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Literarisches Material

Es war eine Ehe
Frau Max Frischs, die sagte:

Ich habe nicht mit dir gelebt
als literarisches Material,
ich verbiete es,
dass du über mich schreibst.

Sie sagte es
zu ihm. Woher
ich das weiß?

Er hat es in einem Buch verwertet,
darüber geschrieben, wie
es seine Aufgabe war.
Montauk.

Da steht es –
gesperrt & abgesetzt
in Majuskeln.

Wie naiv kann man eigentlich sein?

Werte Dame, DAS WERK KOMMT
AN ERSTER STELLE !

Zumindest bei einem Autor,
der diese Bezeichnung verdient.

HEIRATEN SIE EINEN KLEMPNER,
WENN SIE DAMIT NICHT KLARKOMMEN !

Schriftstellerfrauen – auch so’n Thema…..

Bei der Durchdringung der Wirklichkeit
gibt es keine Sperrgebiete.
Keine Tabus, keine Rücksichten.

Die ernstzunehmende Literatur ist kein Ponyhof.
Sie ist ein Schlachthaus.
Hier hören die Nettigkeiten auf,
die man sich im Leben erlauben soll.

Ich verbiete es….
Die Ingeborg hätte so einen Schwachsinn nicht gesagt.

Und Nora Joyce hatte keine Ahnung
mit wem sie da zusammenlebte.


Rotbäckchen & der Wolf

»Nicht«, sagte sie,
»dass du wieder’n Gichtanfall bekommst.«
Der Steppenwolf blitzte durch
meine Erinnerung, Harry Hallers Pulver.
»Nein«. sagte ich, »nicht
in der Hand.« Po
dagra war’s; ja, wenn man auf Schmerz stünde……
Ihr kleiner, fester Arsch war rot
wies Käppchen im Märchen,
und ein wenig brannte mir die Hand
nun doch. »Fest
er!« hatte sie gesagt. Ihr Befehl
war mir Wunsch gewesen.
Sie hielt sich die Ohren zu,
weil unsere Häute so lärmten.
Heute fragt man mich nicht mehr:
»Heißen Sie wirklich Wolf? Nur Wolf?
Oder doch Wolfgang?« Die ewigen Fragen
meiner Jugend. Und die ebenso ewigen Antworten:
»Ja – nee – den Gang können Sie sich sparen.«
Ich sitze ja auch am liebsten aufm Sofa; das
schont die Gelenke. Ob sich meine
Großeltern träumen ließen, was später einmal
auf ihrer geblümten Couch…… Die Tapeten
verliehen den Schlägen ein farbiges Echo;
kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.
Großmutter, warum hast du so große
Organe? Ha. Ha. Schade,
dass ich keinen Kuchen mehr essen darf;
den Wein habe ich freiwillig aufgegeben
(frei willig? – je nun, dies ist nicht der Augenblick
für Philosophie, noch Religion). Applaus!
aufs Gebäck. Auch ein Wolf
will mal ins Bett – & sich’s gemütlich machen;
da muss die alte Frau halt
weichen. Bevor das Mädel an die Türe klopft.
»Woran denkst du?« fragte sie (da wir
schon bei den ewigen Fragen waren).
»Ich denke nie«, sagte ich, »auch das
hat mir der Arzt verboten.« Welche
Tonhöhe hat wohl so’n Po
klatscher? Kann man
das notieren? – Aber auch
das Absolute Gehör soll ja ein Märchen sein.
Märchen all
enthalben. Aus dem Reich der Erfindungen.
Harry tanzt….. Wer’s glaubt.
Ich humple. Zu
weilen. In grauer
Vorzeit war ich Schlagzeuger gewesen;
daher wahrscheinlich mein Hang
zu perkussiver Erotik. Und
die Einsamkeit des Wolfes
zog ihn zu den Geißlein.
Liebe auf An
hieb. Mozart
lachte
laut
los.


Sterne der Kindheit

Dass ich es so spät bemerkt habe
Verwundert mich
Noch heute

Dass die Sterne die ich als Kind gesehen
Unsichtbar geworden waren
Fiel mir lange nicht auf

So oft hatte ich abends
In den Himmel geschaut
Die Städte müssen dunkel gewesen sein

Ich wusste es nicht
Dass sie dunkel waren
Ahnte nicht dass sie heller werden würden

So viele Sterne sah ich als Kind
Eines Tages schaute ich nach oben
War erwachsen und alles schwarz über mir

Das waren die Menschen
Das war der Fortschritt
Das war der Verlust des Funkelns

Ich hätte es früher bemerken
Den Augenblick des Verlustes
Wahrnehmen müssen

Aber so ist der Mensch nicht
Er sieht den Mond
Er sieht die Venus

Was verloren gegangen ist
Bemerkt er
Zu spät


Unvergesslich

Ich erinnere mich

Niemand kannte den Mann
Manche glaubten es
trotzdem

Er schrieb

Er schreibe
Unvergessliche Gedichte

behauptete er

War das zu glauben?
Er lächelte

»Nichts« sagte er
»hebe ich auf

Alles
werfe ich weg

so
fort«

So war
es wahr

Seine Gedichte waren unvergesslich
weil niemand sie kannte

& er sich erinnerte


Simpel

Man stand
in einer Galerie kann
auch eine Bibliothek
gewesen sein

Oder ein Kino aber da hätte man
wohl eher gesessen
Egal, ein Museum
vielleicht Jemand

