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Unbegreiflich

Immer leichter fühle ich mich,
und irgendwann werde ich abheben,
wenn keine Erinnerungen mich mehr am Boden halten.
Die letzten Bilder, Worte, Filme
in den Köpfen derer, die mich kannten,
werden verschwunden sein.

Das ist doch Unsinn.
Sie können nicht Alle überleben,
die Sie kannten. ICH kenne Sie,
und Sie sind so viel älter als ich.

Niemand lebt mehr,
der mich als Kind gesehen hat.
Also muss ich mir selber glauben,
dass ich ein Kind gewesen bin;
niemand kann es bezeugen.

Das können Sie nicht wissen.
Und außerdem: gibt es keine Fotos?

Ach Gott, wollen wir uns auf dieses Niveau begeben?
Fotos! – Hatten Sie nie diese Gedanken?:
Es gibt eine Zeit, da ist man überall.
Gespiegelt, erinnert, gesehen, gehört,
vervielfältigt. All das
vergeht. Stirbt. Am Ende
existiert man nur noch
in sich selbst.
Ohne Verbindungen.

Ich wusste nicht,
dass Ihnen DIE ANDEREN so wichtig sind.

Ich rede doch nur von mir.

Das ist mir auch schon aufgefallen.

Ich bin eine Geistererscheinung
in den Anderen. Wenn die Anderen sterben,
bleibt nur das Greifbare – und das Greifbare
ist so gut, ist so schlecht wie Nichts.

Sind Sie lieber eine Erscheinung als Sie selbst?

Hören Sie auf Fragen zu stellen, sonst
muss ich alles bezweifeln, was ich sage.

Sie denken nur an diejenigen,
die Sie auch kennen oder kannten, an diejenigen,
die Sie selber wahrgenommen haben.
Vielleicht sind Sie einmal an einem Genie vorbeigegangen,
dem sich Ihr Bild eingebrannt hat. Vielleicht auch
gibt es Sie in einem Buch, und Sie wissen es nicht.

Sie wollen mich trösten. Als wäre ich
nicht ganz bei Trost. Das ist nett,
aber sinnlos.

Der Postbote kennt Ihren Namen.

Ist das mein Name?
Er wurde mir gegeben.
Vielleicht gehörte er jemand anderem.

Es geht Uns Allen gleich.

Von außen betrachtet,
aber da bin ich nicht.

Vielleicht werden Sie irgendwann da sein.

Ich bliebe lieber hier.

Aber

Bitte lassen Sie mich

hier

bleiben!

Gefällt es Ihnen denn so gut hier?
Das wusste ich nicht.

Nein.

 

 

 

Was denken Sie?

Nichts Nichts Nichts.
Ich betrachte nur
die Parallelen auf dem Fußboden.

Das sind bloß Schatten.

Meinen Sie,
das wüsste ich nicht?
Die sind das Schönste
an der Abendsonne.

Möchten Sie spazierengehen?

Nicht in dieser Welt.
Lassen Sie mich
schlafen.


Todlos

Wenn ich mich todlos im Grabe herumdrehe,
wie ich mich schlaflos hin&herwälzte im Leben,
dann – weil mich hier wie dort
zu Vieles noch beschäftigt.

In meinem Bett gab’s keine Zeitbezüge,
und dass ein Sarg nicht ewig hält,
ist auch nicht in Ordnung.
Der Tag ist noch nicht abgetan,

das Leben noch nicht erledigt.
Wie soll man da denn abgeschaltet
werden können?
Die endgültige Entspannung

gibt’s nicht unter Strom.
Ein Blitz fährt in die Erde,
meine Hand schießt draus hervor;
es ist kein Abwinken, dass

die Passanten erschreckt.
Immer wollte ich schlafen,
wenn ich es nicht konnte.
Und jetzt? Das möchte man

gar nicht zu Ende denken.


Im Museum der abgenutzten Bilder

schmeckt es nach Gemeinheit,
riecht es nach dem Applaus der trägen Masse,
hat man aufgehört zu denken.

Fade Plakate kleben überall.
Luftblasen im Kleister schlagen Wellen.
Anhand von Fingerabdrücken identifiziert man

die Begreifenden. Denen jedes Verständnis fehlt.
Auf der Suche nach Begriffen, die frisch sind,
gehe ich ins Freie.


