Zynismus in 5 Teilen?

All diese Tiere, die zu
oft schon ungeschont verwendet
& missbraucht wurden
als Symbol – oder
Metapher

Raben
Katzen
Schmetterlinge
Panther
Hunde
Spinnen
Wölfe

tot, lebendig, frei, gefangen –

verwurstet in Gedichten & Geschichten,
in Fabeln & Parabeln.

Alles
ist schon da ge
wesen.

Wie die Bemerkung
dass es
nichts
Neues
gibt.

Doch das ist in
Ordnung.

Apropos: Ordnung:

Ich fuhr über die Autobahn
in der Morgendämmerung.
Auch das: nichts Neues.
Eine graue Straße, schon dagewesen,
die irgend – wo – hin – führt.

Und plötzlich
lagen dort 5 Teile. 5 Teile
eines Tieres.
Akkurat in einer Reihe,
parallel zum Mittelstreifen.

Ich weiß nicht
was für ein Tier es ge
wesen (oder immer noch) war
Weiß nicht um welche Teile
im Einzelnen es sich handelte

Selbst
wenn ich langsamer gefahren wäre
hätte ich es wohl
kaum erkennen
können

Braun & Rot auf Grau
Vorbei

Ich schätze die Ordnung.
Die äußere Ordnung.
Weil mein Inneres & meine Gedanken
so in Unordnung sind.
Ich brauche die Ordnung. Die äußere Ordnung.

Tot oder lebendig.

Doch diese Ordnung
der Naturgesetze, getarnt als Zufall, diese
Reihe der Teile
des verendeten Tieres
auf der Straße, über die ich fuhr

irgend
wo
hin
fuhr
in der Morgendämmerung

(& wohin wollte ich denn über
haupt, wohin will denn am
Ende dieses Gedicht
wenn es 1 ist –
dieses Etwas mit einem verwursteten Tier)

diese Ordnung
auf der Straße
parallel zum Mittel streifen

tot
tot
tot
tot
tot

er
schien mir
bei Dämmerung betrachtet bei
nahe

zynisch.


Die Stufen der Gedanken

Ich er
finde jetzt ei
ne Frage
die jemand
hätte stellen
können
die aber nie
mand je
mals ge
stellt hat:

»Was halt
en Sie
für das Zweit
wichtig
ste an o
der in Ihr
en Texten?«

Wäre sie
gestellt word
en hätte ich sie
nicht
beantw
ortet. Denn
ich spreche
nicht über die
se Dinge.
Weil sie aber
nie gestellt
wurde kann
ich sie
ruhig & er
finder
isch beant
worten:

Die
Um
brüche o
der Ab
sätze.

Oftmals mögen sie kaum auffallen, ich aber mache mir
viele Gedanken um & über sie. Sie sind die Stufen
der Gedanken. Die Stufen der Bilder. Das Gedicht
ist die Treppe. Oder die Leiter. Ein Tritt. Hinauf
oder hinab.

Wo
hin auch im
mer.


Über uns

Wir stolperten
über uns

 

Wir fielen

fielen

über uns

her

 

Über uns
war
Nichts

als Luft

Wir waren
unter uns

In uns
war
Nichts

als Lust

 

Wir fielen

fielen

über uns

her

 

Nichts ging
über uns

Alles
unter uns

Wir stolperten
über uns
Wir fielen

hin

& her

über uns

Wir lagen
nur so da

am

Ende


Spiel oder Abspiel

Ich notierte mir einen Einfall.
Spielte mit ihm. Und dem Bleistift.
Und den Gedanken, die folgten.
Leises Kratzen auf Papier.

In der Ferne hörte ich Klaviermusik.

Dann tippte ich irgendwas.
Wieder Gedanken.
Leise Berührung der Tasten.

Und ich fragte mich:
Spielt dort jemand selber?
Oder wird nur abgespielt, was
Jemand Anderer eingespielt hat?


43 Strophen

Hier standen einmal
43 Strophen. Aber
das waren 42 zu viel.


Subtiler

Wenn es gut läuft
wird man mit den Jahren
subtiler.

