Dung

Der hellste Kopf erlischt
sehr schnell; die
universale Bildung wird
gelöscht mit dem
Durst des Todes …. die
Leere wird in
die Erde versenkt.
Würmer fressen verstorbene
Gedanken in Finsternis,
winden sich
in vertrockneten Windungen,
tanzen
in leeren Augenhöhlen …

Bild-Dung
End-Dung
Kompost

Was wächst daraus? – –

Aus Finsternis – –

Unkraut vielleicht ….
Blume vielleicht ….
Nichts vielleicht ….

Sinnlosigkeit

bestimmt.


Belangloses

Sie saß im Bett & las
Belangloses vom Blatt.

Ich
fand es belanglos.

Ich lag neben ihr,
kaum mehr wach ……

Unsere Nacktheiten
aneinander,

ihr Duft
unter der Decke.

Sie las
was ich geschrieben hatte.

Jahrelang hatte
sie danach gefragt – –

doch es war mir
peinlich gewesen.

Es gefiel ihr –
da war es nicht mehr
belanglos ….

Ich schlief ein,
sie las weiter.

Ich träumte, dass
sie fortging

nachdem sie die
Blätter zerissen hatte.

Sie ging nackt,
die Fetzen auf der Matratze ..

Ich lag in ihrem
Leselicht; beschattet von
der Decke

unruhig

Ein Albtraum:
wie ihre Nacktheit sich entfernte.
Ich schwitzte kalt.

Sie kicherte
mich wach
„Das ist schön“, sagte sie.
Alb verwandelte sich in Glück & Duft
& Wärme. –

Wärme & Duft & Glück
verwandelten sich in
Wirklichkeit

als ich
wieder
erwachte

Im Bett lag : meine Leere –
es roch nach mir,

Es war kalt.

Die Blätter lagen auf dem
Boden ….

Ich sammelte sie auf,
nackt & leer

Warf sie
in einen Topf

zündete sie an mit
kalter blauer Flamme

& versuchte
mich zu
wärmen

aber
Belangloses
brennt kalt


Enttäuschung?

In Gruppen stehen die Menschen im
Sonnenlicht & schauen aufwärts – in
Richtung des wolkenlosen Himmels;
beschirmen ihre Augen mit gebräunten
Handflächen.
Vor dem gleißenden Blau: eine Gestalt;
hoch oben auf dem Dach des Gebäudes –
winzig & ohne Gesicht; von Ferne die
Sirenen der nahenden Rettungskräfte.
Und in den Gehirnen der Menschen
sind schon die Bilder des Gehirns –
wie es aus dem verwirrten Schädel platzt.
Sie schauen & sie warten ….
Und wenn der Sprung nicht erfolgt,
werden sie erleichtert sein, und die Er-
leichterung wird den bitteren Beigeschmack
der Entäuschung haben – – :
Schock & Schrecken hätten ihrem Leben
einen unvergesslichen Moment hinzugefügt
…. Intensität !
Ein perfekter Flug mit fuchtelnden Armen;
perfekt bis zum Aufprall.
Sie wären die Überlebenden gewesen im
Anblick ihrer eigenen Sterblichkeit – ihr
pulsierendes Blut, das sie für sich behalten
hätten, während fremdes Blut zu
Schmutz wird …..
Sie schauen & sie warten …….

Ich stehe in der Sonne &
schaue hinab auf die Gesichtslosen;
grau ist der Asphalt.

Sie warten & sie schauen ……….

Die Blaulichter treffen ein.

Darf man Menschen enttäuschen,
die so winzig sind?


Einton

>Das kaum hörbare Pfeifen in den
Heizungskörpern – so anheimelnd,
so gemütlich, wärmend – – -<

So dachte ich – oder
wollte doch so denken;

allein:
Es war August.
Die Heizung ausgeschaltet;
die Heizkörper kalt &
stumm.

Das Pfeifen war
in mir
in meinem Kopf
in meinem Ohr

& es war
unheimelnd

Die 1-tönige Melodie
des Vergehens

Erdacht von einem
wahnsinnigen Komponisten

Er wollte mich
betäuben –
mich dorthin treiben
wo er selbst längst war

& er war unerbittlich;
& er war ohne Mitleid

Und ich hörte ihm zu.

Und mir wurde kalt –

denn
die Heizung war

kalt

& stumm


Uhren

Die Armbanduhr :
eine Fessel
Getragen im Kerker der
Zeit

Die Uhr im GlockenTurm :
betäubt die Ohren
mit Schlägen der
Vergehens

Die Taschenuhr :
ist die Hoffnung,
die Zeit
in die Tasche stecken zu können

Der Regulator :
bemüht sich
vergebens
Regeln in mein Leben zu bringen

Die Spieluhr :
spielt Melodien, die
ich nicht kenne – oder die
mein Leben vergessen hat …..

Die Eieruhr :
ist der dahinrieselnde
Trieb

Die Sanduhr :
ist meine Wüste –
ist
mein Durst – –

Die Standuhr :
ruht – wie die Realität ….

Und hat doch eine Unruhe
wie alle Uhren …..

Wie der Grabstein
über meiner Leiche.


Die Abstände werden größer

Die Abstände werden größer –
größer im Lächeln

Da ist
dieses Kinderfoto

Glück –
GlücksEmpfinden

& die Zähne des Lächelns
stehen dicht
beieinander

Dicht beieinander wie
die Momente
über die man lächeln konnte

Und die Zähne sind
weiß

Und dann
nur Jahrzehnte von Momenten später
schaut man in einen Spiegel

Das Lächeln ist
ein Fletschen

& da sind diese
Lücken

Lücken im Glück

in dem
bissigen Lächeln

welches das Leben
& die Zeit
zerkaute

Und die Lücken sind
dunkel

weil dahinter ein
Rachen
ist

Und der Rachen
bleibt stumm

weil dahinter ein
Schweigen ist

Und das Lächeln ist
gelb
oder es ist
braun

Weil es alt ist –
ein Lächeln im Herbst

Und die Lücken werden größer
Die Abstände weiter

Der Rachen ist dunkel

& die Zukunft wird
kleiner


Meine Schwäche

Ich schiebe sie vor mir her
durch alle Gassen
meines Lebens
in einem Rollstuhl
: meine Schwäche

Sie ist gelähmt –
durch Muskelschwund

Doch auch ich
könnte nicht laufen
wenn ich mich
nicht stützen könnte

auf diesen
Rollstuhl


Der Blick auf mein Gehirn

Beim Pissen blicke ich auf mein Gehirn,
28 Mal in GrauWeiß auf schwarzem Grund.

Über meinem Klo hängt das Bildnis der
Computertomographie,

ein gefangener Moment meines
Denkens

eingefangen in
Enge

Was dachte ich damals?
Erkenne ich meine Gedanken wieder –
in GraußWeiß auf schwarzem Grund?