Sagte: »Das könnte
ich auch.« Ich
widerspreche gern
Also sagte ich:

»Nein.« »Was nein?« »Das
könntest du nicht.« »Aber
es ist so simpel.« Ich
sagte: »Und doch

ist es zu spät. Du
könntest nachmachen
sonst nichts.«
»Aber etwas in der

Art.« »Die
Art gibt es
schon«, sagte ich.
Jemand sagte: »Alles

ist
schon mal dagewesen.«
»Ich erinnere mich«
sagte ich, »nicht

schon mal da
gewesen zu sein.«
»Jetzt wird’s
albern.« »Albern

ist es zu glauben
man könnte etwas auch
was schon da ist.
Es sind immer die simpelsten

Geister, die das Schwierige
an der falschen Stelle
suchen.«
»Also«, sagte jemand

»ich finde« »Richtig«,
sagte ich, »man muss
finden. Das ist
der Anfang.«

Dann kommt
Der Stil von selbst
Wo waren wir
Stehen geblieben

Und wie spät war es
Überhaupt in einer Galerie kann
Auch eine Bibliothek gewesen
Sein oder ein Kino

Ein Museum
Vielleicht auf jeden Fall
Zu spät


Sie sind da 

Sie sind da
Ich weiß es
Denn Sie lesen
Dies

Diejenigen
Die dies nicht lesen
Sind vielleicht
Gar nicht da

Wo ich bin
Während Sie dies lesen
Weiß ich nicht
Vielleicht nicht mehr da

Sie sind da
Ich weiß es
Seien Sie
Sich dessen bewusst


Bios 

Becketts Mutter hatte einen Esel.
Das war nicht ihr Mann.
Ihr Mann las meistens
Edgar Wallace. Er angelte
Makrelen mit seinem Sohn.
Der spielte 4händig Klavier. Aber
nicht alleine. Eine Hälfte der 4 Hände
gehörte seinem Bruder
Frank. Sam spielte gut Tennis. Aber niemals
gegen Nabokov, der auch gut spielte. Vermutlich
weil sie sich nie begegneten
spielten sie niemals
gegeneinander. Sie waren gleichzeitig
in Paris. 1927
fuhr Beckett nach Florenz. Da wurde
meine Mutter geboren. Nicht in Florenz,
sondern in Clausthal-Zellerfeld, aber
1927.
Ich öffne eine Dose
Makrelen. Schaue auf
die Uhr. Es ist 90 Jahre
später. Ich fahre
den Rechner hoch. Der Rechner
hängt sich auf. Ein Fehler
im BIOS. Vermutlich.
Steuerung
Alt
Entfernen.
Reboot. Yes. Alle
sind
tot. Die Makrelen,
Beckett & seine Verwandtschaft,
Nabokov & meine Mutter,
Edgar Wallace & der Esel.


2102

Vladimir Nabokov schrieb an seine Frau, Véra:

Weißt Du, als Natascha Wanja schlafen legte und mit einer großen
Sicherheitsnadel seine Kleidung an ihm feststeckte, hat sie ihm
durch die Haut gestochen und es nicht gemerkt, aber er
schrie natürlich, und endlich stutzte sie, betrachtete ihn genau,
und da sah sie, dass sein Bäuchlein säuberlich mit der Nadel
durchstochen und festgesteckt war.

Ich zuckte
zusammen – 85 Jahre
später – mein Gesicht
beinahe schmerz

verzerrt Alle 
sind tot Vielleicht
lebt Wanja noch? Möglich
Was ist

schon Zeit
im Hinblick auf
Empfindungen?

Selbst – eine Empfindung

‹Schmerz vergeht
mit der Zeit›
Doch Worte rufen ihn 
hervor über die Zeiten 

hinweg in einer anderen 

Dimension Nur eine Vorstellung
die wehtut
Ohne Verletzung Ohne

Blut Verbunden
über alle Gegenwarten 
hinweg mit den Empfindungen 

von Fremden (die nicht einmal existiert haben
müssen ….) 

Ich stehe auf
vom Schreibtisch
gehe in die Küche
um mir einen weiteren Nescafé zu machen

Ein Stein
piekst meine Fußsohle
Kochendes Wasser spritzt auf meine Hand …..

(oder lüge ich
vielleicht?)

Hey, Sie da – im Jahre 2102 !
Können Sie es fühlen?


Klingt wie erfunden

 

Über mir bewegte sich
ein dicker, haariger Arsch.
Neben mir stand
ein Penis in Wartestellung. 
Am Fußende bückte sich
ein alter Transvestit
& streichelte mir die Eier
während meine Geliebte auf mir ritt.
In ihrem Mund zuckte
der nicht ganz so dicke Schwanz, der
zu dem dicken Arsch gehörte.

Speichel troff auf meinen Oberkörper. 
Zuschauer schauten zu. Hinter uns
stöhnte eine Frau,
die auf einem anderen Bett gefickt wurde;
ich konnte sie nicht sehen,
aber es klatschte
unmissverständlich……

Es klingt
wie erfunden.
Zuviel Sexus, zuviel Erections,
Ejaculations, Exhibitions, And General Tales
of Ordinary Madness. Mit einem Hauch
Les Particules élémentaires.

