Zurückgelegt

Ein Weg war zurückgelegt
Ein Kontakt abgebrochen

Verletzt
lagen die Bruchstücke
auf dem Boden der Tatsachen

zu dem dieser Weg geworden war

Sie blieben auf der Strecke
um
zu ruhen

vielleicht
zu heilen.

Ein Weg war abgebrochen
Ein Kontakt zurückgelegt

Zurückgelegt
wie ein Vorrat

Zur Sicherheit

Zurückgelegt
für noch schlechtere Zeiten

Zurückgelegt
für die Zukunft.


Die Suchsucht

Die Sucht des Suchens
führt
zu Entzugs-
erscheinungen –
nachdem man
gefunden hat.

Finden
ist keine Befriedigung
von Dauer,

das Gefundene
kein Ersatz
für die Suche.

Die Sehnsucht
wird
zur Suchsucht.

Heilung
ist aus-
geschlossen.


Mittenindernacht

Mittenindernacht heißt der Ort, wo
die Verlorenen umher-
irren,
die Irren sich
verlieren
& die Sehnsucht zum Wahnsinn mu-
tiert.

Ein schwarzer Mond hängt wie ein
Loch in einem weißen Himmel, der
kein Licht spendet.

Die ins Dunkel verkehrten Gesichter der aus dem Leben Vertriebenen
maskieren wie Abziehbilder die Köpfe, in denen
finstere Gedanken kreisen,
und die Verlassenen ziehen durch die Gassen, die
zu
Nichts
führen.

In den geträumten Häusern wohnt
Niemand
in tausenderlei Gestalt.

Und verzerrte Perspektiven
verschieben die Flucht
linien ins End
lose.

Der heisere Gesang der Trunkenen
prallt gegen Wände & hallt
gefangen in spitzen Winkeln

ohne Ende
ohne Ende

Mittenindernacht heißt der Ort,
und wer hofft,
dort zu finden, was er sucht,
findet die Hoffnungslosigkeit
in den Augen der Anderen –

doch
sie sieht der eigenen ähnlich,
diese Hoffnungslosigkeit –

& mehr Trost ist nicht
zu er-
warten

mitten
in
der
Nacht.


Hatten wir sie wirklich?

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit
wie wir
verloren haben?

Haben wir sie überhaupt
verloren?
Haben wir sie nicht
eher
weggeworfen
liegengelassen
vergessen
?

Weggeworfen in Menschenmengen …..
wo sie zu Tode getrampelt wurde.

Liegengelassen an Orten …..
wo wir
nichts
zu suchen & daher
nichts
zu finden hatten.

Vergessen
weil unsere Sinne abgelenkt waren
durch Alles
Laute
Grelle
Aufdringliche

durch Alles
was trotz seiner offenkundigen Schwäche
stärker war als unsere Erkenntnisfähigkeit.

Vergessen
weil unser Empfinden gefesselt war
durch alberne Ziele
in einer lächerlichen Welt.

Diese unfassbare Dummheit –
sich der eigenen Sterblichkeit bewusst
& dennoch so verschwenderisch zu sein!

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit?

Ja, wir hatten sie.

Und
noch
ist
Zeit
übrig.

Eine andere Zeit.

Noch
ist
Zeit

zu lernen

es
anders
zu machen.

Zeit
zu gewinnen.

Durch
Bewahren.


Dieser Stolz

Dieser Stolz
der verhindert
dass man

sein innerstes Selbst auslebt
genießt
liebt
überlebt

Dieser Stolz
der verhindert
dass man

sein innerstes Selbst erkennt
& die Wahrheit sieht

Dieser Stolz
der

nichts ist
als
Betrug –

Selbstbetrug
vor allem.

Der oder die
Stärkere
will man sein

Das eigene Wunschbild
im Spiegel fremder Augen

Ein Herrscher oder
eine Herrscherin
der oder die
den Heldentod nicht scheut.

Doch der sogenannte Heldentod
ist auch nur
ein Haufen dampfender Gedärme
im Dreck.

Sie sagte:
»Die Männer, die gerne betonten, dass
ich sie unbedingt hatte haben wollen –
hatten mich nicht lange.«

Er dachte:
Man wird mir einen Orden umhängen.
Mein Name wird mich überleben
in der Geschichte.

Am Ende
war sie allein
(& es störte sie kaum –
was das Schlimmste daran war).

Am Ende
war er
verwest & vergessen
(& es kümmerte
niemanden –
was nicht weiter schlimm war).

Dieser Stolz
tötet
Alles

in
Liebe

& Krieg.

Er ist
etwas
für Schwächlinge.

Und was der Stolz nicht wahrhaben will
ist
oftmals
die Wahrheit.


Der Schein trügt

Am Ende wird es aussehen
als hätte es einen nicht interessiert.
Als hätte man nichts darin
merk-
würdig
gefunden.

Vielleicht sogar
wird es so aussehen
als würde man es
nicht kennen ….

…. hätte es
nie
gelesen.

