»dass du wieder’n Gichtanfall bekommst.«
Der Steppenwolf blitzte durch
meine Erinnerung, Harry Hallers Pulver.
»Nein«. sagte ich, »nicht
in der Hand.« Po
dagra war’s; ja, wenn man auf Schmerz stünde……
Ihr kleiner, fester Arsch war rot
wies Käppchen im Märchen,
und ein wenig brannte mir die Hand
nun doch. »Fest
er!« hatte sie gesagt. Ihr Befehl
war mir Wunsch gewesen.
Sie hielt sich die Ohren zu,
weil unsere Häute so lärmten.
Heute fragt man mich nicht mehr:
»Heißen Sie wirklich Wolf? Nur Wolf?
Oder doch Wolfgang?« Die ewigen Fragen
meiner Jugend. Und die ebenso ewigen Antworten:
»Ja – nee – den Gang können Sie sich sparen.«
Ich sitze ja auch am liebsten aufm Sofa; das
schont die Gelenke. Ob sich meine
Großeltern träumen ließen, was später einmal
auf ihrer geblümten Couch…… Die Tapeten
verliehen den Schlägen ein farbiges Echo;
kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.
Großmutter, warum hast du so große
Organe? Ha. Ha. Schade,
dass ich keinen Kuchen mehr essen darf;
den Wein habe ich freiwillig aufgegeben
(frei willig? – je nun, dies ist nicht der Augenblick
für Philosophie, noch Religion). Applaus!
aufs Gebäck. Auch ein Wolf
will mal ins Bett – & sich’s gemütlich machen;
da muss die alte Frau halt
weichen. Bevor das Mädel an die Türe klopft.
»Woran denkst du?« fragte sie (da wir
schon bei den ewigen Fragen waren).
»Ich denke nie«, sagte ich, »auch das
hat mir der Arzt verboten.« Welche
Tonhöhe hat wohl so’n Po
klatscher? Kann man
das notieren? – Aber auch
das Absolute Gehör soll ja ein Märchen sein.
Märchen all
enthalben. Aus dem Reich der Erfindungen.
Harry tanzt….. Wer’s glaubt.
Ich humple. Zu
weilen. In grauer
Vorzeit war ich Schlagzeuger gewesen;
daher wahrscheinlich mein Hang
zu perkussiver Erotik. Und
die Einsamkeit des Wolfes
zog ihn zu den Geißlein.
Liebe auf An
hieb. Mozart
lachte
laut
los.


Sterne der Kindheit

Dass ich es so spät bemerkt habe
Verwundert mich
Noch heute

Dass die Sterne die ich als Kind gesehen
Unsichtbar geworden waren
Fiel mir lange nicht auf

So oft hatte ich abends
In den Himmel geschaut
Die Städte müssen dunkel gewesen sein

Ich wusste es nicht
Dass sie dunkel waren
Ahnte nicht dass sie heller werden würden

So viele Sterne sah ich als Kind
Eines Tages schaute ich nach oben
War erwachsen und alles schwarz über mir

Das waren die Menschen
Das war der Fortschritt
Das war der Verlust des Funkelns

Ich hätte es früher bemerken
Den Augenblick des Verlustes
Wahrnehmen müssen

Aber so ist der Mensch nicht
Er sieht den Mond
Er sieht die Venus

Was verloren gegangen ist
Bemerkt er
Zu spät


Unvergesslich

Ich erinnere mich

Niemand kannte den Mann
Manche glaubten es
trotzdem

Er schrieb

Er schreibe
Unvergessliche Gedichte

behauptete er

War das zu glauben?
Er lächelte

»Nichts« sagte er
»hebe ich auf

Alles
werfe ich weg

so
fort«

So war
es wahr

Seine Gedichte waren unvergesslich
weil niemand sie kannte

& er sich erinnerte


Simpel

Man stand
in einer Galerie kann
auch eine Bibliothek
gewesen sein

Oder ein Kino aber da hätte man
wohl eher gesessen
Egal, ein Museum
vielleicht Jemand

