Archiv des Autors: flederzombie

Irgendwas mit Star Trek

Ein verwittertes gelbes Flugzeug stand auf dem Gelände.
Einmotorig. Über die linke Tragfläche hinweg kletterten wir
Kinder in sein Inneres. Wir waren zu zweit, und
mehr hätten auch nicht in die Maschine gepasst. Obwohl….
Eine gestreifte Spinne hing zwischen den Instrumenten;
sie konnte nicht fliegen, aber Fliegen flogen in ihr Netz
durch die Löcher der gesplitterten Scheiben. Ich behielt sie
im Auge, diese Spinne. Etwas ängstlich. Etwas angeekelt. Aber
nicht einmal sie konnte mich vom Sitz des Piloten vertreiben.
Es roch nach Metall, es roch nach Rost & Vergangenheit.
Wir waren am Boden. Wir blieben am Boden. Alle Zeiger standen
auf 0. Und nur unsere Fantasie
konnte den Propeller noch in Rotation versetzen.
Die beflügelte, beflügelnde Fantasie der Kinder. Es muss
wenige Jahre vor der ersten Mondlandung gewesen sein.
Es gab noch keine Flaggen dort oben, keine Fußspuren.
Nichts, was Reflexionen & Projektionen hätte stören können.
Der rothaarige Junge, der hinter mir saß, war erst vor kurzem
nach Deutschland & in meine Schulklasse gekommen; sein Vater,
ein amerikanischer Offizier, war hier stationiert. Flaggen
flatterten vor dem Gebäude, in dem sie wohnten. Unsere Eltern
unterhielten sich darin. Der Junge erzählte mir von Amerika,
das ich nur aus Filmen & Fernsehserien kannte. Auch den Mond
kannte ich nur aus Filmen & Fernsehserien. Wir wussten nicht, wo
das Flugzeug gewesen war. Also konnte es überall gewesen sein. Über
All. Das gefiel uns. Und ich kannte niemanden sonst, der aus einem
so fernen Land kam wie der Junge mit den roten Haaren. Ich drückte
Knöpfe, die längst keine Funktion mehr hatten – & die Zeit flog
dahin. Am Boden. In unseren Köpfen. In die Zukunft.

Irgendwann erzählte er mir von seiner liebsten
Fernsehserie. Die Handlung drehte sich um Außerirdische, drehte
sich um ein Raumschiff & um fremde Welten. All
es war so weit entfernt – wie Alles Andere, das ich nicht kannte. Und er
zeigte mir Fotos von einem Mann mit seltsamen Ohren & seltsamen Augen
brauen. Faszinierend, dachte ich. Oder so etwas Ähnliches mag ich
gedacht haben. Einige Jahre später kam die Serie
nach Deutschland. Im selben Jahr als das Apollo-Programm eingestellt wurde.
Wir wohnten längst woanders. Ich ging
auf eine andere Schule. Die alten Kontakte waren ab
gebrochen. Und ich erinnerte mich – als ich die erste Folge sah…..
Das Flugzeug, die Spinne, die Flaggen, die Erzählungen….. Ich
mochte die kurzen Uniformen der weiblichen Besatzungsmitglieder.
Schon damals. Es war alles anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie so oft. Aber es gefiel mir. Was nicht so oft der Fall war.
Den Ton einiger Folgen nahm ich mit dem Kassettenrecorder auf, und
nachts im Bett in meinem dunklen Zimmer hörte ich diesen Ton
zu meinen eigenen Bildern. Immer wieder. Science Fiction. Schon
der Kassettenrekorder hatte etwas davon. Verglichen mit unserem alten
Bandgerät. Ich drückte Knöpfe – & die Zeit flog dahin. Im Bett. In
meinem Kopf. In die Zukunft. Und sonstwohin.

