Die Schatten unter den Augen
meines Vaters
auf dem letzten Foto
vor seinem Tode
sind die Schatten
in mir.
Manchmal sehe ich sie
in meinen Augen.
Und immer häufiger
darunter.
Die Schatten unter den Augen
meines Vaters
auf dem letzten Foto
vor seinem Tode
sind die Schatten
in mir.
Manchmal sehe ich sie
in meinen Augen.
Und immer häufiger
darunter.
Ein roter Lampenschirm,
erleuchtet in einem düsteren Kellerzimmer.
Zigarettenrauch, der durch die Luft schleiert.
Kondensperlen auf einer halbleeren Bierflasche.
Ich sitze auf dem einzigen Sessel, nackt;
sie sitzt, nackt, auf dem Teppich, zwischen
meinen Beinen, angelehnt, ihren Rücken
mir zugewandt.
Wir reden über:
Krankheit
Sterben
Tod.
Meine Füße ruhen auf ihren Beinen,
ihre Hände auf meinen Füßen,
meine Hände – bald auf ihren Schultern,
bald, wenn ich mich vorbeuge, auf ihren Brüsten.
Regengeprassel. Entfernter Donner.
Im für uns unsichtbaren Tageslicht steht
ihr Auto. Auf meinem Parkplatz. Das
Seitenfenster einen Spalt breit geöffnet.
Als sie ankam, schien noch die Sonne.
Jetzt befürchtet sie, es könnte hinein regnen.
Ich sage, der Regen könnte eine andere Richtung haben.
Wir reden über:
Krankeit
Sterben
Tod
Leben.
Die Musik, die im Schlafzimmer läuft, dringt nicht
bis hierher.
Plötzlich ein Geräusch aus einer dunklen Ecke –
als würde dort jemand pissen.
»Was ist das?« sagt sie.
»Das Regenwasser, das aus dem Schornstein
in eine Vase abläuft.«
»So viel? – Ich werde einen nassen Arsch
im Auto kriegen.«
»Vielleicht«, sage ich.
»Jetzt isses eh zu spät«, sagt sie.
Sie zündet sich noch eine Zigarette an;
ein Feuerzeug mit integrierter Uhr.
Die Uhr ist
stehen geblieben.
Es begann kurz nach dieser
Trennung, die meinen völligen
Zusammenbruch bedeutete.
Die Akne, die ich bis dahin lediglich
im Gesicht gehabt hatte,
breitete sich über meinen
ganzen Körper aus, und
ich bekam eine kahle Stelle
am Hinterkopf –
Kreisrunder Haarausfall. –
‚Wie passend, dachte ich: Eine
Autoimmunkrankheit!’
»Stress gehabt?« fragte der Hautarzt.
Ich nickte. (So wie ich beim
Augenarzt auf dieselbe Frage genickt hatte;
der war darüber verwundert gewesen, dass
meine Augen
innerhalb weniger Monate
einen Sprung von
+0,2 Dioptrien auf
-3,25 gemacht hatten.)
Der Hautarzt also jagte mir mehrmals
eine kleine Nadel in die kahle Stelle &
verschrieb mir eine Teertinktur, die
dort aufgetragen werde musste.
Tatsächlich wuchsen die Haare
irgendwann wieder nach.
Zur Behandlung der Akne hatte er
auch diverse Ideen, aber alle wären
mit Zeitaufwand verbunden gewesen.
Dazu hatte ich keine Lust; es war mir
egal.
Außerdem fand ich es interessant, dass
meine Haut davon berichtete, wie es
mir ging …..
Pickel, Narben …. Warum nicht?
Und als später der Kreisrunde Haarausfall
meine Schambehaarung befiel,
unternahm ich auch dagegen
nichts mehr. –
Diese Frau & ich – wir kamen wieder
zusammen; immer wieder mal, für
kurze Zeiten.
Sie betrachtete meine Haut,
sie streichelte die Pickel, die Narben.
»Stört es dich nicht?« fragte ich.
Auf dem Nachttisch lag
meine neue Brille.
»Du spinnst doch«, sagte die Frau.
Sie grinste. »Dreh dich mal rum.«
Und sie bedeckte meinen Rücken mit
Küssen. Sie hatte
verstanden.
