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ü & a – oder: Von den inneren Organen

Sobald jemand die Schiebetür öffnete
(vielleicht 1 Meter rechts von mir, sie führte
zu Raucherbereich & Klo), waberte
der Geruch von Scheisse über meinen Teller.
Leber, Püree, Zwiebel- & Apfelringe. Dieses Gericht
meiner Kindheit, angepriesen auf einer Schiefertafel vorm Haus,
war der einzige Grund gewesen, die vielleicht
deprimierenste Gaststätte von Celle zu betreten.
Man schrieb das Jahr 2017. Aber wohin
schrieb man es?
Ich schrieb es
nicht. Nirgendwo hin.Warum
auch? Die Musik
aus den 1980er Jahren war hier noch
das Neueste. Der Nichtraucherbereich
war schmaler als ein Eisenbahnwagon; kürzer
sowieso. Nur nicht so beweglich. Alles war eng:
der Raum, die Gedanken, die Kellnerin –
nein, halt, die
Kellnerin kannte ich nicht, obwohl sie mich
duzte. Aber die duzte einfach alle. Also war es,
als ob ich zu Allen gehörte. Dabei kam ich
mir gar nicht so vor. Hinter meinem Rücken
wurde Bayrisch gesprochen, mithin lauter als erlaubt
sein sollte (warum durften die
eigentlich nach Niedersachsen?). Ich hörte
nicht zu, aber die hörten auch nicht auf. Dann
wurde es ganz finster: gegenüber
faselte eine Frau über Literarisches. Sie
gehörte zu einer Gruppe weißer Frisuren, die
mit dem Bus angereist war (wehe
wenn sie losgelassen
); man erfährt
meist zu viel über die Leute (beinahe
hätte ich Menschen getippt). Es ging
um Flaubert; so viel verstand ich
noch. Ansonsten fehlte mir
jegliches Verständnis. Warum
meinen so Viele, ihre Meinung sei
mitteilenswert? Von irgendeiner Relevanz? Besonders
jene, deren Meinung nicht auf
Kenntnissen beruht, sondern auf
Gefühlen (mit langem ü)
& Geschmack (mit kurzem a) –
`s ist einfach
fürchterbar! Das ist der Mensch
in seinem Wahn. Schlimm
war auch, dass es nur 2 Apfelringe auf meinem Teller gab
& Spandau Balletts »Gold« aus den Lautsprechern sickerte.
Da kam mir fast die Leber hoch.
Die geschnetzelt war. Anders
als in meiner Kindheit; da waren
nur die Nieren geschnetzelt gewesen. Die Frau
redete weiter. Ein schlichtes Herz. Ach,
wäre sie doch nach draußen gegangen,
um mit ihren Fingernägeln über die Schiefertafel zu kratzen.
Ich dachte an die Schadstoffe
in den inneren Organen einer Kuh. Ich wünschte
ihr, sie wäre mit Céline verheiratet gewesen. Also,
die Frau, nicht die Kuh. „Mit Louis
unterhielt man sich nicht“,
hatte Lucette Destouches gesagt,
„das war so, und damit basta. Über Literatur
wurde nicht gesprochen, über Musik auch nicht.
Man lebte damit, und darauf kam es an.“
Dabei fällt mir ein: hier gab’s auch Sülze
vom Schwein. Aber mit
den Gehirnen – das ist ja auch so ne
Sache. Was da alles drin ist!
Und oftmals fehlt auch was.
Hatte ich eigentlich genug Geld,
um die Kellnerin zu tippen? 10 % –
die konnte ja nichts
dafür. Es war sicherlich kein Vergnügen
hier zu arbeiten. Anderswo
aber meist auch nicht. Jemand
raucherhustete 2 Tische weiter…. Der
hatte hier doch auch nichts zu suchen.
Meine Mutter hatte den Ulysses
nur zur Hand genommen, weil Richard Burton
so „dafür schwärmte“; und meine Mutter
schwärmte für Richard Burton.
Nach ein paar Seiten sagte sie
etwas schrecklich Banales (ich
erinnere mich genau, dabei wäre es
gewiss angenehm, derartiges vergessen zu können)
& legte das Buch für immer aus der Hand (wobei
„für immer“ nicht mehr lange dauerte).
Waren deshalb „ihre“ Nieren stets geschnetzelt?
Egal – jedenfalls gab es in meiner Kindheit immer genügend Äpfel
zur Leber. In Scheiben, nicht
in Ringen. Erneut ging
die Schiebetür auf & der Mund der Frau
nicht zu. Die war doch auch nicht mehr
ganz frisch. Entsprechend
roch es schon wieder. Nach
Scheisse & Gelaber. Leber &
wortverseuchtem Atem. Es gab ein Fenster,
durch das ich schauen konnte. Auf
eine graue Hauswand auf der anderen Seite
der Gasse. Volkbelebt konnte man sie
schwerlich nennen, eher schon
hohl – kopfhohl sozusagen – doch 2 junge Frauen
standen dort draußen & unterhielten sich. Ein alter
Mann ging vorbei & schwieg. Schweigen
schmückt jedes Gesicht – auch wenn es noch
so garstig ist. Schon deshalb hatte ich viel
zu schweigen. Die Inhaberin ihrer Meinung
indes wollte diese nicht
für sich behalten; sie wollte sie
loswerden (so gesehen wäre es fast verständlich –
wer würde so eine Meinung nicht loswerden wollen? Am besten
für immer!). Ich musste
hier raus. Kaute schneller. Schluckte schneller.
»Zahlen!« 8 (die Hausnummer) – 5 (die Tischnummer) –
9,80 € (die Leber mit Beilagen). Ich klimperte
die notwenigen Münzen zusammen; Kartenzahlung
wäre hier allzu anachronistisch gewesen; fürs angemessene
Trinkgeld reichten sie auch – & dann:
schneller Gruß »Schönen Abend noch«
und nix wie weg. Hinaus
in die ruhige Luft. Wenigstens die
war mehr oder weniger
frisch. Das reichte mal wieder
für ne Weile.
Leute – als bekäme man eine Glocke übergestülpt,
und jemand haute
immer
mit nem Hammer drauf.
Dong! Dong! Dong!


