Schlagwort-Archive: Kindheit
Staubbedeckte Tonbandspulen kreisten
auf einem alten Gerät. Hergestellt von
Toten. Für eine Firma, die längst nicht mehr
existierte.
Magnetisierte Vergangenheit. Schallwellen in Form.
Ein 5jähriger Junge quasselt. Verstorbene sprechen
mit ihm. Es wird gelacht & gesungen. Ein Radio spielt
im Hintergrund. Vergessene Melodien.
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Hörte hinein
in einen Raum der Vergangenheit. Damals
hatten die Spulen sich ebenso gedreht. Kreislauf.
Wenn der Junge sprechen soll,
verstummt er.
»Erzähl mal die Geschichte mit dem Kronleuchter«,
sagt ein Mann.
Schweigen.
»Als ob Fremde da wären«, sagt eine Frau. »Dann
isser genauso.«
Irgendwann fängt ein 15Jähriger an zu singen:
»Stellt den Teller untern Tisch,
Nikolaus bricht sich das Genick –
lustig lustig, trallerallalla,
bald ist Niklas-Abend da….«
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Die längst
vergangen ist. Lauschte
einem Wir, das es nicht mehr gab.
Ich hörte mich lachen.
Wunder der Technik! Das Neueste vom Neuen!
In Mono. Ton für Ton bewahrt. Für die
Zukunft.
Ich erinnere mich, wie
ich damals hörte, was
damals schon lange her gewesen war.
Aber toter sind die Toten heute auch nicht – als damals.
Heute sitze ich in einem Raum der Gegenwart, die
Gegenwart ist. Der Motor ist kaputt.
Das alte Gerät macht seltsame Geräusche.
Alles vermischt sich, verwischt sich – die Schichten
der Zeit.
Die Spulen sind von neuem Staub bedeckt. Ich betrachte sie
wie einen Raum, in dem eine andere Zeit herrscht.
Ich will sie nicht hören.
All diese Science-Fiction-Filme meiner Kindheit…..
Die überholten Vorstellungen der Zukunft.
Wie charmant sie oftmals wirken.
Wie naiv.
Manchmal denke ich.
Denke: auch ich
bin so ein altes Röhrengerät
im Science-Fiction-Film der Vergangenheit,
der in einer Zukunft spielt,
die längst vorbei ist –
vorbei
ohne
vielleicht
jemals
Gegenwart
geworden –
Gegenwart
gewesen
zu
sein.
Von der Zukunft
ganz zu
schweigen.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Film, Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Technik, Zeit | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Immer
wenn mein Vater zu mir sagte:
»So ist das im Leben.«,
hatte ich das Gefühl,
er sagte es ebensosehr
zu sich selber.
Immer
war es die Begründung
für einen
Verzicht
für die
Unerfüllbarkeit eines Wunsches
für ein
schmerzliches Vermissen
oder die
Notwendigkeit einer Pflichterfüllung.
Die Antwort auf die Frage eines Kindes,
das von Anderem träumte.
Es war eine Begründung
ohne Grund, ohne Erklärung;
ein Schweigegebot, das allen
Diskussionen ein Ende bereiten sollte.
Ich hasse es noch heute,
wenn jemand diesen Satz sagt.
Hasste es aber ganz besonders,
wenn ER ihn sagte.
Dass es dunkel wird,
wenn das Licht ausgeht –
ist so im Leben.
Dass kein Feuer ewig brennt –
ist so im Leben.
Aber
was mein Vater mich glauben machen wollte,
war niemals zwangsläufig so im Leben.
Was er da sagte, war
nichts als eine Phrase –
eine bequeme Lüge.
Etwas,
das er selber gerne geglaubt hätte.
Das Kind, das ich war, meinte,
eine gewisse Traurigkeit & Resignation
im Tonfall der väterlichen Stimme zu erkennen.
Weil es den Mann, der mein Vater war,
für zu klug hielt, um zu glauben,
was er da sagte.
Und später dachte ich oft, dass
sein ungeheurer Jähzorn
in erster Linie
vielleicht genau daher kam.
Verzicht
Unerfüllte Wünsche
Vermissen
& alberne Pflichterfüllung
Er hatte diese Familie am Hals
– & im Kopf wohl oft
anderes.
Erinnerungen an das Kind,
das er gewesen war –
& das von Anderem geträumt hatte.
Ich wollte es
anders machen
in meinem Leben.
Ich habe es anders gemacht.
Doch gebracht – hat’s nicht viel.
Auch ich
habe diesen Jähzorn.
Seinen Jähzorn.
Vielleicht.
Tja,
so ist das …..
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Sehnsucht | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
In dieser Fernsehserie, die
aus dem Schwarzweißgerät meiner Kindheit kam
& die ich niemals versäumte,
gab es einen Jungen mit einem Bumerang.
Immer wenn er ihn warf,
hielt
für die Dauer des Fluges
Alles
um ihn herum
an –
Bewegungen gefroren,
Menschen standen erstarrt (& wussten nichts davon),
die Zeit gerann, und
die Umgebung wurde zum
leblosen Bild.
Nur der Junge & sein Bumerang
bewegten sich
in diesem allgemeinen Stillstand.
Bis der Bumerang seine Kreisbahn beendet hatte
& der Junge ihn wieder auffing.
Für mich
waren die Abenteuer, um die es eigentlich ging,
nebensächlich.
Ich holte einen hölzernen Kleiderbügel aus dem Schrank,
drehte den Haken heraus –
& warf den Bügel quer durch mein Zimmer.
Nichts bewegte sich in diesem Zimmer; nur
ich & der Kleiderbügel.
Der Flug des Bumerangs war mir immer
zu kurz gewesen.
Der Flug des Kleiderbügels war noch kürzer.
Er krachte gegen die Wand &
fiel aufs Bett.
»Was machst du da?« rief die Mutter.
»Nichts«, rief ich.
Was sie mir nicht glaubte.
Und ich glaubte nicht,
dass sie erstarrt in der Küche gestanden hatte,
während der Kleiderbügel durch mein Zimmer geflogen war.
Aber ich hätte es gerne geglaubt.
Hätte gerne
Alles
angehalten.
Immer wieder.
Die Menschen.
Die Bewegung.
Und die Zeit.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Zeit | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Das Hundehalsband hatte Stacheln.
(Falls man etwas, das abgerundet ist,
Stachel nennen darf.)
Außerdem war es konstruiert wie
eine Schlinge – zog das Tier, oder
zog der Mensch, zog es sich zusammen.
Der Unterschied – ein Unterschied
zwischen unserem Vater & uns Kindern war:
Er
legte dem Hund das Halsband an,
wie es sich gehörte.
Wir
drehten es herum – Stacheln nach außen;
und durch einen kleinen Trick
setzten wir die Würgevorrichtung außer Kraft.
