Und dann
frage ich mich immer wieder:
Bin ich lieber
die Eintrittswunde
oder
die Austrittswunde
im Leben
des
geliebten
Menschen?
Und dann
frage ich mich immer wieder:
Bin ich lieber
die Eintrittswunde
oder
die Austrittswunde
im Leben
des
geliebten
Menschen?
Die Wimper auf dem Brillenglas
behinderte meine Sicht.
Jeder Blick, den ich auf
irgend etwas
warf, war von diesem Schatten
gestört. Die Störung war groß, weil
die Wimper mir so nah war –
dieser kleine Strich….
wie der krumme Teil
eines Fadenkreuzes.
Zielen konnte ich damit nicht.
Aber er war eine Erinnerung,
die alles, worauf mein Blick fiel,
zeichnete.
Behinderung
Schatten
Störung
Zeichnung
Erinnerung
Eine Erinnerung an
Sie
der die Wimper gehört hatte.
Ich hätte sie wegpusten können –
aber
ich tat es nicht. –
Irgendwann
war sie
von allein
verschwunden.
Die Blutlache breitete sich aus
auf dem Teppichboden …
Sie war groß wie ein Tortenboden …
Eine Tür hatte sich geschlossen …
im Streit … Und ich hatte gedacht, sie
sei nur angelehnt gewesen …
Ich hatte die Tür nur aufstoßen wollen
mit dem Fuß … trat gegen
die Glasscheibe in der Tür …
Die Scheibe splitterte …
Die Splitter drangen durch den Schuh …
Der Streit war vergessen.
Ich stützte mich auf IHRE Schulter …
hüpfte … SIE
fuhr mich ins Krankenhaus …
Eine Spritze wurde mir
in den Fuß gejagt, um ihn
zu betäuben …
Der Arzt schnitt ihn auf, um
die Splitter herauszuholen …
Einen nach dem anderen …
Die Splitter des Streits …
Ich bekam einen Verband &
Krücken …
Es war lächerlich – also
lachten wir …
SIE war
unverletzt –
ICH
auf Krücken.
Natürlich war ich es mal wieder,
der mit halber Arschbacke
auf dem Stöpsel saß & die
Mischbatterie im Rücken hatte.
Natürlich war es mal wieder
die Frau, die sich
gemütlich angelehnt mir gegenüber
im Wasser rekelte; die Haare
hochgesteckt, das Licht der Kerzen
auf feuchtglitzernder Haut.
Schaum & Wasserdampf.
»Magst Du mich noch?« fragte sie.
Es war Nacht.
»Klar«, sagte ich.
»Gut«, sagte sie.
Kurze Pause.
»Aber ich mag ja auch
Schweine – & trotzdem
esse ich Schnitzel.«
Sie grinste.
»Du Arsch.«
Sie streckte ihr rechtes Bein
mit lautem Geplätscher halb
aus dem Wasser & schob mir
ihren Großen Zeh
in den Mund.
Vorsichtig senkte ich meine Zähne
hinein, schmeckte den zergehenden
Schaum auf der Zunge.
Tropfen fielen von ihrer Wade,
Dampf stieg von ihr auf.
In ihren Augen las ich die
leicht ängstliche
Erwartung, ich könnte vielleicht
fester zubeissen.
Die Versuchung war groß.
Dieser Versuchung konnte ich
widerstehen.
Wasserdampf & Schaum.
Die Augen der Frau glitzerten, und
ihre Anspannung ließ nach,
als mein Großer Zeh
die richtige Stelle
zwischen ihren Beinen
fand.
Der Rückenschmerz weckte mich.
Ich lag verkehrt.
Langsam, ganz langsam
drehte ich mich im Bett; dann
ließ der Schmerz nach.
Der Wecker gönnte mir noch 2 Stunden.
Der Traum war abgebrochen.
Nach all diesen Jahren
war Sie wieder da
gewesen –
in einem unbekannten Haus;
sie roch & schmeckte wie früher;
unsere Vertrautheit schien niemals
unterbrochen worden zu sein.
Gegenwärtige Vergangenheit ….
vergangene Gegenwart.
Sie schenkte mir
Nacktfotos von sich; ich tat sie
in eine geträumte Tasche.
Dann folgte:
Vergessen. – –
Wovon war ich noch gleich
aufgewacht?
Ach ja, vom Schmerz.
Ich hatte verkehrt
gelegen.
Ich wollte nur weiterschlafen –
jetzt! Sofort!
