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Letzten Endes 

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Dichters.

Der Leser weiß es
(zumindest kann er es wissen),
mancher Dichter wird es fühlen
(vielleicht kann auch er es wissen).

Schon nicht mehr ganz da,
mit dem Geist schon
halb in der Kiste.

Noch nicht
ganz da
schon nicht
mehr hier

Es könnte das beste Gedicht sein,
es könnte das schlechteste Gedicht sein;
oder einfach

gar nichts
Besonderes.

Man weiß nicht,
welche dieser Möglichkeiten
die schlimmste Tatsache wäre.
Abgesehen vom Tod

natürlich. Wobei aller
dings der Tod
keine Möglichkeit ist –
außer für den Selbstmörder.

Ansonsten
ist er bloß eine Gewissheit.
Wahrlich nichts Besonderes.

Das letzte Gedicht
vor dem Tod
des Lesers.

Der Leser
kann es fühlen.
Der Dichter
weiß nichts.

Es sollte besser
nicht zu gut sein,
um den Abschied nicht
unnötig zu erschweren.

Lieber
nichts Besonderes.

Der letzte Dichter
vor dem Tod
des Gedichts.

Es geht
um letzte Dinge.

Zerfall der Gedanken
Zerfall der Welt
Zerfall der Gedankenwelt

Und jeder Tod ist
ein Buch, das sich selber zuschlägt,
und keine Kraft kann
es mehr öffnen.

Welche Seite war
die letzte, die man sah?
War es die letzte?
Und was stand da?
Ein Gedicht?

Unwahr
Scheinlich

Aber
möglich. Vielleicht
das letzte vom letzten

Menschen


Eigen 

Ständig
Bist Du
Eigen
Ständig
Ständig
Eigen
Du Ich Du
Du eigen
Ständig
Es Ich Du
Du souverän
Es Ich


Ein einfacher Mensch 

Manchmal wäre ich gerne
   einfach
ein einfacher Mensch. 

   Und den spiele ich dann. 
Manche Menschen kennen mich gar nicht
   anders


Familie 

Ihr Blick schweifte
durch die Räume. Ich
schweifte auch,

aber das gehört nicht
hierher. Sie sagte: »Es hängen
gar keine Familienfotos

an deinen Wänden. Nur
fremde Männer.« »Ja«, sagte
ich, »und manche

tragen sogar Perücken.«
»Wer ist das da?«
»Lichtenberg.«

»Und der da? Der guckt böse –
wie so’n Triebtäter.«
»Céline. Der trägt aber keine

Perücke.« Ich
nannte die Namen, erläuterte
Nichts.

Ein Mann im Ohrensessel mit dicken
Brillengläsern & Lupe … 
ein Mann in Türrahmen & Trenchcoat …

Ein Mann mit Pudel
& Einer mit Riesenbleistift
im Quermaul ….

Familie , dachte ich,
es hängt nichts
an meinen Wänden,

das ich hinter mir
gelassen habe.
Dann schaute sie

über meine Schulter.
»Der sieht ja aus
wie du!«

»Danke«, sagte ich.
»Es heißt, seine Mutter
habe überall herum

erzählt, ihr Sohn sehe
so scheußlich aus, dass er
sich kaum aus dem Haus wage.«

»Mütter!« sagte sie
& fragte nach seinem Namen.
Ich nannte ihn

ihr. Mein Blick schweifte
ab – als wäre er
ein Gedanke. Ich

sagte: Ȇbrigens verlasse ich
auch nur ungern das Haus.
Ich hänge

an meinen Wänden.«


Kurzes Gedicht, Baltasar Gracián betreffend

 

lo bueno, si breve, dos vezes bueno
(Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.)

Da sitzt man
auf dem Marktplatz
in der Sonne

Eine junge Frau
geht vorbei
Man

betrachtet ihr Kleid
leicht & schön
Das Leben

ist gut
in diesem Augenblick
Und innerlich

nickt man


Es geht um

 

Der Irrglaube geht um:

Wenn sich jemand
aus dem Kreise des Verfassers
in einem Gedicht erkennt (wiederfindet,
wiedererkennt), denkt derjenige
automatenhaft, es gehe
um ihn.

Tut’s aber nicht.
Es geht ums Gedicht.

Ums Große Ganze geht’s,
Verdammte Axt!
Wie es sich spiegelt
im Kleinsten.