Wenn es schlecht läuft
ist man vorher
tot.


Wieder so ein Tag

Wieder so ein Tag, dachte ich.
Und hatte ihn schon verloren.

Denn solche Tage, die
bloß Wieder so ein Tag sind,
gibt es nicht

in der Wirklichkeit.

Es gibt sie nur
in der Wahrnehmung.

In der Wahrnehmung, die
nicht mehr unterscheidet.

Wieder so ein Tag, dachte ich
& fühlte mich wie eine Spinne
in der leeren Badewanne –
Alles glatt & weiß & kalt.

Tage, die so wahrgenommen werden, gehen
unter
in der Erinnerung –

verschwimmen
im salzlosen Weniger des Lebens.

Des Lebens, das kürzer scheint,
wenn man Wieder so ein Tag denkt.

Nein, es war nicht
Wieder so ein Tag.

Es war – in Wahrheit:
Nie wieder wird es diesen Tag geben.

Und ich denke
nicht: Gut so!
Wie beschissen er auch gewesen sein mag.


Steppende Ratten

 
Wie so oft lag ich
im Bett. Im Kopf
Gedichte, Sex & Essen.
Und ich verfolgte
die Berichterstattung über wütende
Unwetter. Unwetter, die woanders stattfanden.
Und ich dachte: Wie schön ist es doch,
in einer gemäßigten Zone zu leben. In
einer Gegend, wo die Natur sich noch zu benehmen weiß.
Und einen in Ruhe lässt (solange sie nicht
in Gestalt von Menschen auftritt).
Still still still war alles – & ich hatte den Ton
abgedreht, während ich den Bildersturm im Fernseher betrachtete.
Sex. Gedichte. Essen. Das ist mir genug
Natur. Ich war satt, geil & träge.
Als der Tanz begann.
Ein Geräusch, an das ich mich nicht erinnern konnte,
obwohl ich es kennen musste. Aus ferner Vergangenheit.
Schläge, die auf mein Haus herniederfielen. Auf meinen
Schutz. Meinen Panzer vor der Außenwelt. Den Donner erkannte
ich. Den Regen erkannte ich. Aber den Hagel erahnte ich nur.
Schrapnellgleich. Ich verließ das Bett. Ging in die Küche. Zog
das Rouleau, das immer herunter
gelassen ist, halb hoch…..
Düsternis; die Schraffur der Regenstriche,
das Fließen der Straße, das Spritzen des Wassers
& die weißen Geschosse, die auf den Asphalt prasseln
aus einem schwarzen Rachehimmel. Bäume & Sträucher
wogen, Alles peitscht & schießt; schlägt & kracht & rauscht.
Und die Geräusche des Regens, das Geschepper des Hagels erreichen den Dachboden
nach dem Splittern des Fensters dort oben. Die Natur kommt näher,
so wie die Einschläge näher kommen, und im Keller steigt das Wasser
aus dem Gully, aus dem Rohr, durch das
die Scheiße schwimmt. Über die Leiter & durch die Luke
klettere ich auf den Dachboden, über die Treppe steige ich hinab
in den Keller. Wasser hier, Wasser dort. Ich schöpfe, wische, stelle
Gefäße auf & warte. Warte, dass es vorüber
geht. Im Keller umspült das Dreckwasser die Stapel alter Zeit
schriften. Magazine mit nackten Frauen auf den Titelseiten. Auf
einigen liegt noch der Ruß eines vergangenen Brandes (eine
andere Geschichte, doch auch dies: Natur). Alte Teppiche
saugen sich voll, während ich mich zu erinnern suche; ich versuche mich
zu erinnern, wann ich zuletzt Hagel erlebte. Ich kann es nicht. Es ist zu lange her. Oder zu erfolgreich
habe ich es verdrängt. Bewegung. So viel Bewegung hatte ich lange nicht.
Und dann
lag ich wieder im Bett. Ruhiger geworden. Alles
war ruhiger geworden. Gelassener. Doch nicht still.
Die Bilder aus der Ferne waren gestört. Die Signale gestört
durch den Regen, der allmählich nachließ. Kein Empfang. Woanders
war alles schlimmer. Gewesen. Woanders ist immer alles
schlimmer. Hofft man.
Durch das zerstörte Fenster im Dach fiel
der Regen. Der Regen fiel
in das Gefäß darunter. Eine Kiste
aus Plastik. Und solange die Kiste fast leer war –
hatten die Tropfen einen eigentümlichen Klang.
Ich lauschte diesem Klang; im Bett, unter der Decke.
Es war nur der Regen. Über der Decke. Doch sein Klang erinnerte mich an
Ratten. Ratten auf dem Dachboden. Tanzende Ratten. Ratten
in Holzschuhen. Steppende Ratten. In einem Ballett oder
Musical. Titel: Das Leben. Denn aus jedem Dreck, aus jedem Scheiß
kann man noch Etwas machen. Etwas. Solange einem nicht
Alles vergeht – & die Poesie nicht gänzlich hinweggespült wird.
In irgendeinem Keller. Durch irgendeinen Gully.
Und vielleicht ist das besser
als in einer gemäßigten Zone
zu leben. Falls
es die überhaupt gibt.


