Schlagwort-Archive: Lyrik

In Worten

In Worten

lässt es sich
wohnen

wie
in einem Verließ
oder
einem Garten

& wie
es dort aussieht
geht
Niemanden etwas an

Ketten
Wuchern
Schreie
Blühen

Und selbst
in fremden Wohnungen
hängen
die eigenen Bilder

in Worten


Die Richtigen & Alles Andere

Es sind immer die Richtigen

Menschen, die gehen;
Menschen, die bleiben.
Deshalb bleiben
oder gehen
sie.
Deshalb sind sie
die Richtigen.

Alles
Andere
ist nur

Phantasie
oder
Erinnerung.


Nur Grammatik

Er sagte:
»Dein Ich zu verstecken
hinter der 3. Person, die
gar nicht existiert, ist
nur Grammatik.

Ist
Nichts. Für
mich.«

Dann nickte er, um
sich zuzu
stimmen.


Auf die Plätze, Fertig, Sinn!

Ehret die Putzfrauen!
Sie säen nicht,
Sie ernten nicht –

& auch sonst
ergibt kaum etwas
einen Sinn.


Angenehm traurig

Da war diese Hollywoodschönheit, und sie
griff mir von oben in die Hose, durch den Bund, und
ihre Zwillingsschwester schaute zu, die
es in Wirklichkeit gar nicht gibt, und
plötzlich waren beide fort, ohne
dass ich mich darüber wunderte….. ich
ging in den Keller meines Hauses
& hörte ein Stöhnen; es kam
aus dem Zimmer am Ende des Ganges, aus
dem Zimmer, das einst ein Schlafzimmer gewesen
& inzwischen eine Rumpelkammer war; unvermittelt
stand ich im Türrahmen – ohne
dorthin gegangen zu sein…..
Ein Mann, älter als ich, kniete nackt auf dem Bett, das
nicht mehr existierte, und die Geliebte der Vergangenheit
hatte seinen Schwanz im Mund & lächelte mir
mit ihren Augen zu – als es ihm kam….. Das
Sperma tropfte von ihrem Kinn auf die lakenlose Matratze,
und die Erektion, mit der ich erwachte, war
angenehm traurig.

Ich schickte ihr eine Nachricht:
Weißt du, was mir heute
aufgrund eines Traumes klar wurde?
Ich wünsche dir, dass
wenigstens du
Sex hast – wenn
ich schon keinen habe. Ohne
alle Ironie & ohne
einen bösen Gedanken in meinem Hinterkopf.
Und das – nicht aus Desinteresse
oder gar Gleichgültigkeit…. Es
fühlt sich gut an.

Natürlich antwortete sie nicht.
Sie antwortete nie.
Schon als wir noch zusammen waren
kam oftmals keine Antwort.
Es war, behaupte ich, eine Charakterschwäche, die
Stärke suggerieren sollte. Vor allem
sich selbst gegenüber wollte sie stets
stark erscheinen.

Dieser Hollywoodschönheit wäre ich beinahe
mal über den Weg gelaufen. Jahre zuvor.
In London.
Ich war mit einer Freundin dort, und wir
hatten uns für einen halben Tag getrennt, um
den eigenen Interessen nachzugehen.
Ich durchstöberte Antiquariate, besuchte das
Sherlock-Holmes-Museum & saß schließlich in einem Pub,
trank Guinness & rauchte Zigarillos.
Am Abend dann erzählte sie mir
von ihrem Einkaufsbummel. In einem
Schuhgeschäft, Nähe Carnaby Street, hatte sie
diese Schauspielerin gesehen – & es bedeutete ihr
nichts. Ganz beiläufig erzählte sie davon, während sie
von ihren neuen Schuhen schwärmte. Ich schwärmte
– ein wenig – für diese Schauspielerin. Damals.
Und konnte meinen Ärger nicht verbergen. Es war
lächerlich. Und traurig. Wieder etwas verpasst.