So wichtig ist niemand,
dass die Kunst nicht wichtiger wäre.

Da bin ich
Extremist, Mist Mist!


Blöd

Man stelle sich
Vor, man nähme
(auch noch) 
Vernunft an!
Während man ohne
Hin schon zu
Viel mit sich
Herum
Schleppt. –

All
Diese Lasten….

Das Leben
Zum Beispiel.

Man stelle
SICHDASMALVOR!

Man bräche
Womöglich zusammen.

Wie blöd
Wäre das denn!


Abgrenzungen

I.

Neben mir saß
Einer. Geschwätzig
Wie so’n 800Seiten-Bestseller.
Ich ließ ihn
Zum Geräusch werden.
Schaute in die Richtung
Der Stille. Wie wunderschön
& klug plötzlich
Die Abwesenden waren. Niemand
Leerte meine Augen
Durch seinen Anblick. Keiner
Verklumpte mein Gehirn
Mit seinen Ansichten.
Man muss es verstehen
Zu verachten. Sonst
Fressen einen die Menschen auf
Mit ihren Nichtigkeiten. Oder,
Schlimmer, höhlen einen
Aus mit ihrer Mittelmäßigkeit.

 

II.

Irgendwo anders war ein Satz
Gefallen. Wie von
Ungefähr: »Wer aus Büchern
Lernt, der hat auch genug
Zu essen.« Der also
Hatte nichts
Wesentliches gelernt. Weder
Aus Büchern, noch
Vom Leben. Wusste
Nichts von Relevanz,
Nichts,
Was über seine kleine vollgefressene
Welt hinaus
Reichte. Alles
Hatte einen Zweck
In seiner Welt.
Plötzlich hatte ich Lust
Zu verhungern.

 

III.

Jemand sprach
Ein Lob
Aus.
Es ging
Um irgend etwas
Das 1 meiner vergangenen Ichs
Einst geschrieben hatte.
Es fiel
Das furchtbare Wort:
»Schön«. – Ich sagte: »Wie spät
War es, als Sie anfingen
Von dem Thema Literatur etwas zu verstehen?«
Darauf wusste man nichts
Zu antworten. Ja,
KEIN WUNDER!

 

IV.

Ein beliebter Refrain
Lautet: Das war vor meiner Zeit.
NATÜRLICH! Das Meiste
Wird stets vor der eigenen Geburt passiert sein.
Aber man macht ja gerne mal
Die Naturgesetze
Für die eigenen Defizite verantwortlich.
Und dann schauen sie
Aus ihrem schmalen Zeitfenster
In die Welt –
Und Alles ist
Dunkel. Selbst
Im Licht.
Und was danach kommt –
Wer weiß. Ob
Die Menschheit den Tod des Einzelnen überlebt,
Kann der Sterbende nicht wissen…..

 

V.

»Sie sagen ja
Gar nichts.«
»Ja«, sagte ich.
VERDAMMT! Das Leben
Ist doch kein Unterhaltungsroman.

 

VI.

Ein Gang
Durch einsame Abendland
Schaft. Die Sonne
Steht tief. Karl
Kraus kannte das. Zu denken
Dass dies dieselbe Sonne ist,
Die damals schon tief stand –
& wie oft aufgegangen ist
Seither? Blendung. Mein Schatten
Berührt Bäume. Ich
Begegne keinem Menschen.

 

VII.

Die Sonne scheint
Auf einen Zaun.
Der Zaun wirft

Seinen Schatten
Ins Gelände
Das er begrenzt.

Der Zaun bewegt
Sich mit
Der Erde.

Die Sonne wandert
Nicht. Anders
Als ihr Licht

& der Schatten
Des Zaunes.
Dann

Ist der Schatten
Auf der anderen Seite. Schein
Bar befreit. Mit der Zeit. Langsam

Wird es dunkel. Wie
Ein hermetisches Gedicht.

Zäune stehen im Freien.
Warum ist das
Kein Widerspruch?

 

VIII.

So.
Und nu
ersma

Schnitzel
Wiener
Art mit Pommes!


Vechelde

Wir fuhren,
von Bargfeld kommend, auf dem Wege
nach Hause, an Vechelde vorbei.

»Ach«, sagte sie,
neben mir aufm Beifahrersitz,
»hier ist das.«

»Ja«, sagte ich, »ist
ne ganz schöne Strecke.«
(Schön im Sinne von weit

Sprache schafft so etwas.)
In Vechelde gab es einen Swingerclub,
den wir noch nicht kannten.