Manchmal glaube ich
ich bin das kranke Licht
das kranke Mücken anzieht
die mein krankes Blut wollen
Vielleicht
glauben sie
Krank
mal
Krank
ergibt
gesund
Doch das wäre
zu nahe
an der Mathematik
die mein Leben
nicht
erklären
kann
Im Bett mit einem besonders
grimmigen Kater
in meinem Magen,
meinem Herzen,
meinem Kopf.
Als ich zufällig
auf eine bestimmte Weise
zu liegen kam,
begann mein linker Arm
unwillkürlich
zu zucken.
Heftig.
Hochschnellend.
Immer wieder.
Wie der Schenkel eines
toten Frosches,
durch den man Strom jagt.
Ich fand das lustig.
Beinahe hätte ich gelacht.
Aber beim Lachen hätte ich
vielleicht
kotzen müssen; deshalb
lächelte ich nur
innerlich.
Nein, ich bin
kein Frosch.
Und ein Prinz
bin ich auch
nicht.
Obwohl
ich mich oftmals
ver-
wünsche.
Wenn das Leben
auf Dich hernieder
regnet
& Du Deinen Schirm
aufgespannt hast
überlege Dir gut
ob Du
Alkohol
trinken möchtest
Nicht nur Du
würdest
Dich
auch
Dein Schirm
könnte
sich
entspannen
& Du
würdest
nass
werden
& Dich
erkälten
& vielleicht
an
einer
Entzündung
sterben
Leben
Sie lag auf dem Tisch
bedeckt von grünem Tuch
Das Tuch hatte ein Fenster
In dem Fenster:
Ihr geöffneter Brustkorb
Der Chirurg
maskiert
operierte
ihr bloßgelegtes Herz
Der Anästhesist
war ein
Sadist
& ließ sie
erwachen
Es braucht
nur eine Kleinigkeit.
Zum Beispiel:
Eine Erkältung.
Ein bisschen Rotz ….
Ein bisschen Halsweh ….
Schweiß & Krankheitsgefühl ….
& schon
wird einem das
Alleinsein
noch bewußter –
& so planetenschwer
dass man es kaum noch
ertragen kann.
Da ist
Niemand
der nach einem sieht.
Niemand
der einem etwas ans Bett bringt.
Niemand
der wärmende Worte hat.
Niemand
der sich ansteckt. –
Es ist
nur eine Kleinigkeit.
Eine Kleinigkeit
die kaum
zu ertragen ist.
Dieses Brennen in der Kehle
war ungeheuerlich.
Die Nacht davor hatte aus
Martinis bestanden,
Gin, Vodka, Kräuterliköre,
Rotwein & Absinth. Zigarren.
Nichts konnte das Brennen
löschen.
Kein Tee, kein Wasser.
Ich dachte an Bogart &
an Lauren Bacalls
Schilderung seines Sterbens.
Andere Gedanken
wollten nicht kommen.
Jämmerliches Verrecken & Tod.
Ich schaute einen Porno &
holte mir einen runter.
Einsamkeit.
Sonst nichts.
Das Brennen.
Irgend etwas brennt immer.
Wie das Verlangen.
Etwas Eisiges wollte ich
in meine Kehle schütten.
Eine Betäubung.
Ein Vergessen.
Da war noch Vodka
im Tiefkühlfach.
Der reichte für
einige weitere Martinis.
»The whole world is about
three drinks behind.«
Schmerz mit Gegenschmerz bekämpfen.
Feuer mit Gegenfeuer.
Doch nichts
kann es löschen.
Es bleibt.
Bis zum jämmerlichen Verrecken.
Dieses Brennen.
Und irgendwann möchte man
nicht mehr an sein Ende gelangen,
an das Ende des
langen, düsteren Tunnels,
durch den man sich seit
Jahren,
vielleicht sogar seit
Jahrzehnten bewegt hat.
So sehr hat man sich
gewöhnt
an die Geborgenheit
der Mauern & die
Gleichförmigkeit der Düsternis.
An das Echo
der eigenen Schritte.
Und man fürchtet sich
vor dem Licht, das einen
schmerzhaft blenden würde.
Und dort
im Licht
könnte einem klar werden,
wie hässlich
der Tunnel doch eigentlich
gewesen war –
& wieviel Zeit
man
unwiderbringlich
in ihm
verloren
hat.
Er bemerkte ihn nicht.