Ab & an meldet sich diese Freundin. Meist schriftlich.
Doch nicht immer antworte ich ihr.
Sie erwähnt gerne mal den Namen der Schauspielerin,
um mich freundschaftlich zu necken…..
Aber die bedeutet mir längst nichts mehr, und
es ist mir egal – sie nie gesehen zu haben
in der Wirklichkeit. Das
ist angenehm. Vielleicht auch
traurig. Angenehm
traurig eben.

 

 

 

 

 

Siehe auch:
Sherlock Holmes als Arme Sau
London


Der Anzug

Es war der bequemste Anzug, in dem
er sich am wenigsten wohl fühlte.
Dort draußen.
Der Anzug saß perfekt, war
gleichsam eingetragen, war
weich & vertraut.
Doch der Mann spürte
die Blicke der Menschen
auf den glänzenden Stellen.
Den Stellen, die von
Alter & Abnutzung kündeten;
er spürte sie auf den Flecken, die sich
nicht mehr entfernen ließen – & die
vielleicht nur er sah – in
einem bestimmten Licht; er spürte sie
auf den kaum erkennbaren Fransen
am Ende
der abgestoßenen Ärmel
& auf den ausgebeulten Taschen, in denen er
alles Notwendige mit sich herumgetragen hatte….

Es war der bequemste Anzug, und
der Mann hing an ihm,
wenn er alleine war.

Der Anzug war alt.
Der Mann nicht.

Er hatte noch viel
zu lernen.


Arme Kröte!

Ich hatte es irgendwo gelesen:

Ab 40 km/h
platzt die Kröte. Selbst
wenn man sie
zwischen die Räder nimmt.

Sie selber ist natürlich nie so schnell.

Es ist die Luft.

Arme Kröte!
Was für eine schöne Metapher du bist.


1 Jahr

1 Jahr ohne Alkohol.

Was für ein Satz!
Und zunächst dachte ich:
Das gab es noch nie – seit
deinem 14. Lebensjahr….

