No Workout

Da ich meine Hanteln in die Mülltonne
geworfen habe, muss ich alles leicht nehmen.
Schweres ertrage ich nicht mehr.
Work konnte ich noch nie
ertragen. Meine Arme
sind dünn. Nur Gedanken
können sie noch tragen, vielleicht
Träume. Doch vielleicht nicht mal
die.


Haarausfall

Haare fallen mir aus.
Sie liegen auf dem Kopfkissen.
Ich betrachte sie.
Hat mir ihre Position etwas zu sagen?
Was bedeutet das Muster?
Ich denke an die Chaostheorie.
Mir fällt etwas aus.
Und dann fällt mir etwas ein.


Staubwischen

An manchen Tagen denke ich,
es lohnt sich nicht mehr, den Staub
vom Schreibtisch zu wischen; er sieht
aus wie ich in ein paar Stunden aussehen
werde.
Ich gehe ins Bad; der Abfluss des
Waschbeckens ist verstopft von den
Nachkommen, die ich niemals haben werde.

Mir fällt das auf.
Mir fällt was ein.
Ich lache.
Und dann wische ich
Staub.


Gib Dir mal ein bisschen

Gib Dir mal ein bisschen
Mühe !

Die Mühe, die man sich geben
soll oder will, ist es,
was einem die
Gelassenheit
raubt.

Schmerzhafte Krämpfe
über
All

Deshalb
schiebt man sich die
Schrotflinte ins Maul …
Spült die SchlafTabletten mit
Gin herunter …
Springt man von der
Brücke, die nirgends mehr
hin führt

Der Krampf des Zeigefingers
am Ab
Zug

Nicht
mit mir

Nie wieder
werde ich mir
Mühe
geben
.


Einsamkeit macht dick

Als Du gingst, wog ich
63 kg –

Jetzt wiege ich
71 kg –


Gott, was haben wir gelacht!

Ich liebe den bösen bösen Humor
des Schicksals – – -.
Malcolm Lowry, der wohl unFassBARste
Säufer der Literaturgeschichte, hatte,
als man ihn obduzierte, eine völlig
intakte Leber.

Sein Vater –
zeitlebens Abstinenzler –
starb an
Leberzirrhose.

Gott, was haben wir gelacht!

06


Das Tier der Angst

Ich hatte es gesehen, das
verhasste Tier – – es
lief schnell, versteckte sich
vor mir; als ahnte es, dass
es von mir nur Unheil zu
erwarten hatte.
Es war so schnell in seiner
Flucht, dabei trug es eine schwere
Last auf seinem Rücken; die
Last all meiner irrationalen Ängste;
alles was ich nicht verstand,
beschwerte das Tier. Ein kleines
Tier, das mir zu groß war. Seine
Größe & seine Schnelligkeit
schürten meinen Hass,
mein Unverständnis, meinen
Ekel, meine Angst. Und nun
sah ich es nicht mehr. Und
weil ich es nicht mehr sah,
wuchs es. Immer bedrohlicher
wurde es. Ich spürte seine
Existenz, spürte die dünnen
Beine an mir emporklettern.
Jeder sich bewegende Schatten
konnte das Tier sein; auch
mein eigener. Ich erschreckte
vor mir selber; und mein
Blick war nur noch auf den
Boden gerichtet. Wo ist es?
Wo ist es nur? Ich weiß, es ist
da. Irgendwo wartet es. Ich
weiß nicht, worauf es wartet.
Und weil es ein Tier ist,
weiß es das selber auch nicht;
es wartet instinktiv. Ich
warte, dass es herauskommt;
das ist mein Instinkt. In diesem
Moment bin ich so klug – oder
so dumm wie dieses
Tier. Nein – das Tier ist
klüger als ich; denn es hat
Angst vor mir, und seine
Angst ist
besser begründet.


Wortbruch

Mein zerstörter Schädel tauchte
auf aus Betäubung – frische
Blutflecken auf dem Kissen.
Das Gedächtnis lallte etwas von
Vodka, Bier, Tequila, Aspirin;
von Zahlen wollte es nichts wissen;
das Wieviel war Viel gewesen,
aber 1 Aspirin würde schon noch
gehen. Kein Wasser neben dem
Bett, also: trocken schlucken.
Ein geringer Preis für die Euphorie
der vergangenen Nacht.

Selbstexperiment : Selbstzerstörung :
die Unterspülung, Überflutung des
Wortzentrums : Platzregen der Ideen :
Aufbruch der Worte : Sprengung :
Fliegende Fetzen : Gedankengebäude :
Einstürzende Altbauten : Steinbruch :
AssoziaZonen : Das surrealistische
ManiFest : monomanisches Getippe

Gegen Mittag hatte der Handwerker
geklingelt. Der Wasserzähler sollte aus-
getauscht werden. Ich war so besoffen,
dass ich tatsächlich die Tür öffnete.
Ich stotterte ihm meinen Alk-Atem
entgegen. Wie kann man um diese
Uhrzeit dermaßen besoffen sein
, hörte
ich ihn denken. Er arbeitete schnell.
Offenbar wollte er schnell wieder weg;
mein Keller & die Treppe dorthin sind
wie das Set eines Horrorfilms; ich bin
verstörrte Blicke gewohnt. Man hält
mich für exzentrisch oder gemein-
gefährlich (alles Quatsch natürlich).
Außerdem trug ich ein T-Shirt, auf
dem der Schriftzug >PSYCHO<
prangte; das machte es nicht besser.
Er beeilte sich so sehr, dass er seine
Taschenlampe vergaß, obwohl sie
eingeschaltet war. Ich trug ihm sein Licht
hinterher. „Tschüss“ ist ein einsilbiges
Wort; das konnte ich gerade noch
sagen. Dann fiel ich ins Bett. Im Bett
lag die Ukulele, ich spielte noch
ein bisschen, dachte an die Ukulele
von Malcolm Lowry – – &
war weg.

