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Fingernägel

Sie hatte sich einen Fingernagel
abgebrochen. Feilte daran.
»Ich hasse dieses Gefühl«, sagte sie,
»wenn ein Nagel derart kurz ist.«
Wir saßen auf dem Sofa, ich
schaute ihr zu.
Ihre Nägel waren mittellang,
rot lackiert.
Ich sagte:
»Ich liebe es, wenn Frauen
ganz kurze Fingernägel haben;
ohne Nagellack.«
»Soso.« Sie feilte weiter.
Ich beugte mich vor zum Tisch,
um mir noch einen Tee einzuschenken.
Da ließ sie
eine ihrer Hände
hinten
unter meinem T-Shirt
verschwinden …..
»Na -«, sagte sie,
»wie fühlt sich das an?«
»Hmmmm – vielleicht ….«,
sagte ich,
»ist das Aussehen mal wieder
weniger wichtig
als
das Gefühl.«
Etwas Tee war
übergeschwappt.
Sie betrachtete
meine Hände.
Sie sagte:
»Ich könnte niemals
so kurze Fingernägel haben
wie du. Ich hätte
gar kein Gefühl damit,
könnte
gar nichts
greifen.«
»Soso«, sagte ich,
»soll ich dir mal zeigen,
wo sich so kurze Fingernägel
gut
anfühlen?«
Sie legte die Nagelfeile
auf den Tisch..


Eine Morgendämmerung ohne Röte

Wir waren
so
verschieden.

Und wussten doch
beide,
was kommen
musste.

Ich war in dem Alter, in dem man
so oft rot wird wie ein
wolkenloser Sommerhimmel
in der Dämmerung.
Ein Klassenkamerad & ich
saßen im Wohnzimmer meiner Eltern;
die Freundin meines großen Bruders
war ebenfalls dort.
Wir 3 plauderten.
Irgendwann,
völlig zusammenhanglos,
sagte mein Kumpel, der
viel älter wirkte als ich:
»Es ist übrigens schön, dass ich
dich heute mal kennenlerne.«
(er sagte es zu ihr)
»Er….«
(er schaute in meine Richtung)
»….. schwärmt immer so
von dir.«
Sie
war
älter.
Fast
erwachsen.
1 Jahr vor
der Geburt ihres Sohnes.
Sie sah mich an.
Lächelnd.
Tief.
Fragend.
Durchdringend.
Ergründend.
Und ich
wurde

NICHT
ROT.

Ich wurde nicht rot …..

Denn andernfalls
hätte ich
auch
rot werden müssen,
sobald ich

meinem Spiegelbild
in die Augen
schaute.

Auch ich
lächelte.


Der Abschiedsbrief

»Hast du seinen Abschiedsbrief gelesen?
Ich erinnere mich nicht mehr an die
Gründe, die er nannte – aber
er schrieb:
‚Ich gehe in’s Wasser, weil….’ – –
Und er schrieb
‚Ins’ mit Apostroph!!!
Kannst du dir DAS
vorstellen?
Na ja …
mit Regeln
kannte er sich
nie
gut
aus.«


Keine Selbstverständlichkeit

Es war keine
Selbstverständlichkeit
für mich.

So oft hatte ich ihre Streits miterlebt.
Und so oft war es darum gegangen,
dass er wollte, dass sie
etwas
Bestimmtes
anzog.

Etwas
das
ihm
gefiel.

Schreiereien ….
Böse Worte ….
Knallende Türen ….

Manchmal blieb sie
hart
Manchmal
nicht

Und dann
als
wir
zusammenwaren

musste ich
sie
niemals
darum
bitten
anzuziehen
was
mir
gefiel

selbst dann nicht
wenn es
Dasselbe war
was
ihm
gefallen hatte.

Sie kam
von der Arbeit
nach Hause
in ihren langen Hosen
küsste mich
verschwand im Schlafzimmer
& kam zurück
in …… – – –

Für
Sie
war es
allem Anschein nach
eine
Selbstverständlichkeit

Für
mich
nicht.