Und 42 Jahre später bin ich gelandet. Auf dem Boden. In einer
Wohnung, die nicht die meine, in einem Raum, der mir nicht mehr
fremd ist. Zwischen gespreizten Schenkeln. Gespreizt
wie Tragflächen. Und die einzige Licht
Quelle ist ein eingeschalteter Fernseher hinter mir. Ein
charmant-gealtertes Röhrengerät. Gealtert bin ich auch. Doch
weniger charmant. Bekannte Namen erklingen
in der Nacht. Kirk. Pille. Spock. Uhura. Ein Film vom Ende
der 70er. Wiederum eine andere Zeit. Propellernde Zungen. Ein gewaltiger
Mond ist aufgegangen. Der damals noch nicht existierte. Bemannter Raum
Flug. Peterchens Arschfahrt. Auch so’ne Kindheitserinnerung. Es riecht
nach Lust. Nach Jugend & Gegenwart. Im Geflacker des Films
sehe ich wie ein Gesicht sich verändert. Ein Mund sich öffnet. Im Rausch.
Und noch mehr. Öffnet sich. Und jemand ruft:
»Alarm, Alarm! Ein Eindringling! Alles auf Gefechtsstation!«
Und ein anderer ruft: »Scotty, bitte kommen!« – dabei heiße ich gar nicht so.
Gelächter säuft ab. Und erstickt in Körpersäften. Und sie flüsterschreit:
»Oh Gott, oh Gott!«, aber auch das ist nicht mein Name.
Science Fiction. Mit wenig Science. Immer wieder. Und es ist immer dieselbe Zeit,
die fliegt. In unseren Köpfen. Die Zeiger stehen nicht. Es
scheint nur so. Es sei denn, es ist etwas kaputt. Alles
auf 0. Wir waren zu
zweit. Im Cockpit. Und doch nicht
allein. Und niemand weiß wie
& wann die Spinne gestorben ist.


Sperrmüll in der Nacht

Sperrmüll im Licht der Laterne
Ein Sessel am Straßenrand
Ein Mann schlief
darin

Ich fuhr vorüber

Sein Gesicht sah
aus als hätte ein Nachtfalter
sein Unwesen darin
getrieben

Jemand hatte ihn an den Rand gestellt

Da waren Risse in der Oberfläche
Sprungfedern die herausgesprungen waren
& Schatten
auf dem Bürgersteig

Ich schaute in den Innenspiegel

Das Bild entfernte sich
Es blieb zurück
Während ich weiter fuhr
Durch die Nacht

Ein Falter starb in meinem Abblendlicht

Ganz still & leise
Während aus dem Radio irgend
eine Musik kam
die ich vergessen habe


….. im Schlaf zu sterben

Ich war am Meer.
Mit einer Geliebten
Unbekannten.

Der Traum
war perfekt. Um
im Schlaf zu sterben.


Der fehlende Kontext

Ich bin
wie Jeder.
Ein aus dem Zusammenhang gerissenes
Zitat. Aus
einem Werk, das Niemand
kennt. Was
ich wirklich zu bedeuten habe, weiß
nicht einmal ich
Selbst. Vielleicht er
gebe ich einen Sinn, schein
Bar, während ich für mich alleine
stehe. Los
Gelöst aus dem Kontext. Vielleicht
Würde das Werk verfälscht
Werden ohne mich. Und ebenso viel
leicht wäre das egal. Wo
möglich besitzt es so
Wieso keinen Wert. Schund. Sonst
Nichts. Zusammen
Gesetzt aus vereinzelten Zi
Taten. Ich
weiß es einfach
nicht. Ich kenne ihn
nicht: den In
Halt des Ganzen. Ich bin
wie je
der. Her
Aus
Gerissen stehe ich
für mich
All
ein


verschlag

 

was mir die worte so
manches mal verschlägt
ist

das herz

das nur ein bild ist

 

würde das wirkliche auf
hören zu schlagen
gäbe es nur

nichts

mehr zu sagen

 

es wäre das gleiche ohne das
selbe zu

sein

am

ende

 

ist das herz nur eine faust
schlägt die stunde wahllos um sich
bilder hängen in einem verschlag
& das wirkliche ist etwas ganz anderes.


1984

Mein Arm unter ihrem Nacken.
Entspannung. »Jahrgang 84«, sagte sie.
»Was hast du 1984 gemacht?«

»Nichts«, sagte ich. »Das war die Phase
nach dem Abi, wo ich nichts gemacht habe.
Außer Lesen & Saufen vielleicht. 7 Jahre

lang. Und von deiner Geburt
hat mir auch keiner was gesagt.«
Sie atmete ein Lächeln aus.

Vielleicht trafen sich
in diesem Moment unsere Blicke -
dort oben. An der Zimmerdecke.

»Ach, halt«, sagte ich, »1984
kam der Film 1984 in die Kinos. Mit
John Hurt & Richard Burton. Guter

Film. Den habe ich gesehen. Damals.«
Wie praktisch, wenn der Titel eines Films
gleichzeitig sein Erscheinungsjahr ist. Wie

leicht man sich sowas merken kann. Aber
viel interessanter war doch die Frage:
Wo war Sie 1960 gewesen?