Ich hatte mir kein
Versprechen gegeben, kein:
Morgen trinke ich weniger, morgen
trinke ich mehr – morgen morgen
morgen …..

Ich gebe keine Versprechen.

Worte
breche ich. Auf meine
Art.


Ein Mythos

Sie standen an einem frischen Grab im
Regen. Allein. Das provisorische Holzkreuz
stak schief in aufgeweichter Erde. Sie waren
schirmlos; Blumen niedergedrückt.
Ihre Liebe lag tief im Sarg. Wasser lief über
Gesichter. Mit grauer Stimme sagte sie:
„Du weißt, dass nach dem Tod Haare &
Nägel weiterwachsen?!“ Sie musste es laut
sagen, denn der Regen war laut; die
Böen waren laut.
Er sagte:
„Das ist ein Mythos. Völlig unwissen-
schaftlich. Einfach falsch.“
Die Haare klebten an seinem Kopf.
Sie sagte:
„Aber manchmal wird jemand
LEBENDIG BEGRABEN!“
Sie sagte es laut. Fast schreiend.
Er sagte:
„Das war früher. Heute ist der Stand
der Wissenschaft so weit, dass das nicht
mehr geschehen kann.“
Schwere Tropfen prasselten.
Der Wind nahm ihr den Atem.
Sie sagte noch etwas. Aber
sie sagte es leise.
Das Wetter fraß
ihre Worte.


Die Knotin

Ich glaube, er hieß Keller & ging ins Badezimmer, und die Morgensonne verschwand hinter einer fetten Wolke. Zufall, kein kausaler Zusammenhang. Er war nackt. Er pisste, sitzend; ließ die Spülung rauschen, stellte sich vor das Waschbecken & schaute in den Spiegel. Desinteressiert, denn er kannte sich zu gut. Er griff zum Rasierapparat; der Scherkopf fraß Stoppeln. Geräuschvoll. Und gerade als er ihn über den Adamsapfel mähen ließ, sah er sie – – – die Erhebung, die Ausbuchtung über seiner linken Brustwarze. Wie eine Haselnusshälfte unter der Haut. Angstpuls. Er schaltete den Apparat aus, legte ihn beiseite. Betrachtete den Knoten zunächst im Spiegel & dann direkt von oben herab. Krebs, dachte er. Vorsichtig, ganz vorsichtig drückte er die Zeigefingerspitze auf den…..
„Aua“, – – sagte ein zartes, hohes Stimmchen.
Panik schlug sein Herz, in seinem Kopf rief es Wahnsinn! Wahnsinn! Es ist soweit, du bist wahnsinnig geworden!
Er blickte in den Spiegel. In sein Gesicht. In seine Augen. Sieht so der Wahnsinn aus?
Noch ein Versuch, ängstlich ….. Wieder tippte er mit der Zeigefingerspitze……
„Lass das, du Idiot“, sagte das Stimmchen. Leicht ungehalten. „Du hast dir nicht mal die Hände gewaschen.“
Die Stimme war ihm nah; sie kam definitiv aus dem Knoten. Eine weibliche Stimme (falls eine solche Definition an dieser Stelle zulässig war). Er selber spürte nichts.
Ich muss zum Arzt, dachte er.
„Du wirst nicht zum Arzt gehen“, sagte sie. „Du wüßtest ja nicht mal, zu was für einem Arzt; Internist, Psychiater.“ Sie kicherte.
In Filmen wachen sie irgendwann auf. In Romanen wachen sie irgendwann auf. Und dann ist da wieder die Realität. Aber dies hier, DIES HIER ist die REALITÄT!
„Denk nicht soviel“, sagte sie, „mach dich lieber fertig, du musst zur Arbeit.“
Ach ja, Arbeit, Menschen, Kollegen, normale Realität – wie lächerlich war das alles. Jetzt. Plötzlich. Er hätte sich krankmelden können; aber vielleicht würde ja die Ablenkung helfen.
Er rasierte sich weiter. Immer wieder zog Sie seinen Blick auf sich. Und darunter tobte sein Herz. Die Mechanik der Morgenroutine lief nebenher. Er duschte. Sparte Sie dabei aus. Sie sagte nichts. Er wusch sich die Haare. Und so weiter, und so weiter. Mechanik, Routine, Automatismus. Und über allem das schreiende Chaos in seinem Schädel. Schließlich verließ er das Bad, und die fette Wolke gab die Sonne frei. Zufall, kein kausaler Zusammenhang.
Das Frühstück ließ er heute aus. Er hätte nichts essen können; außerdem war er ohnehin spät dran. Er zog sich an. Knotete die Krawatte.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, wie bescheuert du mit Anzug & Krawatte aussiehst?“ sagte sie. Die Stimme gedämpft durch die Kleidung.
„Ja“, sagte er (es war das erste, was er laut zu ihr sagte), „und zwar ich mir selber.“
„Dann ist es ja gut“, sagte sie.
Selbstgespräche, dachte er. Jetzt kommen die Selbstgespräche. Es sind doch Selbstgespräche – ?
„Sind es nicht“, sagte sie, „das wirst du schon noch merken.“
Als er aus der Haustür in die Sonne trat, fühlte er einen leichten Schwindel. Normale Menschen waren unterwegs. Jedenfalls äußerlich normal. Es verstörte ihn. Hatten auch sie etwas Verborgenes? Er setzte sich ins Auto & fuhr los. Ihm graute es vor dem Büro. Was, wenn sie dort plötzlich losplapperte? – Sie sagte nichts zu diesem Gedanken. Überhaupt sagte sie während der ganzen Fahrt nichts. Er versuchte sich auf den Berufsverkehr zu konzentrieren. Der übliche Stau an der üblichen Stelle. Jetzt hätte sie eigentlich etwas sagen können, um ihn zu unterhalten.

