Das Echo des Versprechens

All
ein
durch
wand
er
te
der Mensch
die Kälte

Berge
behinderten den Blick
auf
das Nichts
dahinter

Gebirge
aus Stein
aus Sein
aus

Er
de

die sich
verschoben hatte

in die
Höhe

Der Mensch suchte
was ihm wie
er glaubte
versprochen worden war

Er suchte
das Versprochene

Er suchte
den Versprecher

Er rief
in den Nebel:

»WAS IST
MIT DEINEM VERSPRECHEN?!!«

Und die kaltglänz
enden Wände
antworteten:

»….Versprechen
rächen
rächen ….«

Echo,
dachte der Mensch –
Das Echo hat
immer
deine eigene Stimme
& klingt doch
fremd

Er schrie
in den Nebel:

»ICH WUSSTE ES!«

»…. wusste es
wusste es ….«

»MAN KANN
SICH
NICHT
AUF
DICH
VERLASSEN!«

Seine Worte
prallten gegen die Wände

Die Wände glänzten
vom Hochnebel
der
her
nie
der
gefallen
war

Die Worte
wurden
zurück
geworfen

& die Stimme
er
schien
dem Menschen
fremd
er
denn je

Die Stimme
der verschobenen Erde
die
seine
eigene
war

Die Stimme
die ihm
antwortete:

»…. dich verlassen
dich verlassen ….«


Falsche Vorstellungen

Die Vorstellung,
die ich von mir habe,
ist
nicht

Ich

eigent
lich.

Doch
die Verzerrung
durch
Selbst
wahr
nehmung

gehört
zu
mir.

So kommt
mein Bild von mir
mir näher
als
die Wahrheit.

Die Vorstellung,
die Du von mir hast,
ist
nicht

Ich

eigent
lich.

Doch
die Verzerrung
durch
Liebe

gehört
zu
Dir.

So steht
Dein Bild von mir
mir näher
als
die Wahrheit

& mein
eigenes
verzerrtes
Bild von mir.

So
möchte
ich
sein.

Viel
leicht.

Ich
ist
ein Anderer.

Du
bist
eine Andere.

Wir
stellen uns
ein
ander
vor.

Lernen
uns
kennen.

Gegen
seit
ich.

Nehmen uns
wahr

in
einer anderen
Wahrheit.

2 fremde Wesen trafen sich.
1 sagte:
»Darf ich mich vorstellen?«

& meinte doch
eigent
lich

»Dich«.


Es lebe Freud!

Freud war längst tot
als meine Mutter mir Bananenbrote brachte
während ich auf dem Klo saß.
Meine Füße berührten
nicht
den Boden.
Eingeschlafene Beine
die Härte der Brille
die Härte des Stuhls
Härte überall.
Die langen Nachmittage der Verstopfung.
Immer wieder.
Trägheit
des
Darmes.
Als hätte ich
Alles
für mich behalten wollen.
Völle-
Gefühl.
Scheiße & Schmerz
in Überfülle.
Lahmgelegte Peristal-
tik.
Ich hörte das Leben
weitergehen –
da draußen
außerhalb der Zelle.
Meine beiden Brüder spielten
als ob nichts sei.
Die Putzfrau – Frau Lüttchens – wischte & saugte.
Die Geräusche lenkten mich ab
störten mich
weckten
meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle.
Stunden
die endlos schienen.
Immer wieder.
Eine Kindheit wie
Rizinusöl…..
Nase zuhalten
& schlucken!
Ekel
der den Hals verschleimt.
– Das is doch alles psüüchisch!
Klar doch! Anale Phase & so. Man
kennt das.
Geiz
Pedanterie
übertriebener Ordnungssinn
Sammelwut
Ja nee isso –

»Bananen stopfen« sagte meine Mutter.
Aber irgend etwas musste ich ja essen
um nicht kraftlos vom Klo zu kippen.
Und ich liebte das nunmal:
Graubrot mit Butter & Bananenscheiben
in Häppchen geschnitten
gereicht mit einem Gäbelchen
das eigentlich ein Zweizack war
mit dem man
normalerweise
Fruchtstücke aus der Bowle fischte.
Freud ist längst tot.
Ich gehe durch das Haus
das meine Mutter mir vererbt hat.
Alles
hat seinen Platz.
Alles
ist wohlgeordnet.
Die Bücher…..
Die Filme…..
Die Ton-
träger…..
Die Schreibmaschinen…..
Die Musikinstrumente…..
Besitz
der belastet.
Und
manchmal
meine Sehnsucht weckt.
Meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle
die mein Haus ist.
Doch
ich
bin
träge.
So
träge
wie mein Darm
damals.
Und heute…..
Scheiße, Schmerz & Blut.
Der anale Ka-
rakter…..
Manches
ändert sich
nie. Oder doch
kaum.
Da ist keine Putzfrau.
Niemand spielt.
Meine Füße berühren den Boden.
Und ich schlucke
kein Rizinusöl mehr.
Cascara Sagrada. Life might be so.
Das Leben ist hart.
Man kann
nicht
Alles
für sich behalten.
Freud ist tot.
Es lebe Freud!
Und dieser Schlager
den ich als Kind so oft hörte:
Yes, we have no bananas!

Ausgerechnet Bananen!

Freud bw


Auch so’n Grund für Vieles

Wenn man Lust hat
aufzuräumen
aber der
-art ordnungs-
liebend ist
dass es
Nichts
aufzuräumen
gibt
muss man eben
Unordnung
schaffen.


Der kleine Raum hinter der Hotelbar

Ich folgte ihr.
Aus
Zufall.
Wir hatten
ein gemeinsames Ziel.
So
schien
es.
Die menschenleere Hotelbar.
Mitten
in der
Nacht.
Ich
war hungrig.
Sie
vielleicht nur
verwirrt.

Dann waren wir
in dem kleinen Raum
hinter der Bar.
Ich
trug meine Arbeitskleidung.
Sie
war nackt.
Es geschah
während der Pause
in meiner Schicht
als Nacht-
portier.

Ich öffnete die Tür –
& Sie
flog hinein.

Da
saß
Sie.

Auf meinem Essen.
In der Mikrowelle –

einem noch kleineren
Raum
in dem kleinen
Raum
hinter der Hotelbar.

Und mein Hunger war
verflogen.

Verflogen
wie eine
Motte in der Mikrowelle.


Die trunkene Matratze

Selbst Küsse
mit Biergeschmack
konnten mich
nicht
zum Trinken verführen.
Das Verfallsdatum
auf den Flaschen im Kühlschrank
rückte unaufhaltsam näher.
Zu langsam
wurden sie dezimiert,
da die Frau, die
das Bier trank,
zu selten vorbei kam.

Sie klettert aus dem Bett
Feuchtfleckige Falten im zerwühlten Laken
Kuhlen zweier Körper in der Matratze
Lustgetrocknete Kehlen
»Willst du auch was trinken?«
»Nein« sage ich
zu ihrem Arsch
der das Zimmer verlässt
Das Geräusch nackter Füße auf dem Flur
Ich liege in Gerüchen
Höre die Kühlschranktür
Das Öffnen der Flasche
Die Frau kommt
zurück
ins Bett
Sitzt aufrecht
Wir bilden 2 Rechte Winkel
Sie ragt aus meiner Mitte
Trinkt
aus der Flasche
Ich betrachte ihren Rücken
Schluck
Schluck
Sie setzt die Flasche ab
irgendwo
»Wie praktisch« sagt sie »Kuck ma,
freihändig«
Leicht ausgestreckte Arme erscheinen
links & rechts
»Wo hast du die Flasche?« frage ich
& richte mich auf
um nachzusehen
Die Frau
wendet sich zur Seite
Etwas fällt
Etwas gluckert
Etwas rauscht kohlensäuerlich
»Oh Scheiße!« sagt sie
lachend
Bier sickert in die Matratze
Viel Bier
Viel Flüssigkeit
Eine Lache auf dem Laken
Ein herber Geruch
kalt & klamm
der sich vermischt
mit Lust
Lachen
und

Einige Handtücher & Zewas später
sagte ich:
»Wo war denn nun die Flasche? Ich dachte,
sicher zwischen deinen Beinen….«
»Zwischen meinen Brüsten«, sagte sie.
»Schade, dass ich das nicht gesehen habe, aber
du kriegst kein Bier mehr. Höchstens
in der Badewanne.«

Lachen.

Selbst Küsse
mit Biergeschmack
konnten mich
nicht
zum Trinken verführen.

Ein trockener Säufer
im feuchten Bett.

Doch der Eigengeschmack
der fremdvertrauten Zunge
berauschte mich.

Mehr &
mehr.


Der Verschrobene im Supermarkt

Knoblauch/Zwiebeln
Klebeband
Olivenöl
Kaffee
Toilettenpapier
Löwensenf/Mayo
Spülmittel
Butter
Eier
Shampoo
Fisch
Pizza
Schokolade
Nudeln
Kuchen
Käse
Kein Alkohol!

