Es war der bequemste Anzug, in dem
er sich am wenigsten wohl fühlte.
Dort draußen.
Der Anzug saß perfekt, war
gleichsam eingetragen, war
weich & vertraut.
Doch der Mann spürte
die Blicke der Menschen
auf den glänzenden Stellen.
Den Stellen, die von
Alter & Abnutzung kündeten;
er spürte sie auf den Flecken, die sich
nicht mehr entfernen ließen – & die
vielleicht nur er sah – in
einem bestimmten Licht; er spürte sie
auf den kaum erkennbaren Fransen
am Ende
der abgestoßenen Ärmel
& auf den ausgebeulten Taschen, in denen er
alles Notwendige mit sich herumgetragen hatte….
Es war der bequemste Anzug, und
der Mann hing an ihm,
wenn er alleine war.
Der Anzug war alt.
Der Mann nicht.
Er hatte noch viel
zu lernen.
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Ich hatte es irgendwo gelesen:
Ab 40 km/h
platzt die Kröte. Selbst
wenn man sie
zwischen die Räder nimmt.
Sie selber ist natürlich nie so schnell.
Es ist die Luft.
Arme Kröte!
Was für eine schöne Metapher du bist.
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»Warum hörst du mir eigentlich zu? Ich bin besoffen«, sagte er.
»Weil ich nüchtern bin«, sagte ich.
Später Abend. Stille. Vodka. Tee. Lampenlicht. Mein Wohnzimmer.
»Selber schuld«, sagte er.
»Ja, an allem.«
»Soweit würde ich nicht gehen. Aber auf jeden Fall an meinem Zustand.«
»Tja, der Schnaps muss halt weg. Ich habe zuviel davon.«
»Du meinst: du hattest zuviel davon.« Er grinste. Schluckte Klares. Freute sich über die Mehrdeutigkeit seiner Bemerkung. Oder hatte nur ich sie bemerkt?
Er sagte: »Egal. Wo waren wir grade? Äh, ach ja – beim Sex.«
Jetzt grinste ich. »Moment mal.«
»Hä? – Äh, ja, sehr lustig. Egal. Also, worauf ich hinaus wollte: ich mag doch eigentlich nur Frauen…..«
Ich sagte nichts. Ich wusste nicht, ob ich hören mochte, worauf er hinaus wollte. Ein Tisch voller Bücher stand zwischen uns. Die Vodkaflasche zwischen den Gedichten. Die Teekanne neben den Bildbänden. Augen aus Glas sahen mich an, rötlich zerfließend.
»Also, ich hab das noch nie jemandem erzählt. Wie gesagt: ich mag nur Frauen – aber: ich hatte öfter Sex mit Männern als mit Frauen.«
Dramatische Pause. Ein Geräusch von der Straße wäre jetzt richtig gewesen. Ein bellender Hund vielleicht, oder ein Hupen; gerne etwas Symbolträchtiges, das wie erdacht gewirkt hätte – aber man kann es sich halt nicht aussuchen; und so blieb es still.
Ich suchte nach einer intelligenten Erwiderung.
»Puh, das hatte ich jetzt allerdings nicht erwartet.« (Manchmal findet man eben nicht, was man sucht.)
»Na ja, nicht richtig«, sagte er. »Also, ficken würde ich nie. Auch nicht küssen. Oder kuscheln. Brrr.« Er schüttelte sich kurz. »Aber Wichsen & Blasen ist okay.«
»Warum erzählst du mir das?«
»Haha, keine Sorge, nur so. Weil ich besoffen bin & das mal raus will. Und – weil du dich mit Einsamkeit auskennst. Das ist nämlich der springende Punkt – die Einsamkeit. Das versteht nicht jeder. Und dass ich nur Frauen mag.«
»Ich glaube, jetzt wird’s kompliziert. Ich kann dir wohl nicht ganz folgen.«
»Na, ist doch klar. Ich war zu lange allein. Gewesen. Damals. Ist ja alles schon länger her. Allein, einsam – was auch immer; und je länger es dauert, desto höher wird dieses ganze Mauerzeugs um einen rum; und irgendwann kommt man an das, was man will, nicht mehr ran. Oder traut sich nicht mehr ran. Oder so. Na, ist doch klar, oder?«
»Klar.«
»Tja – aber Sex will man trotzdem.«
Ich starrte ins Teelicht. Es bewegte sich nicht.
»`ne Frau natürlich. Will man. Eigentlich. Aber mit so nem Kopf, so’m einsamen Kopf, der Angst hat, funktioniert das nicht. Selbst wenn’s in Wirklichkeit ganz einfach wäre. Und die Angst hat man ja nur, weil man zu lange allein war, und deshalb bleibt man noch länger allein. Und hat dann noch mehr Angst. Ach, scheiße. Kompliziert. Ja, hast recht: ist wirklich kompliziert….. Also, Frage: Was ist dagegen einfach? – Antwort: Was einem nichts bedeutet. Oder nicht viel, zumindest. Und was ist am allerallereinfachsten? – Notgeile Typen im Internet finden.«
Er lachte. Und trank. Trank. Und lachte. Und nur das Trinken überzeugte mich.