Seit jenem Weihnachtsabend
nach dem Tod meines Vaters, als
mein Bruder, der gerade aus dem Knast entlassen worden war,
mir Gin mit O-Saft gab – &
ich mich verliebte.
In den Duft des Gins
& die spätere Frau meines Bruders.
Aber – das stimmt überhaupt nicht.
Schon lange vorher hatte es niemals
1 komplettes Jahr ohne Alkohol gegeben….
Ein Gläschen Sekt zu Silvester oder zu Geburtstagen….
ein Schlückchen Sliwowitz, das ich mir ab & an
aus der Hausbar meiner Eltern stibitzte (weil ich
Geruch, Geschmack & Wirkung so mochte; ich mochte
Pflaumen schon immer gerne) ….
Ach ja, und da war auch noch der Schluck Bier, den
ich aus dem Glas meines Vaters bekam – als der
eine seiner Geliebten besuchte (sie war Inhaberin einer Bar,
hatte lange schwarze Haare, sah südländisch aus, und
wenn ich länger darüber nachdenken würde, fiele mir vielleicht
auch ihr Name wieder ein…. Astrid?); jedenfalls saß ich auf dem Schoß
meines Vaters, nippte an dem Bier – & mochte es nicht. Was
ich mochte, war die Tatsache, dass er mir etwas davon abgab. Und
ich auf seinem Schoß saß. Und die hübsche Frau mich anlächelte.
Mit ihren großen dunklen Augen & ihren vollen Lippen.
Ich muss 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein.
Später kamen die Dichter.
Allesamt Säufer. Jedenfalls diejenigen, die mir am meisten bedeuteten.
Trinken war auch eine Haltung. Eine Lebenseinstellung. Etwas,
das eine bestimmte Art von Kunst hervorbrachte; eine, die es
– ohne Exzess – so nicht gegeben hätte. Ja, sie waren Vorbilder.
In meiner Jugend. Und lange darüber hinaus. Aber
heute habe ich keine Vorbilder mehr. In keinem Bereich meines Lebens.
Ein sehr angenehmes Gefühl. Ich möchte nicht mehr jung sein.
Also: wann hatte ich zuletzt ein Jahr ohne Alkohol gehabt?
Ich weiß es nicht. Jedenfalls: vor über 45 Jahren.
Eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob es jetzt
exakt 1 Jahr ist….
Es war keine große Sache. Kein großer Schritt. Nichts Geplantes.
Ich hatte eine Erkältung & eine Nebenhöhlenentzündung,
pausierte deshalb mit Rauchen & Trinken….. & –
blieb einfach dabei.
Den Tag des letzten Schlucks, des letzten Zuges aus der Zigarre
habe ich mir nicht gemerkt. Nicht angestrichen im Kalender.
Den ich ohnehin nicht besitze.
Es war kein besonderer Tag.
Eigentlich.
Natürlich: der Genuss fehlt mir. Ab & an. Der Genuss
war immer die Hauptsache – im Grunde. Und sicherlich: die
Bratwurst schmeckt noch besser, wenn man ein Bier dazu trinkt (Ja,
ich glaube, sie hieß wirklich Astrid)…. Und
Pizza ohne Rotwein dazu konnte ich mir früher kaum vorstellen –
obwohl ich mir Vieles vorstellen konnte…. Aber
was soll’s! Ich komme klar. Und ich komme auch
ohne Betäubung klar – wenn es mir schlecht geht. Ich weiß,
dass ich nicht Maß halten kann. Zumindest nicht für lange Zeit.
Und es gibt andere Arten zu flüchten.
Vielleicht wäre das Trinken gut fürs Schreiben? Kann sein.
Egal.
An meinem rechten großen Zeh kann man immer noch sehen,
wo ich mich verletzt habe – als ich mich im Suff
aufs Maul legte….. Und es anfing
zu bluten. Mal wieder.
Doch nach & nach
verschwindet auch diese Spur.
Verflüchtigt sich
wie Alkohol.


Dies (I)

Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest:

Dies


Dies (II)

Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest
in einem Traum:

Dies


Dies (III)

In einem Traum
liegt eine Frau
in einem Bett
& liest:

Dies


Dies (IV)

In einem Traum
liegt in einem Bett
eine Frau
& liest:

Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest
in einem Traum:

Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest:

Dies


Ende

Ende!
in einem lichtlosen Raum

Geh ins sterbende Licht!
mit matt-gebrochenen Augen

& in der Finsternis
kann dein Schatten sich frei bewegen

im Nichts


Der Moment der Wahrheit

Der Moment der Wahrheit
kann auch eine Lüge sein.
Ein falsches Lächeln
im richtigen Moment;
ein Lächeln aus Mitleid, das
die Tränen zurückhält.


Gleichgewicht Sinn

Wenn ich, gehend, eine Kurve beschreibe
oder um eine Ecke biege, denke ich manchmal
zurück an jene wenigen Sekunden
in meiner Jugend…..
Ich ging über einen Parkplatz
in der Abenddämmerung. Ging
& verlor den Gleichgewichtssinn.
Ich hatte nach rechts gehen wollen
& wusste nicht, wo das war.
Ich wusste nicht, wo rechts,
wo links, wo oben oder unten
sich befanden. Ob Richtung
überhaupt existierte.
Der Himmel schien so nah
wie der Boden. Nichts
war auseinanderzuhalten.
Ich war nüchtern, doch ich torkelte.
Ich torkelte, doch ich fiel nicht.
Driftete irgend wo hin…..
Diese Sekunden gehören
zu den erschreckendsten meines Lebens.
Es war – als hätte ich in eine andere Welt geblickt
& die eigentliche Wirklichkeit gesehen;
gelöst aus den Fesseln
der menschlich-genormten Wahrnehmung.
Verlorene Orientierung
Verlorenes Gleichgewicht
Verlorener Sinn.
Jahrzehnte sind vergangen; es war
ein einmaliges Ereignis – doch
ich denke wieder & wieder
mit Grauen daran,
wenn ich um eine Ecke biege
oder, gehend, eine Kurve
beschreibe.
Es könnte erneut passieren.
Und dann vielleicht
für immer.


