Monatsarchiv: August 2011

Der Galgen & Du

Der Galgen hat eine schöne Geometrie &
er wirft einen schönen Schatten

Aber er ist doch ein Galgen.

Du hast eine schöne Symmetrie &
Du wirfst einen schönen Schatten

Aber vielleicht bist Du

mein Tod


Gerümpel

Gerümpel liegt auf dem Weg –
sperrig & unnütz, manchmal schön,
angesammelt in den Zeiten des
wachsenden Bewußtseins,
Zeiten des Erkennens, was
am Ende des Weges wartet …..
Der Blick auf dieses Ende
soll verstellt werden.
Die Gedanken sollen sich ver-
fangen in Nichtigkeiten, in
Tand, in Blendwerk.
Den meisten Menschen gelingt
es meistens. Manchen Menschen
gelingt es manchmal. Wenigen
Menschen gelingt es nie.

Manchmal bin ich versucht,
das Gerümpel mit reinem Alkohol
zu übergießen & meine glühende
Zigarre daran zu halten …..
Aber wozu? Was
würde es ändern?
In der Summe:
Nichts.

Jedem seine Blindheit!
Vielleicht saufe ich mich blind
mit reinem Alkohol – &
zur Sicherheit staple ich die
leeren Flaschen auf den
Weg, denn

das Glas
bricht auch meinen
Blick.


Der Hubschrauber des Damokles

„Darüber darfst du auf keinen Fall schreiben“, sagte sie.
„Natürlich nicht, was denkst du denn…“, sagte ich.

Natürlich schrieb ich darüber.
Ich muss über alles schreiben, was mir
den Kopf wegpustet. Und mich
als Leiche zurücklässt.

Aber ich legte es in die Schublade.
Dort liegt es, das Damoklesschwert,
das über den Köpfen der anderen
kreist. Wie das Rotorblatt
eines Hubschraubers.


Das Zeilengeländer

Wer zwischen den Zeilen liest
liest Leere
Wer zwischen den Zeilen schreibt
schreibt nichts
Vielleicht liegt dort die
Wahrheit
Aber die Wahrheit braucht
das Geländer der Worte
um nicht in das abgründige
Nichts zu stürzen &
sich selbst zu
verschlingen

Vielleicht ist
das
die Wahrheit


Glück gehabt

Das höre ich immer wieder:
„Ja, bist du denn wahnsinnig geworden?“
Natürlich bin ich das. Bei meiner
Geburt. Ich wurde in den
Wahnsinn hinausgepresst.
Schrie ihn an & atmete ihn ein;
Sauerstoff für das kleine Gehirn.
Keine Ahnung, was die anderen
einatmeten …. Normen wahrscheinlich
… & Langeweile.
Ich habe nichts gegen den Wahnsinn,
meinen Wahnsinn. Ich kann mich
alleine niemals langweilen. In einem
leeren Zimmer mit kahlen Wänden
langweile ich mich nicht. In
finsterer Einzelhaft langweile ich
mich nicht. Nur
Menschen können mich langweilen.
Diejenigen, die vermutlich anders
gepresst wurden, in etwas
anderes hinausgepresst wurden &
sich auch später noch gerne
pressen lassen, dann allerdings
hinein … Geht weg! Laßt mich
in Ruhe mit Euren Interessen;
sie langweilen mich! Bleibt drinnen!
Ja, ich bin wahnsinnig geworden.
Ich bin eine Fehlpressung.
Ich habe Glück gehabt.


Das verlorene Selbst-Bewusstsein

Sie suchte sich durch die Kamera
Suchte sich in unzähligen Fotos
ihrer Oberfläche
Suchte das klare Bewusstsein ihrer
Existenz
das ihr in der unabgebildeten
Wirklichkeit
längst abhanden gekommen war

vergebens


Schädelhaare

Ich fuhr mit der Hand durch die
Haare auf meiner Schädeldecke
Ich fühlte sie zwischen meinen Fingern
dünner & lichter als früher
& dachte:

Nimm Alles
bewusst wahr &
begreife mit Freude
was Du verlieren
wirst
doch in diesem Augenblick
noch

besitzt!