Den seltsam grinsenden Mann,
der in der Masse
hinter ihm stand.
Im Gedränge des Lebens.
Und er spürte nicht,
wie die Hand des Mannes
langsam & geschickt
in eine seiner Taschen glitt.
Er bemerkte nicht, dass
der Mann da gewesen war,
und er bemerkte nicht,
dass der Mann
wieder verschwand.
Lange Zeit bemerkte er gar nichts.
Denn er vermisste nichts.
Erst spät,
sehr spät
fand er etwas.
Er fand es in
einer seiner Taschen.
Es war
eine Quittung.
Die Quittung für
sein Leben.
Und für all das, was er
sich selber
angetan hatte.
Und dann begann er
zu spüren,
was ihm
gestohlen
worden
war.
(Inwendig vorgetragen:)
Man kann
die Augenränder
deutlich
sehen
auf diesem Foto.
Wusste er,
dass er
aufgefressen wurde
von innen
als er
in die Kamera blickte?
Wusste er,
dass er
im Sterben
stand?
Die Augen
in den Rändern
blicken so
wissend.
Jenseits
der Ränder –
ein Abgrund.
Ich blicke
zurück.
Zurück
in diese Augen
mit ihren
2
Dimensionen.
Ich blicke
zurück
mit
meinen
Augen
Mit meinen Augen
die
den seinen
so ähnlich sind …..
Und
was
weiß
ich?
Sie
hat keine Ahnung.
Keine Ahnung
dass ich
irgendwann
nach langer Zeit
wieder
mit dem Schreiben anfing.
Sie – die
häufiger
in meinem
Ge
schreibsel
auftaucht
als irgend jemand sonst ….
Sie – die
sogar dort
präsent
ist
wo sie nicht
auftaucht ….
Vielleicht sogar
dort
wo es
um Andere geht
…..
Dabei mochte sie
meine Worte
in graubunter Vorzeit.
Damals
als sie
neben mir lag & ich ihr
wenige Seiten
zeigte.
Doch die Worte
die ich ihr zuletzt schrieb
vor Jahren
mochte sie
nicht.
– – – – –
Sie lebt noch
das weiß ich.
Aber das ist auch alles
was ich noch weiß.
Einmal
im Suff
wollte ich ihr
den Link zu meinen Texten
schicken
Ihre Email-Adresse
existierte nicht mehr
als ich wieder nüchtern war
war ich froh darüber.
Zu wissen
dass sie mitliest
könnte mich
beeinflussen –
Zu wissen
dass sie mitliest
könnte mich
verstummen lassen …..
Und doch –
Was – wenn
sie sterben würde
ohne gelesen zu haben?
Was – wenn
sie erst
nach meinem Tode lesen würde?
Wir sind dem Tod
beide
so viel näher
als damals.
Sie war dem Tod schon
zwei Mal so nahe gewesen
so nahe – – –
näher als ich
jemals
(fast so nah
wie wir uns gewesen waren)
ohne
dass ich es wusste …..
Ich
hatte keine Ahnung.
Und sie rief meinen Namen
auf der Intensivstation
ohne dass ich es wusste …..
Sie rief ihn
ohne Bewußtsein
innerlich blutend
betäubt
kämpfend
& Der
der bei ihr war
hörte es.
Er sagte es ihr –
später
Sie sagte es mir –
noch später …..
– – – – –
Und
irgendwann
könnte
Alles
zu spät
sein
Mein Neffe lachte.
Immer wieder.
So herzerfrischend.
Und er sagte
mit sich überschlagender Stimme:
»Oma hat gepupst.«
Er sagte es oft, denn
er bekam oft
Gelegenheit
dazu.
Denn
seine Oma
hatte einen
künstlichen
Darmausgang.
Man ärgert sich
maßlos
wenn
man etwas
verschüttet
vom Cocktail
der einen
Geld
gekostet hat
Vom Cocktail
der einem
helfen sollte
sich
besser
zu
fühlen
Doch
vielleicht
meinten es
die
Verschüttgötter
ja nur
gut
mit einem
Sie sahen
vielleicht
den kommenden
Kopfschmerz
&
vielleicht sogar
den
vorzeitigen
Tod
Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
frage ich mich:
Was würde,
was könnte
ich alles schreiben, wenn
ich mich
gesund fühlen würde?