Wer weiß schon,
ob dies
ein Gedicht
ist…..

Jeder
wird eine Meinung
dazu
haben.

Das
ist
egal.

Doch
Eines
steht fest:

Es ist ein
ziemliches Durcheinander;
absichtlich oder unabsichtlich.
Die Reihenfolge der Wörter
entspricht nicht
dem Aufbau, nicht der Route
im Supermarkt.

Wer diesen Worten folgt,
nimmt einen Kurs, der
weder rationell
noch rational
ist.

Wer den Worten folgt,
geht Umwege.

Der die Worte schrieb – mag
belächelt werden…..
von Denen, die
die richtige Reihenfolge bevorzugen;
von Denen, die
die kurzen, direkten Wege gehen –

um schneller
zur Kasse zu gelangen.

Er mag
bezeichnet werden als –
der Verschrobene im Supermarkt,

der
zu
viel
Zeit
hat

(…. wie all die Anderen,
die im Zickzack laufen.
Mit oder ohne
Zettel).

Doch auch

Das
ist
egal.


Der Schmutzfilm

Am Ende
auf der Windschutzscheibe
macht es
keinen
Unterschied
mehr
ob
das Insekt
schön war
oder nicht

Es ist
vergangen
verflogen
tot

So oder so
ein hässlicher Fleck
der die klare Sicht
behindert

Der anmutigste Schmetterling
ist nur noch
ein Dreck

am Ende.

Ein bunter Dreck.
Ein Schmutzfilm.

Insektengleich
fliegen die Erlebnisse dahin

Erinnerungen
behindern die klare Sicht
auf die Gegenwart

Zeit verfliegt

Leben vergeht.

Und doch –
das Gedächtnis
ist
keine Scheibe

Es ist
nicht
aus Glas

obwohl es
zerbrechlich ist.

Und was den Schmetterling
& all die anderen Insekten
– hässlich oder nicht –

aus-
macht

ist
nicht

ihr Ende.

Ist nicht
der Film
der von ihnen
übrig
bleibt

in der
Erinnerung.


»Wie man’s macht« oder Ein Dilemma

»Setz dich auf mein Gesicht«, sagte ich.
»Nein«, sagte sie.
»Warum nicht? Ich weiß, dass du es möchtest.«
»Wenn ich es tue, wirst du darüber schreiben.«
»Wenn du es nicht tust, werde ich darüber schreiben,
dass du es nicht getan hast, weil du dachtest, dass ich
darüber schreiben würde, wenn du es tust.«
(Gelächter. Auf beiden Seiten.)
Sie sagte:
»Wie man’s macht……«


Die wilden Fingerbeeren

Du bist
überführt.
Die Beweis-
lage ist
er
drück
end.
Gib auf!
Stelle dich!
Du hast
getötet –
die Dunkelheit,
die Finsternis
in meinem Haus,
in meinem Leben.
Auf dem Lichtschalter
befindet sich,
kaum
wahr
nehm
bar,
dein Abdruck.
Die Linien
deiner
Fingerbeere
sind
einzig
art
ich.
Meine DNA
haftet
an dir.
Mein Schweiß,
mein Blut,
mein Sperma.
Haut-
partikel.
Vergossenes,
Verlorenes
auf & in
dir.
In den Linien
deiner Fingerbeeren
bin
ich
zu finden.
In dem Abdruck
auf dem Lichtschalter
bin
ich.
Du bist überführt.
Ich bin überführt.
Wir wurden
verführt.
Und ich habe einen
leisen
Verdacht,
wie das Urteil
lautet.


Im Abseits

Unverstanden
stand das Kind
im Abseits

& Abseits
war überall
wo es stand

im Leben

Der Unverstand
der Anderen
führte zu ihrem

Unverständnis

Die Anderen
standen
Abseits vom Abseits

in der Mitte
des
Lebens

wo es lärmt
& kracht
& schreit

Das Kind
liebte
die Ruhe

die Stille
der Ausgrenzung

die Mauern
des Schweigens

& sogar
ein wenig
den Schmerz der Isolation

Das Kind
verstand
im Abseits

die Anderen

& mehr
als die Anderen.

Und die Klangfarbe
auf den Mauern des Schweigens
ist ein beruhigendes

Schwarz

Und eine Uhr
geht
ganz leise

im Abseits

Unaufhaltsam
bewegt sie sich
zu

auf
die Stunde
des Kindes

im Abseits.


Traum ohne Wecker

1 Wecker
klingelte
& riss
mich
gleich
zeit
ich
aus
1 Traum
+
1 Traum im Traum

2 Ebenen
zer
stört
auf
1
mal

zeit
=
verloren

Ich hatte vergessen
einen Wecker zu
träumen

gestellt
auf eine
unbewusste
Stunde

Was ich geträumt hatte
im Traum
war

Vergessen

Was bleibt
ist
die Unsicherheit

ob
ich
wach
bin


Die schwarze Marionette

In einem verfinsterten Raum
ist jedes Schattenspiel
besonders
interpretationsfähig

Der Raum selber
ist so
groß oder klein
wie die Vorstellung es erzwingt

Eine schwarze Marionette
tanzt klappernd
an schwarzen Fäden

Nur einen Scherenschnitt
vom Zusammenbruch
entfernt

Das Spielkreuz
hängt in der Luft

vielleicht

Es könnte auch
gehalten werden

von
irgend
jemandem

der
ganz still
ist


Der Fall des Stockes

Der Stock
des alten Mannes
fiel

Das Geräusch
von zitterndem Holz
auf kaltglatten Fliesen

Er fiel
als der alte Mann
Hut & Mantel an der Theatergarderobe abgeben wollte

Ich bückte mich
mit der Jugendlichkeit
die über 30 Jahre her ist

Hob den Stock auf
& reichte ihn
dem Mann

Ein Lächeln – seins
»Danke, das ist überaus freundlich
von Ihnen«

Ein Lächeln – meins
»Bitte sehr,
gern geschehen«

(Den Theaterbesuch hätte ich mir
kaum leisten können. Man hatte ihn mir geschenkt.
Mehr noch, man hatte mir ein Abo geschenkt. Das ich mir
auf keinen Fall hätte leisten können. Ja, ich war ein
Abonnent; gehörte plötzlich zu der Spezies, die von den Künstlern
so oft verspottet wird. Mit Recht verspottet. Wahllose Allesfresser.

Schluck die Klassik! Schluck die Moderne! Schluck den Boulevard!
So ging ich regelmäßig ins Theater. Meist noch vor dem Frühstück.
Nachtmensch, schon damals. Und es war nicht das einzige
Theater-Abo, das ich geschenkt bekam…. Irgendwann hörte ich auf,
in jedes Stück zu gehen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr,
mich vom Wecker aus dem Schlaf reissen zu lassen, um zu meinem reservierten
Platz zu eilen. Irgendwann wiederholten sich die Stücke. Oftmals waren die
Schauspieler noch das Beste daran – all diese Berühmtheiten, die
inzwischen tot sind…. Tot wie….
Doch zurück zu dem alten Mann & seinem Stock. Wo ist er denn? Gerade
war er doch noch da.
Ach ja, dort….)

Unser Lächeln
Sein Alter
Meine Jugend

Die freundlichen Worte
Das Geräusch des fallenden Holzes
Was auch immer

Wer weiß schon
von jedem Moment
warum

er sich
ins Bewusstsein
das zur Erinnerung wird

einbrennt

Momente
die so unscheinbar
erscheinen

Nichtig
wie ein schlechtes
Theaterstück

Ich sah den alten Mann
nur
dieses eine Mal

Das Stück? –
habe ich
vergessen

Den Stock –
habe ich
behalten.


Jetzt

Ich lebe
in der zukünftigen
Vergangenheit
erinnere mich
an die vergangene
Gegenwart
als ich an die
Zukunft
dachte
die
Jetzt
ist


Das Gegenlicht

Es brennt!

wie ein Feuer
…. das wärmt
wie ein Feuer
…. das verzehrt

Es brennt!

wie eine offene Wunde
…. die niemals heilt
wie eine Wunde
…. die sich langsam schließt

Es brennt!

wie eine reinigende Flüssigkeit
…. die in die Augen rinnt
wie ein Gas
…. das in die Augen weht

Es brennt!

wie eine Frage
…. die man nicht zu stellen wagt
wie eine Frage
…. auf die es keine Antwort gibt

Es brennt!

wie Hämorrhoiden beim Kacken
wie Nesseln bei Berührung
brennt wie Verlangen
brennt wie Sehnsucht

Es brennt!

wie ein Gewürz
…. ohne das Alles fade wäre
wie eine Taschenlampe
…. die unter der Bettdecke

das Lieblingsbuch der Kindheit beleuchtet

Es ist

hässlich
& schön
kitschig
& abstrakt

Es ist

Schmerz
& Beruhigung

Widerspruch
& Kontrast

Hintergrund
& Vorder-
grund

Und es wirft
die Schatten
die über
all

ex
is
tieren

über
all
hin

Das Licht!

