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Unter meiner Zeitlupe

Auf dem Motorroller
werden Schnecken zu Bienen,
heiß wird flott, es knattert,
es kracht, es spuckt & röhrt,
es raucht aus dem Auspuff,
oben ein Helm, unten ein Höschen
geöffnete Schenkel, nackt & glatt,
jedes Haar, das dort flimmern könnte,
ist wegrasiert. Alles vibriert.

Es ist so viel mehr
als Sex. So viel mehr
als Erotik. Es trifft mich
so tief im Kern
des Wesens, das nicht nur mein
eigenes ist. Berührt Bereiche,
die das Körperliche niemals
erreicht. Wehmut
& weltumspannende Freude.
Eine erträumte Jugend, die
niemand jemals haben kann.
Vergänglichkeit im schönsten Augenblick
des noch nicht Vergangenen.
Eine reine Idee. Von allem befreit.

Ja, es mag aussehen,
als stände da ein schmutziger alter Mann
an der Straße. Gleich wird ihm sicherlich
der Geifer aus dem Maul laufen, er wird sich
unsittlich berühren und sich vorstellen,
etwas Altes in etwas Junges zu stecken,
um sich aufzuladen.

Nein. Vielleicht stehe ich
noch einen kurzen, nachzitternden Moment
dort. Denke an die Vergeblichkeit
des Versuchs, Bilder in all ihren
Breiten, Tiefen. Längen &
unsichtbaren Dimensionen zu bewahren.
Spüre, dass ich schon nicht mehr
so viel spüre wie in jenem Augenblick,
der eben erst vorüberrauschte.
Vielleicht ein dummes Lächeln im Gesicht.
Ein Lächeln, von dem man nicht wissen kann,
wie dumm oder traurig es ist, und doch
auch glücklich.

Die knappen Shorts
waren von einem Gelb gewesen,
wie es Kinder verwenden,
um die Sonne zu malen.

Unter meiner Zeitlupe
ist das Vergehen immer noch Vergehen,
außerhalb alles längst vergangen.
Lasst mich stehen. In der Ferne
ist noch leise zu hören, was ich gesehen habe.
In der Stille brennt noch ein Bild.
Es duftet. Ich will
versuchen, den Rauch festzuhalten.


Zeit

Mein Vater kommt vom Einkaufen zurück
Er ist tot
Befremdend billig
Sind die Lebensmittel
Er schaut mich an
Erkennt mich nicht
Ich bin älter als er
Aber es stört ihn nicht
Dass ich da bin
Sein Tod ist fast
So lange her wie seine Geburt
Zurücklag als er starb
»Die Buttermilch war heute günstig«
Sagt er
Ich verstehe
Nicht was Vergangenheit ist
Was Gegenwart
Alles ist
Zeit

Alles ist
Gleich
Zeit
Ich

»Gut dass du wieder da bist«
Sage ich

 


Album der Spiegel

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Flüchtiges Album der Gegenwart
Das Ich als optisches Phänomen
Scheinbar verkehrt

Die Erinnerungen nicht festgehalten
Sondern losgelassen
Hinter der Stirn im Spiegel

verkehrt verblasst
getönt beschlagen

Das Blättern fällt
schwer ein Spiegel
wiegt mehr als

Papierene Vergangenheit
Und nur wer einem ganz nahe ist
wird reflektiert

Für einen Augenblick
Verkehrt verblasst
getönt verschwunden

Ein Album voller Spiegel
Geöffnet ohne Brechungen
Aufgeschlagen ohne dass es splittert

Papier Glas Silber
Seiten Blätter Farben

Nirgends ist Schwarzweiß
Doch in keinem Album gibt es Zukunft