Körperlich.
Ohne Schwindelanfälle ….
Ohne Benommenheit ….
Ohne Konzentrationsschwäche ….
Ohne chronische Müdigkeit ….
Ohne tanzende Flecken vor den Augen?
Ohne Kopfschmerzen ….
Was würde,
was könnte
ich alles schreiben?
Große Romane?
Philosophische Werke?
Ausgefeiltes, zu Ende Gedachtes?
Alles, was
einen langen Atem erfordert?
Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
stelle ich mir diese Frage.
Und wahrscheinlich
ist es gut, dass ich
die Antwort
aller Voraussicht nach
niemals
bekommen werde.
Wenn mich die Romantik überkommt,
zünde ich Kerzen an,
lege ruhige Musik auf,
öffne ein paar Flaschen Wein &
lese im Schein der flackernden Flammen
Beipackzettel.
Je schlimmer die Nebenwirkungen,
desto wohliger die Schauer;
die Kontraindikationen lerne ich auswendig,
um sie
gezielt zu mißachten, und
über die Dosierungshinweise lache ich laut.
Wechselwirkung – ein Begriff, den schon
Schopenhauer verachtete.
Zuguterletzt halte ich
die Zettel in die Flammen &
erfreue mich am
Brandgeruch.
Keine Fluchtmöglichkeit.
Kein Entkommen
vor dem Bild des Toten
in meinem Kopf.
Durch meine Augen wurde es
nach außen projiziert; ich
sah es
überall
vervielfacht –
wie ein Tapetenmuster auf den Wänden,
wie ein Teppichmuster auf dem Boden –
& ich sah es
in den Gesichtern aller Menschen.
Ich war dem Bestatter &
meiner Mutter in die winzige Kapelle gefolgt ….
Draußen war es längst dunkel.
Der offene Sarg stand zwischen hohen
Kerzenleuchtern.
Auf den ersten Blick
fing ich an zu
zittern.
Ein Gemisch aus Rotz & Tränen
tropfte auf den Boden.
Ich blieb nahe bei der Tür stehen,
keinen weiteren Schritt hätte ich
in Richtung Sarg machen können.
Die Augen des Toten schienen mir
nicht ganz geschlossen zu sein; sie
beobachteten mich.
Der Mund war nicht ganz geschlossen;
das Gebiss wirkte monströs
zwischen den zurückgezogenen Lippen.
Schmerz war der alte Meister, der die
vergilbte Haut gezeichnet hatte.
Die Frisur des Toten war
irgendwie seltsam – ähnlich wie er sie
im Leben getragen hatte, aber eben doch
nicht exakt so …. Der Bestatter hatte
die kaum ergrauten Haare gekämmt.
Als die Mutter an den Sarg herantrat &
das Gesicht berührte, das vom Krebs
leergefressen worden war, wurde
das Grauen für mich
unerträglich.
Und sie schaute zu mir herüber & fragte:
»Willst Du nicht näher kommen & Dich
verabschieden?«
Als ich den Kopf schüttelte, tropften noch mehr
Tränen & Rotz auf den Boden.
»Wir müssen gehen«, sagte meine Mutter
zu dem Bestatter. Der Bestatter war
der Vater eines Schulfreundes.
Sie nahmen mich zwischen sich, hielten mich
unter den Armen, da ich
kaum laufen konnte.
Und sie brachten mich zum Auto.
»Das war ein Fehler gewesen«, sagte sie.
Zuhause
ging ich in mein Zimmer.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Überall.
Ich schaltete den kleinen Schwarzweiß-
fernseher ein, den der Tote mir
knapp 1 Jahr zuvor
zu Weihnachten geschenkt hatte.
Es lief eine Spielshow, die
ich immer gerne sah.
Alle Beteiligten hatten
das Gesicht des Toten ….
Aber der Showmaster hatte auch
die Statur des Toten. Und
seine Frisur sah exakt so aus wie
die Frisur, die ich kurz zuvor gesehen hatte;
sie war
wie von einem Bestatter kreiert ….
Der Showmaster war
das Erschreckendste von all diesen
kleinen, schwarzweißen Wesen.
Und ich verstand nicht,
was sie sagten.
Und ich begriff nicht,
was sie taten.
Und die Träume, die folgten, waren
widerwärtig.