Der Vater war stark.
Er hätte den Hund ohnehin halten können.
Wir Kinder waren schwach.
Wir hätten den Hund niemals halten können.
Ich spüre noch heute
den Schmerz in den Knien;
das Brennen der dreckigen Wunden….
nachdem der Hund mich mal wieder
hinter sich her geschleift hatte.

Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.
Versteckt
in einem verwilderten Garten;
umrankt von
Phantasien
Ängsten
& Faszination.
Meines lag am Ende der Straße,
das eigentlich kein Ende war – nur
eine Biegung, wo die Straße einen anderen Namen bekam.
Kaum sichtbar war es,
hinter Hecken, die hinter einem verfaulten Zaun wucherten,
hinter Bäumen, die so gigantisch waren, wie sie es nur
in der Kindheit sein können.
Wir Kinder wussten
nicht, wessen Adresse dies gewesen war.
Unsere Vorstellungen lebten darin.
In kahlen kalten Räumen voller Staub
& huschendem Getier; in der Geräuschkulisse
der raschelnden Blätter, die der Wind durch die zerbrochenen Fenster
des oberen Stockwerks ins Innere geweht hatte.
Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück.
Das Gartentor knarrte & quietschte wie ein antikes Klischee.
Wege waren Vergangenheit; Alles war
überwachsen.
Ein umgekippter Teich trübsalte stinkend unterm Algenteppich;
ich erzählte eine Geschichte von ruhelosen Toten, die
unter dem Garten wohnten, man müsse nur
in den Teich springen, um sie zu besuchen.
Die Anderen lachten
mit Gänsehäuten.
Einer Frau aus Stein fehlte das halbe Gesicht.
Alles wirkte wie erfunden.
Und war doch greifbar.
»Gehen wir rein?« fragte einer.
Er meinte das Haus.
Groß & grau & verwittert
schien es lebendiger
als die Natur ringsum.
Die unteren Fenster waren mit Brettern vernagelt.
»Es könnte einstürzen«, sagte ein anderer.
Eine ausladende Treppe führte einige Stufen aufwärts
zum Eingang. Niemand wollte ein Feigling sein. Das
Geländer war zerbrochen. Ein Trauerflor
aus schwarzem Schimmel hatte sich über die Ränder der Tür
gebreitet. Ein großes Netz reichte vom Türknauf aus Schmiedeeisen
bis zur Ecke des Rahmens links oben; gelb & schwarz gestreift
hing die Spinne in ihrer Vorratskammer.
»Das ist eklig«, sagte ichweißnichtwer. »Ich geh da nicht rein.«
Niemand wollte ein Feigling sein.
Und doch sagte niemand etwas
dagegen.
Und selbst wenn wir es gewollt hätten,
wären wir nicht hineingekommen –
redeten wir uns ein.
Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück
in der Wirklichkeit.
Wie oft
ich in meinen Träumen dort war,
kann ich nicht sagen.
Nachts blickte ich in die Innenräume,
denn nachts steckte immer ein Schlüssel im Schloss;
oder die Tür war angelehnt &
das Netz zerrissen.
Ich fühlte, die Spinne war da –
aber ich sah sie nicht.
Das Herz schlug
wie eine wahnsinnig gewordene Uhr,
und manchmal ahnte ich,
dass Bela Lugosi im Nebenzimmer auf mich wartete.
In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.
Doch
nicht jeder weiß davon.
Nicht jeder träumt davon.
Niemals
wird das Haus, in dem ich heute lebe, so sein
wie dieses Haus meiner Kindheit.
So schön,
so verborgen,
so geheimnisvoll.
Aber es wohnen Menschen in meiner Nähe,
die es für verlassen halten.
Für unbewohnt.
Und das ist schön.
Vielleicht
träumt irgendwo
ein Kind
von meinem Haus;
träumt sich hinein
in meine Räume.
Vielleicht
ist es gerade
hier
irgendwo.
Und ich
bin die Gestalt
im Nebenzimmer.
2 Kommentare | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Traum | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Freud war längst tot
als meine Mutter mir Bananenbrote brachte
während ich auf dem Klo saß.
Meine Füße berührten
nicht
den Boden.
Eingeschlafene Beine
die Härte der Brille
die Härte des Stuhls
Härte überall.
Die langen Nachmittage der Verstopfung.
Immer wieder.
Trägheit
des
Darmes.
Als hätte ich
Alles
für mich behalten wollen.
Völle-
Gefühl.
Scheiße & Schmerz
in Überfülle.
Lahmgelegte Peristal-
tik.
Ich hörte das Leben
weitergehen –
da draußen
außerhalb der Zelle.
Meine beiden Brüder spielten
als ob nichts sei.
Die Putzfrau – Frau Lüttchens – wischte & saugte.
Die Geräusche lenkten mich ab
störten mich
weckten
meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle.
Stunden
die endlos schienen.
Immer wieder.
Eine Kindheit wie
Rizinusöl…..
Nase zuhalten
& schlucken!
Ekel
der den Hals verschleimt.
– Das is doch alles psüüchisch!
Klar doch! Anale Phase & so. Man
kennt das.
Geiz
Pedanterie
übertriebener Ordnungssinn
Sammelwut
Ja nee isso –
»Bananen stopfen« sagte meine Mutter.
Aber irgend etwas musste ich ja essen
um nicht kraftlos vom Klo zu kippen.
Und ich liebte das nunmal:
Graubrot mit Butter & Bananenscheiben
in Häppchen geschnitten
gereicht mit einem Gäbelchen
das eigentlich ein Zweizack war
mit dem man
normalerweise
Fruchtstücke aus der Bowle fischte.
Freud ist längst tot.
Ich gehe durch das Haus
das meine Mutter mir vererbt hat.
Alles
hat seinen Platz.
Alles
ist wohlgeordnet.
Die Bücher…..
Die Filme…..
Die Ton-
träger…..
Die Schreibmaschinen…..
Die Musikinstrumente…..
Besitz
der belastet.
Und
manchmal
meine Sehnsucht weckt.
Meine Sehnsucht
nach Erleichterung.
Nach Flucht
aus der Zelle
die mein Haus ist.
Doch
ich
bin
träge.
So
träge
wie mein Darm
damals.
Und heute…..
Scheiße, Schmerz & Blut.
Der anale Ka-
rakter…..
Manches
ändert sich
nie. Oder doch
kaum.
Da ist keine Putzfrau.
Niemand spielt.
Meine Füße berühren den Boden.
Und ich schlucke
kein Rizinusöl mehr.
Cascara Sagrada. Life might be so.
Das Leben ist hart.
Man kann
nicht
Alles
für sich behalten.
Freud ist tot.
Es lebe Freud!
Und dieser Schlager
den ich als Kind so oft hörte:
Yes, we have no bananas!
Ausgerechnet Bananen!

Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Krankheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Psychologie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Unverstanden
stand das Kind
im Abseits
& Abseits
war überall
wo es stand
im Leben
Der Unverstand
der Anderen
führte zu ihrem
Unverständnis
Die Anderen
standen
Abseits vom Abseits
in der Mitte
des
Lebens
wo es lärmt
& kracht
& schreit
Das Kind
liebte
die Ruhe
die Stille
der Ausgrenzung
die Mauern
des Schweigens
& sogar
ein wenig
den Schmerz der Isolation
Das Kind
verstand
im Abseits
die Anderen
& mehr
als die Anderen.
Und die Klangfarbe
auf den Mauern des Schweigens
ist ein beruhigendes
Schwarz
Und eine Uhr
geht
ganz leise
im Abseits
Unaufhaltsam
bewegt sie sich
zu
auf
die Stunde
des Kindes
im Abseits.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Einsamkeit, Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosphie, Zeit | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Es brennt!
wie ein Feuer
…. das wärmt
wie ein Feuer
…. das verzehrt
Es brennt!
wie eine offene Wunde
…. die niemals heilt
wie eine Wunde
…. die sich langsam schließt
Es brennt!
wie eine reinigende Flüssigkeit
…. die in die Augen rinnt
wie ein Gas
…. das in die Augen weht
Es brennt!
wie eine Frage
…. die man nicht zu stellen wagt
wie eine Frage
…. auf die es keine Antwort gibt
Es brennt!
wie Hämorrhoiden beim Kacken
wie Nesseln bei Berührung
brennt wie Verlangen
brennt wie Sehnsucht
Es brennt!
wie ein Gewürz
…. ohne das Alles fade wäre
wie eine Taschenlampe
…. die unter der Bettdecke
das Lieblingsbuch der Kindheit beleuchtet
Es ist
hässlich
& schön
kitschig
& abstrakt
Es ist
Schmerz
& Beruhigung
Widerspruch
& Kontrast
Hintergrund
& Vorder-
grund
Und es wirft
die Schatten
die über
all
ex
is
tieren
über
all
hin
Das Licht!
Es brennt
auf der Rückseite
meiner
düsteren
Gedanken –
lichterloh
& farbenfroh.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Glück, Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Schmerz | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich weiß nicht,
wie oft ich bereits über diesen Flur gegangen bin;
leise in zurückliegenden Nächten ….
Ein Rundgang, der zu meinem Job gehört,
hoch oben im Turm des alten Hotels.
Die Stufen, die dorthin führen,
habe ich nie gezählt.
Wenige Zimmer hinter Doppeltüren,
wo fremde Menschen schlafen
oder schlaflos sind;
dicke Mauern einer mittelalterlichen Befestigung,
welche nun einem anderen, friedlichen Zweck dienen.
Und dann
eines Nachts
steht ein Kinderwagen vor einer der Türen.
Ich muss ausweichen.
Abkommen
von meinem üblichen Weg.
Trete auf eine Diele
ganz am Rande des schmalen Ganges.
Und das Geräusch, das sie verursacht, ist
das Geräusch im Gästezimmer meiner Großeltern ….
Das Knarren, Knetern & Knarzen des federnden Fußbodens,
wenn ich mich auf das Bett zubewegte …. Das Bett,
welches mir so hoch erschien; mit der Decke, die so
dick & schwer war …. Und wenn ich darin lag, kam mir
die Zimmerdecke noch höher vor (ich schätzte die Höhe auf 4 oder 5 Meter) ….
Alles – fast alles – war gigantisch in diesem Haus
im Angesicht meiner Kleinheit ….
Die Räume, die Treppen, die Flure; alles war alt &
roch nach Holz, und an den Wohnungstüren befanden sich
mechanische Klingeln, die durch Drehung eines Griffes
einen metallisch-ratternden Schellenklang von sich gaben ….
Es lebten noch andere Menschen hier, glaubte ich, aber
ich sah sie nie …. Ich konnte sie riechen, glaubte ich,
im Gemeinschaftsklo auf dem Treppenabsatz …. Ich hasste dieses Klo ….
Hasste das Gemeinschaftliche daran; nur die lange Kette, die vom
Spülkasten herabhing, und der Porzellangriff an ihrem Ende faszinierten mich ….
Und oft hörte ich das Rauschen, nachts im Bett …. Nachts? – Ich glaubte,
dass es Nacht sei …. weil in der Kindheit oftmals das als Nacht erscheint, was
in Wirklichkeit doch nur Abend ist …. Das Rauschen
übertönte die Stimmen der Großeltern im Wohnzimmer, die Stimme der Mutter, die
noch nicht »Gute Nacht« gesagt hatte …. & die große Entfernung zur Zimmerdecke
gebar schattige Ungeheuer, vor denen die Bettdecke keinerlei Schutz bot ….
In meiner Erinnerung schien hier tagsüber immer die Sonne ….
Im Hof hinterm Haus befand sich der Schuppen mit der Werkstatt meines Großvaters.
Darin roch es nach Sägemehl & Klebstoff & den filterlosen ägyptischen Zigaretten
aus der Blechdose, die mein Großvater rauchte, und
das Sonnenlicht mochte ich am liebsten, wenn es
durch die schmutzigen kleinen Fensterscheiben auf die Werkbank mit ihrer
Unordnung fiel …. Keine Ahnung, was mein Großvater dort machte, ich jedenfalls
bastelte irgend etwas Zweckloses ….
Zweck
loses
Sinn
loses
der-
weil
die Zeit
verging ….
Und das Haus
schrumpfte ….
Während
ich
wuchs ….
Ob es eingerissen wurde; ob selbst meinen Großeltern alles
zu groß geworden war; ob sie es sich nicht mehr leisten konnten –
ich weiß es nicht.
Sie zogen in eine winzige Wohnung.
Sie waren so alt geworden
wie nie zuvor, obwohl ich sie schon
für so alt gehalten hatte, als ich
noch ganz klein & alle Räume größer gewesen waren.
Es gab dort kein Gästezimmer mehr. Die Klingel war elektrisch &
langweilig. Das Klo wurde nicht mehr mit Fremden geteilt.
Wenige Möbel waren übriggeblieben; alles roch
nach alten Menschen & den Zigarren, die mein Großvater
nur etappenweise & anstelle der Zigaretten rauchte
(in den Aschenbechern lagen Reste:
mal halblang, mal viertellang, manchmal nur ein Stummel, der aus
Sparsamkeit noch weiter, bis knapp über Fingerbreite, heruntergequalmt wurde).
Nichts übertönte die gebrochenen Stimmen des Paares
in der Enge. Nichts Neues wurde erschaffen, denn es gab
keine Werkstatt mehr.
Genaugenommen wusste & weiß ich
fast nichts
über meine Großeltern
& ihr Leben.
