Selbstbildnis

Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.
Er wollte sich sehen, wie
ein Fremder ihn sehen würde.
Um sich zu erkennen.
Vielleicht.
Der Raum hinter ihm war
beinahe dunkel;
die Lampe über dem Spiegel
schwach.
Fremd, dachte er.
Fremd.
Er suchte, die Verbindung
zu seinem Abbild zu
durchtrennen.
Glaubte,
für einen Sekundenbruchteil,
dass es ihm gelungen sei –
nur um im nächsten Augenblick
zu glauben,
dass er sich geirrt habe.
Doch er war sich nicht sicher.
Fremd wie ein neuer
Gedanke;
fremd wie ein neues
Gefühl.

Aus dem dunklen Hintergrund
löste sich eine noch dunklere
Gestalt ….
Wie ein Scherenschnitt.
Eine schlanke Silhouette, gehüllt
in Unkenntlichkeit; das
Gesicht
verborgen hinter schwarzem Stoff,
straff gespannt.
Die Figur kam ihm bekannt vor.
Lautlos wurde sie ein immer größerer
Teil des Spiegelbildes.
In der Hand
– war es die linke, war es die rechte?, er
wusste es nicht –
trug sie etwas, das er für ein chirurgisches
Instrument hielt.
Es wirkte schwer.
Er wandte sich um, schaute
in den Raum.
Der Raum war
leer.
Er hörte ein Splittern,
wandte sich wieder dem Spiegel zu.
– –
Die Gestalt war fort.
Der Sprung im Spiegel befand sich
fast in der Mitte –
eine Narbe, die wie ein
schräger Blitz
sein Spiegelbild
gezeichnet hatte.
Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.

Da war es :

Sein Selbstbildnis!

Sein Selbstbildnis,
das ihm
irgendwie

fremd war.


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