Im Büro. Man grüßte. Ein normaler Tag für alle. Wahrscheinlich. Aber man konnte ja nie ganz sicher sein. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, einer von 5. Und er tat all die Dinge, die er immer tat. Dumme, öde kleine Dinge; so hatte er es schon immer empfunden, aber heute empfand er es besonders stark.
Sag nichts, dachte er.
Sie schwieg.
Ein Kollege sprach ihn an. „Sag mal, Keller, geht’s dir gut? Siehst heute ein bisschen mitgenommen aus.“
Und schon schauten auch die anderen zu ihm herüber.
Er bastelte ein Lächeln. „Ja, alles prima. Bin letzte Nacht ein bisschen versackt; aber alles im Grünen Bereich.“
Eine Kollegin grinste. „Tz tz tz, mitten in der Woche versacken….“
Der Kollege sagte: „So ist das eben, wenn man keine Frau hat. – Stimmt’s Keller?“
Er antwortete nicht, beugte sich wieder über seine Papiere.
„Lass ihn in Ruhe“, sagte die Kollegin.
„Schon gut“, sagte der Kollege.
Die anderen sagten nichts.
Und alle arbeiteten weiter. –
Nach 1 Stunde hielt Keller es nicht mehr aus. Er musste nachschauen. Sich vergewissern. Musste – sie wiedersehen.
Er ging zur Toilette, schloss sich in eine Kabine ein. Öffnete sein Hemd (bei solchem Wetter trug er nichts darunter).
– – – ? ? – – ! : Der Knoten war verschwunden. Sie, die Knotin, war verschwunden. Er betastete die Stelle, wo sie gewesen war; drückte tief hinein. Nichts. Ein kurzer, ein vorübergehender Anflug von Realitätsverlust? Eine Überreizung? Eine harmlose Psychose? War es das gewesen? Nichts. Nichts. Nichts. Da war nichts. Nichts mehr. Oder vielleicht war dort niemals etwas gewesen …. Ein Stein fiel lachend von seinem…..
Hier bin ich“, sagte sie. Sie klang leiser; noch gedämpfter.
Wo, dachte er sie an.
„Auf dem Rücken, knapp über deinem Arsch“, sagte sie. „Ich musste mir mal etwas Bewegung verschaffen.“
Er hatte nichts davon gespürt.
Er tastete nicht nach ihr. Wozu auch. Sie war da; das war sicher. Er knöpfte das Hemd wieder zu, ordnete die Krawatte.
Willkommen in der Hölle, dachte er für sich.
Aber ihr war es egal, ob er für sich oder sie dachte. Wenn sie meinte etwas sagen zu müssen, sagte sie etwas.
„Wieso Hölle? Du wirst sehen: das hat mit Hölle nichts zu tun. Du bist nicht mehr allein; das ist doch nicht die Hölle. Wir können viel Spaß miteinander haben.“
Ob auch andere sie hören konnten? Oder nur er? Ob überhaupt….. Was für Fragen, die er stellte; sich; ihr; Fragen ohne Antworten. Fragen, die voraussetzten, dass er Sie, die Knotin, bereits als Realität akzeptiert hatte. Wessen oder was für eine Realität das auch immer sein mochte.
Er ging zurück an seine Arbeit.
„Mann, du bist echt blaß heute“, sagte der Kollege.
Blöder Fettsack, dachte Keller.
Die anderen schwiegen.
Keller hasste den Geruch des Büros. Immer schon. Aber heute ganz besonders.
Kannst du mich andenken? dachte er sie an. Aber es kam keine Antwort.
Irgendwie brachte er die Bürostunden herum. Unkonzentriert; aber er musste sich ohnehin nicht besonders konzentrieren, um seine öde dumme Arbeit zu erledigen. Er hatte es sogar geschafft, während der Mittagspause eine Kleinigkeit zu essen.
Hin & wieder ging er aufs Klo, dachte & sprach sie an, aber es kam keine Antwort.
Vielleicht schläft sie. Vielleicht schläft sie tagsüber.
Dann: Feierabend. Man verabschiedete sich.
„Und trink nicht soviel“, sagte der Fettsack.
Keller reagierte nicht darauf. Stieg in sein Auto & fuhr in den Feierabendverkehr, die rote Sonne im Rückspiegel.
Zuhause ging er sofort ins Schlafzimmer & zog sich aus. Komplett. Warf alles aufs Bett. Scheiss auf die Bügelfalten.
„Verdammt“, sagt er. Sie saß in seinem linken Oberschenkel.
„Wassn?“ sagte sie.
„Schon wieder gewandert.“
„Na und? Meinst du es ist so spannend, den halben Tag hindurch kurz über deinem Arsch zu sitzen?“
Beinahe hätte er gelacht, aber er befürchtete, dass es bereits wie das Lachen eines Wahnsinnigen hätte klingen können. – Er zog sich T-Shirt & Shorts an & ging in die Küche. Zum Kühlschrank. Der Beefeater lag im Eisfach. Er nahm ein Wasserglas. Schenkte es randvoll. Trank. Eisig.
„Du solltest nicht so viel trinken“, sagte sie.
Er setzte ab. „Jetzt fängst du auch noch an. Mit dem Refrain meines Lebens.“
„War ein Scherz“, sagte sie. „Du wirst meinen Humor schon noch kennenlernen.“
„Das befürchte ich auch.“ Er ersetzte die Schlucke, die er getrunken hatte, tat die Flasche zurück ins Eisfach & ging ins Wohnzimmer. Setzte sich aufs Sofa & schaltete den Fernseher ein. Zappte. Dreck, dachte er, alles Dreck.
„Dreck“, sagte sie, „alles Dreck.“
„Prost“, sagte er, „du hast recht.“
„Prost“, sagte sie, „ich weiß.“
Er schaltete den Ton aus. Buntflackernde Bildkulisse. Grinsende Fratzen. Das Glas war kalt & feucht in seiner Hand.
„Langweilig, was?“ sagte sie.
„Nein“, sagte er, „mir ist nie langweilig; außer im Büro natürlich.“
Sie sagte: „Ich meinte das übrigens nicht so, als ich dich Idiot nannte.“
„Schon okay, ich bin einer. Wie soll ich dich nennen – Krebs?“
„Sehr lustig.“
„Du wirst meinen Humor schon noch kennenlernen.“
„Das befürchte ich auch“, sagte sie.
Langsam schwand das rote Sonnenlicht. Er trank. Irgendein Nachbar hatte unerwartet guten Musikgeschmack. Tom Waits.
Keller sagte: „Aus was für einer Zelle bist du eigentlich entsprungen?“
Sie kicherte. „Wahrscheinlich aus derselben wie du.“
„Bist du betrunken?“ fragte er.
„Ja. Und du?“
„Etwas.“
„Ich könnte in deinen Schwanz wandern; vielleicht würdest du etwas spüren & Spaß haben.“
„Untersteh dich“, sagte er. „Ich hab Spaß genug. Außerdem spüre ich dich sowieso nicht.“
„Schade“, sagte sie.
Irgendwann war der Fernseher die einzige Lichtquelle. Keller wurde erinnert, dass man noch dümmer grinsen kann, als es die Menschen im Büro konnten. Die Ginflasche hatte Zimmertemperatur; quadratische Ränder auf dem Tisch.
„Wo bist du jetzt?“ fragte er.
„In deinem Bauchnabel.“
Er hob das T-Shirt an. Sie passte perfekt. Fast sah es aus, als habe er keinen Bauchnabel. Belly without blemish, fiel ihm ein.
Und sanft fuhr er mit dem Mittelfinger darüber, fast fühlte es sich glatt an (g-l-a-t-t), und sie kicherte.