Eine Zeitlang hatte ich gedacht,
Rolf Dieter Brinkmann sei dort geboren worden
(also – in Vechelde; den Club gab es

1940 vermutlich noch nicht), aber
nein – das war ja in Vechta gewesen!
(Sprache schafft so etwas.)

Eigentlich hatten wir uns
diesen Club schon lange mal anschauen wollen, aber –
na ja, kennt man einen……

& letztendlich wird fast Alles
zur Routine, und die meisten Menschen
will man doch gar nicht

nackt sehen. Geschweige denn
anfassen! Die Klimaanlage
im Auto war auch schon lange kaputt

(seit damals – als mir bei 140 km/h
ein Reh in den Kühler gesprungen war),
also schwitzten wir ohnehin schon genug.

Bei Swingerclub denke ich immer
an Houellebecq, aber das
gehört hier ja auch nicht her. Ich

verliere mich wohl
gerade. Entschuldigung,
auch am Schreibtisch isses heiß.

Aber es soll bald
ein Gewitter geben. Wir
fuhren also weiter. Vorbei.

Vorbei & weiter. Ließen
allerlei hinter uns.
Ich dachte: Arno & Alice

hätten vielleicht auch mal
innen Swingerclub
gehen sollen. Da

musste ich fürchterlich
lachen. Aber natürlich
nur innerlich.


Im Museum 

  Im Museum sah
Ich eine Gesichtsurne.

  Ich hatte nicht
Gewusst, dass es so 

  Etwas gibt; aber  ich mochte das Wort
Sofort. Wieder draußen

  Schaute ich mir
Die Menschen noch einmal genauer

  An. Meine Fresse! Ich
Hätte es wissen müssen.


Lebensläufe

 

In der unermesslichen Bibliothek
der Lebensläufe
brennt ein Feuer
: das Vergessen

Egal
ob wertvoll
gebunden
in Leder oder Leinen

ob lose Blätter
oder
billig geklebt
in Pappe

Leserlich/Unleserlich
Es lodern die Erinnerungen
an das Leben
bevor sie verschwinden

Warmes Licht
wie bei einem Sonnen
Untergang
Ein bisschen Rauch & Gestank

Jahrtausende verfliegen
im Funkenflug
& Nichts
bleibt als Asche

Die Vergangenen
bewahren
Nichts
von ihrer Gegenwart

Nur manche
retten sich
in ein Buch
als wäre das eine Rettung & nicht

bloß eine sinnlose Flucht
Als hätten sie Hoffnung
auf eine ferne
Zukunft

Und da stehen sie dann
In den letzten verwitterten Regalen
Erinnerungen & Gedanken
Langsam zerfallend

Und in der Tat
Sie werden nicht vergessen
Sein
denn da wird

Niemand
mehr sein
der vergessen
könnte.


Bloß nicht

Im Augenblick der Ejakulation
röchelte ich ein wenig
und während das Sperma

ins Waschbecken klatschte
löste das Röcheln einen schleimigen Klumpen
aus meinen Atemwegen

der gelblich dick & schillernd
zu dem Sperma sich gesellte
Wie ähnlich

diese Ausscheidungen einander waren!
Doch ich dachte nur: Darüber
kann man auch wieder

kein Gedicht schreiben.


Die Zellteilung der Gefangenen

Gefangen im Leben
Gefangen in der Welt

Die Zellteilung der Gefangenen:
das Zusammen

Sein

Geteiltes Leben
Geteilte Welt

Liebe

Vermehrung

sonst
Nichts


Die Reise ins Nichts

 

Einmal in dieses Nichts reisen,
an das die Männer immer zu
denken behaupten, wenn

die Frauen fragen:
»Woran denkst du?«
Es wäre

die abenteuerlichste Reise,
die denkbar ist – und
womöglich

würde man
niemals zurück
finden


Der winzige Tubaspieler

 

Ein winziger Tubaspieler
Lebte unter unserem Bett

Hin & wieder
Probierte er sein Instrument

Das winzig war wie er
& doch klang wie ein großes

Nur 1 oder 2 Töne zumeist
Ließ er hören – niemals

Eine Melodie
Und obwohl wir es wußten

Sagten wir immer
Wenn wir ihn probieren hörten:

»Wer war das?«
»Ich

war’s nicht.« »Ich
auch nicht.«

»Ach ja, der
Tubaspieler!« Gelächter

Es war schön
Dass wir 3

So vertraut
Miteinander waren.