In meinem Wohnzimmer steht ihr mächtiges Sofa, und
das Grammophon funktioniert noch. Die Sprungfedern des Sofas
haben ihr eigenes Geräusch, und manchmal erschreckt mich
– mitten in der Musik – ein lauter Knall, den die alte
Grammophonfeder von sich gibt (während sie sich entspannt).
Und irgendwo im Keller liegt eine Zigarrenkiste, in der
hässliche Nazi-Memorabilien verschimmeln.
Ein Kinderwagen auf dem Gang.
Leer. Der kleine Mensch schläft (vermutlich).
In einem Turmzimmer mit hoher Decke.
In einem uralten Gebäude.
Ich gehe weiter.
Knarren, Knetern & Knarzen verändern sich
mit jedem Schritt.
Morgen wird das Hindernis
nicht mehr hier sein.
Das Hindernis, dem ich
ausweichen musste.
Und er
wird sich
bewusst
nicht
an diesen Ort
erinnern ….
Der kleine Mensch.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Erinnerung, Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Autobiographische Prosa, Gedichte/Texte
Zeppeline schwimmen wie Wale im Himmel
In einem Peugeot 404 fahren wir an Windmühlen vorbei
während die Mutter mir eine Kotztüte nach hinten reicht
Der Milchmann schwingt die große Glocke vorm Haus
Er füllt die Gefäße die man ihm bringt aus schweren Kannen
die in langen Reihen auf seinem Wagen stehen
Eine große Geldtasche aus Leder hängt in Gürtelhöhe
befestigt an einem Riemen der von der Schulter quer über
den Oberkörper verläuft
Straßen die
in Kinderschritten gemessen
erschreckend breit erscheinen
Fernsehgeräte kennen nur Schwarzweiß-Töne
Farben träumt man hinzu
Mit Kofferradio & Lieblingslampe im Etagenbett
unten
Es läuft Radio Luxemburg
in Mono
Bilderbücher liegen verstreut auf der Decke
Niemand hat den Mond betreten
Eine Isetta witzelt am Kaufmannsladen vorüber
Sie ist alltäglich
Findet dennoch Beachtung
Ein verwinkelter Keller voller Spinnen & Ängste
in dem die gemeinschaftliche Waschküche liegt
Zugang zum Hinterhof
Männer mit fehlenden Gliedmaßen
Kriegsveteranen
Wie der Bettler der einmal pro Woche
an unserer Wohnungstür klingelt
Milchreis mit Zimt & Zucker
mit kleinen Vertiefungen in denen
flüssige Butter pfützt
Pappsattheit
Ein dünner biegsamer Rohrstock
für besondere Gelegenheiten
Fausthandschuhe aus schneenasser Wolle
Kioske ohne Nacktheit
Abakus & Füllfederhalter
(Geha & Pelikan)
Tarzan & Akim
Die Perry-Rhodan-Sammlung meines Vaters
Das Testbild nach Sendeschluss
& der Pfeifton der an die Flatline des Todes erinnert
Runde Mülltonnen aus Metall
die mit einer geschickt-ausbalancierten Drehbewegung
auf ihrer Unterkante zum Müllwagen gescheppert werden
Motorradfahrer ohne Helm
Telegramme
die ihren eigenen Stil bilden
Autos ohne Sicherheitsgurte
Ohne Kopfstützen
Nach Pisse stinkende Telefonzellen
in passendem Gelb
Schlittenspuren im Schnee
& eine rotgefrorene Nase von der nur ein
etwas dunklerer Grauton bleibt
Ich
wie ich mit einer leeren Rolleiflex
durch die Wohnung gehe
den Blick aufs quadratische Fenster der Kamera gerichtet
Die vertraute Kleinwelt als Spiegelfilm der Phantasie
Phantasiefilm der Spiegelwelt
Und überall
nur Uhren
die man aufziehen muss
Und Fotoecken
Im Fotoalbum
In denen das Foto fehlt

Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Mit jedem Schlag
wächst die Furcht
Mit jedem Wutausbruch
wächst die Verwirrung
Mit jeder Erniedrigung
schwindet die Sicherheit
Der Beschützer vor der Außenwelt
wird zum Erschütterer der Innenwelt
Und die Furcht des Kindes
wird zur Angst des Erwachsenen
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Manchmal
setzte ich mich mit einem Reclam-Heft oder
einem Donald-Duck-Comic
in irgendeine Ecke
des menschenleeren Schulhofs;
manchmal
ging ich in den nahegelegenen Plattenladen, um
in den Singles zu stöbern.
Meistens aber
lehnte ich mich gegen das Geländer meiner liebsten
Eisenbahnbrücke & schaute hinab
auf die Schienen.
Ich war der einzige Schüler der Grundschule, der
(was damals ungewöhnlich war) regelmäßig
1 oder 2 Freistunden hatte.
Und jeder Atemzug dieser Stunden hatte
einen besonderen Geschmack.
Frei.
Frei.
Frei!
Ich schaute hinab,
kannte jede Maserung, jeden Riss in den alten Holzschwellen;
und der Schotter im Gleisbett bedeutete mir mehr als
die Kiesel am Meeresstrand.
Ich wartete.
Wartete auf mein Verschwinden.
Wartete auf das Verschwinden der Welt um mich herum.
Manchmal
erblickte man den Dampf – bevor man die Lokomotive sah oder hörte;
manchmal
hörte man die Lok – bevor man sie oder den Dampf sah;
und manchmal kam alles gleichzeitig.
Das Rollen, das Donnern, das Rattern, das Scheppern, das Zischen …..
Der Klang der Ferne, die sich näherte.
Die Vorfreude.
Gewölk aus einem fahrenden Schornstein kam auf mich zu;
eine künstliche Nebelbank zum Ausruhen & Vergessen.
Und dann sah ich nichts mehr.
Alles weiß
um mich herum.
Ich selber:
unsichtbar für alle Anderen.
Der einzigartige Geschmack des Dampfes.
Die Wonne der verlorenen Orientierung.
Frei.
Frei.
Frei!
Ich
allein.
Im Nebel, der
begreifbar war.
Ich atmete ihn ein.
Atmete tief.
Wie im Rausch.
Während den Anderen
in einem stickigen Schulzimmer,
das ich nur zu gut kannte
& gar zu sehr hasste,
irgendeine Religion
eingetrichtert wurde.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Religion | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich möchte es nicht wissen
niemals erfahren –
wie klein
der Park
in Wirklichkeit war
Der Park
der mir
unendlich erschien
als ich so klein war
in der Wirklichkeit meiner Kindheit
Ich spazierte
neben dem Riesen
der mein Vater war
durch diesen Park
Mein Blick
sah keine Grenzen
kein Ende
Jede Biene war
ein Monster
Jede Blume
ein Baum
In meiner Erinnerung lebt
noch immer
die Unendlichkeit
von damals
als ich nichts hatte
um
vergleichen zu können
Ich wollte niemals wissen
nie erfahren
wie klein die Wirklichkeit
in Wirklichkeit
ist
Deshalb besuchte ich
den Park
niemals wieder
& mein Vater starb
bevor ich größer wurde
als er
jemals gewesen war
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Tod | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Es war ein Moment purer Nostalgie, als
der alte Mann sich mir näherte.