Es brennt
auf der Rückseite
meiner
düsteren
Gedanken –

lichterloh
& farbenfroh.


Der unstillbare Appetit

Ein
achtlos fallengelassenes
Wort

weckte
meinen
Appetit

Jemand
erwähnte
ein Gericht

das
ich
liebte

&
lange nicht
gegessen hatte

Ich
oder sonstwer
hätte es kochen können

jetzt
in diesem Moment
der Erinnerung

& des
wachsenden
Appetits

Doch
es wäre nur eine
Kopie gewesen

Eine Kopie
des
Erinnerten

& die
wesentliche Zutat
hätte gefehlt

Der Geschmack der Köchin
die längst
gestorben war

Der Tod
macht den Appetit
unstillbar

immer
wieder

& das Lieblingsgericht
verschwindet
für immer

aus
dem
Leben


»…. da musst du nur ….«

»Ganz einfach«, sagen sie,
»da musst du nur….«

Sie wissen, was zu tun ist, und
sie tun es. Weil sie es
können.
Jederzeit.
Die Tatmenschen.
Die Praktischveranlagten.
Die Lebenstüchtigen.
Da ist kein Zögern, kein Zaudern;
da ist
nur
Handeln.
Im richtigen Moment.

»Wenn etwas kaputt ist,
reparier´ es – oder lass es reparieren.
Wenn du krank bist, besorg´ dir Medikamente –
oder geh zum Arzt.«

Es ist alles
ganz einfach.
Und natürlich haben sie
recht.
Sie haben die Lösung
im Kopf.
Sie haben die Lösungen für
fast alle Probleme des Alltags
im Kopf.
Da ist so viel Platz
für Lösungen
in ihren Köpfen.

In ihren
gesunden
gut funktionierenden
langweiligen
Köpfen.

Ohne die
die Menschheit
nicht
existieren könnte.

Der elektrische Fensterheber in der Fahrertür meines Autos
ist kaputt. Es zieht. Es ist laut. Es regnet hinein.
Auf dem Beifahrersitz liegen seit Monaten
die Computertomogramme meines Kopfes &
eine Überweisung ins Krankenhaus.
Sie liegen auf einer dünnen Schicht aus
Puderzucker.
(Ein Stück Mohnkuchen war dort
vor noch längerer Zeit
aus der Verpackung gerutscht.)
Das ist
alles
nichts
Besonderes.
Ich halte es für
selbstverständlich.
Denn
ich habe keine Zeit.

Ich habe nicht einmal Zeit,
wenn ich nichts zu tun habe.

Und in meinem Kopf
ist so wenig
Platz.

Ich müsste nur….
Ich weiß.
Es ist
ganz einfach.

Aber was ich
wirklich
muss,
ist etwas
ganz
anderes.


Verirrung

Was tue ich hier?
Vergessen.

Die Schlagschatten der Fremden bewegen sich
wie verzerrte Scherenschnitte
über das Kopfsteinpflaster der Gasse.
Die Abendsonne: eine bittere Blutorange.
Das Geräusch schwierig-hoher Absätze prallt
gegen Fachwerkfassaden.
Verlaufen.
Ich habe mich verlaufen.
Es ging los, als ich die Wohnung verließ.
Es geht immer los, wenn ich die Wohnung verlasse.
Sobald ich einen Fuß vor die Tür setze, habe ich mich
schon verlaufen.
Verlassen. Verwirrt. Verirrt.
Irgend jemand
hat mich gerufen.
An-
gerufen.
Wollte mich
treffen.
Aber wo?
Im Zweifelsfall
dort
wo
ich
nicht
hinge-
höre.
Warum habe ich mich nur darauf
eingelassen –
die Wohnung zu
verlassen?
Es endet
doch immer
gleich.
Ähnlich.
Sofort.
Ja, warum?
Weil ich
hinhörte –
vielleicht.
Wegen
dieser Stimme –
vielleicht;
der Stimme in meinem Kopf.
Hineingetragen
in meinen Kopf
auf dem Wege der
Fern-
melde-
technik.
Eine Stimme – weiblich & fremd.
Hat sie
wirklich
mich
gemein
t?
Oder
war’s doch nur eine
Ver-
wahl.
Aber halt – sie kannte meinen Namen!
Nicht dass dieser Name einzig wäre;
oder auch nur selten – aber
wieviel Zufall würde es brauchen,
dass sie
nicht
mich
gemeint hätte?
Zu
viel
doch wohl…..

Der Mann betrachtet
die sommerlichen Frauen.
Auf dem Muster des Kopfsteinpflasters.
Steinerne Würfel ohne Augen.
Hätte das Kopfsteinpflaster Augen,
könnte es unter Röcke schauen.
Unter Kleider.
Unterröcke, Unterkleider……

Und er träumt sich in den Boden
& schaut
& schaut
aufwärts……
Eine von ihnen vielleicht?
Was wenn
ich mich gar nicht verlaufen habe?
Hier richtig bin?
Oder doch verlaufen – & zwar
so oft verlaufen vom Verlaufen, dass ich
dort angekommen bin, wo ich hin wollte?
Wenn ich mich recht ver-
irre,
könnte es
so
sein.
Und überhaupt – wenn ich
vergessen habe,
wo
ich
hin
wollte,
kann
über-
all
der
richtige
Ort
sein. –
Was tue ich hier?
Vergessen.
Ich habe nicht vergessen,
was ich hier tue,
sondern –
was ich hier tue,
ist
vergessen.
Vielleicht.

Das Licht
ändert sich.
Ich nicht.
Die bittere Blutorange geht
unter.
Ich nicht.
Die Scherenschnitte verlieren
ihre Konturen.
Ich nicht.
Die Geräusche verstummen.
Ich nicht.
Jemand
wird den Mann finden.
Irgend
jemand.
Irgend
wann.
An einem
anderen
Tag.


Dünndruck

Unscheinbar
schmal & klein
steht das Buch im Regal
inmitten vieler anderer

die größer sind
& dicker

Du ziehst es heraus
& bist
überrascht

Es wiegt
so viel schwerer
als du erwartet hattest

Du schlägst es
auf & weißt
wieso

Die Blätter
sind dünner als die
der gewöhnlichen Bücher

zart durchscheinend
& verletzlich

So viele Seiten
in einem so schmalen Buch

Mehr
als in den dicken Bänden
die so viel Platz beanspruchen
im Regal

All
diese Zeichen
in dem Buch

das so unscheinbar ist
schmal & klein

All
diese Worte
All
diese Zwischenräume

Und du weißt:
Du wirst mehr Zeit mit ihm verbringen müssen
als mit den anderen

Und es wird dich
mehr
kosten
als du dachtest


Die Reihe

Ein Mann betrachtet ein Foto, das einen Mann zeigt.
Er kennt den Mann nicht, aber er empfindet Abneigung.
Er denkt:
Was für ein gewöhnliches Gesicht!
Die feiste Visage eines Spießers.
Das debile Grinsen eines deutschen Pauschal-Urlaubers.

Sonne prallt auf den Kopf des Fotografierten;
sein Körper ist unsichtbar – vergraben im Sand
irgendeines Strandes der Vergangenheit…..
Und mit diesem niederen Wesen stehe ich
nun also
in einer Reihe?
Nur weil wir – neben dem bloßen Menschsein –
etwas gemeinsam haben, das
für mich
mehr Gewicht hat als
alles Andere….?
Die Existenz dieses Mannes im Zusammenhang mit mir
würdigt mich herab;
mit ihm etwas gemeinsam zu haben, beschmutzt
das Gemeinsame.
Ich, der ich mich allem fernhalte;
ich, der ich so Vieles verachte,
stehe
nun also
in einer Reihe.
Und wie lang ist diese Reihe?
Wieviele Wesen ähnlicher Art befinden sich noch darin?
Ich will es nicht wissen.

Der Mann betrachtet das Foto, das jenen Mann zeigt.
Er denkt an die Verbindung zwischen sich & ihm:
er denkt –
an
die Frau.
Denkt an die Zeit
als er
noch
alleine stand – außerhalb
jeder Reihe.
War es nicht gerade das, was sie angezogen hatte
an ihm? Damals –
als sie ihn fand
in den Weiten der virtuellen Welt
vergraben in Nacht & Einsamkeit…..
Sie schrieben sich, tippend, tastend.
Er: »Ich könnte hässlich sein.«
Sie: »Da kann mich nix mehr schocken.«
Die Antwort schockte ihn;
ein Stich in sein Selbstwertgefühl.
Sein Selbstwertgefühl, das er mit so viel
Alleinsein
bezahlt hatte. Mit
Alleinsein & Schmerz.
Einer anderen Art von Schmerz als jene, die er
jetzt verspürt – im Bewusstsein
der Gewöhnlichkeit, in deren Mitte er sich
so plötzlich
wiederfindet – & die
mehr & mehr
auf ihn abzufärben droht….
Es gibt kein Zurück.
Ich stehe in dieser Reihe, werde
immer
darin stehen….