Fast
wie
neu

könnte es aussehen

am Ende –

Das Buch,
in dem man
jeden Satz
unterstreichen möchte ….
& deshalb
NICHTS
unterstreicht.


Die Schlange auf der Socke

In der Einöde des Jobs
fiel mein Blick
wie zufällig
auf die schwarze Socke meiner Arbeitskleidung.
Eine feine Schlange wand sich darum:
Ein langes blondes Haar.
Und die Erinnerung an das Lachen
reichte für ein Lächeln.
»Du reisst mir noch mal alle Haare aus«,
hatte sie gesagt.
Und tatsächlich
fand ich sie
überall.
Zuhause
wo ich jetzt gern gewesen wäre.
Mit meiner Erinnerung.
Und den Schlangen.
Eng umschlungen.
Mit ihr.
Die sie zurückgelassen hatte.
Ich
ließ das Haar, wo es war.
Und die Erinnerung an das Lachen
reichte für ein Lachen
in der Einöde des Jobs.
»Übrigens«, hatte sie gesagt
(& es war ein historischer Satz),
»Du hast mir genau
aufs Zäpfchen gespritzt.«


Der Verlust des Unbewussten

Der Mann liebte
ganz besonders
diese eine Bewegung,
die sie
unbewusst
immer wieder machte.

Sie gehörte zu ihr
wie ein winziger Tick.

Eines Tages
sagte er es
der Frau.

Ab jenem Tag
schien
für ihn
das Unbewusste dieser Bewegung
verloren zu sein.

Er glaubte,
Absicht zu erkennen.

Und er hörte auf,
diese Bewegung zu lieben.

Er begann,
sie zu hassen.

Er fühlte sich
manipuliert.

Sah
einen Trick
im Tick.

Mag sein,
so dachte er,
dass ich mich irre.
Mag sein,
dass die Absicht
nur in meiner Wahrnehmung
existiert.

Es machte
fast
schon keinen Unterschied mehr.

Bewusst
oder
unbewusst.

Die eigenen Worte
hatten seinen Blick verzerrt.

Und der Mann dachte:
Hätte ich doch nur
geschwiegen!


Zu leben verstehen

Der Eine sagte:
»Ich verstehe zu leben.«

Und er begab sich
unter Menschen
handelte
arbeitete
zerstreute sich.

Der Andere dachte:
Wenn das Leben ist –
möchte ich es nicht verstehen
zu leben.

Und er blieb
allein
betrachtete
dachte
konzentrierte sich.

Da draußen:
die Welt
wie man sie
vorfindet.

Da drinnen:
die Welt
wie man sie
sich vorstellt.

Ich verstehe
zu träumen.


Immer weniger

»Du wirst tatsächlich immer dünner«, sagte sie.
Ihre Hand auf Testfahrt
unter der Bettdecke
auf meinem Oberschenkel
meinem Arsch
meinem Bauch ….
»Tja«, sagte ich, »so ist das.«
Ihre Stimme klang besorgt. »Du wirst
immer weniger.«
»Mehr von mir würdest du gar nicht
ertragen; deshalb sehen wir uns doch
so selten.«
»So meinte ich das aber nicht«, sagte sie.
»Ich weiß. Aber ich
meinte es so.«
»Du solltest mehr essen &
– hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde –
mehr Alkohol trinken.«
»Mehr ist gut«, sagte ich. »Mehr als
nichts. – Aber keine Sorge. Das werde ich. Irgendwann.
Sobald die Nüchternheit genau so zum Ritual geworden ist,
wie es das Saufen zuletzt gewesen war. Manche
Gewohnheiten langweilen mich einfach. Irgendwann.
Ebenso wie manche Abhängigkeiten.«
Ich konnte sie
nachdenken
hören.
Unter der Bettdecke.
Und ich stellte mir vor, wie ich
immer weniger wurde …..
So lange
bis ich
verschwunden war.


Phantasiegekitzel

Die einzige Lichtquelle
im Schlafzimmer
war das Display des Handys.
Ich lag im Bett & las.
Es ging um Spinnen.
Sobald es finster wurde spürte ich
ein Kitzeln auf dem Oberarm ….
Verdammte Phantasie, dachte ich.
Wie immer.
Was ich lese, spüre ich.
Doch
Etwas
war
Anders
als
sonst.
Ein wenig mehr
Realität
vielleicht …..
Mit der Hand wischte ich
das Kitzeln
hinweg;
schaltete die Lampe ein ….
Eine Zitterspinne
– groß & dünn –
verschwand zwischen den Büchertürmen
auf dem Boden.
Langsam –
& doch
zu schnell
für mich.
Ich suchte sie.
Schob Bücher beiseite.
Fand sie nicht.
Zu viele Winkel,
zu viele Verstecke.
Zu viele Bücher
mit ihrer Realität.
Ich machte das Licht aus.
Die Spinne war da
in der Dunkelheit;
sie war keine
verdammte Phantasie.
Vielleicht würde sie ja
zurück ins Bett kommen
während ich schlief,
würde mir über das Gesicht &
in meinen Mund klettern …..
Das war
höchst
un-
wahrscheinlich
– ich wusste das -,
doch ich spürte bereits
den Kitzel.