Aber ich wusste, es würde mir
nicht gelingen.
Wo war die Tasche?
Ach ja, ich hatte sie
im Traum liegen gelassen.
Langsam drehte ich mich
im Bett auf eine Seite,
die nicht schmerzte –
& ich dachte:
Bitte, noch so einen Traum von
durchbrochener Einsamkeit!
Wenn zwei
SelbstZerstörer
sich
aufeinander zu
bewegen
ist
auch von der
Liebe
keine
Rettung
zu erwarten.
»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun,
Handeln statt Betrachten –
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik –
unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
Ich öffnete die Tür.
Die Frau
lag auf dem Bett.
Bäuchlings,
blätternd in einer Zeitschrift.
Die Füße in Richtung
der Tür;
sie trug nur
ein T-Shirt,
wie zufällig ruhte sein Saum
oberhalb
ihres nackten Arsches.
Warmes Lampenlicht
auf ihrer Haut.
Sie wußte, dass
ich in der letzten Zeit
manchmal
gelangweit gewesen war.
Ich wußte, dass
sie sich
nach etwas
sehnte.
Meine Gedanken waren
manchmal
woanders
gewesen.
Ich wußte, dass in diesem Moment
nichts
ein Zufall war.
Denn sie hatte ihm
nichts
überlassen.
Ich legte mich neben sie,
überflog den Artikel,
den sie gerade las –
beziehungsweise
den zu lesen
sie vorgab;
und ich legte meine
rechte Hand
auf ihre linke Arschbacke,
und sie hörte auf,
etwas vorzugeben,
und ich hörte auf,
mich
zu langweilen.
Für einige weitere
Momente
ohne
Zufall.
Und dann höre ich einen Oldie
meist Heavy Metal
& ich erinnere mich an eine
Feier
Und zu dieser Musik
küsste SIE
einen
ANDEREN
Sie
die damals
meine Welt war
Und dann war ihre Hand
in seiner Hose.
Und ich ging.
Ich höre einen Oldie
Ich BIN ein Oldie.
Und falls sie
noch lebt
irgendwo
ist sie es
mittlerweile
auch.
Mittlerweile ist es so
dass ich mich oftmals
lieber an Bücher erinnere
als sie wiederzulesen
Die Erinnerung
sitzt so tief
So tief
wie ein neuer Eindruck
niemals
gelangen kann
Und oftmals
möchte ich auch kaum noch
neue Bücher
kennenlernen
Ja,
Bücher sind
oftmals
wie
Menschen
Sie saß auf dem Rand
des Bettes, in ihrem
kurzen, blauen T-Shirt.
Eine kleine
oder große
Unsicherheit in ihrem Blick.
»Ich hab zugenommen«,
sagte sie.
Wir hatten uns seit
ungefähr 1 Jahr
nicht mehr gesehen.
»Und?«
sagte ich.
»Na ja.«
Sie blickte kurz
auf ihre nackten Oberschenkel.
»Du spinnst«, sagte ich.
»Ihr spinnt ja alle. –
Das ist mein Glück.
Was für Chancen hätte ich sonst?«
Einen Moment lang las sie
in meinem Gesicht. Auf der Suche
nach der Wahrheit.
Dann
lächelte sie.
Sie sagte:
»Keine.
Du Arsch.
Und überhaupt –
was heißt:
Alle?«
Immer wieder treffe ich auf Frauen, die
so zerbrechlich wirken
wie ein hauchdünnes Glas.
Wie ein Glas, das sofort
zerbricht, wenn man es
zu fest umfasst, und das
Splitter
in die zärtlichsten Hände treibt.
In Wirklichkeit
sind sie
1000 Mal
härter als ich.
Panzerglas.
Eher würden
die Knochen in meinen Händen
brechen
als
ein solches
Glas.
Aber das ist
okay.
Ich möchte nicht
härter sein.
Die Erfahrungen &
der Schmerz
sind gut für
irgend
etwas.
Man kann jammern
&
sich besaufen,
man kann sich erinnern
&
Schlüsse ziehen.
Man kann
noch traurigere Musik hören
&
starren
auf Gläser
&
raten,
was wohl
darin
sein
mag.
Es
ist
gleich
gültig
ob
das
was
ich
in
jemandem
oder
etwas
sehe
wirklich
existiert
Denn
wenn
ich
es
sehe
existiert
es
in
mir
Und
so
lange
ich
existiere
ist
es
Ich verstehe es ja, wenn eine Frau
(oder ein Mann)
keine Muse sein möchte.