Alles

Die Symphonie dauert 53:62 Minuten

Die Oper hat HämorrhoidenDauer

& da ist dieser Song, der
dauert 1:34 Minuten

und er sagt

Alles


Die Vermisstenanzeige

Die Vermisstenanzeige spare ich mir;
die Suchtrupps sollen zuhause bleiben &
es sich gemütlich machen;
es gibt keine Spürhunde für das, was
mir längst nicht mehr fehlt.
Abgesoffen in einem umgekippten Tümpel;
versunken in Moor oder Treibsand;
verbuddelt in gefrorener Erde.
Entlaufen, entführt, verirrt? Egal.
Eine Suche, die nicht begonnen wird,
kann nicht eingestellt werden.
Das gefällt mir.
Glück, Liebe, Erfolg, Ruhm….
Ich bin zufrieden.
Friede meiner Asche.
In allem kann ich sehen, was
eigentlich nicht da ist. Das Gesicht
in der Maserung; die Tiere am
Abendhimmel; die Augen im
Schaum.
In der Wasserflasche könnte Gin
sein. Also macht mich ihr Anblick
zufrieden.
Die Vermisstenanzeige spare ich mir.
Nichts wird eingestellt.
Nichts wird aufgegeben.


Der gefrorene Schrei

Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Phantomschmerz

Ihm fehlten die Unterschenkel.
Er saß auf einem kleinen Kissen
vor dem Schaufenster mit
Geschenkartikeln. Die Sonne schien.
Ich las nicht, was auf der Pappe stand, die
er sich vor die Brust hielt. Ich
ging vorüber. Nur wenige Münzen
lagen in der Schachtel, die er
neben sich hatte. Ich ging weiter. Weiter.
Grübelte, wie er dort hingekommen sein mochte.
Es gab nur ihn, das Kissen, das Schild &
die Schachtel. Kein Fortbewegungsmittel.
Ich ging weiter.
Plötzlich, sehr plötzlich taten mir die
Füße weh. Meine Waden schmerzten.
Wie ein inneres Brennen, das von
unten her bis zu den Knien loderte.
Ich ging weiter.
Schwerer & schwerer wurden die
Schritte. Das Brennen heftiger.
Die Gefäße pochten. Pochten.
Pochten. Tritte von innen. Ich
blieb stehen. Bückte mich; hob
ein Hosenbein etwas an ……
Schwarz pulsierte das Fleisch;
eine stinkende Masse. Panik. Ich
schrie auf. Hob das andere Hosenbein
an …. Schwarz pulsierte das stinkende
Fleisch auch dort.
Ich schrie um Hilfe. Niemand beachtete
mich. Niemand schaute in meine Richtung.
Passanten passierten. Ich stand dort,
sekundenlang, minutenlang …..
In der kreischenden Einsamkeit.
Zurück! riefen meine Gedanken.
Zurück zu der Stelle, wo er ……
Schwer & langsam ging ich; setzte
einen Schmerz vor den andern. Stützte
mich an Fassaden ab. Zurück.
Zurück. Ich fühlte meine Unterschenkel
schmelzen; glaubte, kleiner zu
werden. Weiter weiter. Zurück.
Stinkende Schritte, pulsierende Panik.
Schon aus der Entfernung sah ich – dass
er fort war. Er war fort. Das Kissen
war noch da. Die Schachtel war noch
da. Die Pappe war noch da. Die Sonne
war noch da. Ich näherte mich.
So langsam. So schmelzend. So schrumpfend.
Ich verlor meine Schuhe. Achtete nicht darauf.
Weiter. Endlich kam ich an, ließ mich auf das
Kissen nieder. Streckte die Beine aus.
Der Schmerz wurde unerträglich. Ich
wußte, was passieren würde.
Noch einmal schrie ich um Hilfe.
Alle gingen vorüber. Alle gingen weiter.
Ich las, was auf der Pappe stand, die neben
mir am Boden lag. – – –
-SCHULDIG IN NOT GERATEN –
Ich nahm es & hielt es mir vor die Brust.
Warum ich? – Alle waren vorüber gegangen.
Kaum jemand hatte sich um ihn gekümmert,
nur die wenigen, deren Münzen noch immer in
der Schachtel lagen.
Warum ich? Warum ich?
Ich starrte auf meine Hosenbeine.
Da lag die Logik. Verwesend.
Ich wußte, ich würde viel Zeit haben,
darüber nachzudenken – – –