»Du erzählst das doch keinem?«
»`türlich nicht.«
»Gut. Eigentlich isses ja egal – aber, ach, was weiß denn ich…. Jedenfalls kann sich’s bestimmt keiner vorstellen…. bezah…. beziehungsweise, es würde keiner erwarten.«
»Wie gesagt«, sagte ich, »ich hatte es nicht erwartet.«
Er grinste. »Ich könnt´ dir Geschichten erzählen….. haha, echt lustig.«
»Ganz ehrlich: ich weiß nicht, ob ich die würde hören wollen.«
»Schade. Da war zum Beispiel n Bulle, der mich 3 oder 4 Mal besucht hat. In voller Montur. Uniform & Knarre, haha. Früh morgens, vor Dienstantritt. Der meinte, ich würde besser blasen als seine Frau.«
»Scheiße, das will ich jetzt wirklich nicht hören. Lass ma gut sein.«
»Leidenschaftlicher! Er hat gesagt, ich wär leidenschaftlicher bei der Sache.«
»Oh Mann, bitte. Das muss jetzt nicht sein.«
Da könnte man was draus machen, dachte ich. Schreiben! Ich sollte es ja nur niemandem erzählen. Niemandem, den er kannte.
»Warum nicht?« sagte er. »Ist doch spannend, haha. Übrigens hat er irgendwann ein schlechtes Gewissen bekommen. Hat er zumindest behauptet. Wegen seiner Frau. Die weniger gut als ich…. hahaha. Das war’s dann jedenfalls. Ach ja, hätt’ich fast vergessen: nebenher hatte er noch ne andere Frau; die wollte er irgendwann mal mitbringen – fürn Dreier. Aber dazu kam’s nicht mehr. Schade. Hätte die Liebe meines Lebens werden können. Also – die Frau. Wer weiß.«
Pause. Er schenkte nach. Trank. Schaute ins Glas.
»Er hat mich mit nem Gürtel verprügelt. Konnte man 2 Wochen später noch sehen.«
Wie ein Erdbeben. Ein Erdbeben, bei dem die Erde sich nicht auftut, um einen zu verschlingen. Da könnte man wirklich etwas draus machen.
»Übrigens waren die immer verheiratet. Also, so viele waren’s ja nicht. Aber immerhin: alle verheiratet. War mir auch lieber so. Und der Bulle war der Letzte. Und Interessanteste.«
»Verprügelt?«, sagte ich.
»Ja.« Grinsen. »In beiderseitigem Einvernehmen.«
Man kennt niemanden. Niemanden!
Der Tee schmeckte nicht mehr. Ich spiegelte mich darin. Zu lange hatte er über der Flamme gestanden. Es stimmte: ich kannte mich aus. Aus mit der Einsamkeit. Aus mit dem Alleinsein. Aber mit Menschen? Aus? Aus.
Er wird sich daran erinnern, es mir erzählt zu haben. Es wird ihm peinlich sein, es mir erzählt zu haben. Hauptsache, es ist ihm nicht peinlich, WAS er mir erzählt hat. – Darüber schreiben? Details! Man müsste die Details kennen, um darüber schreiben zu können. Denn sonst – alles nur Skizze…..
Ich sagte: »Wie alt?«
»Ungefähr unser Alter.«
»’Länger her’, hast du gesagt. Und – wie isses heute?«
»Hörst du das?« sagte er.
»Was?«
»Klingt wie’n hustender Igel in deinem Garten.«
»Stimmt«, sagte ich. »Die hört man hier öfters.«
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1 Jahr ohne Alkohol.
Was für ein Satz!
Und zunächst dachte ich:
Das gab es noch nie – seit
deinem 14. Lebensjahr….
Seit jenem Weihnachtsabend
nach dem Tod meines Vaters, als
mein Bruder, der gerade aus dem Knast entlassen worden war,
mir Gin mit O-Saft gab – &
ich mich verliebte.
In den Duft des Gins
& die spätere Frau meines Bruders.
Aber – das stimmt überhaupt nicht.
Schon lange vorher hatte es niemals
1 komplettes Jahr ohne Alkohol gegeben….
Ein Gläschen Sekt zu Silvester oder zu Geburtstagen….
ein Schlückchen Sliwowitz, das ich mir ab & an
aus der Hausbar meiner Eltern stibitzte (weil ich
Geruch, Geschmack & Wirkung so mochte; ich mochte
Pflaumen schon immer gerne) ….