Selbst wenn ich mich jetzt zurückziehe.
Der Mann schließt die Augen.
Von ihm existieren nur wenige Fotos.
Er hasst es, fotografiert zu werden.
Er versteinert vor dem mit der Kamera bewaffneten Blick,
der ihn fesseln will – für immer.
Für immer…..
Ein Mann könnte ein Foto betrachten, das mich zeigt.
Er könnte mich nicht kennen – & dennoch
Abneigung empfinden…..
Er könnte denken:

Was für ein gewöhnliches Gesicht!


Grammatik

In jenem Moment, der entscheidend war,
da es um
Vieles
wenn nicht um
Alles
ging …..

glaubte die Frau,
die Grammatik des Mannes
verbessern zu müssen.

Es war ein ernstes Gespräch gewesen –
im Tonfall unterdrückter Tränen.

Es war um
ihre Beziehung gegangen,
um ihre gemeinsame Zukunft,
um Sehnsucht
& Liebe

& plötzlich
ging es um –
Grammatik.

Der Mann verbarg seine Erschütterung
über diesen Richtungswechsel –
er sagte »Ja« zu ihrem Einwand.

Dabei wusste er:
Sie hatte unrecht;
der Fehler, den sie erkannt zu haben glaubte,
war keiner.

Die Frau war einem Irrtum unterlegen.

Was aber der Mann erkannte –
in diesem Moment, der entscheidend war -,
war ein Fehler, der
wirklich
existierte.

Ein Fehler, der
nichts
mit Grammatik zu tun hatte.

Auch der Mann war einem Irrtum unterlegen.

Und er begann
zu frieren.


Der Schandfleck

Hinter Mauern
wuchernden Unkrauts
lebe ich

im Schandfleck
der gepflegten Umgebung

inmitten der Geschäftigkeit
die Alles

ordnet
stutzt
& nivelliert

ruhe ich
faul
in der Wildnis

ungezähmt
im Chaos
der freien Entfaltung

Inmitten des Zwangs
eines andressierten Ideals

betrachte ich
zwanglos
die wahre Schönheit

Samen fliegt
Schmetterlinge flattern
Tiere finden was sie suchen

& manchmal
steht eine nackte Frau
dort in der Sonne

innerhalb der Mauern
wuchernden Unkrauts

Dann verstummt
die Dummheit
dort draußen

& ich lebe
im Besonderen


Der hässliche Mann & die Musik

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Das Türglöckchen erzitterte – 440 Hertz. Da er die Wahl hatte, setzte sich der Mann an den Tisch, an den er sich schon immer gesetzt hatte. Dass er die Wahl hatte, war der Grund für die bevorstehende Schließung des Cafés. Die endgültige Schließung. Auch heute war er der einzige Gast. Manchmal war er sich unsicher: Kam er hierher, weil er hier kaum auf Menschen traf, oder traf er hier kaum auf Menschen, weil er hierher kam? Er erinnerte sich kaum noch, wie es anfangs gewesen, er erinnerte sich nur daran, was ihm als erstes aufgefallen war – & was ihn bleiben ließ:
Es gab in diesem Café – keine Musik.
Runde Tische für jeweils 2 bis 3 Niemande. Kalte Beleuchtung. Trübe Fensterscheiben. Das Röcheln veralterter Kaffeemaschinen. Spuren von Nachlässigkeit auf dem Fußboden. Werbende Spiegel an den Wänden. Und keine Musik!
Er brauchte nichts zu bestellen; sobald er saß, brachte man ihm die erste Tasse. Die einzig verbliebene Bedienung – eine Frau, die immer müde aussah – war gleichgültig. Sie war ihm gleichgültig, er war ihr gleichgültig, ihr schien alles gleichgültig. Das gefiel ihm. Und sein Anblick löste nichts mehr aus. Kein Zucken, kein Zögern, kein betontes Wegschauen. Nichts.
Was den Mann so hässlich machte, war seine Haut. Ein Relief warzenähnlicher Erhebungen, die keine Warzen waren. Dicht an dicht. Wachsend. Und sie waren überall. Auf seinen Wangen, seinen Lippen, auf seinem kahlen Schädel, an jeder Stelle seines Körpers. Selbst auf seinen wimpernlosen Augenlidern, die immer schwerer wurden. Das ganze Ausmaß seiner Hässlichkeit konnten die Menschen nur erahnen. Die Menschen, die bloß sein Gesicht, seine Hände & – manchmal, im Sommer – seine Unterarme sahen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.
Er trank seinen Kaffee, betrachtete die Tischplatte – & dachte beinahe ….. nichts.
Tagtäglich verließ er zu exakt derselben Zeit seine Wohnung, um hierher zu kommen; als hätte er eine Arbeit zu verrichten. Als hätte man ihm eine Arbeit gegeben. Ausgerechnet ihm! Er war froh, keine zu haben, und das Verlassen der Wohnung war nur eine Flucht, eine kurze Ausflucht, ein Ausgang aus dem Verließ. Fort aus der geordneten Umgebung seiner ungeordneten Süchte & Sehnsüchte.
Passanten passierten wie unbedeutende Missgeschicke, wenn er – den Blick auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten gerichtet – Distanzen in der Außenwelt zurücklegte.
Die Innenwelt war seine Wohnung. Die Wohnung war seine Innenwelt. Die Erweiterung seines Kopfes, die Nebenhöhle seiner Gedanken, die Herzkammer seiner Empfindungen. Und fast nie war sie musiklos. Allenfalls wenn er schlief. Unruhig schlief, wie immer. Im Chaos der gespeicherten Töne, der Melodien, der Harmonien; im Chaos verkratzter Schellackplatten, dem knisternden Vinyl seiner Jugend, kreisrunder Tonbänder & rechteckiger Cassetten, im Chaos der kaltsilbrigen CDs seiner Gegenwart – & der leise summenden Festplatten mit ihren ungezählten Discographien.
Dabei liebte er die Stille. Die Stille, die er nicht ertragen konnte. Und die Gefühllosigkeit, die ihn gelegentlich überkam, wenn keine Musik da war. Die Sehnsucht nach dieser Gefühllosigkeit war es, was ihn in das Café trieb. Immer wieder – obgleich er wusste, dass er sie nicht jedes Mal dort finden konnte. Denn wenn ab & an eine unbekannte Frau an einem der Tische saß, hörte er in sich eine Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Dann sah er sie wie in Töne gekleidet, und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit.
Symphonische Reizwäsche …… Kammermusikalische Dessous …… Jazzige Negligés …… Liederliche Korsagen …… Nocturnale Schleier …… – Doch am Ende bleibt: der Trauermarsch.
Er lachte. Oftmals. Über sich. Über sein Geschick, über sein Ungeschick. Über seinen Anblick, seinen Einblick, seinen Ausblick. Über seine Verzweiflung (die ihm oft zweifelhaft erschien). Über seine äußere Armut & seinen inneren Reichtum.
Seine Entstellung lebte im Jetzt. Alles was nicht entstellt werden konnte, lebte außerhalb der Zeit.

Erinnerungen.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war. Er hatte Freunde. Freunde, die irgendwo draußen spielten, während er drinnen vorm Plattenspieler saß. Stundenlang. In den kürzesten Stunden seines Lebens. Er setzte die Nadel an. Wie ein Süchtiger. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.
»Willst du nicht rausgehen?« fragte die Mutter. »Das Wetter ist so schön.«
Er verstand die Frage kaum. Und dass andere Menschen ein anderes Verständnis von Schönheit hatten, ahnte er schon damals. Was sie zum Beispiel ‚Schönes Wetter’ nannten, nannte er ‚Das Wetter der dunklen Brillen’.
»Nein«, sagte er. Obwohl er lieber geschwiegen hätte. Es war für ihn ein Verbrechen, in die Musik hineinzureden.
Manchmal dirigierte er. Mit einem Bleistift oder einer abgebrochenen Gardinenstange. Und bei Musikstücken, die ihm neu waren, glaubte er, die nächste Note immer schon zu kennen, bevor er sie hörte. Die Melodien schienen ihm natürlichen Gesetzen zu unterliegen, die transparent vor ihm lagen, während der Komponist sie vielleicht nur unbewusst befolgt hatte. So gewann er den Eindruck, dass er jede Tonfolge, die er jemals hörte, selber hätte komponieren können. Dieser Eindruck, der hauptsächlich eine Empfindung war, vermittelte ihm gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit & Macht; ein Gefühl, das ihn einerseits beglückte, andererseits jedoch maßlos verstörte, weil er außerhalb der Musik weder etwas Vergleichbares fand, noch empfinden konnte. Schon gar nicht dort draußen, wo die anderen spielten. Und wo er sich unsicher & machtlos fühlte. – Oder in der Schule, wo er ein Kind unter vielen war, ein Kind wie alle anderen zu sein schien; und wo Musik unterrichtet wurde – von Menschen, die nicht einmal ahnten, was er wusste. Oder zu wissen glaubte.
Die Nachmittage der Kindheit. Als seine Haut noch makellos war.