Behauchtes Glas

Du hauchst auf Glas
& schreibst Gedichte in deinen Atem

Ich puste darauf
& sie verschwinden in Luft

Ich atme sie ein
& sie überleben in
mir


Das originelle Lächeln

Da ist dieses originelle Lächeln
der schiefen Zähne

Interessant &
inspirierend

Doch dann
kommt die Zahnspange

des Konformismus

Die Zähne werden
erzogen

& das Lächeln
wird langweilig

Gerade &
genormt


Ein Reagenzglas

Manchmal bin ich nur
ein Reagenzglas

Chemie
sonst nichts

Ich re
agiere

erhitze mich &
schäume über

oder ich

erkalte &
beschlage mich

oder ich

explodiere
splitternd

Dann kann man sich
an mir schneiden


Der Leichenkeller

Und irgendwann trägt man seinen eigenen
Keller mit sich herum
Einen Keller voller Leichen
mumifizierte Gefühle
skelettierte Lieben
unkenntlich
oder längst zu fast Nichts
zerfallen
Schritte werden schwerer
klingen unterhöhlt
Man jongliert mit Knochen
würzt die Gegenwart mit Leichenstaub
& hofft auf die
Auferstehung
der
Vergangenheit

oder auf die
Geburt
der
Zukunft


Der Wolf & das Kätzchen

Als der alte graue Wolf sich in die
kleine schwarze Katze verliebte
ahnte er bereits, dass er sich
lächerlich machen würde
Vielleicht nicht vor der Welt
die ihm gleichgültig war
aber vor sich selbst
Er hatte sich verlaufen
hatte sie außerhalb seines
Reviers kennengelernt
in einer Umgebung die ihm
unwirklich erschien
Sie hatte Angst vor ihm
& schnurrte dennoch
strich um ihn herum &
ließ sich das Fell von ihm
lecken
Irgendwann sagte das Kätzchen:
„Ich liebe Dich“
& der Wolf glaubte es
Der Wolf kannte nicht viel
außerhalb seines Reviers
aber das Kätzchen kannte
noch weniger
So selten hatte es sein
Körbchen verlassen
Sie glaubten sich gegenseitig
& sie glaubten sich selbst
In diesen Momenten
Als die Zweifel noch andere
Wege gingen
Sie veränderten sich beide
Der Wolf bekam etwas Katzenhaftes
Die Katze etwas Wölfisches
Im Innern des Wolfes schnurrte es
stumm
Im Innern der Katze heulte es
stumm
& sie fühlten sich fabelhaft
weil sie glaubten einander zu ähneln
Der Wolf vergaß wie ein Wolf aussieht
Die Katze vergaß wie eine Katze aussieht

Bis der Kater ihren Weg kreuzte
Der kleine Kater der dem Kätzchen
auf Augenhöhe begegnete
Sie beschnupperten & beschnurrten
sich gegenseitig &
die Katze wusste
es würde einfach werden
& sie sehnte sich nach Einfachheit
Sie legte das Wölfische ab
wie ein Schmuckstück das sie
plötzlich für wertlos hielt

Der Wolf behielt das Katzenhafte
Er trug es weiter in sich &
also verstand er den Kater &
konnte ihm nichts antun
Er ging zurück in sein Revier
schüttelte den Kopf über sich selbst
& fragte sich immer wieder:
Wie sieht ein Wolf aus?
Wie sieht ein Wolf aus?


