Der alte Schornsteinfeger

 
Auf dem Edelstahlrohr im Schornstein waren Spuren
von Rost. Der Schornsteinfeger war alt geworden.
Älter als es das 1 Jahr erwarten ließ, das vergangen war,
seit wir uns zuletzt gesehen hatten.
Er kannte sich aus in meinem Keller. Er wusste,
wo’s langgeht.
»Und«, sagte ich, »gibt’s was Neues?«
Er fing mit den Messungen an: Ruß, Abgas, Wirkungsgrad…..
»Nein«, sagte er. »Nichts.«
Dann grinste er:
»Das Leben ist manchmal langweilig.«
Ich wollte etwas dagegen sagen. Aber
ich sagte nichts.
Alle Werte waren in Ordnung.
Nur der Rost auf dem Rohr hätte nicht sein dürfen –
eigentlich; denn es war erst vor einigen Jahren eingebaut worden.
»Wahrscheinlich haben die unsachgemäßes Werkzeug benutzt«,
sagte er.
»Und«, sagte ich, »ist das schlimm?«
»Wohl kaum. Ich denke, die nächsten 20 Jahre wird es noch überstehen.«
Ich rechnete kurz….. Die Aussage war beruhigend &
grauenerregend zugleich.
Der Schornsteinfeger füllte sein Formular aus; dann
nieste er.
Ich hasse es, Gesundheit zu sagen. Aber der Raum
war zu klein, um nichts zu sagen, also sagte ich:
»Gesundheit.«
»Danke«, sagte er. »Ach übrigens, es kann sein, dass
nächstes Jahr ein anderer kommt. Mich werden die wohl in Rente schicken.«
»Ach.«
»Nicht aus Altersgründen; so alt bin ich noch nicht – aber aus
gesundheitlichen.«
Ich überlegte, ob ich nachfragen sollte. Da sagte er:
»Aber wenn alles so läuft, wie ich’s mir erhoffe, werde ich
einfach bei dem, der das Ganze übernimmt, weiterarbeiten. Auf
450-Euro-Basis.
»Ah, ok.« – Ich war beruhigt. Er rechnete also mit seinem Überleben.
Aber ich konnte es kaum glauben, dass er noch nicht im Rentenalter war.
Er reichte mir das Formular. »Das ist für Sie.«
Mit einem Spiegel & einer Taschenlampe hatte er in das Rohr geschaut.
Es lag kein totes Tier darin. Es hatte noch nie ein totes Tier
darin gelegen. Aber überprüft werden musste es. Irgendwann einmal
hatte er mir erzählt, dass er bei einer alten Frau einen toten Igel gefunden hatte.
Auf dem Grund des Schornsteins. Und die Frau war der Meinung gewesen, der Schornsteinfeger selber hätte ihn dort hinein gelegt.
Um sie zu verwirren.
Beim Händeschütteln verbeugte er sich. Er verbeugte sich jedes Mal
so tief, dass man die Kopfhaut sehen konnte, die durch sein
weißes Haar schimmerte. Er erinnerte mich
an einen in die Jahre gekommenen Country-Sänger. Warum
auch immer.
»Also«, sagte ich, »dann hoffe ich mal, dass wir uns nächstes Jahr
doch noch wiedersehen. Ansonsten….. Alles Gute.«
»Ja, genau«, sagte er, »Alles Gute, und’n schönen Tag noch.«
Ich schloss die Tür hinter ihm ab.
Das Formular tat ich in den Ordner mit den anderen Formularen.
Das Leben ist manchmal langweilig, hatte er gesagt.
So ein Quatsch!


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