Müllermilch®

Spiele!
Ich hasse sie!
Aber ich spielte mit.
Wir spielten Karten;
Sie
ihr Sohn (7 oder 8 Jahre alt)
& ich.
Auf der Terrasse, in der Abenddämmerung.
Der Junge trug bereits seinen Schlafanzug,
sie eins meiner Lieblingskleider.
Sie hätte mir in die Karten schauen können, aber
sie tat es nicht. Ich hätte ihr in die Karten schauen können,
aber
ich schaute lieber auf ihre Beine.
Sie & ich tranken Rotwein, der Kleine trank
Müllermilch.
Falter flatterten um die Petroliumlampe auf dem Tisch,
die Mücken hielten sich zurück. Wenn wir nicht tranken,
deckten wir die Gläser ab.
»Mama hat geschummelt«, sagte er irgendwann.
»Stimmt«, sagte ich, »ich hab’s auch gesehen.«
»Ihr spinnt doch«, sagte sie, »und überhaupt – Ihr
habt Euch hier nicht gegen mich zu verbünden.«
Ein Grinsen lief
reihum.
Der Kleine leerte noch einen Becher Milch ins Glas.
Sie sagte: »Meinst du nicht, dass das ein bisschen
viel ist?«
»Schmeckt so lecker«, sagte er.
»Ok«, sagte sie, »aber das ist das Letzte für heute.«
»Ok.« Er nahm einen großen Schluck.
Selbst als es ganz dunkel war, hatte sie
noch keine
Gänsehaut
auf den Schenkeln.

Schließlich ging der Junge aufs Klo &
putzte sich anschließend die Zähne.
Wir brachten ihn ins Bett, und
als sie sich über ihn beugte, um ihm
den Gutenachtkuss zu geben,
stand ich hinter ihr. Hinter
dem verrückten Saum ihres Kleides.

Am nächsten Morgen
beugte sie sich
über mich.
»Ey, Penner, aufwachen,
aufstehen.«
Ein Kuss.
Das Licht kam von hinten. Durch die Tür.
Ins dunkle Zimmer.
Sie sagte:
»Der Kleine hat heute morgen
ins Bett gemacht. Ist ihm voll peinlich.«
»Wär’s mir, glaub ich, auch«, sagte ich. – »Obwohl….«
»Sau«, sagte sie. Ihr Lächeln konnte ich nicht sehen.
Aber ich hörte es.
»Beeil dich, Frühstück ist gleich fertig.«
Sie verließ das Zimmer. Im Licht des Türrahmens sah ich,
dass sie eins meiner Hemden trug. Sonst nichts.
Ich stand auf, zog einen Bademantel über &
ging ins Bad, um mir die Zähne zu putzen.
Der Junge duschte gerade.
»Moin!« rief ich ins Geplätscher.
»Morgen!« kam’s zurück.
Da die Tür schon vorher offengestanden hatte, war
der Spiegel nicht beschlagen.
Mein Zähneputzen & sein Duschen waren
gleichzeitig beendet.
Er öffnete den Vorhang & nahm das Handtuch vom Halter.
Trocknete sich ab.
Dann trat er aus der Dusche & warf das Handtuch in den
Wäschekorb.
»Der Boden ist kalt«, sagte er.
»Dann hast du wohl zu heiß geduscht.«
»Hmm. – Trägst du mich rüber?«
»Faule Sau«, sagte ich.
Er grinste.
Nackt wie er war, nahm ich ihn
auf den Arm.
Im Flur fragte er:
»Hat Mama es dir erzählt?«
»Du meinst….« Ich fing an zu singen:
»Müllermilch, Müllermilch, Müllermilch, die schmeckt….«
Er lachte.
Zog die Arme etwas fester an.
»Genau«, sagte er dann.
»Die weckt halt, was in dir steckt.«
Er lachte wieder.
Sein Bett war frisch bezogen. Die Klamotten für den Tag
lagen darauf bereit.
Ich ließ ihn runter. Er fing an, sich anzuziehen.
Bei der linken Socke angekommen, fragte er:
»Magst du die Mama?«
»Ja«, sagte ich. »Sehr.«
Und er sagte:
»Gut.«


Parallelen

Ich könnte
Deine
Parallele
sein

Egal
wie groß
der Abstand
ist

Parallelen
sagt man
schneiden sich
im Unendlichen

Doch
ins Unendliche
werden
wir
niemals
gelangen

Ich
oder
Du
oder
am besten
wir beide
müssen uns
krümmen
um uns
zu treffen

Doch dann
sind wir
keine
Parallelen
mehr


Gehabt

»Jetzt muss ich aber wirklich«,
sagte sie, »bevor er
aufwacht.«
»Scheiße», sagte ich.
»Ja. Scheiße«, flüsterte sie.
Es war warm
unter der Decke.
Und feucht.
Es roch.
Es roch so
gut.
Es roch
nach
Nacht.
Aber die Nacht
ging
zu Ende.
Allmählich.
Sie gab mir
noch einen Kuss.
»Gib’s zu«, sagte sie,
»Du kannst besser schlafen,
wenn
Du
alleine bist
im Bett.«
»Stimmt«, sagte ich.
Sie faßte mir
zwischen die Beine,
drückte sanft ….
»Wie bitte?«
»Stimmt nicht, wollte ich sagen.
Stimmt nicht
»Nochmal Glück gehabt«, sagte sie.
Streichelte.
Kurz.
Die Kerzenflamme
flackerte hektisch. Es war nur noch
ein kleiner Rest
von Wachs
am Docht.
Der Kerzenhalter war
vermutlich
sehr heiß
inzwischen.
»Glück«, sagte ich. –
»Gehabt«, sagte ich. –
Ja –
da war
etwas
sehr
Wahres
daran.