ü & a – oder: Von den inneren Organen

Sobald jemand die Schiebetür öffnete
(vielleicht 1 Meter rechts von mir, sie führte
zu Raucherbereich & Klo), waberte
der Geruch von Scheisse über meinen Teller.
Leber, Püree, Zwiebel- & Apfelringe. Dieses Gericht
meiner Kindheit, angepriesen auf einer Schiefertafel vorm Haus,
war der einzige Grund gewesen, die vielleicht
deprimierenste Gaststätte von Celle zu betreten.
Man schrieb das Jahr 2017. Aber wohin
schrieb man es?
Ich schrieb es
nicht. Nirgendwo hin.Warum
auch? Die Musik
aus den 1980er Jahren war hier noch
das Neueste. Der Nichtraucherbereich
war schmaler als ein Eisenbahnwagon; kürzer
sowieso. Nur nicht so beweglich. Alles war eng:
der Raum, die Gedanken, die Kellnerin –
nein, halt, die
Kellnerin kannte ich nicht, obwohl sie mich
duzte. Aber die duzte einfach alle. Also war es,
als ob ich zu Allen gehörte. Dabei kam ich
mir gar nicht so vor. Hinter meinem Rücken
wurde Bayrisch gesprochen, mithin lauter als erlaubt
sein sollte (warum durften die
eigentlich nach Niedersachsen?). Ich hörte
nicht zu, aber die hörten auch nicht auf. Dann
wurde es ganz finster: gegenüber
faselte eine Frau über Literarisches. Sie
gehörte zu einer Gruppe weißer Frisuren, die
mit dem Bus angereist war (wehe
wenn sie losgelassen
); man erfährt
meist zu viel über die Leute (beinahe
hätte ich Menschen getippt). Es ging
um Flaubert; so viel verstand ich
noch. Ansonsten fehlte mir
jegliches Verständnis. Warum
meinen so Viele, ihre Meinung sei
mitteilenswert? Von irgendeiner Relevanz? Besonders
jene, deren Meinung nicht auf
Kenntnissen beruht, sondern auf
Gefühlen (mit langem ü)
& Geschmack (mit kurzem a) –
`s ist einfach
fürchterbar! Das ist der Mensch
in seinem Wahn. Schlimm
war auch, dass es nur 2 Apfelringe auf meinem Teller gab
& Spandau Balletts »Gold« aus den Lautsprechern sickerte.
Da kam mir fast die Leber hoch.
Die geschnetzelt war. Anders
als in meiner Kindheit; da waren
nur die Nieren geschnetzelt gewesen. Die Frau
redete weiter. Ein schlichtes Herz. Ach,
wäre sie doch nach draußen gegangen,
um mit ihren Fingernägeln über die Schiefertafel zu kratzen.
Ich dachte an die Schadstoffe
in den inneren Organen einer Kuh. Ich wünschte
ihr, sie wäre mit Céline verheiratet gewesen. Also,
die Frau, nicht die Kuh. „Mit Louis
unterhielt man sich nicht“,
hatte Lucette Destouches gesagt,
„das war so, und damit basta. Über Literatur
wurde nicht gesprochen, über Musik auch nicht.
Man lebte damit, und darauf kam es an.“
Dabei fällt mir ein: hier gab’s auch Sülze
vom Schwein. Aber mit
den Gehirnen – das ist ja auch so ne
Sache. Was da alles drin ist!
Und oftmals fehlt auch was.
Hatte ich eigentlich genug Geld,
um die Kellnerin zu tippen? 10 % –
die konnte ja nichts
dafür. Es war sicherlich kein Vergnügen
hier zu arbeiten. Anderswo
aber meist auch nicht. Jemand
raucherhustete 2 Tische weiter…. Der
hatte hier doch auch nichts zu suchen.
Meine Mutter hatte den Ulysses
nur zur Hand genommen, weil Richard Burton
so „dafür schwärmte“; und meine Mutter
schwärmte für Richard Burton.
Nach ein paar Seiten sagte sie
etwas schrecklich Banales (ich
erinnere mich genau, dabei wäre es
gewiss angenehm, derartiges vergessen zu können)
& legte das Buch für immer aus der Hand (wobei
„für immer“ nicht mehr lange dauerte).
Waren deshalb „ihre“ Nieren stets geschnetzelt?
Egal – jedenfalls gab es in meiner Kindheit immer genügend Äpfel
zur Leber. In Scheiben, nicht
in Ringen. Erneut ging
die Schiebetür auf & der Mund der Frau
nicht zu. Die war doch auch nicht mehr
ganz frisch. Entsprechend
roch es schon wieder. Nach
Scheisse & Gelaber. Leber &
wortverseuchtem Atem. Es gab ein Fenster,
durch das ich schauen konnte. Auf
eine graue Hauswand auf der anderen Seite
der Gasse. Volkbelebt konnte man sie
schwerlich nennen, eher schon
hohl – kopfhohl sozusagen – doch 2 junge Frauen
standen dort draußen & unterhielten sich. Ein alter
Mann ging vorbei & schwieg. Schweigen
schmückt jedes Gesicht – auch wenn es noch
so garstig ist. Schon deshalb hatte ich viel
zu schweigen. Die Inhaberin ihrer Meinung
indes wollte diese nicht
für sich behalten; sie wollte sie
loswerden (so gesehen wäre es fast verständlich –
wer würde so eine Meinung nicht loswerden wollen? Am besten
für immer!). Ich musste
hier raus. Kaute schneller. Schluckte schneller.
»Zahlen!« 8 (die Hausnummer) – 5 (die Tischnummer) –
9,80 € (die Leber mit Beilagen). Ich klimperte
die notwenigen Münzen zusammen; Kartenzahlung
wäre hier allzu anachronistisch gewesen; fürs angemessene
Trinkgeld reichten sie auch – & dann:
schneller Gruß »Schönen Abend noch«
und nix wie weg. Hinaus
in die ruhige Luft. Wenigstens die
war mehr oder weniger
frisch. Das reichte mal wieder
für ne Weile.
Leute – als bekäme man eine Glocke übergestülpt,
und jemand haute
immer
mit nem Hammer drauf.
Dong! Dong! Dong!