Der Albtraum nach dem Kindergeburtstag

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor ich erschien bei Einbruch
der Nacht. Jetzt brannten
andere.

 

3

Luftballons hingen drinnen vorm Fenster.
Jalousien & Hosen waren herunter
gelassen. Die Balkontür stand
einen Spaltbreit offen, auf ihrer Glasscheibe
eine bunte Zeichnung von Kinderhand.

Von der Schlafcouch aus betrachtete ich die Luft
Schlangen, die von der Decke
hingen, während ein Frauenkopf sich

auf

&

ab

bewegte zwischen meinen Beinen.

Traum
gleich war unsere

1.
Begegnung

Mitt
Sommer
Nacht.

Fremde Gerüche
Fremde Geräusche
eine mir fremde Wohnung

& irgend
Etwas Vertraut
es im Gelächter.

Wäsche trocknete
auf dem Balkon im Mondlicht -
& wurde nass woanders.

Als das Wachs am Ende war, erschien
die Dunkelheit. Ich kniete
auf dem Boden & trank
zwischen geöffneten Schenkeln

schluckte
& schluckte

die Lust, die immer lauter wurde

Selbst
Vergessen

 

Und plötzlich:
eine Kinderstimme -
»Mama, was ist
mit dir?«

Ich hielt inne.

Der Schatten eines kleinen Mädchens stand im Zimmer.
Wie ein Erwachen.
»Alles in Ordnung«, sagte die Frau, »ich hatte nur einen
Albtraum.«

Ich verhielt mich
ruhig. Bewegte mich nicht. Hielt mich
für versteckt in der Dunkelheit. Zwischen
den Schenkeln. Für unsichtbar vielleicht -
wie ein Kind, das die Augen schließt.

»Komm«, sagte die Frau, »ich bring dich wieder zurück
ins Bett.«

»Wer ist -
der Andere?« fragte das Mädchen.

Kurze Pause.
»Das ist mein Besuch.«

Vielleicht war es der Mond,
der durch den Spalt oder das bemalte Glas der Balkontür
meinen nackten Arsch beleuchtet hatte.
Ich schwieg. Die Frau stand auf & nahm
das Kind bei der Hand. Silhouetten verließen das Zimmer. Allein
gelassen legte ich mich auf die Couch.
Lauschte leisen Stimmen. Zwischen den Gerüchen. Dann
hörte ich Musik. Kinderlieder von nebenan. Was
für eine seltsame Formulierung, dachte ich: ›Der Andere‹!

Die Frau kam zurück. Legte sich neben mich. Der Schreck
war uns nicht in sämtliche Glieder gefahren. Leises Gelächter.
Und auch die Lieder waren so leise, dass ich sie nicht erkennen konnte.
Zwischendurch wieder Stimmen aus
dem Kinderzimmer. »Ein Märchen«, sagte die Frau. »Zum
Einschlafen.« Die CD war ein Geburtstagsgeschenk.
»Ja«, sagte ich, »die habe ich als Kind auch immer gern gehört.«
Und wir malten uns aus, was das Kind aus uns machen
würde in seiner Phantasie….. Zu
Was ich werden würde in seiner Erinnerung….. Ich
war

ein Anderer. Aber vor allem war

ich

ein Albtraum. Das gefiel mir. Und

die Frau träumte. Träumte mich. Träumte
mich weiter. Immer weiter. Immer wieder. Immer anders. In
dieser Nacht. Und sie presste sich den Handrücken auf den Mund
dabei. Um das Kind nicht erneut zu wecken.

Und ich fragte mich, ob ich nicht
ähnliche Erinnerungen hatte wie dieses
kleine Mädchen sie haben würde.

Doch ich fand
keine Antwort.

Das Märchen ging

zu Ende. Und
als der Morgen dämmerte, fuhr der
Albtraum nach Hause. Und
er schlief ein. Und er
träumte

 

6

Kerzen waren heruntergebrannt
bevor er erschien bei Ein
Bruch der Nacht. Jetzt brannte

ein Anderer

 

3

Schlangen hingen von der Decke &

 

1
Ballon bewegte sich
im Mondlicht

auf

&

ab


Irgendwie auch romantisch

 

Man brennt für jemanden.

Und irgendwann
auch eine CD.

Für sich selbst
macht man eine Kopie.

Die bleibt
im eigenen Auto.

Irgendwann
ist es vorbei.

Mit der Brennerei.

Man fährt zu jemand anderem.

Und die Laufzeit der alten Kopie
reicht exakt für die Strecke dorthin.