Der Schlagerstar

Der Schlagerstar saß
in der Hotelbar.
Es war nach seinem Konzert.
Der Barkeeper kam zu mir
an die Rezeption.
»Der gibt sich ordentlich die Kante«,
flüsterte er. »Und die Ische da neben ihm
scheint’n Groupie zu sein; sieht geil aus,
aber redet einen unglaublichen Müll zusammen.«
„Wie interessant», sagte ich, »ich glaub,
ich muss gleich
gähnen.«
Der Barkeeper grinste.
»Na ja, ich kann ihn auch nicht leiden.«
Er ging zurück in die Bar.
Wieder klapperte Eis im Shaker.
Die anderen Gäste schauten
ab & zu
verstohlen
in Richtung der Berühmtheit.
Ich tat, was man so tun muss
als Nachtportier.
Genervt von der schrecklichen Musik, die es
in jedem Hotel gibt.
Irgendwann kam die Berühmtheit
aus der Bar; ihr Blick war
verschwommen;
leicht unsicher
durchquerte sie die Lobby
& verschwand im Aufzug.
Der Aufzug fuhr nach oben.
Ein paar Minuten später
kam die Frau aus der Bar.
Der Gang ihres Minirocks war
sicher & bestimmt.
Ich blickte ihr hinterher, während sie
klack! klack! klack!
auf denselben Aufzug zuging.
Die Türen schlossen sich.
Ich schaute in die Bar,
der Kollege grinste mich an. Ich
hievte eine Augenbraue in Richtung Stirn.
Klock … Klock … Klock … machte die
altmodische Uhr hinter mir.
Ich achtete nicht auf die Zeit; aber
es dauerte nicht allzu lange, bis
die Frau wieder aus dem Aufzug trat,
mich anlächelte &
klack! klack! klack!
zurück in die Bar ging.
Sie setzte sich an die Theke, bestellte
etwas & plauderte
mit dem Barkeeper.
Ich tat, was man so tun muss
als Nachtportier.
Als die Bar sich endlich geleert hatte,
die Lichter waren aus, kam
der Kollege zu mir. Er setzte sich.
Auch die schreckliche Musik war aus.
»Mannomann«, sagte er, »die hatte
echt einen an der Waffel. Hat erzählt,
dass der die Frauen durchnummeriert …
seine ganzen Groupies, und sie fand das
richtig toll,
die Nummer so&so gewesen zu sein.«
»Hmm.«
»Der Fick selber soll aber wohl
ein bisschen unter dem Alkoholkonsum
gelitten haben.«
»Wie in…«
»Interessant, ich weiß.«
»Genau«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.

2 Nächte später.
Gegen 4 Uhr der übliche Aufprall
der Zeitungen vor dem Eingang.
Ich holte den Stapel herein, schnitt
die Bänder auf, verteilte die Zeitungen
im Ständer.
Den meisten Dreck an die Fingerkuppen
bekam man immer von der BILD-Zeitung.
Ich musste mir jedes Mal die Hände
waschen nach dem Einsortieren.
Auf der Titelseite war das Foto
einer Schauspielerin. Sie war
die Ehefrau des Schlagerstars.
An die Überschrift erinnere ich mich
nicht mehr genau (es ist sehr lange her);
es war wohl irgend etwas in der Art:
„Die Große Liebe veränderte ihr Leben“
oder
„Wie sie ihn zähmte“.
Der übliche Müll eben.
Ich überflog den Artikel.
Nun doch leicht interessiert.
Er beschrieb das noch junge Glück …
Den früher so unsoliden Lebenswandel
des Sängers … Die Frauen … Den Alkohol …
Aber jetzt …
Jetzt war ALLES ALLES anders! …
Er war treu, endlich! … Hatte
dem Alkohol entsagt, endlich!
Friede, Freude, Omelette!
Ich faltete die Zeitung wieder so, dass sie
ungelesen aussah, tat sie zu den anderen &
ging mir die Hände waschen.
Ich glaube, ich grinste dabei.
Dichtung & Wahrheit, dachte ich.

Es dauerte ein paar Jahre, bis
von der Scheidung berichtet wurde.
Wieder musste ich
mir die Hände waschen.


Der Andere

Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.

Ich
glaube
ihn zu kennen

unbewußt.