Zeitkritik

Diese zeitkritischen Dichter,
diese Gesellschaftskritiker —

Schon toll, gell?
Langlebig nicht, aber toll.

Ich kann die Zeit ja auch nicht
leiden. Die macht alt. Und tot.

Und die Gesellschaft erst.
Zum Kotzen! Nur auf

dem Friedhof kann man sie ertragen.
Also treffen wir uns da. Kommen Sie,

wenn ich tot bin. Lang leb ich
nicht mehr, aber toll.


Schau da

Schau da, ein Mensch!
Manchmal weiß ich nicht, kucke ich
gerade aus dem Fenster

oder in einen Spiegel.
Und wo ist da
der Unterschied —

Die Grenzen sind aus Glas.
Ich versuche, mich
zu unterscheiden,

aber wenn das jeder tut,
wird’s schwierig. Hinterm
Glas ist immer eine Welt.

Ich winke kurz, dann weiß ich
mehr. Vielleicht. Ja, aha,
ich bin also doch

eine junge Frau.


Rand halten !

Wie befremdlich vertraut
Sie im Leben stehen.
Regen sich

auf über Politik
& das TV-Programm,
unterhalten sich

miteinander. Nur
weil Sie zur selben Gattung gehören.
Was Sie für den Rand halten,

ist in meiner Wirklichkeit
immer noch die Mitte.
Ich verbitte

mir alle Vertraulichkeiten!
Halten Sie den Rand!
Da stehe ich

den leisen Fahrtwind
der Erde im schütter werdenen Haar.
Sie regt sich

für mich. Allein.
Auf & ab.
Stille.


Unter Glas oder Feine Fäden

Sie stehen auf dem Papier –
die Wörter. Wie die Beine
einer Zitterspinne

die ein Ängstlicher gefangen hat
unter Glas. Und nun –
wohin damit?

Geh dicht heran
& schau sie an.
Ohne Angst

sieht Alles ganz
anders aus.
Man kann

ein Fenster öffnen.
Denn auch im Freien
wollen Netze

gesponnen sein. Feine Fäden,
in denen Lebendiges
sich verfängt.


Unter meiner Zeitlupe

Auf dem Motorroller
werden Schnecken zu Bienen,
heiß wird flott, es knattert,
es kracht, es spuckt & röhrt,
es raucht aus dem Auspuff,
oben ein Helm, unten ein Höschen
geöffnete Schenkel, nackt & glatt,
jedes Haar, das dort flimmern könnte,
ist wegrasiert. Alles vibriert.

Es ist so viel mehr
als Sex. So viel mehr
als Erotik. Es trifft mich
so tief im Kern
des Wesens, das nicht nur mein
eigenes ist. Berührt Bereiche,
die das Körperliche niemals
erreicht. Wehmut
& weltumspannende Freude.
Eine erträumte Jugend, die
niemand jemals haben kann.
Vergänglichkeit im schönsten Augenblick
des noch nicht Vergangenen.
Eine reine Idee. Von allem befreit.

Ja, es mag aussehen,
als stände da ein schmutziger alter Mann
an der Straße. Gleich wird ihm sicherlich
der Geifer aus dem Maul laufen, er wird sich
unsittlich berühren und sich vorstellen,
etwas Altes in etwas Junges zu stecken,
um sich aufzuladen.

Nein. Vielleicht stehe ich
noch einen kurzen, nachzitternden Moment
dort. Denke an die Vergeblichkeit
des Versuchs, Bilder in all ihren
Breiten, Tiefen. Längen &
unsichtbaren Dimensionen zu bewahren.
Spüre, dass ich schon nicht mehr
so viel spüre wie in jenem Augenblick,
der eben erst vorüberrauschte.
Vielleicht ein dummes Lächeln im Gesicht.
Ein Lächeln, von dem man nicht wissen kann,
wie dumm oder traurig es ist, und doch
auch glücklich.

Die knappen Shorts
waren von einem Gelb gewesen,
wie es Kinder verwenden,
um die Sonne zu malen.

Unter meiner Zeitlupe
ist das Vergehen immer noch Vergehen,
außerhalb alles längst vergangen.
Lasst mich stehen. In der Ferne
ist noch leise zu hören, was ich gesehen habe.
In der Stille brennt noch ein Bild.
Es duftet. Ich will
versuchen, den Rauch festzuhalten.