Die Zunge

Noch heiß
von den Worten
die sie eben formte
fährt die Zunge
über fremde Haut

stumm
tastend
schmeckend

Eine Flamme
aus Fleisch

& Blut

die brennt
& tropft

kennenlernt
& verzehrt

im
Über-
fluss

Nichts
löscht das Feuer
wenn sie
auf eine Andere
trifft

in gemein-
samem
Schweigen.


Gefallen

….. & dann fällt
ein Buch
dir plötzlich
in die Hände

Ein Buch
das du
vielleicht
nur vergessen hattest

Versteckt
zwischen anderen
ungelesenen Büchern

Ein Buch
das dir
der Zufall
in die Hände
gespielt hat

Du blätterst
Du liest …..

& fragst dich
Warum erst jetzt?

Wäre es
mir früher in die Hände
gefallen

hätte ich es
länger
in meiner Erinnerung gehabt

Die Schuld
des Vergessens

Die Schuld
des Zufalls

Doch vielleicht
ist nur dieser Zeitpunkt
der richtige

….. & dann fällt
ein Mensch


Nur für Miss Verständnis

Es gibt sie tatsächlich –
Menschen,
die gut finden,
was ich schreibe;
Menschen,
denen meine Worte
irgend
etwas
sagen,
bedeuten;
Menschen,
die neugierig werden &
sich angezogen fühlen …..

»…. seit fast 5 Monaten frage ich mich,
wer der faszinierende Typ hinter den Worten ist ….«

»…. die Gedichte erinnern mich manchmal
an die Möglichkeiten ….«

»…. bilde mir ein, dass Du nur für mich schreibst ….«

Gleiche Wellenlängen
Gleiche Sehnsüchte
Gleiche Hoffnungen
Gleiche Träume

Alles
offen-
bar
nur
schein-
bar.

Sie lesen die Texte
& glauben doch,
ich sei

ein Anderer ….

Einer, der
funktioniert
wie gewünscht.

Einer, der
sich einfügt.

Einer, der
sich fügt.

Und der Fluss der Worte,
der sie mitreißt,
soll
einer leise säuselnden Quelle entspringen.

Zahm
Sanft
Gleichbleibend
Geradlinig
Klar
Vorhersehbar.

Und am besten wäre
die Quelle
ein simpler Wasserhahn, den man
nach Belieben
auf- & zudrehen könnte.

Nein!

Wer mich kennenlernt,
wird
mich kennenlernen.

Man hätte es
wissen
müssen.

Und –
Ja ….

Bilde Dir ruhig ein,
dass ich
Dies
nur für Dich
geschrieben habe.


Die billige Perücke

Wie eine Perücke
auf einem kahlen Haupt
verkleidete der Anschein
ihre Beziehung.

Wie eine Perücke
sollte er
die lebensbedrohliche Krankheit
verbergen –

verbergen
die Folgen der letzten Hoffnung;
verbergen
die Aussicht auf den Tod.

Es war eine billige, hässliche Perücke,
jede Kunstfaser eine Lüge.
Sie saß schlecht, und
nichts an ihr sah
natürlich aus.

Die unechten Haare
gingen aus &
fielen zu Boden.

Hinterließen eine Spur
des Verfalls.

Des Verfalls, den
sie hatten kaschieren sollen.

Eines Tages
kam die nackte Wahrheit,
riss die Reste der Perücke von dem kahlen Haupt,
das nurmehr ein Totenschädel war,
und warf sie ins Feuer.

Es blieb
Nichts
als

Rauch,
Asche
& Gestank.

Und die Gewissheit,
dass auch die
teuerste & schönste Perücke

nichts
geändert hätte.


Die Kreise meiner Hölle

Meine Hölle
ist andauernder Lärm

Ihre Kreise
sind Geräusche
deren Ursprung ich nicht kenne

Geräusche
denen meine Phantasie
Ewigkeit verleiht

Meine Hölle
ist der Lärm
der Lebenden

Der Lärm
sinnlosen Tuns

Der Lärm
der Zerstreuung

Meine Hölle
ist das lautstarke Verstummen
der Toten

Das Dröhnen
ihrer ungesagten Worte
in meinem Schädel

Der Krach
der Verwesung

Meine Hölle
ist die plötzliche Stille
Deines Herzens

Und die Kreise meiner Hölle
sind die ewigen Schreie
Deines Schweigens


Das Geräusch der Diele

Ich weiß nicht,
wie oft ich bereits über diesen Flur gegangen bin;
leise in zurückliegenden Nächten ….
Ein Rundgang, der zu meinem Job gehört,
hoch oben im Turm des alten Hotels.
Die Stufen, die dorthin führen,
habe ich nie gezählt.
Wenige Zimmer hinter Doppeltüren,
wo fremde Menschen schlafen
oder schlaflos sind;
dicke Mauern einer mittelalterlichen Befestigung,
welche nun einem anderen, friedlichen Zweck dienen.
Und dann
eines Nachts
steht ein Kinderwagen vor einer der Türen.
Ich muss ausweichen.
Abkommen
von meinem üblichen Weg.
Trete auf eine Diele
ganz am Rande des schmalen Ganges.
Und das Geräusch, das sie verursacht, ist
das Geräusch im Gästezimmer meiner Großeltern ….