Du
glaubst
mich zu kennen

weil Du
meine Worte liest

Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.

Er
schreibt meine Worte.

Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.

Du
kennst mich nicht

denn Du siehst nur
die Worte

& nicht
den Anderen.


Osram

Sie saß immer ganz vorne im Klassenraum.
Sie war hässlich.
Das war die einhellige Meinung aller.
Sie hatte sehr männliche Gesichtszüge,
eine tiefe Stimme,
kurze rostrote Haare, viele Sommersprossen,
und sie war sehr dick.
Ihre Kleidung war geschmacklos.
Auch das war die einhellige Meinung aller.
Immer saß sie allein, und wenn der Lehrer
sie aufrief, wurde sie
feuerrot in ihrem hässlichen Gesicht.
Deshalb nannten alle sie
Osram.

Ich saß immer ganz hinten.
Ich war weniger hässlich & sehr dünn,
und ich trug fast immer dieselben Klamotten;
aus Bequemlichkeit. Ich
meldete mich niemals & schaute oft
aus dem Fenster.
Es war das vorletzte Jahr vorm Abi.
Eines Tages verteilte der Lehrer Blätter, auf denen
verschiedene Themen gelistet waren.
Jeweils 2 aus diesem Kurs sollten sich
zusammentun & eines der Themen in den
kommenden Wochen bearbeiten.
Das einzige Thema auf der Liste, das mich
einigermaßen interessierte, hatte etwas mit
Psychologie zu tun. Und außer mir
interessierte sich für dieses Thema nur noch
Osram.
Na, herzlichen Glückwunsch! dachte ich.
Die anderen grinsten, während ich
nach vorne umzog & mich
zu Osram setzte.
Sie wurde rot.

Wir besprachen das Thema.
Die Röte wich aus ihrem Gesicht.
Wir schweiften ab vom Thema.
Sie lachte.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
Sie war verrückt nach Literatur.
Wir sprachen über Wilhelm Raabe.
Sie liebte Wilhelm Raabe.
Wer Wilhelm Raabe liebt, hat
zumindest
einen Teil
meines Herzens
gewonnen.

Sie lachte immer häufiger,
wir schweiften immer häufiger
vom Thema ab.
Sie hatte einen sehr makabren Humor.
Auch ich lachte immer häufiger.

Die anderen machten
dumme Bemerkungen.

Als die Arbeit fertig war,
trug Osram sie vor.
Sie saß am Lehrerpult & las.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
In ihren geschmacklosen Klamotten.
Sie hatte nicht vorlesen wollen; aber
sie tat es, weil sie wusste, dass ich
es auch nicht wollte.
Sie wurde kaum rot.
Und die Arbeit wurde gut benotet.

Einmal wurde Osram nach der Schule
von ihrer Mutter abgeholt,
ich von einer Freundin.
»Wer issn die Dicke da drüben« fragte sie.
»Eine aus meinem Deutschkurs. Wieso?«
»Sie hat gerade auf dich gezeigt & etwas zu
der Frau gesagt.«
»Ach ja? Seltsam.«
»Und gegrinst hatse.«
»Hmm.«
»Gott, ist die hässlich«, sagte die Freundin.
»Na ja«, sagte ich, »können ja nicht alle
so toll aussehen wie du.«
Sie lächelte.
»Trotzdem, was hat die über dich zu reden?«
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.


Der Waschlappen

Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Für meinen Kreislauf.
Dampf stieg auf,
mein Gesicht war tiefrot.
Dahinter: Schwindel.
Wie lange hatte ich schon
in der Badewanne gelegen?
Ich wusste es nicht.
Ich hatte geträumt.
Ich richtete mich auf, nahm
den bereitgelegten Waschlappen,
drehte das kalte Wasser auf,
ließ den Waschlappen sich damit
vollsaugen ….
Dann drehte ich das Wasser wieder ab,
lehnte mich zurück
& legte den eiskalten Lappen auf mein
Gesicht.
Die Kälte tat mir gut.
Ich atmete sie ein.
Doch sie hielt nicht lange vor
auf meinem heissen Gesicht.
Der Waschlappen hatte
eine Vergangenheit.
Seine Farben
waren blass geworden;
er war
dünn geworden.
Seit damals …..
Damals als er
meine Lieblingsorte bereiste –
unter meiner Führung ….
Warme Orte.
Weiche Orte.
Zärtliche Orte.
Orte, die
es nicht mehr gibt.
Orte, die
verfault sind.
Seit damals.
Mir wurde kalt,
ganz plötzlich ….
In all dieser Hitze um mich herum.
Dampf stieg auf.
Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Und mir war kalt.