Runter vom Gas!

 
Laute Signale in der Dämmerung!

Sie hupt – wenn es dunkel wird
Hupt – wenn es Nacht &
sie alleine ist
auf jener Strecke
wo sie tötete

Und sie fährt ganz langsam

3 Rehe waren gestorben
in kurzer Zeit
in rascher Folge

Sie erzählte es mir
während meine Hand auf ihrer bloßen Brust ruhte
& das Sperma trocknete

»Mir doch egal, ob man mich
für bescheuert hält«, sagte sie.

Und unsere Füße berührten sich
Bremse & Gas

Runter vom Gas!
Ich fahre ganz langsam
über die Autobahn
dort – wo ich tötete
doch ich hupe niemals

Zu sehr liebe ich
die Ruhe

Es war nur 1
in meinem Falle

Und Alle überholen mich –
All jene, die niemals einen Unfall hatten

oder aber
vergessen konnten

All jene
die sich nie in ein Tier hinein versetzen

Die Warnschilder stehen am Rand
doch sie beachten sie nicht

Weder die Unvorsichtigen
noch die Tiere

»Mir doch egal, wofür man mich hält«,
sagte – oder dachte ich.
Solange du mich hältst, sagte ich nicht.

Blut
war auf die Straße gepumpt worden
Und war getrocknet

wie mein Sperma

inzwischen

Blut aus Herzen
die vergingen

So ist das
mit der Liebe.

Gas & Bremse

Doch Langsames Fahren hilft
ebenso wie Umsicht
auch nicht

immer.


Ineinander hinein

Wir hatten uns
ineinander hinein
verletzt

& hätten uns doch
versetzen sollen

hinein!
natürlich
was denn sonst…..

Eins ins Andere.

Ja – was denn sonst?

Das Versetzen kam
ganz am
Ende.

Und es war verletzend –
ein letztes
Mal.


Zähneklappern

Manchmal
wenn ich draußen bin
klappert’s drinnen
in meinem Mund.
Immerhin: es sind meine eigenen Zähne
die da klappern…..
Nicht aus Furcht. Zumeist.
klapperklapperklapperklapper!
Und manchmal denke ich dann
an Chet Baker & all die Schneide- & anderen Zähne
die ihm fehlten.
My funny Valentine.
Man konnte es hören
in seinen späten Gesängen.
Vor seinem Fenstersturz.
Funny? – Bloody! – My bloody Valentine.
So sind sie: meine Assoziationen, meine Einfälle
& Erinnerungen. A thousand tumultuous recollections.
Und da ist dieser Film über Horst Janssen –
Ego heißt er (einer der besten Titel überhaupt) –
& Janssen sagt an einer Stelle: »Ich sollte
mir neue Zähne machen lassen«
oder so ähnlich; und sein lispelnder Mund, der
beinahe zahnlos grinst, erinnert mich
jedesmal an Chet Baker & Wolfgang Neuss.
Alkohol, Drogen, Schlägereien…..
Neue Zähne haben sie sich nicht machen lassen,
sofern ich mich nicht irre.
Wenn mir besonders kalt ist, nehme ich
ein Bad – & höre Chet Baker.
Und das Bad ist immer zu heiß. So heiß
dass ich Kopfschmerzen bekomme. So ist das
mit der Nostalgie.
Ich wurde schon als Kind zu heiß gebadet –
befürchte ich. Zumindest hatte ich oft Kopfschmerzen.
Das ist eigentlich ein anderes Thema – aber was soll’s.
So sind sie: meine Assoziationen.
Eingefallene Wangen…..
Niemand hat die Dichter gezeichnet
wie Janssen. Ich liebe seinen Poe.
Komm, leg dich zu mir
in die Badewanne,
Berenice! Und zeig mir deinen.