So lange alles gut läuft, ist es
– vielleicht –
ganz schön & amüsant.
Aber wehe, es kommt Sand
ins Getriebe der Beziehung.
(Sofern es überhaupt je eine
Beziehung war – nicht einmal das ist
nötig. Eine Illusion reicht völlig.)
Dann bekommt sie (er) etwas zu
sehen oder zu hören oder zu lesen,
was verletztend sein dürfte.
Sehr verletzend.
Narben sind vorprogrammiert.
Muse muss ein beschissener Job sein.
Und ich wünsche niemandem
einen beschissenen Job.
(Na ja – »niemandem« ist jetzt
– vielleicht –
auch wieder übertrieben.)
Immer wieder traurig, wenn
ein Busfahrer einem die Helden der
eigenen Jugend madig macht &
sie von dem Thron stößt, auf dem diese
jahrzehntelang gesessen hatten.
Besonders traurig, wenn diese Helden
den Soundtrack für die wichtigsten Momente
deines Lebens geliefert haben.
Da stand also dieser Fahrer des Tourbusses
vor mir an der Hotelrezeption & machte
mir, dem Nachtportier, gegenüber seinem
Herzen Luft.
»Der Typ ist echt ein Psychopath. Der
nervt alle. Sitzt während der ganzen Zeit
immer vorne neben mir & klugscheißt
ohne Ende. Hat natürlich immer schon
alles gelesen über die Orte, durch die wir
kommen. Und er weiß immer alles besser;
wo man langfahren muss und so. Zum
Kotzen. Und dann dieses bescheuerte
Toupet, dass der trägt. Ein einziges Mal
während der Tour hat er’s abgenommen;
da sah er zwar halbwegs vernünftig aus,
aber man konnte sehen, dass er Hautkrebs hat.
Glaub ich zumindest. Ich hab ja schon
viele Amis gefahren, aber der ist echt der
Gipfel.«
In dem Ton ging es ungefähr eine halbe Stunde.
Ich fühlte mich wirklich mies.
Ich hatte sämtliche Platten von dem Menschen zuhause.
Sämtliche Filme, in denen er mitgespielt hatte;
neben Leuten wie Jack Nicholson, Orson Welles
& Anthony Perkins.
Die Liebe meines Lebens war untrennbar mit
dieser Musik verbunden.
Es ist nicht immer ein Busfahrer, der
einem zeigt, wo auch nur mit Wasser gekocht wird.
Aber irgend jemand findet sich fast immer.
Ich versuchte, das Gerede
nicht überzubewerten.
Und doch –
ich konnte es auch nicht vergessen, als ich
im Konzertsaal saß
& applaudierte.
Aber immerhin –
ich hatte eine
Freikarte.
Es sollte, wenigstens einmal, mit dem Ende beginnen,
mit den Vorwürfen, den bitteren Worten, den
Enttäuschungen, dem Hass.
Und dann sollte man sich langsam
auf den Anfang zubewegen, auf das
Verzeihen, die süßen Worte, die angenehmen
Überraschungen, das Verliebtsein.
Wie entspannend wäre das – zur Abwechslung.
Und dann ginge man über den Anfang
hinaus – & würde sich nicht kennen.
Noch nicht – oder nicht mehr; wie auch immer.
Und wie entspannend & angenehm wäre das erst!
Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!
(Oder war man es schon damals?)
Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:
Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.
Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….
Flucht –
wie immer.
Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.
Ihre Gedanken.
Man ist ja oft
so lächerlich.
Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.
Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.
(So ungefair jedenfalls)
Und dann schmeisst man seinen alten Seneca in die Ecke
& Epiktet hinterher, hämmert mit der Stirn seinen Schmerz
in die Wände um einen herum – & fühlt wieder irgend etwas
sterben.
Der Stoizismus ist mal wieder beim Teufel gelandet, und
der Teufel sieht jedes Mal anders aus.
All das, was man in
in Ruhe
gelesen hat,
bedeutet nichts, wenn
die Ruhe fort ist.
Man hatte das alles schon selber gewusst, noch bevor
man es las.
Und man wusste, dass es einem
nicht helfen würde, wenn es mal wieder so weit war.
Immer &
immer
wieder
ist es
dasselbe!
Ohne Dazulernen.
Gefühle –
Hormone –
chemische Abläufe –
was auch immer.
Mächte, die noch stärker sind als
die Worte;
noch stärker als
die Gedanken, die
klug sein sollen.