Unser Lied

 

war

die traurigschöne Splittermusik
zu Boden    fall

end

er

ge

fallen

er

Illusionen.


Nur das Übliche

Sehnsucht, Einsamkeit & Phantasie
sind –
Nichts Besonderes.

Er machte sich vor Sie
zu lieben – &
Sie glaubte ihm

Sie machte sich vor Ihn
zu lieben – &
Er glaubte ihr

Sie glaubten sich &
Sie glaubten einander

Es war keine Lüge.
Und es war keine Wahrheit.

Es war nur
das Übliche.


Brennnesselsamen

Der Mann hatte 2 Schlaganfälle hinter sich.
Er war alt, und sein Schwiegersohn war an Krebs gestorben.
Wer weiß, wie viele weitere Krankheiten & Tode er noch erlebt
& überlebt hatte.

Aber:
er konnte sich maßlos darüber aufregen, wenn
der Samen von Brennnesseln aus fremden Gärten
in seinen Garten wehte.

Manche Menschen lernen niemals etwas
aus Krankheit & Tod.

 

(Und was mich angeht:
Ich habe nichts gegen die Brennnessel an sich.
Allerdings könnte ich mich darüber aufregen, dass man sie
heutzutage mit 3 n schreibt.

Aber das ist ein anderes Thema.)


Das Portrait der Wahrheit

Da saß sie also
mit ihren Stiften & dem Papier.

Schaute mich kurz an
mit groß scheinenden Augen –
& bannte mich dann
auf das weiße Blatt.

Wilde Linien; bunt, unsicher & chaotisch.
Niemand hätte mich erkannt
auf (oder in) diesem Bild,
das wie eine Metapher war.

Um mich herum existierte nichts
als leere Fläche.

Gebannt schauten wir ihr zu –
mein wahres Ich
& ich.

Sie war 5 oder 6 Jahre alt.
Vertieft in den Moment.
Versunken in die grobe Skizze.

Und niemals zuvor
fühlte ich mich so gut
getroffen.


Ich hoffe, ich irre mich

Manchmal denke ich
Ich liebe nichts
So sehr wie
Die Wörter

Mit denen ich
Es
Beschreiben kann

Ich hoffe
Ich irre mich


Seltsam & schön

Seltsam & schön
wie die Gedichte über die Liebe
noch atmen

während Alles
wovon sie handeln
längst tot ist


Es hilft ja nichts

Nichts hilft.

Aber
Nichts
ist nicht
immer da.

Oft
kriegt man
einfach
zu viel.

Und dann
vergeht
einem
Alles.

Am Ende
geht Alles
von vorne
los.

Es hilft ja
Alles
Nichts.