Eine Nostalgie, die mich
würgen ließ.
Er roch wie das Innere
einer Telefonzelle aus den 70er Jahren.
Als ein Ortsgespräch 2 Groschen kostete.
Wie oft war mir in ihnen schlecht geworden
als Kind……
Es war mir stets vorgekommen, als gäbe
nirgendwo auf der Welt eine dieser Zellen, die
nicht nach Pisse & Erbrochenem roch.
Und ein bisschen nach
Zukunft.
Kaum wagte man, die Tür zu schließen.
Der alte Mann bewegte sich mit winzigen Schritten;
atmete schwer. Er trug
einen schwarzen Cowboyhut.
Auf dem Rücken einen Rucksack, in der rechten Hand
eine Reisetasche.
Er hatte sich ein Zimmer genommen;
in einem Hotel jener Stadt, in der er wohnte.
Vielleicht hatte er vergessen, dass er eine Wohnung hatte.
Die Nacht lag hinter ihm.
Eine von vielen.
Eine von zu vielen. Vielleicht.
Hinter mir lag
dieselbe Nacht.
Und doch
eine andere.
Eine Nacht im selben Hotel.
Er: der Gast.
Ich: der Portier.
»Guten Morgen«, sagte er.
»Guten Morgen«, sagte ich.
Wir sagten also dasselbe. Nur dass es bei ihm
älter klang. Und kurzatmig.
»Wo ist das Frühstück?« fragte er.
»Im ersten Stock.«
»Wie – komme ich da – hin?«
»Sie gehen zurück in den Aufzug, drücken auf die 1,
und wenn sie aus dem Aufzug kommen, ist gleich links
der Frühstücksraum.«
Er starrte mich an.
Es schien zu dauern, bis meine Worte
irgendeinen Sinn ergaben – für ihn.
Die Worte reisten gemächlich durch seinen Kopf.
Je länger er mich anstarrte, desto länger musste ich
ihn riechen.
»Könnten Sie bitte mit raufkommen? Nicht – dass ich mich – verlaufe.«
»Es ist ganz einfach«, sagte ich.
»Trotzdem. Bitte.«
Der Aufzug, dachte ich – eine Telefonzelle, die sich
auf & ab bewegt. Und in der meist
geschwiegen & gestunken wird.
Ich sagte:
»Ok. Sie nehmen den Aufzug, und ich gehe über die Treppe;
ich darf den Aufzug nicht benutzen – für den Fall, dass der
steckenbleibt.«
War für eine Vorstellung!
»Wie?« sagte er.
»Sie gehen in den Aufzug zurück & drücken auf die 1.
Ich nehme Sie dort in Empfang & zeige Ihnen den Weg.«
»Hmm – – auf die 1.«
Er machte kehrt, trippelte
langsam & schnaufend
zurück in die Kabine.
Cowboyhut, Rucksack, Reisetasche. Und das Alter.
Was für ein Aufzug!
Die Türen schlossen sich. – –
Ich war im ersten Stock bevor
der Aufzug dort war &
nicht hielt.
Ich hörte es:
Er hielt im zweiten (die Türen gingen auf & zu),
er hielt im dritten (die Türen gingen auf & zu),
er hielt im vierten (die Türen gingen auf & zu).
Mehr Stockwerke gab es nicht.
Nur noch Dach & Himmel.
Ich wartete.
Zeit verging.
Wie immer.
Gleich schnell – für uns beide …..
Obwohl wahrscheinlich einer von uns
weniger davon zu verlieren hatte als
der andere.
Keiner wusste,
wer.
Er kam an.
Endlich.
Im ersten Stock.
Ich wies ihm den Weg
zum Frühstücksraum.
Er hielt inne.
»Ich habe meinen Beutel vergessen«, sagte er.
»Beutel?« sagte ich. »Sie meinen nicht Ihren Rucksack
oder Ihre Reisetasche?«
»Nein. Ich hatte noch einen Beutel. – Würden Sie ihn bitte
aufheben – bis ich wiederkomme?«
»Natürlich«, sagte ich. »Gerne.«
Er sagte:
»Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen.«
Nostalgie & Zukunft
vermischten sich –
wie Pisse & Erbrochenes.
Dabei hatte der alte Mann
über Nacht
ins Bett geschissen.
Ein Hauch von Kindheit.
Der Atem des Alters.
Und das hübscheste Zimmermädchen von allen
hatte es entdeckt.
Sie tat mir leid.
Ja – auch ich hatte im Bett geschissen.
Als Kind.
Wie wir alle.
Ja – auch ich wurde alt.
Wie die meisten.
Und die Zukunft ähnelt der Vergangenheit –
immer wieder.
Auch ich hatte gern einen Cowboyhut getragen ….
als Kind …. als ein Ortsgespräch noch 2 Groschen kostete ….
2 Groschen
in einer stinkenden Zelle, die
still stand ….
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Alter, Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Schnee fiel auf das Foto, auf dem Schnee fiel.
Viel Schnee fiel
in der Gegenwart –
war gefallen
in der Vergangenheit.
Viel Schnee fiel
in Gegenwart der Vergangenheit.
In der Gegenwart, die vergehen würde …..
Wie der Schnee, der gefallen war,
wie der Schnee, der fiel.
Ich hatte das Foto verloren.
Das Foto, das mir so gefallen hatte.
Ein gefrorener Augenblick kalter Kindheit.
In Schwarzweiß, das beinahe niemals schwarzweiß ist.
Weiß war der Schnee, doch grau
der Anorak, der eigentlich rot gewesen war.
Ein Rot, das ich seither an seinem Grauton erkenne.
Ich lachte aus der Kapuze,
winkte mit dem Fausthandschuh
in die Spiegelreflexkamera.
Glücklich frierend.
Glücklich, weil es so schnell
bergab gegangen war
mit mir –
& dem Schlitten.
Glücklich, weil ich in diesem kurzen Moment
nicht an den Aufstieg dachte, nicht an
die Anstrengung.
Nicht an mich,
wie ich Jahrzehnte später
das Foto betrachten,
nicht daran, wie mein zukünftiges Ich
in das Foto & diesen Augenblick
hineinschauen, hineinfallen würde.
Das Foto, auf dem Schnee fiel,
war in den Schnee gefallen, auf den
immer mehr
Schnee fiel.
Schauer folgte auf Schauer.