Das Knarren, Knetern & Knarzen des federnden Fußbodens,
wenn ich mich auf das Bett zubewegte …. Das Bett,
welches mir so hoch erschien; mit der Decke, die so
dick & schwer war …. Und wenn ich darin lag, kam mir
die Zimmerdecke noch höher vor (ich schätzte die Höhe auf 4 oder 5 Meter) ….
Alles – fast alles – war gigantisch in diesem Haus
im Angesicht meiner Kleinheit ….
Die Räume, die Treppen, die Flure; alles war alt &
roch nach Holz, und an den Wohnungstüren befanden sich
mechanische Klingeln, die durch Drehung eines Griffes
einen metallisch-ratternden Schellenklang von sich gaben ….
Es lebten noch andere Menschen hier, glaubte ich, aber
ich sah sie nie …. Ich konnte sie riechen, glaubte ich,
im Gemeinschaftsklo auf dem Treppenabsatz …. Ich hasste dieses Klo ….
Hasste das Gemeinschaftliche daran; nur die lange Kette, die vom
Spülkasten herabhing, und der Porzellangriff an ihrem Ende faszinierten mich ….
Und oft hörte ich das Rauschen, nachts im Bett …. Nachts? – Ich glaubte,
dass es Nacht sei …. weil in der Kindheit oftmals das als Nacht erscheint, was
in Wirklichkeit doch nur Abend ist …. Das Rauschen
übertönte die Stimmen der Großeltern im Wohnzimmer, die Stimme der Mutter, die
noch nicht »Gute Nacht« gesagt hatte …. & die große Entfernung zur Zimmerdecke
gebar schattige Ungeheuer, vor denen die Bettdecke keinerlei Schutz bot ….
In meiner Erinnerung schien hier tagsüber immer die Sonne ….
Im Hof hinterm Haus befand sich der Schuppen mit der Werkstatt meines Großvaters.
Darin roch es nach Sägemehl & Klebstoff & den filterlosen ägyptischen Zigaretten
aus der Blechdose, die mein Großvater rauchte, und
das Sonnenlicht mochte ich am liebsten, wenn es
durch die schmutzigen kleinen Fensterscheiben auf die Werkbank mit ihrer
Unordnung fiel …. Keine Ahnung, was mein Großvater dort machte, ich jedenfalls
bastelte irgend etwas Zweckloses ….
Zweck
loses
Sinn
loses
der-
weil
die Zeit
verging ….
Und das Haus
schrumpfte ….
Während
ich
wuchs ….
Ob es eingerissen wurde; ob selbst meinen Großeltern alles
zu groß geworden war; ob sie es sich nicht mehr leisten konnten –
ich weiß es nicht.
Sie zogen in eine winzige Wohnung.
Sie waren so alt geworden
wie nie zuvor, obwohl ich sie schon
für so alt gehalten hatte, als ich
noch ganz klein & alle Räume größer gewesen waren.
Es gab dort kein Gästezimmer mehr. Die Klingel war elektrisch &
langweilig. Das Klo wurde nicht mehr mit Fremden geteilt.
Wenige Möbel waren übriggeblieben; alles roch
nach alten Menschen & den Zigarren, die mein Großvater
nur etappenweise & anstelle der Zigaretten rauchte
(in den Aschenbechern lagen Reste:
mal halblang, mal viertellang, manchmal nur ein Stummel, der aus
Sparsamkeit noch weiter, bis knapp über Fingerbreite, heruntergequalmt wurde).
Nichts übertönte die gebrochenen Stimmen des Paares
in der Enge. Nichts Neues wurde erschaffen, denn es gab
keine Werkstatt mehr.
Genaugenommen wusste & weiß ich
fast nichts
über meine Großeltern
& ihr Leben.
In meinem Wohnzimmer steht ihr mächtiges Sofa, und
das Grammophon funktioniert noch. Die Sprungfedern des Sofas
haben ihr eigenes Geräusch, und manchmal erschreckt mich
– mitten in der Musik – ein lauter Knall, den die alte
Grammophonfeder von sich gibt (während sie sich entspannt).
Und irgendwo im Keller liegt eine Zigarrenkiste, in der
hässliche Nazi-Memorabilien verschimmeln.