Die Venus über der Straße

Nein,
ich kann sie nicht ernst nehmen –
die Venus über der Straße.
Die Stecknadel am Abendhimmel.
Sie leitet mich
fehl.
Wenn ich ein Auge zudrücke, scheint sie
über dem Hotel zu leuchten,
in dem ich arbeite –
für 8 Euro pro Stunde
+ Nachtzuschlag,
inklusive mieser Musik, die alles berieselt.
Da ist wenig Erotik;
von Liebe ganz zu schweigen.
Jedenfalls, was mich betrifft.
Selbst das Essen, das ich bekomme,
wirkt meist lieblos.
In den Zimmern,
an denen ich vorbei gehe,
nachts auf meinem Rundgang,
mag es anders sein. Vielleicht.
Ein bisschen wie
in meinem Kopf.
Hier schnarcht’s, da stöhnt’s,
die Klospülung rauscht, und
das plötzliche Niesen hinter einer Tür
erschreckt mich fast zu Tode.
Manchmal klatscht es auch dahinter
– & das ist kein Applaus.
»Wir hätten gern ein Doppelzimmer.«
»Ich hab nur noch Einzel.«
»Das ist okay.«
»Das Bett hat nur 90 cm.«
Keine Ahnung, ob das stimmt.
»Das reicht uns.«
Da wett’ich drauf!
»Hauptsache, es is schön warm.«
»Selbstverständlich.«
Und wenn Eure Hitze nicht reicht,
schenk ich Euch einen vollen
Benzinkanister. (E10. Ich muss sparen).

»Möchten Sie auch frühstücken?«
»Äh…. nein, wir reisen ganz früh wieder ab.«
Na sicher. Ohne Gepäck. Und die Adresse
ist gleich nebenan.

Hin & wieder stirbt jemand.
Hin & wieder blutet jemand.
Aber meistens
nicht.
Und sollte ich gerade essen, ist
das Hotel ausgebucht.
Nein, ich kann sie nicht ernst nehmen.
Die Venus über der Straße.
Und die Arbeit.
Und noch
so mancherlei.


Grillen

Ich hasse Grillen!
Nicht das Gezirpe. Das gesellige.
Nicht die Tiere (obwohl auch die nerven können), sondern
die Versammlung von Menschen ums atavistische Feuer.
Und eine Versammlung beginnt bei 3.
Gestank, Gerede – nicht einmal
den kanzerogenen Fraß (sinnigerweise Grillgut genannt) kann ich leiden.
Miefige Gartenzwergidylle.
In der »freien« Natur.
Die Pappteller & das Plastikbesteck sind noch
das Beste daran.
Ich hasse den Rauch –
& den Brauch
auch.
Lasst uns uns treffen, schmatzen & smalltalken!
Wenn die paar Menschen, die mich kennen, einen Witz machen wollen,
sagen sie: »Wir kommen dann mal zum Grillen bei dir vorbei.«
Und ich muss wirklich – jedes Mal – lachen. Mir gefällt die Doppelpointe:
Grillen & Vorbeikommen!
Ich mag kaum darüber nachdenken, was die Meute da
zusammen treibt. Um die Kohle herum.

Zuweilen höre ich sie.
Eine einzelne Grille.
Oder eine andere.
Oder mehrere.
Manchmal ist es beruhigend –
kleine Wesen in der Nähe zu wissen;
manchmal störend.
Wenn sie mich stören, können sie nichts dafür.
Es ist ihre Natur.
Das macht mich nicht traurig.

Nun gut, vielleicht liegt es auch in der Natur
des Menschen –
zu grillen…..

Noch immer.

Das allerdings
wäre
traurig. –

Wie dem auch sei –
am sympathischsten sind mir
nach wie vor
die Grillen

in meinem Kopf.

Eine wimmelnde Versammlung, die
gar nicht groß genug sein kann.


Der unstillbare Appetit

Ein
achtlos fallengelassenes
Wort

weckte
meinen
Appetit

Jemand
erwähnte
ein Gericht

das
ich
liebte

&
lange nicht
gegessen hatte

Ich
oder sonstwer
hätte es kochen können

jetzt
in diesem Moment
der Erinnerung

& des
wachsenden
Appetits

Doch
es wäre nur eine
Kopie gewesen

Eine Kopie
des
Erinnerten

& die
wesentliche Zutat
hätte gefehlt

Der Geschmack der Köchin
die längst
gestorben war

Der Tod
macht den Appetit
unstillbar

immer
wieder

& das Lieblingsgericht
verschwindet
für immer

aus
dem
Leben


Die gute Mahlzeit

Der Mann mit dem Schirm hielt den Schirm
aufgespannt über Currywurst & Pommes – &
über seinen Kopf, in den er Currywurst & Pommes happte.
Es war noch Platz unter dem Schirm.
Für einen zweiten Mann.
Den Freund. Den Mann mit der Bratwurst.
Abenddämmerung.
Nieselregen trommelte zart auf den schwarzen Stoff.
Der Stehtisch stand frei.
Sie hatten ihn sich ausgesucht,
obwohl sie unterm Vordach des Imbisses noch Platz gefunden hätten.
»Und?« sagte der Mann mit der Bratwurst.
»Nichts und.«
»Nichts Neues also?«
»Nein.«
»Du hast immer noch
nichts von ihr gehört?«
»Nein.«
»Seltsam.«
»Vielleicht. – Aber eigentlich
nicht.«
»Was meinst du?«
Eine Straßenbahn fuhr vorbei –
fast leer – ein von innen leuchtender Wurm –
metallischer Klang.
»Ganz einfach«, sagte der Mann mit dem Schirm;
das gelbe Plastikgäbelchen in eine Fleischscheibe pieksend,
»manche Menschen sind
wie eine gute Mahlzeit:
Am Anfang
schön
gut duftend
appetitanregend
lecker –
& am Ende
auch nur Scheisse.«
Er lächelte;
zufrieden mit seiner Formulierung.
Der Mann mit der Bratwurst grinste,
stippte das Ding in seiner Hand in den Senf.
»Du bist zu hart«, sagte er.
Der Mann mit dem Schirm sagte:
»Erwähnte ich schon mal, dass ich knusprige Pommes
nicht ausstehen kann?«
Er nahm eine einzelne Fritte zwischen die Finger –
lang, labberig, fettgetränkt.
»So müssen sie sein.«
Das rasche Auf & Ab seiner Hand
unterstrich die weiche Beschaffenheit, die er meinte.
»Und so bin ich«, sagte er. »Und manchmal
auch so….«
Und er streckte den Arm aus & hielt die Fritte
in den Regen.
Dann aß er sie auf.
»Übrigens sind mir knusprige Pommes auch zu laut«,
sagte er. »Ich liebe das leise Essen.«
Der Andere grinste. Schon wieder.
»Spinner«, sagte er. Freundschaftlich.
Der Mann mit dem Schirm lachte. Kurz.
Er betrachtete die Kondensperlen auf den Bierflaschen.
»Schade«, sagte er, »dass die Straßenbahnen hier
keine Oberleitungen mehr haben. –
Ich mochte den Funkenflug.«