Der Mann auf dem Stuhl

Ich schlief. Ich schlief gut. Ich schlief fest. Traumlos, wie man so sagt, obgleich es traumlosen Schlaf nicht gibt. Dann erwachte ich in meine selbstgebastelte Finsternis. Das Schlafzimmerfenster: mehrschichtig beklebt mit schwarzer Folie; ich muss tagsüber schlafen, ich will tagsüber schlafen, und das geringste bisschen Licht stört mich.
Ich lag also in der Lichtlosigkeit, gut erholt, und fühlte mich trotzdem seltsam. Irgend etwas war anders als sonst. Nur ein Gefühl. Eine Unstimmigkeit. Es war Abend, ich hatte frei.
Liegen bleiben. In die Schwärze starren. Schwitzen. Stille (nur hin & wieder ein Auto) Gedanken bebildern. Leichter Rückenschmerz.
¼ Stunde. ½ Stunde. Schließlich tippte ich einmal auf den Fuß der Nachttischlampe, damit sie auf der untersten Dimmstufe……..
Das Erschrecken war Blitz & Donner zugleich; der Herzschlag ein Trommelgewitter. Ein Mann saß auf dem Stuhl mir gegenüber & sah mich an. Ich richtete mich auf.
„Was soll das … Wer … Was machen Sie hier? Raus, oder ich …“
„Nur die Ruhe“, sagte er. Seine Stimme war dunkel. Er lächelte.
Ein älterer Herr, kurzgeschorene Haare, Stoppelbart, die Kleidung komplett weiss. Dass er in der Finsternis gesessen & ich plötzlich das Licht angemacht hatte, schien keinerlei Einfluss auf seine Augen gehabt zu haben; er blinzelte nicht; es war, als hätte er mich schon die ganze Zeit über beobachtet, in einem anderen, seinem eigenen Licht. Ich tippte nochmals auf die Lampe, es wurde heller.
„Wer zum Teufel sind sie“, fragte ich.
„Du verdankst mir dein Leben“, sagte er.
„Was soll der Scheiss? Wie sind Sie hier reingekommen?“
„Kein Scheiss“, sagte er. „Aber vielleicht hätte ich es besser Existenz nennen sollen. Allerdings in fetten Anführungszeichen.“
„Ah, verstehe, Sie sind der“ (& jetzt ein besonders verächtlicher Tonfall:) „Liebe Gott.“
„Blödsinn. Den gibt’s nicht. Aber mich gibt’s. Und ich bin nur ein ganz normaler Mensch.“
„Na, herzlichen Glückwunsch“, sagte ich, „jedenfalls verschwinden Sie jetzt ganz schnell, sonst rufe ich die Polizei.“
Er grinste (ebenso verächtlich). „Ach ja …. die Polizei ….. kenne ich. Das bringt nicht viel. Ich würde mich an deiner Stelle nicht zu sehr auf die verlassen.“
Ganz entspannt saß er da. Er hatte sich einfach auf meine Klamotten gesetzt, die ich immer auf diesen Stuhl warf.
„Also“, sagte ich, „was wollen Sie?“
„Nichts. Ich wollte nur mal vorbeischauen. Allerdings könntest du hier mal wieder lüften.“
Ein Wahnsinniger …. Bewaffnet? … Nichts zu sehen … Oder bin ich der Wahnsinnige? … Oder der Schlaf ist noch nicht zu Ende? …. Quatsch, sowas gibt’s nur in schlechter Literatur …
„Okay“, sagte ich, „nun haben Sie vorbeigeschaut. Auf Wiedersehen.“
„Ach weißt du, ich komme & gehe, wie es mir passt. Das ist so meine Art.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
T-Shirt & Shorts klebten mir am Körper.
„Wollen Sie Geld?“
Er lachte. Laut & ein wenig aufgesetzt.
„Das brauche ich am allerwenigsten“, sagte er.
„Na toll, dann können Sie ja mich finanziell unterstützen.“
„Das könnte ich; aber du brauchst das nicht. Wirklich nicht.“
„Sie meinen, das können Sie beurteilen?“
„Selbstverständlich.“
verrückt verrückt verrückt wahnsinnig
Das Gesicht …. kam es mir bekannt vor? … Es war so ein Allerweltsgesicht, eine Erinnerung an andere Gesichter … ein Gesicht in der Masse … irgendwie vertraut … & doch fremd …
„Ich geh jetzt pissen“, sagte ich.
„Nur zu“, sagte er. Er blieb ruhig sitzen, schaute sich im Zimmer um.