Erinnerung ist Literatur.
Von der man nicht weiß,
wer sie verfasst hat.

            War
         das ich?
   War das wirklich
     mein Erlebnis?

Schmutz, Schund & Hohe Kunst,
ein bisschen Philosophie und
hin & wieder ein Bestseller.

Hauptsache,
die Unterlagen sind abwaschbar.

Ich schaute nach oben.
Der Mond ist aufgegangen … O
heiliges Decamerone & Satyricon!
Wenigstens trägt er ein Kondom …
hoffentlich mit Kirschgeschmack …
sie mag doch Kirschen …
Was für ein Arsch!

Irgendwann saß man wieder
an der Bar. Vor dem
bunten Cocktailglas –
& sollte smalltalken. Alkohol
frei war der Cocktail; schließlich
war man trocken. Seit Jahren. Weggesperrt
die Sucht. Eine Frau
schob ihr
Kleid aus Kunst
Leder hoch
& zeigte uns ihren Intimschmuck;
sie zog daran, bis mir die Schamlippen wehtaten,
die ich nicht mal habe. Ihr Mann (ich
denke, das war er) starrte
auf die Beine meiner Freundin. Kein Rock
war kürzer als ihrer. Sie sog
am Strohhalm. Rechts von mir
wollte einer ein Gespräch anknüpfen.
Ich wendete mich ab.
»Das war ganz schön
unhöflich«, sagte sie später.
»Ich war doch nicht zum Reden dort«,

sagte ich. 120 Tage später.
Es können auch Minuten gewesen
sein. In der Umkleide
kleidete der Transvestit sich um.
Sein Gesicht erinnerte mich
an einen Altrocker aus der DDR.
Der Rock rutschte zu Boden,
keiner war kürzer als ihrer,
sie zog die
Alltagshose an.
Einer von den Puhdys hat mir das Skrotum gekrault,
dachte ich.

Erfahrung, die klingt
wie Erfindung, findet man
interessant

& zweifelhaft. Zu schön
um wahr zu sein.

Zu wahr
um schön zu sein?
Ist so

das Leben?
Die Wirklichkeit

ist meistens zu schnell
& das Leben noch schneller

vorbei

Als wir gingen
sagte die Geliebte »Tschüss«
zu dem geschminkten Herrn
mit den zärtlichen Fingern. Ich sagte
nichts. Wirklich, es ist
wahr: sie ist einfach
höflicher als ich.

Netter sowieso.


Beschreibung der Welt

Die Lehrbücher der Mathematik
bestehen aus vielen Wörtern.

Ein Taubstummer hatte diesen Satz 
in den Sandkasten eines Spielplatzes
geschrieben. Mit einem Stock. Oder
seinem Penis. Wer
weiß. Man muss mit Allem
rechnen. Ein blindes Kind
spielte im Sand. Mit bunten Förmchen.
Längst war der Verfasser
gegangen. Die Buchstaben
verschwinden auf einer Schaufel

aus

Plastik. Schnodder
schaukelt  an der Nase des Kindes,
und da es glaubt
glücklich
zu sein,
ist es
glücklich.


Niemand ist

 

Niemand ist ich
Außer mir
Nicht einmal
Die sind
Wie ich
Können ich sein

Was ich kann
Oder nicht kann
Kann nur ich
So wie ich
Es kann
Oder nicht kann

Meinen Schmerz
Meine Freude
Empfinde nur ich
So wie ich
So ähnlich kann mir niemand sein
Dass er es könnte

Wenn ich versage
Versage ich einzigartig
Wer’s mir nachmacht
Macht es anders
Ich muss nichts können
Denn ich bin da

Ganz da
Ganz hier
Ganz ich
Gäbe es einen Sinn
Zu existieren
Dies wäre er

Niemand ist du
Nur du
Die sind
Wie du
Sind es nicht
Was wäre die Welt ohne dich

Sie wäre völlig anders
Selbst wenn es niemand merkte
Außer mir (vielleicht)
Mehr soll man sich nicht wünschen
Nur ich sein Du sein
Hier & Da

Sein


Sisyphos 

Das hat die Natur gut
eingerichtet, dass man sich
immer wieder freut –
über geleerte Mülltonnen,
geschnittene Fußnägel,
gespültes Geschirr,
saubere Bettwäsche,
Ordnung….
Eigentlich müsste man
ja verzweifeln. Wahn
sinnig werden
müsste man. Wegen Allem,
was wächst. Allem,
was lebt, Allem, was nicht lebt.
Wegen Allem
halt. Oder
fast Allem. Na ja,
in 14 Tagen kommt schon wieder
die Müllabfuhr! Schön.
Das ist noch ziemlich
lange hin …  Also wirklich,
das hat die Natur verdammt
gut eingerichtet – 
das mit der Blödheit ….
Das mit der Blödheit, aus
der man
eine Philosophie machen
kann. Eine
                 nette
                     kleine
                         Philosophie.


Letzten Endes 

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Dichters.

Der Leser weiß es
(zumindest kann er es wissen),
mancher Dichter wird es fühlen
(vielleicht kann auch er es wissen).

Schon nicht mehr ganz da,
mit dem Geist schon
halb in der Kiste.

Noch nicht
ganz da
schon nicht
mehr hier

Es könnte das beste Gedicht sein,
es könnte das schlechteste Gedicht sein;
oder einfach

gar nichts
Besonderes.