Die Bitterkeit

Und dann war die Bitterkeit
verflogen & man konnte
wieder
normal
miteinander
reden

Und das
war schön

Und doch –
die Bitterkeit war
vielleicht
dem ursprünglichen Gefühl näher
als die Normalität

So dass man sie sich
manchmal
fast
zurückwünschte

Und das ist
ein bisschen
traurig.


Die Feuergabe

Wir saßen uns gegenüber bei irgendeiner
Hochzeitsfeier. Kannten uns
oberflächlich – seit einiger Zeit – hatten
einige Male miteinander
Tränen
gelacht.
Die Musik
war laut & schrecklich,
es roch nach Essen, Alkohol & Rauch,
Menschen tanzten
(die meisten kannte ich nicht),
das Brautpaar tanzte.
Die Braut war hübsch;
mein Gegenüber
hätten wohl die wenigsten
als hübsch bezeichnet.
Sie öffnete ihre Handtasche,
holte eine Schachtel Zigaretten heraus,
steckte sich eine zwischen die Lippen &
kramte weiter in ihrer Tasche herum ….
Sie suchte nach Feuer.
Ich schaute mich um, blickte über
meine Schulter zum Nachbartisch.
Eine fremde Frau rauchte, mit dem
Rücken zu mir. Ich
tippte ihr auf die Schulter,
sie wandte sich um, schaute mich
überrascht an. Sie war
schön –
sehr schön,
oberflächlich betrachtet.
Stumm deutete ich auf
das Feuerzeug, das vor ihr lag.
Sie lächelte &
reichte es mir.
Es war ein Einwegfeuerzeug.
Ich drehte mich wieder um, streckte
den Arm aus, drehte am Rädchen
des Feuerzeugs …..
Mein Gegenüber lächelte
überrascht, schaute mir
in die Augen –
die Flamme spiegelte sich
klein in ihren Brillengläsern ….
Und ihr überraschtes Lächeln
fand ich schöner als
die fremde Eigentümerin
des Feuerzeugs.


Die Frage der Wunde

Und dann
frage ich mich immer wieder:

Bin ich lieber
die Eintrittswunde
oder
die Austrittswunde

im Leben
des
geliebten
Menschen?


Die Wimper auf dem Brillenglas

Die Wimper auf dem Brillenglas
behinderte meine Sicht.
Jeder Blick, den ich auf
irgend etwas
warf, war von diesem Schatten
gestört. Die Störung war groß, weil
die Wimper mir so nah war –
dieser kleine Strich….
wie der krumme Teil
eines Fadenkreuzes.
Zielen konnte ich damit nicht.
Aber er war eine Erinnerung,
die alles, worauf mein Blick fiel,
zeichnete.
Behinderung
Schatten
Störung
Zeichnung
Erinnerung

Eine Erinnerung an
Sie
der die Wimper gehört hatte.
Ich hätte sie wegpusten können –
aber
ich tat es nicht. –

Irgendwann
war sie
von allein
verschwunden.


Der Pizzateller

Der Pizzateller war alt &
hatte viele Risse & Sprünge von der Hitze,
denn in all den Jahren hatte ich ihn
immer wieder
vorgewärmt auf der Herdplatte.

Seine Oberfläche
hatte der Hitze nicht standgehalten.

Die Risse & Sprünge erinnerten mich
an die Falten in meiner Visage.
Dabei war ich
nicht öfter verheizt worden
als andere.

Ich war
Ende 40
& hatte Besuch von einer Frau
die 22 war.

Wir tranken Absinth
& redeten.
Allerdings redete ich
nicht viel.

Brennender Zucker
in der Nacht.

Das Licht alter Lampen &
junger Kerzen.

Sie mochte Frauen
mehr als Männer
& erzählte mir davon.

Erzählte mir
Details.

Es war nicht so, dass sie
Männer nicht mochte.

Auch davon erzählte sie mir.

Wir saßen auf meinem alten Sofa,
sie im Schneidersitz. Wir
hatten unsere Schuhe ausgezogen.
Sie sagte: »Ich quatsche die
ganze Zeit, und Du erzählst nichts
über Dich.«

»Da gibt’s auch nichts zu erzählen«,
sagte ich.

Musik
kam aus einem anderen Zimmer.
Sie war
unser beider Geschmack.
Die Playlist trug den Spitznamen, den ich
der Frau gegeben hatte.

Sie trug schwarz,
ich trug schwarz,
meine Hose war lang,
ihre kurz.

Schließlich bekamen wir Hunger.
Ich schob eine Tiefkühlpizza in den Herd.

Den Teller wärmte ich vor
auf der Herdplatte.

Als die Pizza fertig war,
tat ich sie auf den Teller,
viertelte sie mit dem Pizzaschneider,
legte eine Pepperoni in die Mitte &
schaltete den Herd aus.