Immer weniger

»Du wirst tatsächlich immer dünner«, sagte sie.
Ihre Hand auf Testfahrt
unter der Bettdecke
auf meinem Oberschenkel
meinem Arsch
meinem Bauch ….
»Tja«, sagte ich, »so ist das.«
Ihre Stimme klang besorgt. »Du wirst
immer weniger.«
»Mehr von mir würdest du gar nicht
ertragen; deshalb sehen wir uns doch
so selten.«
»So meinte ich das aber nicht«, sagte sie.
»Ich weiß. Aber ich
meinte es so.«
»Du solltest mehr essen &
– hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde –
mehr Alkohol trinken.«
»Mehr ist gut«, sagte ich. »Mehr als
nichts. – Aber keine Sorge. Das werde ich. Irgendwann.
Sobald die Nüchternheit genau so zum Ritual geworden ist,
wie es das Saufen zuletzt gewesen war. Manche
Gewohnheiten langweilen mich einfach. Irgendwann.
Ebenso wie manche Abhängigkeiten.«
Ich konnte sie
nachdenken
hören.
Unter der Bettdecke.
Und ich stellte mir vor, wie ich
immer weniger wurde …..
So lange
bis ich
verschwunden war.


Das Versehen

Ich war wohl betrunken &
hatte Hunger.
Also schmierte ich Butter auf eine Scheibe
Kürbiskernbrot (von führenden Urologen empfohlen).
Ich öffnet den Kühlschrank.
Da war kein Aufschnitt mehr.
Da war fast gar nichts mehr.
Ok, dachte ich, also Tomantenmark aufs Butterbrot.
Ich griff nach der roten Tube, drückte ……
Es war
Scharfer Senf.
Ok, dachte ich, was soll’s!
Ich verteilte den Senf.
Griff nach der anderen roten Tube.
Drückte ……
Tomatenmark auf die Scheibe Kürbiskernbrot
mit Butter &
scharfem Senf.
Schnitt die Scheibe in der Mitte durch,
klappte sie zusammen
& biss hinein.
Es schmeckte gut.
Wie so manches Versehen.


Die Weinabteilung

Immer wenn er mit seinem Vater einkaufen ging,
zog es den kleinen Jungen in die Wein-
abteilung. Aufgeregt. Erregt. Neu-
gierig. Suchend.
Flirrend-funkelnde Flaschen in Regalen,
bunte Bilder auf Etiketten;
Licht-
reflexe
auf Glas ……
Und immer versuchte er, sich
abzusondern – ein paar Schritte
im Abseits, um
allein
zu
sein ……
Allein
mit seiner
Erregung.
Unbemerkt
zwischen großen fremden Menschen.
Unbemerkt
zwischen Flaschen
in Reih & Glied.
Auf der Suche nach
dem Weißwein, der
zu warm war ……
Nach einem Schriftzug, den
er lesen konnte,
bevor er lesen konnte.
Den er
spüren konnte
wie einen Schmerz –
einen Schmerz, der
trocken & lieblich
zugleich war;
herb.
Und der kleine Junge
buch-
sta-
bier-
te:
N – A – C – K – T – A – R – S – C – H

Eine Marke.

Das Etikett:
gemalt,
fast naiv – – :

Ein Junge
mit herunter-
gelassener
Hose;
ein alter Mann
mit er-
hobener
Hand,
der lächelt.
Der Blick des Jungen:
ängstlich
in
Erwartung.

Und der kleine Junge
vor dem Wein-
regal
hatte keine Worte
für die Gefühle
in seinem roten Kopf,
seinem schlagenden Herzen,
seinem Schritt.

Sein Vater –
einige Schritte entfernt –
war kein
alter Mann;
doch auch er hatte eine Hand, die
oft
erhoben war –
ohne dass er lächelte.

Während der Junge
wein-
te.

Tränen, die
nach Wein rochen.

Und manchmal hielt diese Hand
einen Stock ….
eine Peitsche ….
einen Kochlöffel ….

Einen Kochlöffel, in den
der Name des Jungen
gebrannt war
mit einem glühenden Eisen.

Der Junge liebte
die Hände seines Vaters –
betrachtete sie oft
am Lenkrad,
wenn der Vater ihn
zu einem ersehnten Ziel fuhr …..

Monde
unter
Fingernägeln.

Reflexionen.

Der Kochlöffel
liegt
heute
in einer Schublade.

Ich benutze ihn nicht.

Wo der Stock ist, weiß ich nicht.

Die Peitsche ging verloren.

Die Hand ist verwest.

Mein Herz
schlägt,
wie sie es tat –
damals.

Ein Geräusch, das
an Beifall
erinnert.

Ich liebe Wein –
Rotwein
bevor-
zugt.

Die Marke ist
fast
egal.

Und manchmal
schmeckt der Wein
nach Salz.

Ich liebe Worte
wie Buch-
staben.

Buchstaben
wie Worte.

Begreife
die Erotik des Kochens
wie nackte Ärsche …..

Lebe meine Obsessionen
aus
vor
Regalen.

Esse,
trinke.

Flaschen flirren.

Lust
Schmerz
Nahrung
Tod.

