Tagesarchiv: 11. August 2011

Der gefrorene Schrei

Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Phantomschmerz

Ihm fehlten die Unterschenkel.
Er saß auf einem kleinen Kissen
vor dem Schaufenster mit
Geschenkartikeln. Die Sonne schien.
Ich las nicht, was auf der Pappe stand, die
er sich vor die Brust hielt. Ich
ging vorüber. Nur wenige Münzen
lagen in der Schachtel, die er
neben sich hatte. Ich ging weiter. Weiter.
Grübelte, wie er dort hingekommen sein mochte.
Es gab nur ihn, das Kissen, das Schild &
die Schachtel. Kein Fortbewegungsmittel.
Ich ging weiter.
Plötzlich, sehr plötzlich taten mir die
Füße weh. Meine Waden schmerzten.
Wie ein inneres Brennen, das von
unten her bis zu den Knien loderte.
Ich ging weiter.
Schwerer & schwerer wurden die
Schritte. Das Brennen heftiger.
Die Gefäße pochten. Pochten.
Pochten. Tritte von innen. Ich
blieb stehen. Bückte mich; hob
ein Hosenbein etwas an ……
Schwarz pulsierte das Fleisch;
eine stinkende Masse. Panik. Ich
schrie auf. Hob das andere Hosenbein
an …. Schwarz pulsierte das stinkende
Fleisch auch dort.
Ich schrie um Hilfe. Niemand beachtete
mich. Niemand schaute in meine Richtung.
Passanten passierten. Ich stand dort,
sekundenlang, minutenlang …..
In der kreischenden Einsamkeit.
Zurück! riefen meine Gedanken.
Zurück zu der Stelle, wo er ……
Schwer & langsam ging ich; setzte
einen Schmerz vor den andern. Stützte
mich an Fassaden ab. Zurück.
Zurück. Ich fühlte meine Unterschenkel
schmelzen; glaubte, kleiner zu
werden. Weiter weiter. Zurück.
Stinkende Schritte, pulsierende Panik.
Schon aus der Entfernung sah ich – dass
er fort war. Er war fort. Das Kissen
war noch da. Die Schachtel war noch
da. Die Pappe war noch da. Die Sonne
war noch da. Ich näherte mich.
So langsam. So schmelzend. So schrumpfend.
Ich verlor meine Schuhe. Achtete nicht darauf.
Weiter. Endlich kam ich an, ließ mich auf das
Kissen nieder. Streckte die Beine aus.
Der Schmerz wurde unerträglich. Ich
wußte, was passieren würde.
Noch einmal schrie ich um Hilfe.
Alle gingen vorüber. Alle gingen weiter.
Ich las, was auf der Pappe stand, die neben
mir am Boden lag. – – –
-SCHULDIG IN NOT GERATEN –
Ich nahm es & hielt es mir vor die Brust.
Warum ich? – Alle waren vorüber gegangen.
Kaum jemand hatte sich um ihn gekümmert,
nur die wenigen, deren Münzen noch immer in
der Schachtel lagen.
Warum ich? Warum ich?
Ich starrte auf meine Hosenbeine.
Da lag die Logik. Verwesend.
Ich wußte, ich würde viel Zeit haben,
darüber nachzudenken – – –