Ich wußte nicht, wo ich
es, das mir so gefiel, verloren hatte.
Konnte mich nicht erinnern, wo
die Erinnerung mir aus der Hand geglitten war;
weich fallend in die Kälte.
Doch ich hatte Zeit. Vermutlich.
Ich würde warten. Wahrscheinlich.
Einfach warten
bis der Schnee, der fiel,
Vergangenheit war.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie, Zeit | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Immer wenn er mit seinem Vater einkaufen ging,
zog es den kleinen Jungen in die Wein-
abteilung. Aufgeregt. Erregt. Neu-
gierig. Suchend.
Flirrend-funkelnde Flaschen in Regalen,
bunte Bilder auf Etiketten;
Licht-
reflexe
auf Glas ……
Und immer versuchte er, sich
abzusondern – ein paar Schritte
im Abseits, um
allein
zu
sein ……
Allein
mit seiner
Erregung.
Unbemerkt
zwischen großen fremden Menschen.
Unbemerkt
zwischen Flaschen
in Reih & Glied.
Auf der Suche nach
dem Weißwein, der
zu warm war ……
Nach einem Schriftzug, den
er lesen konnte,
bevor er lesen konnte.
Den er
spüren konnte
wie einen Schmerz –
einen Schmerz, der
trocken & lieblich
zugleich war;
herb.
Und der kleine Junge
buch-
sta-
bier-
te:
N – A – C – K – T – A – R – S – C – H
Eine Marke.
Das Etikett:
gemalt,
fast naiv – – :
Ein Junge
mit herunter-
gelassener
Hose;
ein alter Mann
mit er-
hobener
Hand,
der lächelt.
Der Blick des Jungen:
ängstlich
in
Erwartung.
Und der kleine Junge
vor dem Wein-
regal
hatte keine Worte
für die Gefühle
in seinem roten Kopf,
seinem schlagenden Herzen,
seinem Schritt.
Sein Vater –
einige Schritte entfernt –
war kein
alter Mann;
doch auch er hatte eine Hand, die
oft
erhoben war –
ohne dass er lächelte.
Während der Junge
wein-
te.
Tränen, die
nach Wein rochen.
Und manchmal hielt diese Hand
einen Stock ….
eine Peitsche ….
einen Kochlöffel ….
Einen Kochlöffel, in den
der Name des Jungen
gebrannt war
mit einem glühenden Eisen.
Der Junge liebte
die Hände seines Vaters –
betrachtete sie oft
am Lenkrad,
wenn der Vater ihn
zu einem ersehnten Ziel fuhr …..
Monde
unter
Fingernägeln.
Reflexionen.
Der Kochlöffel
liegt
heute
in einer Schublade.
Ich benutze ihn nicht.
Wo der Stock ist, weiß ich nicht.
Die Peitsche ging verloren.
Die Hand ist verwest.
Mein Herz
schlägt,
wie sie es tat –
damals.
Ein Geräusch, das
an Beifall
erinnert.
Ich liebe Wein –
Rotwein
bevor-
zugt.
Die Marke ist
fast
egal.
Und manchmal
schmeckt der Wein
nach Salz.
Ich liebe Worte
wie Buch-
staben.
Buchstaben
wie Worte.
Begreife
die Erotik des Kochens
wie nackte Ärsche …..
Lebe meine Obsessionen
aus
vor
Regalen.
Esse,
trinke.
Flaschen flirren.
Lust
Schmerz
Nahrung
Tod.
In meinem Gedächtnis
hängen
naive Bilder.
Und manchmal
hängt der Mond
wie ein Spielball
am Nachthimmel.
Mit herunter-
gelassener
Hose
& spiegelt sich
weiß
in Flüssigkeiten.
Ein Spielball
der Gefühle,
für die ich
keine Worte habe.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Erotik, Essen, Gewalt, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik, Sex | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich erinnere mich
wie ich laufen lernte.
In einer Art Geschirr aus Leder;
ein kleines Tier
an der Leine, gehalten
von meiner Mutter.
Ich erinnere mich
an das Lächeln meines Vaters,
als er den Raum betrat.
Ich erinnere mich
wie ich zum ersten Mal
eine Schleife band.
Unter Anleitung meiner Mutter.
Ich war stolz.
Ich erinnere mich
an das Lächeln meines Vaters,
als er den Raum betrat.
Ich erinnere mich
an unseren Schäferhund.
Er machte sich so flach wie möglich
auf dem Fußboden,
das Hinterteil leicht erhoben;
er legte die Ohren an &
wedelte mit dem Schwanz,
wenn mein Vater den Raum betrat.
Man wusste niemals,
welche Empfindung des Tieres
stärker war
in diesen Momenten –
die Freude
oder
die Furcht?
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Angst, Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik, Tiere | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Der Tisch, an dem ich schreibe, ist
kein Schreibtisch.
Es ist ein Tisch, der
im Kinderzimmer
meines Bruders stand.
Der Tisch, an dem er spielte.
Einer meiner beiden Brüder.
Es ist der Tisch des Bruders,
mit dem ich
in den letzten 40 Jahren
vielleicht
23 Wörter
gewechselt habe.
Wir sprachen nicht mehr
miteinander
seit ich 11 war.
Er: 16.
Wir wussten beide nicht
warum.
Ahnen es
vielleicht
heute.
Der Tisch wackelt.
Ist verwittert.
Ich habe ihn
mit Folie überzogen –
den Tisch.
Die Folie ist rot
wie eine Zunge, die
schweigt.
Rot
wie eine Zunge, die
spricht.
Wenn ich schreibe
& mit Wörtern spiele
an diesem Tisch,
höre ich
das Schweigen meines Bruders
zwischen
meinen Zeilen.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Literatur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
All
diese Elektroden, die
an meinem Kopf befestigt waren ….
All
diese Drähte …..
Das Zucken des Meßschreibers ….
Ausschläge auf Endlospapier ….
α-Wellen
β-Wellen
γ-Wellen
δ-Wellen
Seltsame Muster
Tage & Nächte im verdunkelten Zimmer
Ein Eimer neben dem Bett
Der kleine Junge, der sich hin & her windet
Stöhnt & sich den Kopf hält
Das
war
ich
Abgeworfen
über einem fremden Planeten
in eine Atmosphäre
die erstickend war
Druckverhältnisse
für die mein Körper nicht geschaffen war
Schläge & respektlose Furcht
Und dennoch
so oft
glücklich
Gerettet
durch Phantasie
Das
war
ich
Der fremde Planet
war von Meeren bedeckt
Wellen
& noch mehr
Wellen
& Musik –
Schallwellen
in denen man ertrinken konnte
Tag & Nacht
ohne seekrank zu werden
ohne zu kotzen
ohne zu sterben
Später
musterte man mich
aus
wegen
All
der Wellen
in meinem Kopf
die waren
wie sie
nicht
hätten sein sollen
Ein weiterer
Glücklicher Tag
Aus
dem Leben eines Taugenichts.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Krankheit, Kultur, Lyrik, Musik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
In meiner Kindheit war ich
klug. –
In meiner Jugend
dumm. –
Nun –
ist es
zu spät.