Dort sind sie –
28 Mal

& ich pisse
bei ihrem Anblick.


Lächeln wie ein Totenkopf

Das Muster des Todes
in Deinem Rücken ….
Die Buckelpiste der
Schmerzen
über die der Blick
hinwegfährt
ohne Stoßdämpfer –
Tumore ohne
Humor –
& dennoch
kannst Du lächeln
wie ein Totenkopf,
über Empfindungen, die
hässlich sind –
weil Du ein Spiegel bist;
ein Spiegel, der
die Hässlichkeit
in ihr Gegenteil
verkehrt

& vielleicht
den Schmerz
in einen Schatten der
Hoffnung


Nervengift

Alkohol ist ein Nervengift –
eine bekannte Tatsache, die
man irgendwann spürt -:
mir brennen die Beine, mir
zucken Muskeln, von denen ich
nicht wußte, dass ich sie habe;
mir kribbeln die Fingerspitzen, die
Dieses tippen –
Meine medizinische Bibliothek sagt:
Polyneuropathie – Ich sage:
Fuck you! – zu mir; denn ich bin
Hypochonder…..

Weniger be- & anerkannt ist die Tatsache, dass
das Leben
ein Nervengift ist –

Ein Gift,
gegen das die AllerMeisten
immun sind –

Süchtige auch sie ….

Hypochondrie ist
fehlgeleitete Fantasie –

Ich bin froh, dass ich etwas habe, das ich
fehlleiten kann.

Ich fühle etwas,
das
vielleicht
nicht da ist –

Vielleicht
fühle ich etwas
nicht,
das da ist –

Fehlgeleitet auch ich ….

Fantasie ist
ein Nervengift,
das brennen kann.

Und Brand bedeutet
Durst – vielleicht :
Durst nach
Gift.

Gift =
Geschenk ….


Pyro-Manie

Im Licht des Feuers erscheint Alles
weniger hässlich –
Egal, was oder
Wer da
in Flammen steht
(brennender Müll, brennender
Mensch, flammender Geist)

Übergossene Realität –
Brandgefahr!

Man zündet sich
von Innen an –
Feuerwasser & glühende Nadeln –
Flucht in ein anderes Licht

Ein Funke
der die Dürre entzündet

Doch auch das Feuerlicht
wirft Schatten –
Schatten, die in
Panik
zittern –
bewegt von schwächstem
Atemhauch :
Das schwarze Abbild der
Wirklichkeit ….

Steckt mich an!
Verbrennt mich!
Starrt in mein Licht!
Und lasst meine Asche
verglühen!

Bis ich keinen
Schatten mehr werfe …..


Das Unvermögen der Geier

Gern wäre ich
der Schädel in der Wüste
das Rückgrat in der Wüste
das Vieh, das von Geiern
gefressen wurde

Den Schädel
können sie nicht fressen

Das Rückgrat
können sie nicht fressen

Die Geier sind
schwach

Das Fleisch
gehört ihnen

Aber was wirklich zählt
liegt
noch immer
im Sand

& sie kreisen darüber
vergeblich


Sherlock Holmes als Arme Sau

Ein kleiner alter Mann sitzt im obersten Stock
des Sherlock-Holmes-Museums in London – schamlos kostümiert.
Er springt auf aus seinem versifften Ohrensessel,
wenn ein Tourist in seine Leere tritt.
Er sagt Worte, die lustig sein sollen.
Sie sind es nicht. Er trägt sie müde vor. 
Man lächelt, um ihm nicht Weh zu tun. Dabei wäre es ihm vermutlich egal, wenn man nicht lächelte. 

Man erinnert sich an seinen eigenen
Job – – – – – Egal.
Das Zimmer, in dem er sitzt, ist so
klein –
kleiner als in den Büchern,
kleiner als in den Verfilmungen;
kleiner als in der Phantasie –
es ist winzig –
es ist deprimierend –

Es ist die Realität des kleinen
Mannes.


Westenknöpfe im Schnee

Man lässt den untersten
Westenknopf offen – das ist so
Usus ….

Robert Walser
ließ
den obersten Westenknopf offen –
das war sein
Usus …

Man fand ihn
im Schnee – –
den obersten (offenen) Knopf
an der Weste des
Toten …

Er war spazieren gegangen –
die Luft der Klapsmühle, in die
er sich – auf eigenen Wunsch –
geflüchtet hatte, durch
frische Winterluft zu
ersetzen.

Flucht aus
Bleistiftgebieten.

Seine Leiche in
weißer Kälte ….

Als hätte er sich
konservieren wollen.

Es war
nicht nötig.

Er wurde konserviert durch
Andersartigkeit
& Genie.

002


Süß

Und dann begann es
süßlich zu riechen in
meiner Garage ….
Ein fremder Geruch,
angenehm auf der einen
Seite – verstörend auf
der anderen ….
Eine Süße mit einem
Geheimnis – von Tag zu
Tag süßer &
geheimnisvoller ….
Und eines Tages nicht mehr
angenehm.
Ich begann zu suchen.
Und fand – unter dem Auto,
hinter der Stoßstange :
einen Vogel.
Mit einer Schaufel konnte
ich ihn befreien – – –
Eine gefiederte leichte
Hülle fiel auf den Boden,
tot & gefüllt von fremdem
Leben –
winzige Schwänzchen unzähliger
Maden wedelten vor Freude.
Ich hatte nicht bemerkt, dass
ein Vogel unter mein Auto
geflogen war; er war
klein gewesen in seinem Leben.
Aber der Tod machte ihn
bemerkbar.


Vorübergehend

1 Blick trifft
mich
im Vorübergehen
(auf der Straße, im
Supermarkt – in der
Welt) – wenige
Sekunden der
Abschätzung.

Der Blick wird
abschätzig –
Ich werde für
nichtig
befunden in
meiner
oberflächlichen
Versteinerung.

Umgekehrt :
das Gleiche –
ich schätze
schätze ab – –
vorüber

Vielleicht
‚kennen’ wir uns?

Aus virtuellen
Nächten – –
seit langem – –

Kennen unsere
dahinfliegenden Worte –
Lieben unsere
FantasieGestalt(ung)en

Voneinander begeisterte
Geister – – ?

In dem
was man Wirklichkeit nennt
gehen wir aneinander vorüber
(2 geistblinde Oberflächen)

Wir könnten
ineinander vorübergehen –
Könnten beide Welten
miteinander verbinden – –
wenn wir uns
erkennen
würden


Erledigt!

Aufgaben, die ich
erledigen müsste,
erledigen mich;
sie ziehen mich
in eine Welt, die
nicht die meine ist.
Welt der Zwänge,
Welt der Ketten;
Ketten, die sich
um meinen Hals
legen; einschneidende
Glieder aus Gründen,
die mich nicht
interessieren.
Mein Leben,
angekettet in einem
finsteren Folterkeller
aus Nichtigkeiten;
Schraubzwingen
an meinen Schläfen.
Ich möchte lassen,
was ich nicht tun will;
aber ich muss tun,
was jene Welt
nicht lassen kann.
Ich weiß:
Ich bin
erledigt.