Ein Kinderwagen auf dem Gang.
Leer. Der kleine Mensch schläft (vermutlich).
In einem Turmzimmer mit hoher Decke.
In einem uralten Gebäude.
Ich gehe weiter.
Knarren, Knetern & Knarzen verändern sich
mit jedem Schritt.
Morgen wird das Hindernis
nicht mehr hier sein.
Das Hindernis, dem ich
ausweichen musste.
Und er
wird sich
bewusst
nicht
an diesen Ort
erinnern ….
Der kleine Mensch.


Eine Art von Selbsterkenntnis

Sie schmeckte
sich

als ich
sie
küsste

Ich schmeckte
mich

als sie
mich
küsste

Eine Art
von
Selbst-
erkenntnis

Sich
selber
kennen
lernen

Geschmack
an sich
finden

Saft & Sperma
im Mund
des Anderen.

Eine
untrennbare
Mischung

Wir schmeckten
uns

als wir
einander
küssten


Fern Beziehung

Ich existiere

die meiste Zeit
für Dich
nur

als Stimme
als geschriebenes Wort
als Phantasie

körper
los

beziehungs
weise

fern.

So
wie
Du
für
mich.

Ledig
lich
im Traum

bist Du

immer
mir

so
nah

wie ein
eigener Gedanke

begreif-
doch
auch
unfassbar


Das verschwundene Zeichen

Ich weiß nicht wohin
ich fuhr
in diesem Traum

Der Weg
war mir un-
bekannt

Irgendwo
warf ich ein Buch
aus dem fahrenden Zug

Ich hatte das Buch noch nicht gelesen

Ich wollte zurückkehren an den Ort
wo ich es fortwarf

Ein Lesezeichen
in meinem Traum

Doch ich wusste
ich würde es nicht wiederfinden
den Ort nicht wiedersehen

Und ich träumte
dass jemand das Buch fand
& mit nach Hause nahm

Und das Haus war
der Ort zu dem ich zurückkehren wollte

Ich hatte es
noch nie gesehen

Doch ich wusste

Du
wohntest
darin


Der Fingerabdruck

Wo
auf dem Spiegel
ein Staubkorn gewesen war
befand sich nun ein
Finger
ab
druck

Lange
war der Spiegel nicht abgewischt worden
Lange
hatte das Staubkorn seinen festen Platz gehabt
auffällig & größer als alle anderen

Ein Partikel
der Vergangenheit
Vielleicht nur ein Stück
der eigenen Hautoberfläche

Die Linien des Abdrucks waren nicht
meine
Ich wusste es
ohne sie je zuvor betrachtet zu haben

& doch
waren sie
nicht
fremd

Linien
die mich berührt hatten

über
all

Mein gespiegeltes Auge
war trübe
denn der Abdruck lag
wie ein Schleier
auf ihm

Und wieder
würde der Spiegel
lange Zeit
nicht

abgewischt werden

Zeit
den Verlauf der Linien
auswendig zu lernen


Ein Rätsel

Niemand wusste, woher sie gekommen war.

Niemand ahnte, wie sie sich Zutritt verschafft hatte.

Was sie im Schilde führte, war abzusehen –
Diebstahl & Mord.
Wie beinahe immer.
Die Zahl ihrer Verbrechen war Legion;
niemand lebte mehr, der sich an das älteste hätte erinnern können,
niemand würde das Ende ihrer Untaten noch erleben.

Sie bricht ein in die Häuser der Reichen,
legt sich in die Betten der Liebenden,
raubt & tötet
Alles
was unersetzlich ist.

Zurück läßt sie
dort
Nichts
als
Unglück
Sehnsucht
Verderben.

Und als die Menschen begriffen,
was geschehen war,
war es zu spät.

† † †


Nur manchmal
– vergleichsweise selten –

setzt sie sich an den Tisch des Dichters

räkelte sie sich auf dem Flügel des Komponisten

wird sie die Hand des Künstlers leiten…..

Und ihre bloße Anwesenheit
führt zur Erschaffung dessen
was bleibt –

zur Erschaffung dessen
was weder geraubt, noch getötet werden kann.

Eine Art von Wiedergutmachung.

Sie gehorcht niemandem.

Doch dem Philosophen
gelingt es
ab & an
sie aus dem Haus zu denken.

* * *

Die Frau richtete
sich auf. Der Mann betrachtete
liegend ihren Rücken.
Sie zündete sich eine Zigarette an.
»Es wird mir zu viel«, sagte sie.
»Zuviel«, wiederholte er, »natürlich.«
»Ja. Es ist so kompliziert, wie es nie werden sollte.«
Der Mann schwieg.
Und von 1000 Gedanken in seinem Kopf galten 999 dem,
was hätte sein können – & einer dem,
was war.
Kein einziger galt
der Vergangenheit.
Der einsamen Vergangenheit.
Er sagte: »Was daran kompliziert sein soll – ist mir
ein Rätsel.«
Sie sagte: »Dein Verhalten ist mir
ein Rätsel.«

* * *

Ich sitze am Schreibtisch,
lese was ich geschrieben habe –
& es gefällt mir nicht.

Ich sollte es wegwerfen.

Dass ich es nicht tue, ist mir
ein Rätsel.