Zeitbogen

All diese Tode
die die Toten nicht mehr erleben
All diese Lebenden
die in der Welt der Toten noch lebten
und jetzt nicht mehr da sind
so wie jene nicht mehr hier sind

Gut dass du tot bist
So hast du ihren Tod nicht mehr erlebt
Gut dass sie tot ist
So wird sie meinen Tod nicht mehr erleben

Bewahre die Welt
in der du lebtest
Dann bleiben alle die fort sind dort

Für einen Augenblick nur
möchte ich in eine vergangene Welt treten
und mich wundern

»Ach! Du hier? Wie schön.
Wo ich herkomme, kennst du niemanden.
Nur ich erinnere mich an dich.«

»Du lügst doch.«
Ja, vielleicht. Ich möchte lügen,
dass die Zeit sich biegt.

In ihrem Bogen wandeln
Im Wandel der Zeit eine Pause einlegen
Für einen Augenblick nur

Wundern
Und alle bleiben lassen
Wo sie waren

als sie mich an sich erinnerten


Geschützt: Irgendwas mit Bällen & Kaffee

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Vertragt euch doch

In meinen Bücherwänden stehen sie
Seite an Seite. Die Autoren,
die einander kannten

& hassten. Ihre Werke
kuscheln fast, so nahe
stehen sie sich.

»Vertragt Euch, Kinder«, sage ich.
»Ihr seid nun schon so lange tot,
da streitet man nicht mehr.

Dachtet Ihr, Ihr hättet nicht genug
Raum? Habt Ihr nicht gesehen,
daß Ihr gegen dasselbe kämpftet,

wenn auch nicht immer für dasselbe?
Ihr hattet gemeinsame Feinde;
das hätte Euch zu Freunden machen können.

Aber nun ist Ruhe. Ich dulde keine
Auseinandersetzung in meinen Regalen.
Die streitsüchtige Jugend ist vorbei,

Ihr seid tot – und habt überlebt.
Reicht Euch die Bände.
Ich hab Euch alle lieb.«


Existenzkrisen

In verwaisten Räumen
mit leeren Stühlen
denke ich:

Hier ist alles besetzt.
Es ist so voll.
Oder ist dieser Stuhl doch noch frei?

Nicht zu glauben
wie viele Menschen
in einer Existenzkrise sind.

Man kann kaum atmen –
deshalb ist es so still.
Niemand grüßt

während ich einen Platz für mich suche.
Finden muss ich ihn
allein. Wie alle.


Das Tagebuch

Ich versenkte mich
in das Tagebuch eines Verstorbenen.
Saß mit ihm am Tisch, lauschte
seinen Gedanken, sah
ihm beim Baden zu,
traf die Menschen, die er kannte,
ertrug seine Krankheiten,
ging mit ihm spazieren.

Dann verließ ich das Haus,
um allein zu gehen.
Schon bald bemerkte ich, daß
niemand mich sah.
Niemand mich sehen konnte,
niemand mir auswich.
Ich war es, der zur Seite treten musste,
sonst wären die Menschen

durch mich hindurch
gegangen wie uninteressante Gespräche.
Wenn niemand dich sieht, bist du
dort wo du sein solltest,
dachte ich.
Wo immer du bist.
Ich kehrte zurück
zu meinen Regalen. Zurück
zu den vergangenen Tagen des Toten.

Dort ist das Leben.


Der lächelnde Elefant

Leben
Im Stoßzahn eines Elefanten
Scheinbar lächelnd
Mein gekrümmter Elfenbeinturm
Auf der Flucht
Vor Wilderern vor Jägern vor
Menschen im All
Gemeinen
Dünnhäutig – mein graues Ich
Gerunzelt
Wer schmunzelt?
All
Es nur Schein

Leben im Stoß
Steiler Zahn
Wildes Jagen von Häuten
Alles Leben ist

Widerspruch


Nein !

Einige Menschen glauben,
ich schriebe über sie
& über mich.

Ich schreibe aber
über das Menschliche
in meiner Gegenwart.

Wir Einzelwesen sind unwichtig,
nur Statisten in der ernsten Komödie,
ich ich nachzuzeichnen suche.

Wir stehen bloß im Vordergrund,
um den Hintergrund
zu verdecken.

Nein, glaubt nicht,
es ginge um mich,
es ginge um Euch.

Glaubt nicht,
weitet Eure Gedanken!
Denkt!


