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Der Idiot in der Irre

Der Mond scheint ohren
betäubend wie eine nächtliche Schnulze aus dem Radio
mit dem Lautstärkeregler am
Anschlag.
Grell
leuchtet die Einsamkeit
im Gesicht des Idioten,
der durch die verlassenen Gassen
irrt.
Seine Absätze ticken auf dem Pflaster –
unregelmäßig wie eine Uhr mit Herzproblemen.
In lichtlosen Fenstern spiegelt sich seine verlorene Orientierung.
Man wird mich vermissen …. Man vermisst mich bestimmt schon ….
Verdammt, wo? …. Wie komme ich …. ich habe mich ver
laufen …. Bin ich nicht gerade erst los
gegangen? …. Das kann doch nicht
Sein ….

Fremde Namen auf fremden Schildern an fremden Häusern;
Klingelknopfleisten, mit deren Hilfe er die Fremden rufen könnte.
Doch er erwartet
keine Hilfe
von irgend
Jemandem.
Er
wartet
Hilfe von
Nie
man
dem.
Heim …. lautet der Kehrreim seiner Verzweiflung …. Heim!
kehr heim …. zurück …. zurück ins …. wo man mich vermisst …. weil
man mich kennt …. dort …. wo ….

Es ist
als ob
kein Leben mehr wäre
um
ihn
her
um –
die Welt: ein Leichenkeller.
Der Idiot ruft nicht. Schreit nicht. Der Mond ist zu laut.
Alle Ohren verfault. Seine Suche:
ein Widerspruch
in sich.
In ihm.
Denn auch am Ziel wartet
Nichts & Niemand
auf ihn.
Dass diese Nacht vergehen werde,
hat er vergessen. Nicht einmal
sein Tod könnte sie beenden
in seinem Schädel,
durch den er
irrt.
Tick Tick Tick.
Er erinnert sich nicht
an andere

Nächte.
Die Vergangenheit – gelöscht.
Ein Leben – gelöscht.
Eine Welt – gelöscht.
Und doch: Vermissen.
Und Sehnsucht.
Eine absurde Ahnung von
Etwas
Besessenem.
Könnte jemand in meinen Kopf schauen,
sein Blick würde nicht mehr her
aus finden ….

Er lacht. Stumm.
Strom fließt durch Laternendrähte.
Licht, das nichts beweist
als die Existenz von Maschinen –
& den Geist, der sie erschaffen hat
in der Vergangenheit.
Warum bin ich
bloß
los
gegangen?
Ich wäre jetzt dort, wo ich hin will, wenn ich
geblieben wäre ….

Er hätte es nur nicht gewusst.
Nicht gewusst,
dass er dort
hin
wollen
würde
wo er war
falls er ginge.

Der Mond
schein:
eine Heim
Weh
Schnulze

Lauter
& immer
lauter

Alle
Regler
am
An
schlag.

Der Idiot irrt

weit
er.

Durch
mein Ich.


Das falsche Licht

Wir trafen uns in der Schönheit
des falschen Lichtes

dem künstlichen Licht
vergangener Enttäuschungen
gegenwärtiger Hoffnungen
zukünftiger Möglichkeiten

Wir sahen uns in dem Licht
aus unserem Innern

das nichts
mit Realität zu tun hat

Das richtige Licht
war lange erloschen

Es war die Dunkelheit
um uns herum

in der wir uns niemals
gesehen hätten

So war das Falsche

in
unserem
Fall

das Richtige

& das Dunkel in uns
die Schönheit
die uns anzog


Cushings Treppe

Eine weitere Nacht alt
bekannter Gedanken

Ich denke an
Peter Cushing
kurz nach dem Tod seiner Frau

Verzweiflung
Raserei
Schmerz

Selbstmord
kam nicht in Betracht

Und so rannte er
wie vom Wahnsinn getrieben
eine Treppe auf & ab

in seinem Haus
das größer & enger geworden war

immer wieder
auf & ab

auf & ab

auf
der Suche nach dem Herzschlag…..

dem verlorenen Herzschlag der Geliebten
dem eigenen Herzschlag des Todes

Ich kann sie hören
seine verzweifelten Schritte
auf den Stufen

Und die Stille
um ihn herum

Helen & Peter Cushing –
eine der großen Liebesgeschichten.