Wenn man die richtige
Geschwindigkeit einhält.


Der Händedruck

»Sind das wirklich 5 Finger?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
»Oh mein Gott!«
Dann drückte sie mir die Hand.

Ganz fest. Es war unsere
erste Begegnung.
Die Kerzen gingen aus, es
wurde dunkel.

Und im ersten Tageslicht bewegte ich die Finger
dicht vor ihrem Gesicht. »Ich werde nie wieder
Gitarre spielen können«, sagte ich.

Wir lachten.


Vielleicht später

»Haben Sie noch etwas zu sagen«, richtete sich
eine Stimme an mich – mit
falscher Betonung. Als sei das gar
keine Frage.

Uninteressierte Gehörgänge. Und geladene Waffen
waren auf mich gerichtet. Die
Sonne stand tief im Morgen. Als
gäbe es das.

Die Augen hatte man mir nicht
verbunden. Warum auch
immer. Sie waren gerichtet
auf die dunklen Tunnelöffnungen der Gewehre.

Im Hintergrund der Mündungen:
schweigende Gesichter, die keinerlei An
Teil nahmen.Warten auf das Licht
am Ende

der Tunnel. Die Schatten waren lang.
Und Morgen
war nur eine Himmels
Richtung.

Trocken schien die Luft – & angenehm
weich die Berührung der Fesseln.
Meinem Urteil nach. Ich hörte
das Geräusch

des Entsicherns. Was sollte ich
schon sagen? Ich sagte: »Vielleicht
später.«


Billige Teelichte

Ich hasse sie!

Diese billigen Teelichte
aus dem Supermarkt.
50 oder 100 Stück im Beutel.

Die Hälfte des Wachses
kann noch vorhanden sein -
& doch: hatte man sie

1 Mal angezündet,
eine Weile brennen lassen
& wieder ausgepustet,

brennen sie
kein zweites Mal.

Nur ganz kurz
hat man den Eindruck
sie könnten noch einmal brennen;

die Flamme scheint normal
für ein paar Sekunden, doch
dann wird sie immer kleiner,

der Docht verkümmert
zu einem Fastnichts, und
die Flamme erlischt.

So viel überflüssiges hartes Wachs!
Wachs für keine Flamme.
Keine Wärme, kein Licht mehr.

Sie sind nicht alle so.
Aber viele. Sie sind allzu-
……….

Ach, was soll’s – keine
Vergleiche mehr. Und
Hass ist ein zu großes Wort.

Wenigstens sind sie billig.
Und ich verstehe, warum
sie so sind.


Erkannte Narben

 

Und immer wieder:

Die mit den Narben finden mich.
Egal, wo sie sind. Die Narben.

Wir finden uns. Er
kennen die Narben.

Auch
die unsichtbaren.

Ich finde sie.
Wo auch immer
ich bin

& sie sind.

Wir erkennen uns
in uns immer
wieder

& wieder.


Der fremde Albtraum

Als hätte ich einen fremden Alb
traum vergessen. Beziehungs
weise verdrängt

so kam es
mir vor

als wir uns näher gekommen waren
las ich was sie in der Vergangenheit
über ihre Vergangenheit geschrieben hatte

über den Horror
& die Verletzungen

durch andere & durch
sich selbst
& über die Narben

innen & außen

und ich erinnerte mich

an fast Alles
fast Alles

hatte ich schon einmal gelesen
in der Vergangenheit

irgendwo im virtuellen Netz

in der fernen Vergangenheit
in der wir uns fern gewesen waren

es war verschwunden
wie manche Träume verschwinden

doch sie kommen wieder
aus geheimen Gründen

aus Tiefen
Abgründen

wenn irgend Etwas
an der verdrängten Erinnerung rührt

ich las
& mein Blick brannte

er löschte sich selbst
ich nahm die Brille ab

Wie hatte ich das Alles nur vergessen können?
Meine eigene Vergangenheit

erschien mir lächerlich im Ver
gleich. Wie konnte ich nur
so viel darüber schreiben!

Und wie viel würde ich erst schreiben
wenn ich erlebt hätte was sie erlebt hatte!