Comic

Ich erwache gezeichnet.
In Schwarzweiß. Mir selbst:
eine Karikatur. Die Karikatur
eines Mangas. Manga ohne Dialog,
Comic ohne Gedankenwolke.
Manga ⇒ mangiare ⇒ Frühstück.

Nächstes Bild: Küche –
ich habe 6 Arme, so schnell bin ich,
ich toaste Wasser, koche Toast,
schlage Eier – Fett dampft als
wortlose Sprechblase über meinem
verzeichneten Schädel.

Und schon schlinge ich im 3. Bild.
4 Arme bedeuten Gefräßigkeit. Gulp!
Besteck verschwimmt in (( Klammern )) der
Schnelligkeit.

4. Bild: Kacken. Verbissener Gesichtsaus-
druck auf der Schüssel. Aus. Druck.
Druck. Aus.

Nächstes Bild
: An der Tastatur, umgeben von
Bildschirmen & Textprogrammen &
leergesoffenen Flaschen …
50-Finger-System. In einer gewaltigen
Staubwolke, aufgewirbelt aus Fantasie.

Fantasiebilder
: Frame für Frame:
Tentakelnde Monster der Kindheit …
Verschlingungen …
Miniberockte Wesen mit großen GlanzAugen
& Stupsnasen -: Schenkel, Upskirts &
blitzende Höschen
[die Leertaste wird mit dem
Schwanz betätigt] … grinsendschlängelnde Spermatozoen …
Dann: Schmerz spritzt Tränen aus SchlitzAugen.
Mehr & mehr Linien im SchwarzweißGesicht.
Dann: Schwarzbilder. Schwarze Frames. Fin-
sternis – & schließlich:
Der Tod als Karikatur; mit Kapuze &
glitzernder Sense – auch seine Blase ist leer,
auch er hat nichts zu sagen, auch er –
denkt nicht.
Wie wir alle – in diesem Comic.

Letztes Bild
.

Wir erwachen.
Gezeichnet.
Aus. Druck.
Druck.
Aus.


Luft

Luft“, dachte er, „sie ist Luft für mich.
Ganz einfach. Verdammt, ich werde nicht
zulassen, dass sie mein Leben zerstört.
Ich werde nicht mehr an sie denken.“

Doch in ihm dachte
Es
an sie.

Sie, die
Blut
gewesen war,
in ihm.

So lange.

Dann sagte er es laut:
LUFT. Sie ist Luft für mich.“
Er hörte seine Worte.

Und er wollte ihnen glauben.

Ja.
Sie war Luft für ihn -:
Ein kleines Bläschen Luft
in seiner Blutbahn.

Ganz langsam
bewegte es sich auf sein
Herz zu.

Und er spürte es.

Luft“, dachte er, „ich werde
keine Luft mehr bekommen.“

Das Bläschen –
ein winziger Ballon aus
eingeschlossenem Atem –
durchfuhr ihn.

Luft“, sagte er.
Er sagte es laut.

Und er wollte ihr
zuvorkommen.

Und er wußte,
wie …..


Anis

Als Kind vorm Kiosk :
Anisbonbons

Immer der Nase nach!
Glück ….

Als Jugendlicher im Irgendwo :
Ricard & Pernod
Sambuca & Ouzo
& Raki

Der Lust hinterher!
Unruhe ……

Als VErwachsener im Vergessen :
Absinth

Dem Tod voraus!
Sehnsucht
………….


Weichspüler

Der Berg schmutziger Wäsche wächst
neben meinem Bett; die Türme der
Bücher neben meinem Bett
schrumpfen.

Die Stapel der Zettel wachsen
auf meinem Schreibtisch; die
Vorräte schwinden in meinem
Kühlschrank.

Ich trinke Weichspüler.
So nenne ich die Cocktails, die
mich sentimental machen.
Ich sollte Stärke saufen,
um mich zu befestigen.

Ich frage mich:
Wenn Zwangsjacken gewaschen werden –
tut man Stärke oder Weichspüler in
die Maschine?

Da fällt mir ein:
Ich sollte ihn endlich waschen –
den Berg
neben meinem Bett.

Aber
Aber
Aber
Aber


VerständnisLos

Nach seiner Entmündigung hatte
Baudelaire
noch immer mehr zu sagen als diejenigen, die
ihn entmündigt hatten – mehr als diejenigen, die
immer noch im Vollbesitz ihres geistigen
Unvermögens waren – & die vollmundig auf
ihn einredeten, um ihn zu ihrer Art von
Vernunft zu bringen.

Noch heute würde ich gerne die Leiche von
mr. allan ohrfeigen (wenn sie nicht längst
Staub wäre) – für das, was er seinem
Pflegesohn,
MR. EDGAR POE,
angetan hat …..

Es wäre mir egal, dass mr. allan
ein Kind seiner Zeit & seiner eigenen
Beschränktheit war –
ausnahmsweise würde ich auf allen
Determinismus ein gar lustig Liedlein
pfeifen – & die Leiche durchprügeln,
mit stetig wachsender Begeisterung.

Schläge in die Fresse aller
Entmündiger!

Die Zahl ist Legion –
derer, die in die Tombola-Trommel
der LebensFähigen
gegriffen & das
Große VerständnisLos
gezogen haben.

Möge die Welt des
Funktionierens in das
Chaos versinken, das die
LebensUnfähigen
in sich tragen!

Der Verlust wäre – – –
überschaubar.


S läuft

Sie schneidet ihrem Söhnchen die Haare,
während ich mir die Haare wasche. Der
Kleine redet – erzählt alles Mögliche; ich
höre zu.
Sie trägt eine pinkfarbene Morgenjacke,
sonst nichts; die reicht ihr knapp über
den Hintern. Sie benutzt Schere & Kamm.
Keine Maschine.
Das Wasser läuft heiß über meinen Kopf;
ein paar Tropfen landen auf meinen
Hosenbeinen.
„Halt still“, sagt sie.
Der Kleine quasselt weiter. Er sagt
etwas Witziges. Ich lache. Schaum
sickert in meine Augen.
„Warum lachst du?“ fragt sie mich.
Der Kleine übernimmt die Antwort:
„Weil ich was Witziges gesagt habe.“
„Genau“, sage ich.
„Siehst du“, sagt er zu ihr.
Sie scheint mit ihren Gedanken
woanders zu sein.
„Ach so?“ sagt sie.
Ich drehe das Wasser ab; ich höre
die Schere.