Ach ja, und da war auch noch der Schluck Bier, den
ich aus dem Glas meines Vaters bekam – als der
eine seiner Geliebten besuchte (sie war Inhaberin einer Bar,
hatte lange schwarze Haare, sah südländisch aus, und
wenn ich länger darüber nachdenken würde, fiele mir vielleicht
auch ihr Name wieder ein…. Astrid?); jedenfalls saß ich auf dem Schoß
meines Vaters, nippte an dem Bier – & mochte es nicht. Was
ich mochte, war die Tatsache, dass er mir etwas davon abgab. Und
ich auf seinem Schoß saß. Und die hübsche Frau mich anlächelte.
Mit ihren großen dunklen Augen & ihren vollen Lippen.
Ich muss 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein.
Später kamen die Dichter.
Allesamt Säufer. Jedenfalls diejenigen, die mir am meisten bedeuteten.
Trinken war auch eine Haltung. Eine Lebenseinstellung. Etwas,
das eine bestimmte Art von Kunst hervorbrachte; eine, die es
– ohne Exzess – so nicht gegeben hätte. Ja, sie waren Vorbilder.
In meiner Jugend. Und lange darüber hinaus. Aber
heute habe ich keine Vorbilder mehr. In keinem Bereich meines Lebens.
Ein sehr angenehmes Gefühl. Ich möchte nicht mehr jung sein.
Also: wann hatte ich zuletzt ein Jahr ohne Alkohol gehabt?
Ich weiß es nicht. Jedenfalls: vor über 45 Jahren.
Eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob es jetzt
exakt 1 Jahr ist….
Es war keine große Sache. Kein großer Schritt. Nichts Geplantes.
Ich hatte eine Erkältung & eine Nebenhöhlenentzündung,
pausierte deshalb mit Rauchen & Trinken….. & –
blieb einfach dabei.
Den Tag des letzten Schlucks, des letzten Zuges aus der Zigarre
habe ich mir nicht gemerkt. Nicht angestrichen im Kalender.
Den ich ohnehin nicht besitze.
Es war kein besonderer Tag.
Eigentlich.
Natürlich: der Genuss fehlt mir. Ab & an. Der Genuss
war immer die Hauptsache – im Grunde. Und sicherlich: die
Bratwurst schmeckt noch besser, wenn man ein Bier dazu trinkt (Ja,
ich glaube, sie hieß wirklich Astrid)…. Und
Pizza ohne Rotwein dazu konnte ich mir früher kaum vorstellen –
obwohl ich mir Vieles vorstellen konnte…. Aber
was soll’s! Ich komme klar. Und ich komme auch
ohne Betäubung klar – wenn es mir schlecht geht. Ich weiß,
dass ich nicht Maß halten kann. Zumindest nicht für lange Zeit.
Und es gibt andere Arten zu flüchten.
Vielleicht wäre das Trinken gut fürs Schreiben? Kann sein.
Egal.
An meinem rechten großen Zeh kann man immer noch sehen,
wo ich mich verletzt habe – als ich mich im Suff
aufs Maul legte….. Und es anfing
zu bluten. Mal wieder.
Doch nach & nach
verschwindet auch diese Spur.
Verflüchtigt sich
wie Alkohol.
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Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest:
Dies
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Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest
in einem Traum:
Dies
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In einem Traum
liegt eine Frau
in einem Bett
& liest:
Dies
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In einem Traum
liegt in einem Bett
eine Frau
& liest:
Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest
in einem Traum:
Eine Frau
liegt in einem Bett
& liest:
Dies
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Gut, die Biografie eines Menschen zu kennen.
Besser, die Biografie eines Autors, eines Malers, eines Komponisten zu kennen.
Schlecht, sie nicht vergessen zu können – wenn es darauf ankommt.
Gehe ich doch, der Einfachheit halber, von mir aus. Wie immer.
Ich schreibsele etwas dahin…. es geht um Menschen (vielleicht nur um 1 Menschen; aber wer weiß das schon?)…. & wer glaubt, etwas über mich zu wissen, beurteilt das Geschreibsel sofort (bewusst oder unbewusst – vermutlich zumeist Letzteres) anhand dessen, was er über mich zu wissen glaubt. ‚Ach ja – DArum geht’s…. Aha, so hat er DAS verarbeitet…. Nu isser aber schlecht drauf….. zu kitschig! – zu gefühlig, na gut, man weiß ja, wieso….’
NICHTS weiß man. Und wenn man wirklich etwas wüsste, wäre es kein Beurteilungskriterium.
Ich schreibsele etwas dahin…. & dann vergesse ich mich – wenn ich es lese. Nur so beurteile ich. Nur so will ‚ich’, d. h. das was ich verbal dahinwerfe (denn nur das bin Ich) beurteilt werden. Man soll mich vergessen. Vergessen, was man zu wissen glaubt über mich. Abstraktion! DArauf kommt es an. Wenn etwas zu irgendwas ist, zu kitschig, zu düster, zu depressiv, zu albern oder was auch immer, dann ist das gewollt – durchdacht – bewußt eingesetzt. Auf einen Effekt bedacht. Vielleicht nicht jedes Mal im Moment des Schreibens, da dies zuweilen bloße Reaktion sein kann, aber auf jeden Fall IMMER im Moment des Stehenlassens.