Wir kamen uns näher
ohne diese Erinnerung

ohne die Alb
Träume die ihre Realität ge
Wesen waren

der Augenblick trocknete

ich setzte die Brille wieder auf
& schrieb

ihr: Ich will deine Narben
berühren spüren streicheln küssen

egal
wo sie sind

& jetzt höre ich sie atmen
in der Ferne
während sie schläft
in meiner Gegenwart

& vielleicht
träumt sie sich

sogar in meine Nähe

während ich tippe
blind im Halb
Dunkel


Running Gag

 

»Hab ich schon erwähnt, dass ich
feucht bin?« Ich hatte nicht mit
gezählt, wie oft, es war ihr Running Gag, ihr laufen
der Witz, es lief, es lief groß
artig unartig, überall raus, selbst ihre Stimme
klang feucht, am Anfang, und im Hintergrund machte es:
Quatsch Quatsch Quatsch & kwitsch kwitsch
kwitsch
, Stunden über Stunden, Überstunden,
wir quatschten, sie quatschte, es quatschte, fließende Sehn
Sucht, Seen & Sucht, und: »Wie heißt nochmal
die Phobie, trocken zu werden?« »Keine
Ahnung«, sagte ich. »Nein, ich bin sicher,
die heißt anders.« Gelächter. Viel Gelächter.
Immer wieder. Quietschen vor Vergnügen.
Ich konnte hören, wenn sie ihre Beine bewegte,
sie öffnete, sie schloss, glitsch glitsch glitsch,
der Expressionismus der Fotze, »Wie ein Kirsch
Kern«, sagte sie, zwischen ihren Lippen, und ihr Hals
war trockengestöhnt. »Was war das für ein Geräusch
da bei dir im Hintergrund?« »Ach das«, sagte ich,
»da hat Alexander Graham Bell sich im Grabe umgedreht;
mit hochrotem Kopf.« »Ich wette, bei dir ist ein ganz anderer
Kopf hoch & rot.« Wir erkannten den Un

Ernst der Lage. Selbst
Erkenntnis & Befriedigung.
Nicht

Aus

zu denken, man würde Alles mit Ernst verderben.
»Wie läuft’s?« »Lachenweise aufs Laken.«
Auf ein Neues. Das nicht neu ist. Immer wieder. Und doch.
Irgendwie. Als suchte man. Immer wieder. Vertrautes
Neues. Neues Vertrautes. »Hab ich schon erwähnt,
dass ich feucht bin?« Es klang auch wie ein Witz -
witz witz witz, wisperte der Kitzler itzt,
wildbefingert….. Und ein Schmatzen: »Heute
schmecke ich nach Vanille – mit einem Hauch
von Zitrone.« (Nille Nille Nille, spukspuckte es durch meinen Kopf.
Und warum alles in 3er-Gruppen? Vielleicht weil sie 3
Finger in sich hatte?) »Ich würde gerne mal nach Zimt schmecken«,
sagte sie. Da bekam der Begriff ›Zimtziege‹ doch gleich ein anderes
Aroma. Und Zicke reimt sich, schleimt sich sowieso. Und Zimt
gab es auf dem Milchreis meiner Kindheit. Und Milchreis ist
weiß & zäh – und – man findet ja kein Ende, wenn die Asso
ziationen erstmal angefangen haben. Und dann erst, wenn Wir
uns assoziieren…… »Dass jetzt bloß keiner anklopft.«
»Dann geh ich nicht ran.« »Na, du gehst aber ran.«
Ach, und wie es klopfte! In allen Gefäßen floss das Blut.
tudumm tudumm tudumm! Besäuselungen statt Beschreibungen.
»Und dann….. & dann…… & dann……. machen wir, können wir,
werden wir…..« Und dann erwähnte sie etwas, das nur
mit langem Schwanz geht. »So’n Pech«, sagte ich. Und wieder
Lachen. »Man kann ja nicht überall überdurchschnittlich sein.«
Hahaha. Und sie hielt die Sprechmuschel, Säuselmuschel, Quatsch
muschel in Muschinähe, und dann klang das Schmatzen wieder
ganz anders, und es erinnerte mich an einen Zwerg, einen
Zwerg, der irgendeine Frucht genüsslich isst, während
sie im Hintergrund Rauschkulissen hechelte. Ein Kirschen ver
schlingender Zwerg, der vollmundig schweigt. Und ich merkte
mir seine Geschwindigkeit beim Verzehr. Für später. Für dann. Und dann.
Und dann. Und dann, als ich wieder an ihrem Ohr war, er
zählte ich ihr von dem Zwerg. Wie mir ihr Lachen gefiel!
»Soso, während ich mich fingere, hast du also einen Zwerg
im Kopf.« »Nein, ich hatte ihn in der Hand. In meinem Kopf habe ich
nur Dich.« »Hab ich schon erwähnt, dass ich feucht bin?«
Die Nacht floss in Strömen. In Träumen & Fantasien. 3 Wünsche
haben wir. Frei! »Pass auf«, sagte sie, »und dann sehen wir uns & finden uns
scheisse.« »Pass auf«, sagte ich, »lass die Scheisse weg -
& schon ….. passt’s. Vielleicht.« Und wie die Nacht verging
in uns – ein Fließen & Fliegen der Zeit – & wie die
Vögel mit mir telefonierten – als der Tag anbrach
vor ihrem offenen Fenster – zwitsch zwitsch zwitsch! – All
es war offen – & über
haupt: Habe ich schon erwähnt, dass sie feucht war?