Ich kann sie sehen
meine alte düstere Kellertreppe

Sehen
wie die abwesende Geliebte
die Stufen auf & ab geht

lautlos & barfuß
auf dem Teppich
der Falten wirft

Sehen
wie sie aufwärts stolperte
bei ihrem ersten Besuch

Fühlen
wie warm & feucht es unter ihrem Rock war
als ich unter ihr auf der Treppe stand
& meine Hand verschwand

Und einsam stolperte ich
abwärts
im Suff
auf dieser Treppe

Verzweiflung
Raserei
Schmerz

Blutergüsse & Prellungen

Auf & Ab

Er überlebte sie lange
Lebte weiter
mit seinem Prostatakrebs

& alterte
schneller als je zuvor

als hätte er es eilig –

Er glaubte
an ein Wiedersehen.

Ich glaube
an Nichts.

 

 

Helen & Peter bw


Die verlorene Allee

In Allem, was ich finde, ist nicht Das, was ich hatte –
als ich nicht suchte.
Dieses Gefühl meiner Kindheit
als ich durch eine Allee spazierte
& in die Baumkronen schaute…..

Nein, kein Gefühl.

Jedes Wort ist zu eng
in Anbetracht der Weite
dieses Blickes.

Die gegenwärtige Straße mag schöner sein
als es diese Allee jemals war – aber
sie führt zu nichts,
diese Schönheit.

Und sie ist
Nichts
im Vergleich

zu dem Verlorenen,
das kein Wort benennen kann.

Sie liegt noch da –
diese Allee
in der Stadt meiner Kindheit.

Ich sitze noch hier
in einer anderen Stadt –
in dem Haus meiner Gegenwart.

Irgendwo
im All.

Aber
es gibt uns beide nicht mehr.

Nicht
in einer einzigen Wirklichkeit.

Weder die Allee,
die ich nicht suchte ….

…. noch mich,
der ich nicht zu finden bin.

Wir sind verloren.

Alle.


Eine lange Geschichte

»Und?«

»Nichts und.
Es hielt nur kurz.
Aber das ist eine lange Geschichte.
Wie immer.
Sie beginnt in der Kindheit.«

»Und?«

»Endet mit dem Tod.
Jedes Mal.«


Die Stimmung

Die Saiten wurden gestimmt
in der Wärme.

Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
richtig.

Dann wurde es kalt.
Sie verzogen sich.

Niemand stimmte
die Saiten erneut.

Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
falsch.

Unser Lied.


Ich bin Derselbe – & der Andere

1.

»Wenn er besoffen ist, schreibt er mir«, sagte sie.
»Immer wieder«, sagte sie.
Sie strich über das Handy, las die Nachricht.
Ich sah ein kleines Foto auf dem spiegelnden Display.
Irgendein Typ eben.

Mir ging es gut. Das Bett war warm. Ihre Nähe weich.
Ihr Duft mein neuer Lieblingsduft. Und ich dachte
weniger nach als früher.
»Traumfrau«, sagte sie – »kotz, das kann ich ja ab.«

Er würde keine Antwort bekommen.
Soviel war klar.
Mir war das recht. Und doch klang es hart
in meinen Ohren.

 

2.