Ich kletterte aus dem Bett & ging über den Flur ins Bad. Ließ die Tür offen; es war mir egal. Mein Schädel war ein Labyrinth; Gedanken- & Gefühlsfäden, heillos durcheinander, führten weder ins Zentrum, noch zum Ausgang.
Wenn ich zurückgehe, wird er weg sein … Zuviel Suff in letzter Zeit … ne Art Delirium wahrscheinlich … Ich will nicht eingewiesen werden! Ich will nicht wahnsinnig sein! …. Nein, ER ist wahnsinnig … falls er noch da ist ….
Die Spülung rauschte. Ich warf einen Blick in den Spiegel (ohne mir die Hände zu waschen) … Ich suchte nach dem wahnsinnigen Blick. Und fand ihn nicht. Dann ging ich rasch die Wohnungstür checken; sie war geschlossen, unbeschädigt. Die Fenster -?: ebenso.
Er wird weg sein….
Ich überlegte, ob ich ein Messer aus der Küche holen sollte. Es erschien mir sinnlos.
Ganz langsam, zögerlich, ging ich über den Flur zurück.
Er wird weg sein …. Er wird weg sein … Und das heißt dann, dass ICH wahnsinnig bin …
Ich näherte mich dem Türrahmen. Der Stuhl, noch sah ich ihn nicht, stand rechts um die Ecke. Ich war leise; barfuß. Das Schlafzimmer erschien im Rahmen … noch nicht der Stuhl … weiter, noch einen Schritt … noch nicht der Stuhl, noch … ich schaute um die Ecke ….
Sein Blick ruhte direkt auf meinem. Kein Zucken der Augen. Er hatte genau gewußt, wo mein Blick erscheinen würde. Meine verschwitzte Haut fror.
„Verdammt, was wollen Sie?“ sagte ich.
„Da ist ein Pissfleck in deinen Shorts.“
Seine Augen: Saugnäpfe auf meinen Augen. Natürlich war da ein Fleck.
„Soll ich deine Verwirrung auflösen? Entwirren?“
Ich ging ins Zimmer. Setzte mich aufs Bett.
„Also?“ sagte ich.
„Es ist sehr einfach“, sagte er. „Ich stelle dich mir vor.“
„Sie meinen, Sie stellen sich mir vor.“
„Nein.“
„Sie sind wahnsinnig.“
Er lächelte. Verständnisvoll.
„Es gibt dich nicht wirklich“, sagte er. „Ich stelle dich vor.“
wahnsinnig wahnsinnig wahnsinnig
„Wahrscheinlich ist es umgekehrt“, sagte ich.
„Nein, ist es nicht. Und dass du real bist, kannst du nicht beweisen.“
„Natürlich könnte ich das; Sie würden es nur nicht mehr mitbekommen. Ich könnte Sie töten, und ich wäre immer noch da.“
„Weil mein Tod nur ein vorgestellter wäre. Du bist ja gar nicht in der Lage, mich zu töten. Weil du nicht bist.“
Ich sagte: „Vielleicht stelle ich mir Sie vor, und stelle mir vor, dass Sie sich vorstellen…..“
„Schon gut, schon gut. Verstehe. 2 Spiegel, die sich gegenüber stehen. Ein Duell. Bilder, die sich gegenseitig bewerfen, abgebildete Bilder, die sich zurückwerfen.“
Ich wusste doch, dass ich so enden würde … In einer Zelle mit mir selbst …
„Du musst glauben, was ich mir vorstelle. Und das kann auch dein Unglaube sein. Alles ist meine Vorstellung.“
„Kenne ich“, sagte ich, „Solipsismus. Ist doch Blödsinn.“
„Meinst du? Ich habe ihn erfunden.“
„Sie sind einfach krank. Die Vergangenheit gibt es also nicht? Die Geschichte ist ihre Erfindung? Die Quantenphysik & schlechte Fernsehserien?“
„Ich mag deinen Humor“, sagte er; „geh kurz raus, für eine Sekunde nur, und dann komm zurück.“
Ich bekam es mit der Angst zu tun. Zögerte.
Er grinste.
Beweise? Ich will keine Beweise …. & ich wüsste nicht mal, was sie beweisen würden …
„Warum nicht?“ sagte ich, als würde es nichts bedeuten.
Stand auf.
Ging raus.
21 … 22 …
Ging zurück.
Er war fort.
Ich zitterte.
Setzte mich.
Zitterte weiter.
Meine Klamotten auf dem Stuhl waren plattgesessen.
Das Ende! Das ist das Ende! Das Ende meines Verstandes! Oder das Ende der Welt, die niemals war.