Später:
Der Kleine ist beschäftigt in seinem
Zimmer.
Sie & ich sitzen auf dem Sofa; in
einem Sonnenmuster.
„Warum hast du vorhin wirklich
gelacht?“ sagt sie leise.
„Ich fand witzig, was er gesagt
hat. Du nicht? – Warum hätte ich denn
sonst lachen sollen?“
„Ach so“, sagt sie, „und ich dachte,
du hättest gesehen, wie der Saft an
meinem Bein herunterlief.“
„Oh“, sage ich, streichle den
Oberschenkel, der sich an meinen
preßt, „aber ich hatte doch
die Augen geschlossen.“
Sie sagt: „So kann man sich also
irren.“
„Ja“, sage ich, „so kann man sich irren.“
Meine Hand bewegt sich etwas weiter
ins Sonnenlicht.
„Ich glaube, ich hole mal besser ein
Handtuch“, sagt sie. „`s wär schade
um das Sofa.“
Und ich sage:
„Bleib sitzen. Ich mach das schon.“


Die Unoriginalität des Schmerzes

Irgendwann … plötzlich …
gab es in irgendeinem Lebewesen
zum allerersten Mal: Schmerz.

Schmerz war ins Leben getreten, neu
auf der Erde & in der Existenz.

Dann, irgendwann, war der Schmerz
schon überall gewesen – in allen
Körperregionen – in allen Lebewesen –
in allen Körperregionen aller Arten von
Lebewesen.

(Keine Art starb aus, ohne den
Schmerz kennengelernt zu haben.)

Er, der schon überall gewesen war,
begann die endlose Reise der
Wiederholungen …..
Durch die Wesen; durch die
Regionen. Durch die Äonen.

Der Schmerz, der in meinem Kopf wütet,
ist ein verdammt unorigineller Bastard.
Es gab ihn schon im Kopf des
Neanderthalers – & bereits dort
hatte er sich nur wiederholt.

Ich verachte ihn -; noch lieber würde
ich ihn mißachten & mich über ihn
lustig machen; am allerliebsten aber
würde ich ihn ignorieren,
wie die Wiederholung eines
schlechten Films.

Doch ich bin zu schwach dazu,
nicht originell genug, selber nur
eine Wiederholung.

Ich bin die Wiederholung
irgendeines Schmerzempfängers
aus einer Zeit vor meiner Zeit.

Ich mache es mir einfach:
Ich schlucke ein Aspirin &
warte, bis der Bastard
verschwindet.


Landstraße der Nacht

Im Kegel der Scheinwerfer halte ich
– manchmal – das welke Blatt für eine
Kröte – – & weiche ihm aus.

Manchmal halte ich die Kröte
für ein Blatt – –
& überfahre sie.

Die Landstraße bei Nacht
nenne ich
mein Leben.


Der Griff des Schraubenziehers

Als Kind war ich
tiefer als der alte Sack, der ich
heute bin –

In Alles konnte ich mich
verlieben – sofort – & tief –

In das kalte Auge eines Fisches,
den abschätzigen Blick eines Mädchens,
die verächtlich geschwungenen Lippen
eines Jungen –

Ich verliebte mich in den
Griff eines Schraubenziehers, sobald
er das Sonnenlicht auf eine spezielle
Art reflektierte – oder brach –

Heute –
fühle ich mich flach –.
Augen, Blicke, Lippen – sie
müßten sich
Mühe geben –

Der Griff des Schraubenziehers hat
– vielleicht – keine Chance mehr;
aber der Schraubenzieher kann
– zumindest – meine lockeren Schrauben
anziehen.


Bidet

Da mein Badezimmer alt ist (obwohl,
nicht so alt wie ich), gibt es ein Bidet darin.
Aber das tut nichts zur Sache. Ich saß –
nein, nicht auf dem Bidet – ich saß
auf dem Sofa & blätterte durch diesen
merkwürdigen Kalender – einen
Kalender der Geburtstage.
Wer hatte am selben Tag Geburtstag
wie ich? – – :
Johann Peter Eckermann
Stephen King
Leonard Cohen
H. G. Wells
& diverse TV-Nasen
– – –
Was für ein seltsamer Cocktail, dachte ich
& hob mein Cocktailglas. Na dann, Jungs,
HAPPY B-DAY !


Sprünge

Was hilft einem die ganze Philosophie, wenn
sie aus den Sprüngen, die man in der Schüssel hat,
wieder heraussickert? Da trägt man
Schopenhauers ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’
in seiner Manteltasche mit sich herum, und dann
wird es richtig kalt & richtig finster, und man
friert & tastet blind – trotz Mantel, trotz Buch.
Man weiß, man versteht, man fühlt, dass die
Gedanken, die man liest, richtig sind – &
sie helfen einem – einen Scheißdreck!
Diese – vielleicht winzigen – Sprünge in der
Psyche sind nicht auszufüllen, nicht zu
schließen, nicht zu überbrücken.

Hin & wieder
vergißt man sie vielleicht, für
Momente, für Stunden, manchmal für
Tage ……

Vielleicht vergißt man sie einfach so,
vielleicht braucht man Hilfsmittel des
Vergessens.
Einerlei.

Diese Momente,
Stunden,
Tage
sind das Beste, was man
bekommen kann.

Mehr ist nicht
drin. In einer Schüssel mit
Sprüngen.


Leseempfehlungen?

„Kannst du mir ein Buch empfehlen?“ –
Ich begreife nicht, wie man glauben kann, eine solche Frage stellen zu – sollen müssen dürfen.
Es ist doch so : Oder sollte so sein : Oder ist zumindest bei mir so :
Irgendwann, wahrscheinlich in der Jugend (früher oder später) fällt einem – durch, nein, nicht Zufall, sondern durch eine weitzurückreichende Kausalkette – ein Buch in die Hände, das einen komplett umhaut….. Und schon geht es los. Sofort besorgt man sich soviel von diesem Verfasser, wie man nur bekommen kann, am besten das Gesamtwerk; anschließend liest man Bio- & Monographien über ihn, erfährt dadurch, welche Autoren & Philosophen ihn beeinflußt & geprägt haben, besorgt sich wiederum Bücher von diesen – – – & ist gefangen in einem Labyrinth der Folgerichtigkeit. Und je länger man lebt, desto größer & weiter verzweigt wird das Labyrinth. –
Warum also noch irgend jemandem, der außerhalb dieses riesigen Gebäudes steht, nach einer Empfehlung fragen? Es könnte eine Ablenkung vom rechten Weg sein.
Nun gut, ich gebe zu: manchmal habe ich seltsame Ansichten, aber wenigstens sind es meine eigenen – ich habe sie mir nicht bloß ausgeliehen.
Also:
Man frage mich niemals nach einer Empfehlung. Ich könnte sie geben. Aber höchst ungern. Und selber gefragt – habe ich noch nie.