Man weiß nicht,
welche dieser Möglichkeiten
die schlimmste Tatsache wäre.
Abgesehen vom Tod

natürlich. Wobei aller
dings der Tod
keine Möglichkeit ist –
außer für den Selbstmörder.

Ansonsten
ist er bloß eine Gewissheit.
Wahrlich nichts Besonderes.

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Lesers.

Der Leser
kann es fühlen.
Der Dichter
weiß nichts.

Es sollte besser
nicht zu gut sein,
um den Abschied nicht
unnötig zu erschweren.

Lieber
nichts Besonderes.

Der letzte Dichter
vor dem Tod
des Gedichts.

Es geht
um letzte Dinge.

Zerfall der Gedanken
Zerfall der Welt
Zerfall der Gedankenwelt

Und jeder Tod ist
ein Buch, das sich selber zuschlägt,
und keine Kraft kann
es mehr öffnen.

Welche Seite war
die letzte, die man sah?
War es die letzte?
Und was stand da?
Ein Gedicht?

Unwahr
Scheinlich

Aber
möglich. Vielleicht
das letzte vom letzten

Menschen


Familie 

Ihr Blick schweifte
durch die Räume. Ich
schweifte auch,

aber das gehört nicht
hierher. Sie sagte: »Es hängen
gar keine Familienfotos

an deinen Wänden. Nur
fremde Männer.« »Ja«, sagte
ich, »und manche

tragen sogar Perücken.«
»Wer ist das da?«
»Lichtenberg.«

»Und der da? Der guckt böse –
wie so’n Triebtäter.«
»Céline. Der trägt aber keine

Perücke.« Ich
nannte die Namen, erläuterte
Nichts.

Ein Mann im Ohrensessel mit dicken
Brillengläsern & Lupe … 
ein Mann in Türrahmen & Trenchcoat …

Ein Mann mit Pudel
& Einer mit Riesenbleistift
im Quermaul ….

Familie , dachte ich,
es hängt nichts
an meinen Wänden,

das ich hinter mir
gelassen habe.
Dann schaute sie

über meine Schulter.
»Der sieht ja aus
wie du!«

»Danke«, sagte ich.
»Es heißt, seine Mutter
habe überall herum

erzählt, ihr Sohn sehe
so scheußlich aus, dass er
sich kaum aus dem Haus wage.«

»Mütter!« sagte sie
& fragte nach seinem Namen.
Ich nannte ihn

ihr. Mein Blick schweifte
ab – als wäre er
ein Gedanke. Ich

sagte: Ȇbrigens verlasse ich
auch nur ungern das Haus.
Ich hänge

an meinen Wänden.«


Kurzes Gedicht, Baltasar Gracián betreffend

 

lo bueno, si breve, dos vezes bueno
(Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.)

Da sitzt man
auf dem Marktplatz
in der Sonne

Eine junge Frau
geht vorbei
Man

betrachtet ihr Kleid
leicht & schön
Das Leben

ist gut
in diesem Augenblick
Und innerlich

nickt man


Blöd

Man stelle sich
Vor, man nähme
(auch noch) 
Vernunft an!
Während man ohne
Hin schon zu
Viel mit sich
Herum
Schleppt. –

All
Diese Lasten….

Das Leben
Zum Beispiel.

Man stelle
SICHDASMALVOR!

Man bräche
Womöglich zusammen.

Wie blöd
Wäre das denn!


Abgrenzungen

I.

Neben mir saß
Einer. Geschwätzig
Wie so’n 800Seiten-Bestseller.
Ich ließ ihn
Zum Geräusch werden.
Schaute in die Richtung
Der Stille. Wie wunderschön
& klug plötzlich
Die Abwesenden waren. Niemand
Leerte meine Augen
Durch seinen Anblick. Keiner
Verklumpte mein Gehirn
Mit seinen Ansichten.
Man muss es verstehen
Zu verachten. Sonst
Fressen einen die Menschen auf
Mit ihren Nichtigkeiten. Oder,
Schlimmer, höhlen einen
Aus mit ihrer Mittelmäßigkeit.

 

II.

Irgendwo anders war ein Satz
Gefallen. Wie von
Ungefähr: »Wer aus Büchern
Lernt, der hat auch genug
Zu essen.« Der also
Hatte nichts
Wesentliches gelernt. Weder
Aus Büchern, noch
Vom Leben. Wusste
Nichts von Relevanz,
Nichts,
Was über seine kleine vollgefressene
Welt hinaus
Reichte. Alles
Hatte einen Zweck
In seiner Welt.
Plötzlich hatte ich Lust
Zu verhungern.

 

III.

Jemand sprach
Ein Lob
Aus.
Es ging
Um irgend etwas
Das 1 meiner vergangenen Ichs
Einst geschrieben hatte.
Es fiel
Das furchtbare Wort:
»Schön«. – Ich sagte: »Wie spät
War es, als Sie anfingen
Von dem Thema Literatur etwas zu verstehen?«
Darauf wusste man nichts
Zu antworten. Ja,
KEIN WUNDER!

 

IV.