Niemals

Ich kenne niemanden,
Der so lebt wie ich.
Aber wie sollte ich auch
Jemanden meiner Art kennen,

Da es zu meinem Leben gehört,
Niemanden kennenzulernen,
Und er, wäre er wie ich,
Mich nicht kennenlernen könnte?

Wo ist er?
Es ist mir egal.
Wo bin ich?
Es interessiert ihn kein bißchen.

So gingen wir unserer Wege,
würden wir nicht lieber
zu Hause bleiben & auf
Der Chaiselongue liegen –

Lesend, allein & niemanden
Hereinlassend, nicht einmal
Ihn & mich, die wir niemals
vor unseren Türen stehen werden.


Ruhig, ganz ruhig

Als ich geboren wurde, waren alle schon tot.
Alle, die tot sein durften, weil sie gestorben waren,
bevor ich geboren wurde. Vielleicht waren sie auch
immer schon tot gewesen. Wie kann es sein,
dass diejenigen sterben, die zu meiner Zeit lebten,
und an die ich mich erinnere? Da ist etwas
falsch. Grundlegend falsch. Der Mensch auf dem Foto
soll nicht mehr existieren? Wie kann das sein?
Nur noch vergrabener Dreck? Für immer
verschwunden. Stimmlos. Atemlos.
Er hatte doch so jung ausgesehen,
bevor er alt wurde – wie ist das möglich?
Ich habe noch seine Stimme im Ohr.
Neben all den anderen Stimmen.

Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. Nur sie sind es nicht.
Auf diesem Foto packt er seinen Koffer.
Er will verreisen. Dann kann er doch nicht tot sein.
Man kann nicht verreisen, wenn man tot ist. Oder?
Er ist noch nicht da gewesen, wo er hin wollte,
also muss er doch da sein. Der Koffer ist ja auch
noch gar nicht geschlossen.

Wo wollte er denn hin?

Ich weiß es nicht.

Dann war er vielleicht doch schon da.

Wieso DANN ? Was hat das mit mir zu tun?
Nur weil ich etwas nicht weiß, soll es stattgefunden haben?
Wo ist denn da die Logik?

Wie tot er ist, seit er nicht mehr lebt.
Man kann nicht so tot sein;
also müsste man doch leben.

Ruhig, ganz ruhig. Mit manchem muss man sich abfinden.

Abfinden! Das ist auch so ein Wort.
Die Abfindung. Mir hat noch keiner etwas dafür gegeben,
dass einer nicht mehr da ist. Und wenn, würde ich es
nicht annehmen. Ich würde es nicht haben wollen.
Hoffentlich hat er sein Nackenkissen nicht vergessen.
Ich sehe es gar nicht in dem Koffer. Er bekommt
doch so schnell Nackenschmerzen. Einmal
konnte er kaum aufstehen vor lauter Schmerz.
Aber das ist lange her.
Er ist noch oft aufgestanden danach.
Wahrscheinlich steht er morgen auch wieder auf.
Wir können ja gar nicht anders. Wir müssen
aufstehen. Weil wir nicht immer liegenbleiben können.
So ist es doch. Oder?

Ja.

Wenn er nur nicht seinen Zug verpasst.
Er hält so lange inne. Er sollte endlich
weiter packen. Hoffentlich ist er nicht zu erschöpft.
Dann müsste er sich ausruhen. Vielleicht
wartet der Zug ja auch auf ihn. Er hat so oft
den Zug genommen, dass der auch mal auf ihn
warten könnte. Er hat so oft den Zug genommen,
dass ich manchmal dachte, ohne ihn kann
ein Zug gar nicht fahren. Er hatte ja
Flugangst. Er konnte nicht fliegen. Er meinte,
er würde abstürzen. Dabei sind doch immer nur
Flugzeuge abgestürzt, in denen er NICHT war.
Wenn er sich das klargemacht hätte, hätte er
fliegen können. Aber Logik war seine
schwache Seite. Da konnte man reden,
wie man wollte. Er verstand einen einfach
nicht. Na ja. Egal.

Haben Sie nur dieses eine Foto?

Sehen Sie bloß – wie ruhig er atmet. Man sieht es
kaum. Nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es
sehen. Man muss immer ganz genau hinschauen.
Sonst verpasst man, worauf es ankommt.
Wenn man natürlich nicht weiß, worauf es ankommt,
kann man es auch nicht sehen; da kann man
schauen, so lange man will, man sieht es nicht.

