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Beim Zahnarzt

Sie schmerzt immer mehr
Die alljährliche Zahnsteinentfernung
Blut fließt, ich balle die Fäuste

Mein Zahnarzt ist 78 Jahre alt
Zwei Oberschenkelhalsbrüche hat er hinter sich
Seine Frau ist tot
Aber manchmal läuft sein Hund durchs Behandlungszimmer
Die Sprechstundenhilfe, peinlich berührt, führt ihn
Dann wieder hinaus – den Hund
»Du darfst hier doch gar nicht sein«, sagt sie
Und tätschelt ihn
Ob sie sich hinterher die Hände wäscht
Weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Der Zahnarzt hat nicht mehr viele Patienten
Aber was ich ihm vor 12 Monaten sagte, hat er vergessen
Dass ich seit 7 Jahren keine Zigarren- & Rotweinbeläge mehr
Auf den Zähnen habe, wundert ihn
Jedes Jahr aufs neue
Und immer wieder fragt er, ob ich keinen Tee mehr trinke

Er will nur noch arbeiten
Bis seine Sprechstundenhilfe in Rente gehen kann
Woanders würde sie doch keinen Job mehr bekommen, meint er
»Außerdem – was soll ich denn sonst machen?
So bin ich gezwungen, jeden Morgen aufzustehen
Und mich zu rasieren; das ist was Gutes.
Und solange meine Hände nicht zittern….«

Das Poster an der Decke kenne ich
In- & auswendig
Kitsch: Elvis Presley, Marilyn Monroe, Stan Laurel & Oliver Hardy,
James Dean und und und – kreisförmig angeordnet
Auch schon alle tot
Wie meine Mutter, die sich hier ein neues Gebiss besorgt hatte
Vor langer Zeit
Gerahmte Fotos verstorbener Hunde zieren die Wände
Da gibt’s viel Staub zu wischen
Ob das jemand tut, weiß ich nicht; es ist mir auch egal
Die Hunde ähneln einander

Nach Einbruch der Dunkelheit
Geht die Sprechstundenhilfe Gassi
Damit der Doktor nicht wieder stürzt
Sie ist etwas schwerhörig
Aber der Hund ist jung
Er könnte uns alle überleben

Kinderbücher im Wartezimmer
Obwohl keine Kinder mehr kommen
Doch die Erwachsenen erinnern sich vielleicht
Sie gelesen zu haben

Werde ich nächstes Jahr wieder hier sein?
Wird der Doktor nächstes Jahr noch hier sein?
Er würde sich wundern
Wo meine Beläge geblieben sind

Und ich könnte ihm sagen, dass ich keinen Tee mehr trinke
Obwohl das nicht stimmt
Ich möchte nicht der letzte Mund sein
In den er schaut

An meinem Ende
Des Dorfes kann ich hören
Wie der Hund des Zahnarztes
Am anderen Ende bellt

Er begrüßt jeden Patienten persönlich
& meldet ihn an
Aber manche Hunde bellen auch
Weil sie einsam sind


Herr psst

Vorbei die Zeit
da man nackt auf dem Sofa saß
& dachte: ‹bald wird es dafür zu kalt sein›

Ich zitiere mein Zittern
der vergangenen Jahre, sinngemäß
Furcht

lässt die Bäume erröten
und die Furchtsamsten entblättern sich
als erste

(Ich kenne Menschen
bei denen ist es ganz
ähnlich)

Es ist
als dächten die Bäume
wie Menschen

zeit
weise
viel

zu viel


Sägemehl

Unterm Sofa liegt Sägemehl
Als hätte sich etwas bewegt

Ich war’s
nicht Haben die Termiten geschnarcht

Oder ich Hatte jemand
Sex auf dem Sofa

Ist es die Asche
meines Großvaters in dessen

Wohnung es stand als ich
jung war Ich

könnte den Kopf schütteln
Zur Not sogar meinen

Aber wer weiß, was
dabei heraus käme


In der Spiegelwand

 

Gerne würde ich
ja etwas Tiefsinniger
es schreiben aber ich
sagte bloß Ich kann
deinen Hintern gar nicht
sehen
als ich in die Spiegel
Wand schaute gegen
über dem Bett gegen
über dem Bett stand ein kleines Regal
vor den Spiegelungen die
Frau lag auf den Bäuchen
ihrem & meinem und sie blickte
hinter sich in die Wand wo
Wir ein Bild bildeten mit
vertauschten Seiten so
leicht war sie & zart nicht
die Wand die Frau so
zart dass ein Blick ihre Finger
hätte brechen können vom
Herzen ganz zu
schweigen & doch
spürte ich eine gering
fügige Erleichterung in der Tiefe
als sie sich bewegte & abhob sie
sagte Da und über dem Regal
ging der kleine Knackmond auf
und Alles ward Licht + Schein & vor
sichtiges Gelächter und
gerne würde ich
ja etwas Tief
Sinnigeres schreiben aber was
wäre tiefer & sinniger & tief
sinnlicher als solch ein Moment
An- & Augenblick der Gegenwart
& der Versuch
ihn & die Verwirrung ihn & die
Verbundenheit zu bewahren zu be
wahren wie den Schein
des Mondes dieses Mondes
in der Spiegelwand


Schädelhaare

Ich fuhr mit der Hand durch die
Haare auf meiner Schädeldecke
Ich fühlte sie zwischen meinen Fingern
dünner & lichter als früher
& dachte:

Nimm Alles
bewusst wahr &
begreife mit Freude
was Du verlieren
wirst
doch in diesem Augenblick
noch

besitzt!