Die Bücher landen in der Ecke
wie ungezogene Kinder, die nicht getan haben,
was sie hätten tun sollen.
Man straft sie mit Mißachtung.
Besorgt sich eine Flasche Gin &
trinkt in Gegenwart der Bücher, die
versagt haben, als wollte man ihnen stumm zu verstehen geben:
‚Schaut her, darauf ist Verlass. Hey Seneca, hey Epiktet,
schaut her – Mr. Alexander Gordon hatte mehr drauf als Ihr!
Zum Teufel mit Euch!’
Aber natürlich –
irgendwann
irgendwann
geht man wieder in diese Ecke;
hebt die Bücher auf,
pustet den Staub von ihnen
& bettet sie dort, wo sie sich
geborgen fühlen.
Wieder ist etwas gestorben in einem.
Wieder sind frische Blutflecken an den Wänden um einen herum.
An den Wänden, die
Ecken bilden.
Aber man lässt die Kinder nicht
für immer
in der Ecke.
Er trank einen Scotch nach dem andern,
ich trank nur Kaffee – der nicht schmeckte.
Die Kneipe war ungemütlich & nicht besonders
sauber. Aber sie war die erste, an der wir vorbeigekommen
waren. Und sie war leer.
„Ich werde mir einen Finger abschneiden“, sagte er, „ich
weiß nur noch nicht, welchen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
„Nein. Wirklich. Ich werd’s tun.“
„Was soll der Scheiß?“
„Erst wollte ich mich ja umbringen“, sagte er, „aber
dann hätte ich ja nicht mehr mitbekommen, wie sie sich
Vorwürfe macht. Und ich will das mitbekommen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
Er schwitzte, und seine Augen glänzten.
„Du wirst es ja sehen. Ich glaub, der Kleine Finger der
linken Hand wäre ok, meinst du nicht?“
„Warum so halbherzig?“ sagte ich. „Wenn sie sich richtig
Vorwürfe machen soll, muss da schon ein bisschen mehr kommen.
Beziehungsweise gehen.
Ein Mittelfinger zum Beispiel, oder ein Daumen.“
„Mach dich nur lustig“, sagte er. „Das wird dir schon noch
vergehen.“
Er trank das Glas leer; bestellte das nächste.
Die weibliche Bedienung lächelte nett, als sie es vor ihn
hinstellte & das leere mitnahm. Wahrscheinlich hörte sie zu.
„Ich bin so blöd“, sagte er. „So blöd. – Eigentlich hat sie doch
von Anfang an die Wahrheit gesagt. Ich hab’s nur nicht geglaubt.
Sie hat gesagt, dass sie scheiße ist, und ich hab gesagt „Aber nein,
das bist du nicht“; wenn ich gesagt hab „Ach, wie süß“, hat sie
gesagt „Ich bin nicht süß“; sie hat gesagt, dass sie aus gutem Grund
keine Freunde hat; dass sie immer alles kaputt macht; dass sie
mich nicht so gern hat, wie ich sie, und und und …. Und das war
mir alles scheißegal, und ich hab’s nicht geglaubt. Ich bin so blöd.“
„Tja“, sagte ich. „Mag sein.“
„Und dabei hatten wir praktisch keine Gemeinsamkeiten; die meisten
Sachen, über die sie redete, interessierten mich gar nicht; alles so
Kleinmädchenkram, das muss man sich mal vorstellen.“
Er kippte den Scotch.
„Scheißgefühle. Verdammte Scheißgefühle. Allein ihr Anblick, ihre
Stimme…. Oh verdammt, ich will, dass sie leidet …. Ich werde mir
den Finger abschneiden.“
„Wie wär’s mit dem Schwanz?“ sagte ich.
„Und du bist auch ein Arschloch“, sagte er.
„Wenn sie so ist, wie du sagst, ist es ihr vielleich sogar egal, was du
dir abschneidest.“
„Nein“, sagte er. „Das glaube ich nicht. So ist sie nun auch
wieder nicht.“
„Auf jeden Fall wirst du länger etwas davon haben als sie. Nur gut,
dass du kein Instrument spielst.“
„Arschloch“, sagte er. Aber
grinsen musste er doch; auch wenn es
etwas verkniffen rüberkam.