Niemand sonst sitzt an meinem Tisch.
Jemand hat das Haus verlassen.
Denke ich.


Das verlorene Bein

Ein lichtloses Schaufenster in einer Nacht ohne Menschen
Ein vereinzelter Laternenreflex auf spiegelndem Glas
Da-
hinter
wie eine Ahnung in der Dunkelheit:
Das Bein einer Puppenfrau
Getrennt vom Rumpf
Verloren
Einsam
Ein Netzstrumpf zeichnet schwarze Adern
auf das Abbild der Natur

Ich halte inne
in meiner Ziellosigkeit
Werfe Blicke durch die trennende Scheibe
Sehe nichts als den Schenkel
Fühle die perfekte Form
Erkenne den Oberflächenglanz der Künstlichkeit
Bin gefangen
im Netz der alten Besessenheiten

Die Dunkelheit hinter dem Glas
zeigt mir mein Gesicht darauf
Seitenverkehrt
& beschattet

Ich gehe weiter

Verloren
in Träumen & Gedanken

& werde
mich
lange

an das Bein

er-
innern


Verschimmelte Kirschen

Das Licht geht an
im Kühlschrank.
Die Cocktailkirschen sind verschimmelt, und
im Glas mit den kernlosen Oliven schwimmen
weiße Flocken;
die Flüssigkeit ist trübe.
Ich friere.
Mir fällt nichts ein.
Die Ideen sind weg;
die Musik klingt anders.
Nichts tanzt.
Und das Essen schmeckt
langweilig.
Zigarren vertrocknen;
die Gesichter & Phantasien des Rauchs
haben sich verzogen.

Wo bin ich?
Wo ist der versoffene Kettenraucher –
mein Kern?

Er ruht sich aus.
Er reist
durch die Einöde der Enthaltsamkeit,
sammelt Kräfte
für später
& empfindet
Heimweh –
eine andere Art von
Kater.

Nichts Neues.
Er wird den Weg zurück
finden.
So wie er ihn immer gefunden hat.
Aus Sehnsucht.

Das Rot der Kirschen
soll leuchten.
Das Grün der Oliven
soll glänzen.

Klare Flüssigkeiten, in denen
die Musik Wellen schlägt.

Das Licht geht aus
im Kühlschrank.


Aufwärts – Abwärts

Der Boxer liegt am Boden.
Jemand zählt.
Aufwärts.
Am Ende wartet
das Aus.

Die Raumfähre steht am Boden.
Jemand zählt.
Abwärts.
Am Ende wartet
der Start.

Das Aus
mag Erleichterung bringen.

Der Start
ins Verderben führen.

Doch die Richtung
des Zählens,
das Auf & Ab
bedeutet

– vielleicht nicht nur hier –

das Gegenteil
der Erwartungen.


Leerstehend

Ein weiteres Haus steht
leer …..
Vertraute Gesichter
die man altern sah
sind
verschwunden …..
Das Leben endet
im Ungewohnten …..
Herausgerissen aus Zusammenhängen
wie ein Blatt aus dem eigenen Lieblingsbuch …..
Verfall in engen Räumen …..
Fremdheit am Schluss …..
Das Blatt hat 2 Seiten
voll von Sätzen die man auswendig kannte
& es fällt
zerknüllt
in einen Mülleimer …..

Ich schaue aus dem Fenster.
Noch sieht das Haus bewohnt aus.
Noch bewohne ich mein Haus.
Es verfällt.
Wie ich.

Ich denke an Häuser
die man Heim nennt
ohne es zu
sein …..

Das nächste Haus
das leerstehen wird
ist mir vielleicht
das nächste

& der Mülleimer
quillt über

denn
Niemand
kann

ihn
leeren.


Der Andere Rausch

In den Zeiten
ohne Alkohol
berausche ich mich
an Dir
Saufe
zwischen Deinen Schenkeln
Halluziniere Deine Haut
Überlasse Dir
meinen Cocktail
Fantaste Dich mit der Zunge
Schlucke Dein Lachen
Beisse in Früchte
die lebendig sind
Stoße an
ohne Glas
& verschütte mich
in Dir

Und mit dem Entzug
kommt
das Delirium

Und in dem Delirium
kommst
Du

wie immer

immer wieder

Du


Fluch der Fantasie

Ein winziger Glutpunkt hoch über der Straße.
Ich fuhr durch die Nacht;
das Auto einäugig (totes Abblendlicht rechts).
Keines sonst war unterwegs.
Ich näherte mich der Brücke.
Jemand rauchte. Unsichtbar. Dort oben.
Tragische Musik im Radio;
die letzte Stelle des Kilometerstands zählte schnell,
aufwärts – Ziffer Ziffer Ziffer!
Und jeder Zug des Fremden
– oder war es eine Fremde? –
glühte heller; für einen Augenblick.
Gedanken kamen in Fahrt …..
Das Unsichtbare,
Fremde
wollte gedeutet werden.