Es war der Anfang.
Der Anfang einer neuen Zeitrechnung. Für mich.
Sicherungen sind rausgesprungen. Entweder existiere ich nicht, oder ich bin wahnsinnig. Ich mache weiter wie bisher. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Denkt er mich jetzt anders?
Menschen. Überall sind Menschen. Tiere. Dinge. Sind sie?
Ab & zu sehe ich ihn wieder. Aber ich spreche nicht mehr mit ihm. Er läuft weg vor mir. Und grinst dabei; höhnisch. Im Supermarkt; auf der Straße; er steht in einiger Entfernung, in seiner weissen Kleidung; die anderen Menschen sehen ihn ebenfalls; er schaut zu mir herüber, und wenn ich auf ihn zugehe, macht er kehrt; verschwindet hinter irgendeiner Ecke. Als hätte er eine Ecke nötig, um zu verschwinden.
Ich muss lernen, dies alles als Freiheit zu begreifen. Entweder Wahnsinn als Freiheit – oder Nichtexistenz als Freiheit. Letztendlich könnte es egal sein …..

Wer hat dies geschrieben?
Wer schreibt hier?

Und wo ist das Ende?


Höllenbeben

Zerstossene Erdensplitter
Dasein aus Unglück & Verzweiflung
zerrieben & gesiebt in den lavaspuckenden
Vulkan

ausgespuckt &
aufgefangen als
Talent

manchmal als
Genie

im Netz der
Hölle

Glut & Lava

& dann

das Höllenbeben

das alles wieder zusammenfügt
in seiner Erschütterung

zu bekannten Mustern

zu dem Ursprung
des gewöhnlichen Lebens

zu dem Ursprung
der Langeweile

zu dem Ursprung
der Talentarmut

Schade um die Toten

Schade um die Verschütteten

um die Versteinerten

Schade um die
die in Langeweile &
Glücklichsein

überleben


Die einfachsten Cocktails

& dann gehe ich an meine Hausbar
& sage : „Hey, wir Flaschen sind wieder unter uns.
Wir kennen uns, ihr schillernden Schätzchen.“

& mit den Cocktails ist es wie mit so vielem
anderen im Leben :
Das Einfachste ist oftmals das Beste

2 Tropfen Wermut
& ½ Flasche Gin

Das ist klar
Das geht klar

Weg mit den bunten
Komplikationen

Fort mit den Schnörkeln

Noch einfacher :
Vodka pur

aus Russland

klar wie die Sätze
der
russischen Literatur

Ваше здоровье!


Eine knappe halbe Stunde

Keine halbe Stunde mehr, dann
muss man wieder zur Arbeit.
Zur Arbeit, die einen abhält vom
Wahren. Vom Leben.
Vom Wesentlichen.
Aber Fressen muss man, trinken
muss man, warm muss man’s haben.
Auch das ist Wesentlich.
Keine halbe Stunde mehr ….
Was macht man in dieser kurzen
Zeit? Etwas Wichtiges lesen?
Etwas Wichtiges schreiben?
Ficken oder sich einen runterholen?
Nochmal aufs Klo gehen?
Verdammt, man überlegt, was man
mit diesem kleinen Happen Zeit
Sinnvolles tun könnte; und im
Hinterkopf klingelt eine Stechuhr.
Und man tut nichts nichts nichts ….
Und dann muss man auch schon
los.