Der alte Schornsteinfeger

 
Auf dem Edelstahlrohr im Schornstein waren Spuren
von Rost. Der Schornsteinfeger war alt geworden.
Älter als es das 1 Jahr erwarten ließ, das vergangen war,
seit wir uns zuletzt gesehen hatten.
Er kannte sich aus in meinem Keller. Er wusste,
wo’s langgeht.
»Und«, sagte ich, »gibt’s was Neues?«
Er fing mit den Messungen an: Ruß, Abgas, Wirkungsgrad…..
»Nein«, sagte er. »Nichts.«
Dann grinste er:
»Das Leben ist manchmal langweilig.«
Ich wollte etwas dagegen sagen. Aber
ich sagte nichts.
Alle Werte waren in Ordnung.
Nur der Rost auf dem Rohr hätte nicht sein dürfen –
eigentlich; denn es war erst vor einigen Jahren eingebaut worden.
»Wahrscheinlich haben die unsachgemäßes Werkzeug benutzt«,
sagte er.
»Und«, sagte ich, »ist das schlimm?«
»Wohl kaum. Ich denke, die nächsten 20 Jahre wird es noch überstehen.«
Ich rechnete kurz….. Die Aussage war beruhigend &
grauenerregend zugleich.
Der Schornsteinfeger füllte sein Formular aus; dann
nieste er.
Ich hasse es, Gesundheit zu sagen. Aber der Raum
war zu klein, um nichts zu sagen, also sagte ich:
»Gesundheit.«
»Danke«, sagte er. »Ach übrigens, es kann sein, dass
nächstes Jahr ein anderer kommt. Mich werden die wohl in Rente schicken.«
»Ach.«
»Nicht aus Altersgründen; so alt bin ich noch nicht – aber aus
gesundheitlichen.«
Ich überlegte, ob ich nachfragen sollte. Da sagte er:
»Aber wenn alles so läuft, wie ich’s mir erhoffe, werde ich
einfach bei dem, der das Ganze übernimmt, weiterarbeiten. Auf
450-Euro-Basis.
»Ah, ok.« – Ich war beruhigt. Er rechnete also mit seinem Überleben.
Aber ich konnte es kaum glauben, dass er noch nicht im Rentenalter war.
Er reichte mir das Formular. »Das ist für Sie.«
Mit einem Spiegel & einer Taschenlampe hatte er in das Rohr geschaut.
Es lag kein totes Tier darin. Es hatte noch nie ein totes Tier
darin gelegen. Aber überprüft werden musste es. Irgendwann einmal
hatte er mir erzählt, dass er bei einer alten Frau einen toten Igel gefunden hatte.
Auf dem Grund des Schornsteins. Und die Frau war der Meinung gewesen, der Schornsteinfeger selber hätte ihn dort hinein gelegt.
Um sie zu verwirren.
Beim Händeschütteln verbeugte er sich. Er verbeugte sich jedes Mal
so tief, dass man die Kopfhaut sehen konnte, die durch sein
weißes Haar schimmerte. Er erinnerte mich
an einen in die Jahre gekommenen Country-Sänger. Warum
auch immer.
»Also«, sagte ich, »dann hoffe ich mal, dass wir uns nächstes Jahr
doch noch wiedersehen. Ansonsten….. Alles Gute.«
»Ja, genau«, sagte er, »Alles Gute, und’n schönen Tag noch.«
Ich schloss die Tür hinter ihm ab.
Das Formular tat ich in den Ordner mit den anderen Formularen.
Das Leben ist manchmal langweilig, hatte er gesagt.
So ein Quatsch!


Schmetterlingsgleich

Wir hatten uns nie gesehen
Wir hatten uns nie gehört
Wir kannten uns nur
durchs geschriebene Wort

Und sie schrieb von ihrer Zunge
die mich berühren würde
schmetterlingsgleich
& überall

Das gefiel mir

Und als wir uns sahen
Und als wir uns hörten
war ihre Stimme anders
als ich sie mir vorgestellt hatte

Doch ihre Zunge war schmetterlingsgleich
Stumm in meinem Mund
Stumm an meinem Schwanz
Weich, flatternd & schweigend

sprach sie die Wahrheit

Und sie berührte mich
überall
über
all


Das Datum auf dem Vorsatzblatt

Auf dem Vorsatzblatt dieses Buches,
das von der Zeit an sich handelte,
hatte ich den Monat & das Jahr
der Lektüre notiert.