Gelächter

Ich lache
wenn ich komme
sofern es gut war

Ich kann es nicht kontrollieren

Ich lachte viel
bevor sie ging

Sie lachte auch
Doch nicht wenn sie kam

Es war gut
gemeinsam zu lachen

aus anderen Gründen

Nur zu sein
Nicht zu kommen
Nicht zu gehen

So hätte es bleiben sollen
doch es wollte nicht so bleiben

Denn man hat sie nie wirklich
die Kontrolle

Das Gelächter aus andern Gründen
war das beste überhaupt

beinahe abgründig

Nun kann ich’s ja sagen
da sie mich nicht mehr hört

Und ich lache nicht
wenn ich’s mir selber mache

Und ich erinnere mich
an unser Gelächter

wenn ich
nichts zu lachen habe


Geisterbahn

Niemand
hätte den kleinen Jungen davon abhalten können
mit der Geisterbahn zu fahren

so schien es

Niemand
hätte ihm die Augen öffnen können

solange es dauerte

Mit fest verschlossenen Lidern
fuhr er durch die Geräusche & Gerüche
den inneren Blick aufgerissen
die Pupillen geweitet in Dunkelheit & Schrecken

Wie langsam doch die Zeit verging
im Innern!
In der Künstlichkeit
die er nicht sehen wollte

Einmal fuhr ihm ein Schleier durchs Gesicht
& er erschrak
ganz stumm

Und da lag ein Arm
auf seinen Schultern
schwer & lebendig

Weiter! Weiter! Durch die Finsternis
der geschlossenen Lider
Durch die Bilder
die aus der eigenen Tiefe kommen

Nichts
in der Rummelplatz=Welt konnte
so grausam erschreckend, anziehend & wichtig sein
wie die Geisterbahn

Weiter! Weiter! Auf dem vorbestimmten Weg
ruckelnd & krachend

Endlich
stieß das Gefährt gegen die Flügeltüren
drückte sie in die Außenwelt

Der Junge öffnete die Augen

Vorsichtig

Alles
war zu grell
als die Fahrt zu Ende ging

Und die Erwachsenen behaupteten, es sei
Alles
nur Pappmaché & Plastik
Alles
nur halb so schlimm

»Nochmal!« sagte ich.
Mein Vater lächelte. »Hattest du die Augen offen?«
»Nein.«
»Machst du sie auf, wenn wir nochmal fahren?«
»Ganz bestimmt – nicht.«
»Na schön«, sagte er. »Ein Mal noch.«


Abrechnung

Im Traum war ich
eine Summe
Ich erwachte
als Differenz

Damit hatte ich nicht gerechnet

Immerhin:
es gibt keinen Rest
bei Addition & Subtraktion

Keine Rechnung ist simpler

Vielleicht allein
die Abrechnung


In der Mitte des Zifferblatts

Du & ich
Zeiger einer analogen Uhr

Wir treffen & trennen uns bei
nahe überall

Nur in der Mitte des Zifferblatts
bleiben wir stets vereint

wo die Bewegung der Zeit
kaum zu sehen ist

während sie doch vergeht
wie alles andere

Dort sind sie verbunden
unsere Enden

und bleiben es
auch wenn die Uhr zum Stillstand kommt


Kurven

Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs.

Am liebsten in die Kurven
der Geliebten
als wären sie der Weg.

Der Weg
zur Ruhe zu kommen.

Und das Ziel zugleich.

Sie kamen oft.

Kamen
zur Ruhe
zu sich
& zu
einander

ineinander

& lachten in den Lachen auf dem Laken.

Kalt waren die Lachen
& feucht.

Bevor sie trockneten.
Flecken der Erinnerung

die blieben
während sie gingen
die Geliebten

Und immer wieder
kam sie wieder.