Ist alles so passiert, wie ich es beschreibe? Ja.
In mir. – Vieles sogar 1 : 1 (& es ist treffend, dass das wie ein Unentschieden erscheint).
Und selbst wenn ich weiß, dass es anders war, schreibe ich doch die Wahrheit. Die einzige Wahrheit, die es gibt, wenn man etwas in Worte fasst. Um es – irgendwie – zu fassen zu bekommen. Um das Unfassbare, welches das eigene Leben darstellt, (irgend. wie.), fassen zu können.
Nun gut, auch ich war einst so naiv zu glauben, Alles, was die großen Ich-Sager, Ich-Erzähler sagten & erzählten, sei genau so geschehen. Und dann lachte ich über meine eigene Dummheit. Wie hatte ich jemals Henry Miller glauben können? Da er doch selber darüber schrieb, wie diejenigen, die in seinen Büchern erschienen, sich darüber beschwerten, dass alles ganz anders gewesen sei. »Hey Baby, in my stuff I am the hero«, sagt Bukowski.
Céline, Cendrars, Hamsun – ja, sie schrieben alle die Wahrheit.
Ich bin nichts. Und ich sage das nicht aus Mangel an Selbstbewusstsein. Sowohl Bewusstsein, als auch Selbst besitze ich in ausreichendem (wenn nicht übertriebenem) Maße.
Ach, warum schreibe ich überhaupt über dieses Thema? Vielleicht – weil ich mit Resonanz nicht umgehen kann (nicht einmal mit ausbleibender)? Vielleicht weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe? Gewiss, ich könnte auch Staubwischen oder das Bett frisch beziehen. Oder schreiben, dass ich es tue. Und die Meisten würden es glauben. Und hätten vielleicht sogar recht damit.
Ich liebe Biografien. Weniges fesselt mich so sehr wie in Worte gefasstes, in Worte gegossenes Leben.
Doch ich vergesse sie auch. Wenn es darauf ankommt.
Niemand ist wirklich zu fassen.
Wie ein Fremder möchte ich gelesen werden.
Wie der Fremde, der ich
wirklich
bin.
Und jetzt –
vergessen Sie mich.
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Ende!
in einem lichtlosen Raum
Geh ins sterbende Licht!
mit matt-gebrochenen Augen
& in der Finsternis
kann dein Schatten sich frei bewegen
im Nichts
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kultur, Lyrik, Philosophie, Tod | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Der Moment der Wahrheit
kann auch eine Lüge sein.
Ein falsches Lächeln
im richtigen Moment;
ein Lächeln aus Mitleid, das
die Tränen zurückhält.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Wenn ich, gehend, eine Kurve beschreibe
oder um eine Ecke biege, denke ich manchmal
zurück an jene wenigen Sekunden
in meiner Jugend…..
Ich ging über einen Parkplatz
in der Abenddämmerung. Ging
& verlor den Gleichgewichtssinn.
Ich hatte nach rechts gehen wollen
& wusste nicht, wo das war.
Ich wusste nicht, wo rechts,
wo links, wo oben oder unten
sich befanden. Ob Richtung
überhaupt existierte.
Der Himmel schien so nah
wie der Boden. Nichts
war auseinanderzuhalten.
Ich war nüchtern, doch ich torkelte.
Ich torkelte, doch ich fiel nicht.
Driftete irgend wo hin…..
Diese Sekunden gehören
zu den erschreckendsten meines Lebens.
Es war – als hätte ich in eine andere Welt geblickt
& die eigentliche Wirklichkeit gesehen;
gelöst aus den Fesseln
der menschlich-genormten Wahrnehmung.
Verlorene Orientierung
Verlorenes Gleichgewicht
Verlorener Sinn.
Jahrzehnte sind vergangen; es war
ein einmaliges Ereignis – doch
ich denke wieder & wieder
mit Grauen daran,
wenn ich um eine Ecke biege
oder, gehend, eine Kurve
beschreibe.
Es könnte erneut passieren.
Und dann vielleicht
für immer.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Laute Signale in der Dämmerung!
Sie hupt – wenn es dunkel wird
Hupt – wenn es Nacht &
sie alleine ist
auf jener Strecke
wo sie tötete
Und sie fährt ganz langsam
3 Rehe waren gestorben
in kurzer Zeit
in rascher Folge
Sie erzählte es mir
während meine Hand auf ihrer bloßen Brust ruhte
& das Sperma trocknete
»Mir doch egal, ob man mich
für bescheuert hält«, sagte sie.
Und unsere Füße berührten sich
Bremse & Gas
Runter vom Gas!