Unverständnis 

der Mann las
ein Gedicht drehte sich
eine Zigarette schaute
aus dem Fenster hing
den Gedanken nach Staub
tanzte in der Sonne der Mann
rauchte die Worte
verfolgten ihn
ich verstehe sie
nicht dachte er
als hinge irgendetwas
davon
ab


Der Magen im Kopf 

Gedanken
Gänge die zu nichts führen
Führen ins Nichts.

Wenige Menschen denken
Zu Ende. Sie brechen
Ab. Aus

Welchen Gründen auch
Immer. Und halten
Für tief

Was noch nicht
Einmal in Sicht
Weite des Grundes

Ist. Dicht
Unter der Oberfläche.
So werden nichtige Bücher erfolg

Reich, und Philosophenclowns 
Mit schönen Frisuren 
Bekommen eigene TV-Sendungen. 

Mir drehte sich im Kopf
Der Magen
Um

Wenn ich
Daran denken

Würde


Trost 

Es gibt maxi
Mal so viele Enttäuschungen
Wie es Täuschungen gibt

Da kann keine
Einzige mehr sein.
Wenn das 

Nicht ein Trost ist
Dann weiß ich es
Auch nicht


Die Macht der Gewöhnung 

Sie sagte »Wenn
du stirbst, lasse ich dich
einfach da liegen –

& lege mich
zu dir.«
»Das ist«,

sagte ich, »schön. So
romantisch. Aber irgendwann werde ich
anfangen zu stinken.«

»Das macht nichts«,
sagte sie.
Daran bin ich gewöhnt.«


Augengelee

Fast konnte ich
ihn riechen
den Bleistift in meiner Hand.
»Ist es nicht furcht
bar«, sagte der Mann mir
gegenüber, »was
der armen Frau geschehen ist?«
Wie spitz er war,
der Bleistift; fast schon
überspitzt. Ich bildete
ein »Pff« mit Schneide
zähnen & Unterlippe.
»Mir scheißegal«, sagte ich. »Wie«,
sagte er, »kann man nur
so kalt

              sein?