In meinem Gedächtnis
hängen
naive Bilder.

Und manchmal
hängt der Mond
wie ein Spielball
am Nachthimmel.

Mit herunter-
gelassener
Hose

& spiegelt sich
weiß
in Flüssigkeiten.

Ein Spielball
der Gefühle,
für die ich
keine Worte habe.


Erbsen & Möhrchen

Erbsen & Möhrchen
sind so
unterschiedlich

& leben doch
ganz friedlich
miteinander
in nur
einer
kleinen
Dose.


Verschüttet

Irgendwo
zwischen Pastis, Rotwein, Rum & Bier,
zwischen Zigarren & Zigaretten,
Pizza & Kartoffelchips
endete die Nacht
in einem Telefonat.
Lachen, Musik, Eifersüchteleien,
Neckereien, Liebeserklärungen, vertrautes Schweigen.
»Verdammte Scheiße!«
»Was hast Du jetzt schon wieder verschüttet?« sagte sie.
»Bier. Meine Socken sind nass. Meine Hose ist nass«, sagte ich.
»Du hast eine Hose an?«
»Ja.«
»Ich nicht«, sagte sie. »Ich bin nackt.«
»Du Sau.«
»Ich war doch schon im Bett.«
»Ja klar. Ich erinnere mich.«

Ich hatte darin gelegen, verkatert, als sie
eintraf; der Haustürschlüssel steckte
von außen. Und ich hörte Bewegungen, die
nach Vertrautheit klangen – als wäre sie
hier daheim. Sie stellte ihre Schuhe dorthin,
wo sie sie immer hinstellte, machte sich
einen Kaffee in meiner Küche & kam
ins Bett. Und der Kaffee wurde kalt. Wie immer.
Und als sie sich ein Bier holte, wurde es warm. Wie immer.
Musik kam aus dem Nebenraum. Verhangene Fenster.
Die Kerzen brannten herab.
Und irgendwo
zwischen Ficken, Lecken, Schlucken, Küssen,
zwischen Tasten & Lachen, Schweigen & Schlafen
endete der Nachmittag
in einem Hunger, der unstillbar schien.
Unsere Mägen hatten sich angeknurrt;
fürs Essen war keine Zeit gewesen,
im Funkenflug der Stunden.
Und als wir uns verabschiedeten,
war ich es, der nackt dastand, und sie war
dick angezogen, denn es war Winter.
»Du bist bestimmt froh, wenn ich weg bin,
dann kannst Du Dir endlich was zu essen machen.«
»Na klar«, sagte ich.

Ich wischte das Bier auf, zog die Socken aus,
tupfte die Hose ab.
»Hab ich eigentlich irgendwas eingesaut?« sagte sie.
Sie hatte ihre Tage. Ich meine Nächte.
»Nein», sagte ich. »Ich hab doch eh alles weggeschluckt.«
Sie lachte.
2 Stunden Fahrt hin, 2 Stunden Fahrt zurück.
Fernwärme. Sehnsucht. Vermissen.
Zeit, die fehlt. Hunger, der unstillbar ist.
Jetzt war ich vollgefressen & besoffen,
wieder geil – & allein. Doch nicht ganz. Ich hörte sie trinken.
Am Telefon.
Wir waren gut aufgelegt, bevor wir auflegten. Und uns hinlegten.
In der Ferne des jeweils anderen. In der Nähe unserer Träume.
Der nächste Kater wartete schon mit dem Schraubstock.
Schlimmer als der vorige.
So Vieles wird verschüttet.
Nicht immer
das Schlechteste.


Ein erfülltes Leben

Essen
Trinken
Rauchen
Wichsen

Ein erfülltes Leben

Leere
kann
Fülle
sein

Sobald man
vergisst

was
fehlt.


Jägermeister & Fleischwurst

Ich bestrich die Fleischwurstscheiben
großzügig mit Mayonnaisse, rollte sie,
aß sie.
Eine nach der anderen.
Dazu trank ich Jägermeister.
Ich war 14.
Saß in meinem Zimmer auf der Matratze,
die auf dem Boden lag.
Es war die Zeit, als ich noch
unordentlich war.
Bücher & Zeitschriften lagen überall
in wildem Durcheinander.
Wie viele Scheiben Wurst mit Mayo
brauchte es? Wie viele Gläser
Jägermeister?
Ich weiß es nicht mehr.
Ich kotzte.
Kotzte wie selten.
Auf die Bücher, auf die Zeitschriften.
Man konnte die Wurst noch erkennen,
dazu die Farbe des Getränks.
Irgendwie schaffte ich es ins Bad, um dort
weiterzumachen.
Mein Bruder & seine Frau saßen im Wohnzimmer.
»Oh, mein Gott«, hörte ich sie sagen.
Denn ich war sehr laut.
Mein Bruder sagte nichts.
Er war es, der
in mein Zimmer ging, um dort
sauberzumachen.
Es machte ihm nichts aus.
Ich hätte das nicht
gekonnt.
Wie so vieles.
Ich bewunderte ihn dafür.
Wie für so vieles.
Liebte ihn.
Liebte bereits
SIE
die »Oh, mein Gott« gesagt hatte.
Alles ändert sich
irgendwann.
Natürlich.
Natürlich wie der Vorgang des
Kotzens.
Ich besitze noch einige der
Bücher von damals.
Man sieht die Spuren.
Zum Teil habe ich vergessen, was
ihn ihnen stand. Es war
weniger wichtig.
Weniger wichtig als ihre
bekotzten Einbände.
Es dauerte lange
bis ich wieder
Fleischwurst essen,
lange
bis ich wieder
Jägermeister trinken konnte.
Ich kotze nicht mehr.
Obwohl ich weiterhin
esse & trinke.
Da wäre auch niemand mehr, der es
wegmachen würde.
Und da ist auch
Niemand mehr, der
»Oh, mein Gott« sagt.


Klunkermus

Das Mittagessen war so oft
ein Drama
in meiner Kindheit.

So oft überkam mich
der Ekel.
Glibberige Stellen im Fleisch.
Knorpel.
Mein Vater, der
irgend etwas
aus seinem Mund holte &
an den Rand seines Tellers legte ….