Als ich es nach Jahr & Tag
wieder einmal aufschlug,
las ich jenes Datum in meiner Handschrift –
& konnte es kaum glauben.

Das sagte mir mehr
über die Zeit an sich –
als der Inhalt des Buches
es je gekonnt hätte.


Schmuddelkomödie mit gewaschenen Gardinen

Es erinnerte mich
beinahe an eine dieser Schmuddelkomödien
– vom Anfang der 70er Jahre, dabei war es bereits das Ende
dieses Jahrzehnts. Da stand sie also
barfuß auf der Leiter – & hängte die frisch gewaschenen
Gardinen auf. Das grüne Kleid mit dem gelben Blümchenmuster war
eines ihrer kürzesten. Kurz & knapp. Ich saß auf dem Sofa
& schaute zu; ihr Mann (neben der Leiter) hielt
die Stores in beiden Händen; und sie streckte sich
& schob ein Plastikröllchen nach dem andern in die Schiene
an der Decke. Draußen vor dem Fenster
verblasste eine Landschaft in der Sonne. Ich
erinnere mich nicht an sie. Nicht an die Landschaft
& kaum an die Sonne. An die Sonne erinnere ich mich nur
als Lichtspiel auf nackter Schenkelhaut. Als Gegenlicht &
Reflex. Gelbgrün rutschte der Saum übers Pogebäck, und
natürlich trug die junge Frau nichts unter diesem Kleid. Es war
die Zeit, es war Klischee, und es war
diese seltsame Schwäche des Mannes; seltsam &
gewöhnlich zugleich. Das Begehren der Anderen erhöht den Wert
des Begehrten. Und nicht zuletzt den Wert dessen, der sich
als ‚Besitzer’ des Begehrten fühlt. Ein kleiner, billiger Kick.
Nicht ohne Gefahr. Ich saß also da, lauschte dem Geräusch
der Röllchen, dem belanglosen Geplauder zwischendurch –
& war nichts als Auge & Erektion –
& Besuch, ich schlief im Gästezimmer, ich hörte
das Gestöhne bei Nacht. Und machmal auch bei Tag. Über
die Konstellation der Komödianten gibt es nicht viel zu sagen.
1 Ehepaar & 1 Vereinzelter. Und die wunderbare Verblendung
der Hormone. Die grandiose Dummheit der Wollust.
Es war – als hätte der Mann nie darüber nachgedacht, weshalb es
der Frau nichts ausmachte, sich dem Besuch so zu zeigen. Dabei hatte
es oft genug Streit gegeben, weil die Frau sich den Bekleidungswünschen des Mannes
widersetzte. Es war ein Spiel, ein Hin & Her, es war Schwäche gegen Stärke,
Widerspiel & Kräftemessen, Spiel mit Feuern jeglicher Art, dem Feuer
der Leidenschaften, dem eigenen Feuer, dem Feuer der Anderen &
brennenden Sehnsüchten.
Die Gardinen waren noch feucht. Ich konnte sie riechen. Der Mann grinste;
der Arsch grinste, und ich grinste wohl auch – ab & an. Eine Komödie eben.
Die Wohnung war groß; 2geschossig, die Schlafzimmer oben. Und irgendwann
waren wir oben, die Frau oben, ich oben, die Frau oben auf mir, und unten
wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt. Wir hörten es beide. Da wir
es gewohnt waren, aufmerksam zu bleiben. Man wusste nie sicher, wann
er nach Hause kommen würde. Also sprang sie runter
von mir & ich aus dem Bett. Sie griff sich das Kleid vom Boden &
rannte ins Bad. Wo blieb denn nur die Musik
vom Hammerklavier? Warum waren wir nicht schwarzweiß?
Ach nee, es waren ja die 70er. Und nicht die 20er. Obwohl……
Irgendwie gelangte ich in die Beine meiner Hose – & ritsch!:
ein Stück Haut verklemmte den Reißverschluss. Das war das Ende
der Erektion. Es blieb keine Zeit, Schmerz zu empfinden. Also:
ratsch!: wieder runter mit dem Reißverschluss….. Und es blutete
nur ein wenig. Ich schnappte mir ein Buch, setzte mich aufs Bett &
sah, über den Flur hinweg, wie sie aus dem Bad kam. In Grün & Gelb
& ohne Schuhe. Sie barfüßelte treppab, und wir flogen
nicht auf. Dieses Mal.
Herzblut, Penisblut, Ende gut, Alles gut.
Nun ja – so gut war das Ende nun auch wieder nicht.
Aber egal. Die Menschliche Komödie
halt. Kurz & knapp.
Es wurde nicht viel gelernt daraus.
Dieselben Fehler wurden weiterhin gemacht.
Und – ja: der Geruch frisch gewaschener Gardinen
macht mich geil.