Es dauerte nicht lange. Es hielt nicht lange an. Weil nichts lange dauert, und nichts lange anhält. Es sei denn – nach menschlichem Ermessen.
Die Nachmittage des Heranwachsens. Als seine Haut nicht mehr makellos war – & er gerade deshalb nicht hervorstach aus der Masse seiner pubertierenden Altersgenossen. Seine Akne glich der aller anderen. Dennoch sonderte er sich weiter ab von ihnen. Aus Gründen, die er nicht benennen konnte – damals nicht benennen konnte. Kontakte brachen ab – zu den Variablen seines Lebens: den Menschen. Die Konstante in seinem Leben blieb: die Musik. Ab einem ungewissen Zeitpunkt jedoch – einem Zeitpunkt der Ungewissheit – ahnte er nicht mehr, welche Note die nächste sein würde. Weil ihm klar wurde, dass keine bestimmte Note die nächste sein musste. Die Gesetze der Musik waren nicht natürlich; sie waren menschengemacht. Das Durchschauen eines Naturgesetzes – ja, das Naturgesetz selber war nur Illusion gewesen. Eine Illusion der Kindheit. Eine von vielen. Und ein Schauder durchfuhr ihn.
Doch dieser Schauder hatte auch sein Gutes. Es war nicht nur ein Schauder des Unheimlichen, Befremdlichen, sondern auch – & vielleicht vor allem – ein Schauder der Überraschung. Seine Erkenntnis überraschte ihn, und die Melodien & Harmonien überraschten ihn. Bei so manchem Tonartwechsel, der ihn früher nicht im Innersten hätte erschüttern können – da er der Überzeugung gewesen wäre, ihn vorausgesehen zu haben -, bekam er nun eine Gänsehaut. Die wohlige Gänsehaut des Unbekannten. Und er hätte es nicht mehr gewagt – zu dirigieren.

Die Nachmittage des Erwachsenen. Einige wenige Narben; Erinnerungen an Eiterbeulen. Kleine Schlaglöcher in der ansonsten glatten Haut. Nachmittage, die nach & nach zu Nachmitnächten wurden. Verwandte waren verstorben, Freunde verzogen, Liebschaften vergangen. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, war allein. Blieb allein. Mit der Musik. Die Schule hatte er abgebrochen. Er arbeitete als Nachtwächter, mal hier mal dort. Er soff. Was der Musik – beziehungsweise seinem Empfinden & Durchdringen der Musik – neue Dimensionen hinzufügte. Mit der Ginflasche in der Hand begann er zu tanzen; es war eine andere Art der Konzentration; eine körperliche Art – die er bis dahin stets gemieden hatte. Alles drehte sich. Die Welt drehte sich. Schwarz. Ein Loch in der Mitte. Die Welt als Rille & Phantasie. Ein Tonarm, der sich langsam dem Mittelpunkt näherte.

Intermezzo – Er denkt:
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Aber wie? Kurz, knapp, unsymphonisch. Telegrammatisch. Und doch voller Wiederholungen. Zeit raffend. Weglassend. Weg lassend. Eine Oper in 5 Minuten. Fragmente Fragmente Fragmente. Nur für mich. In der Dritten Person. Die Dritte Person, die ich bin. Die Ich ist. Und alle früheren beinhaltet. Morsen. Im perkussiven Alphabet, das ein Blinder verstehen kann. Ein Blinder, haha, das ist gut – Form & Inhalt werden eins. Wie in meinem Fall. Sie sind so schwer, meine Lider. So schwer. Wie lange werde ich meine Augen noch offenhalten können? Ach, egal. Ich kann hören. Kann blind tippen. Mit meinen genoppten Fingerkuppen. Und es muss nicht einmal einen Sinn ergeben. Für irgend jemanden. Nicht einmal für mich, für die Dritte Person. Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ohne Musik im Hintergrund. Ohne

Sehnsucht. Der Flaschengeist. Der Gin. Die körperliche Konzentration.
Als ihm die Haare ausfielen, war es ihm beinahe egal. Einzig die Art wie sie ihm ausfielen interessierte ihn. Das erkennbare Muster der Lücken; der Lichtungen. Kreisrunde Blößen. Es war zu der Zeit als er noch zu Ärzten ging. Also ging er zu einem Arzt. Der betrachtete die Stellen & setzte ein altertümlich anmutendes Gerät an, das mit raschen, gezielten Nadelstichen die Haarwurzeln anregen sollte. Dann hielt er ihm einen kurzen Vortrag über Autoimmunkrankheiten, machte ihm wenig Hoffnung & verschrieb eine Teertinktur zur äußerlichen Anwendung. Der hässliche Mann, der noch nicht hässlich war, fand das ‚Prinzip Autoimmunkrankheit’ faszinierend. Sich selber abstoßen. Sich selber bekämpfen. Als wohnte ein Anderer in einem selbst. Oder als ob das Selbst sich selber nicht erkennen würde. Dass der Arzt ihm wenig Hoffnung machte, war ihm gleichgültig. Die hatte er ohnehin. Außerdem würde er einem Menschen, der ihm mehr Hoffnung gemacht hätte, nicht geglaubt haben.
Und in der Tat: Es wurde nicht besser. Die kahlen Stellen wurden größer & zahlreicher; deshalb rasierte er sich den Schädel. Und als es ihm mit der Körperbehaarung ebenso erging, rasierte er sich von Kopf bis Fuß. Wie ein Mensch, der Wert auf sein Äußeres legt. (Bei diesem Gedanken musste er lächeln.)
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Jener Abend….. Im Herbst…..
Stunden auf dem Sofa. Dem Sofa, das nach Staub riecht. Er ist betrunken. Der Kopfhörer pumpt Musik in seine Gehörgänge. Flutende Wellen aus Noten, Wein & Gin umwogen sein Gleichgewichtsorgan. Ein staubflirrender Abendsonnenstrahl fällt durch einen Spalt in der Jalousie; durchstreicht den Raum & das künstliche Licht der Lampen. Unschärfe liegt über allem. Der unfokussierte Blick des Mannes zittert über die Dinge, die ihn umgeben. Streift eine der Märchenplatten seiner Kindheit. Eine der wenigen, die ihm geblieben sind. Ihr Dasein erinnert ihn an den Verlust all der anderen. Eine kurze Trauer bricht auf. Trauer über die eigene Unachtsamkeit, die eigene Gleichgültigkeit & die Zufälle des Lebens. Die Zufälle mit ihrer Folgerichtigkeit. Rotkäppchen & der böse Wolf. Durchmesser: 17 – Upm: 33 ⅓. Eine Single mit der Geschwindigkeit einer LP. Ein Zwischending – nicht ganz das Eine, nicht ganz das Andere. Und er hört kaum mehr die Musik, die von außen kommt. Hört: die Musik in ihm; eine Erinnerung ….. Die einleitende Melodie des Märchens ….. Hört: den schaurigen Wandel von Dur zu Moll, den Wandel, der das Abweichen des Mädchens vom rechten Wege perfekt vertont. Das Kind auf verschlungenen Wegen – hin zum Tier – das es verschlingen wird. Und die Gänsehaut schlägt aus …. auf seinen Armen …. seinen Beinen …. seinem Oberkörper …. Ein Horror, den er glaubte vergessen zu haben, fließt wie ein geschwärzter Albtraum durch seine Blutgefäße …. Verlorenes, Niegehabtes & die Sehnsüchte danach …. Sehnsüchte, die nach den verbrannten Wunschzetteln eines Kindes riechen ….. Des Kindes, das er einst gewesen war …. Des Kindes, das die Herrschaft über die Musik besessen hatte ….
Und er schläft ein.