Ich liebte das Radio, das
auf dem Nachttisch meines Vaters stand.
Das warme Licht
der Röhren;
die Zahlen
der Skalen;
die Knöpfe,
die Tasten,
die Regler.
Den Klang.
Irgendwann kaufte er sich
ein neues Radio.
Transistoren.
Kalte Farben.
Kein Licht.
Ein flacher Klang.
Ich bekam
das alte Radio.
In meinen schönsten Kindheitsnächten
war es meine einzige Lichtquelle,
mein schönstes Geräusch,
wenn alle schliefen.
Ein Rausch.
Eine Wärmequelle.
Ein Lagerfeuer.
Stimmen & Noten.
»Kann das weg
oder willst Du’s behalten?«
fragte meine Mutter.
Sie mistete den Keller aus.
Lange
nach dem Tod meines Vaters.
Ich war kein Kind mehr.
War
voller Hass
auf
Vieles.
Voller
Gleichgültigkeit.
Voll
scheinbarer
Kälte.
Und doch
voll
Feuer.
Ich war –
keine Ahnung.
»Weg«, sagte ich. »Das
brauche ich
nicht
mehr.«
Es gibt noch
alte Schwarzweiß-Photos,
auf denen das Radio
zu sehen ist.
Mein Vater liegt daneben.
Photographierte
Musik.
Ich bin
kein Kind mehr.
Nicht mehr jung.
Klugheit
Dummheit
Hass
Gleichgültigkeit
Was gäbe ich
heute
für das warme Licht der Röhren;
die Zahlen der Skalen;
die Tasten;
die Regler;
den Klang …..
Dieses Geräusch.
Diesen Rausch
der Kindheit.
Dieses Feuer.
Vielleicht
ist auch das
nur
Dummheit …..
Wie auch immer –
es
ist
zu
spät.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Alter, Jugend, Kindheit, Kultur, Lyrik, Musik, Philosophie, Tod | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
In einem verwitterten Regal
in meinem Keller
liegen sie noch –
die Telephonbücher meiner Kindheit
(aus einer Zeit, da kaum jemand
Telephon mit f schrieb).
Totenbücher, stumm bevölkert von
Verstorbenen. –
Nummern, die es nicht mehr gibt.
Nummern, ohne Anschluss.
Nummern, die niemand mehr wählt.
Abgerissene Kontakte.
Adressen, die noch existieren.
Adressen, wo Fremde wohnen.
Straßennamen, die zu Bildern werden.
Spielplätze der Phantasie.
Überlebende, die woanders leben.
Überlebende, die geblieben sind.
Und jeder Raum zwischen den Zeilen
ist ausgefüllt von unzähligen
Ungeborenen ……
Fremde auch sie.
Dein Name steht nicht darin;
er kann nicht darin stehen
nach menschlichem Ermessen.
Doch manchmal lese ich ihn
trotzdem –
ein unsichtbarer Schriftzug, den
nur
ich
entziffern kann.
Eine Nummer, die ich
wähle.
Die Bücher sind vergilbt.
Die Bücher sind verstaubt.
Sie riechen nach Keller.
Doch manchmal rieche ich
in ihnen
Dich.
Dann ist es
als ob
Du
in meinem Keller sitzt.
Oder
in meiner Kindheit.
Oder
in meinen Erinnerungen.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik, Tod | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Manchmal
wenn ich in farbiger Vorzeit
welche von anderen
»die graue« genannt wird
an der Tür meines Schulfreundes klingelte
öffnete seine kleine Schwester …..
Und sie lächelte
immer
Lachte
oft
Es hieß
sie sei
Geistig zurückgeblieben
Ich fragte mich
schon damals
WO
sie zurückgeblieben war
Es schien
ein Ort zu sein
wo man
immer lächeln
& oft lachen
konnte
Hin & wieder
beneidete ich sie
jedoch – nicht allzu oft
denn ich genoß
meine Traurigkeit
schon damals
Es reichte mir
ihn mir vorzustellen
diesen Ort, wo man
immer lächeln
& oft lachen
konnte
Eine fremde Welt
unter vielen.
Manchmal
sprach die lächelnde Schwester
undeutlich
doch ich verstand sie
immer.
Manchmal
klingelt man an einer Tür
erwartet etwas
& es öffnet
ein unerwartetes Lächeln
aus einer anderen Welt.
Ein Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Da ich längst älter bin als
es mein Vater wurde
versuche ich manchmal
ihn mir heute vorzustellen
als den
Jüngeren
von
uns
beiden –
&
mit der Weisheit meines
Überlebens
die nur in Anführungszeichen existieren kann
versuche ich
ihm
klar
zu
machen
was er
falsch
gemacht hat
Und auch das
Falsch
kann nur in Anführungszeichen existieren
Denn
hätte er
nichts
falsch gemacht
wäre
ich
heute
ein Anderer –
Ein Anderer
der
auf diesen Gedanken
niemals
gekommen wäre
Ich
würde
nicht
existieren
Und das
möchte ich mir
nicht
vorstellen.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich hätte immer eine Schweigeminute
übrig
für Kinder
die
von ihren Eltern
geschlagen werden
Aber
lieber
schreie ich
für diese Kinder
so lange ich
kann
Denn ihre Phantasie
stirbt
mit
jedem
Schlag
Und Phantasie
ist
das Wichtigste
was
Wir
haben
da sie
Alles
beinhaltet
was
real
ist
Ich schreie
für mich
denn auch ich war
ein Kind
mit
Phantasie
das schrie
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Eigentlich
ist er mir ganz sympathisch –
der kleine schüchterne Junge, der
damals
da
mals
stumm & rot
von den Großmäulern
die später zu
funktionierenden Erwachsenen
werden sollten
vor die Schulbank des
kleinen braunhaarigen Mädchens
geführt wurde.
Geführt,
um ihn
vorzuführen.
Seine Liebe
vor
zu
führen.
Sie lachten & waren
laut.
Laut sind sie immer.
»Er liebt Dich!
ER LIEBT DICH!
HA HA HA!«
Der kleine schüchterne Junge
stumm & rot.
Das braunhaarige Mädchen
wusste nicht, was es sagen sollte;
es sagte
nichts –
lächelte unsicher.
Da war zu viel
Laut-
stärke
um sie herum –
Laut
stärke, die
im Grunde
Schwäche
war.
So wie es eine Schwäche ist,
Alles
aussprechen zu wollen.
Eigentlich
ist er mir ganz sympathisch –
der kleine schüchterne Junge, der
nicht
sprach.