Das stimmt.

Als ich geboren wurde, gab es nur Lebendiges
um mich herum. Das war schön.

Das ist doch immer noch so.
Oder sehen Sie die Toten?

Woher soll ich das wissen?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht sehe ich sie.
Sind Sie tot?

Nein. Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. So wie er.
Ich will nicht unruhiger sein
als er. Es ist schön,
wie ruhig er ist.

Ja.

Danke. Es war nett mit Ihnen zu plaudern,
aber ich muss jetzt auch meinen Koffer packen,
sonst verpassen wir doch noch den Zug.
Der wartet nämlich nicht auf uns.

Sie haben recht.
Ich werde Sie begleiten.


Unsichtbar

Der Nichtschwimmer blickt auf das Meer,
beobachtet die Wellen,
lauscht dem Rauschen.
Riecht das Salz.

Er weiß nicht, ob
er die Berührung des Wassers vermisst.
Er denkt an den Untergang und manchmal
an seine Rettung.

Dann fragt er sich, wie
ein Nichtschwimmer ihn sollte retten können.
Die Hilfe eines Schwimmers
würde er ablehnen.

Der Nichtschwimmer blickt auf
das Meer und lächelt.
Das Meer ist voll von Seinesgleichen –
aber niemand kann sie sehen.

Das macht ihn froh.


Nicht nur ein Name

Tod, Zeit, Vergänglichkeit
Haben keine Macht
Ohne das Vergessen
Manchmal kehre ich zurück
Aus der Gegenwart und
Suche mich in der Erinnerung

Mit dem Vertrauten meiner Jugend
Alte Geschichten bewohnend
Nähere ich mich den Anfängen
Nicht zum letzen Mal


Falls Sie sich wundern

Nein, nicht nur junge Frauen
gehen an meinen Fenstern vorüber.

Aber was da sonst so läuft
ist der schriftlichen Rede weniger wehrt.

Da kriegt man keine Lust
die Feder zu ergreifen

& in Diminutiven zu schwelgen
wie in einer Schublade voll duftender Höschen.

Da fährt der Bauer auf dem Trecker,
dass es stinkt & kracht,

tumbe Visagen
spotten jeglicher Beschreibung,

der Nachbar sägt
in seinem Spießergarten,

und die Mutter schiebt ihr drittes Kind
auf quietschenden Rädern vor sich her.

Nee nee, ich schau auch gar nicht
oft ausm Fenster, aber wenn –

dann lasst mich bitte
(einen Augenblick lang) glücklich sein.

Ein kurzes Röckchen
in goldenem Licht,
mit Grazie getragen,
mehr brauch ich nicht.


Es ist wohl nicht zu ändern

Man könnte auch mal beachtet
werden, solange man da ist.

Doch erst wenn man geht,
kommt die Aufmerksamkeit.

Wo ist er hin,
warum ist sie nicht hier?

Man hatte sich gewöhnt
& wird sich wieder gewöhnen.

Es ist wohl traurig,
aber nur für kurze Zeit

zu ändern.


Abgründe

Abgründe tun sich auf,
in denen man verschwindet.
Fort für alle andren,
mit sich allein – zusammen.

 

 

 

Abgründe tun sich auf
und schließen sich wie Wunden.
Narben in der Erinnerung,
die man manchmal vergisst.


Teilweise witzig

Jemand fragte: »Wie alt sind Sie?«
»Etwa 30«, sagte ich.
Verdutzung, Zweifel, Mitleid, Hohn –
ein bissl von Allem im fremden Gesicht.
»Ich weiß, ich sehe älter aus.«
»Äh – ja – und genau wissen Sie’s nicht?«
»Mir ist es genau genug. Ich vermute,
Sie hätten mich auf 60 geschätzt?«
»Nicht ganz, vielleicht. Ich weiß,
es gibt da so Krankheiten…..«
»Genau!« erwiderte ich,
»Kopfschmerzen zum Beispiel.«
Ihm quoll das Questionmark aus den Augen;
sollte ich ihn unwissend sterben lassen?
Ich sagte: »Es ist doch ganz
einfach. Nur die Tage
ohne Kopfschmerz zählen.
Ich hab’s mal grob überschlagen.«
»Oh, ich verstehe.«
»Bloß nicht zu sehr mitfühlen, sonst
müssen Sie ne Tablette einnehmen.«
Er grinste.
Ich schaute ins Apothekenfenster.
Da stand mein Spiegelbild zwischen Medikamenten.
Wie ein Geist. Ich wusste es ja eigentlich:
Alle Tage zählen gleich.
Aber dass man das so sehen muss!
Es sollte Spiegel geben,
in denen der Schmerz zurückbleibt
wenn man daran vorübergeht.
Ach, was soll’s!
Nietzsche hatte auch oft Kopfschmerzen,
und es gibt hübsche Apothekerinnen.
»Ich muss gehen«, sagte ich.
»Müssen wir das nicht alle?« sprach er.
Teilweise weise, teilweise witzig.