Beine & Farben

Als sie meiner Großmutter die Beine abnahmen, saß ich in meinem Kellerzimmer & las „Schwarze Spiegel“. Ich war 19.
Sie lebte in Aachen. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie dort. Ich wurde in Aachen geboren, verlebte meine ersten 9 Jahre dort. Meine Großmutter wurde zur Witwe, als ich 3 war. Sie lebte danach in einer kleinen Parterre-Wohnung voller Bücher. Das Fenster des Wohnzimmers ging auf die Straße hinaus; hinter den Gardinen standen einige Blumentöpfe & 2 durchsichtige Plastikbecher mit Wasser, einer rot, der andere hellgrün. Wenn ich sie besuchte (& bis wir fortzogen, tat ich das häufig), schaute ich immer als erstes von draußen in dieses Fenster. Sobald die Sonne durch das Glas auf die Becher schien, war es, als ob sie von innen leuchteten. Von diesem Anblick, diesen Farben konnte ich einfach nicht genug bekommen; damals war mein Schädel noch genau so sonnig, so bunt, so leuchtend. Diese Becher waren meine Kindheit. Das kleine, uralte Radio, das zwischen all den Büchern im Regal stand, war ebenfalls meine Kindheit. Die Skalen hatten eine so warme Beleuchtung.
Meine Großmutter war, so kam es mir zumindest vor, ständig in der Welt unterwegs. Sie verreiste mehrmals im Jahr & schien alles schon mal gesehen zu haben. – Und sie kaufte sich einen Farbfernseher, bevor es Farbfernsehen gab. Wir hatten zuhause noch ein altes Schwarzweißgerät. Deshalb versammelte sich die gesamte Familie an dem historischen Tag in dieser kleinen Wohnung & schaute zu, wie Willy Brandt (asynchron) auf den Knopf, der wie ein Buzzer aussah, drückte. Und wieder: Farben; Buntheit. – Vielleicht besuchte ich sie danach sogar noch häufiger -: Bonanza in Farbe!
Da wir in Aachen wohnten, gingen wir bei jeder Gelegenheit zum Reitturnier. Springreiten. Bunte Hindernisse. Rote Jacken, schwarze Käppis, schöne Pferde, ‚berühmte‘ Reiter. (Damals wusste man noch nichts von den grausamen Trainingsmethoden.) – Stundenlang saßen wir auf den Tribünen & notierten die Fehlerpunkte auf vorgedruckten Karten. Es war lächerlich, aber ich war mit vollem KinderErnst dabei.
Dann zogen wir fort & hatten unseren eigenen Farbfernseher. Ab dem Zeitpunkt besuchte meine Großmutter uns, und ich sah die kleine Wohnung nicht wieder. Abgeschlossenes Kapitel.
Am Reitturnier verlor ich das Interesse. Mein Vater starb. Meine Mutter & ich zogen noch weiter fort; mein Bruder, 10 Jahre älter als ich, blieb zurück. – Die Großmutter kam nur selten zu Besuch. Sie bekam Parkinson. Schrieb mir Karten in fast unleserlicher Handschrift. Ich antwortete immer seltener. Driftete allmählich in die Hoch-Zeit meiner Verwirrung & Egozentrik. Rastete häufiger aus als ein.
Eine Tante, Schwester meines Vaters, kümmerte sich um die Großmutter – ihre Mutter -; nahm sie zu sich. Verfall. Die Großmutter schiss der Tante, der Tochter, das Sofa voll. Zitterte. Und – ging weiterhin zum Reitturnier. Eines Tages stürzte sie auf der Tribüne & schlug sich die Knie auf. Später sagten die Ärzte, dass dieser Sturz wohl den Knochenkrebs zum Ausbruch gebracht hatte. Dann sägten sie ihr die Beine ab. Es war völlig sinnlos. Der Krebs war längst überall. Für die wenigen Monate, die ihr noch blieben, hätte man sie auch am Stück lassen können.
Am Tag ihrer Beerdigung las ich „Kaff“.
Großvater: Lungenkrebs. Blutiger Auswurf.
Vater: Prostatakrebs. Blutiges Sperma.
Großmutter: Knochenkrebs. Blutiges Mark.
Schäferhund: Hautkrebs. Blutige Wunden.

Meine Mutter hatte grauenhafte Krampfadern.
Blaurote Landkarten mit blauen Flüssen. Offene Beine, als sie um die 40 war. Ständig mussten ihre Beine bandagiert werden. Blutflecken auf den Bandagen, Rot auf Weiß. Ihre Hände waren rauh, rissig, von Ekzemen übersät. Faltig, als hätte man ihr die Hände einer alten Frau angenäht. Sie hatte Asthma. Als ich 14 war, mein Vater war seit einem Jahr tot, bekam sie einen derartigen Anfall, dass Notarzt & Krankenwagen kamen. Bewußtlos wurde sie herausgetragen. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Grün & Blau & Violett. Blaulicht, Sirene, Intensivstation. Ich besuchte sie nicht. Es war das Krankenhaus, in dem mein Vater gestorben war.
Es war knapp, aber sie überlebte. Danach kam der zweite Umzug. Und ich – noch weiter gedriftet – landete für 11 Tage in der Klapsmühle. Begann mit 18 einen Roman darüber zu schreiben. Beendete ihn nicht. Wie so vieles in meinem Leben.
Meine Mutter blieb allein. So wie meine Großmutter allein geblieben war.
Mit zunehmendem Alter besserten sich die Krankheiten meiner Mutter. Keine wirklich schweren Asthmaanfälle mehr. Kaum noch Krampfadern. Weniger Risse an den Händen.
Irgendwann fing sie an, beim Gehen zu schlurfen. Ich hasse es, wenn jemand schlurft, die Füße nicht hebt; das Geräusch geht mir auf die Nerven. Ein Schaben über den Boden, das mich an das Sargdeckelkratzen eines Lebendig-Begrabenen denken lässt. – Nun gut, es war das erste Symptom ihrer Parkinson-Erkrankung. Das war eine Entschuldigung. Schlimmere Geräusche folgten. Die Geräusche ihrer Stürze. Da mein Bruder sich um nichts kümmerte, kümmerte ich mich.
Ich schlief tagsüber. Und dieser Schlaf wurde immer seichter. Ständige Alarmbereitschaft. Dumpfes Donnern schreckte mich auf. Dann war sie wieder irgendwo mitsamt ihrem Rollator aufgeschlagen & kam nicht mehr hoch. Oder Gegenstände schepperten, krachten, splitterten zu Boden. Jahr um Jahr zitterten sich meine Nerven in einen schwarzen Abgrund. Schlafentzug. Immer häufiger brauste ich auf. Poe schien mich erfunden zu haben. Allein sein. Allein sein. Ich wünschte mir: Allein zu sein.
Mit 70 sah sie aus wie 90. Und sie bekam Wasser in die Beine.
Eines Morgens kam ich von der Arbeit nach Hause. Sie hatte die ganze Nacht auf dem Fußboden verbracht. Oberschenkelhalsbruch.
Stunde um Stunde verbrachte ich in den diversen Kliniken, in die sie kam. Jahr um Jahr.
Schließlich senkte sich ihre Gebärmutter. Sie trug einen Ring, der die Gebärmutter zurückhalten sollte. Irgendwann saß der Ring so fest, dass er nicht mehr herausgenommen werden konnte. Eine Operation wurde notwendig. Eine harmlose Operation.
Harmlos, wenn die Embolie nicht gewesen wäre.
Am Tag ihrer Beerdigung las ich „Tod auf Kredit“. Die Urne, die ich ausgesucht hatte, war von einem Rot, das mich an das Rot des Plastikbechers im Fenster meiner Großmutter erinnerte. Nur etwas dunkler.
Ich war allein. Meine Nerven erholten sich.
Beim Aufräumen fand ich einen Vibrator, den sie sich ein halbes Jahr vor ihrem Tod bei Quelle bestellt hatte. (Manchmal hatte ich Nachts ein Geräusch gehört, dass ich mir nicht hatte erklären können….)