Ein Besoffener, ein Bekiffter, ein Gestörter
mit einem Ziegelstein …. er hat nur
auf mich gewartet …. auf irgend jemanden
gewartet …. Vernichtung, Spaß & Adrenalin …. –

Eine Verzweifelte, eine Verlassene, eine Hinterbliebene,
die ihre letzte Zigarette raucht; den Blick verloren
auf der dunklen Straße …. unter ihr ….

Und ich konnte
ihn
sehen,
ihn
hören,
ihn
spüren –
den Stein …. den Aufprall …. das Bersten ….
Splitter, die in meine Augen schossen,
Blut, Schmerz, Schleudern & Tod ….

Und ich konnte
ihn
sehen,
ihn
hören,
ihn
spüren –
den Körper, der aufschlug …. auf der Straße ….
vor mir …. hinter mir …. auf mir ….
ein fremdes Gesicht, das durch die Windschutzscheibe brach ….
entstellt, zerschnitten, sterbend ….

Und nach der 9
kam die 0,
als ich
unter der Brücke hindurch
fuhr
in meinem Zyklopenauto,
und die Glut blieb zurück,
einsam
auf der Brücke ….

Vielleicht stand dort nur
ein glücklicher Mensch.
Ein Mensch, der
kurz innegehalten,
der die Ruhe genossen hatte, die ich zer-
störte.

Ein Mensch, der
seinen Hund spazierenführte.


Wille mit Trauerrand

Was da durch den Gang der Arztpraxis an mir vorbeigeschoben wurde,
war ein Rest.
Der Rest eines Menschen.
Vormals Mann.
Auf dem herausnehmbaren Sitz eines Rettungswagens.
Ich sah den Hinterkopf über der Rückenlehne:
schmaler Schädel, wenige weiße Haare, Falten im Pergament.
Die Sanitäter grüßten mich, ich grüßte zurück.
Der Rest röchelte.
Ich wagte nicht, ihm ins Gesicht zu sehen;
er hätte mich anschauen können –
mit einem Blick aus meiner Zukunft;
mich erkennend.
Und ich hätte den schwarzen Bilderrahmen gesehen,
in dem die Reproduktion dieser Totenmaske hing;
den Trauerflor, quer über einer Ecke
(sofern es jemanden gab, der trauerte).
Und das Glas im Bilderrahmen hätte
mich gespiegelt.

Was da durch den Gang der Arztpraxis an mir vorbeigeschoben wurde,
war ein kleiner Junge gewesen,
der auf Bäume geklettert war;
war ein großer Junge gewesen,
der sich verliebt hatte;
war ein junger Mann gewesen,
der sich seinen Leidenschaften hingegeben hatte.
Wahrscheinlich.
Und seine mittleren Jahre waren nun so weit von der Gegenwart entfernt,
wie sie es einst von der Kindheit gewesen waren.

Sie schoben ihn in den Laborraum.
Es war eine urologische Praxis.
Man hörte Stimmen.
Eine der Sprechstundenhilfen plapperte betont fröhlich
mit dem Rest eines Menschen; ein alter bekannter
Rest.
Am anderen Ende des Ganges war die Anmeldung;
dort unterhielten sich 2 weitere Sprechstundenhilfen.
Es ging um das, was da an mir vorbeigeschoben worden war.
Um den Rest. Um das Nest, in dem die Krebse wohnten.
Ich hörte etwas von Blasenkrebs, Prostatakrebs, Metastasen &
Nierenversagen.
Ruhig & sachlich vorgetragen.
Die Sanitäter kamen zurück; verabschiedeten sich.

Was da durch den Gang der Arztpraxis an mir vorbeigeschoben worden war,
besaß einen Willen.
Einen Lebenswillen.
Es musste so sein.
Denn noch war es da.
Noch existierte es.
Auf welcher Ebene auch immer.
Selbst wenn es diesen Willen geleugnet ….. verleugnet hätte.
Und viel mehr als dieser Wille
war auch nicht mehr da.

Und er erschien sinnlos –
dieser Wille.
Furchtbar sinnlos.

Eine andere Tür wurde geöffnet.
Ein Arzt, der mir fremd war,
noch fremd war,
sah mich an & sagte:
»Herr L. bitte.«

Ich stand auf & ging in das Sprechzimmer.
Vorbei an Bilderrahmen, deren Glas mich spiegelte.