Die kleine rote Plastik-Kasse

Ich hatte kein Geld
aber die leere Schublade machte
wenn sie aufsprang

ein Geräusch, das mich entzückte.
Die kleine rote Plastik-Kasse
aus meinem Kaufmannsladen

Man liebt
nie wieder
auf diese Weise

im späteren Leben.


Beweise

Wer meine Worte liest
glaubt an meine Existenz

So wie ich
der ich an keinen Gott glaube
vom Dagewesensein

des James Joyce überzeugt bin
der von den Genannten
der Bedeutendste ist

Für meine Existenz scheint es
Beweise zu geben

Vielleicht deuten diese
aber auf jemand ganz
anderen hin

Wer hat noch
gleich Shakespeares Werke
geschrieben?

Wer meine Worte liest
glaubt bestenfalls an gar nichts mehr


Das Haus

So einfach & unscheinbar
ist das Haus – keiner
der Vorübergehenden, Vorüberlebenden
vorübergehend Lebenden ahnt
dass es voller Rätsel & Geheimnisse ist.
Zu viele Häuser haben sie schon gesehen,
zu viele Häuser gibt es.
Nur der Architekt kennt seinen wahren Wert,
den Wert, den niemand bezahlen würde, weil er nicht
dem Warenwert, genauer: dem Materialwert entspricht; nur er kennt
alle Bedeutungen, von deren Existenz keiner
sich etwas träumen lässt.
Die Anzahl der Steine ist kein Zufall,
sie bezieht sich auf das Innere des Hauses, auf
das Innere seiner Bewohner;
die Quersumme aller addierten Türen & Wände
erzählen eine exakt berechnete Geschichte.
Alles geht auf. Der Rest ist Gedanke.
Im Mauerwerk: seltenste Perlen.
Der Dachboden spielt
auf den Keller an; der Keller
existiert nur in der Phantasie des Architekten,
die seine Persönlichkeit ist.
Was die Maserung des Parketts zu sein scheint,
ist in Wirklichkeit Schnitzerei: winzige Gesichter,
die man nur erkennt, wenn man sie kennt
und am Boden liegt.

Zuweilen sticht den Architekten
die Eitelkeit fast mückengleich. Dann
würde er am liebsten erklären, um
den Nichtsahnenden die Augen und,
falls möglich, den Verstand zu öffnen.
Doch dieser Juckreiz geht rasch vorüber.
Das Verständnis der Anderen
würde dem Wert des Werkes nichts hinzufügen.
Alles ist da. Ob es gesehen wird oder nicht.
Es wird noch da sein, wenn
sich an die Passanten längst schon
niemand mehr erinnert.
Denn das ist ein weiteres Geheimnis dieses Hauses:
Es ist unvergänglich.

Ich stehe da.
Auf der anderen Seite der Straße.
Ich betrachte es.
So einfach & unscheinbar.
Wohnt überhaupt jemand darin?
Da stehe ich.
Verstehe ich.
Passanten passieren.
Fassadenbeschauer.
Wer hat es gebaut?
War ich es?

Es ist gleich
gültig. Denn so
viel steht fest:

Dieses Haus ist ein Gedicht.