Das Schmatzen meiner Brüder &
die strengen Ermahnungen deswegen ….

& so oft
war es
zu viel!

Wieder & wieder
etwas
das ich nicht schaffen konnte.

Ein Drama, das
immer wieder in Tränen &
mit Schlägen
endete.

So sinnlos.
So unsagbar sinnlos!

Doch das schlimmste Gericht,
das ich jemals durchlebt habe,
hieß:

Klunkermus.

Eine Spezialität aus Ostpreußen,
wo mein Vater herstammte.

In einem Teller voller Milchsuppe
schwammen Klumpen, die
wie weiße Scheißhaufen aussahen.

Schon bei ihrem Anblick musste ich
würgen.
Und ALLES –
die Suppe, die Klunker –
schmeckte
nach dem widerwärtigsten Nichts, das jemals
in die Form von Nahrung gebracht wurde.

Vielleicht war das nur
der Fehler meiner Mutter?
Ein Fehler im
Rezept?

Egal.

Nach 2 Bissen
rannte ich in die Küche &
spuckte alles in den Mülleimer
(der Weg zum Klo wäre mir zu weit gewesen).

Was danach geschah,
brauche ich nicht mehr zu beschreiben.

Es ist gleichgültig
geworden.

Was mir nicht gleichgültig ist:
Ich hatte Glück.
Aus all diesen Dramen mit diesem
(immerhin EINMALIGEN)
Höhepunkt, den man
Klunkermus
nennt, ist keine Essstörung entstanden.

Mehr als ich
kann man
das Essen
nicht
lieben & genießen.

Und:
Ich kotze nicht.
Nicht wegen des Essens.
Zumindest.

Die Inneren Verletzungen,
die durch das alles entstanden sind,
haben sich
zu ihrem Ausgleich
andere Wege
ge-
sucht.

Und eigentlich
ist Klunkermus
ein schönes
Wort.


Der Bienenstich

Nacht.
Stille.
Auf dem Bildschirm:
nackte Frauen über Telefonnummern.
Stummgeschaltet.
Ich sitze im Bett & esse
ein Stück Kuchen.
Bienenstich.
Es ist mein Frühstück.
Ich betrachte die Beine.
Der Kuchen ist lecker.
Die Gedanken fliegen.
Da bin
Ich. Als kleiner Junge.
In kurzen Hosen.
Ferienausflug.
Ich kletterte einen steilen Abhang
hinauf. Meinem Vater &
meinen Brüdern hinterher.
Hatte Angst
abzurutschen ….
hinunter zu fallen ….
Der Aufstieg war anstrengend.
Ich schaute nur nach oben,
achtete kaum darauf, wo ich
hintrat.
Dann:
Ein Stich.
Ein Schrei.
Ein unbekannter Schmerz
in meinem rechten Bein. – –
Die Biene war dem Tod geweiht;
auch sie auf einem Ausflug –
ihrem letzten.
Ich weiß nicht mehr, ob ich
weinte.
Wahrscheinlich.
Mein Vater ging die paar Schritte
abwärts, zurück zu mir.
Meine Brüder warteten.
Mein Vater kniete sich hin.
Pulte den Stachel heraus.
Presste seine Lippen auf mein Bein
& saugte.
Dann spuckte er auf den Boden.
Der Schmerz blieb.
Noch eine Weile.

Aber ich habe ihn vergessen.
Vergessen, wie er sich anfühlte.
Was ich nicht vergessen habe ….
Egal.
Der Kuchen ist alle, und
die Beine sind noch da.


Das Leberwurstglas

Da steht dieses Leberwurstglas
im Kühlschrank.
Angebrochen
vor längerer Zeit.
Als man
Appetit hatte.
Einmal nur
hatte man diesen Appetit;
das Glas wurde angebrochen,
und der Appetit kam & kam
nicht wieder.
Man ahnt
wie es in dem Glas aussehen könnte,
mittlerweile.
Man traut sich nicht,
nachzuschauen.
Aber man hofft,
dass noch alles in Ordnung ist,
sollte der Appetit
jemals
zurückkommen.


Kochshow

»Ich kann nicht kochen …«, sagte sie.
»Also, mir hat’s bisher immer geschmeckt«,
sagte ich.
Sie grinste. »Doofsack. Ich meinte:
Ich kann nicht kochen, wenn du mir dabei
nicht
zusiehst.«
»Aber ich sehe dir doch zu.
Immer.«
So war es.
Ich sah ihr zu.
Beim Kochen.
Immer.
Saß hinter ihr.
Immer.
Meine
private
Kochshow.
Genüsse & Vorfreuden
die
aufeinander
trafen.
Der Geschmack des Cocktails ….
Der Geruch des Essens ….
Der Dampf ….
Die Wärme ….
Ihre Geschicklichkeit ….
Ihre Schönheit ….
Ihre Zaubertricks …..
Ihre Beine ……

Sie kochte nur, wenn sie
gut gelaunt war.
Wenn sie gut gelaunt war,
zog sie an,
was ich mochte.
Hin & wieder
beugte ich mich vor
& hob ihren kurzen Rock
oder mein Hemd,
das sie trug,
ein wenig an.
Sie ließ sich
nicht
stören
& rührte.
Das Essen
& –
mich.


Das hat etwas mit dem Leben zu tun

Da trinkt man
3 Stunden lang
Cocktails
als Vorbereitung
auf
das Essen ……

Und dann
schlingt man
das Essen
in
ein
paar
Minuten
herunter.


Pommes im Tiefkühlfach

Ich hatte noch
ein paar Pommes
im Tiefkühlfach.

Sie waren
gerade
mal
ausreichend
für
einen Abzählreim.

Es liebt mich
Es liebt mich nicht
Es liebt mich
Es liebt mich nicht.

Davon
konnte ich
nicht
satt werden.

Das Leben.

Was
sonst noch
hätte ich
dazu
essen
oder
abzählen
können?

Nichts.

Es war
Nichts
da.

Aber
davon
reichlich.


