An der Nadel

Behäbig & feist & alt war sie,
weiß- & langhaarig; und seit ihrer Jugend
steckte das Diabologeschoss eines Luft-
gewehrs direkt neben ihrer Wirbelsäule.
Irgendein Nachbar hatte auf sie geschossen
(wie Nachbarn halt so sind).
Immer wenn sie hörte, dass die
Spritze vorbereitet wurde, beflügelte es
ihre Schritte. Schnell kam sie herbei –
bei Fuß, fast wie ein Hund. Die
Kanülen waren kurz.
Sehr rasch hatte die alte Katze gelernt,
wie gut es ihr nach einer Injektion ging.
Geradezu beschwingt bewegte sie sich
anschließend. Wie ich. Nach einigen
Gläsern Absinth. Das Insulin wirkte schnell.
Jeden Tag. Über viele viele Jahre hinweg.

Und dann kam die Wassersucht; der
hängende Bauch & das Umkippen …..
& die kurze Nadel bewirkte nichts mehr.
Ein Mann mit Ledertasche betrat die Wohnung;
in der Ledertasche eine weitere Spritze.
Die Kanüle, die er aufsteckte, war lang –
sehr sehr lang.
Und ich machte einen Fehler –
: Ich betrachtete das Gesicht der Katze,
als der Mann die lange Nadel direkt
in ihr Herz stieß …….
Für einen Sekundenbruchteil krampfte sich
das Gesicht zusammen, als würde es
nach innen & zur Mitte hin gezogen.
Dann entspannte es sich.

Der Absinth bewirkte nicht viel;
an diesem Tag.

Vielleicht liegt unter der Erde
noch immer das Diabologeschoss –
nach all den Jahren –
irgendwo – ganz einsam
& verlassen. Und
kalt


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