Der verkaufte Tod

Schon als Kind bist Du
vom Tod umgeben
Aber man verkauft ihn Dir
als Freiheit

„Dein Hamster? Er ist
entlaufen; die Wohnung war ihm
zu eng. Jetzt läuft er durch die
Welt & er freut sich.“

„Dein Fisch?
Das Aquarium war so klein….
Wir haben ihn im See
ausgesetzt. Er schwamm so
glücklich davon.“

„Dein Vogel?
Ach, sieh Dir doch den Käfig an.
Wärst Du froh, hinter Gitterstäben zu leben?
Der Piepmatz flog durch Türchen & Fenster
in den blauen Himmel.“

Ahhhh!
Alles atmet tief die Freiheit

Und dann –
Du bist immer noch Kind &
wirst es vielleicht immer bleiben –
Siehst Du das
was einst geliebter Mensch war

Du riechst die Chemie des Todes
Du siehst die Enge
die übrig bleibt
Den zugebundenen Kiefer

Das Nichts ist kein Aquarium
Das Aquarium ist ein Universum verglichen
mit dem Nichts

(hattest Du eines Morgens Blutschleier hinter dem Glas
entdeckt?)

Gitterstäbe
sind der Schmuck
den man dem Leben anlegt
solange es lebt

Wohnungen
sind so eng oder weit
wie Dein Geist ist

Dein Geist

solange

er

lebt


So oder so

Wahlloser Griff in die Küchenschublade
Ich brauche ein Messer
Etwas will geschnitten werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem schneiden
Das Messer das ich erwischt habe
durch Zufallsgriff
Ist es scharf oder stumpf?
Ich werde es merken wenn ich
es benutze

Irgendein Tag
wahllos aus dem Kalender gegriffen
Etwas will verstanden werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem verstehen
In welcher Verfassung ist mein Verstand
heute an diesem Zufallstag: stumpf oder scharf?
Ich werde es merken wenn ich
ihn benutze

Ich werde schneiden
Ich werde verstehen

Wie leicht oder schwer
es werden wird
ist
gleichgültig


Lump & Altes Eisen

Ich hatte eine Kindheit
& in der gab es diesen Pferdewagen
der sich in regelmäßigen Abständen durch
die Straßen bewegte

Ein betagter Gaul & ein Wagen voller Gerümpel
Auf dem Bock saß ein Mann mit Baskenmütze
Er schwang eine große Glocke &
rief immer wieder:
„LUMPEN …. ALTES EISEN !!!“

Ich lief auf den Balkon & beobachtete das Gespann
Beobachtete wie Menschen aus den Häusern kamen &
Ausgemustertes auf die Ladefläche warfen
hörte das Scheppern, hörte die Hufe, die
wie ausgehölte Kokosnusshälften klangen

Manchmal ging ich auch runter &
folgte ihnen für eine Kinderweile
Da war der Geruch des Pferdes
Der Geruch von Rost & altem Stoff

Ich wohnte in einer Großstadt
aber dies war ein Stück Dörflichkeit

Heute lebe ich in einem kleinen Ort
Lebe in einer anderen Zeit
einem anderen Ich
Lebe in einem anderen Leben

Ich bin ein Lump
(manchmal)
& fast schon bin ich
Altes Eisen
Ausgemustert bin ich noch nicht
aber manchmal wie ausgehölt

Da ist kein Pferdegespann
das Kindheitserinnerungen hinter sich herzieht
Niemand schwingt rufend die Glocke

& doch weiß ich
was die Stunde geschlagen hat
& ich weiß
wem sie schlagen wird
endgültig
in nicht allzu ferner Zeit


Das Pochen

Ein dumpfes Pochen wie
die verzweifelten Faustschläge eines
Lebendigbegrabenen in seinem Sarg

Das Pochen lebte in meinem Schädel
Vergangenheit, die ich für tot erklärt hatte
obwohl sie es nicht war