Ein beliebter Refrain
Lautet: Das war vor meiner Zeit.
NATÜRLICH! Das Meiste
Wird stets vor der eigenen Geburt passiert sein.
Aber man macht ja gerne mal
Die Naturgesetze
Für die eigenen Defizite verantwortlich.
Und dann schauen sie
Aus ihrem schmalen Zeitfenster
In die Welt –
Und Alles ist
Dunkel. Selbst
Im Licht.
Und was danach kommt –
Wer weiß. Ob
Die Menschheit den Tod des Einzelnen überlebt,
Kann der Sterbende nicht wissen…..

 

V.

»Sie sagen ja
Gar nichts.«
»Ja«, sagte ich.
VERDAMMT! Das Leben
Ist doch kein Unterhaltungsroman.

 

VI.

Ein Gang
Durch einsame Abendland
Schaft. Die Sonne
Steht tief. Karl
Kraus kannte das. Zu denken
Dass dies dieselbe Sonne ist,
Die damals schon tief stand –
& wie oft aufgegangen ist
Seither? Blendung. Mein Schatten
Berührt Bäume. Ich
Begegne keinem Menschen.

 

VII.

Die Sonne scheint
Auf einen Zaun.
Der Zaun wirft

Seinen Schatten
Ins Gelände
Das er begrenzt.

Der Zaun bewegt
Sich mit
Der Erde.

Die Sonne wandert
Nicht. Anders
Als ihr Licht

& der Schatten
Des Zaunes.
Dann

Ist der Schatten
Auf der anderen Seite. Schein
Bar befreit. Mit der Zeit. Langsam

Wird es dunkel. Wie
Ein hermetisches Gedicht.

Zäune stehen im Freien.
Warum ist das
Kein Widerspruch?

 

VIII.

So.
Und nu
ersma

Schnitzel
Wiener
Art mit Pommes!


Lebensläufe

 

In der unermesslichen Bibliothek
der Lebensläufe
brennt ein Feuer
: das Vergessen

Egal
ob wertvoll
gebunden
in Leder oder Leinen

ob lose Blätter
oder
billig geklebt
in Pappe

Leserlich/Unleserlich
Es lodern die Erinnerungen
an das Leben
bevor sie verschwinden

Warmes Licht
wie bei einem Sonnen
Untergang
Ein bisschen Rauch & Gestank

Jahrtausende verfliegen
im Funkenflug
& Nichts
bleibt als Asche

Die Vergangenen
bewahren
Nichts
von ihrer Gegenwart

Nur manche
retten sich
in ein Buch
als wäre das eine Rettung & nicht

bloß eine sinnlose Flucht
Als hätten sie Hoffnung
auf eine ferne
Zukunft

Und da stehen sie dann
In den letzten verwitterten Regalen
Erinnerungen & Gedanken
Langsam zerfallend

Und in der Tat
Sie werden nicht vergessen
Sein
denn da wird

Niemand
mehr sein
der vergessen
könnte.