Und sie kicherte.
Tage vergingen.
Und er grinste.
Wochen vergingen.
Und sie kicherte.
Und sie kicherte.
Und er grinste.
Und Kollegen grinsten.
Und Kolleginnen kicherten.

Tuscheln in der Kantine. „Hat Keller ne Frau?“ fragte einer.
Der Fettsack sagte: „Könnte fast sein, so gut wie der im Moment drauf ist.“
„Also, ich weiß nicht“, sagte eine Kollegin.
„Was weißt du nicht?“ sagte der Fettsack.
„Naja, kann ich mir bei ihm einfach kaum vorstellen.“
„Ach Quatsch“, sagte ein anderer. „Also, ich bin mir sicher, dass er ne Frau hat. Und ich gönn’s ihm auch.“

Kollegen kicherten.
Keller grinste..
Sie kicherte.

Doch es ist ja so -: Kichern vergeht. Grinsen vergeht. Irgend. Etwas. Besteht.

„Lass mich in Frieden“, sagte Keller.
IN FRIEDEN!“ schrillte sie. – „Hahaha! In Frieden ruhen vielleicht.“ Sie hatte kein Stimmchen mehr. Nicht mehr zart. Und weniger hoch.
Zufällige Wolken. Unkausale Zusammenhänge.
Keller bekam nur noch wenig Schlaf. Sie redete auf ihn ein, wenn er im Bett lag. Oder, kaum war er eingeschlafen, fing sie an zu singen.
„Halts Maul“, sagte er, „oder ich steche dich ab.“
„Das wäre ein Fehler“, sagte sie. „Du würdest verbluten.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Versuchs doch“, sagte sie.
„Bitte bitte“, sagte er, „halt doch einfach dein Maul.“
Sie lachte & sang einen Schlager.
Manchmal fragte er sich, ob sie, wenn er denn doch einmal schlief, ihm vielleicht etwas zuflüsterte….
Das Kollegium bemerkte Veränderungen. Der Fettsack wagte nicht mehr, zu witzeln.
Keller wurde finster.
„Herr Keller“, sagte der Fettsack.
„WAS?!“
„Ich glaube, da ist Ihnen ein Fehler, ein kleiner, unbedeutender Fehler unterlau“
„Gib her!“ Keller riss ihm das Formular aus der Hand. „Ich guck mir die SCHEISSE noch mal an.“
Alle beugten sich über ihre Papiere.

Kellers Wohnung: ein schreiendes Chaos. Er soff, er brüllte & Nachbarn klopften. Dann schwieg er. Doch Sie schwieg nie. Und er wurde leise. Mit der Zeit. Leise. Noch leiser. Wochen vergingen. Er wurde unauffällig. So unauffällig, dass jedermann im Hause ihn wieder vergaß. Keller? Ein Nachbar? Ach ja, Keller. Nun ja…..

„Also, mir ist er ja nie so aufgefallen …. Nur eine Zeitlang … Ganz kurz …. Eigentlich war er nett …. Unauffällig ….. Grüßte immer so freundlich … Ich glaube, es ging ihm nicht immer so gut …. Aber in der letzten Zeit hatte er sich gefangen …. Er hatte ein nettes Lächeln …..“ :
TV. Eine Fratze, die versuchte Betroffenheit zu mimen. Oder war sie : betroffen ? Der Fernseher: die vielleicht einzige Beleuchtung in Millionen Wohnzimmern. Leere Bauchnabel allenthalben. Schlaglöcher. Unebenheiten.