Ich wusste, wie ich den Teller
halten musste, um mich
nicht zu verbrennen.
Sie, die junge Frau, wusste es
nicht. Ich vergaß, sie zu warnen &
drückte ihr
den Teller in die Hand.

Sie schrie auf.
Kurz.

»Scheiße, ist der heiß«, sagte sie.

Sie hatte recht.
Er war heiß,
und er erinnerte an meine Visage.
Mich zumindest.

Wir setzten uns auf das alte Sofa.
Meine Hose war lang,
ihre kurz.

Beide waren schwarz, und
wir begannen
zu essen.


Auf Krücken

Die Blutlache breitete sich aus
auf dem Teppichboden …
Sie war groß wie ein Tortenboden …
Eine Tür hatte sich geschlossen …
im Streit … Und ich hatte gedacht, sie
sei nur angelehnt gewesen …
Ich hatte die Tür nur aufstoßen wollen
mit dem Fuß … trat gegen
die Glasscheibe in der Tür …
Die Scheibe splitterte …
Die Splitter drangen durch den Schuh …
Der Streit war vergessen.
Ich stützte mich auf IHRE Schulter …
hüpfte … SIE
fuhr mich ins Krankenhaus …
Eine Spritze wurde mir
in den Fuß gejagt, um ihn
zu betäuben …
Der Arzt schnitt ihn auf, um
die Splitter herauszuholen …
Einen nach dem anderen …
Die Splitter des Streits …
Ich bekam einen Verband &
Krücken …
Es war lächerlich – also
lachten wir …
SIE war
unverletzt –
ICH
auf Krücken.


Auf dem Stöpsel

Natürlich war ich es mal wieder,
der mit halber Arschbacke
auf dem Stöpsel saß & die
Mischbatterie im Rücken hatte.
Natürlich war es mal wieder
die Frau, die sich
gemütlich angelehnt mir gegenüber
im Wasser rekelte; die Haare
hochgesteckt, das Licht der Kerzen
auf feuchtglitzernder Haut.
Schaum & Wasserdampf.
»Magst Du mich noch?« fragte sie.
Es war Nacht.
»Klar«, sagte ich.
»Gut«, sagte sie.
Kurze Pause.
»Aber ich mag ja auch
Schweine – & trotzdem
esse ich Schnitzel.«
Sie grinste.
»Du Arsch.«
Sie streckte ihr rechtes Bein
mit lautem Geplätscher halb
aus dem Wasser & schob mir
ihren Großen Zeh
in den Mund.
Vorsichtig senkte ich meine Zähne
hinein, schmeckte den zergehenden
Schaum auf der Zunge.
Tropfen fielen von ihrer Wade,
Dampf stieg von ihr auf.
In ihren Augen las ich die
leicht ängstliche
Erwartung, ich könnte vielleicht
fester zubeissen.
Die Versuchung war groß.
Dieser Versuchung konnte ich
widerstehen.
Wasserdampf & Schaum.
Die Augen der Frau glitzerten, und
ihre Anspannung ließ nach,
als mein Großer Zeh
die richtige Stelle
zwischen ihren Beinen
fand.


Durchbrochene Einsamkeit

Der Rückenschmerz weckte mich.
Ich lag verkehrt.
Langsam, ganz langsam
drehte ich mich im Bett; dann
ließ der Schmerz nach.
Der Wecker gönnte mir noch 2 Stunden.
Der Traum war abgebrochen.
Nach all diesen Jahren
war Sie wieder da
gewesen –
in einem unbekannten Haus;
sie roch & schmeckte wie früher;
unsere Vertrautheit schien niemals
unterbrochen worden zu sein.
Gegenwärtige Vergangenheit ….
vergangene Gegenwart.
Sie schenkte mir
Nacktfotos von sich; ich tat sie
in eine geträumte Tasche.
Dann folgte:
Vergessen. – –
Wovon war ich noch gleich
aufgewacht?
Ach ja, vom Schmerz.
Ich hatte verkehrt
gelegen.
Ich wollte nur weiterschlafen –
jetzt! Sofort!
Aber ich wusste, es würde mir
nicht gelingen.
Wo war die Tasche?
Ach ja, ich hatte sie
im Traum liegen gelassen.
Langsam drehte ich mich
im Bett auf eine Seite,
die nicht schmerzte –
& ich dachte:
Bitte, noch so einen Traum von
durchbrochener Einsamkeit!