Und die Zeit, die folgte, ließ
das Bild des Toten
verblassen.
13 Jahre später
erhielt der Showmaster
einen Preis.
Er hielt eine Dankesrede.
Sein Gesicht
war leergefressen vom Krebs,
der Hemdkragen zu weit
für seinen Hals.
Schmerz war der alte Meister, der
unter der Schminke
sein Gesicht gezeichnet hatte.
Sein kaum ergrautes Haar
(im Farbfernseher)
schien mir ein wenig anders als sonst
gekämmt worden zu sein – –
aber ich mochte mich irren.
Kurz darauf
war der Showmaster tot.
Ich
schaute immer weniger
Fernsehen.
Der Bestatter hatte
meinen Vater fotografiert;
es war der Wunsch meiner Mutter gewesen.
Die Fotos tat sie in einen
altertümlichen Stahlsafe im Keller, den
mein Vater noch selber gekauft hatte.
Niemals wurden diese Fotos
betrachtet …..
Der Stahlsafe –
es gibt ihn noch.
Er steht noch immer in einem Keller.
Immer noch liegen die Fotos darin.
Noch immer
unbetrachtet ….
Manchmal
in durchzechten Nächten, wenn
die Musik
sehr laut ist,
zieht es mich in den Keller
wie an den Rand eines Abgrundes.
Schon als Kind glaubte ich oft,
in die Tiefe springen zu müssen ….
Doch etwas anderes in mir
hielt mich jedes Mal
zurück.
Und auch jetzt noch
ist es so.
Der Safe bleibt verschlossen;
die Fotos unbetrachtet
bis
(vielleicht)
kurz vor
dem
end-
gültigen
Sprung.
Nichts schmeckt so lecker
wie die Selbstzerstörung
in einer Nacht voll von Musik.
Nichts leuchtet so hell
wie die düstere Fantasie.
Doch der Nachgeschmack ist bitter,
und der Tinnitus pfeift
einen Trauermarsch.
Bevor die Finsternis
hereinbricht.
Die alte Frau lag auf dem Sofa,
die wassergeschwollenen Füße
auf der Armlehne ….
Der Fernseher lief. Werbung. Laut,
denn die Frau hörte schlecht.
Die Sonne schob einen Lichtbalken
durchs Südfenster, Staub flitterte darin.
Es war der Frau zu sommerheiß; sie
zitterte, als sie mühsam das Wasserglas
mit dem Strohhalm vom Tisch nahm, um
einen Schluck zu trinken.
Sie zitterte, als sie das Glas zurückstellte,
doch sie verschüttete nichts.
Manchmal blendete sie ein Lichtreflex, der
ihr, vom Metall des Rollators ausgehend,
direkt ins Auge stach.
Eine junge Frau in Unterwäsche saß auf dem Rand
einer Badewanne & rasierte sich die Beine.
Die alte Frau beobachtete sie dabei. Sie
betrachtete die glatte Haut durch die
dünne Staubschicht, die auf der Bildröhre lag.
Die Helligkeit im Zimmer ließ das Bild verblassen.
Eine Fliege verließ die Wohung durch die
geöffnete Balkontür, und als die Werbung
zu Ende war, begann die
Direktübertragung.
Die gefilmte Sonne …. Menschen, die sich
dunkle Filter vor die Augen hielten ….
Langsam näherte sich der Mond ….
Die Frau war sich sicher,
Finsternisse schon erlebt zu haben, aber
sie konnte sich nicht erinnern,
wann ….
Die Frau war sich sicher,
dass dies die letzte Finsternis ihres Lebens
sein würde.
Die letzte Finsternis, die nichts mit ihrem
Dasein zu tun hatte.
Durch das Fenster konnte sie die Sonne nicht sehen;
die Sonne stand zu hoch.
Sie schaute auf das Abbild im Fernsehen ….
Angespannt & maskenhaft war das
Gesicht der Frau; sie atmete
durch den geöffneten Mund.
Der Mond schien die Sonne zu berühren ….
Die Frau griff nach der Fernbedienung, die neben ihr
auf dem Sofa lag, und schaltete
den Ton aus – zu viel wurde
geredet – zu viel
kommentiert.
Sie verspürte nicht den Drang,
aufzustehen.
Langsam wie der Mond hätte sie sich
dem Balkon & der Sonne nähern können ….