Die letzte Scheibe Toast

Jeden Tag
hat man 1 oder 2 Scheiben Toast
aus der Packung genommen
& mit Genuss gegessen

Am letzten Tag
nimmt man die vorletzte heraus
& sieht
dass die letzte Scheibe
auf einer Seite
verschimmelt ist

Man wirft die beiden weg
(Vermutlich)
Aber die letzte Scheibe
könnte
schon lange schimmlig gewesen sein

Schon als die Packung
noch halbvoll war –

& prompt
hat man wieder
etwas
zu denken


Erdbeeren

Nun bin ich schon
so
alt
&
habe doch noch
niemals
jemanden
kennen
gelernt
der
Erdbeeren
hasste

Ich
hasste
sie schon als
kleines Kind

Ihren
verwässerten Geschmack
Ihre Kerne
die in meinen
Milchzähnen
knirschten
wie Sand

Später
viel viel später
als Erwachsener
dachte ich:
Vielleicht
würden sie dir heute schmecken

Denn nicht immer ist der
Geschmack der Kindheit
von
lebenslanger
Dauer

Also
probierte ich die Erdbeeren
die mir jemand
der es
gut
mit mir meinte
kredenzt hatte

Nach 1 Bissen
wusste ich:
Nichts
hatte sich
geändert

Ich hasste sie noch immer.

Wasser & Sand.

Der Geschmack
des
Mittelmaßes.

Der Geschmack
den
fast
alle
lieben.

Erdbeeren
auf Geburtstagstorten

Erdbeeren
im Pudding

Erdbeer
Eis

Nun bin ich schon
so
alt
&
habe
die Suche
fast schon
aufgegeben

Die Suche
nach den
Erdbeerhassern


Karamell

Meine Philosophie
ist
sofern ich sie nicht
vergesse
sehr
einfach –

Ich
karamellisiere
Zwiebeln
mit
Zucker.


Ich hab Fritten !

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie.

Mein großer Bruder
war noch klein.
Ich: noch kleiner.

Es war
in den Ferien. Am Meer.

Mein Vater & ich saßen
im Freien. Am Tisch eines
Imbisses.

Die Sonne schien, wie sie es
nur
manchmal
in der Kindheit tut.

Salz
kitzelte in meiner Nase.

Mein großer Bruder
der noch klein war
kam aus dem Innenraum
des Imbisses

mit einem großen Teller
der voll war

Mein Bruder strahlte

Schon von weitem rief er:
»Ich hab Fritten!«

Der bevorstehende Genuss
ließ ihn schneller gehen

Schon konnte ich
die Fritten riechen

als mein Bruder
stolperte

Den Teller
behielt er in der Hand

Aber
er war leer

Alles lag auf dem Boden

Ich erinnere mich
nicht
ob mein Vater & ich lachten

Beim besten Willen
kann ich mich nicht
erinnern

Aber
ich vermute es
denn
es wäre menschlich gewesen
zu lachen

Zumindest
kurz

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie

»Ich hab Fritten!«

Für alle Momente
die an
diesen
einen
Moment
erinnerten

Und im nachhinein
ist es für mich
fast
ein Lebensmotto

Denn
ich hatte
oftmals
Fritten
in meinem Leben


Der Pizzateller

Der Pizzateller war alt &
hatte viele Risse & Sprünge von der Hitze,
denn in all den Jahren hatte ich ihn
immer wieder
vorgewärmt auf der Herdplatte.

Seine Oberfläche
hatte der Hitze nicht standgehalten.

Die Risse & Sprünge erinnerten mich
an die Falten in meiner Visage.
Dabei war ich
nicht öfter verheizt worden
als andere.

Ich war
Ende 40
& hatte Besuch von einer Frau
die 22 war.

Wir tranken Absinth
& redeten.
Allerdings redete ich
nicht viel.

Brennender Zucker
in der Nacht.

Das Licht alter Lampen &
junger Kerzen.

Sie mochte Frauen
mehr als Männer
& erzählte mir davon.

Erzählte mir
Details.

Es war nicht so, dass sie
Männer nicht mochte.

Auch davon erzählte sie mir.

Wir saßen auf meinem alten Sofa,
sie im Schneidersitz. Wir
hatten unsere Schuhe ausgezogen.
Sie sagte: »Ich quatsche die
ganze Zeit, und Du erzählst nichts
über Dich.«

»Da gibt’s auch nichts zu erzählen«,
sagte ich.

Musik
kam aus einem anderen Zimmer.
Sie war
unser beider Geschmack.
Die Playlist trug den Spitznamen, den ich
der Frau gegeben hatte.

Sie trug schwarz,
ich trug schwarz,
meine Hose war lang,
ihre kurz.

Schließlich bekamen wir Hunger.
Ich schob eine Tiefkühlpizza in den Herd.

Den Teller wärmte ich vor
auf der Herdplatte.

Als die Pizza fertig war,
tat ich sie auf den Teller,
viertelte sie mit dem Pizzaschneider,
legte eine Pepperoni in die Mitte &
schaltete den Herd aus.

Ich wusste, wie ich den Teller
halten musste, um mich
nicht zu verbrennen.
Sie, die junge Frau, wusste es
nicht. Ich vergaß, sie zu warnen &
drückte ihr
den Teller in die Hand.

Sie schrie auf.
Kurz.

»Scheiße, ist der heiß«, sagte sie.

Sie hatte recht.
Er war heiß,
und er erinnerte an meine Visage.
Mich zumindest.

Wir setzten uns auf das alte Sofa.
Meine Hose war lang,
ihre kurz.

Beide waren schwarz, und
wir begannen
zu essen.


Der Zwang

Der einzige Zwang,
den ich liebe,
ist der Zwang,
essen
zu
müssen.

Aber
das war nicht immer so.

Es war anders,
als ich zu spüren bekam,
was wirklicher Hunger ist.

Doch die Liebe
zu diesem Zwang wäre
heute
vielleicht
eine schwächere
ohne diese
Erfahrung.

Ja –
ich kann mir
ALLES
schöndenken.

Und
auch das ist
vielleicht
ein Zwang.


Der Eintopf in der Gemeinschaftsküche

Da ist dieser Eintopf in der
Gemeinschaftsküche

Wenn man Glück hat
ist man die eine
einsame
Bohne
die den
lautesten
Furz
verursacht.