Ego Zen Trick

Der ganze Trick ist doch:
Zentriertes Ich
Sein.

Beobachtung
von der Mitte
aus

die
man selber
ist.

Aus den selbstbezogenen Worten
des Egozentrikers
erfährt man mehr

über den Menschen
über das Mensch
Sein an sich

als aus

Allen
Universalen Kunst
Werken

der großen Menschen
kenner.

Das ist meine Meinung.
Und, wie Jeder weiß, zählt
nur diese

Allein.


Mysteriöse Titel

In den Textprogrammen der Hotels
in denen ich nachts arbeite
stehen sie noch –

die Titel der letzten Gedichte
die ich dort schrieb
während ich Geld verdiente

Und wenn man sie anklickt
gibt es eine Fehlermeldung
Sonst nichts

Das gefällt mir
Der Speicherort der Texte ist
unbekannt

Ob sich irgendjemand fragt
was sie zu bedeuten haben?
Diese Worte ohne Ziel

die ich schrieb
ohne damit
Geld zu verdienen

Rechts neben diesem Text
stehen die letzten beiden Titel –
Durchschaubar & Bedeutungslos

Und wenn ich gleich das Programm schließe
wird an oberster Stelle stehen:
Mysteriöse Titel


Durchschaubar

Sieh
durch mich
hindurch

Ich
werde transparent
in Deiner Nähe

Wie
meine Gedanken
an Dich

Du
siehst Uns
dennoch

Als wärest Du
eine Tarnkappe
mit deren Hilfe ich

mein Innerstes
nicht
verbergen kann


Bedeutungslos

Der Mond passte genau
zwischen 2 Oberleitungen
am Straßenrand

Eine zunehmende Sichel
mit unsichtbarem Gesicht
in der Abenddämmerung

Die gebogenen Spitzen
berührten die Drähte
Das hätte er sich nicht träumen lassen

Ich war unterwegs
Es hatte nichts zu bedeuten
& das war schön.


Sang- & klangvoll

Sang- & klangvoll möchte ich
sterben

Mit der seltsam-schmerzlichen Note
einer Saite, die

reißt – in der Stille der Nacht
& jeden erschreckt

der in der Nähe ist

Und wer zu dicht bei ihr steht
könnte verletzt werden

durch den Riss
der Saite

War sie überspannt?
War es Ermüdung?

Einerlei!

Niemand wird mehr auf ihr spielen

Aber so mancher Ton
der von ihr kam in der Vergangenheit

wird fortklingen
im dem ein- oder anderen

Ohr

In dem ein- oder anderen
Gedächtnis

Ein Echo der Erinnerung


Verlasse Dich!

Du
was ich nicht lassen kann

aber
lass mich

am Lieben!

Ich
was Du nicht lassen kannst

lebe Dich.

Verlasse Dich

da
rauf!