So mitleid
los.« »Es ist Kunst«, er
widerte ich. »Reine
Fiktion. Mir wurscht,
was der passiert ist.«
Auch der Kaffee war kalt. »Ich
leide immer so
mit«, sagte der Mann. Ich
hatte auch gerade so’n hexa
gonales Gefühl zwischen meinen Finger
spitzen. Fast konnte ich
ihn riechen. »Am Schrecklichen«,
sagte ich, »interessiert mich nur
der Stil.« Ganz entgeistert
schaute er mich an. Was
mich nicht wunderte. Schön
& gefühlvoll waren seine Augen.
Er stand mir
nahe. Wie ein Blitz
musste es geschehen.
Ich hob die Bleistiftfaust
& stach zweimal
stich!stich! zu.
In die schönen, in die gefühlvollen
Augen. Tränen aus Gelee
quatschten aus den Höhlen,
sickerten über die Wangen. Er schrie
nicht. Er
lächelte. »Ja«, sagte
er (fast begeistert) »jetzt
sehe ich es
auch.«


Verschweigen Versprechen Versagen

Furchtbar
Laut war das Verschweigen
Und ein Versprechen wurde leise

Gebrochen
Die Lüge ist ein Versagen
Der Wirklichkeit

Am Ende
Geht jeder
Noch ein bisschen einsamer

Getrennt
Durch ein Gespinst
Von Unwahrheiten

Wer hatte verschwiegen?
Wer hatte versprochen?
Ein Mensch

Wie ich & Du wie
Alle Furchtbar Gebrochen
& am Ende ge

trennt
Durch ein Versagen
Der Wirklichkeit


Lächeln

Er wurde immer etwas 
traurig, wenn
sie eine lange 
Hose anzog; aber
als ihm dies bewusst wurde
musste er

lächeln.


Hildesheimer & Kant 

Ich erinnere mich
Vor Jahrzehnten
Ein Mal gehört 
zu haben

Wie Wolfgang Hildesheimer sagte
Er halte es für wichtig
Erfahren
zu haben

Dass Immanuel Kant
Täglich masturbierte
Um den Kopf

Frei
zu bekommen 

Hildesheimer hat recht
& Kant natürlich auch.


Zahnpasta 

Die Tube ist leer 
Vielleicht 
Ein kleiner Rest noch
Darin

An den man nicht heran
Kommt ohne
Sie aufzuschneiden
Aber warum

Sollte man das tun?
Es gibt nichts mehr
Auszudrücken
Man wird sich eine neue

Besorgen müssen
Unter Menschen
Muss man gehen

Damit das Schweigen gut riecht

Damit die Flüche duften

Duften

Wie das Geschwafel
All
Über
All das Geschwafel

Das man nicht mehr ertragen kann

Am wenigsten
Das eigene Man wird
So mundfaul
Mit der Zeit so

Faul
Dass es fast schon

Stinkt


Gelächter im Licht

Eine frühlingsbunte Wiese
Verkehrslärm fernab
Flatterflügel & Gesumm
Mir fiel ein: Hätte Rubens eine Biene gemalt
wäre sie eine Hummel

Pollen schneiten durch den Sonnenglast
Alles wucherte & roch
nach sich
selbst Die Geliebte
im heißen Höschen
neben mir Die Luft
fieberte & schwitzte
als wäre es Hoch
sommer Vögel stellten sich vor
aber wir verstanden sie
nicht Mag
sein dass Menschen da waren
aber ich
sah sie
nicht Selbst
der Horizont war horizontal
sonst nichts
Es
war die Zeit der rechtwinkligen Phantasien
Alles schien
jung Sogar
mein Inneres Eine Hose
so kurz wie das Leben
so knapp wie ein Sieg

»Übrigens« sagte die Frau (wie ich
ihre Stimme liebe
) »Sex
sucht ist heilbar«
»Ich weiß« sagte ich Ich
schaute hinab
auf ihre Sandalen
(Riemen & Zehen
in Bewegung) »Ich
weiß« wieder
holte ich »aber
wer will das schon« Lachen 
Gelächter

Gelächter
im Licht


Alter Gaul 

Die Vergangenheit war
zusammengebrochen. Unter mir.
Wie ein alter

Gaul, der verendet
war. Zu Tode
geritten von meiner Erinnerung.

Es war Zeit
zu gehen. Selber zu gehen.
Allein zu gehen.

Aufzustehen. Sich
umzusehen im Nicht
Vergangenen.

Ein altes Vieh war ich
selbst inzwischen. Ich
durfte vergessen –

vergessen & mich
nicht erinnern, was
Zukunft ist.