Scheinbare Fehler & der sanfte Mord der Vernunft

Die gleichen Fehler, die
wir bei Anderen begangen haben,
werden wir nun bei Uns be

gehen. Und – wer weiß – viel
leicht sind es dann gar
keine Fehler mehr. Und waren es

auch in der Vergangenheit
nicht – sondern
Wege, die zu Uns führten.

Es ist fast still
um Uns. Nur
ganz leise hört man

den gleichmäßigen Atem
der schlafenden
Vernunft. Sie träumt

einen langweiligen Traum
nach dem anderen – während
wir immer wacher werden.

Es könnte sein -
dass sie im Schlaf
stirbt.

Es würde aus
sehen wie ein
sanfter Mord.


Das Schwarze in der Finsternis

Ach, ich weiß es doch auch nicht.
Ich sitze in der Finsternis &
schieße wild um mich.

Eigentlich, so denke ich mir,
müsste ich auf diese Weise
überall ins Schwarze treffen.

Aber genauso gut könnte ich einfach
die Augen schließen – wie so Viele -
& glauben, getroffen zu haben.

Das Ziel ist meistens woanders.
Fehlendes Licht bedeutet gar Nichts.
Alles geht vorbei. Auch in der Dunkelheit.

Solche Gedanken denke ich
niemals zu Ende. Denn wenn
ich es täte, müsste ich

schweigen.

Am besten – man schläft einfach.
Dafür ist die Finsternis
wie gemacht.


Einfach nur Schwäche

 

Stil könnte auch einfach

eine Schwäche

sein.

Man kann einfach
nicht anders.

Eine Wahl hat man
ohnehin nicht.

Schöne Schwäche.
Gute Schwäche.
Schlechte Schwäche.
Einfache Schwäche.
Schwierige Schwäche.
Elegante Schwäche.
Holprige Schwäche.
Hölzerne Schwäche.
Schwülstige Schwäche.
Vielschichtige Schwäche.

Auf die Schwäche kommt es an.
Die Schwäche ist das Wichtigste.
Die Schwäche ist die Antwort.

Und manche glauben, sie
hätten sie sich ausgesucht.
Oder gar: erarbeitet.

Doch das
ist eine andere
Schwäche.


In unserer Einsamkeit

Was hatte ich bloß gesagt?

»Du brauchst nicht nur Sex«, sagte sie, »Du
brauchst Nähe.« »Nähe«, sagte ich, »ist
die Hauptsache. Immer.«

Mein Ständer brach
in Tränen aus

vor Lachen.
Es gab halt
kein Halten mehr.

Wir hatten Alle
so recht – wir

Einsamen
in unserer Einsamkeit.

Das ist die Leere.


Ohne Zeichen

 

Sie kam
niemals hätte ich das erwartet
wäre ich vorbereitet gewesen
auf nichts hätte ich mich mehr gefreut
wäre sie vielleicht auch nicht gekommen

wenn ich an der richtigen Stelle Zeichen gesetzt hätte

wäre alles zu eindeutig

ohne Zeichen

von ihr

aber auch

so ginge es weiter

ohne

Ende


Noch mehr von Allem!

Noch mehr

zu wenig

wäre

Nichts

 
 
 
für mich.

 

Doch

für Dich

bliebe

mehr

übrig

von Allem.


Und manchmal ist es ja so ähnlich – wie bei den Menschen: da ist der Titel länger als das

Gedicht.

Und nicht viel dahinter.


Die alte Musikkassette

 

Es gibt sie schon seit langer Zeit

nicht mehr -

diese Musikkassette

aus

meiner Vergangenheit. Es gibt nicht einmal mehr
ein Abspielgerät in meinem Auto, das auch
ein anderes ist

als damals. Alles
ist anders. (Überholte Technik.) Selbst

ich

vielleicht?