Zeit

Mein Vater kommt vom Einkaufen zurück
Er ist tot
Befremdend billig
Sind die Lebensmittel
Er schaut mich an
Erkennt mich nicht
Ich bin älter als er
Aber es stört ihn nicht
Dass ich da bin
Sein Tod ist fast
So lange her wie seine Geburt
Zurücklag als er starb
»Die Buttermilch war heute günstig«
Sagt er
Ich verstehe
Nicht was Vergangenheit ist
Was Gegenwart
Alles ist
Zeit

Alles ist
Gleich
Zeit
Ich

»Gut dass du wieder da bist«
Sage ich

 


Die Vorstellung der Weite der Vorstellung

Die Sterne betrachten,
ohne ins Freie zu gehen –
in einem Buch
über Astronomie

Die Weite des Raums
in geschlossenen Räumen

Das Freie im Kopf
Die Vorstellung der Weite

Die Sterne betrachten
Im Licht der Lampen

Die Augen schließen
Und sehen


Album der Spiegel

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Flüchtiges Album der Gegenwart
Das Ich als optisches Phänomen
Scheinbar verkehrt

Die Erinnerungen nicht festgehalten
Sondern losgelassen
Hinter der Stirn im Spiegel

verkehrt verblasst
getönt beschlagen

Das Blättern fällt
schwer ein Spiegel
wiegt mehr als

Papierene Vergangenheit
Und nur wer einem ganz nahe ist
wird reflektiert

Für einen Augenblick
Verkehrt verblasst
getönt verschwunden

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Papier Glas Silber
Seiten Blätter Farben

Nirgends ist Schwarzweiß
Doch in keinem Album gibt es Zukunft


Bei Trost

Als man noch Landkarten
& Atlanten wälzte,
suchte ich Trost

Wo lag dieses Kaff?

»Der ist wohl nicht ganz
bei Trost!« sagten die Leute
so oft von anderen

Was versteht man als Kind?

Man versteht
was die Erwachsenen nicht meinen
Und das ist oft mehr, als sie denken

Die nicht bei Trost Seienden, wo waren die –
Bei sich? Zu Hause?
Bei anderen?

Unterwegs? Kurz vor Trost
oder darüber hinaus – hatten sie sich verlaufen?
Auf der Suche –

Trost – wo liegt dieses Kaff?
Und wer will da wohnen?
Gibt’s da einen Campingplatz?

All diese Fragezeichen –
Wie das Muster der Tapete im Kinderzimmer
Und die Antworten schnarchen nebenan

oder sterben im Schlaf
Ich war noch nie dort
& möchte auch nicht

dahin

Es wäre mir zu laut
zu öde
zu voll


Das Portemonnaie

Das Portemonnaie war wieder da.
Man erzählte es mir.
Ich hatte nicht gewusst, dass es weggewesen,
aber nun – da ich hörte, dass es wieder da war –
wusste ich es.

Kein Grund, sich zu erschrecken.
Es ist ja wieder da.
Als wäre es nie weggewesen.
Die verzweifelte Suche
war mir entgangen.

Was weiß man schon, und
was will man wissen?

Das Ende allein?
Den Weg dorthin?
Den Anfang?

Ich weiß es nicht.
Jetzt ist da etwas.
Vielleicht war es weg
gewesen ohne mein Wissen.

Wo nichts ist
war vielleicht immer schon nichts,
aber niemals kann man sich
sicher sein.


