»Aua!« schrie das Streichholz, »Das brennt
wie Feuer!«
Und es übertrug seine Flamme auf die Kerze.
Die Kerze sagte:
»Musstest Du mich anstecken mit Deiner
Entzündung? Jetzt werden wir beide
sterben.«
Aber das Streichholz hörte sie schon nicht mehr;
es war schwarz & unförmig geworden.
Ich schaute in die Flamme ….
Warm & anheimelnd war
das Sterben der Kerze.
»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun, Handeln statt Betrachten –
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik – unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
Und vielleicht
gibt es im Staub hinter den Büchern,
die im Regal stehen,
seltsame Zeichen, die man
lesen könnte.
Die asymmetrischen Fußspuren lichtscheuer Wesen,
die dort im Schatten hin & her huschten ….
Die Geheimschrift eines Luftzuges, der
in einem bestimmten Moment
durch ein Fenster wehte ….
Abdrücke von Fingern, die
nach Verlorenem tasteten …..
Und die Spur eines Buches, das man
versehentlich
zu weit nach hinten geschoben hatte.
Nichts schmeckt so lecker
wie die Selbstzerstörung
in einer Nacht voll von Musik.
Nichts leuchtet so hell
wie die düstere Fantasie.
Doch der Nachgeschmack ist bitter,
und der Tinnitus pfeift
einen Trauermarsch.
Bevor die Finsternis
hereinbricht.
Ich träumte, ich sei
der Schatten auf dem glitzernden
Kopfsteinpflaster
in einer verregneten Sommernacht.
Ich war der Schatten einer jungen Frau
in einem kurzen Kleid.
Das Licht der Laternen hatte mich geboren,
und ich glitt über den Boden,
so schnell sie es wollte.
Ich hörte den Rhythmus der Schritte,
die mich berührten.
Der Himmel war schwarz,
der Mond war neu,
und die Frau war hell.
Und ich blickte hinauf
über nackte Schenkel
auf das
feuchte
Höschen, das
sich im Schatten bewegte.
Die Frau war allein,
und sie träumte
in ihrer Einsamkeit
von dem
Schatten,
der
ich
war.
»Sie sind nur zur Beobachtung hier«,
sagte der Mann ohne Gesicht.
Der Raum war leer &
so düster, dass ich
nicht einmal sah, wo das Licht herkam;
auch seine Wände konnte ich nicht erkennen.
Der Raum hätte endlos sein können.
Unbegrenzt.
In meiner Vorstellung war er es.
Aber ich hatte auch eine Vorstellung der
Realität
&
ihrer Grenzen.
»Es wird nicht lange dauern»,
sagte der Mann. »Wir
wollen uns nur
Klarheit verschaffen.«
»Klarheit worüber?« fragte ich.
Ȇber Ihren Zustand. Und
Ihre Eignung.«
»Ich eigne mich für gar nichts«, sagte ich.
»Auch das
ist eine Eignung«, sagte er.
»Aber kein Zustand«, sagte ich.
Vielleicht hätte er gelächelt, wenn er
ein Gesicht gehabt hätte.
Ich stellte es mir zumindest vor.
Ich wollte nicht beobachtet werden;
nur unbeobachtet hatte ich eine Chance,
mich nicht unwohl zu fühlen.
»Ich möchte lieber gehen«, sagte ich.
»Keine Chance«, sagte er. »Niemand geht,
bevor die Beobachtung zuende ist.«
Er
ging.
Dorthin, wo
eine Wand sein mochte.
Oder auch nicht.
Ich
blieb.
Und
fühle mich
be
ob
acht
et
cetera
Es sah aus als würde sie winken.
Winken aus dem Maul der Katze.
Die Katze kaute.
Es sah aus als wäre
die Spinne ein Kaugummi.
Die Spinne war groß.
Die Katze spuckte sie aus.
Die Spinne bewegte sich sehr langsam.
Sie schien sich nicht gut zu fühlen.
Auf ihren verbliebenen 6 Beinen.
Beobachtet von der Katze.
Die Katze richtete ihre Ohren auf die Spinne.
