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Das zerbrochene Lächeln

Ein Spiegel fiel aus
seinem Rahmen. Ein Lächeln
zerbrach. In ihm. Ungezählte

Splitterbilder prasselten
zu Boden. Scherben
schnitten in die Hände

der Verzweifelten. Sie
übte glücklich
aus

zu sehen. Doch
überzeugte kaum
sich selbst.

Sie kehrte das All
es zusammen – die Splitter
das Lächeln, die wandelnden

Bilder. Und warf
sie klirrend & blut
end in den Müll.

Der Rahmen blieb
zurück an der Wand.
Und rahmte

die Schatten der
Vorübergehenden
ein. Niemand

glaubte
das einstudierte Glück.
Denn das Lächeln blieb

zerbrochen.


Das Gegenlicht

Es brennt!

wie ein Feuer
…. das wärmt
wie ein Feuer
…. das verzehrt

Es brennt!

wie eine offene Wunde
…. die niemals heilt
wie eine Wunde
…. die sich langsam schließt

Es brennt!

wie eine reinigende Flüssigkeit
…. die in die Augen rinnt
wie ein Gas
…. das in die Augen weht

Es brennt!

wie eine Frage
…. die man nicht zu stellen wagt
wie eine Frage
…. auf die es keine Antwort gibt

Es brennt!

wie Hämorrhoiden beim Kacken
wie Nesseln bei Berührung
brennt wie Verlangen
brennt wie Sehnsucht

Es brennt!

wie ein Gewürz
…. ohne das Alles fade wäre
wie eine Taschenlampe
…. die unter der Bettdecke

das Lieblingsbuch der Kindheit beleuchtet

Es ist

hässlich
& schön
kitschig
& abstrakt

Es ist

Schmerz
& Beruhigung

Widerspruch
& Kontrast

Hintergrund
& Vorder-
grund

Und es wirft
die Schatten
die über
all

ex
is
tieren

über
all
hin

Das Licht!

Es brennt
auf der Rückseite
meiner
düsteren
Gedanken –

lichterloh
& farbenfroh.


Auf der Terrasse mit Turgenjew

Ich tat
nichts.

Scheinbar.

Saß
auf der Terrasse
in der Sonne

& las
eine Erzählung von
Turgenjew.

Das ist ungefähr
30 Jahre her.

Warum mir das
immer wieder einfällt
weiß ich nicht.

Aber
ich
ahne
es.


Rollen

Jeden Morgen wurde ich
in das Wohnzimmer gefahren, in
meinem weißen Bett auf Rollen

Ich schaute durch die hölzernen Gitterstäbe
& wunderte mich
über Alles

Das Licht der Welt

Ich konnte
noch nicht sprechen

aber leben

ein weiterer Neuling
auf diesem Planeten

ein Bewußtsein, das
sich seiner selbst nicht bewußt war

Das war
Glück

Bevor das
Selbstbewußtsein erwachte

&
die Rollen
&
die Gitterstäbe

eine andere Gestalt
annahmen

Als ich sprechen konnte
aber es nicht wollte

Zuletzt wird man mich
in ein anderes Zimmer fahren
in einem fremden Bett auf Rollen

hinein in die Finsternis

& es wird mich
nichts mehr wundern.


Beifahren

»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun,
Handeln statt Betrachten
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik –
unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«


Die Perfektion eines Augenblicks

Sie lehnte sich aus dem Fenster
in die Sonne,
um ihrem kleinen Sohn, den sie
mit 18 bekommen hatte,
etwas zuzurufen.
Er spielte vor dem Haus.
Sie war nackt & hielt sich
ein Sommerkleid vor die Brust.
Ich lag im Bett,
auf einer trockenen Stelle des Lakens –
& betrachtete sie.
Entspannt & glücklich.
Und ich malte mir aus,
welches Bild sich von draußen, von
der Straße, vom gegenüberliegenden
Gebäude aus
bieten musste.
Das Bild in diesem Fensterrahmen.
Und ich tauchte ab
in die Phantasie
der Betrachter;
in die Phantasie der Männer, die
sich ohnehin immer
nach dieser Frau umdrehten.
Sie würden wissen, dass sie
nackt am Fenster stand, hinter diesem
vorgehaltenen Kleid. Und
die Phantasie der Männer würde sich
ausmalen, was ich tatsächlich sah; und
alles würde perfekt sein in ihrer Vorstellung –
die Beine, der Hintern, der Rücken.
Und hier trafen sich
die fremden Phantasien, die ich
mir vorstellte,
und die Wirklichkeit, die ich
vor mir hatte.
Sie trafen sich in der
Perfektion.
In der Perfektion dieses Anblicks
&
in der Perfektion dieses
Augenblicks.
Und der kleine Junge rief:
»Ok!«


Glück ….. vielleicht ….

Ich kann noch so
unglücklich
sein

Noch so
krank

Noch so
einsam

Niemals möchte ich
ein
anderer
sein
als
ich

Vielleicht
ist
DAS

Glück


Murmeln

Die Freitagsschlange im Supermarkt.
Alte Menschen bei zähklimpernder Kleingeldsuche.
Ich schob meinen Flaschenwagen ans Laufband;
Alkoholvorrat für die nächsten Wochen.
Es gab mal wieder irgendeine lächerliche
Kundenlock-Aktion: für so&soviel Umsatz
bekam man etwas. Kleine Tütchen mit irgend
etwas Dickem, Rundem darin. Da ich
eine Menge Sprit kaufte, bekam ich 7 oder
9 von diesen Dingern & warf sie 8los in
den Wagen. Ich zahlte. Dann schob ich mich & den
Wagen in Richtung Ausgang; folgte den
kahlen Stellen auf den Köpfen der Rentner.
Flaschenklirren.
Ein kleiner bebrillter Junge auf dem Parkplatz.
Sein Roller lehnte an einem Geländer, am
Lenker eine Plastiktüte. Der Junge sprach
mich an. „Sammeln Sie Murmeln?“
„Nein.“ Ich war müde & verkatert, ging
weiter. Er mir nach.
„Haben Sie welche bekommen?“
Ich hielt an. „Was meinst du?“
Ein winziger Zeigefinger deutete auf die Tütchen
zwischen meinen Flaschen. „Die da.“ Ich war
müde & verkatert & begriffsstutzig – aber
dann machte es doch noch Klick!
„Ach so“, sagte ich. „Die brauch ich nicht,
kannst du haben.“

Ich klaubte die Tütchen zusammen, er
machte eine kleine Schale aus seinen Händen.
Als ich die Tütchen hineinfallen lies – es waren
fast zu viele für sein Fassungsvermögen -, kicherte
er glücklich. Er war 5 oder 6 Jahre alt &
grinste mich durch seine Brille an.
„Dankeschön.“
Da wusste ich: Mein Trinken hat
eine helle Seite, die leuchten kann.

Ich fuhr nach Hause. Und
grinste dabei.