Political Correctness

Ich esse Negerküsse, weil
sie mich an meine Kindheit erinnern.

Ich höre Zigeunermusik, weil
ich sie liebe –
Django Reinhardt
vor allem.

Ich will keine Schaumküsse der Langeweile.

Es ist immer dasselbe mit den Menschen:
Sie suchen nicht den Kern,
sie kratzen an der Schale.

Und die Mordlust kommt von
Filmen & Videospielen?

Natürlich,
Ihr Langweiler.
Was denn sonst?

Ich habe in meiner Kindheit noch mit
Ausländern gespielt.

Diskriminierung ist
meinem Denken & Fühlen so fremd,
dass ich sie in
einzelnen Worten
meist
nicht erkennen kann.

Ich sehe Splatterfilme &
fühle mich schlecht, wenn ich
versehentlich
jemandem auf den Fuß trete.

ICH SEHE MENSCHEN!
NICHT DIE WORTE,
DIE SIE ZU BESCHREIBEN VERSUCHEN!

Ich mache Witze über
Krankheiten & Tod.
Auch das tut man nicht.
Die Witze sprießen aus dem Boden
der Angst & des Entsetzens –
gedüngt mit Erfahrung.

Nehmt endlich Eure
Politische Korrektheit
– sie ist rein äußerlich,
oberflächlich wie Euer Denken
(wenn man’s »Denken« nennen mag)  –
& schiebt sie Euch in den Arsch,
auf dass Ihr sie Euch
verinnerlichen möget.

In der Zwischenzeit wische ich mir den Mund ab,
zufrieden & satt von
Negerküssen,
& rufe:
»PLAY IT AGAIN, DJANGO!
ALTER ZIGEUNER ….«


Zwiebeln

Wenn man eine Zwiebel schält, weiss man wenigstens,
was einen erwartet.
Wenn man eine Zwiebel isst, weiss man wenigstens,
was einen erwartet.
Wenn man eine Zwiebel verdaut hat, weiss man wenigstens,
was einen erwartet.

Ich finde Zwiebeln schön, und ich finde schön,
zu wissen, was einen erwartet.

Aber manchmal
finde ich auch anderes
schön.

Und manchmal
erwartet einen woanders
genau das,
was man von Zwiebeln
erwartet.


Scheisse

Meine Scheisse sieht genial aus –
je nachdem, was ich gegessen & getrunken &
wie ich es verdaut habe …..

Ich wünschte,
meine Gedanken wären
Scheisse!


Ein Glückspilz

Hätte ich ein Fahrrad,
wäre seine Kette gerissen.
Hätte ich eine Tiefkühltruhe,
wäre sie warm.
Hätte ich eine elektrische Pfeffermühle,
wäre Sand darin.
Hätte ich eine Filmkamera,
könnte sie nur in Zeitlupe filmen.
Hätte ich einen Whirlpool,
wäre das Wasser ohne Blasen.
Hätte ich eine Brotschneidemaschine,
wäre sie stumpf.
Hätte ich einen Wäschetrockner,
würde er die Wäsche befeuchten.
Hätte ich einen Luftbefeuchter,
würde er die Luft trocknen.
Hätte ich einen Flachbildfernseher,
würde er zunehmen.
Hätte ich ein Wasserbett,
wäre Eis darin.
Hätte ich eine Dampfmaschine,
wäre sie ohne Dampf.
Hätte ich ein Mikroskop,
wäre es ein Makroskop.
Hätte ich eine Frau,
wäre sie ein Mann.
Hätte ich einen Stein,
wäre es ein Herz.

Aber ich bin ein Glückspilz –
weil ich all das
nicht
habe.


Alle 3

„Ich habe Hunger“, sagte ich.
„Hunger?“ sagte sie.
„Ja“, sagte ich, „ich will eine riesige Pizza,
voll von Knoblauch, Zwiebeln & Chilis.“
„Dann solltest Du eine essen“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich, „aber lieber als diese Pizza
wäre mir Deine Muschi. Und
lieber als Deine Muschi –
Dein Herz.“
„Dann“, sagte sie,
„solltest Du alle 3 haben.“ – –
Und sie sagte:
„Was mich angeht,
hast Du
alle 3.“

Und ich dachte:
Ich hab sie nicht mehr alle.


Leberwurst vs. Käse

Da hatte man sich viele Stunden lang
mental auf Käse vorbereitet –
so sehr & so lange, dass man nur noch an
Käse denken konnte …..
Dann geht man an den Kühlschrank, und
der Käse ist ein pelziger Smaragd!

Aber die Leberwurst sieht noch ganz gut aus.
Auf den Käse hätte man Senf & Zwiebeln getan.
Also tut man Senf & Zwiebeln auf die Leberwurst –
in doppelter Menge.

Fast schmeckt man nur noch Senf & Zwiebeln.

Man vergisst den Käse, und der Appetit
wird befriedigt
von einer Sinnestäuschung.


Der Aal in der Zeitung

Ich kaufte mir einen Aal. Der Aal war tot. Das passte gut, denn ich wollte ihn essen. Eine spontane Entscheidung. Der Tag war dunkel. Der Tequila der Nacht saß mir noch in den Knochen, und da war diese rollende Fischbude an diesem Ort, wo sie noch nie gewesen war. Ich ging vorüber, und der Geruch erinnerte mich an andere Zeiten. Also kehrte ich um.
Der Fischhändler hatte etwas Seltsames an sich. Von einem Fischhändler erwartet man, dass er leutselig sei, laut, verbindlich & lustig; dieser war wortkarg, leise & grimmig. Ein dunkler Blick unter dicken schwarzen Augenbrauen. Eine tiefe Stimme, die aus einem verfilzten Vollbart kam. Auch der Aal hatte einen Blick; er war klar. Eine Stimme hatte er nicht. Der Händler teilte den Fisch in 2 Hälften & wickelte sie in Zeitungspapier. Ich wollte nicht wissen, wie es im Innern der Bude aussah, war froh, dass mir der Fußboden verborgen blieb.
Ich sah einen Spiegel, der mir sinnlos erschien. Ich zahlte; der Fisch siffte durch die Zeitung. Aber nur ein wenig. Er hinterließ keine Spur, der man hätte folgen können (falls jemand mir – oder dem Fisch – hätte folgen wollen).
Zuhause angekommen, legte ich ihn in der Küche auf ein Holzbrett. Machte Licht, weil der Tag so dunkel war. Nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank; 3 Grad Celsius. Trank aus der Flasche. Ich war so frei. Ich hatte frei. Freute mich auf den fettigen Fisch. Erinnerte mich an den Tequila & streute mir etwas Salz auf die Zunge; kippte das Bier hinterher.
Musik: Ich startete eine Wiedergabeliste, die ich ‚Kater’ genannt hatte. Versoffene Stimmen & Cool Jazz.