Die kluge Gefährtin 

Noch schlimmer
als selbst
zu reden ist
es anderen
beim Reden zuzuhören,

denkt ein Mann im Inneren
seines Hauses. Alle
seine Bücher sind geschlossen
wie eine Gesellschaft. Leise federt
das Sofa, und die Einsamkeit ist
eine kluge Gefährtin.


Schon wieder Liebe 

– – und dann hatte sie meinen Schlaf
nicht stören wollen
& hatte die Spülung
nicht betätigt, weil sich das Klo gleich
nebenan befand, und später, als sie
wusste, dass ich erwacht war, vergaß sie
zu spülen, weil sie in meinen Armen
lag, und als ich
aufstand, um zu pissen, sah ich:
Kacke, 2 nette kleine
Würstchen im Flachspüler, mit
aufgeweichtem Papier drumherum. Fast
wie ein Geschenk. Ein Brauch
aus der Vorgeschichte.
Wie rücksichtsvoll sie war!
Das ist Liebe, dachte ich.
Und ich betätigte die Spülung für sie 
bevor ich mich setzte.
Ich wusste, es
würde ihr furchtbar peinlich sein,
und ich atmete
flach – – 


Buñuel & die Peitsche

Aus einem Kellerfenster klatschte der Klang
einer Peitsche. Wie die Sonne
brandete & blendete, sengte & brannte…. Ich musste
an Buñuel denken, denn wir waren in einem fremden Garten.
In dem Garten stand ein Pavillon, offen
& einsehbar, in dem Pavillon
ein Bett, auf dem Bett waren
wir, nackt & verschlungen, ineinander
gesteckt, zusammengesteckt, in Bewegung,
die Bewegung, die man Sex nennt…. In einiger Entfernung
saßen fremde Menschen, manche nackt, manche
in Wäsche, die reizen sollte. Tische & Bänke
aus Holz. Die Fremden
aßen Grillgut. Einige schauten
uns zu dabei. »Hast du
ne Tablette genommen?« fragte die Geliebte
als ihr Mund wieder leer war.
»Ja«, sagte ich, »eine halbe.« (Also ein
Dreieck. So viele Eindrücke
& Ablenkungen, und man ist ja nicht mehr
der Jüngste….) Auch die Musik war
in die Jahre gekommen. Nevergreens.
Und wieder die Peitsche! Niemand
schwamm im Pool. Ich dachte: Komischer
Film – diese Realität. Die Menschen schauten
zu viele Pornos. Auch ich
hatte schon zu viele gesehen – Menschen
sowohl wie Pornos. Ein dicker Mann
biss in eine Bratwurst, als wäre sie
ein Symbol. Dabei schaute er
herüber. Charmelos. Indiskret. War dies die Bourgeoisie? Und was
hatten wir hier zu suchen? Hier,
wo es Nichts zu finden gab. »Ganz schön
surreal«, sagte sie. Das Begehren & der Neid
der Anderen streichelte meine Psyche; die geschundene,
verquere. »Ja«, sagte ich – & konnte mich nicht erinnern,
jemals etwas Ähnliches geträumt zu haben. Der
Gynäkologenstuhl im Keller war belegt gewesen. Was
schade war. Wie hässlich mir die Menschen erschienen,
aber die Blumen waren schön, und die Bienen trugen
ihre flauschigen Sträflingsanzüge. Die Gespräche
der Besonnten waren auch nur ein Summen
im Grund, der Vorder- & Hinter- zugleich
sein konnte. Alles eine Frage
der Position. (Apropos: wer den schönsten
Po besaß, war hier keine Frage!) Das Märchen
von Amor & Psyche – den Goldenen Esel
könnte ich auch mal wieder lesen. Wie kam ich
jetzt da drauf? »Wollen wir
reingehen?« fragte sie. Niemand hier war
so jung wie sie, und ich
erst recht nicht. »Ja«, sagte ich, und dann ging es vorwärts
durchs modisch rasierte Fleisch – hin
zur Treppe, die von außen in den Keller führte.
Eine ehemalige Raupe schmetterte mit bunten Flügeln
vor uns her. Drehte dann ab. Überall Symbole.
Blicke folgten uns. Und mit den Blicken einige Körper.
Abwärts. Die Peitsche war verstummt. Die Menschen haben
keine Dreiecke mehr zwischen den Beinen. Ich
streichelte das Haar der Geliebten. Man konnte fühlen,
dass es schön war – & täuschte sich nicht. Wie dunkel
es hier war! Nach all
der Sonne. Doch sie konnten sehen,
was wir taten.