Ich war immer schlecht in Mathe gewesen.
Dann traf mein Gehirn auf das Gehirn eines Lehrers, das meines erkannte – & es wusste, wie ihm Abstraktes zu vermitteln sei. Er hatte kurze Beine, denn auch die unumstößliche Wahrheit kann kurze Beine haben. Er trug den Bart eines Seemanns, von einer Schläfe zur anderen. Ich wurde zum besten Matheschüler. Gab es einen 5-Minuten-Lösungsweg für eine Gleichung, fand ich einen Weg, der mich 4 Stunden kostete; und er sagte: „Das ist zu kompliziert für diese Klasse – das lassen wir jetzt lieber.“ Und er lächelte. Er konnte aufbrausen wie mein Vater, und selbst dafür mochte ich ihn. Bei einem Schulausflug sah ich, wie liebevoll er mit seinen Söhnen umging. Und ich beneidete die Söhne.
Eines Tages sagten wir Schüler: „Der ist aber gut gelaunt heute. Und so braun. Er sieht erholt aus.“ …….
Die Bräune kam – vom Leberkrebs.
Ich warf einen bunten Blumenstrauß auf seinen braunen Sarg.
Und – ich wurde wieder schlecht in Mathe.

Die buntesten Filme meiner Kindheit waren die Horrorfilme der Hammer Studios. Alles Grün, alles Rot, alles Blau. Christopher Lee mit roten Augen. –
Doch – mein Favorit bis heute ist: Peter Cushing. Peter Cushing hatte O-Beine. Ich las Bücher über ihn. Las immer wieder: der netteste, freundlichste Mensch überhaupt ….. Da wünschte ich mir, er wäre mein Vater gewesen…… Mein Vater schwang die Hundepeitsche. Die Hundeleine. Den Stock. Die Hand.
Peter Cushing hatte blaue Augen. Und er starb an Prostatakrebs.

Die Frau meines Bruders hatte perfekte Beine.
Und sie trug die kürzesten Röcke, die kürzesten Kleider, die knappsten Hotpants. Es waren die Siebziger, und ich bekam jedesmal einen Ständer, wenn ich diese Beine sah. Die Kleider waren bunt, und die Schenkel waren braun – aber nicht zu braun; sie hatten den perfekten Farbton. Und ihre Slips waren weiß (manchmal auch durchsichtig), das heißt sie bargen alle Farben in sich, und der Kontrast zu ihrer Haut hätte nicht feiner abgestimmt sein können.
Aber verliebt hatte ich mich schon, bevor ich ihre Beine sah. In ihre Augen. Grün mit kleinen braunen Tupfen. Ein Grün, das mich an das Grün des Plastikbechers im Fenster meiner Großmutter erinnerte. Nur etwas dunkler.
Da ich so jung war – es war das Jahr des Asthmaanfalls, und sie war 18 – dauerte es ein paar Jahre, bis das große Chaos begann. Bis niemand sich mehr wehren konnte. Bis niemand mehr von Freiem Willen hätte faseln können. Und ich schrieb & schrieb & schrieb. 300, 400 Songs; und Stories; und Gedichte; und sie malte, und dann schrieben wir uns Zettel; und Briefe……. Es fing an, was nicht aufhören konnte. Nicht aufhören konnte nach dem Ende. Nicht aufhören konnte nach dem Tod der einen oder des anderen. Oder des: Anderen. Es war wundervoll, wie es unser aller Leben zerstörte. Scheiss auf alles: Andere!
Und es bleibt immer etwas übrig, das man noch weiter zerstören kann. Selbst zerstören kann. Eine Resterampe, eine schiefe Ebene, die noch weiter hinunter führt.
Als ich sie – nach Jahrzehnten? – bei der Beerdigung meiner Mutter wiedersah (sie trug lange, schwarze Hosen), hatte sie den Gebärmutterkrebs schon hinter sich. Ich erfuhr es erst später, als -:

Sie rief an. Wir hatten seit Jahren nichts voneinander gehört.
„Du wunderst dich sicher“, sagte sie.
„Allerdings.“
„Ich weiß, es klingt blöd, aber ich wollte hören, wie’s dir geht; vor ein paar Tagen hatte ich plötzlich so’n komisches Gefühl. Als ob irgendwas mit dir ist.“
Ihre Stimme war nicht gealtert.
„Alles okay“, sagte ich.
„Wirklich?“
„Ja. Ich war einen Tag lang im Krankenhaus, war harmlos.“
„Siehst du, ich hab mich also nicht geirrt. Was war?“
„Verdacht auf Schlaganfall.“ Ich hörte, wie sie tief einatmete. „Falscher Alarm, ist alles wieder in Ordnung.“
„Aber wie?….“
„Bin mit nem tauben Gefühl in der linken Gesichtshälfte aufgewacht, und mit nem Wahnsinnsdröhnen im linken Ohr. Die haben dann 1000 Tests gemacht & meinten, das sei wohl nur sowas wie ein Streßsymptom. Haben mir ne Infusion verpaßt, und alles war wieder schön.“
„Streß?“ sagte sie.
„Ja, witzig, nicht? Ich & Streß. Ich hab denen natürlich nicht erzählt, wieviel ich trinke.“
Ich hörte wieder, wie sie tief einatmete. „Trinkst du so viel?“
„Es geht.“
„Gibt es jemanden?“
„Nein.“
„Willst du dich immer noch umbringen?“
„Ich arbeite dran, aber du siehst ja, es zieht sich.“
„Das ist nicht komisch“, sagte sie.
„Eigentlich nicht. Aber irgendwie schon. Du weißt doch, dass ich das Leben nicht so ganz für voll nehmen kann.“
„Nein, das weiß ich nicht.“
„Okay, früher war’s anders, aber früher war ja alles anders.“
„Bin ich schuld?“
„Blödsinn. Die Umstände. Und wir beide.“
„Ich zieh mir den Schuh auch nicht an“, sagte sie.
„Sollst du ja auch nicht. Du gefällst mir barfuß eh besser.“
Sie lachte. Verhalten.
Ich sagte: „Erzähl mal lieber was von dir.“
„Da gibt’s nichts“, sagte sie.
„Nichts? In all den Jahren?“
„Findest du’s blöd, dass ich angerufen habe?“
„Nein. Ich find’s schön.“
„Hast du mich noch lieb?“
„Was soll ich denn darauf sagen?“
„Ja oder nein, ganz einfach.“
„Natürlich.“
„So wie früher?“
„Nichts ist so wie früher. Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich irgendwie innerlich tot bin.“
„Und dass ich es schuld bin“, sagte sie.
„Hab ich mal gesagt, aber das ist zu einfach.“
„Eben.“
„Ich fänd’s toll, wenn du öfters anrufen würdest“, sagte ich.
„Und dann?“
„Einfach quatschen.“
„Du meinst Small-Talk?“
„Warum nicht? Zum Beispiel. Nett plaudern.“
„Das kann ich nicht“, sagte sie.
„Warum?“
Nie zuvor hatte sie große Worte benutzt.
„Scheiße“, sagte sie, „ich kann nicht mit der Großen Liebe meines Lebens telefonieren & Small-Talk machen.“
„Puh.“
„Siehst du, da fällt dir nichts mehr ein.“
„Das muss ich erstmal sacken lassen“, sagte ich.
Sie sagte: „Ich war vor ein paar Jahren auch im Krankenhaus.“
Ich ahnte etwas. „Was war?“ fragte ich.
„Etwas Ernsteres, ich war ziemlich lange da.“
„Was?“
„Ist inzwischen wieder okay.“
„Was, habe ich gefragt.“
„Wenn du das Wort unbedingt hören willst: Krebs.“
Mein Herz fing an zu rasen. Mein totes Herz. Ich konnte dieses Wort nicht mehr ertragen. Selbst das Sternbild hasste ich.
„Und du hast mir nicht Bescheid gesagt, oder Bescheid geben lassen?“
„Und dann?“ sagte sie. „Du wärst ja doch nicht gekommen.“
„Wieso sagst du das?“
„Weil’s so ist.“
„Ich weiß das nicht mal selber; aber ich glaube schon, dass ich zu dir gefahren wäre.“
„Egal, ist eh vorbei.“
„Erzähl.“
„Was willst du wissen.“
„Alles“, sagte ich.
Sie erzählte. Sie erzählte von den Operationen … von den Schmerzen … von Komplikationen … inneren Blutungen … Sie erzählte von den Schmerzen … von der Ohnmacht … von der Hoffnungslosigkeit … Sie erzählte von der Hölle … & immer wieder von den Schmerzen …
„Und er war immer da“, sagte sie. „Das muss ich ihm lassen. Es muss schwer für ihn gewesen sein. Oft, wenn ich halb weg war, wenn es mir besonders dreckig ging, habe ich deinen Namen gerufen … Kannst du dir vorstellen, wie er sich dabei gefühlt haben muss?“
Ich goß mir einen großen Gin ein. „Ja“, sagte ich, „vielleicht.“
Sie hatte meinen Namen gerufen. Immer wieder. Ich hatte nichts gespürt. In meinem Leben. Nichts geahnt. In meinem Parallel-Universum.
„Er hätte mir Bescheid geben können“, sagte ich.
„Hätte er. Aber weißt du, das Schlimmste kommt noch.“
„Was meinst du?“
„Vor kurzem dachte ich mal, dass er stirbt.“
„Was war denn?“
„Es war nicht so ernst, wie ich dachte. Wichtig ist, dass ich es wirklich geglaubt habe. Und weißt du was – ich hab mich gefreut bei dem Gedanken. Kannst du dir das vorstellen? Gefreut. Ich hab mich so beschissen gefühlt. Ich hab mich gefreut, weil ich nur an dich dachte.“
„Oh Mann, du erschlägst mich gerade“, sagte ich.
„Tja, ich kann’s nicht ändern, da musst du durch. Oder soll ich auflegen?“
„Du spinnst. Natürlich nicht.“
„Kann aber sein, dass ich’s gleich muss. Also, wunder dich nicht, wenn ich einfach auflege, er kann jede Minute zurück sein.“
„Versprich mir, dass du von jetzt an, immer wenn etwas ist, mir Bescheid gibst, oder geben lässt.“
„Willst du das wirklich?“ sagte sie.
„Ich würde es sonst nicht sagen. Klar?“
„Ok. Klar. Versprochen. – Ich sehe übrigens nicht mehr so aus wie früher.“
„Was meinst du?“
„Na ja, das ist alles nicht spurlos an mir vorüber gegangen.“
„Ich seh auch nicht aus wie früher“, sagte ich.
Sie lachte. „Ich bin jetzt zu alt für dich“, sagte sie.
„Du hast immer gesagt, dass du zu alt für mich bist. Falls du dich erinnerst.“
„Ich erinnere mich. Und das stimmte ja auch.“
„Blödsinn.“
Sie sagte: „Kein Blödsinn. Du darfst nicht vergessen, dass“
Sie legte auf.
Ich trank meinen Gin.
Und noch einen.
Und noch einen.
Sie rief nicht wieder an.

Einer meiner 3 Schreibtische steht vor einem Fenster. Ein Fenster, durch das ich auf Unkraut blicke. Das Unkraut ist grün. Grün wie die Cordjacke von Little Joe (Manchmal trug er auch eine rote. Im Nach-Spiel mit meinem Bruder war ich Little Joe, mein Bruder war Ben Cartwright – Michael Landon starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs; woran starb Lorne Greene?). Vor der Scheibe, am Fensterrahmen befestigt, hängt eine Glasmalerei. Sie stammt von ihr. Ein seltsames Wesen mit Flügeln ist darauf zu sehen. Schwarz auf Glas. Dieses Wesen hat keine Beine. Weil es keine Beine braucht.
Ich höre Ella Fitzgerald. Ich habe keine Lust in den Keller zu gehen. Ich habe keine Lust zu lesen. Manchmal blute ich rot … aus allen Körperöffnungen. Und auch ich habe Krampfadern. Welchen Absinth soll ich trinken? Es gibt ihn grün, es gibt ihn rot.
[Ich überlese, was ich geschrieben habe – – – Ich denke: Das kann nicht wahr sein! – Doch ich weiß: es ist wahr.]
Ich höre Hundegebell. Ich höre Pferdehufe. Gedanken driften. Pferdeäpfel sind braun.(Pferdeschmiede hämmern). Gleichungen löse ich nicht. U ist ungleich X.
Ich denke an die Beine meiner Großmutter. – – Wo hatten sie die Beine hingetan, nachdem sie
sie abgesägt hatten?