Ich fahre ganz langsam
über die Autobahn
dort – wo ich tötete
doch ich hupe niemals
Zu sehr liebe ich
die Ruhe
Es war nur 1
in meinem Falle
Und Alle überholen mich –
All jene, die niemals einen Unfall hatten
oder aber
vergessen konnten
All jene
die sich nie in ein Tier hinein versetzen
Die Warnschilder stehen am Rand
doch sie beachten sie nicht
Weder die Unvorsichtigen
noch die Tiere
»Mir doch egal, wofür man mich hält«,
sagte – oder dachte ich.
Solange du mich hältst, sagte ich nicht.
Blut
war auf die Straße gepumpt worden
Und war getrocknet
wie mein Sperma
inzwischen
Blut aus Herzen
die vergingen
So ist das
mit der Liebe.
Gas & Bremse
Doch Langsames Fahren hilft
ebenso wie Umsicht
auch nicht
immer.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik, Tiere, Tod | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Wir hatten uns
ineinander hinein
verletzt
& hätten uns doch
versetzen sollen
hinein!
natürlich
was denn sonst…..
Eins ins Andere.
Ja – was denn sonst?
Das Versetzen kam
ganz am
Ende.
Und es war verletzend –
ein letztes
Mal.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik, Trennung | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Manchmal
wenn ich draußen bin
klappert’s drinnen
in meinem Mund.
Immerhin: es sind meine eigenen Zähne
die da klappern…..
Nicht aus Furcht. Zumeist.
klapperklapperklapperklapper!
Und manchmal denke ich dann
an Chet Baker & all die Schneide- & anderen Zähne
die ihm fehlten.
My funny Valentine.
Man konnte es hören
in seinen späten Gesängen.
Vor seinem Fenstersturz.
Funny? – Bloody! – My bloody Valentine.
So sind sie: meine Assoziationen, meine Einfälle
& Erinnerungen. A thousand tumultuous recollections.
Und da ist dieser Film über Horst Janssen –
Ego heißt er (einer der besten Titel überhaupt) –
& Janssen sagt an einer Stelle: »Ich sollte
mir neue Zähne machen lassen«
oder so ähnlich; und sein lispelnder Mund, der
beinahe zahnlos grinst, erinnert mich
jedesmal an Chet Baker & Wolfgang Neuss.
Alkohol, Drogen, Schlägereien…..
Neue Zähne haben sie sich nicht machen lassen,
sofern ich mich nicht irre.
Wenn mir besonders kalt ist, nehme ich
ein Bad – & höre Chet Baker.
Und das Bad ist immer zu heiß. So heiß
dass ich Kopfschmerzen bekomme. So ist das
mit der Nostalgie.
Ich wurde schon als Kind zu heiß gebadet –
befürchte ich. Zumindest hatte ich oft Kopfschmerzen.
Das ist eigentlich ein anderes Thema – aber was soll’s.
So sind sie: meine Assoziationen.
Eingefallene Wangen…..
Niemand hat die Dichter gezeichnet
wie Janssen. Ich liebe seinen Poe.
Komm, leg dich zu mir
in die Badewanne,
Berenice! Und zeig mir deinen.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Krankheit, Kultur, Kunst, Literatur, Lyrik, Musik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Ich lache
wenn ich komme
sofern es gut war
Ich kann es nicht kontrollieren
Ich lachte viel
bevor sie ging
Sie lachte auch
Doch nicht wenn sie kam
Es war gut
gemeinsam zu lachen
aus anderen Gründen
Nur zu sein
Nicht zu kommen
Nicht zu gehen
So hätte es bleiben sollen
doch es wollte nicht so bleiben
Denn man hat sie nie wirklich
die Kontrolle
Das Gelächter aus andern Gründen
war das beste überhaupt
beinahe abgründig
Nun kann ich’s ja sagen
da sie mich nicht mehr hört
Und ich lache nicht
wenn ich’s mir selber mache
Und ich erinnere mich
an unser Gelächter
wenn ich
nichts zu lachen habe
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik, Sex, Trennung | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Niemand
hätte den kleinen Jungen davon abhalten können
mit der Geisterbahn zu fahren
so schien es
Niemand
hätte ihm die Augen öffnen können
solange es dauerte
Mit fest verschlossenen Lidern
fuhr er durch die Geräusche & Gerüche
den inneren Blick aufgerissen
die Pupillen geweitet in Dunkelheit & Schrecken
Wie langsam doch die Zeit verging
im Innern!