Peinliche Momente

Dieses Gesicht – – –
ich grübelte, während ich
die Fertiggerichte & die Flaschen
auf das schwarze Laufband legte.
Woher kannte ich es?
Ich war leicht betrunken,
meine Erinnerung unsicher.
Dann fiel es mir ein.
Das Laufband –
es bewegte sich ruckartig, so dass
meine Flaschen
laut aneinander klirrten.
Sie scannte die Einkäufe des
Kunden vor mir;
kassierte ihn ab, wünschte ihm
einen schönen Tag.
Der Kunde vor mir ging;
sie sagte:
»Guten Morgen« zu mir, ohne
mir ins Gesicht zu sehen.
»Morgen«, sagte ich
(ich schaute auf ihr Namensschild –
ja, sie war’s).
»Kennst Du mich noch?«
Sie blickte auf.
Ihr Gesicht
hatte den schüchternen Ausdruck
von früher. Ich las keinerlei
Überraschung darin.
»Natürlich«, sagte sie.
Sie scannte meine Einkäufe.
Die Fertiggerichte,
die Flaschen.
Es war mir peinlich.
Es war ihr peinlich.
Mir waren meine Einkäufe peinlich.
Ihr war es peinlich,
meine Einkäufe zu scannen –
& hinter der Kasse zu sitzen.
Wir flüchteten uns
in Smalltalk.
Der Job,
die Vergangenheit.
Kurz nur.
Ganz kurz.
Dann wünschte sie mir
einen schönen Tag;
wie jedem Kunden.
Und ich wünschte ihr
einen schönen Tag;
wie jeder Kassiererin.
Und die Flaschen klirrten
in meinem Einkaufswagen
noch lauter als sonst,
denn ich bewegte ihn
noch schneller als sonst
zum Ausgang.


Kollision

Wenn zwei
SelbstZerstörer
sich
aufeinander zu
bewegen
ist
auch von der
Liebe
keine
Rettung
zu erwarten.


Der Schneestrand

Eigentlich hätte da
Sand & Sonne sein müssen, aber
es lag Schnee am Strand, und
der Himmel war schwer & dunkel.
Das Meer fast schwarz,
regelmäßig gemustert von sanften Wellen.
Wir liefen barfuß durch die weiße Kälte.
Ich wusste nicht, wer sie war, aber
sie schien mich zu kennen.
Schön war sie
&
jung
&
einsam.
Ich war
einsam
&
alt
&
hässlich.
Wir lachten, bis uns warm wurde.
Das Meer war ein Rausch
im Hintergrund.
Es war eine
verkehrte Welt,
durch die wir liefen.
Aber für uns war es
die
einzig
wahre.


Sie konnte nicht lesen

Im Supermarkt.
Es klirrt in meinem Einkaufswagen.
Die Frau mit dem faszinierenden Arsch
dreht sich kurz um &
schaut auf meine Flaschen.
Blickt mir flüchtig in die Augen –
& wendet sich ab.


Beifahren

»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun,
Handeln statt Betrachten
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik –
unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«


Die mittelprächtige Oper

Das Leben
: eine mittelprächtige Oper

Die Ouvertüre
verspricht so Manches
Musik ohne Worte

Doch dann
kommt das Gesinge

Worte
die ohne die Musik
überhaupt nicht zu ertragen wären.

Eine alberne Handlung
Lächerliche Verwicklungen
Unechte Gefühle

Komponist & Librettist
halten ihre Grenzen für Kunst.

Und das
anspruchslose Gehör
mag ihnen zustimmen

der anspruchslose Geist
das anspruchslose Herz

Während die Enttäuschten
den Saal
vor dem Ende verlassen

& die Tür
hinter sich zuknallen.


Das 4564. Mal

Das Bild, das ich
4563 Mal
für jeweils 1 Stunde
betrachtet hatte,
offenbarte mir beim
4564. Mal
1 Kleinigkeit, die mir
nie zuvor
aufgefallen war.

Auch
Du
bist
eine Art von
Bild.


Ein Moment ohne Zufall

Ich öffnete die Tür.

Die Frau
lag auf dem Bett.

Bäuchlings,
blätternd in einer Zeitschrift.
Die Füße in Richtung
der Tür;
sie trug nur
ein T-Shirt,
wie zufällig ruhte sein Saum
oberhalb
ihres nackten Arsches.

Warmes Lampenlicht
auf ihrer Haut.

Sie wußte, dass
ich in der letzten Zeit
manchmal
gelangweit gewesen war.

Ich wußte, dass
sie sich
nach etwas
sehnte.

Meine Gedanken waren
manchmal
woanders
gewesen.

Ich wußte, dass in diesem Moment
nichts
ein Zufall war.

Denn sie hatte ihm
nichts
überlassen.