Rahmenhandlung

Das Glöcklein klingelte beim Öffnen der Tür, es klingelte beim Schließen. Als lebte eine besonders kleine Maus darin, die sich eine Murmel an den Schwanz gebunden hatte und die nun, vor lauter Freude mich zu sehen, hundgleich wedelte. – Nun gut, vielleicht klang es nicht ganz so, aber mir gefällt das Bild.
Ein gelackter Verkäufer schnellte auf mich zu. Schließlich war hier sonst niemand, auf den er hätte zuschnellen können.
»Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Guten Tag, das wäre schön.«
»Was suchen Sie?«
Das war eine große Frage. Doch ich entschloss mich, eine kleine Antwort zu geben.
»Einen Rahmen für mein Bild«, sagte ich.
»Nun, wie Sie sehen, haben wir eine große Auswahl.«
Das war keine Lüge; immerhin befand ich mich in einer Rahmenhandlung. Wodurch allerdings seine Frage, was ich denn suche, merkwürdig sinnlos wurde.
Da ich mich vermutlich besonders unentschlossen umsah, stellte der Gelackte gleich die nächste:
»Darf ich fragen, um was für eine Art von Bild es sich handelt?«
Ich setzte voraus, dass er es durfte und antwortete:
»Es geht um das Bild, das ich mir von der Welt mache.«
»Aha«, sagte er. Mit einem Blick, als fürchtete er den Überfall eines Psychopathen. »Tja – wie groß ist es denn?«
»Nicht besonders groß, fürchte ich.«
»Hmm, dann werden wir bestimmt etwas finden.«
Ich mochte es nicht, dass er Wir gesagt hatte; erstens kannte ich den Mann überhaupt nicht, und zweitens war es sein Beruf, etwas zu finden.
»Haben Sie an einen bestimmten Stil gedacht?« fragte er.
»Ob an einen bestimmten weiß ich nicht, aber ich glaube, ein schlechter wäre gut.«
»Nun, so etwas führen wir nicht.« Es klang fast entrüstet. Dabei war mir nicht einmal aufgefallen, dass er gerüstet gewesen wäre. Aber ich fühlte mich beruhigt, dass ich in diesem wir nicht mehr enthalten war.
»Ach wissen Sie«, sagte ich. »wenn ich mich hier umschaue, glaube ich sehr wohl, dass Sie dergleichen führen.«
Es hätte wenig Sinn, seinen Gesichtsausdruck zu beschreiben, dennoch unterlasse ich es.
»Sie haben es nicht zufällig bei sich?« sagte er.
»Von Zufall kann gar keine Rede sein«, erwiderte ich. »Ich habe es selbstverständlich immer bei mir. Ich kann es nur nicht so zeigen. – Und außerdem würden Sie ohnehin nichts erkennen; es ist ziemlich düster.«
»Also, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.«
»Machen Sie sich nichts draus. Kein Grund, sich zu entleiben.«
»Vielleicht sehen Sie sich doch am besten selber um und wählen einfach, was Ihnen gefällt.«
»Sie haben recht«, sagte ich. »Allerdings werde ich eher bevorzugen, was mir nicht gefällt. Da ist ja auch das Sortiment viel größer.«
Nun entfernte er sich fast ebensoschnell, wie er gekommen war. Ich fühlte mich wie von einer Geschwulst befreit.
Es herrschte Ordnung in der Rahmenhandlung. Rechtecke wohin man schaute, nebeneinander, hintereinander, zur Auflockerung hier und dort etwas Eiförmiges. Es wurde der Eindruck vermittelt, nichts könne jemals irgendwo herausfallen. Sogar die Zwischenräume wirkten wie gerahmt durch die Außenseiten der Rahmen. Hinter dem Verkaufstresen gab es eine geöffnete Tür. Sofort glaubte ich, eine leicht geschürzte Weiblichkeit würde in ihrem Rahmen erscheinen, auf dass die Erotik hier nicht zu kurz komme; aber auch dieser Glaube konnte der Wirklichkeit nicht lange standhalten. Immerhin: der Gelackte war durch diese Tür gegangen; wo etwas Garstiges entschwand, ist fast schon Schönheit; völlig unwahrscheinlich war es also nicht, dass im Wechselrahmen der Tür nach Hässlichkeit und Leere etwas erfreulich Erfräuliches sich manifestieren werde. War mein Bild etwa doch nicht so düster, wie ich gedacht hatte?
Ich konnte mich nicht entscheiden. Weder Stil, noch Form, weder Farbe, noch Verarbeitung, weder Muster, noch Größe passten zu meinem Bild. Und ich wusste plötzlich nicht einmal mehr, warum ich den Laden überhaupt betreten hatte. Bestimmt nicht wegen der Beispielbilder im Schaufenster. Dort wurde allzu tumb gegrient. Kein Zahn war vergilbt. Keine Pore atmete. In den Augen war Platz für ganz viel Nichts. Und das heiratete sich dann. Zumindest zum Schein. Ich hatte mich in der Glasscheibe gespiegelt, und schon meine Reflexion passte nicht ins Bild.
Es wurde Zeit in die Glocke zu schauen. Die Maus mit der Murmel zu grüßen und ihr Glück zu wünschen. An sie wollte ich glauben. Viele Geschichten gibt es. Ohne mich. Zyklen von Erzählungen. Ohne mich. Doch ich war in der Rahmenhandlung. Man sollte nicht zu viel von mir erwarten.


Evolutionsleere

Ich ging vorbei
Ich konnte gar nicht schnell genug
Vorbeigehen

Am Sportplatz
Ein Globus wurde getreten
Gefangene Luft in Tierhaut

Schreie & Gegröle
O Darwin! ich befürchte, der Mensch
Stammt vom Fußballer ab