Nur einmal nicht.
Und wer einmal nicht wiederkommt
kommt niemals wieder

denn einmal ist der Anfang
von niemals
wenn es ums Wieder geht

Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs

Am liebsten in die Kurven
der Geliebten.

Und dann war sie
weg.


Spiegelung

»Diese großen dunklen Augen«, sagte sie,
tief hinein schauend
scheinbar tauchend.

Beinahe klang es – als
liebte sie mich

Ich fiel….

Tatsächlich
suchte sie nur
nach ihrer
Spiegelung

auf der Oberfläche

….darauf

herein

in die Tiefe

tauch
end


Die Halde am Rande des Wahnsinns

Nein!
Es ist kein Schwelgen
in Erinnerungen.
Es ist nichts
Besänftigendes.
Es ist ein Stochern
im Gedächtnis…..
In dieser Halde
am Rande des Abgrundes
wo die heißen Dämpfe der Verwesung
die Bilder flirren lassen
& Unbeachtetes plötzlich glitzert
im Müll.
Nein. Kein Schwelgen.
Nichts Gemütliches.
Nur Stochern
& Suchen
am Rand. Vielleicht sogar
am Rande
des Wahnsinns
Wer bin ich?
Wie bin ich
hierher gelangt?
Was macht mich

aus


Der Rettungsring

Mein Bruder glaubt bis heute
mich schwimmen gesehen zu haben
in unserer Kindheit.

Dabei
konnte ich nicht schwimmen.
Und kann es bis heute nicht.

Ich ließ mich bloß treiben
auf dem Meer.

In einem Rettungsring.
In Sichtweite der Erwachsenen.

Mein Bruder erinnert sich
falsch.

Er erinnert mich
an all die Anderen
die glauben zu wissen

wie
ich durchs Leben
gehe.


Vergleiche

Es ist gleich
gültig mit wem man
mich vergleicht –

mit
einem von mir
geliebten oder bewunderten Menschen
oder mit
Hitler

Es ist gleich
gültig womit man das
was ich tue oder erschaffe
vergleicht

Ich hasse alle Vergleiche
die sogleich das Gleiche finden
in gleichem Maße!

Der vergleichende Blick übersieht
so leicht
das Unvergleichliche

& zu selten wird unterschieden
zwischen dem Vergleich
(der nur eine Suche ist)
& der Gleichsetzung
(die das Unwesentliche gefunden hat).

Raub der Individualität.
Reduktion der Persönlichkeit.
Nivellierung & Ein
ordnung des Charakteristischen
in Tat & Werk…..

Ich hasse alle Vergleiche –

im Guten
wie im Schlechten

oder
Bösen.

 

Es sei denn
sie finden sogleich
den Unterschied

der
Ich
ist.


Eine große Liebesgeschichte

Eine mir unbekannte
Frauenstimme sagte:
»Ihr Anruf kann im Moment nicht entgegengenommen werden.«
Sie sagte es zu jemandem
im Hintergrund.
Es war das,
was sie gehört hatte
als sie mich anrief.
Das, was ich hörte
auf meinem Anrufbeantworter.
Worte, die sie weitergab, während die Aufzeichnung lief;
Worte einer automatisierten Ansage,
die von einer mir ebenfalls unbekannten Frau
gesprochen worden waren; von der Stimme
in meinem Anrufbeantworter.
Eine Rufnummer wurde nicht übertragen; die Anruferin
hatte es so eingestellt.
Alle Anrufer, die ihre Nummer unterdrücken,
erhalten jene Antwort – direkt & unvermittelt; ich
habe es so eingestellt.
3 Mal hatte sie versucht mich zu erreichen –
während ich schlief.
3 Mal hatte es nicht geklingelt –
aufgrund unserer Einstellungen.
Eine Nachricht wurde nicht hinterlassen.

Schade.
Es hätte
eine große Liebesgeschichte werden können.

Mit einem
Mord
am Ende.

Einem Mord aus Leidenschaft.

Mindestens.