Ein Telefonat.
»Weißt du, was die Kinder heute meinten?« sagte sie.
(Ich glaube, es handelte sich um denselben Typen. Es könnte aber auch
ein Anderer gewesen sein. Letztlich ist das egal.)
»Sie meinten zu mir: ‚Du hast ihm voll das Herz gebrochen‘

Ich hörte ein Lächeln in ihrer Stimme.
Mir ging es gut. Selbst die Entfernung zwischen uns
schien erträglich. Wir lachten viel, und der Sessel vor meinem Schreibtisch
war weich. Ich liebte ihre Stimme – an die ich mich erst
hatte gewöhnen müssen. Ich dachte weniger nach als früher – doch
ich hatte eine dunkle Ahnung davon, wie
der Andere sich fühlen musste.

Eine dunkle Ahnung von Finsternis.
Die mir gar nicht gefiel.
Sie klang hart.

 

3.

Ich bin Derselbe. Nur dass ich nicht mehr saufe. Also
bin ich auch ein Anderer. Ich bin Der Andere.
Ich schreibe, ohne besoffen zu sein. Doch
auch nicht nüchtern.
Und bekomme keine Antwort.

Es sind nur Worte
auf einem spiegelnden Display.
Irgendwo.

Ich denke wieder mehr nach – aber letztlich
ist das egal.


Wer bin ich schon?

Wer bin ich schon?

Manchmal
in seltenen Momenten
glaube ich:

die Hoffnung.

Denn:
würde ich sie aufgeben –
gäbe ich

mich

auf.


Die fehlende Handschrift

Dieser Augenblick
als mir bewusst wurde, dass ich
niemals
ihre Handschrift gesehen hatte…..

Alle Wörter
kamen aus Maschinen –
elektronischen Geräten.

Genormte Typen
vor virtuellem Hintergrund.

Nie hatte ich gesehen
wie sie schrieb
ohne Tasten.

Diese Linkshänderin.

Ich hatte beobachtet
wie ihre Hand
meinen Schwanz hielt –

doch niemals einen Stift.

Das muss nichts zu bedeuten haben –
& scheint mir doch symbolisch…..

vielleicht für die Beziehung,
vielleicht bloß – für diese Zeit.

Wie auch immer –
ich finde es schade.

Ich hätte sie gerne
(wenigstens einmal)
gesehen.

 
Die fehlende Handschrift


Das Klopfen in der Wand

Lautlos lief das Wasser
durch das alte Rohr in der Wand

Lautlos
weil es kalt war

Kalt
wie das Rohr
Kalt
wie die Wand

Kaum kälter
als das Haus im Winter

Als das Wasser wärmer wurde
fing es an zu klopfen

in der Wand

Unregelmäßig
wie der panische Herzschlag
eines Eingemauerten

Es war wie
unbekanntes Leben
in meiner Einsiedelei

Wer weiß schon
was in den Wänden seines Hauses haust

Schnell
drehte ich den Wasserhahn wieder zu

Ruhe


Die rote Nacht

Rot war die Nacht
wie die Vorstellung der Hölle
wie das Blut, das man erahnt
unter der Oberfläche
Eiskristalle krachten wie spröde Rasierklingen
Und verdunkelte Fenster
waren die geweiteten Pupillen der Schlaflosen
In den Verließen der ungeträumten Träume schmachteten
die von allen guten Geistern Verlassenen
Und gebrochene Blicke aus lidlosen Augen sahen das Nichts
Gedankenkreise, eingesperrt in Quadrate
Schnittstellen vergangener Berührungen
Wahn & Sinn & Losigkeit tanzten spinnenbeinig miteinander
Musik existierte nicht mehr
Und kein Rausch konnte die Leere füllen
In den Handgelenken pochten die Endlosschleifen
Und Alles, was jemals vergessen worden war,
sammelte sich in einem berstenden Totenschädel
Ein Hilferuf passte nahtlos in ein Schweigen &
verschwand darin
ohne Wider
hall

Rot war die Nacht
& dann
ganz

Stille


Die Flaschenpost

Man stelle sich
eine Flasche vor.
Eine Flasche, die
schreiben kann.
Sie schreibt sich
einen Abschiedsbrief &
steckt ihn sich
in den Hals.
Dann
verschließt sie sich
& stürzt sich
in den Ozean.