„Weißt du, diese verdammte Einsamkeit“, sagte er. „Ich
meine, ich war ja vorher auch einsam, aber jetzt ist es halt
schlimmer. Noch schlimmer.“
„Das ist doch immer so“, sagte ich. „Das gibt sich auch wieder.“
„Ich weiß, aber vielleicht will ich das ja gar nicht.“
„Oh Mann, geht’s noch komplizierter?“
Er bestellte & bekam noch einen Scotch; einen 3fachen.
„Es ist einfach alles beschissen“, sagte er. „Ich
hol mir jetzt noch öfter einen runter als vor der ganzen Sache,
aber … das Dumme ist, dass sie dabei jedesmal in meiner
Fantasie auftaucht … als verdammter Überraschungsgast.“
Die Bedienung hinter dem Tresen tat zumindest so, als
würde sie nicht zuhören.
„Ich sag doch: du solltest dir den Schwanz abschneiden.“
„Ja“, sagte er, „sollte ich. Das sollten überhaupt alle. Wenn’s
nur so einfach wär.“
„Allzu einfach wird das mit dem Finger auch nicht“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er.
„Und? Willst du ihn ihr dann per Post zuschicken?“
Er grinste. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“
„Dafür bin ich ja da“, sagte ich, „für die guten Einfälle.“
Seine Rechnung war hoch.
Das Trinkgeld, das er gab, war übertrieben.
Der Kaffee war kalt.
Ich hatte noch mehr gute Einfälle, aber darüber schwieg ich.
Als wir nach Hause gingen, schwankte er ein wenig.
Ich ging zu mir nach Hause, er zu sich nach Hause.
Ich hatte keine Bedenken, ihn
allein zu lassen.
Tust Du etwas – dann tut es mir weh.
Tust Du nichts – dann tut es mir weh.
Sagst Du etwas – dann tut es mir weh.
Schweigst Du – dann tut es mir weh.
Bist Du da – dann tut es mir weh.
Bist Du fort – dann tut es mir weh.
Weinst Du – dann tut es mir weh.
Lachst Du – dann tut es mir weh.
Du kannst tun & lassen, was Du willst …..
Es tut mir weh.
Und es tut mir weh,
dass niemand
die Schuld daran trägt.
Jemand schneidet sich am Deckel einer Sardinenbüchse,
schreit Aua!, schreit Scheiße! & blutet ….
Das ist nicht originell, aber ich verstehe es, weil es
verständlich ist.
Aber warum,
zur Hölle,
ist das menschliche Handeln
immer
so vorhersehbar –
warum ist es
immer
so unoriginell ?
Warum habe ich es
alles
schon erlebt?
Wo
bleiben die Überraschungen?
Wo
ist die Originalität?
Liebe
Trennung
Gleichgültigkeit
Hass
Ignoranz
Immer & immer wieder
das
Gleiche ….
Einige wenige Facetten mehr als
im Tierreich –
vielleicht ….
Aber nicht allzu viele.
Wo
zur Hölle
ist das Lachen über die Wunden,
wo ist die Gleichgültigkeit gegenüber
dem Blut, das aus den Schnitten fließt?
Wo ist die Originalität?
Wo ist das Besondere
in dem Augenblick, wenn
der Deckel der Sardinenbüchse
in das Fleisch
schneidet?
In keinem Auto habe ich so oft gekotzt
wie in dem beigefarbenen Peugeot 404
aus den 60er Jahren
Ein Kind mit Kotztüte
schwachem Kreislauf
& häufigen Kopfschmerzen –
Kein Auto ist mir so ans Herz gewachsen
Nichts hat sich mir so eingeprägt wie
seine Armaturen
sein Lenkrad
die Türöffner
die Scheinwerfer vorne & hinten
das Vieh auf dem Kühlergrill
das Handschuhfach mit den Tüten für meine Kotze
das Handschuhfach mit den Butterkeksen
Manchmal
in alten Filmen
sieht man noch seinesgleichen
& manchmal
ganz selten
sieht man seinesgleichen noch auf der Straße
oder geparkt vor dem Haus eines Narren
Dann zerfließt mein altes dummes Herz
in Erinnerungen
Du hast mir Übelkeit bereitet
Du hast mich kotzen lassen
Mehr als andere –
Aber ich liebe Dich, Baby!