Der weite Weg vom 100sten ins 1000ste

Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Plötzlich war er da. Und ich ging. Auf ihm.
In einem fremden Land. In der Erinnerung.
Ich kleiner Junge, der mir fremd ist, in
gewisser Weise. Nach all dieser Zeit. Die
man die vergangene nennt. Mal
trödelte ich hinterher; mal
lief ich voraus.
Mit der leeren Milchkanne in der Hand;
sie war leicht; aus Plastik; schlenkerte;
leuchtendes Weiß im Sonnenlicht, Griff & Deckel
in hellem Blau. Meine Brüder gingen denselben Weg,
umkreisten die Mutter. Keine Autos, nur Landschaft;
ein Weg ohne Gehsteig, von feinem Sand bestäubt;
links & rechts Wiesen, in der Ferne der Saum eines Waldes. Alles wild. Wuchernd.
Wie ich manchmal. Heiß war die Luft – & bewegt von einem leichten Wind.
Anders als zu Hause. Mit einem Hauch von Salz. Ich erinnere mich
an die Lupinen, die ich sah. Weil ich dabei an Fix & Foxi denken musste.
(Wölfchen & Lupinchen.)
Der Weg war weit – bis zu dem Hof, wo wir die frische Milch bekamen; so
erschien es zumindest meinen kurzen Beinen in den noch kürzeren Hosen.
Wir gingen & gingen; manchmal schloss ich auf –
zu den anderen; dann wieder setzte ich mich ab, so dass man nach mir rief.
Ich erinnere mich nur an Weite & Leere auf diesem Weg; an fremde Menschen
erinnere ich mich nicht. Und dann waren wir
an einem Strand. Und die Milchkanne war fort.
Mein Vater besaß ein großes graues Schlauchboot, mit dem man
segeln konnte. Und in der Ferne sahen wir das weiße, spitzwinklige Tuch auf dem Meer. Winzig über der flirrend blendenden Oberfläche. Ich suchte glattgespülte Steine im klaren Wasser, und irgendwann sah ich
das Dreieck kippen. Mein Vater war ein guter Schwimmer. Also wurde gelacht.
Und ich sang: »Junge, komm bald wieder«. Dann wurde noch mehr gelacht.
Meer & Himmel in hellem Blau …. Wolken & Segel in leuchtendem Weiß ….
Und dies war die erste Schallplatte gewesen, die ich mir gewünscht & bekommen hatte. Das also war der Musikgeschmack des kleinen Fremden. ›Junge, komm bald wieder‹. Es könnte dem Erwachsenen fast peinlich sein, das zu erwähnen. Wenn er gedankenlos wäre.
›Ich schlich mich heimlich fort – als Mutter schlief.‹ Eine Zeile voller Sehnsucht & Grusel. Fort. Fort. Flucht. Einsamkeit. Fern von zu Hause. Und es war ganz still, und ich war allein in der nächtlichen Hotelhalle, und ich arbeitete am Empfang oder las vielleicht ein Buch, und dann legte ich die Arbeit oder das Buch beiseite, und
Freddy Quinn gab mir ein ordentliches Trinkgeld & sagte:
»Weil Sie so nett waren«; dabei hatte ich mich nur daran erinnert, was er beim
letzten Besuch, vor vielleicht 7 oder 8 Jahren, zum Frühstück geordert hatte,
das wunderte ihn offenbar, da er sich
an mich nicht erinnern konnte, und weil er ja nichts ahnte – von diesem Strand & meiner ersten Platte & dem kenternden Vater & dem Gelächter & meinem Gesang; und er konnte ja nichts ahnen von jenem späten Abend – als
der Vater in unser Zimmer kam, um Gute Nacht zu sagen…. Er hatte gerade einen Film mit Freddy Quinn gesehen, und er war gut gelaunt, sang selber ein Lied aus diesem Film & machte einen Witz, über den wir lange lachen mussten. Und als er den Raum verlassen hatte & es dunkel war, sagte derjenige meiner beiden Brüder, mit dem ich mir diesen Raum teilte & der oben im Etagenbett lag: »Warum hat er nicht immer so gute Laune?« Und das war ein Satz voller Traurigkeit; einer Traurigkeit, die wir beide spürten wie einen Schlag. Wie einen Schlag von vielen – während wir noch immer lächeln mussten. Und Freddy Quinn sagte: »Hat das Zimmer einen Fernseher? Ich brauche unbedingt einen Fernseher, um einschlafen zu können.« Natürlich hatte es einen Fernseher. Aber es ist lange her, und wer weiß, was für Hotels er schon gesehen hatte in seinem Leben. Dann sagte er »Gute Nacht« & fuhr mit dem Aufzug nach oben. Während ich hinunter ging
zum Strand. In meinem kindlichen Aufzug. Den kurzen Hosen. Den durchsichtigen
Strandschuhen aus Plastik. Die ich trug, weil ich es hasste, auf Steine zu treten. Steine, die spitz, und nicht glattgespült waren. Und dann war die Milchkanne gefüllt. Und schwer. Und schlenkerte nicht mehr. Und von dem Trinkgeld,
das Freddy Quinn mir gegeben hatte, kaufte ich mir
Schnaps & soff mich besinnungs- & erinnerungslos. Fix & Foxi.
Niemand kommt wieder.
Wie war ich auf diesen Weg gekommen?
Ich weiß es nicht.
Es gab ihn nicht. Nicht so.
Es gab ihn nicht – bis
ich mich an ihn erinnerte.
Er war – viele Wege.
Warum erinnerte ich mich – in dem Moment
als ich mich erinnerte?
Würde ich darüber nachdenken, würde ich
wohl darauf kommen. Aber
ich brauche es nicht
zu wissen. Nicht
zu wissen – auf meinem Weg
vom 100sten ins
1000ste.