Geträumte Rückfälle

Die Träume
in denen ich saufe
sind mir eine Hilfe

denn in ihnen bin ich maßlos

enttäuscht
von mir
& meiner Schwachheit

Geträumte Rückfälle

Doch dann: das Erwachen

Froh – & beinahe glücklich
Denn es gibt nicht viele Träume
in denen ich schwächer bin

als
in der Wirklichkeit

 

 

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Eine Frage wurde gestellt

Eine Frage wurde gestellt.
Eine Frau stellte sie mir.
Und ich gab Antwort.

»Sag – wie bist du damit fertig geworden?«

»Ich glaube einfach
nicht, dass es so bleiben wird.«

»Ich kann das nicht«, sagte sie. »Du
hast Glück.«

»Glück?« sagte ich. »Es ist nicht
wirklich Glück. Es ist bloß
Vorstellungskraft. Die Kraft der
Einbildung.«

2 Tage zuvor hatte ich ein Haar gefunden.
Ein langes blondes Haar zwischen meinen schwarzen Socken.
Auffälliger hätte es nicht sein können.
Es roch nach
Nichts.

Ich konnte es nicht
wegwerfen.

Glück – Vorstellungskraft – Kraft der Einbildung –
eigentlich war das doch Alles

das Gleiche.


Heraus gerissen

Es riss
mich aus dem Schlaf

wie eine Seite
aus dem Album der geträumten
Bilder

Es wird immer
dünner

& niemand
weiß wohin

die Seiten verschwinden

Es
ist
dieses

Bewusst
Sein


Spiegelkuss & Wolke mit Ei

Elektrisches Insekt
Spiegelkuss im Aufzug
Weißwankende Wolke
Buntes Ei auf Empfang

Zusammenhanglos oder lose zusammenhängend?

Ich hasse das Geräusch des Ventilators im Aufzug.
Nachts hallt es durch die Hotelhalle
wie das Gesumme eines stromgefütterten Insekts:
stechend, störend, nervend.
Es stört mich beim – nennen wir’s ‚Arbeiten’;
aber auch bei allerlei wichtigen Untätigkeiten.
Ich kann ihn ausschalten so oft ich will –
irgendein Mensch (vermute ich) schaltet ihn wieder ein.
Essummtessummtessummtessummt – also
gehe ich zum Lift, greife
nach dem Kippschalter…..
Jemand hat den Spiegel geküsst!
Den Spiegel im Aufzug.
Mit dunkel bemalten Lippen….
Der Abdruck des Kusses wandert über mein Abbild,
wenn ich mich bewege.
Ich hasse Lippenstift. Den Geschmack des Künstlichen.
Doch ich liebe
die Abdrücke – Lippenmalerei
auf Glas, auf Zigaretten, auf meiner Haut.
Die Linien; die Lücken; die Öffnungen.
Eine Erinnerung.
Die mich bewegt.
Wer hat den kalten Spiegel geküsst?
Ich weiß es nicht – & werde es nie erfahren.
Nur ihre Größe kann ich erahnen; die Höhe ihres Mundes;
die Fülle ihrer Lippen (natürlich: ich kann mich täuschen –
wie so oft; doch solange mir Wahrheit & Wirklichkeit nicht
dazwischenfunken, habe ich recht. Und niemand sonst.).
Kipp! Es wird ruhig. Der Schalter steht wieder oben.
Und ich setze mich hinter die Rezeption. Träume dem Kuss hinterher.
Einsam – selbstverliebt – übermütig – wie war sie gewesen?
Während der Fahrt durch die Nacht bitte nicht mit dem Nachtportier reden!
Aber keine Sau hält sich an die Regeln der Träumer.
Die Drehtür fächert eine alte Frau ins Hotel.
Die Frau wankt. Ihre Frisur: eine leuchtend-weiße Schäfchenwolke;
jederzeit könnte sie anfangen zu schneien.
»Gibt’s hier noch was zu trinken?«
»Nein«, sage ich.
»Dassissblöd«, sagt sie.
»Tja. Da ist noch die Minibar.«
»Nee – alleine trinken macht kein´ Spaß.«
(Wie wenig ihre Erscheinung & ihr Alter zu ihrer Trunkenheit passen,
denke ich – & weiß, dass dieser Gedanke unsinnig ist. Immerhin:
sie trinkt nicht allein.
Fast klang es wie eine Einladung. Doch
ich trinke nicht mehr. Und als ich noch trank, tat ich es allein.)
»Ich hab meine Zimmernummer vergessen, können se ma grade gucken?«
(Ob ich grade gucken kann? -)
»Ich vergesse meine auch immer, wenn ich zurück in den Knast muss«, sage ich.
Sie lacht. Rauh, besoffen.
Ihr Lippenstift ist grell.
Sie sagt mir ihren Namen; ich sage: »Drei Null Acht. Dritter Stock, rechts.«
»Dann nehm ich mir noch ein Ei.«
Und sie greift zu.
Erwähnte ich, dass es auf Ostern zugeht?
Also: es geht auf Ostern zu. Karwoche.
Ein grünes Nest steht auf dem Empfangstresen.
Bunte Eier, hartgesotten.
Sie nimmt sich das gelbe. Symbolträchtig.
Sagt »Gute Nacht« – & wankt zum Aufzug.
Ich sehe ihren bewölkten Hinterkopf.
Ob sie den Kuss sehen wird?
Sie dreht sich nochmal um…. »Zweiter Stock?«
»Nein, dritter.«
»Zwei Acht Null?«
»Nein – Drei! Null! Acht! Dritter Stock. Rechts.«
»Ah ja.«
Und sie verschwindet in der Kabine.
Allein. Mit ihrem Ei. Und dem geküssten Spiegel.
Es zieht sie hinan. Mit Ruckelgeräusch. Auch der Aufzug
ist nicht mehr der jüngste.
Sie könnte die Größe der Küssenden haben, und wenn sie
in den Spiegel schaut….