Als würde die Spinne Geräusche machen.
Die Katze tätschelte die Spinne mit der Pfote.
Die Spinne konnte diesem Körperkontakt
nichts abgewinnen.
Mühsam schleppte sie sich vorwärts.
Nur um wieder im Maul der Katze zu landen.
Der Gesichtsausdruck der Katze war komisch.
Ein Auge leicht verkniffen beim zähen Kauen.
Popeye.
Sie schluckte die Spinne.
Irgendwann.
Von der Spinne blieb 1 Bein zurück.
Auf dem Fußboden.
Die Katze beachtete es nicht.
Ich wäre nicht gerne
die Spinne gewesen.
Aber
die Katze auch nicht.
Aber was weiß ich schon.
Vielleicht wären beide
auch nicht gerne
ich gewesen.
Ich besitze keinen Briefkasten;
nur einen Briefschlitz
in der Haustür.
Alles
landet auf der Fußmatte. Rechnungen, Todesnachrichten,
Liebesbriefe, Bücher.
Ich kann nur hoffen, dass
der Dreck an meinen Schuhsohlen
passt
zu der Post.
1977, nachmittags.
Ich saß in einem fast leeren Kino
& sah zum ersten Mal „Einer flog über das Kuckucksnest“.
Und unter all den Gedanken, die mir
dabei durch den Kopf gingen,
war auch der Gedanke: Wie sauber dort alles ist … wie
ordentlich ….
Die Klapse in der ich ca. ½ Jahr zuvor
gesessen hatte,
hatte nicht so ausgesehen.
Ich sah
einen Hollywood-Film; einen
sehr guten, aber eben Hollywood ….
Ich & die armen Schweine damals
hatten das
wahre Leben gesehen.
Keine Ahnung,
wer das
gedreht hatte.
Die alte Frau lag auf dem Sofa,
die wassergeschwollenen Füße
auf der Armlehne ….
Der Fernseher lief. Werbung. Laut,
denn die Frau hörte schlecht.
Die Sonne schob einen Lichtbalken
durchs Südfenster, Staub flitterte darin.
Es war der Frau zu sommerheiß; sie
zitterte, als sie mühsam das Wasserglas
mit dem Strohhalm vom Tisch nahm, um
einen Schluck zu trinken.
Sie zitterte, als sie das Glas zurückstellte,
doch sie verschüttete nichts.
Manchmal blendete sie ein Lichtreflex, der
ihr, vom Metall des Rollators ausgehend,
direkt ins Auge stach.
Eine junge Frau in Unterwäsche saß auf dem Rand
einer Badewanne & rasierte sich die Beine.
Die alte Frau beobachtete sie dabei. Sie
betrachtete die glatte Haut durch die
dünne Staubschicht, die auf der Bildröhre lag.
Die Helligkeit im Zimmer ließ das Bild verblassen.
Eine Fliege verließ die Wohung durch die
geöffnete Balkontür, und als die Werbung
zu Ende war, begann die
Direktübertragung.
Die gefilmte Sonne …. Menschen, die sich
dunkle Filter vor die Augen hielten ….
Langsam näherte sich der Mond ….
Die Frau war sich sicher,
Finsternisse schon erlebt zu haben, aber
sie konnte sich nicht erinnern,
wann ….
Die Frau war sich sicher,
dass dies die letzte Finsternis ihres Lebens
sein würde.
Die letzte Finsternis, die nichts mit ihrem
Dasein zu tun hatte.
Durch das Fenster konnte sie die Sonne nicht sehen;
die Sonne stand zu hoch.
Sie schaute auf das Abbild im Fernsehen ….
Angespannt & maskenhaft war das
Gesicht der Frau; sie atmete
durch den geöffneten Mund.
Der Mond schien die Sonne zu berühren ….
Die Frau griff nach der Fernbedienung, die neben ihr
auf dem Sofa lag, und schaltete
den Ton aus – zu viel wurde
geredet – zu viel
kommentiert.
Sie verspürte nicht den Drang,
aufzustehen.
Langsam wie der Mond hätte sie sich
dem Balkon & der Sonne nähern können ….