– – Doch wozu?
Auf dem Bildschirm würde die Finsternis
total sein – hier, wo die Frau wohnte,
nur partiell.
Und während sich hinter der dünnen Staubsicht
der dunkle Kreis vor den hellen schob,
erloschen in dem Zimmer die Reflexe des Metalls,
und der fliegende Staub wurde unsichtbar ….
Ein scheinbar düsterer Tag lag jenseits des Südfensters,
und das Abbild im stummgeschalteten Fernsehen
wurde kräftiger ………….
Das Abbild
ihrer
letzten
Finsternis.
Ich kenne den Mann nicht, der soeben
niest.
Aber ich weiß, wie es sich anfühlt,
zu niesen.
Ich kenne die Frau nicht, die sich krümmt
vor Schmerz.
Aber auch ich habe schon aus dem
Arsch geblutet & mich gekrümmt
vor Schmerz.
Ich kenne denn Mann nicht, dessen
Schwester soeben
gestorben ist.
Aber ich kenne den Tod.
Ich habe keine Schwester, und
ich weiß nicht, was der Mann
für seine Schwester empfindet
& empfunden hat.
Vielleicht fühle ich das Niesen
ein wenig anders als
der Mann, der
soeben niest.
Vielleicht empfinde ich
den Schmerz ein wenig anders als
die Frau, die
sich krümmt.
Vielleicht sehe ich
den Tod ganz anders als
der Mann, dessen
Schwester soeben gestorben ist.
Aber nirgendwo sonst
sind die
Unterschiede
zwischen uns
so gering
& nichtig.
Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend
Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend
Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.
Man müsste sich nur
daran erinnern.
Ab & zu.
So oft
wie möglich.
Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.
Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?
Manchmal habe ich es so eilig,
aus einem fremden Gebäude herauszukommen,
dass ich nicht mal den Reissverschluss der
Lederjacke schließe; ich wickle mir den Schal
irgendwie locker um den Hals, werfe
irgendwie die Jacke um mich &
stürze zur Tür hinaus.
Draußen mag es stürmisch sein, kalt &
nass. Ich friere. Ich halte die Jacke zu &
gehe so schnell ich kann.
Auch draußen will ich sie nicht schließen,
denn ich habe es eilig.
Möglich, dass ich mich erkälte,
möglich, dass ich Fieber bekommen werde.
Möglich, dass ich über meine Unvernunft
lachen werde.
Später.
Was soll’s.
Manchmal kann ich das Geschwafel in
fremden Gebäuden einfach nicht ertragen;
und die Menschen sind mir zu viel.
Da laufe ich lieber durch Schnee & Eis &
Wind – mit offener Jacke &
kaltem Hals.
Der Schock raubte ihr die Stimme.
Sie wurde stumm durch den letzten Schock
in einer langen Kette von Schocks;
eine Kette, die sich wie eine
Würgeschlange um ihre Kehle wand
& langsam sich zusammenzog.
Und ich hatte ihre Stimme geliebt.
Und ich würde die Stimme immer noch lieben,
wäre sie noch immer da …..
Wörter werden auf Zettel geschrieben;
ich lese die Zettel, stumm – & ich
versuche die Worte zu hören mit der Stimme
in meiner Erinnerung. Aber
irgendwann wird auch die Erinnerung
verstummen –
& nur die Zeichen werden bleiben,
falls die Schlange überlebt.
Behäbig & feist & alt war sie,
weiß- & langhaarig; und seit ihrer Jugend
steckte das Diabologeschoss eines Luft-
gewehrs direkt neben ihrer Wirbelsäule.
Irgendein Nachbar hatte auf sie geschossen
(wie Nachbarn halt so sind).
Immer wenn sie hörte, dass die
Spritze vorbereitet wurde, beflügelte es
ihre Schritte. Schnell kam sie herbei –
bei Fuß, fast wie ein Hund. Die
Kanülen waren kurz.
Sehr rasch hatte die alte Katze gelernt,
wie gut es ihr nach einer Injektion ging.
Geradezu beschwingt bewegte sie sich
anschließend. Wie ich. Nach einigen
Gläsern Absinth. Das Insulin wirkte schnell.
Jeden Tag. Über viele viele Jahre hinweg.
Und dann kam die Wassersucht; der
hängende Bauch & das Umkippen …..