Sagte: »Das könnte
ich auch.« Ich
widerspreche gern
Also sagte ich:

»Nein.« »Was nein?« »Das
könntest du nicht.« »Aber
es ist so simpel.« Ich
sagte: »Und doch

ist es zu spät. Du
könntest nachmachen
sonst nichts.«
»Aber etwas in der

Art.« »Die
Art gibt es
schon«, sagte ich.
Jemand sagte: »Alles

ist
schon mal dagewesen.«
»Ich erinnere mich«
sagte ich, »nicht

schon mal da
gewesen zu sein.«
»Jetzt wird’s
albern.« »Albern

ist es zu glauben
man könnte etwas auch
was schon da ist.
Es sind immer die simpelsten

Geister, die das Schwierige
an der falschen Stelle
suchen.«
»Also«, sagte jemand

»ich finde« »Richtig«,
sagte ich, »man muss
finden. Das ist
der Anfang.«

Dann kommt
Der Stil von selbst
Wo waren wir
Stehen geblieben

Und wie spät war es
Überhaupt in einer Galerie kann
Auch eine Bibliothek gewesen
Sein oder ein Kino

Ein Museum
Vielleicht auf jeden Fall
Zu spät


Sie sind da 

Sie sind da
Ich weiß es
Denn Sie lesen
Dies

Diejenigen
Die dies nicht lesen
Sind vielleicht
Gar nicht da

Wo ich bin
Während Sie dies lesen
Weiß ich nicht
Vielleicht nicht mehr da

Sie sind da
Ich weiß es
Seien Sie
Sich dessen bewusst


Bios 

Becketts Mutter hatte einen Esel.
Das war nicht ihr Mann.
Ihr Mann las meistens
Edgar Wallace. Er angelte
Makrelen mit seinem Sohn.
Der spielte 4händig Klavier. Aber
nicht alleine. Eine Hälfte der 4 Hände
gehörte seinem Bruder
Frank. Sam spielte gut Tennis. Aber niemals
gegen Nabokov, der auch gut spielte. Vermutlich
weil sie sich nie begegneten
spielten sie niemals
gegeneinander. Sie waren gleichzeitig
in Paris. 1927
fuhr Beckett nach Florenz. Da wurde
meine Mutter geboren. Nicht in Florenz,
sondern in Clausthal-Zellerfeld, aber
1927.
Ich öffne eine Dose
Makrelen. Schaue auf
die Uhr. Es ist 90 Jahre
später. Ich fahre
den Rechner hoch. Der Rechner
hängt sich auf. Ein Fehler
im BIOS. Vermutlich.
Steuerung
Alt
Entfernen.
Reboot. Yes. Alle
sind
tot. Die Makrelen,
Beckett & seine Verwandtschaft,
Nabokov & meine Mutter,
Edgar Wallace & der Esel.


2102

Vladimir Nabokov schrieb an seine Frau, Véra:

Weißt Du, als Natascha Wanja schlafen legte und mit einer großen
Sicherheitsnadel seine Kleidung an ihm feststeckte, hat sie ihm
durch die Haut gestochen und es nicht gemerkt, aber er
schrie natürlich, und endlich stutzte sie, betrachtete ihn genau,
und da sah sie, dass sein Bäuchlein säuberlich mit der Nadel
durchstochen und festgesteckt war.

Ich zuckte
zusammen – 85 Jahre
später – mein Gesicht
beinahe schmerz

verzerrt Alle 
sind tot Vielleicht
lebt Wanja noch? Möglich
Was ist

schon Zeit
im Hinblick auf
Empfindungen?