Nein, das ist nur Schein. Eine Täuschung. Ich
bin weniger. Gleich. Und mehr. Zugleich.
Ich erinnere mich

nicht mehr,

welche Songs auf dieser Kassette waren -
also auch nicht an die Reihenfolge,
in der ich sie hörte – wenn ich unterwegs war.
Wohin auch immer.

Bei Musikkassetten gibt es keine

zufällige Wiedergabe.

Man weiß immer, was einen als Nächstes erwartet. Wenn man sie kennt.
Manchmal war das gut, und manchmal nicht.

Manchmal war nicht gut, was als Nächstes kam,
und manchmal war es nicht gut, zu wissen, was kommen würde.
Manchmal beides. (Was bedeutet, dass man sich
manchmal sogar freute – auf das, was nicht gut war.)

Man hatte die Möglichkeit

vor- oder zurück-

zu spulen…….

Dass das gefährlich sein konnte
während der Fahrt, war mir
gleichgültig. Aber es war mir meist
zu umständlich. Und beinahe
nie traf ich exakt

Anfang oder Ende

- wenn ich es doch
einmal tat.

Und jetzt habe ich also vergessen:

Welche Lieder. Welche Reihenfolge.

Und doch:
zuweilen höre ich 1 dieser Lieder wieder -
irgendwo – durch Zufall (wenn es Zufall ist) -
& wenn es zu Ende geht, erwarte ich

nach einem kurzen Moment

der Stille

etwas ganz Bestimmtes.

Ich erwarte, einen ganz bestimmten Song zu hören.
Fast höre ich ihn schon. Tatsächlich. In mir.
Ein Teil der vergessenen Reihenfolge ist wieder da!
Ich erinnere mich. Doch

er kommt nicht – dieser eine, bestimmte. Er kommt
niemals. Dieser Zufall (wenn es Zufall wäre) wäre
zu groß.

Zu groß: die Zahl der Möglichkeiten
in einer Welt voller Lieder.

Zu klein: der Ausschnitt davon
auf der Musikkassette.

Es kommt: immer ein anderer.

Und käme der ›richtige‹ Song einmal doch,
würde man vielleicht wahnsinnig werden.

Und da das nächste Lied nicht kommt,
erinnert man sich nicht an das übernächste.

Ach, es ist

& bleibt
kompliziert.

Und die Kassette war
ein Geschenk.

Vielleicht wäre es besser

nicht
darüber
nach zu

denken. So

wie Die
jenigen, die meinen, es ginge
hier

um

Musik.


Eine Stimme aus dem Nichtvorhandenen

Ich habe kein Gästezimmer.
Und eine Stimme aus diesem Zimmer, das
ich nicht habe, sagte:

»Dein Tippen klingt
so beruhigend. Man kann gut
dabei einschlafen.«

Vielleicht
hatte ich genau
Dies getan?


Irgendwas mit Schamhaar, Garagen & Phimose

Wie waren wir eigentlich
auf dieses Thema gekommen?
Da unten

bei den Garagen der Nachbarn….
Ich weiß es nicht
mehr.

Ich hatte die ersten Stoppeln,
aber er behauptete, seine Scham
haare seien 2 bis 3 Zentimeter lang,

und das glaubte ich nicht.

Ich war wohl auch ein bisschen
verliebt in ihn, denn eigentlich
sah er aus wie ein Mädchen;

und manchmal tauchte er
in meinen Träumen auf -
schwanzlos.

Er öffnete also seine Hose
ein wenig, zog sie & die Unterhose
ein kleines Stück hinunter, er

griff ein paar Haare & zog sie
in die Länge.

»Tatsache!« sagte ich.
Oder so etwas Ähnliches.
Ich war ein wenig

neidisch, und er grinste.
Damals war man noch
stolz auf sowas.

Die Garagentore waren grau
& verschlossen. Selbst
wenn nichts dahinter war,

und tagsüber war zumeist
nichts dahinter. Zumindest
keine Autos, denn die Menschen

mussten ja arbeiten
tagsüber. Das gefiel mir
schon damals nicht.

Ach ja, und nochwas:
Einmal in vertrauter Runde
5 oder 6 von uns waren zusammen

in der Garage, die unser Treffpunkt war,
eingerichtet mit Sperrmüllmöbeln -
da holte er seinen Schwanz heraus.

Er hatte eine Operation hinter sich.
Wegen Phimose. Alle
schauten hin -

nur ich nicht.
Ich konnte es nicht.
Er lachte -

»Kuck doch«, sagte er.
Aber mein Blick blieb
abgewandt.