Kurz nur. So kam es ihm vor. Und so war es wohl auch. Die auf Zufall geschaltete Endlosschleife schien wie verknotet. Verheddert zwischen Synapsen. Als er sich aufrichtete, schmerzte sein Rücken. Er setzte die Kopfhörer ab; legte die Musik neben sich auf das Sofa, das nach Staub roch. Schwindel kreiste. Und ein Frösteln, das nichts mit Kälte zu tun hatte, war in ihm. Auf ihm. Auf seiner Haut. Dieser Haut, die …. Mit der linken Hand strich er über seinen rechten Unterarm. Gänsehaut. Die sinnlose Gänsehaut des Haarlosen. Gänsehaut als Selbstzweck. Evolutionsmüll. Entfremdet. Er rieb den Unterarm, um ihn zu wärmen – zu glätten. Und man weiß nie, dachte er, ist es Kälte …. oder Gefühl. Oder beides. Von außen betrachtet jedenfalls. Dieses Außen, wo die Anderen sind. Und wo ich bin, für die Anderen. Er rieb. Weiter. Fester. Spürte in seiner glatten Handfläche das Aufgerauhte seines Armes.

Dies war der Beginn gewesen. Der Beginn der Gänsehaut, die nicht mehr verschwand. Der Gänsehaut, die stehengeblieben war in einem Augenblick erinnerter Musik. In einer Erinnerung an Kindheit, Wandel & Verlust.
Es war leicht gewesen, sie zu verbergen – am Anfang. Er war zu Ärzten gegangen; die Ärzte hatten ihre Ratlosigkeit eingestehen müssen – am Ende. Nichts hatte geholfen. Nichts half. Er hasste die Ärzte für seine Krankheit. Und eine Krankheit war es doch. Sicherlich. Obwohl …. Manchmal hatte er seine Zweifel. Niemand kannte dieses Phänomen. Manchmal nannte er es – in seinem Innersten – seine Gesundheit. Und er lachte.

Der Verlauf war schleichend. Über viele Jahre hinweg. Die Gänsehaut wuchs; zunächst in die Höhe. Sie wuchs unter dem Einfluss der Musik. Unter dem Einfluss der Musik, von der er nicht lassen konnte. Er versuchte es immer wieder. Schaffte es vielleicht einige Tage ab & an; unter den Qualen der Stille. Der vermeintlichen Stille, die er liebte – & die er doch nicht ertragen konnte. Sie war vermeintlich, weil sie nicht in ihm war – vermeintlich, weil die Erinnerung an bestimmte Melodien & Harmonien ihn nie zur Ruhe kommen ließ – & die Erinnerung an die Musik den gleichen Klang & oft denselben Wert hatte wie die Musik selber.
Schließlich breitete die Gänsehaut sich aus. Bewucherte nach & nach seinen ganzen Körper. Bis hin zur Schädeldecke. Gesicht, Augenlider, Lippen, Genitalien – nichts blieb unentstellt. Partien, die im Normalfall nicht betroffen werden, wurden betroffen. Die Brauen fielen ihm aus; dann verlor er die Wimpern. Sein Bartwuchs, der immer schon spärlich gewesen war, hörte auf zu existieren.
Und da es möglich war, noch zurückgezogener zu leben als er es bereits getan hatte, lebte der Mann noch zurückgezogener. Der Alkohol, beziehungsweise der Zustand, in den dieser ihn versetzte, begann ihn zu langweilen; also beendete er die Sauferei von einem Tag auf den anderen.
Und die Fragen, die die Menschen nicht stellten, passten zu den Antworten, die der Mann niemals gegeben hätte.

Der hässliche Mann betrat das Café, das es bald nicht mehr geben würde. Sein Platz, den er – im Stillen – ‚mein Platz’ genannt haben würde, wenn er in solchen Begriffen gedacht hätte, war nicht frei. Eine Frau saß dort. Eine Unbekannte. Eine Fremde. Sie trug eine dunkle Brille. Ein Buch lag geschlossen neben ihrer Kaffeetasse; in einem neutralen Schutzumschlag, der wie von einem Kind gebastelt aussah. Der hässliche Mann setzte sich zwei Tische weiter auf einen Stuhl, von dem aus er die Frau hätte beobachten können. Sie waren die einzigen Gäste. Die gleichgültige Bedienung bediente ihn unaufgefordert. Er schüttete seine übliche Überdosis Zucker in den Kaffee & rührte um. Kreisende Bewegung …. Das KlingKling! des Löffels …. Und der Mann: in Gedanken.
So sieht das also aus, wenn jemand dort sitzt, wo ich sonst sitze. Von woanders aus betrachtet. Nur nicht so hässlich, haha. Seltsam, kann mich gar nicht erinnern, dass dort jemals jemand gesessen hätte…. Eine Frau. Nicht glotzen, bloß nicht. Gut, dass meine Lider so schwer sind. Wann hatte ich zuletzt? Nicht drüber nachdenken. Ja, klar, wenn man denkt ‚nicht drüber nachdenken’, ist es schon zu spät. Schon passiert. Aber es sind ja nur Zahlen …. Jahreszahlen …. Ziffern, in denen man Zeiträume mißt. Räume durchmessen …. durchschreiten …. Zeiträume, in denen man so einsam ist, dass man nur das Geräusch der eigenen Absätze hört. Musik, Takt – & ein Echo, das es ohne Mauern nicht geben würde. Bitter. Mehr Zucker. Die könnten die Maschine auch mal wieder reinigen. Na gut, lohnt sich vielleicht nicht mehr. Leise rühren. Sie trinkt auch nur Kaffee. Einfachen Kaffee, keinen modischen Schnickschnack. Scheint hübsch zu sein …. aber wie soll man sicher sein, wenn man die Augen nicht …. Wetter der dunklen Brillen …. Nein, nun wirklich nicht, weder hier noch draußen. Wolkenbezug im Himmelbett. Beziehungsweise Niederschlag. Das Blau ihres Rockes erinnert mich…. ich weiß nicht, woran. Der Saum – ein Traum. Fließend. Wie ein Übergang. Ein. Über. Gang. Wohin?
Waren dies die Gedanken des Mannes? Wahrscheinlich. Diese – oder ähnliche – oder ganz andere.
Der Regen klang nach rohen Erbsen in einem Sieb. Einem Sieb, das ein Unbekannter schüttelte. Sie saßen nur da & tranken ihren Kaffee. Der hässliche Mann & die Frau. Die ihr Buch nicht berührte. Er wartete auf die Melodie in seinem Kopf; die Notenfolge, die der Fremden zu entsprechen schien. Doch sie blieb aus. Wie in Stille gekleidet saß sie da; und vorbei war es mit Ruhe & Gefühllosigkeit. Einmal mehr. Und mehr als je zuvor.
Zeit verging. Wer würde zuerst gehen? Der Mann hätte sie gerne gehen gesehen. Gesehen, wie sie sich bewegte, wenn sie aufstand & ging. Den Fall ihres Rockes, die Bewegung ihrer Beine, den Schwung ihrer Waden. Den Sound ihrer Schuhe hätte er gerne gehört….. Und doch – er wollte nach Hause. Sofern er zuerst das Café verließe, wäre es ihm möglich, sich vorstellen, dass sie noch immer dort sein würde, wenn er zurückkäme. Am nächsten Tag – oder irgendwann. Er würde es nicht glauben, aber träumen. Das genügte. Ihm.
Also ging er.
Um wiederzukommen. Am nächsten Nachmittag. Über feuchte Gehwege hinweg, den Blick auf die glänzenden Fugen zwischen den Platten gerichtet. Es war ein weiterer Nachmittag, da sie an der Stelle saß, die er am Vortag eingenommen hatte. Am Vortag war es ebenso gewesen, obgleich es sich doch um unterschiedliche Plätze handelte. Dies dachte der Mann. Und lächelte, während er sich hinsetzte, wo sie gesessen hatte – auf seinen alteingesessenen Platz. Zwei weitere Gäste an anderen Tischen; Stammgäste wie er. Wieder lag ein geschlossenes Buch neben der Kaffeetasse der Frau; vielleicht dasselbe Buch, vielleicht ein anderes im selben Schutzumschlag. Derselbe Rock; dieselbe dunkle Brille. Dieselbe Sehnsucht, sie gehen zu sehen. Und der Wunsch, sie würde bleiben bis er wiederkäme.
Tag für Tag.
Nur Einsamkeit kann so an Fremden hängen.
Und nachts pumpten die Kopfhörer Musik in seine Gänsehaut. Und die Gänsehaut warf gezackte Schatten im künstlichen Licht – auf die Rauhfasertapete, deren Muster er auswendig zu kennen glaubte, da es unveränderlich war. Wieviele Nächte hatte er die Wände angestarrt….. Die Wände im papierenen Kostüm. Weiße Projektionsfläche seiner Phantasien. Innere Bilder auf immergleichem Muster. Und das Muster prägte sich ein; prägte sein Unterbewusstsein. Rauhe Oberflächen hinterlassen den tiefsten Eindruck – bei Berührung.
Welche Musik mag die Tapete gehört haben, bevor ich sie kaufte? Er lachte. Leise in sich hinein. Ich lache leise in mich hinein…. In wen auch sonst? Er dachte. An die Frau. Die Unbekannte. Die Fremde. Spielte mit ihr. In Gedanken. Stellte sie sich vor. Stellte sich ihr vor. In seiner Vorstellung. Fantasierte sich eine Realität zusammen, in der sie gemeinsam die sichtbare Welt belächelten.
Am folgenden Tag war sie nicht da. Und für ihn war ihre Abwesenheit bereits ein Fehlen. Er sagte nichts, fragte nichts, saß allein, rührte um, trank & kam sich albern vor. Seine Empfindungen, seine Gedanken kamen ihm albern vor.
Vielleicht hat sie sich nur verspätet. Vielleicht kommt sie noch. Und überhaupt – was heißt ‚verspätet’? Wer Termine hat, kann sich verspäten; wer feste Zeiten hat, kann sich verspäten – ich würde mich verspäten, wenn ich nicht Punkt 16 Uhr das Türglöckchen zum Bimmeln brächte…. Aber sie…. ist vielleicht frei. Kann kommen & gehen, wie es ihr beliebt….. Ich könnte das auch. Aber ich kann es eben nicht. Ich bin nicht frei. Ich folge Gesetzmäßigkeiten. Gesetzmäßigkeiten, die ich nicht durchschaue. Ein Sklave. Ein hässlicher Sklave, haha. Ja, vielleicht kommt sie noch. Und dann brauche ich nicht zu warten, bis sie geht, um zu sehen, wie sie geht. Bewegung, Schwung, Sound, der Swing des blauen Rocks……
Doch sie kam nicht. Und er ging. Bevor die Dunkelheit, die nun in ihm war, sich über die Straßen senkte.