Selbst – eine Empfindung

‹Schmerz vergeht
mit der Zeit›
Doch Worte rufen ihn 
hervor über die Zeiten 

hinweg in einer anderen 

Dimension Nur eine Vorstellung
die wehtut
Ohne Verletzung Ohne

Blut Verbunden
über alle Gegenwarten 
hinweg mit den Empfindungen 

von Fremden (die nicht einmal existiert haben
müssen ….) 

Ich stehe auf
vom Schreibtisch
gehe in die Küche
um mir einen weiteren Nescafé zu machen

Ein Stein
piekst meine Fußsohle
Kochendes Wasser spritzt auf meine Hand …..

(oder lüge ich
vielleicht?)

Hey, Sie da – im Jahre 2102 !
Können Sie es fühlen?


Klingt wie erfunden

 

Über mir bewegte sich
ein dicker, haariger Arsch.
Neben mir stand
ein Penis in Wartestellung. 
Am Fußende bückte sich
ein alter Transvestit
& streichelte mir die Eier
während meine Geliebte auf mir ritt.
In ihrem Mund zuckte
der nicht ganz so dicke Schwanz, der
zu dem dicken Arsch gehörte.

Speichel troff auf meinen Oberkörper. 
Zuschauer schauten zu. Hinter uns
stöhnte eine Frau,
die auf einem anderen Bett gefickt wurde;
ich konnte sie nicht sehen,
aber es klatschte
unmissverständlich……

Es klingt
wie erfunden.
Zuviel Sexus, zuviel Erections,
Ejaculations, Exhibitions, And General Tales
of Ordinary Madness. Mit einem Hauch
Les Particules élémentaires.

Erinnerung ist Literatur.
Von der man nicht weiß,
wer sie verfasst hat.

            War
         das ich?
   War das wirklich
     mein Erlebnis?

Schmutz, Schund & Hohe Kunst,
ein bisschen Philosophie und
hin & wieder ein Bestseller.

Hauptsache,
die Unterlagen sind abwaschbar.

Ich schaute nach oben.
Der Mond ist aufgegangen … O
heiliges Decamerone & Satyricon!
Wenigstens trägt er ein Kondom …
hoffentlich mit Kirschgeschmack …
sie mag doch Kirschen …
Was für ein Arsch!

Irgendwann saß man wieder
an der Bar. Vor dem
bunten Cocktailglas –
& sollte smalltalken. Alkohol
frei war der Cocktail; schließlich
war man trocken. Seit Jahren. Weggesperrt
die Sucht. Eine Frau
schob ihr
Kleid aus Kunst
Leder hoch
& zeigte uns ihren Intimschmuck;
sie zog daran, bis mir die Schamlippen wehtaten,
die ich nicht mal habe. Ihr Mann (ich
denke, das war er) starrte
auf die Beine meiner Freundin. Kein Rock
war kürzer als ihrer. Sie sog
am Strohhalm. Rechts von mir
wollte einer ein Gespräch anknüpfen.
Ich wendete mich ab.
»Das war ganz schön
unhöflich«, sagte sie später.
»Ich war doch nicht zum Reden dort«,

sagte ich. 120 Tage später.
Es können auch Minuten gewesen
sein. In der Umkleide
kleidete der Transvestit sich um.
Sein Gesicht erinnerte mich
an einen Altrocker aus der DDR.
Der Rock rutschte zu Boden,
keiner war kürzer als ihrer,
sie zog die
Alltagshose an.
Einer von den Puhdys hat mir das Skrotum gekrault,
dachte ich.

Erfahrung, die klingt
wie Erfindung, findet man
interessant

& zweifelhaft. Zu schön
um wahr zu sein.

Zu wahr
um schön zu sein?
Ist so

das Leben?
Die Wirklichkeit

ist meistens zu schnell
& das Leben noch schneller

vorbei

Als wir gingen
sagte die Geliebte »Tschüss«
zu dem geschminkten Herrn
mit den zärtlichen Fingern. Ich sagte
nichts. Wirklich, es ist
wahr: sie ist einfach
höflicher als ich.

Netter sowieso.