Die Zellteilung der Gefangenen

Gefangen im Leben
Gefangen in der Welt

Die Zellteilung der Gefangenen:
das Zusammen

Sein

Geteiltes Leben
Geteilte Welt

Liebe

Vermehrung

sonst
Nichts


ü & a – oder: Von den inneren Organen

Sobald jemand die Schiebetür öffnete
(vielleicht 1 Meter rechts von mir, sie führte
zu Raucherbereich & Klo), waberte
der Geruch von Scheisse über meinen Teller.
Leber, Püree, Zwiebel- & Apfelringe. Dieses Gericht
meiner Kindheit, angepriesen auf einer Schiefertafel vorm Haus,
war der einzige Grund gewesen, die vielleicht
deprimierenste Gaststätte von Celle zu betreten.
Man schrieb das Jahr 2017. Aber wohin
schrieb man es?
Ich schrieb es
nicht. Nirgendwo hin.Warum
auch? Die Musik
aus den 1980er Jahren war hier noch
das Neueste. Der Nichtraucherbereich
war schmaler als ein Eisenbahnwagon; kürzer
sowieso. Nur nicht so beweglich. Alles war eng:
der Raum, die Gedanken, die Kellnerin –
nein, halt, die
Kellnerin kannte ich nicht, obwohl sie mich
duzte. Aber die duzte einfach alle. Also war es,
als ob ich zu Allen gehörte. Dabei kam ich
mir gar nicht so vor. Hinter meinem Rücken
wurde Bayrisch gesprochen, mithin lauter als erlaubt
sein sollte (warum durften die
eigentlich nach Niedersachsen?). Ich hörte
nicht zu, aber die hörten auch nicht auf. Dann
wurde es ganz finster: gegenüber
faselte eine Frau über Literarisches. Sie
gehörte zu einer Gruppe weißer Frisuren, die
mit dem Bus angereist war (wehe
wenn sie losgelassen
); man erfährt
meist zu viel über die Leute (beinahe
hätte ich Menschen getippt). Es ging
um Flaubert; so viel verstand ich
noch. Ansonsten fehlte mir
jegliches Verständnis. Warum
meinen so Viele, ihre Meinung sei
mitteilenswert? Von irgendeiner Relevanz? Besonders
jene, deren Meinung nicht auf
Kenntnissen beruht, sondern auf
Gefühlen (mit langem ü)
& Geschmack (mit kurzem a) –
`s ist einfach
fürchterbar! Das ist der Mensch
in seinem Wahn. Schlimm
war auch, dass es nur 2 Apfelringe auf meinem Teller gab
& Spandau Balletts »Gold« aus den Lautsprechern sickerte.
Da kam mir fast die Leber hoch.
Die geschnetzelt war. Anders
als in meiner Kindheit; da waren
nur die Nieren geschnetzelt gewesen. Die Frau
redete weiter. Ein schlichtes Herz. Ach,
wäre sie doch nach draußen gegangen,
um mit ihren Fingernägeln über die Schiefertafel zu kratzen.
Ich dachte an die Schadstoffe
in den inneren Organen einer Kuh. Ich wünschte
ihr, sie wäre mit Céline verheiratet gewesen. Also,
die Frau, nicht die Kuh. „Mit Louis
unterhielt man sich nicht“,
hatte Lucette Destouches gesagt,
„das war so, und damit basta. Über Literatur
wurde nicht gesprochen, über Musik auch nicht.
Man lebte damit, und darauf kam es an.“
Dabei fällt mir ein: hier gab’s auch Sülze
vom Schwein. Aber mit
den Gehirnen – das ist ja auch so ne
Sache. Was da alles drin ist!
Und oftmals fehlt auch was.
Hatte ich eigentlich genug Geld,
um die Kellnerin zu tippen? 10 % –
die konnte ja nichts
dafür. Es war sicherlich kein Vergnügen
hier zu arbeiten. Anderswo
aber meist auch nicht. Jemand
raucherhustete 2 Tische weiter…. Der
hatte hier doch auch nichts zu suchen.
Meine Mutter hatte den Ulysses
nur zur Hand genommen, weil Richard Burton
so „dafür schwärmte“; und meine Mutter
schwärmte für Richard Burton.
Nach ein paar Seiten sagte sie
etwas schrecklich Banales (ich
erinnere mich genau, dabei wäre es
gewiss angenehm, derartiges vergessen zu können)
& legte das Buch für immer aus der Hand (wobei
„für immer“ nicht mehr lange dauerte).
Waren deshalb „ihre“ Nieren stets geschnetzelt?
Egal – jedenfalls gab es in meiner Kindheit immer genügend Äpfel
zur Leber. In Scheiben, nicht
in Ringen. Erneut ging
die Schiebetür auf & der Mund der Frau
nicht zu. Die war doch auch nicht mehr
ganz frisch. Entsprechend
roch es schon wieder. Nach
Scheisse & Gelaber. Leber &
wortverseuchtem Atem. Es gab ein Fenster,
durch das ich schauen konnte. Auf
eine graue Hauswand auf der anderen Seite
der Gasse. Volkbelebt konnte man sie
schwerlich nennen, eher schon
hohl – kopfhohl sozusagen – doch 2 junge Frauen
standen dort draußen & unterhielten sich. Ein alter
Mann ging vorbei & schwieg. Schweigen
schmückt jedes Gesicht – auch wenn es noch
so garstig ist. Schon deshalb hatte ich viel
zu schweigen. Die Inhaberin ihrer Meinung
indes wollte diese nicht
für sich behalten; sie wollte sie
loswerden (so gesehen wäre es fast verständlich –
wer würde so eine Meinung nicht loswerden wollen? Am besten
für immer!). Ich musste
hier raus. Kaute schneller. Schluckte schneller.
»Zahlen!« 8 (die Hausnummer) – 5 (die Tischnummer) –
9,80 € (die Leber mit Beilagen). Ich klimperte
die notwenigen Münzen zusammen; Kartenzahlung
wäre hier allzu anachronistisch gewesen; fürs angemessene
Trinkgeld reichten sie auch – & dann:
schneller Gruß »Schönen Abend noch«
und nix wie weg. Hinaus
in die ruhige Luft. Wenigstens die
war mehr oder weniger
frisch. Das reichte mal wieder
für ne Weile.
Leute – als bekäme man eine Glocke übergestülpt,
und jemand haute
immer
mit nem Hammer drauf.
Dong! Dong! Dong!


Unverständnis 

der Mann las
ein Gedicht drehte sich
eine Zigarette schaute
aus dem Fenster hing
den Gedanken nach Staub
tanzte in der Sonne der Mann
rauchte die Worte
verfolgten ihn
ich verstehe sie
nicht dachte er
als hinge irgendetwas
davon
ab


Der Magen im Kopf 

Gedanken
Gänge die zu nichts führen
Führen ins Nichts.

Wenige Menschen denken
Zu Ende. Sie brechen
Ab. Aus

Welchen Gründen auch
Immer. Und halten
Für tief

Was noch nicht
Einmal in Sicht
Weite des Grundes

Ist. Dicht
Unter der Oberfläche.
So werden nichtige Bücher erfolg

Reich, und Philosophenclowns 
Mit schönen Frisuren 
Bekommen eigene TV-Sendungen. 

Mir drehte sich im Kopf
Der Magen
Um

Wenn ich
Daran denken

Würde


Trost 

Es gibt maxi
Mal so viele Enttäuschungen
Wie es Täuschungen gibt

Da kann keine
Einzige mehr sein.
Wenn das 

Nicht ein Trost ist
Dann weiß ich es
Auch nicht


Augengelee

Fast konnte ich
ihn riechen
den Bleistift in meiner Hand.
»Ist es nicht furcht
bar«, sagte der Mann mir
gegenüber, »was
der armen Frau geschehen ist?«
Wie spitz er war,
der Bleistift; fast schon
überspitzt. Ich bildete
ein »Pff« mit Schneide
zähnen & Unterlippe.
»Mir scheißegal«, sagte ich. »Wie«,
sagte er, »kann man nur
so kalt

              sein?