Es ist unfassbar,
was man sich
alles vorstellen kann.
Sogar das
un
sinnig Sinnlose & Un
mögliche kann man sich
aus
malen.

Es ist ab
surd.


Die Nuancen des Nichts

Da war Nichts.
Dann kam Etwas.

Etwas verschwand
wieder.

Da war Nichts
erneut.

Doch
das neue Nichts war anders
als das alte.

Das alte Nichts hatte nur von
Etwas geträumt.

Das neue Nichts hatte es erfahren
& verloren.

Die Erinnerung an Etwas
war Etwas

& doch
Nichts.

Es gibt
so viele Nuancen des
Nichts.

Schattierungen
des sinnlosen Schmerzes.

Grade
der schmerzvollen

Sinnlosigkeit.


Ballast über Bord

Wie oft man doch seinen Stolz
über Bord wirft – wenn
das Schiff sinkt.

Als würde es dadurch leichter.

Würde!
Guter Witz.
Auch so’n Ballast.

In mancher Beziehung.

Wie oft –
wusste ich nicht.
Es war mir auch
egal, dass ich mir selber
peinlich wurde.

Ich warf einfach –
mit leeren Händen.

Aus vollem Herzen.

Auf Rettung
bedacht.

In den Sturm
fluten.

Sicher war ich
der Schwächere.

Auch das
war mir egal.

Da ich es für meine Stärke hielt.

Ich konnte nicht schweigen –
wie die Frau es konnte.
(Die Umkehrung aller Klischees.)
Und obwohl ich wusste, dass genau dies
der falsche Weg war, irgend etwas zu retten, ver
mochte ich keinen anderen Weg zu
gehen. Worte.

Nichts
als
Worte.

Unbeantwortet.

Rettungsringe ohne Luft.
Schutzschilde aus Glas.
Abgestumpfte Waffen.

Der Stolz der Geliebten war wie ein Diamant.

Denn der Stolz des verletzten Kindes
wird oftmals zur Härte. Später.

Aus demselben Grunde schreibe ich

Verletzendes. Oftmals.

Das Bild, das man gerne vermitteln möchte, hängt
dort – wo es niemand sehen kann.
Außer
man selbst.
Im wurmstichigen Rahmen
des Stolzes.

Und man hätte es auch gerne
von sich selber.

»Diejenigen, die betonten, dass ich sie
unbedingt hatte haben wollen,
hatten mich nicht lange.«

Ich verstand diesen Satz
sehr gut. Er fiel
in der Anfangszeit.

Er hatte seinen Ursprung dort –
wo sie & ich uns ähnlich waren.
Was ihn provoziert hatte, stammte
aus derselben Quelle.
(Und dass ich ihn hier zitiere – leider auch.)

All diese Bilder
& Metaphern, die mir ein
fallen:

das Schiff
die diamantene See
die Sturmflut
& der heulende Wind
das Abtauchen
& Ertrinken …..

Das Selbst
Bild …..

Worte.
Nichts als
Worte.

Worte, die einen Grund haben.
Einen Abgrund sogar.

Wie die Worte
auf dem Bild, das in ihrer Küche hängt –
die ich nur von einem Foto kenne.

Das Bild kann man überall kaufen.
Als Poster. Mit verschiedenen Motiven
als Hintergrund. Doch diese Motive, diese
Hintergründe sind immer
Frauen. Aufreizend.
Und begehrenswert.

Die Worte
sind stets gleich:

»Mich zu lieben ist eine Strafe,
mich zu kriegen ist ein Kampf,
mich zu haben ist eine Ehre,
mich zu verlieren ist

DEIN UNTERGANG!!!«

Nein,
ich hatte nicht
kämpfen müssen.

Und – nein,
es wird nicht leichter.
Egal,
was über Bord
geht.