Lokalpresse: Harzer Panorama Extra vom 30.08.2005
AMOKLAUF IN BAD HARZBURGER BEHÖRDE
>Edward K. (51), alleinstehend, betrat das Bürogebäude […] , in dem er seit 22 Jahren arbeitete. Zunächst schoss er mit einem alten Armeerevolver seinen Kollegen und Kolleginnen in die Beine, dann schlug er mit einer Axt auf sie ein. Niemand überlebte. […] „Es bot sich ein Bild des Grauens“, sagt der Polizeibeamte, Oberkommissar Jochen Nipkow. „Überall Leichenteile. So etwas habe ich in meinem über dreißigjährigen Berufsleben noch nicht gesehen. Eine beispiellose Tat.“ […] Nach dem Massaker begab K. sich auf das Dach des achtstöckigen Gebäudes und sprang in die Tiefe. Er war sofort tot. Über die Hintergründe der Tat ist bislang nichts bekannt. Nachbarn […]<

Die Sonne schien. Das Blut hatte man entfernt. Das Gehirn hatte man entfernt. Der Gehweg vor dem Bürogebäude war sauber. Keller war in der Pathologie gelandet. Seine Leber war nicht in bestem Zustand. Doch er war nüchtern gewesen. Keine Drogen. Keine Anomalien.
Frisch rasiert war er gewesen.
Die Sonne schien, und es gab keine Wolken. Zufall, glaube ich.


Feuervogel in Alufolie

Das Radio weckte mich mit Strawinsky.
Viertelwach erkannte ich den Feuervogel.
Ich war müde; sehr müde. Auf halber
Strecke durch den Tagesschlaf hatten Worte
& Ideen mich ins Bewußtsein zurück
geprügelt. Ich hatte in der Finsternis gelegen
& mit geschlossenen Augen die Worte
nach dem Willen der Ideen geordnet. Es
dauerte. Als ich fertig war, speicherte ich
alles in meiner Sülze & schlief weiter.
Nun also: Wach. Ich mache Licht, stehe
auf. Gehe ins Wohnzimmer. Auf dem
Schlitten der Schreibmaschine – 1 leeres
Blatt Papier ist eingespannt – sitzt ein
Nachtfalter. Ich fahre Schlitten mit ihm.
Tippe das Kopfgespeicherte. Dem Falter
isses egal. Der Schlaf hat manches im
Text gestrichen, anderes hinzugefügt.
Fertig, ich gehe kacken.
Dann: Frühstück. Bereit machen für die
Arbeit; zumindest äußerlich bereit.
Ich steige ins Auto, fahre 45 Kilometer
durch die Dunkelheit in die Ödnis der
Fremdbestimmung & des Zeitraubs ….
Job Job Job Job (gut dass ich einen habe,
aber meckern über die Tatsache, einen
haben zu müssen, tue ich trotzdem)….
Alufolie [das Wort hat hier nichts zu
suchen & keinen Sinn, aber ich habe
Lust, es zu schreiben, also tu ichs –
TippTourette] …
Ich komme im Hotel an, spieße mein
Jackett mit dem Namensschild auf; bin
beschildert, gelabelt, gekennzeichnet.
Es ist Samstag. Nicht lange, und die
Lobby füllt sich mit Besoffenen, die aus
der Bar & der Stadt in Strömen fließen.
Eine Menge Vertretervisagen darunter;
Menschen, die unter der Woche kuschen,
und sich am Wochenende rächen. Es
fühlt sich gut an, neben ihnen nüchtern
zu sein. Unter der Woche bin ich ein
Säufer, aber wenn alle saufen, wenn
sowas säuft, vergeht mir die Lust. Wie laut sie
sind. Wie uninspiriert die Roten Augen tränen.
Alkohol weiß mit ihnen nichts anzufangen;
selbst dem Bier sind sie zu blöd. Blicke,
so hohl, dass sogar die Leere ein Echo hat.
Ich setze mich hin, öffne das Textprogramm
& tippe vor mich hin, die Arbeit kann
warten, in der Bar splittert ein Glas, das
Telefon klingelt, jemand reserviert für
nächste Woche, ein Schwarm Chinesen
betritt die Halle, auch sie besoffen, aber
anders, sie sind höflich, entern den Aufzug,
verschwinden, ich tippe weiter, eine
Vertretervisage tritt an die Rezeption,
beginnt mich zuzulallen, ich antworte höflich
wie ein Chinese, aber mein Gesichtsausdruck
veranlasst ihn, sich meinen Namen zu notieren, gut,
dass ich ein Namensschild trage, jetzt werde ich
vielleicht berühmt in irgendeinem Internet-
portal, fluchend schließt er sich wieder seiner
Herde an, ich tippe weiter, draußen Blaulicht
& Sirenen, es ist Samstag, Jetzt zuhause sein,
denke ich, mit dem Nachtfalter & dem Feuer-
vogel
, ich tippe das Ende, schicke mir das
Ganze per Email nach Hause, klicke auf das
Kreuz oben rechts ‚Wollen Sie speichern?’,
Nein, will ich nicht. Weshalb bin ich hier?
Ach ja, Arbeiten. Also arbeite ich jetzt. Inzwischen
redet man über Fussball. Gläser klirren. Die
Kollegin aus der Bar bringt Nachschub in die Lobby;
anzügliche Bemerkungen (schon jetzt ist klar, sie
werden ihr kein Trinkgeld geben, wir kennen
unsere Pappenheimer), auf dem Rückweg
lächelt sie mir zu & schaut gen Himmel.
2 Glasaugen nähern sich mir, aus dem Biermaul
sprüht ein Wort: „Toilette?“ Ich gebe eine
Wegbeschreibung (Kotz Blut! denke ich). Und
so geht es weiter weiter weiter. Job Job Job.
Stunde um Stunde. Bis es dämmert.
Dann nehme ich das Namensschild ab, es
fließt kein Blut aus den Wunden des Jacketts,
und ich fahre 45 Kilometer durch das Morgenlicht
in die Oase meiner Selbstbestimmung.
Der Nachtfalter hat den Schlitten verlassen.
Der Text ist noch da. Die Email ist eingetroffen.
Ich werde heute nichts trinken. Und auch auf
der Festplatte habe ich den
Feuervogel.