In der Künstlichkeit
die er nicht sehen wollte
Einmal fuhr ihm ein Schleier durchs Gesicht
& er erschrak
ganz stumm
Und da lag ein Arm
auf seinen Schultern
schwer & lebendig
Weiter! Weiter! Durch die Finsternis
der geschlossenen Lider
Durch die Bilder
die aus der eigenen Tiefe kommen
Nichts
in der Rummelplatz=Welt konnte
so grausam erschreckend, anziehend & wichtig sein
wie die Geisterbahn
Weiter! Weiter! Auf dem vorbestimmten Weg
ruckelnd & krachend
Endlich
stieß das Gefährt gegen die Flügeltüren
drückte sie in die Außenwelt
Der Junge öffnete die Augen
Vorsichtig
Alles
war zu grell
als die Fahrt zu Ende ging
Und die Erwachsenen behaupteten, es sei
Alles
nur Pappmaché & Plastik
Alles
nur halb so schlimm
»Nochmal!« sagte ich.
Mein Vater lächelte. »Hattest du die Augen offen?«
»Nein.«
»Machst du sie auf, wenn wir nochmal fahren?«
»Ganz bestimmt – nicht.«
»Na schön«, sagte er. »Ein Mal noch.«
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Angst, Kindheit, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Im Traum war ich
eine Summe
Ich erwachte
als Differenz
Damit hatte ich nicht gerechnet
Immerhin:
es gibt keinen Rest
bei Addition & Subtraktion
Keine Rechnung ist simpler
Vielleicht allein
die Abrechnung
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Lyrik, Trennung | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Du & ich
Zeiger einer analogen Uhr
Wir treffen & trennen uns bei
nahe überall
Nur in der Mitte des Zifferblatts
bleiben wir stets vereint
wo die Bewegung der Zeit
kaum zu sehen ist
während sie doch vergeht
wie alles andere
Dort sind sie verbunden
unsere Enden
und bleiben es
auch wenn die Uhr zum Stillstand kommt
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik, Tod, Trennung, Zeit | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs.
Am liebsten in die Kurven
der Geliebten
als wären sie der Weg.
Der Weg
zur Ruhe zu kommen.
Und das Ziel zugleich.
Sie kamen oft.
Kamen
zur Ruhe
zu sich
& zu
einander
ineinander
& lachten in den Lachen auf dem Laken.
Kalt waren die Lachen
& feucht.
Bevor sie trockneten.
Flecken der Erinnerung
die blieben
während sie gingen
die Geliebten
Und immer wieder
kam sie wieder.
Nur einmal nicht.
Und wer einmal nicht wiederkommt
kommt niemals wieder
denn einmal ist der Anfang
von niemals
wenn es ums Wieder geht
Er legte sich gerne in Kurven
als wäre er schnell unterwegs
Am liebsten in die Kurven
der Geliebten.
Und dann war sie
weg.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Einsamkeit, Erotik, Kultur, Liebe, Lyrik, Trennung | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
»Diese großen dunklen Augen«, sagte sie,
tief hinein schauend
scheinbar tauchend.
Beinahe klang es – als
liebte sie mich
Ich fiel….
Tatsächlich
suchte sie nur
nach ihrer
Spiegelung
auf der Oberfläche
….darauf
herein
in die Tiefe
tauch
end
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Nein!
Es ist kein Schwelgen
in Erinnerungen.
Es ist nichts
Besänftigendes.
Es ist ein Stochern
im Gedächtnis…..
In dieser Halde
am Rande des Abgrundes
wo die heißen Dämpfe der Verwesung
die Bilder flirren lassen
& Unbeachtetes plötzlich glitzert
im Müll.
Nein. Kein Schwelgen.
Nichts Gemütliches.
Nur Stochern
& Suchen
am Rand. Vielleicht sogar
am Rande
des Wahnsinns
Wer bin ich?
Wie bin ich
hierher gelangt?
Was macht mich
aus
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Erinnerung, Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Mein Bruder glaubt bis heute
mich schwimmen gesehen zu haben
in unserer Kindheit.
Dabei
konnte ich nicht schwimmen.
Und kann es bis heute nicht.
Ich ließ mich bloß treiben
auf dem Meer.
In einem Rettungsring.
In Sichtweite der Erwachsenen.
Mein Bruder erinnert sich
falsch.
Er erinnert mich
an all die Anderen
die glauben zu wissen
wie
ich durchs Leben
gehe.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Erinnerung, Kindheit, Kultur, Lyrik, Philosophie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Es ist gleich
gültig mit wem man
mich vergleicht –
mit
einem von mir
geliebten oder bewunderten Menschen
oder mit
Hitler
Es ist gleich
gültig womit man das
was ich tue oder erschaffe
vergleicht
Ich hasse alle Vergleiche
die sogleich das Gleiche finden
in gleichem Maße!
Der vergleichende Blick übersieht
so leicht
das Unvergleichliche
& zu selten wird unterschieden
zwischen dem Vergleich
(der nur eine Suche ist)
& der Gleichsetzung
(die das Unwesentliche gefunden hat).
Raub der Individualität.
Reduktion der Persönlichkeit.
Nivellierung & Ein
ordnung des Charakteristischen
in Tat & Werk…..
Ich hasse alle Vergleiche –
im Guten
wie im Schlechten
oder
Bösen.