Dieses Loch

Dieses Loch

winzig
kaum zu sehen

Ein kleines Bisschen
Glut
war mir in den Schoß gefallen

zusammen
mit der Asche

als die Frau
rauchend gelacht hatte

Dieses Loch
im Stoff

Eine Erinnerung

im Schritt

im Weiter
gehen

Gemeinsames Gelächter

Nur
ein Loch


Die Sehhilfe der Toten

….. & unversehens
konnte ich sie erkennen – sie
wieder erkennen:

die Zeichen
& Buchstaben

die so verschwommen
gewesen waren;

die mir Kopfschmerzen bereitet hatten
durch die Anstrengung, meinen fehlsichtigen Blick
einzustellen

auf sie.

Ich hatte eine vergessene
Brille gefunden
in meinem Haus.

In einem alten Schrank, der
verschlossen gewesen war.

Die Brille
einer Toten.

Sie hatte sie liegengelassen.
Vor langer Zeit.

Als wäre diese Tote
der Zufall gewesen, der
die Dinge irgendwo versteckt,
wo man sie findet,
wenn man sie braucht.

Wie im Spaß
setzte ich sie auf –
diese Sehhilfe.

Und plötzlich wurde
Alles

deutlich;
die Zeichen

größer.

Alles
rückte näher,

& die Kopfschmerzen
vergingen.

Ich musste lachen.

Denn im Leben
hatte sie,
die schon so lange verbrannt & begraben war,
Alles
anders gesehen

als

ich.

 

Brille


Der Klingelton

In der Vergangenheit war ich
der Klingelton einer Frau.
Eine alte Aufnahme
meines Gitarrengeklimpers
auf ihrem Handy. Aus
einer noch ferneren Vergangenheit –
als meine Fingerkuppen noch
eine Hornhaut hatten.
Sie liebte das Geräusch
des Umgreifens – das Quietschen
zwischen den Akkorden. Und mich. Und je
neuer die Saiten, desto besser
& lauter.
Manchmal hörte ich mich spielen,
während ich auf ihr herumspielte; oder
ihre Zunge dort war, wo sie immer hätte sein sollen.
Dann war ich mir selbst
eine ärgerliche Unterbrechung; und sie
sprach mit Anderen.
Doch wenn sie fort war
– egal wo –
wusste ich, ich war
so etwas wie
die Hintergrundmusik ihres Tages.
Immer da – mit meinem amateurhaften Begreifen
der Saiten.
Heute
hat sie ein anderes Handy
& einen anderen Klingelton.
Irgendeine Konserve. Von Fremden.
Es hätte keinen Sinn
sie anzurufen.
Entweder wäre besetzt, oder
sie ginge nicht ran. Kein
Klingelton erinnerte sie
an mich. Keine Harmonie.
Und außerdem
habe ich schon lange keine
Hornhaut mehr. Und
keine Lust mehr
zu spielen.

 

(Das Klingeltongeklimper:)


Eine Art Schlaganfall

….. als wäre die Liebe nur eine Sonderform
des Schlaganfalls – der irgendwelche
Hirnregionen lähmt ….

So kommt’s mir manchmal vor.

Man liegt da.
Mit Taubheitsgefühlen.
Kann sich kaum artikulieren.
Funktionen eingeschränkt.

Blitz & Donner im Schädel,
Blutungen in unsichtbaren Zentren –

& wenn’s schlecht läuft,
endet es
tödlich.

Und schlecht läuft es immer dann –
wenn man lange genug wartet.

Was nicht lange sein muss.


Wolle. Foto machen.

»Oh, eine Strickjacke«, sagte ich.
»Na ja«, sagte sie (also: die Frau sagte es),
»`s is kalt draußen. Außerdem ist die bequem.«
Fast klang es wie eine Entschuldigung.
»Also – ich finde die geil«, sagte ich. »Genau
die richtige Länge. Und fühlt sich gut an. Und
dieser reizende Reißverschluss…..«
Zzzzziiippppp!