(Man muss nicht
Alles mal erlebt haben. Aber auch nicht
Nichts. Wir haben
dies erlebt, und es war
nicht Alles, aber auch nicht
alles Nichts. Und nun
musste es nicht mehr
geträumt werden.)


Altpapier – oder: Die Zukunft

Kälte, Nebel, buntes Laub.
Blaue Plastiktonnen stehen am Straßenrand, als warteten sie auf
die innere Leere. Ein Mann,
der vermutlich alt ist, bückt sich
nach einem Zettel, den der Zufall fallengelassen hat.
Vielleicht stört das den Ordnungs
Sinn des Mannes; vielleicht
hat es aber auch einfach
Nichts

zu sagen, dass er ihn aufhebt. Mag
Sein, dass in die blaue Tonne gehört,
was der Mann dann in der Hand hällt. Genau
so gut aber könnte der Zufall exakt
gezielt haben. Die Hand am Deckel
der Tonne, will der vermutlich Alte den Zettel wahr
scheinlich entsorgen (wie man so sagt, als gäbe es so etwas
wie Entsorgung); da fällt
sein Blick auf

spitzig winzige Bleistiftschrift:

Du hast Angst vor der Zukunft,
dabei läuft sie vor dir davon.
Alles, was du zu fassen bekommst,
ist Gegenwart.

Du glaubst, die kommende Gegenwart
nicht bewältigen zu können.
Dabei gehst du
davon
aus, ihr so zu begegnen, wie du jetzt bist.

Du übersiehst deine eigene Entwicklung,
dein inneres Wachstum.
Was du zur Zeit tust, hättest du dir noch vor einem Jahr
nicht zugetraut. Und selbst ich, der ich dir mehr zutraue
als du dir selber zutraust, würde meine leisen Zweifel gehabt haben,
hättest du damals tun müssen, was dir jetzt beinahe leicht fällt.

Der Mann betrachtet das Haus
hinter der Tonne, nachdem er zu
Ende gelesen hat. Er erinnert sich
an das Haus. Das Haus, das aussieht, als sei es
vergessen worden von allen anderen.
Und die Schrift ist wie seine eigene
vor Jahrzehnten. Blau sind
die Tonnen fürs Altpapier. Und rot
2 Worte

auf der Rückseite des Zettels (doch
wer kann wissen, welche
die Rückseite ist):

zu kitschig

steht da. Der Mann
sagt »Nein« zu sich selbst.
Dann verwahrt er den Zettel
in der Innentasche seines Mantels,
der vermutlich alt ist. Heute

werden die Tonnen geleert, denkt er, so
ein Glück. Noch vor wenigen
Stunden blutete sein Zahnfleisch; da
schaute er in einen Spiegel & hatte rosa Schaum
vorm Mund. Er überprüfte, ob sich
ein Zahn gelockert habe, dann
lächelte er über eine unsinnige Frage,
die ihm in den Sinn gekommen war:
Warum

wurde noch kein Schmetterling
nach mir benannt? Die Antwort
ist einfach. Die Schrift
in Rot scheint dieselbe
zu sein wie die in Bleigrau.
Doch wer kann da schon
sicher

sein


Ein Toter spricht 

Im Fernsehen sprach ein Toter.
Er sprach über ein Buch.
Das Buch eines anderen.
Ich wusste, er, der da redete,
war tot
als ich ihn sah, doch
er redete sehr lebendig
als er redete. Ja,
er ist tot, und das Buch lebt.
Er war begeistert davon.
Und voller Leben. Da
wurde mir klar: etwas von dem
Buch war mit ihm
gestorben.


Vorbei

ich ging vorbei
wie mein Leben
eine unscharfe Reflexion

in Bewegung
auf dem Glas eines Schaufensters
in dem nichts war

als Leere
irgendeine Handlung
war pleite

gegangen & die Räume standen verlassen
ich ging so schnell
vorüber, dass ich die Leere leicht

hätte übersehen können
doch ich nahm sie
wahr

wahr – wie die Gesichter der Passanten
die im Hintergrund sich spiegelten
während ich vorbeiging