Sie wollte wieder hinaus
diese Vergangenheit, aber
die Schrauben & Nägel saßen fest

Ich nahm eine Kopfschmerztablette
& das Pochen verstummte
Dann flutete ich den Sarg mit Whiskey


Die Todesspinne

Die Todesspinne setzte sich auf mein Gehirn
& begann zu weben
Gedanken verwoben sich in ihren Fäden
wurden unbeweglich & ausgesaugt
wie blauschimmernde Fliegen
Die Beine der Spinne waren 8 & schnell
Benetzt & gefangen war mein Geist
Schwarz zuckend saß sie auf grauem Grund
Ihre Gründe ergründete ich nicht
Sie grinste wie die Spinne von Redon
die über dem LeseSessel von Huysmans hing
Tief unten & Gegen den Strich
war sie mir
sympathisch wie
der kühne Schwung der
Sense
über dem gelben Feld der
Eintönigkeit
wo unter dem kalten Blick der
Raben
der Maler sich
erschoss


Das Mehr

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …
Ein Meer aus Alkohol …
Ein Mehr an Betäubung …
Ein Meer der Zerstörung …
Ein Meer aus Worten …
Das Mehr des Meeres …
Ein Meer aus Scheisse &
vielleicht
Liebe

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …

Ein Meer aus Schmerz &

vielleicht

Das Tote Meer


Die Brücke

Du gehst vorüber an der Brücke, die
ich Dir gebaut hatte. Du wirst niemals
wieder jemanden kennen lernen wie
mich.

Wenn ich tot bin,
wirst Du Dich vielleicht erinnern.
Unter der Brücke stehen &
Rotwein trinken.

Zukunft.
Vielleicht auch nicht.

Die Brücke,
war sie brüchig?
Vielleicht.
Der Abgrund, über den sie führte:
zu tief?

Vielleicht.

Gründe:
hattest Du.
Waren sie gut?
Wahrscheinlich.

Geh vorüber an der Brücke,
wenn ich tot bin. Sie
ist kein Ort für
Dich.


Los

Der Druckknopf im Kopf
führt zum Knoten
an der Zwangsjacke

Löse mir
die Endlosschleifen

damit ich endlich
begreife

was
zu lösen ist

Der Druck
Der Zwang
Der Knoten
Das Ende


Herzstillstand

Still stand das Herz
am Rande der Straße
die ins Nirgendwo führte

Der Anhaltende hatte einen Namen,
der an Odysseus erinnerte :

Niemand


Der Mantel

Selbst im Sommer trage ich meinen Mantel;
schwer-geschultert ruht er schwarz.
Schutz gegen Kälte in der Hitze.
Die Taschen vollgestopft mit optischem Gerät:
Lupe, Mikroskop, Visier & Zielfernrohr.
Entferntes nagele ich ans Fadenkreuz.
Nahegehendes trinke ich aus dem Vergrößerungsglas.
Das Staubkorn will erlebt werden.
Das Zwinkern der Insekten kann wichtig sein.
Die Kontaktlinse hilft nicht aus der Einsamkeit,
aber das Kaleidoskop splittert bunt.
Ich exe den Klaren aus Glasaugen &
fische im Trübsinn.
Es surrt das Reale hinter meiner Waschbrettstirn,
muskulös vom Gedenken.
Träume platzen wie reife Blasen.
Im kugelsicheren Westen geht die Sonne unter
wie Seife in der besoffenen Badewanne.
Wie tief bin ich betrunken!
Eier presse ich aus wie die Früchte des Zorns.
Der Korn wächst auf leuchtenden Zusammenhängen,
besonnt vom Mond, glühend wie ein brennender Galgen.
Ich ziehe Asse aus dem Ärmel wie Zitate &
pokere mit Höchsteinsatz.
Die Lust behandelt mich unfair.
Ich weiß, ich weiß, ich weiß, ich schwarz.
Schwarz wie der Mantel
auf meinen schweren Schultern
im Sommer, wenn der Regen
splittert wie
Glas.