Dann, nackt im Bett, sagte sie:
»Ich hol mir noch’n Bier.«
»Ich komm mit«, sagte ich. »Fotos machen.
Für einsame Stunden.«
Sie grinste. »Soll ich die Strickjacke anziehen?«
»Ach – du liest in mir wie in einem Buch.«
»Ja. Wie in einem Schmuddelroman.«

Und dann stand sie da. In der Küche. Vorm Kühlschrank.
Dem Kühlschrank zugewandt. Und die Strickjacke
bedeckte ihren Arsch ungefähr zur Hälfte. Und
die Kamera machte Klick! & Klick! & KlickKlickKlick!
Ohne Blitz. Ich hasse Blitzlicht. Die kleinen bunten Lampen
zwischen den Schnapsflaschen waren eine so viel schönere
Lichtquelle. Ich verwackelte etwas. Doch dadurch wurden
die Fotos nicht unscharf. Das Wortspiel mit der Lust
erspare ich mir. Und noch ein paar andere.
Ich mag die langen Ärmel. Sie unterstreichen
die Nacktheit der Beine.

Die Erotik der Strickjacke wird unterschätzt.

Die einsamen Stunden – sie kamen.
Viele davon. Eigentlich
brauche ich die Fotos nicht.

Wofür auch immer.

Doch es ist schön
sie zu haben.

Sie zu haben
war schön.


Grillen

Ich hasse Grillen!
Nicht das Gezirpe. Das gesellige.
Nicht die Tiere (obwohl auch die nerven können), sondern
die Versammlung von Menschen ums atavistische Feuer.
Und eine Versammlung beginnt bei 3.
Gestank, Gerede – nicht einmal
den kanzerogenen Fraß (sinnigerweise Grillgut genannt) kann ich leiden.
Miefige Gartenzwergidylle.
In der »freien« Natur.
Die Pappteller & das Plastikbesteck sind noch
das Beste daran.
Ich hasse den Rauch –
& den Brauch
auch.
Lasst uns uns treffen, schmatzen & smalltalken!
Wenn die paar Menschen, die mich kennen, einen Witz machen wollen,
sagen sie: »Wir kommen dann mal zum Grillen bei dir vorbei.«
Und ich muss wirklich – jedes Mal – lachen. Mir gefällt die Doppelpointe:
Grillen & Vorbeikommen!
Ich mag kaum darüber nachdenken, was die Meute da
zusammen treibt. Um die Kohle herum.

Zuweilen höre ich sie.
Eine einzelne Grille.
Oder eine andere.
Oder mehrere.
Manchmal ist es beruhigend –
kleine Wesen in der Nähe zu wissen;
manchmal störend.
Wenn sie mich stören, können sie nichts dafür.
Es ist ihre Natur.
Das macht mich nicht traurig.

Nun gut, vielleicht liegt es auch in der Natur
des Menschen –
zu grillen…..

Noch immer.

Das allerdings
wäre
traurig. –

Wie dem auch sei –
am sympathischsten sind mir
nach wie vor
die Grillen

in meinem Kopf.

Eine wimmelnde Versammlung, die
gar nicht groß genug sein kann.


Nichts. Passt.


Kitsch, Kälte, Notwehr, Zote,
Selbstmitleid & Sex & Gier…..

Chaos.

Nichts passt zusammen;
so scheint es
mir
oftmals –

wenn ich überfliege,
was ich in kürzester Zeit zusammengeschrieben habe.

Vor allem
wenn es um Liebe geht.

Geht es um Tod,
so ist doch wenigstens noch
eine gewisse Einheitlichkeit vorhanden.

Beinahe Ruhe.

Aber Liebe? –
pfui Deibel!
Als ob es ums Leben ginge.

Über
all
Wider
sprüche.

Sehnsucht & Schmalz in der einen Minute.
Zurückweisung & Beleidigung in der nächsten.

Ein einziges wütend peinvolles Durch
einander.

Ach ja – Leben.

Chaos.

Passt.

Irgendwie.