Es sei denn
sie finden sogleich
den Unterschied
der
Ich
ist.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kultur, Literatur, Lyrik, Philosophie | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Eine mir unbekannte
Frauenstimme sagte:
»Ihr Anruf kann im Moment nicht entgegengenommen werden.«
Sie sagte es zu jemandem
im Hintergrund.
Es war das,
was sie gehört hatte
als sie mich anrief.
Das, was ich hörte
auf meinem Anrufbeantworter.
Worte, die sie weitergab, während die Aufzeichnung lief;
Worte einer automatisierten Ansage,
die von einer mir ebenfalls unbekannten Frau
gesprochen worden waren; von der Stimme
in meinem Anrufbeantworter.
Eine Rufnummer wurde nicht übertragen; die Anruferin
hatte es so eingestellt.
Alle Anrufer, die ihre Nummer unterdrücken,
erhalten jene Antwort – direkt & unvermittelt; ich
habe es so eingestellt.
3 Mal hatte sie versucht mich zu erreichen –
während ich schlief.
3 Mal hatte es nicht geklingelt –
aufgrund unserer Einstellungen.
Eine Nachricht wurde nicht hinterlassen.
Schade.
Es hätte
eine große Liebesgeschichte werden können.
Mit einem
Mord
am Ende.
Einem Mord aus Leidenschaft.
Mindestens.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Die Träume
in denen ich saufe
sind mir eine Hilfe
denn in ihnen bin ich maßlos
enttäuscht
von mir
& meiner Schwachheit
Geträumte Rückfälle
Doch dann: das Erwachen
Froh – & beinahe glücklich
Denn es gibt nicht viele Träume
in denen ich schwächer bin
als
in der Wirklichkeit

Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Alkohol, Kultur, Lyrik, Traum | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Eine Frage wurde gestellt.
Eine Frau stellte sie mir.
Und ich gab Antwort.
»Sag – wie bist du damit fertig geworden?«
»Ich glaube einfach
nicht, dass es so bleiben wird.«
»Ich kann das nicht«, sagte sie. »Du
hast Glück.«
»Glück?« sagte ich. »Es ist nicht
wirklich Glück. Es ist bloß
Vorstellungskraft. Die Kraft der
Einbildung.«
2 Tage zuvor hatte ich ein Haar gefunden.
Ein langes blondes Haar zwischen meinen schwarzen Socken.
Auffälliger hätte es nicht sein können.
Es roch nach
Nichts.
Ich konnte es nicht
wegwerfen.
Glück – Vorstellungskraft – Kraft der Einbildung –
eigentlich war das doch Alles
das Gleiche.
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Beziehung, Kultur, Liebe, Lyrik, Trennung | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Es riss
mich aus dem Schlaf
wie eine Seite
aus dem Album der geträumten
Bilder
Es wird immer
dünner
& niemand
weiß wohin
die Seiten verschwinden
Es
ist
dieses
Bewusst
Sein
Hinterlasse einen Kommentar | Schlagwörter: Kultur, Lyrik | Veröffentlicht inAlles, Gedichte/Texte
Elektrisches Insekt
Spiegelkuss im Aufzug
Weißwankende Wolke
Buntes Ei auf Empfang
Zusammenhanglos oder lose zusammenhängend?
Ich hasse das Geräusch des Ventilators im Aufzug.
Nachts hallt es durch die Hotelhalle
wie das Gesumme eines stromgefütterten Insekts:
stechend, störend, nervend.
Es stört mich beim – nennen wir’s ‚Arbeiten’;
aber auch bei allerlei wichtigen Untätigkeiten.
Ich kann ihn ausschalten so oft ich will –
irgendein Mensch (vermute ich) schaltet ihn wieder ein.
Essummtessummtessummtessummt – also
gehe ich zum Lift, greife
nach dem Kippschalter…..
Jemand hat den Spiegel geküsst!
Den Spiegel im Aufzug.
Mit dunkel bemalten Lippen….
Der Abdruck des Kusses wandert über mein Abbild,
wenn ich mich bewege.
Ich hasse Lippenstift. Den Geschmack des Künstlichen.
Doch ich liebe
die Abdrücke – Lippenmalerei
auf Glas, auf Zigaretten, auf meiner Haut.
Die Linien; die Lücken; die Öffnungen.
Eine Erinnerung.
Die mich bewegt.
Wer hat den kalten Spiegel geküsst?
Ich weiß es nicht – & werde es nie erfahren.
Nur ihre Größe kann ich erahnen; die Höhe ihres Mundes;
die Fülle ihrer Lippen (natürlich: ich kann mich täuschen –
wie so oft; doch solange mir Wahrheit & Wirklichkeit nicht
dazwischenfunken, habe ich recht. Und niemand sonst.).
Kipp! Es wird ruhig. Der Schalter steht wieder oben.
Und ich setze mich hinter die Rezeption. Träume dem Kuss hinterher.
