Tagesarchiv: 9. Juli 2020

Geschützt: 6 Stunden, 5 Nächte, 5 Jahre

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Vertragt euch doch

In meinen Bücherwänden stehen sie
Seite an Seite. Die Autoren,
die einander kannten

& hassten. Ihre Werke
kuscheln fast, so nahe
stehen sie sich.

»Vertragt Euch, Kinder«, sage ich.
»Ihr seid nun schon so lange tot,
da streitet man nicht mehr.

Dachtet Ihr, Ihr hättet nicht genug
Raum? Habt Ihr nicht gesehen,
daß Ihr gegen dasselbe kämpftet,

wenn auch nicht immer für dasselbe?
Ihr hattet gemeinsame Feinde;
das hätte Euch zu Freunden machen können.

Aber nun ist Ruhe. Ich dulde keine
Auseinandersetzung in meinen Regalen.
Die streitsüchtige Jugend ist vorbei,

Ihr seid tot – und habt überlebt.
Reicht Euch die Bände.
Ich hab Euch alle lieb.«


Ich richte mich

(Und hier sehen wir
den Dichter in der Krise.
Erste Zeichen der Verdüsterung,
die in der Umnachtung gipfelte:)

Ich richte mich
an die noch nicht Geborenen.

Und, wenn ich’s könnte,
an die Toten. An euch,

abenddämmernde Zeitgenossen,
richte ich mich

nicht! Genießt eure
Zeit. Etwas anderes bleibt

euch nicht. Und habt ihr sie
genossen, die Zeit, ihr Zeitgenossen,

frisst sie euch
von innen auf.

Ganz still & ätzend,
den Dreck zersetzend,

der ihr seid.
Ich schreib euch klein.

Ich schreib euch kurz,
da ist mir euer ego schnurz.

Ich richte euch.
Ich richte mich

an — wie eine
Henkersmahlzeit.

Eure.
Mahlzeit!

(Wir enthalten uns
jeglicher Interpretation.
Der kluge Leser wird –
Sagten wir ›der kluge Leser‹?
Hahahaha.)


Wenn, dann

Versuche, mich zu fassen.
Zu begreifen, wer & was ich bin.

Wenn du was weißt,
sag’s mir.

Denn ich
weiß es nicht.

Sag es, und dann schweigʼ
für immer.