Mit-, Gegen- & Durcheinander.

Nichts
passt zusammen.
Oder Alles.

Scheinbar oder anscheinend.

Nichts? –

Passt!


Fantastische Phantasie

Man braucht schon Phantasie,
um sich vorstellen zu können –
keine zu haben.

Ich zum Beispiel
habe manchmal das Gefühl,
die biochemischen Prozesse
in meinem Gehirn
spüren zu können.

Dann
kann ich meine Gefühle
kaum noch ernst nehmen.

Das ist fantastisch!


Zu spät geboren – oder: Irgendwas ist ja immer

Manche Frauen sollte man kennenlernen
bevor sie zur Mutter werden.

Bevor
– aus nahezu krankhafter Überkompensation
irgendwelcher Defizite & schlechter Erinnerungen
an die eigene Kindheit –
das Gluckenhafte & Kittelschürzige in ihnen
ausbricht.

Wie bei meiner Mutter.

Nun ja, es gestaltete sich schwierig
für mich
meine Mutter kennenzulernen –
bevor sie Mutter wurde.

Es war wohl zu spät
als ich zur Welt kam.


Die trockene Romantikerin

Der Satz ist
auf ihrem Mist gewachsen.
Sie hat
das Urheberrecht.

„Ich bin trockene Romantikerin.“

Andere
mochten den Satz.
Fanden ihn
lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ich hasste ihn.
Fand ihn
zum Kotzen.

Diesen Satz & fast
Alles,
was er implizierte –

den Entzug
die Nüchternheit
das Rauschlose

& den kalten Blick.

Nun gut,
im Moment war auch ich
trocken.

Hatte mit dem Saufen aufgehört.
Das war keine große Sache. Eigentlich.
Denn es gab keinen Entzug. Im
eigentlichen Sinne. Ich war
nicht körperlich
abhängig gewesen.

Zumindest nicht
vom Alkohol.

Meine Sucht war leichter
& komplizierter
zugleich

gewesen.

Lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ja, ich bin nüchtern
in diesem Augenblick.

Aber nicht
rauschlos; nicht
kalt.

Und es besteht immer die Möglichkeit
des Rückfalls.

Die Gefahr
oder
die Hoffnung.

Und dann werde ich wieder
trinken.

Im besten Fall:

Den Saft der
rückfälligen Romantikerin.


Der verschwundene Weg

Der verschwundene Weg


Traumblöd & realitätsnah

Ich war so blöd
in meinem Traum.

So fantasielos
& realitätsnah.

Ich war unterwegs
in meinem Auto

zu einem
bekannten Ziel.

Dabei standen mir doch

Fliegende Teppiche

zur Verfügung.

Raumschiffe
& Flügel.

Und es gab
so viele
unbekannte Ziele.


5 Flaschen

Ich öffnete den Kühlschrank.
Da lagen sie – die letzten 5 Flaschen
Bier. Im untersten Fach.
Ich nahm sie heraus.
Hielt sie gegen das Licht.
Trübe Aussichten. Einsichten.
Schleier schwammen in den Flaschen.
Ich las das Datum. Abgelaufen vor Monaten.
Ich öffnete eine Flasche nach der anderen.
Kippte alles in den Ausguss.
Biergestank. Der verflog.
Verschwendung, dachte ich. Ach,
was soll’s!

Das Bier war ohnehin nur
für Besuch.
Die letzten 5 Flaschen aus einem Kasten,
der im Keller stand. 5 Flaschen
für den Ausguss. Die anderen
waren ausgetrunken worden.
Immerhin. Auch sie
nicht von mir.