Das Bild
hätte nicht in meine Träume
gepasst.


Illusionen

Das Bild
das du dir machst

von mir
wohnt nicht in meinem Haus

Vielleicht existiert es
in einem anderen

Ein Fremder
der mir ähnlich scheint

von dem wir beide
Nichts wissen

Und er sagt
das Gleiche wie ich

Und ich bin das Bild
das sich jemand

von ihm macht
Und sie wissen nichts von mir


Alarm!

Um 11 Uhr am Samstag
heulte die Sirene

& mit ihr heulten
die Hunde der Nachbarschaft

Es war nur ein Probealarm
aber für die Hunde

war es
der Ernstfall

ich drehte mich um
im Bett

ich dachte an die Mythologie
& an Dich


Die geheime Botschaft

….. & dann
wurde das Blatt transparent

ein Wort
von rückwärts
schimmerte seiten

verkehrt
hindurch

Wörter überlagerten sich

innerhalb der engen Grenzen
eines ungleichmäßigen Punktes

& er
gaben einen unbekannten
Sinn

wie eine geheime Botschaft
von der anderen Seite …..

 

Es war nicht

schade um dieses Buch.
Hauptsache – das Fleisch war blutig
& schmeckte

während etwas Fett auf die Seite tropfte.


Traum los!

»Ich habe nicht geträumt«,
sagte der Erwachte
nach langem Schlaf

Er kannte
weder Wissenschaft
noch Forschung

Zu tief
hatte er geschlafen
um sich erinnern zu können

»Ich bin kein großer Träumer«, sagte er
& glaubte doch
an Gott

Ich
schlafe schlecht & erinnere mich
an Alles

Daher brauche ich
an die Träume nicht
zu glauben

Ich wache
oft & kenne sie

Ich ungläubiger Mensch
bin ein großer
Träumer

rein
rational
betrachtet

Amen!


Nähe oder Ferne?

Da gibt es diese Erinnerung,
die ich habe – & ich weiß
nicht: erinnere ich mich
an eine Fantasie der näheren

oder an eine Realität
der ferneren

Vergangenheit.

Als kleiner Junge war ich so
gelenkig. Und ich probierte
aus – wie gelenkig ich war. Und
wenn ich nackt auf dem Rücken lag

& die Füße auf den Boden
oberhalb meines Kopfes stellte,
war mir mein Schwanz so nahe,
dass er mich störte.

Bei
nahe hing er
mir ins Gesicht.

Fantasie oder Realität?
Nähe oder Ferne?

Sollte es Realität gewesen sein,
wäre also Alles wie immer:

ich war glücklich
ohne es zu wissen, glücklich
ohne damit etwas anfangen zu können.

Was für ein Pech!

 

(Dass ich nicht mehr so gelenkig bin.)


Passanten ohne Zukunft

Ein neues Du
ohne Zukunft

im Vorüber
Gehen

Es kommt
& passiert

& wird
vergangen sein

Und jetzt

Du!

Und jetzt

Jetzt
& Jetzt
+ noch 1

Jetzt

ohne Zukunft

Zukunft
die Wir vergessen im

Jetzt

Das vergeht


Das Zeitgefühl

Von Zeit zu Zeit
verliere ich

das Gefühl

für die Zeit. Mein Zeit
Gefühl kommt

mir abhanden.

Den Verlust nicht zu spüren
ist Glück.

Doch da ist immer Jemand
der findet

was ich verloren habe

& es nicht
für sich behalten kann.

Er hebt es auf
& gibt es mir

zurück               im falschen

Moment.

Als hätte dieses Gefühl nicht
auch irgend Jemand Anderem

gehören können.


Endlich daheim!

Ich irrte

durch eine düstre
Anstalt

wandelte
heimlich

durch ihre irren
Gänge

& ging in die Irre
die eine Falle
war

Ich verwirrte mich
in mir

auf leeren Fluren
verwandelte ich mich

in Etwas, das
anders war

als das Gewohnte

mit seinen unheimlichen Zimmer
fluchten

Ich verging mich
an meinem alten Ich

das ich
verfluchte

Ich verfiel
& fiel dem Irr
Sinn anheim

& machte keine Anstalten
zu fliehen

Aus

dieser neuen Wohnung
die ein Irrsinn war

von Vielen

Endlich

Da

Heim!


Verständnis

So oft er
auf Verständnis stieß

zerbrach es
wie Gegenliebe

Er mochte
tun was er wollte

& das Geräusch

das ihm versicherte
dass dort Etwas gewesen war


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