– – Doch wozu?
Auf dem Bildschirm würde die Finsternis
total sein – hier, wo die Frau wohnte,
nur partiell.
Und während sich hinter der dünnen Staubsicht
der dunkle Kreis vor den hellen schob,
erloschen in dem Zimmer die Reflexe des Metalls,
und der fliegende Staub wurde unsichtbar ….
Ein scheinbar düsterer Tag lag jenseits des Südfensters,
und das Abbild im stummgeschalteten Fernsehen
wurde kräftiger ………….
Das Abbild
ihrer
letzten
Finsternis.
Einfach nur
den Zigarrenrauch betrachten,
wie er über der Kerzenflamme
nach oben steigt.
Die Heizung rauscht
durch die Nacht.
Kein Wort.
Kein Gedanke.
Keine Musik.
Doch auch nicht
Nichts.
Einfach nur
Betrachtung.
Bäuchlings,
blätternd in einer Zeitschrift.
Die Füße in Richtung
der Tür;
sie trug nur
ein T-Shirt,
wie zufällig ruhte sein Saum
oberhalb
ihres nackten Arsches.
Warmes Lampenlicht
auf ihrer Haut.
Sie wußte, dass
ich in der letzten Zeit
manchmal
gelangweit gewesen war.
Ich wußte, dass
sie sich
nach etwas
sehnte.
Meine Gedanken waren
manchmal
woanders
gewesen.
Ich wußte, dass in diesem Moment
nichts
ein Zufall war.
Denn sie hatte ihm
nichts
überlassen.
Ich legte mich neben sie,
überflog den Artikel,
den sie gerade las –
beziehungsweise
den zu lesen
sie vorgab;
und ich legte meine
rechte Hand
auf ihre linke Arschbacke,
und sie hörte auf,
etwas vorzugeben,
und ich hörte auf,
mich
zu langweilen.
Der Wasserhahn weinte.
Die Schlaflosigkeit fühlte sich
im Recht.
Sie hielt den Takt
der Tropfen.
Die Spüle war
feucht.
Und die Gedanken
im wachen Dunkel
waren
geil.
Der Fleck auf dem Boden
ist die Tatsache, die
geblieben ist.
Das Überbleibsel eines
vergangenen Moments, an den
ich mich nicht erinnern kann.
Er ist winzig,
dieser Fleck,
und ich weiß nicht einmal,
woraus er besteht.
Ich weiß nur:
Ich
muss
sein Verursacher
sein.
Denn niemand sonst
ist hier;
niemand sonst
war hier.
Ich zögere,
ihn wegzuwischen.
Denn schließlich
könnte
die Erinnerung
zurückkommen
Ich kenne den Mann nicht, der soeben
niest.
Aber ich weiß, wie es sich anfühlt,
zu niesen.
Ich kenne die Frau nicht, die sich krümmt
vor Schmerz.
Aber auch ich habe schon aus dem
Arsch geblutet & mich gekrümmt
vor Schmerz.
Ich kenne denn Mann nicht, dessen
Schwester soeben
gestorben ist.
Aber ich kenne den Tod.
Ich habe keine Schwester, und
ich weiß nicht, was der Mann
für seine Schwester empfindet
& empfunden hat.
Vielleicht fühle ich das Niesen
ein wenig anders als
der Mann, der
soeben niest.
Vielleicht empfinde ich
den Schmerz ein wenig anders als
die Frau, die
sich krümmt.
Vielleicht sehe ich
den Tod ganz anders als
der Mann, dessen
Schwester soeben gestorben ist.
Aber nirgendwo sonst
sind die
Unterschiede
zwischen uns
so gering
Hier könnte eine Blogroll sein.
Wenn ich nicht so egozentrisch wäre.
Statistik
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"Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab´ niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht."
(Friedrich Nietzsche)
„Meine kleinen Gedichte
Kommen wie kleine Blumen mir vor,
Lauter winzige Wichte,
Aber zusammen doch ein Flor,
Und hervor
Aus dem Chor
Blicken Vergißmeinichte.“
(Friedrich Rückert)
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