Einsam – selbstverliebt – übermütig – wie war sie gewesen?
Während der Fahrt durch die Nacht bitte nicht mit dem Nachtportier reden!
Aber keine Sau hält sich an die Regeln der Träumer.
Die Drehtür fächert eine alte Frau ins Hotel.
Die Frau wankt. Ihre Frisur: eine leuchtend-weiße Schäfchenwolke;
jederzeit könnte sie anfangen zu schneien.
»Gibt’s hier noch was zu trinken?«
»Nein«, sage ich.
»Dassissblöd«, sagt sie.
»Tja. Da ist noch die Minibar.«
»Nee – alleine trinken macht kein´ Spaß.«
(Wie wenig ihre Erscheinung & ihr Alter zu ihrer Trunkenheit passen,
denke ich – & weiß, dass dieser Gedanke unsinnig ist. Immerhin:
sie trinkt nicht allein. Fast klang es wie eine Einladung. Doch
ich trinke nicht mehr. Und als ich noch trank, tat ich es allein.)
»Ich hab meine Zimmernummer vergessen, können se ma grade gucken?«
(Ob ich grade gucken kann? -)
»Ich vergesse meine auch immer, wenn ich zurück in den Knast muss«, sage ich.
Sie lacht. Rauh, besoffen.
Ihr Lippenstift ist grell.
Sie sagt mir ihren Namen; ich sage: »Drei Null Acht. Dritter Stock, rechts.«
»Dann nehm ich mir noch ein Ei.«
Und sie greift zu.
Erwähnte ich, dass es auf Ostern zugeht?
Also: es geht auf Ostern zu. Karwoche.
Ein grünes Nest steht auf dem Empfangstresen.
Bunte Eier, hartgesotten.
Sie nimmt sich das gelbe. Symbolträchtig.
Sagt »Gute Nacht« – & wankt zum Aufzug.
Ich sehe ihren bewölkten Hinterkopf.
Ob sie den Kuss sehen wird?
Sie dreht sich nochmal um…. »Zweiter Stock?«
»Nein, dritter.«
»Zwei Acht Null?«
»Nein – Drei! Null! Acht! Dritter Stock. Rechts.«
»Ah ja.«
Und sie verschwindet in der Kabine.
Allein. Mit ihrem Ei. Und dem geküssten Spiegel.
Es zieht sie hinan. Mit Ruckelgeräusch. Auch der Aufzug
ist nicht mehr der jüngste.
Sie könnte die Größe der Küssenden haben, und wenn sie
in den Spiegel schaut….
Nächtliche Gedanken. – Vielleicht war es
ein Transvestit, der seinen Abdruck hinterlassen hat?
Die nettesten Gespräche habe ich oftmals mit Transvestiten
mitten in der Nacht.
Ach ja – die Romantik!
Am frühen Morgen
wird die Putzfrau
kommen. Und manchmal
summt sie
beim Wischen.
Ich schwärme ein bisschen für sie –
& mag ihr Summen.
Doch mit dem Kuss
im Aufzug
wird es dann vorbei sein.
Und vermutlich hat die alte Frau
gerade jetzt – auf dem Weg nach oben –
den Ventilator eingeschaltet; und vielleicht
schneit es nun
auf ihre Schultern.
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Durch den Wald der Verdrängungen
gehen wir
verlaufen wir
uns
im Vergehen
Das Leid pfeift ein Lied
in uns
um sich zu vergessen
Und immer tiefer wird der Wald
immer dichter sein
Bestand
Im Lichtlosen verstummten die Erinnerungen
Doch nichts ist tot
bis wir es sind
Herabgefallenes knistert & bricht
unter unsern Schritten
Und es riecht nach Blühen & Verwelken
nach Blättern die sich lösen
Unsere Wurzeln sind bloß
Fangarme
überirdische Tentakel
die Nichts halten
können
auf Dauer
Wind bewegt die schwachen Äste
mit Gewalt
Und wer glaubt
einen Weg gefunden zu haben
unterliegt
nur einer Täuschung
Wald der Verdrängungen
Wald der Märchen
die wir uns verschweigen
Und irgendwo liegt eine Lichtung
ein entblößter Fleck
glatt wie ein krankes Gehirn
ohne Windungen
Unbeschattet & friedlich
Dort
ruht das Vergessen
& wir
in ihm
Endlich
am Ende
Als wäre
Nichts
gewesen
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Was sie gesucht hatten
im Unbestimmten
fanden sie an
einander
Doch das Gefundene
war nicht dazu bestimmt
die Suche zu
ersetzen
Die Sehnsuche
die erfindet was
nicht
gefunden werden kann
Nicht
wenn man sich
nicht (einander)
zufrieden
giebt
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…. wenn man fühlt
dass die Resonanz auf Worte
die Wahl der Worte beeinflusst.
Zeit zu schweigen
bis
man
sich
wieder
erhaben
fühlt
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