Nächte, Nachmittage, Rituale, Fugen, Löcher, Tonarme, Geräusche, Klang, Melodien, Harmonie, Leere, Sehnsucht, Fremdheit, Schmerz, Humor, Gelächtertränen, Einsamkeit & Träume…..
Und die dritte Person, die in meiner Wohnung sitzt & lauscht, bin ich.
Morgen…..
Morgen wird sie wieder da sein.

Allein – das Einzige, das am folgenden Tag dort war – war ihre Abwesenheit. Und die Gefahr, dass er sich daran gewöhnen würde.
Jetzt hing ein Zettel an einer der trüben Fensterscheiben. Darauf ein Datum. Das Datum der Schließung. Es blieben ihm noch 2 Wochen. Die letzten Wochen eines alten Rituals. Er würde sich umschauen müssen nach einem anderen Café, das seinen Bedürfnissen entsprach. Er hasste den Gedanken daran; und er wusste, dass er es nicht tun würde, bevor ihm die Tür mit jener Klinke, die sich im Laufe der Jahre auf wundersame Weise seiner Hand angepasst zu haben schien, endgültig verschlossen blieb. Und beinahe ebenso sehr hasste er den Gedanken, sich von der Bedienung – der gleichgültigen Frau, die immer müde aussah – verabschieden zu sollen; ein peinlicher Moment, der ihm bevorstand, so wie es ihm meist peinlich war, wenn er sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten glaubte beugen zu müssen.
Zwei Tage später saß sie wieder auf seinem Stammplatz. In einem roten Rock, der etwas kürzer war als der blaue. Das Glöckchen zitterte nach – 440 Hertz. Das Röcheln der veralteten Maschinen erinnerte mehr denn je an letzte Atemzüge. Ein staubflirrender Sonnenstrahl leuchtete auf einer weißen Bluse. Und die dunkle Brille schien endlich einen Sinn zu haben. Es war dieselbe Brille wie immer. (Wie immer! Das klingt, als wären Jahre vergangen. Als wären wir Alte Bekannte. Zumindest Alte Bekannte vom Sehen. Nun – wer weiß…. Ich habe die Zeit nie begriffen. Als existierte ich außerhalb ihrer Räume….) Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Neben der Kaffeetasse. Die Frau las darin. Ihre Fingerkuppen eilten über die Zeilen. Weiß & erhaben waren diese Zeilen, und die Haut der Frau erspürte deren Inhalt.
Der hässliche Mann setzte sich dorthin, wo er noch nie gesessen hatte, nur einen Tisch von der Frau entfernt. Er hatte sich vorgenommen, noch kurz vor dem Ende des Cafés alle Plätze darin auszuprobieren; eine Idee, die ihm bis dahin nie gekommen war. Er beobachtete die Frau – & war nicht überrascht. Natürlich nicht. Er war beinahe so wenig überrascht, wie er damals – in seiner Kindheit – von Melodien & Harmonien überrascht gewesen war. Damals – als er geglaubt hatte, Gesetzmäßigkeiten durchschauen zu können, die es gar nicht gab. – Er beobachtete die Frau nicht anders als zuvor. Ebenso zurückhaltend, ebenso unaufdringlich. Als hätte sie ihn sehen können.
Ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Über mich. Über dieses Leben, das ich war, das ich bin. Und sie könnte es lesen. Mit ihren Fingerspitzen. Spüren – mit ihrer Haut, die so glatt erscheint….. So glatt, wie Haut nur erscheinen kann, wenn man sie mit bloßem Auge betrachtet. Sie würde zwischen den Zeilen lesen, zwischen den Zeichen, würde die Räume zwischen den Erhabenheiten ertasten – die Zwischenräume, die ihr das Lesen erst ermöglichen. Wie schwer meine Lider sind! Ja, ich könnte schreiben. Wenn ich schreiben könnte. Ein Happy End könnte ich erfinden. Ein Ende, welches das Schreiben unnötig machte; und das Papier überflüssig. Sie würde – meine Haut lesen. Mein Innerstes im Äußeren. Mein Leben lesen. Meine Krankheit. Meine Gänsehaut – die Blindenschrift der Musik. Das Buch meiner Erinnerungen. Das Buch mit dem erfundenen Happy End – ich finde sie, sie findet mich, wir finden uns – erfinden uns – neu…… Und man müsste es glauben. Wie ein Kind. Dieses Ende. Dieses glückliche Ende…..

Dieses Ende, das ich
nicht
schreiben
kann.


Die Ränder des Lebens

Sie sind nutzlos.
Die Untersetzer, die du dir
besorgt hast. Be-
sorgt,
um den kostbaren Tisch, der
zugleich dein
Lieblingstisch ist,
zu schützen ….
zu bewahren ….
zu erhalten
in seinem ursprünglichen Zustand.

Das Leben
stellt seine Gläser
übervoll von ätzenden Flüssigkeiten
immer wieder
neben die Untersetzer.

Um seine Spuren zu hinterlassen.

Hässliche Ränder
auf dem, was
dir
wertvoll
er-
scheint …..

Doch
was hässlich ist,
bestimmen nur die Seh-
gewohnheiten.

Wirf sie fort –
die Untersetzer
& die Sehgewohnheiten!

Sie sind nutzlos.

Beginne zu lesen
in den Rändern.

Erkenne
ihre Muster.

Vielleicht
geben erst sie
dem Tisch
seinen

wahren
Wert.


Die altbekannte Eitelkeit

Da war sie wieder –
die altbekannte Eitelkeit.
Ein fremder Mensch fand Worte
für die Worte, die man gefunden hatte;
die man gefunden hatte – bestenfalls ohne zu suchen;
gefunden, um sie niederzuschreiben ….
sich niederzuschreiben ….
Alles niederzuschreiben ….
Ohne Rücksicht.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
Ohne Rücksicht auf Gewinne.
Und die Worte des Menschen, den man
nicht kannte, waren
voll des Lobes;
sie waren wohltuend;
aufbauend;
waren schmeichelnd, ohne schmeichelnd sein zu wollen;
bewundernd fast & ganz
von Herzen kommend.
Man spürt diesen Kitzel, dieses
Streicheln des Selbstwertgefühls,
dieses innere Wachsen …..
Und plötzlich
schaudert es einen.
Da ist sie wieder –
die altbekannte Eitelkeit.
Die alte Schlampe in einem selbst.
Die Nutte im Inneren der Inspiration.
Und man erkennt:
Man ist noch immer nicht dort!
Man ist noch lange nicht dort,
wo man hin möchte.
Noch lange nicht dort,
wo man hin muss.
Unabhängig von allem Fremden.
Fern aller Einflüsse.
Einsam & frei
im eigenen Kern.