Kurzatmigkeit

Den langen Atem – ich
habe ihn nicht; suche
nicht nach der Zeit, die
ich verloren habe.

Vielleicht finde ich
manchmal – ohne zu suchen –
einen kleinen Moment der
Gegenwart.

Einen Augenblick, der sich
als Gewinn herausstellt,
sobald ich ihn mir bis ins
Letzte bewusst machen kann.

Den langen Atem – ich
habe ihn nicht; kurz ist
mein Atem. Aber
auch damit kann man
leben.

Die verlorene Zeit
hat nichts mehr zu
bedeuten.

Sollte sie mich
wiederfinden & sich mir
in den Weg stellen,
werde ich
die Straßenseite wechseln
& nicht
zurückblicken.


Der Schnabel

Der gigantische Schnabel am Himmel,
spitz scharf schwarz & gierig;
Schwingen, die den Tag verfinstern.
Der gelassene Blick des Riesenvogels,
stechende Augen, die wissen:
Ich bekomme Euch alle!

Manche Menschen blicken zu ihm auf;
viele wenden sich ab, spüren seinen Blick
niemals mehr – andere haben ihn noch nie gesehen.
Tiere ahnen ihn durch Instinkt.

Ich schaue in den Himmel.
Sehe den stechenden Augen-Blick,
der auf mich gerichtet ist, sehe
die Spitze des Schnabels. Und
– wie alle – bin ich blind für die
Geschwindigkeit des Fluges.
Rasende Zeitlupe; langsam-segelnder
Sturzflug; ein plötzlicher Sprung in
Lichtgeschwindigkeit…..
Ich begreife die Zeit nicht, erfasse
nicht die Strecke, die zwischen uns liegt,
aber ich schaue in den Himmel &
weiß, er wird
auch mich bekommen.


4 Buchstaben

Ich laufe Koma
schaue in den Spiegel

der All S
verwandelt

& schon laufe ich
Amok


Hypochondrische Vergesslichkeit

Eine harmlose Krankheit
klingelt Sturm. Du öffnest die
Tür. Die Krankheit sagt:
„Da bin ich wieder.“
& lächelt.

Du wirst bleich.
„Wer sind Sie? Ich kenne
Sie nicht.“

Ihr Lächeln ist
bedrohlich. Für Dich.

„Was soll das heißen?“,
sagt sie. „Wir hatten doch
schon viel Spaß miteinander.
Ich schaue nur kurz vorbei,
und dann bin ich auch schon
wieder weg.“

Aber nein.
Du hast sie vergessen, und
sie sieht aus, als wolle sie
bleiben.
Bleiben bis zum Ende;
bleiben, um Dich in den
Tod zu wiegen.

Du beginnst zu schwitzen,
eiskalt. Sie lächelt, eiskalt,
schiebt Dich sanft zur Seite
& betritt Deine Wohnung.

„Komm schon“, sagt sie,
„wir werden wieder Spaß haben;
zier Dich nicht so.“
Und
sie setzt sich aufs Sofa &
öffnet ihre Beine.

Und Du erkennst sie
noch immer nicht.

Und das Unbekannte heißt
Angst.

Die Unbekannte heißt
Angst.

In einer Gleichung, die Du
nicht lösen kannst.

Du weißt nur:
Du musst auf das Sofa,
musst zu ihr. Nichts
hilft.

Es geht
schnell vorbei.

Sie geht
schnell.

Und kaum hast Du
die Tür hinter ihr
zugeworfen,

hast Du sie wieder
vergessen.

Hast vergessen, was sie
war:

harmlos.


Erste Sätze

Ich habe verrückte Angewohnheiten.
Schrullen.
In manchen Nächten, seltsam-disparate
Musikmixturen donnern durchs Haus
(Heavy Metal, Swing, Klassik, Pop,
Bebop, Oper), Flaschen sitzen
locker wie die Colts eines Revolver-
helden, da tänzle ich durch die Räume,
vorbei an den Regalen, & ich ziehe einige
meiner Lieblingsbücher heraus, nur
um den jeweils Ersten Satz wieder
zu lesen – selbst wenn ich ihn auswendig
kenne; ich will ihn sehen. Ich liebe
Erste Sätze! Sie entscheiden. So wie
es manchmal der Erste Blick tut.

-Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.
-Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe, da
mich ein dunkler Wald umfing und ich, verirrt,
den rechten Weg nicht wieder fand.
-Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppen-
austritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein
Spiegel und ein Rasiermesser lagen.
-Angefangen hat das so.
-Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf das
Nichts des Neuen.
-„Was ist das. – Was – ist das …“
-Zwei Gebirgsketten ziehen sich in etwa nordsüdlicher
Richtung durch die Republik, und dazwischen breitet sich
eine Anzahl von Tälern und Hochplateaus aus.
-Zuerst dieses hauchend lange, pfeifende Heulen, mitten in der
Luft, als käme die Lokomotive, die Sie nirgends sehen, im
Bogen unter den Wolken hervor, die unbewegt niedrig über
dem Hügelrand warten, bis man sie nicht mehr erblicken wird.
-Da ist ja die Person, die ich gesucht habe.
-Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und
hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe
er von ihr gezeichnet wurde …
-Das Schauspiel dauerte sehr lange.
-Ende November bei Tauwetter gegen neun Uhr morgens
eilte der Eisenbahnzug Warschau-Petersburg mit Volldampf
seinem Endziel entgegen.
-Nichts Niemand Nirgends Nie !
-Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der
Residenzstadt.
-Am Wahltag war es über mich gekommen.
-Hört meine letzten Worte.
-Der Captain rührte keinen Alkohol an.
-Dies hier ist ein erstes Kapitel, welches verhindern soll, daß
vorliegendes Werkchen mit einem Zweiten Kapitel beginne.
-Aus einer privaten Irrenanstalt in der Nähe von Providence,
Rhode Island, verschwand kürzlich eine höchst sonderbare
Person.
-Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei.
-Kaufleute, Autoren, Mädchen und Quäker nennen alle Leute,
mit denen sie verkehren, Freunde; und meine Leser sind also
meine Gast- und Universitätsfreunde.
-Es regnete, als ich um 5 Uhr morgens in New Orleans eintraf.
-Wir saßen an unseren Aufgaben, als der Rektor eintrat.
-Mehr als zwei Monate vergingen, bevor Des Esseintes in die
Stille seines Hauses bei Fontenay eintauchen konnte.
-Ich wohne in der Villa Borghese.
-Unglücklich ist derjenige, dem die Erinnerungen seiner Kindheit
nur Angst und Traurigkeit bringen.
-Mein Vater war ein Kaufmann.
-Heute ist Mama gestorben.
-Dann war das schlechte Wetter da.
-Das beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag aufzuschreiben.
-Es gab in der Stadt zwei Taubstumme, die man stets beisammen
sah.
-Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt
dort wie ein großer, heller, flacher Stein.
-Wahrhaftig! – reizbar – sehr, fürchterlich reizbar waren meine
Nerven gewesen, und sie sind es noch; doch warum meinen Sie,
ich sei verrückt?

Ja, verrückt.
Ich habe verrückte Angewohnheiten.
Die Musik donnert durchs Haus.
Und die Flaschen sitzen locker.
Und ich werde noch lange unterwegs sein,
vor den Regalen.


Havarie

Ein Meer
das riecht wie
meine Kindheit

Wacholder

37 % Alkohol
manchmal auch 47

Heiligabend
der erste nach dem Tod
meines Vaters
ich war 13

Mein ältester Bruder
gerade aus dem Knast entlassen
gab mir Gin mit O-Saft

Liebe auf den Ersten Ruch

Ein Duft wie der
Nagellackentferner meiner
Mutter

Wiedergefundene
Zeit


Der IQ des Mondes

Er sagte:
„Verstehe ich nicht, dass du dich
in die verliebt hast. Mir wäre sie zu,
Verzeihung, blöd. Und du hast
1000 Mal mehr Grips als ich. Ich
versteh’s einfach nicht.“

Ich sagte:
„Erstens habe ich nicht
1000 Mal mehr Grips als du.
Und zweitens interessiert es mich
einen Scheissdreck, was für einen
IQ die Mondin hat,
solange sie so schön leuchtet
am schwarzen Himmel.“

(Und vielleicht belegte meine
zweite Aussage
meine erste.)


Alte Möbel

Moderne Möbel
öden mich an; sie sind
seelenlos & langweilig

Das dachte ich schon
als ich selbst noch nicht
ein altes Möbel war

Aber
eine Frage drängt sich auf
(es ist die Gewohnheit von Fragen
dass sie sich aufdrängen):

Hätte ich gelebt
als die alten (also die noch älteren)
Möbel
modern waren:
Hätte ich
auch sie als
seelenlos & langweilig
empfunden?

Damals

Ich bezweifle es

Aber ich kann nicht anders
(es ist meine Gewohnheit):
Immer bezweifle ich auch die
Zweifel