Ich legte mich neben sie,
überflog den Artikel,
den sie gerade las –
beziehungsweise
den zu lesen
sie vorgab;
und ich legte meine
rechte Hand
auf ihre linke Arschbacke,
und sie hörte auf,
etwas vorzugeben,
und ich hörte auf,
mich
zu langweilen.

Für einige weitere
Momente

ohne
Zufall.


Das Niesen & der Tod

Ich kenne den Mann nicht, der soeben
niest.
Aber ich weiß, wie es sich anfühlt,
zu niesen.
Ich kenne die Frau nicht, die sich krümmt
vor Schmerz.
Aber auch ich habe schon aus dem
Arsch geblutet & mich gekrümmt
vor Schmerz.
Ich kenne denn Mann nicht, dessen
Schwester soeben
gestorben ist.
Aber ich kenne den Tod.
Ich habe keine Schwester, und
ich weiß nicht, was der Mann
für seine Schwester empfindet
& empfunden hat.

Vielleicht fühle ich das Niesen
ein wenig anders als
der Mann, der
soeben niest.

Vielleicht empfinde ich
den Schmerz ein wenig anders als
die Frau, die
sich krümmt.

Vielleicht sehe ich
den Tod ganz anders als
der Mann, dessen
Schwester soeben gestorben ist.

Aber nirgendwo sonst
sind die
Unterschiede
zwischen uns
so gering

& nichtig.


Ein kleiner Trost

Und dann höre ich einen Oldie
meist Heavy Metal
& ich erinnere mich an eine
Feier

Und zu dieser Musik
küsste SIE
einen
ANDEREN

Sie
die damals
meine Welt war

Und dann war ihre Hand
in seiner Hose.
Und ich ging.

Ich höre einen Oldie

Ich BIN ein Oldie.

Und falls sie
noch lebt
irgendwo
ist sie es
mittlerweile
auch.


Bücher wie Menschen

Mittlerweile ist es so
dass ich mich oftmals
lieber an Bücher erinnere
als sie wiederzulesen

Die Erinnerung
sitzt so tief

So tief
wie ein neuer Eindruck
niemals
gelangen kann

Und oftmals
möchte ich auch kaum noch
neue Bücher
kennenlernen

Ja,

Bücher sind
oftmals
wie
Menschen


Mein Glück

Sie saß auf dem Rand
des Bettes, in ihrem
kurzen, blauen T-Shirt.

Eine kleine
oder große
Unsicherheit in ihrem Blick.

»Ich hab zugenommen«,
sagte sie.

Wir hatten uns seit
ungefähr 1 Jahr
nicht mehr gesehen.

»Und?«
sagte ich.

»Na ja.«

Sie blickte kurz
auf ihre nackten Oberschenkel.

»Du spinnst«, sagte ich.
»Ihr spinnt ja alle. –
Das ist mein Glück.

Was für Chancen hätte ich sonst?«

Einen Moment lang las sie
in meinem Gesicht. Auf der Suche
nach der Wahrheit.
Dann
lächelte sie.

Sie sagte:
»Keine.
Du Arsch.

Und überhaupt –
was heißt:
Alle?«


Das letzte Glas

Ich wäre gerne
das letzte Glas.

Das letzte Glas,
dem keiner
widerstehen kann.

Und von dem doch
jedem
so unfassbar
schlecht wird.


Eine Art von Tanz

Der kleine Junge im Zoo –
das war ich.
Ich stand vor dem Elefanten-Gehege.
2 Elefanten langweilten sich darin,
ihre mächtigen Ärsche mir halbseitlich zugewandt.
Und wenn ich meinen
rechten Fuß über die niedrige Begrenzung
in das Gehege setzte,
bewegte der eine der Elefanten
das linke Hinterbein
einen Schritt zurück.
Nahm ich meinen Fuß wieder aus dem Gehege,
machte er seinen Ausfallschritt rückgängig.
Minutenlang ging dieses Spielchen; es war
jedesmal das Gleiche.
Und immer wenn ich meinen Fuß über
die Begrenzung setzte, hatte ich
Angst.
In meiner Kinderfantasie sah ich bereits
den Elefanten sich umdrehen &
auf mich zulaufen, um
mich niederzutrampeln.
Ich hatte Angst, aber ich konnte
es nicht lassen.
Ich war fasziniert.
Mein Takt war
sein Takt; meine Geschwindigkeit
war seine Geschwindigkeit.
Wenn ich nur andeutete, den Fuß ins Gehege
zu setzen, es aber nicht wirklich tat,
deutete er seinen Ausfallschritt auch nur an;
sein Fuß blieb in der Luft wie meiner.
Ich fühlte
eine Art von
Verbundenheit.
Vielleicht
gab es gar keinen Grund zur Angst.
Vielleicht
war das Ganze nur eine Art von
Tanz.