Der Vater sitzt am Eßtisch. Vor einer Bücherwand. Auf dem Teller die Zeitung. Auf der Zeitung der Aal. Der Vater schneidet den Aal in Stücke. Ich schaue zu. Rieche. Mag den Geruch.
„Na, möchtest du ein Stück?“ sagt der Vater. Er kennt meine Antwort.
„Nee“, sage ich.
Angst vor Gräten. In der engen Kinderkehle.
Der Vater lächelt. Ißt genüsslich. Fett tropft. Dazu grobes Brot. Er fischt Gräten aus seinem Mund. Ich finde das eklig. Aber ich mag es, wie er genießen kann.
Die Mutter bringt ein Bier. Blickt auf die Zeitung. Die Mutter mag keinen Aal.
„Na, wie wär’s?“ sagt der Vater.
Die Mutter grinst. „Hau bloß ab mit deinem Aal.“
Ekel vor dem Aal in der Kehle.
Die Mutter geht & schaut fern.
Ich werfe einen Blick ins Aquarium, wo der Wels schwimmt.

Die Musik war laut. Ich nahm mir noch ein Bier. Atmete den Fischgeruch. Blickte auf die Zeitung. Erkannte sie. Erkannte den Artikel. Wusste, was auf der Innenseite stand. Dem Fisch ganz nah. Die Zeitung war knapp eine Woche alt.

Tanja sitzt neben mir am Frühstückstisch. Sie trägt eins meiner Hemden & Sonne; sonst nichts. Der schwarze Kater liegt zu ihren nackten Füßen; er heißt Poe. Sie ist frisch geduscht. Ich nicht. Sie beißt in ihr Marmeladenbrötchen, ich mag das Geräusch.
Die Mutter (gerade zu Besuch) ist in der Küche, um sich noch einen Kaffee zu holen.
Tanja kaut. Ich halte ihr die Finger meiner rechten Hand unter die Nase…… Sie zuckt zurück.
Grinst mich an. Flüstert durch das Marmeladenbrötchen, dicht an meinem Ohr:
„Du Sau.“
Ich grinse zurück; flüstere zurück: „Wieso? Riecht doch gut, mmmh….Man muss Spaß auch im nachhinein noch riechen können.“
„Fisch zu Marmeladenbrötchen?“
Ich küsse ihr einen Krümel weg. Sie kichert.
Die Mutter kommt mit der Tasse zurück.
„Na, macht ihr wieder Unsinn?“
„Dein Sohn“, sagt Tanja, „wie üblich.“
Ich trinke den ersten Schluck Tee (der Geschmack ihres Saftes schwindet). Die Mutter ißt Toast, ich mag ihre Eßgeräusche nicht.
Ich stelle die Tasse ab.
„Ich mache niemals Unsinn“, sage ich. Schaue hinab auf den Kater, der mich ansieht. „Stimmt’s?“ frage ich ihn.
Er blinzelt.
„Ha ha“, sagt die Mutter – ironisch, mit vollem Mund. Ich hasse es, wenn sie mit vollem Mund spricht.
Ich beuge mich zu
Poe hinunter. Er schnuppert an meinen Fingern, seine Nase folgt ihnen – bis ich ihn zwischen den Ohren kraule. Er schnurrt.
Bevor ich mich wieder aufrichte, streichle ich Tanjas Kniekehle. Sie zuckt leicht zusammen.
Die Mutter registriert es. Schweigend. Kauend. – Seit 15 Jahren lebt sie allein. Keine Männer. Nicht
1mal ist sie am Grab meines Vaters gewesen. Weil sie es nicht ertragen könnte, wie sie sagt.
„Warum ißt du nichts?“ fragt sie.
„Keine Lust“, sage ich. – Dabei habe ich einen gewaltigen Hunger; nach all den Rammel- & Spielereien des frühen Morgens. (Tanja hat versucht, leise zu sein …. in Grenzen …. (& sie lässt sich nicht küssen, wenn sie den Geschmack von Sperma im Mund hat…))
Der Kater leckt an Tanjas Zehen.
Sie kichert.

(Eines Tages war der Kater nicht mehr nach Hause gekommen. Man fand keine Spur von ihm. Später gab es in der Zeitung einen Artikel: Viele Katzen waren verschwunden; man vermutete, dass sie für ein Versuchslabor eingefangen worden waren. Das war viele Jahre her.)
Ich stellte das Bier ab & wickelte den Aal aus. Der Aal war stumm. Und zweigeteilt. Die Musik: laut & melancholisch. Im Fischauge: der klare Blick des frischen Todes. War da Druckerschwärze auf der Haut des Fisches? Ich stellte es mir zumindest so vor. Schwarze Spiegelschrift. Ich würde ihn nicht waschen. Würde ihn essen, wie er war. Würde ihn genießen. Die verkehrten Buchstaben fressen. Würde mir die Gräten aus dem Maul fischen & sie auf den Teller legen. Keine Angst um meine Kehle. Und galten Augen nicht als Delikatesse? Irgendwo …..
Die Zeitung war aufgeweicht vom Fett. Die Todesanzeige kaum mehr leserlich. Der Tag dunkel.
Alle waren weg. Auf die eine oder andere Weise. – Ich: war noch da. War hier.
Ich besuchte keine Gräber mehr.
Lud keinen Besuch mehr ein.
Und vermisste den Kater.


Einsamkeit macht dick

Als Du gingst, wog ich
63 kg –

Jetzt wiege ich
71 kg –