Immerhin –
er hatte nicht gesagt:

»Der Nächste bitte«


Album der Kindheit

Zeppeline schwimmen wie Wale im Himmel

In einem Peugeot 404 fahren wir an Windmühlen vorbei
während die Mutter mir eine Kotztüte nach hinten reicht

Der Milchmann schwingt die große Glocke vorm Haus
Er füllt die Gefäße die man ihm bringt aus schweren Kannen
die in langen Reihen auf seinem Wagen stehen
Eine große Geldtasche aus Leder hängt in Gürtelhöhe
befestigt an einem Riemen der von der Schulter quer über
den Oberkörper verläuft

Straßen die
in Kinderschritten gemessen
erschreckend breit erscheinen

Fernsehgeräte kennen nur Schwarzweiß-Töne
Farben träumt man hinzu

Mit Kofferradio & Lieblingslampe im Etagenbett
unten
Es läuft Radio Luxemburg
in Mono
Bilderbücher liegen verstreut auf der Decke

Niemand hat den Mond betreten

Eine Isetta witzelt am Kaufmannsladen vorüber
Sie ist alltäglich
Findet dennoch Beachtung

Ein verwinkelter Keller voller Spinnen & Ängste
in dem die gemeinschaftliche Waschküche liegt
Zugang zum Hinterhof

Männer mit fehlenden Gliedmaßen
Kriegsveteranen
Wie der Bettler der einmal pro Woche
an unserer Wohnungstür klingelt

Milchreis mit Zimt & Zucker
mit kleinen Vertiefungen in denen
flüssige Butter pfützt
Pappsattheit

Ein dünner biegsamer Rohrstock
für besondere Gelegenheiten

Fausthandschuhe aus schneenasser Wolle

Kioske ohne Nacktheit

Abakus & Füllfederhalter
(Geha & Pelikan)

Tarzan & Akim
Die Perry-Rhodan-Sammlung meines Vaters

Das Testbild nach Sendeschluss
& der Pfeifton der an die Flatline des Todes erinnert

Runde Mülltonnen aus Metall
die mit einer geschickt-ausbalancierten Drehbewegung
auf ihrer Unterkante zum Müllwagen gescheppert werden

Motorradfahrer ohne Helm

Telegramme
die ihren eigenen Stil bilden

Autos ohne Sicherheitsgurte
Ohne Kopfstützen

Nach Pisse stinkende Telefonzellen
in passendem Gelb

Schlittenspuren im Schnee
& eine rotgefrorene Nase von der nur ein
etwas dunklerer Grauton bleibt

Ich
wie ich mit einer leeren Rolleiflex
durch die Wohnung gehe
den Blick aufs quadratische Fenster der Kamera gerichtet
Die vertraute Kleinwelt als Spiegelfilm der Phantasie
Phantasiefilm der Spiegelwelt

Und überall
nur Uhren
die man aufziehen muss

Und Fotoecken
Im Fotoalbum
In denen das Foto fehlt

Zeppeline


Der letzte Blick

Der letzte Blick
in die Lampe
die das eigentlich finstere Zimmer erleuchtet

Die Lampe erlischt

sei’s weil die Sicherung rausspringt
sei’s weil der Strom ausfällt
sei’s weil man die Rechnung nicht bezahlen konnte
sei’s weil sie durchbrennt
sei’s weil man sie selber ausschaltet
sei’s weil jemand anders sie ausschaltet

Die Lampe erlischt

Was bleibt
ist ein Nachschimmern
ihrer Form & ihres Lichts
auf der Netzhaut

für einen kurzen Augenblick

bevor man das Zimmer wieder sieht
wie es eigentlich ist


Schweißspuren

Irgendwo heult ein Wolf in der Nacht,
das Klischee des Mondes fehlt.
Wind bewegt das Fell.
In einer Blockhütte tanzt eine Frau –
barfuß in einem weißen Herrenhemd;
allein mit dem Feuer, das
im Kamin für sie brennt.
Sie tanzt zu einer Melodie in ihrem Kopf,
summt –
beleuchtet von Flammen, die Naturgesetzen ge-
horchen.
Schweiß auf Schenkeln.
Schweiß auf der Stirn des Mannes, der
in einem Bett fiebert;
weit entfernt von
Allem.
Verseuchtes Blut.
Er träumt
das Geheul,
träumt
die tanzenden Schenkel, die bloßen Füße
auf dem Holzfußboden,
er träumt
die Melodie,
träumt
das Feuer,
träumt
den fehlenden Mond
& die Schatten.
Krankheit, die durch Adern fließt.
Adern, die sich fiebernd
winden.
Dann verstummt der Wolf;
er folgt einer Schweißspur in der Nacht.
Naturgesetzen gehorchend.
Irgendwo tropft eine Wunde.
Verseuchtes Blut.
Hunger & Sehnsucht werden nicht gedacht.
Er wittert.
Er wittert.
Er zittert. Der Mann sieht die Fenster der Hütte;
bewegtes Feuerlicht in nächtiger Einsamkeit;
Schwitzwasser tränt an den Scheiben.
Ein mondhelles Hemd.
Tanzt. Dahinter.
Vielleicht.

Viel-
leicht.

Tanzt
zu einer Melodie
hinter Lidern, die sich
schließen.

In seinem Bett.

Schließen
wie
eine
Wunde & ihr
Spiegelbild.


Im Bett

Ich lag im Bett & träumte,
dass ich im Bett liege.

Eine Stimme sagte:
»Leg dich doch ins Bett.«

Ich sagte:
»Ich liege doch schon darin.«

Dann wachte ich auf
& lag tatsächlich noch immer
im Bett.