& die kurze Nadel bewirkte nichts mehr.
Ein Mann mit Ledertasche betrat die Wohnung;
in der Ledertasche eine weitere Spritze.
Die Kanüle, die er aufsteckte, war lang –
sehr sehr lang.
Und ich machte einen Fehler –
: Ich betrachtete das Gesicht der Katze,
als der Mann die lange Nadel direkt
in ihr Herz stieß …….
Für einen Sekundenbruchteil krampfte sich
das Gesicht zusammen, als würde es
nach innen & zur Mitte hin gezogen.
Dann entspannte es sich.
Der Absinth bewirkte nicht viel;
an diesem Tag.
Vielleicht liegt unter der Erde
noch immer das Diabologeschoss –
nach all den Jahren –
irgendwo – ganz einsam
& verlassen. Und
kalt
Der hellste Kopf erlischt
sehr schnell; die
universale Bildung wird
gelöscht mit dem
Durst des Todes …. die
Leere wird in
die Erde versenkt.
Würmer fressen verstorbene
Gedanken in Finsternis,
winden sich
in vertrockneten Windungen,
tanzen
in leeren Augenhöhlen …
Bild-Dung
End-Dung
Kompost
Was wächst daraus? – –
Aus Finsternis – –
Unkraut vielleicht ….
Blume vielleicht ….
Nichts vielleicht ….
Sinnlosigkeit
bestimmt.
>Das kaum hörbare Pfeifen in den
Heizungskörpern – so anheimelnd,
so gemütlich, wärmend – – -<
So dachte ich – oder
wollte doch so denken;
allein:
Es war August.
Die Heizung ausgeschaltet;
die Heizkörper kalt &
stumm.
Das Pfeifen war
in mir
in meinem Kopf
in meinem Ohr
& es war
unheimelnd
Die 1-tönige Melodie
des Vergehens
Erdacht von einem
wahnsinnigen Komponisten
Er wollte mich
betäuben –
mich dorthin treiben
wo er selbst längst war
& er war unerbittlich;
& er war ohne Mitleid
Und ich hörte ihm zu.
Und mir wurde kalt –
denn
die Heizung war
kalt
& stumm
Die Armbanduhr :
eine Fessel
Getragen im Kerker der
Zeit
Die Uhr im GlockenTurm :
betäubt die Ohren
mit Schlägen der
Vergehens
Die Taschenuhr :
ist die Hoffnung,
die Zeit
in die Tasche stecken zu können
Der Regulator :
bemüht sich
vergebens
Regeln in mein Leben zu bringen
Die Spieluhr :
spielt Melodien, die
ich nicht kenne – oder die
mein Leben vergessen hat …..
Die Eieruhr :
ist der dahinrieselnde
Trieb
Die Sanduhr :
ist meine Wüste –
ist
mein Durst – –
Die Standuhr :
ruht – wie die Realität ….
Und hat doch eine Unruhe
wie alle Uhren …..
Wie der Grabstein
über meiner Leiche.
Ich schiebe sie vor mir her
durch alle Gassen
meines Lebens
in einem Rollstuhl
: meine Schwäche
Sie ist gelähmt –
durch Muskelschwund
Doch auch ich
könnte nicht laufen
wenn ich mich
nicht stützen könnte
auf diesen
Rollstuhl
Beim Pissen blicke ich auf mein Gehirn,
28 Mal in GrauWeiß auf schwarzem Grund.
Über meinem Klo hängt das Bildnis der
Computertomographie,
ein gefangener Moment meines
Denkens
eingefangen in
Enge
Was dachte ich damals?
Erkenne ich meine Gedanken wieder –
in GraußWeiß auf schwarzem Grund?
Dort sind sie –
28 Mal
& ich pisse
bei ihrem Anblick.
Das Muster des Todes
in Deinem Rücken ….
Die Buckelpiste der
Schmerzen
über die der Blick
hinwegfährt
ohne Stoßdämpfer –
Tumore ohne
Humor –
& dennoch
kannst Du lächeln
wie ein Totenkopf,
über Empfindungen, die
hässlich sind –
weil Du ein Spiegel bist;
ein Spiegel, der
die Hässlichkeit
in ihr Gegenteil
verkehrt
& vielleicht
den Schmerz
in einen Schatten der
Hoffnung
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