So mitleid
los.« »Es ist Kunst«, er
widerte ich. »Reine
Fiktion. Mir wurscht,
was der passiert ist.«
Auch der Kaffee war kalt. »Ich
leide immer so
mit«, sagte der Mann. Ich
hatte auch gerade so’n hexa
gonales Gefühl zwischen meinen Finger
spitzen. Fast konnte ich
ihn riechen. »Am Schrecklichen«,
sagte ich, »interessiert mich nur
der Stil.« Ganz entgeistert
schaute er mich an. Was
mich nicht wunderte. Schön
& gefühlvoll waren seine Augen.
Er stand mir
nahe. Wie ein Blitz
musste es geschehen.
Ich hob die Bleistiftfaust
& stach zweimal
stich!stich! zu.
In die schönen, in die gefühlvollen
Augen. Tränen aus Gelee
quatschten aus den Höhlen,
sickerten über die Wangen. Er schrie
nicht. Er
lächelte. »Ja«, sagte
er (fast begeistert) »jetzt
sehe ich es
auch.«


Hildesheimer & Kant 

Ich erinnere mich
Vor Jahrzehnten
Ein Mal gehört 
zu haben

Wie Wolfgang Hildesheimer sagte
Er halte es für wichtig
Erfahren
zu haben

Dass Immanuel Kant
Täglich masturbierte
Um den Kopf

Frei
zu bekommen 

Hildesheimer hat recht
& Kant natürlich auch.


Alter Gaul 

Die Vergangenheit war
zusammengebrochen. Unter mir.
Wie ein alter

Gaul, der verendet
war. Zu Tode
geritten von meiner Erinnerung.

Es war Zeit
zu gehen. Selber zu gehen.
Allein zu gehen.

Aufzustehen. Sich
umzusehen im Nicht
Vergangenen.

Ein altes Vieh war ich
selbst inzwischen. Ich
durfte vergessen –

vergessen & mich
nicht erinnern, was
Zukunft ist.



Altpapier – oder: Die Zukunft

Kälte, Nebel, buntes Laub.
Blaue Plastiktonnen stehen am Straßenrand, als warteten sie auf
die innere Leere. Ein Mann,
der vermutlich alt ist, bückt sich
nach einem Zettel, den der Zufall fallengelassen hat.
Vielleicht stört das den Ordnungs
Sinn des Mannes; vielleicht
hat es aber auch einfach
Nichts

zu sagen, dass er ihn aufhebt. Mag
Sein, dass in die blaue Tonne gehört,
was der Mann dann in der Hand hällt. Genau
so gut aber könnte der Zufall exakt
gezielt haben. Die Hand am Deckel
der Tonne, will der vermutlich Alte den Zettel wahr
scheinlich entsorgen (wie man so sagt, als gäbe es so etwas
wie Entsorgung); da fällt
sein Blick auf

spitzig winzige Bleistiftschrift:

Du hast Angst vor der Zukunft,
dabei läuft sie vor dir davon.
Alles, was du zu fassen bekommst,
ist Gegenwart.

Du glaubst, die kommende Gegenwart
nicht bewältigen zu können.
Dabei gehst du
davon
aus, ihr so zu begegnen, wie du jetzt bist.

Du übersiehst deine eigene Entwicklung,
dein inneres Wachstum.
Was du zur Zeit tust, hättest du dir noch vor einem Jahr
nicht zugetraut. Und selbst ich, der ich dir mehr zutraue
als du dir selber zutraust, würde meine leisen Zweifel gehabt haben,
hättest du damals tun müssen, was dir jetzt beinahe leicht fällt.

Der Mann betrachtet das Haus
hinter der Tonne, nachdem er zu
Ende gelesen hat. Er erinnert sich
an das Haus. Das Haus, das aussieht, als sei es
vergessen worden von allen anderen.
Und die Schrift ist wie seine eigene
vor Jahrzehnten. Blau sind
die Tonnen fürs Altpapier. Und rot
2 Worte

auf der Rückseite des Zettels (doch
wer kann wissen, welche
die Rückseite ist):

zu kitschig

steht da. Der Mann
sagt »Nein« zu sich selbst.
Dann verwahrt er den Zettel
in der Innentasche seines Mantels,
der vermutlich alt ist. Heute

werden die Tonnen geleert, denkt er, so
ein Glück. Noch vor wenigen
Stunden blutete sein Zahnfleisch; da
schaute er in einen Spiegel & hatte rosa Schaum
vorm Mund. Er überprüfte, ob sich
ein Zahn gelockert habe, dann
lächelte er über eine unsinnige Frage,
die ihm in den Sinn gekommen war:
Warum

wurde noch kein Schmetterling
nach mir benannt? Die Antwort
ist einfach. Die Schrift
in Rot scheint dieselbe
zu sein wie die in Bleigrau.
Doch wer kann da schon
sicher

sein


Ein Toter spricht 

Im Fernsehen sprach ein Toter.
Er sprach über ein Buch.
Das Buch eines anderen.
Ich wusste, er, der da redete,
war tot
als ich ihn sah, doch
er redete sehr lebendig
als er redete. Ja,
er ist tot, und das Buch lebt.
Er war begeistert davon.
Und voller Leben. Da
wurde mir klar: etwas von dem
Buch war mit ihm
gestorben.