Und manchmal denke ich, dass
ich
das kleine braunhaarige Mädchen
noch heute
liebe …..
Oder
uns,
so wie wir waren –
damals.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich stelle sie mir vor
als kleines Mädchen
Vielleicht vor
35 Jahren
& während alle
anderen Kinder
um sie herum
glattgespülte
glänzende
Steine
sammelten
fand sie die
scharfkantigen
matten
besonders schön.
Ansonsten
könnte ich mir
das Alles
nicht
erklären.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Als Kleinkind
schob ich mir niemals den Daumen
in den Mund, um
schlafen zu können.
Ich nahm
den gekrümmten Zeigefinger.
Als hätte ich es
schon damals
nicht so machen wollen wie
Alle Anderen.
Für die Zahnstellung
war das eher ungünstig; aber
die Symbolik meiner Fingerwahl
gefällt mir
noch heute.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Das Mittagessen war so oft
ein Drama
in meiner Kindheit.
So oft überkam mich
der Ekel.
Glibberige Stellen im Fleisch.
Knorpel.
Mein Vater, der
irgend etwas
aus seinem Mund holte &
an den Rand seines Tellers legte ….
Das Schmatzen meiner Brüder &
die strengen Ermahnungen deswegen ….
& so oft
war es
zu viel!
Wieder & wieder
etwas
das ich nicht schaffen konnte.
Ein Drama, das
immer wieder in Tränen &
mit Schlägen
endete.
So sinnlos.
So unsagbar sinnlos!
Doch das schlimmste Gericht,
das ich jemals durchlebt habe,
hieß:
Klunkermus.
Eine Spezialität aus Ostpreußen,
wo mein Vater herstammte.
In einem Teller voller Milchsuppe
schwammen Klumpen, die
wie weiße Scheißhaufen aussahen.
Schon bei ihrem Anblick musste ich
würgen.
Und ALLES –
die Suppe, die Klunker –
schmeckte
nach dem widerwärtigsten Nichts, das jemals
in die Form von Nahrung gebracht wurde.
Vielleicht war das nur
der Fehler meiner Mutter?
Ein Fehler im
Rezept?
Egal.
Nach 2 Bissen
rannte ich in die Küche &
spuckte alles in den Mülleimer
(der Weg zum Klo wäre mir zu weit gewesen).
Was danach geschah,
brauche ich nicht mehr zu beschreiben.
Es ist gleichgültig
geworden.
Was mir nicht gleichgültig ist:
Ich hatte Glück.
Aus all diesen Dramen mit diesem
(immerhin EINMALIGEN)
Höhepunkt, den man
Klunkermus
nennt, ist keine Essstörung entstanden.
Mehr als ich
kann man
das Essen
nicht
lieben & genießen.
Und:
Ich kotze nicht.
Nicht wegen des Essens.
Zumindest.
Die Inneren Verletzungen,
die durch das alles entstanden sind,
haben sich
zu ihrem Ausgleich
andere Wege
ge-
sucht.
Und eigentlich
ist Klunkermus
ein schönes
Wort.
Ein Kommentar | Schlagwörter: Essen, Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich besitze sie noch
Niemand kann sie mir nehmen
Die Pfeifensammlung meines Vaters
Doch der Tabak
ist nun alle
Seinen letzten Tabak habe ich
aufgeraucht
fast 40 Jahre
nach seinem Tod
Er war trocken
Verglühte immer wieder
Ich stopfe frischen Tabak
in die alten Pfeifen
Er brennt
Ich rauche
& schaue
dem Rauch hinterher
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Du hast Angst
in der Dunkelheit?
Ich erinnere mich
an dieses Gefühl.
Kindheit.
Aber
in meiner Dunkelheit
brauchst
Du
keine
Angst
zu haben.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Nacht.
Stille.
Auf dem Bildschirm:
nackte Frauen über Telefonnummern.
Stummgeschaltet.
Ich sitze im Bett & esse
ein Stück Kuchen.
Bienenstich.
Es ist mein Frühstück.
Ich betrachte die Beine.
Der Kuchen ist lecker.
Die Gedanken fliegen.
Da bin
Ich. Als kleiner Junge.
In kurzen Hosen.
Ferienausflug.
Ich kletterte einen steilen Abhang
hinauf. Meinem Vater &
meinen Brüdern hinterher.
Hatte Angst
abzurutschen ….
hinunter zu fallen ….
Der Aufstieg war anstrengend.
Ich schaute nur nach oben,
achtete kaum darauf, wo ich
hintrat.
Dann:
Ein Stich.
Ein Schrei.
Ein unbekannter Schmerz
in meinem rechten Bein. – –
Die Biene war dem Tod geweiht;
auch sie auf einem Ausflug –
ihrem letzten.
Ich weiß nicht mehr, ob ich
weinte.
Wahrscheinlich.
Mein Vater ging die paar Schritte
abwärts, zurück zu mir.
Meine Brüder warteten.
Mein Vater kniete sich hin.
Pulte den Stachel heraus.
Presste seine Lippen auf mein Bein
& saugte.
Dann spuckte er auf den Boden.
Der Schmerz blieb.
Noch eine Weile.
Aber ich habe ihn vergessen.
Vergessen, wie er sich anfühlte.
Was ich nicht vergessen habe ….
Egal.
Der Kuchen ist alle, und
die Beine sind noch da.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Erinnerung, Essen, Kindheit, Kultur, Liebe, Lyrik, Schmerz, Tiere | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich räumte das Fundbüro auf
in einem der Hotels, in denen ich arbeite.
Zwischen all den
Regenschirmen,
dreckigen Unterhosen,
Ladegeräten,
Sonnenbrillen,
BHs,
Badekappen,
Reiseweckern,
Schmuckstücken,
Büchern ….
fand ich
ein Stofftier.
Abgegriffen & schmuddelig.
Zwischen all den
Nichtigkeiten
(die zum Teil
mehr Geld gekostet haben mochten)
war dies
das Einzige
von Wert.
Es war
vielleicht
die Traurigkeit eines Kindes ….
die Schlaflosigkeit eines Kindes ….
die Einsamkeit eines Kindes ….
Weil das Stofftier
hier war,
wo es nichts zu suchen hatte –
& nicht
dort war,
wo es
hingehörte &
vermisst wurde.
Abgegriffen
Schmuddelig
Vergessen
Verloren
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Einsamkeit, Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Der umgekippte Tisch war
die Front meines Busses
Der große Leitz-Locher
mein Gaspedal
Der kleinere Locher
die Bremse
& der Tacker
die Kupplung
Die Antenne des Kofferradios
war der Schaltknüppel
& ein Teller
mein Lenkrad
Ich hatte einen
weiten
weiten
Weg
vor mir
& glaubte
zu wissen
wo es langgeht
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.