Vergessen

Ich hatte sie liegenlassen
in der Eile des Erwachens
das wie eine Flucht aus der Nacht gewesen war

Ich hatte sie liegenlassen
in einem kleinen Zimmer
in dem eine Tote lag

Eine Tote
die soeben erwacht war
um mich anzulächeln

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
die ich durch meine Träume trage

Die ich durch meine Träume trage
um zu fotografieren
was mir begegnet

Ich hatte sie liegenlassen
eine altmodische wertvolle Spiegelreflexkamera
voller Bilder

Bilder von
den Sehenswürdigkeiten meiner Träume
den Traumwürdigkeiten meines Unterbewusstseins

Ich hatte die Bilder
entwickeln wollen
eines Tages

Hatte sie einkleben wollen
in das Album
meines Bewusstseins

Ich hatte sie liegenlassen
die Kamera
in der Eile des Erwachens

Ich hatte sie
vergessen
in dem Zimmer der lächelnden Toten

die ich nicht
vergessen
konnte

Vielleicht
werde ich sie
wiederfinden

Ich werde
sie
suchen

in
einem anderen
Traum


Die Nebengeräusche der Wirklichkeit

Nicht einmal »Was?« oder »Wie bitte?« sagte sie.
Dabei wusste die Frau, dass
der Mann
etwas
gesagt hatte. Nur
verstanden hatte sie es
nicht.
Seine Worte waren
untergegangen
in den Nebengeräuschen
ihrer Wirklichkeit –
an ihrem
Ende
der Leitung,
das für ihn
das andere Ende
war.

Nicht einmal »Was?« oder »Wie bitte?« sagte er.
Dabei wusste der Mann, dass
die Frau
etwas
gesagt hatte. Nur
verstanden hatte er es
nicht.
Ihre Worte waren
untergegangen
in den Nebengeräuschen
seiner Wirklichkeit –
an seinem
Ende
der Leitung,
das für sie
das andere Ende
war.

Wiederholen
wollte
sich
niemand.

Es schien
ihnen
nicht wichtig genug.

Nicht mehr.

Die Zeit der wichtigen Worte war vorbei.

Es blieben
die Nebengeräusche
der getrennten Wirklichkeiten,
in denen unverstanden unterging,
was gesagt wurde.

An dem Ende,
das für sie beide
dasselbe Ende
war.


Die gute Mahlzeit

Der Mann mit dem Schirm hielt den Schirm
aufgespannt über Currywurst & Pommes – &
über seinen Kopf, in den er Currywurst & Pommes happte.
Es war noch Platz unter dem Schirm.
Für einen zweiten Mann.
Den Freund. Den Mann mit der Bratwurst.
Abenddämmerung.
Nieselregen trommelte zart auf den schwarzen Stoff.
Der Stehtisch stand frei.
Sie hatten ihn sich ausgesucht,
obwohl sie unterm Vordach des Imbisses noch Platz gefunden hätten.
»Und?« sagte der Mann mit der Bratwurst.
»Nichts und.«
»Nichts Neues also?«
»Nein.«
»Du hast immer noch
nichts von ihr gehört?«
»Nein.«
»Seltsam.«
»Vielleicht. – Aber eigentlich
nicht.«
»Was meinst du?«
Eine Straßenbahn fuhr vorbei –
fast leer – ein von innen leuchtender Wurm –
metallischer Klang.
»Ganz einfach«, sagte der Mann mit dem Schirm;
das gelbe Plastikgäbelchen in eine Fleischscheibe pieksend,
»manche Menschen sind
wie eine gute Mahlzeit:
Am Anfang
schön
gut duftend
appetitanregend
lecker –
& am Ende
auch nur Scheisse.«
Er lächelte;
zufrieden mit seiner Formulierung.
Der Mann mit der Bratwurst grinste,
stippte das Ding in seiner Hand in den Senf.
»Du bist zu hart«, sagte er.
Der Mann mit dem Schirm sagte:
»Erwähnte ich schon mal, dass ich knusprige Pommes
nicht ausstehen kann?«
Er nahm eine einzelne Fritte zwischen die Finger –
lang, labberig, fettgetränkt.
»So müssen sie sein.«
Das rasche Auf & Ab seiner Hand
unterstrich die weiche Beschaffenheit, die er meinte.
»Und so bin ich«, sagte er. »Und manchmal
auch so….«
Und er streckte den Arm aus & hielt die Fritte
in den Regen.
Dann aß er sie auf.
»Übrigens sind mir knusprige Pommes auch zu laut«,
sagte er. »Ich liebe das leise Essen.«
Der Andere grinste. Schon wieder.
»Spinner«, sagte er. Freundschaftlich.
Der Mann mit dem Schirm lachte. Kurz.
Er betrachtete die Kondensperlen auf den Bierflaschen.
»Schade«, sagte er, »dass die Straßenbahnen hier
keine Oberleitungen mehr haben. –
Ich mochte den Funkenflug.«


Die leichte Schulter

Ich wurde geboren
ohne
leichte Schulter.

Das ist zwar
schmerzhaft,

aber
keine Behinderung.


Die wahre Stärke

Wenn du fühlst
dass der Mensch
den du liebst
stärker ist
als
du –

– weil er
(anders als du)
über die gemeinsame Zeit bestimmen kann
– weil er
(anders als du)
verschwinden kann ohne ein Lebenszeichen
für eine Zeit die dir endlos erscheint
– weil er
(anders als du)
seine Vernunft nie verliert
da seine Vernunft nie verliert im Kampf gegen
die Empfindungen
– weil er
sein Verhalten stets rational erklären kann

Wenn du fühlst
dass der Mensch
den du liebst
stärker ist
als
du –

weil
seine Gefühle
sein Leben kaum zu ändern vermögen

dann
solltest du
froh sein!

Denn
Alles
worauf es wirklich ankommt
ist stärker
in dir
als
in
ihm.


Die Wälder der verletzten Bäume

Man soll sie nicht verletzen
die Bäume.
Nichts
in ihre Rinde ritzen –
keine Namen,
keine Herzen,
keine Pfeile.

Und doch
tut man es;
Manche zumindest
tun es –
in der Verblendung des Augenblicks,
mit der Waffe in der Hand ….

Mit der Stichwaffe, die
das Licht reflektiert.

Zeichen
die bezeichnen
was
nicht
von Dauer
sein
kann ….

Späne
die zu Boden fallen
& vermodern ….

Fremde gehen vorüber
an den Bäumen, die
verletzt wurden –

lesen die Zeichen
& träumen

ohne zu wissen.

Sie durchstreifen die Wälder.

Die Wälder des Vergehens.

Die Wälder der Vergangenheit.

Die Wälder der verletzten Bäume.

Und suchen
vielleicht
nur eine freie Stelle
für ihre eigene Verblendung.
Mit dem Messer in der Hand.

Wie die Mörder.
Im Schattenwurf der Zweige.

Nichts ist von Dauer –
nicht einmal das
Bedauern.

Nicht einmal
die Verletzungen
überleben.

Fällen ….
Gefällt ….
Gefallen ….

In kalten Winternächten
brennen die Öfen.
Holz knistert.
Wärmt die Fremden.
Zeichen gehen in Flammen auf.

Namen
Pfeile
Herzen

Asche.


Der Nachtfalter auf dem Insektennetz

Letztes Abendlicht
gerastert
durch die dünnen Fäden eines Netzes

Insektennetz vorm Küchenfenster
Das Fenster geschlossen
Was dem Netz den Sinn raubt

Leere Aschenbecher & volle Flaschen auf der Durchreiche
Gin, Wodka, Whisky, Tequila, Absinth …..
Ich gehe an ihnen vorbei

rastlos

Nicht trinken
Nicht trinken
Nicht trinken!

Durch die Flüssigkeiten in den Flaschen
ist mein Blick
auf das leere Wohnzimmer dahinter

gefallen

Die Leere
hat Platz
genommen

So viel Platz
dass es eng wird
in mir

Ich fühle mich
aus dem Zusammenhang
gerissen

Wie ein Satz
der plötzlich

keinen Sinn mehr ergibt
oder
einen anderen als gedacht

oder
wie ein Satz der
allein

nicht mehr verstanden wird
nicht mehr verstanden werden kann

Letztes Abendlicht
gerastert
durch die dünnen Fäden eines Netzes

Das Licht
ist mir
zu viel

Ich gehe zum Fenster
um die Rolläden
herunter zu lassen

Außen
auf den winzigen Quadraten
dem umwobenen Nichts
ruht

ein Nachtfalter

wie auf der Seite
eines Rechenhefts
aus Fäden & Luft

Wenn ich das Licht aussperrte
würde ich ihn einsperren

Gefangen
zwischen Netz & Verdunkelung

mit dem Blick
in das Innere
meiner Einsamkeit

Aber warum
soll es ihm gehen
wie mir?

Ich werde ihm das ersparen

Ich öffne das Fenster
tippe sacht gegen das Netz

Er soll davonfliegen

Durch den späten Abend
in die Nacht

die sein Zuhause ist

Ich tippe
Er fällt

herab

tot

Ich atme
frische Luft

Ein
Zwei
letzte Züge

vor dem Schließen des Fensters

Nicht trinken
Nicht trinken
Nicht trinken!

Die Flaschen sind voll
Die Aschenbecher sind leer

ohne Asche

Die Leere
hat
Platz
genommen