Nächtliche Gedanken. – Vielleicht war es
ein Transvestit, der seinen Abdruck hinterlassen hat?

Die nettesten Gespräche habe ich oftmals mit Transvestiten
mitten in der Nacht.
Ach ja – die Romantik!
Am frühen Morgen
wird die Putzfrau
kommen. Und manchmal
summt sie
beim Wischen.
Ich schwärme ein bisschen für sie –
& mag ihr Summen.
Doch mit dem Kuss
im Aufzug
wird es dann vorbei sein.
Und vermutlich hat die alte Frau
gerade jetzt – auf dem Weg nach oben –
den Ventilator eingeschaltet; und vielleicht
schneit es nun
auf ihre Schultern.


Wald der Verdrängungen

Durch den Wald der Verdrängungen
gehen wir
verlaufen wir
uns
im Vergehen
Das Leid pfeift ein Lied
in uns
um sich zu vergessen
Und immer tiefer wird der Wald
immer dichter sein
Bestand
Im Lichtlosen verstummten die Erinnerungen
Doch nichts ist tot
bis wir es sind
Herabgefallenes knistert & bricht
unter unsern Schritten
Und es riecht nach Blühen & Verwelken
nach Blättern die sich lösen
Unsere Wurzeln sind bloß
Fangarme
überirdische Tentakel
die Nichts halten
können
auf Dauer
Wind bewegt die schwachen Äste
mit Gewalt
Und wer glaubt
einen Weg gefunden zu haben
unterliegt
nur einer Täuschung
Wald der Verdrängungen
Wald der Märchen
die wir uns verschweigen
Und irgendwo liegt eine Lichtung
ein entblößter Fleck
glatt wie ein krankes Gehirn
ohne Windungen
Unbeschattet & friedlich
Dort
ruht das Vergessen
& wir
in ihm
Endlich
am Ende
Als wäre
Nichts
gewesen