Der feste Halt

Dieser feste Halt –
nach all dem Schwanken
& Taumeln

Dieser feste Halt
wenn man endlich
am Boden liegt

Und nach allem
Drehen & Wenden
hat man seine Position gefunden

Kein Taumeln & Schwanken
mehr
Kein Wenden & Drehen

Es ist ein Fest
Es ist ein Halt
Es ist ein Stopp!

Wenn man
endlich
ein Messer im Rücken hat.


Deine Fehler

Noch immer suche ich
Deine Fehler
in Anderen

damit ich
an Dich denken
muss


Die beflügelte Ameise

 
Die beflügelte Ameise
die man die Fliegende nennt
kroch über den Tisch

immer wieder
hin & her

Hätte sie gewusst
wie lange ihr die Flügel
noch zur Verfügung standen

würde sie
ihre Zeit
nicht so verschwendet haben –

 

dachte ich
während ich sie beobachtete
& auf den Feierabend wartete.


Eingeschlossen

Eingeschlossen geboren

Sein, Welt, Ich

Manchmal
bilde ich es mir
ein:

dass ich
durch die Schlüssellöcher der Realität schaue

nach draußen –

 

Doch auch dort
sehe ich nur
mein Innerstes.

Und keinen Schlüssel.


Die dünne Oberfläche des Traumes

Von außen
blickte die Frau in seinen Traum

& sie sah sich
als Spiegelung
auf seiner Oberfläche

Im Innern
schlief der Mann
mit offenen Augen

& auf der Innenfläche des Traumes
sah er sein seiten
verkehrtes Abbild

& Sie
dahinter

die ihn
nicht sehen konnte

Sie schienen 1
für den Träumenden

& ihre Reflexionen berührten sich

getrennt
allein

durch die dünne Oberfläche
des Traumes


Adjektive

Früher
hatte ich für
Alles
so viele Adjektive

wenn ich erzählte

Nichts
wollte ich der fremden Fantasie
überlassen

Das war
der Egoismus des Anfängers.

Je weniger Adjektive –
desto mehr Wirklichkeiten
existieren.


Frischer Wind

Verflucht! dachte er, Hör auf

mich anzulächeln…. Ich brauche
keinen frischen Wind
in meinem Herzen
Wind
der doch nur zum Sturm wird
und Alles fortweht &
vernichtet
was
mich
aus
macht

Hör auf!
Ich will nicht zurück!

Hör auf!
Hör auf!

Nicht
noch ein Sturm

Verflucht!
Hör auf!

Sonst
muss ich zurück

lächeln