Man ist über den Berg
Hat ihn überwunden
Schmerz
Sehnsucht
Erinnerungen
liegen hinter einem
Man geht weiter
Doch man bewegt sich
……. im Kreis ……
& plötzlich steht man wieder
vor demselben Berg
Der alte Schmerz
Die alte Sehnsucht
Die alten Erinnerungen
liegen vor einem
Und irgendwann ist man
zu müde
Einfach zu müde
um den Berg noch einmal zu
bezwingen
Die Augen geworfen
Ins Herz getroffen
Das Hirn ausgeschaltet
Den Kopf verloren
Über die Leber gelaufen
Auf die Nerven gefallen
Den Mund verbrannt
An die Nieren gegangen
Auf den Magen geschlagen
In die Eier getreten
In den Rücken gestochen
In den Arsch gefickt
Schlag mir dein Lachen
aus dem Kopf
Schlag mir das Muttermal an deiner Titte
aus dem Kopf
Schlag mir deine Worte
aus dem Kopf
Schlag mir das Geräusch deiner nassen Fotze
aus dem Kopf
Schlag mir deinen Arsch
aus dem Kopf
Schlag mir dein Weinen
aus dem Kopf
Schlag mir deine Augen
aus dem Kopf
Schlag mir dein Lächeln
aus dem Kopf
Schlag mir deine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir meine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir
den Kopf ab
damit er
voll von Erinnerungen
vor deine Füsse rollt
Vor deine Füsse
an die ich mich
erinnere
Wie oft verkleidet sie sich als Liebe –
die
Sehnsucht nach einem bestimmten Zustand,
die
Sehnsucht nach Vergangenem,
der
Wunsch, ähnlich zu fühlen wie früher,
die
Angst vor dem Alleinsein …..
Und manchmal ist es fast egal, an welches
Objekt
die Sehnsüchte
die Wünsche
die Ängste
sich zu klammern suchen ….
Kleinigkeiten geben den Ausschlag bei der Wahl –
eine Ähnlichkeit
eine erweckte Erinnerung
eine wohlbekannte Traurigkeit
bloße Verfügbarkeit
oder
Etwas, das gar nicht da ist ….
Die Person könnte eine andere sein.
Die Person ist eine andere.
Die Person ist
Phantasie.
Die Realität hat keine Chance –
für eine Weile.
Und Alles ist
Täuschung.
Für eine Weile.
Eine Täuschung,
für die niemand etwas kann.
Eine Täuschung,
so verwirrend & kompliziert,
so undurchschaubar
wie das
Menschsein.
Und am Ende wartet
die
Ent-
Täuschung.
Wie immer.
Und wie immer ist diese Enttäuschung
beinahe
eine schmerzende
Wohltat.
Meine Handgelenke
sind so schmal, dass
Armbanduhren zu groß wirken
Schmuck übertrieben wäre
Bandagen vielleicht würden sie
schmücken
geschriebene Hilfeschreie könnten
sie schmücken …..
oder
die Schnitte von
Rasierklingen
Rasierklingen
noch schmaler
als meine Handgelenke
Worte, süß wie Himbeermarmelade –
& man hatte sie geglaubt.
Die Himbeermarmelade klebte an einem
Rasiermesser ….
Verbarg es.
Man wollte die Worte ablecken,
da man sie glaubte –
glauben wollte ….
& schnitt sich in die Zunge …..
tief
so tief
Man spaltete seine Zunge ….
Himbeermarmelade lief aus der Wunde.
Und Blut.
Blut
Blut
Blut
So lange, bis man
durchsichtig war –
durchschaubar wie
ein leeres
Marmeladenglas –
gefüllt mit
Nichts
Wir lachten
lachten
bis uns
die Tränen kamen
Doch
in den klaren Tränen
lauerte bereits
das okkulte Blut
der Verzweiflung
Irgendwann riechen die feurigen Worte nur noch
nach Autoabgasen …
Die süßen Gefühle schmecken nach
Asche …
Die hellen Gedanken sind
von Ruß überzogen …
Man wusste es doch vorher;
die Abgase, die Asche, der Ruß vom letzten Mal
hatten sich noch nicht
verflüchtigt …
& alles sah von Anfang an so ähnlich aus –
wie das Remake eines alten Films mit
schlechtem Ausgang, den man
schon unzählige Male gesehen hat.
Man wusste es vorher, aber
man hoffte dennoch.
Hoffte, dass dieses Remake
ein anderes Ende nehmen würde als
das Original – so
wie es manchmal geschieht …
Aber eigentlich geschieht es nur
in schlechten Remakes von
schlechten Drehbuchschreibern, die
das Leben nicht verstanden haben.
Und dann wünscht man sich ein
schlechtes Remake mit
gutem Ausgang.
Aber man riecht schon wieder
die Abgase.
Schmeckt schon wieder
die Asche.
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