Gründe

Ihren Hinter
grund
sah er genau

Jeden Quadratmillimeter

er
kannte
er

deutete er

Sie
war sein Vorder
grund

Zwischen ihnen
ein Ab
grund

für Alles
was fallen konnte

Gefallen
war

Gefallen existierte
zwischen ihnen

weiter
hin

Ihren Hinter
grund
sah er genau

versuchte er
zu deuten

Sie war

durchschaubar


Das Frühstücksei-Einerlei

»Das Frühstücksei schmeckt immer
gleich.«

»Das ist nicht wahr. Eine Täuschung.
Es liegt nur an dir.«

»Natürlich ist es wahr.«

»Du tust doch Salz auf dein Ei.«

»Ja.«

»Wie wahrscheinlich ist es, dass
auch nur 2 Mal dieselbe Menge
an Salzkörnern auf dem Ei landet?«

»Du spinnst ja.«

»Nein. Es liegt nur an
den Sinnen.«

»Du sprichst vom Salz.
Ich: vom Ei.«

»Das ist mir wahrlich
einerlei.«


Der zweite Sommer

Der zweite Sommer war heißer
als der erste.

Im ersten Sommer
sagte die Frau, es sei
ihre Gewohnheit, nichts drunter
zu tragen. Unter

dem Rock
dem Kleid
der Hose.

Und ich hatte keinen Grund
zu zweifeln.

Im zweiten Sommer
trug sie jedes Mal, wenn wir uns sahen,
etwas drunter.

Und ich wunderte mich.

Erklärungen fielen mir einige ein.
Sie gefielen mir alle nicht.

Der zweite Sommer war heißer
als der erste. In
vielerlei Hinsicht.

Dann wurde es kühler.

Wie immer.


In den Bruchstücken meines Lebens

Das große Ganze
erkenne ich
in den kleinen Bruchstücken
meines Lebens

manchmal
vielleicht.

Dort
wo sich mein Leben
an Leben & Tod
von Anderen
bricht

wie Licht.

Alles
eine Frage
der Optik.

Und
des Blickwinkels.

Aber vielleicht
ist da auch
gar nichts.

Aus
der Nähe betrachtet.

Und alle Anderen
zu weit weg.

Alles nur
zerbrochen &
eine optische Täuschung.


Unter der Erde

Eine Nacht
erfüllt von schweigenden Geräuschen
verstummten Stimmen
dem Schlaf von Fremden.

Was von mir übrig geblieben war
wachwandelte durch die Kälte.
Nachthimmellicht fiel
als Blässe in den Nebel über dem Feld.

Der Mond nahm.
Ob ab oder zu war mir gleich
gültig.

Hartgefroren war die Erde.
Der Boden unter meinen Füssen
den ich noch immer nicht verloren hatte
wie so vieles Andere.

Durchschleierte Weite.
Der Geruch von feuchter Luft.

Kein Mensch war. Unter
wegs.

Nur: ich.

Ich hatte vergessen
wo er begraben lag –
der kleine hölzerne Kasten.

Ich hatte keine Karte
für meinen Schatz
& Alles
sah verändert aus.

(Als ob
Einöde & Leere
sich verändern
könnten.)

Ich würde ihn nicht finden.
Nicht wiederfinden. Das
wusste ich.

Wusste es in mir.
Das immer weiß, was ich nicht wahr
haben will.

Ab & zu
schloss ich die Augen
um mich zu erinnern.

Versuchte
zu hören
was ich
begraben hatte.

Doch ich war taub
vom Schweigen
das ich vernahm.

Das Holz war schon faul gewesen
als ich es begrub.
Es musste längst verrottet sein.

Stille. Stille. Stille.

Sie hatte in diesen Kasten gesprochen.
Seinerzeit. Unsererzeit.

Worte
im Schleier ihres warmen feuchten Atems.

Hart
gefroren
war
die Erde.

Ich war zu faul
um weiter
zu suchen.

Fast schon
verrottet.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Schattengrenze

Zwischen Deinen Grenzen
& meinen
liegt unsere gemeinsame
grenzenlose Freiheit.

Eine Freiheit

die
nichts
mit freiem Willen
zu tun hat.

Dort
möchte ich Dich
treffen.

Komm!

Diese Grenzen
sind nur
unsere Schatten.