Gedichtsschwankungen

Ich hatte Untergedicht
Ich hatte Übergedicht

Ich habe mein Idealgedicht


Eine Lesenacht

2:00 Uhr Nachts. Wahllos nahm ich irgendein Buch aus irgendeinem Stapel & legte mich damit aufs Sofa. Ein altes Sofa im Licht alter Lampen. Ich begann zu lesen. Worte. Alte Worte, die jemand neu kombiniert hatte.
Ein paar Seiten vergingen.
Dann, plötzlich: eine Bewegung am Rande meines Blickfeldes. Fliegenähnlich, nur langsamer. Manchmal, wenn ich zuviel getrunken habe, tauchen für Sekundenbruchteile kleine schwarze Punkte oder die Ahnung eines sich bewegenden Schattens genau so auf; ich nehme das nicht ernst, beachte es nicht mehr. Doch gerade wollte ich den nächsten Satz lesen, da flog Sie von oben herab auf die Buchseite. Ich schrie laut auf & warf das Buch so weit von mir wie möglich. Eine schwarze, beinahe handtellergroße Spinne! Und diese Spinne hatte Flügel, durchsichtig, von zarten roten Äderchen durchlaufen. Ich sprang auf. Das Buch war gegen eine Wand geprallt & lag nun, mit dem Rücken nach oben, einige Meter von mir entfernt auf dem Boden. Die Spinne kam darunter hervor. Sie war unverletzt. Sie bewegte sich langsam. Die Flügel waren angelegt. Angelegt auf ihrem fetten, unbehaarten Körper. Langsam, sie nicht aus den Augen lassend, ging ich zur Tür. Rückwärts. Ich fühlte, dass ihr Blick mir folgte; ergriff die Türklinke ….. Da bewegten sich die Flügel; wurden aufgestellt …. Ich drückte die Klinke nach unten … Die Spinne hob ab, im Flug bewegte sie die Beine … Als würde sie auf der Luft laufen … Ich riss die Tür auf …. Wollte sie hinter mir zuwerfen, meine Hand rutschte ab, die Tür bekam nicht genügend Schwung, ging nicht ganz zu … Ich rannte über den Flur, der Flur war dunkel bis auf das wenige Licht aus dem Wohnzimmer, ich spürte die Verfolgung der Spinne … Ich bin schneller als sie, sie kann mich nicht einholen, bitte, sie darf mich nicht einholen! Der Flur schien länger zu sein, als ich ihn kannte. Schließlich riss ich die Schlafzimmertür auf, und diesmal schaffte ich es, die Tür rechtzeitig zuzuknallen. Finsternis. Ich machte Licht.
Ja, die Spinne war draußen geblieben. Selbst meine Panik war außer Atem. Etwas boxte von Innen gegen meine Rippen. Ich legte mich aufs Bett. Sie ist da draußen. Sie wartet. Ich werde sie töten. Ich kann sie töten – warum stelle ich mich dermaßen an? Eine Spinne, eine blöde kleine Spinne. Sie kann fliegen, na schön. Aber sie kann auch sterben, wenn ich das will. Vielleicht ist sie die einzige ihrer Art, dann rotte ich mit ihr gleichzeitig ihre Art aus. Das wäre doch wunderbar. Das wäre Macht. – Aber was, wenn es Millionen davon gäbe? Eine neue Art, die sich längst ausgebreitet hat …. Meine Fantasie fing an zu spinnen. Netze aus Peitschen. Rasende Bilder, aufgepeitschte Vorstellungen.
Beruhige dich …. beruhige dich …. nur eine Spinne …. nur 1 Spinne ….
Langsam, ganz langsam, so langsam wie die fliegende Spinne – beruhigte ich mich. Ruhe. Ruhe.
Und dann hörte ich ein Geräusch. Ein Geräusch & noch ein Geräusch. Als stieße unter dem Bett etwas gegen das Lattenrost. Panik. Ich wagte es nicht, aufzustehen. Setzte mich dicht ans Kopfteil des Bettes. Du spinnst! Du bildest dir etwas ein! Du
Doch. Das Geräusch war da. Keine Einbildung.
Ich wartete. Wartete. – Ich musste nicht lange warten.
2 dicke schwarze Beine waren das erste, was ich von ihr erblickte. Und ich meine wirklich: DICK. Dann folgte: der Kopf – – –
Eine weitere Spinne. Und sie war schnell, so schnell. Nachdem ihre ersten Bewegungen noch tastend-langsam gewesen waren, huschte sie nun unter dem Bett hervor. Groß wie 2 Pizzateller. Sie drehte sich herum, wandte sich mir zu. Und sie hatte den haarlosen Kopf einer Frau. Einen kleinen Glatzkopf, der zwischen ihren Vorderbeinen, vorne an ihrem dickrunden, behaarten Körper saß. Und sie schaute mich an, und ich erkannte ihr Gesicht. Zitternd. Ein Gesicht aus der Vergangenheit. Ein Gesicht, das schöne Augen gehabt hatte. Damals. Heute waren die Augen schwarz & böse. Und sie erbrachen einen Blick, der zu lange mit dem Wahnsinn geflirtet hatte. Ihre Lippen bewegten sich, als spreche sie. Doch ich hörte nichts. Ich musste sie nicht hören, um zu wissen, dass ihre Worte wüteten. Wüteten gegen mich. Ich glaubte ihren Körper zu riechen; und er roch schlecht in meinem Glauben.
„VERSCHWINDE!“ schrie ich.
Da grinste sie sarkastisch.
Wie kann ich sie töten? Wie kann ich DIESE töten? So groß. So schnell. Und das Gesicht…… Ein Messer. Ein Küchenmesser. In den behaarten Leib…..
Ein Geräusch an der Tür. Ein lautes Kratzen von Außen. Das konnte die fliegende Spinne nicht sein.
Die Hölle! Ich werde in die Hölle blicken….
Die schwarzen bösen Augen der Glatzköpfigen (der Schein der alten Nachttischlampe spiegelte sich in ihnen) blickten wissend. Sie schien zu wissen, wer das Geräusch verursachte.
Sie grinste. Und ihre 8 langen Beine spannten sich an. Spannten sich an. Spannten sich an, als setze sie an – – – zu einem Sprung……..
Ich wartete auf das Springen meiner Rippen. Die Schläge von Innen waren hart. K.O. oder Tod …..
Nie wieder würde ich ein Buch in die Hand nehmen.
Sie setzte zum Sprung an.
Und die Türklinke wurde heruntergedrückt.


Grenzen

Dass ich nichts denken kann, was
nicht schon gedacht worden wäre –
Dass ich nichts sagen kann, was
nicht schon gesagt worden wäre –
Dass ich nichts schreiben kann, was
nicht schon geschrieben worden wäre –

Ich weiß es.
Nichts außer Variationen.
Selbst der Wahnsinnige kann nichts
Menschenunmögliches denken.

Schade, denke ich manchmal.
Und auch Das hat schon jemand
gedacht.