Vorbei

ich ging vorbei
wie mein Leben
eine unscharfe Reflexion

in Bewegung
auf dem Glas eines Schaufensters
in dem nichts war

als Leere
irgendeine Handlung
war pleite

gegangen & die Räume standen verlassen
ich ging so schnell
vorüber, dass ich die Leere leicht

hätte übersehen können
doch ich nahm sie
wahr

wahr – wie die Gesichter der Passanten
die im Hintergrund sich spiegelten
während ich vorbeiging


In dem indem

 

»Bilden Sie einen Satz
in dem indem zusammen
geschrieben wird.« Der Lehrer
rief mich auf, obwohl ich
mich nicht gemeldet hatte.
Ich meldete mich nie.
Ich sagte: »Ich langweile mich,
indem ich hier sitze.«
Die meisten Mitschüler lachten.
Der Lehrer grinste
bloß. »Niemand«, sagte er,
»zwingt Sie hier
zu sein.«
Das stimmte
nur bedingt.
Wo war man schon
frei? Oder auch nur frei
willig? Vielleicht
in Gedanken. Aber auch
dort nur bedingt. Eigentlich
hatte ich gelogen. Ich
langweilte mich gar nicht.
Weil ich mich nicht langweilen kann.
Ich war einfach
ganz woanders gewesen
in Gedanken. Dort
wurde es niemals langweilig.
Der Lehrer mochte mich,
und inzwischen ist er
tot. Ich lebe noch
& mochte ihn auch.
Wie die Grammatik.


Der lautlose Fall des Schattens

 

Mit meinen eigenen Augen
(mit welchen auch sonst) beob
achtete ich den lautlosen Fall eines

Schattens. Der Schatten fiel auf
den Boden, knickte ein
an der Wand & versch

wand durch die Tür. Nacht
schwarz & nackt war er ge
wesen. Dieser Nacht

ähnelte Nichts. Und doch
war Nichts ganz
anders. Als ich

das Licht aus
machte, war Schatten über
all im Schlaf

Zimmer. Ganz tief
sinnig hätte man werden können,
aber zum Glück gab es das Rauschen

der Klospülung nebenan. Dort
wo die Schattenwerferin
der Natur gehorchte – so

wie jeder Schatten,
der fällt, wohin
er fallen muss.


Das Leben ist auch nur der Gesang eines kaputten Vogels

Nein!
Das ist kein
Tinnitus – Das ist
Das Denken
an einen Ton –
Der Gedanke
einer Schwingung –
eintönig wie der Gesang
eines kaputten Vogels –
Wo kommt er her?
Der Ton – ist er Teil
einer Melodie
die Niemand kennt?
Eine vereinsamte Note
verstoßen aus der Harmonie?
Nein! Das ist
kein Tinnitus – Das ist
Die Vorstellung einer Erinnerung –
Vergangener Schall
in einer bestimmten Höhe –
von der Niemand weiß
Was sie bestimmt hat –
Ich träume mich
durch die Schlaflosigkeit – wach
gehalten durch Etwas
das nicht existiert – nur vielleicht
in mir
»Ich kann nicht schlafen«
sagte sie – neben mir
in der Dunkelheit – Doch
mein »Ich
auch nicht« hörte sie

schon nicht

mehr


Mit Ausnahme der Schmetterlinge

»Ich dachte immer,
ich«, sagte sie, »rede
wenig. Aber du«, sagte
sie, »redest so wenig,
dass ich«, sagte sie, »mich
erst wieder ans Zuhören gewöhnen muss,
wenn ich mit anderen zusammen
bin.« Ich sagte

nichts & grinste. Geschmeichelt. Mir
gefiel, was sie sagte; die Geliebte. Wir
saßen in einem Garten, und
solches Wetter wurde gemeinhin
»schön« genannt. Hummeln summten.
Weil sie sich bewegten. Ich
konnte nicht fliegen. Was
wahrscheinlich niemanden überraschte –

mit Ausnahme der Schmetterlinge,
die auch nicht viel reden. Mir fiel
nichts ein. Außer Leerzeichen. Ich
hörte Stimmen in der Nachbarschaft
& stellte mir die Wörter vor, wie sie
in geschwungenen Blasen über den Köpfen
schwebten. Ein wenig
Wind bewegte die Wiese, und

auf einer alten Tonbandaufnahme behauptete
meine tote Mutter von mir: »Er redet nicht,
wenn Fremde dabei sind.« – sie sagte das
mit ihrer Stimme von 1966, aber es hatte
schon damals nicht gestimmt. Ich sah die Blasen
platzen, und die Menschen wurden besudelt
von ihren eigenen Worten. Die Sonne
verbrannte das Gras, und die Geliebte

beobachtete einen Falter, der
wie eine zitternde Blüte auf einem Ast saß.
Auch Insekten sind mir fremd. Ich sagte:
»Das ist schön«. Wusste sie,
was ich meinte? Wahrscheinlich schon.
Aber dass dieser Anblick schön war,
wusste sie selber. Ich
hätte es nicht sagen müssen.