Mal etwas Grundsätzliches

Damals war ich so verbissen wie ein ausgehungerter Hai. In fast allem. Aber besonders was das Schreiben anging. Jugend – auch ich hatte mal sowas. Ich saß in einem kleinen Kellerzimmer mit niedriger Decke vor einer Schreibmaschine aus den 50er Jahren. Drechselte & feilte. Feilte wieder. Schrieb um. Schrieb neu. Schrieb Fassung um Fassung. Schrieb langsam; so langsam. Schrieb seitenlange Sätze. Klebte Zettel in & an das Typoskript. Und um 100 Seiten fertig zu haben, hatte ich vermutlich 300 geschrieben. Wehe wenn ich irgendwo das leiseste Geräusch hörte. Ich rastete aus, lief fluchend in dem kleinen Zimmer umher; ich war sofort raus aus dem Fluss. Der Druck war gewaltig. Der Druck, den ich mir machte. Den Es-in-mir mir machte. Dabei schrieb ich nur für mich. Nur 2 oder 3 Menschen hatte ich mal einen winzigen Teil davon gezeigt. Mehr wollte ich nicht; mehr brauchte ich nicht.
Schreiben war Leiden. Und ich dachte, das müsse es auch sein. Selbstzerfleischung, Ringen um das mot juste. – Irgendwann war das Leiden aber so groß, dass ich mit dem Schreiben aufhörte. Oder Es hörte auf. Für Jahre. Viele viele Jahre. Ich konzentrierte mich auf die Musik. Natürlich verbissen. – Das Schreiben war gestorben. Punkt.
Jahre …. Jahre …. Jahre ….
Und dann kehrte es wieder. Als Zombie. In Fetzen. Eine chemische Reaktion? Radioaktiver Müll? Keine Ahnung. Egal. – Und alles war alles anders diesmal. Ich war schlampig geworden. Und es ist großartig, schlampig zu sein! Es gibt keinen Druck mehr. Nur noch Lässigkeit. Hingerotzte Worte; Texte wie Dartpfeile – & es ist mir egal, wo sie die Scheibe treffen. Ob sie die Scheibe überhaupt treffen oder in der Wand landen. Oder auf dem Boden. Ich sitze da, die Musik dröhnt gegen meine Gedanken an, und ich haue auf die Tasten – 10 Finger in einem seltsamen Rhythmus. Nebenher surfe ich im Internet, twittere, chatte, lese oder schreibe Emails. Ein Satz hier, ein Satz dort. (Moment, ich muss gerade mal staubwischen; bin gleich wieder da.) Draußen schreien Kinder. Oder ich schreibe bei der Arbeit, umgeben von grölenden Besoffenen in der Hotelhalle, die zwischendurch immer wieder etwas von mir wollen.
Wo ist das Leiden hin? Keine Ahnung; zumindest ist es nicht mit auferstanden. Es kann mir gestohlen bleiben. Tot. Die Besseren sollen ruhig weiter leiden, weiter suchen & sich quälen. Ehrgeiz im eigentlichen Sinne hatte ich nie; aber ich hatte so etwas Ähnliches mir selbst gegenüber. Und nun existiert auch das nicht mehr.
Ich schreibe schnell. Ebenso schnell lade ich es im Internet hoch & vergesse es wieder. Manchmal – aber das liegt dann an den Cocktails, die ich mir nebenher mixe – weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr, was ich zuletzt geschrieben habe. Dann schaue ich es mir noch mal an. Aus reiner Neugier. Was habe ich da wieder im Vollrausch verzapft? Fast lese ich es wie einen fremden Text. Selten ändere ich etwas. Es interessiert mich nicht mehr. Wichtig ist nur noch, dass ich mich bei & nach dem Schreiben gut fühle. Raus aus der Depression der Ausdruckslosigkeit. Einen anderen Sinn suche ich darin nicht mehr. Wenn es jemand anderem gefällt, schön. Wenn nicht, auch schön. Eigentlich müsste es nicht einmal mir gefallen. Ich will keinen Blumentopf damit gewinnen. Und ich möchte ihn mir auch nicht selber überreichen.
Tja, Jugend – schön & gut. Aber manches wird einfach besser, wenn man älter wird. Zumindest subjektiv. Und sollte es objektiv betrachtet schlechter sein, ist es einem scheissegal.
Und wenn ich mir ständig widerspreche, widerschreibe, ist es mir ebenfalls egal.
Das wollte gerade heraus, also habe ichs herausgelassen. Ich habe einen gräßlichen Kater im Moment. Mehr Grundsätzliches habe ich nicht zu sagen.

 

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Ey, Alter!

„Ey, Alter“, sagte er, „was ist
eigentlich mit dir los? – Du bist
der einzige Säufer, den ich kenne,
der im Vollrausch Shakespeare-Monologe
aufsagt. Und das auch noch auf deutsch
und englisch.“
„Tatsächlich?“ sagte ich. „Ich dachte, das
tun sie alle. Aber danke für
die Frage.“


Eine Frage des Blickes

Das grauenvoll-graueste Grau am Himmel
bedeutet Optimismus, wenn

die Gewitterwolken darin
tiefest tiefschwarz sind

& so ist ALLES

eine Frage des
Kontrastes & des
Blix


Das Ende

Ich finde kein Ende
in dem was ich tue
oder lasse –
niemals.
Und das :
ist ungesund.

Aber :
das Ende wird mich finden
– egal, wie gut ich mich verstecke –
& es braucht mich nur ein
einziges Mal zu finden.
Und das :
wird tödlich sein.


Ich bin hier falsch

Irgend jemand drückte mir eine Geige in die Hand;
ich war 12 oder 13. Hatte noch nie eine in der Hand
gehabt. Ich probierte etwas. Jemand sagte:
„Was ist nur mit diesem Jungen los? Man gibt ihm
irgendein Musikinstrument, und sofort kann er
darauf etwas spielen. Und zwar etwas, das richtig
& schön klingt.“
Er schenkte mir
die Geige. Nach ein paar Monaten ging sie
kaputt. Und damit war die Sache für mich
erledigt. (Mein Ehrgeiz war schon damals nicht
besonders ausgeprägt.)
Als ganz-kleines Kind hatte ich ein billiges Keyboard
gehabt; meine Eltern lauschten andächtig meinem
Geklimper, kamen aber nicht auf die Idee, mir
Klavierunterricht zu verpassen. Auch
das Keyboard ging kaputt, und ich
bekam kein neues. Diverse andere Instrumente folgten
stattdessen. – Mit 11 bekam ich eine Gitarre. Und mit 15
sagte ich mir: Verdammt, ich will auch mal etwas
lernen; etwas beigebracht bekommen; etwas, das
ich mir nicht selber beibringen kann…..

In der Zeitung lockte das Inserat eines Musik-
lehrers, der in einer Schule einen Gitarren-Kurs geben wollte.
Ich ging dorthin. Spielte vor. (Malagueña) Er sagte:
„Ich kann dir nichts mehr beibringen; tut mir
leid, du bist hier falsch.“

Er hatte sicherlich recht; er mußte es schließlich
beurteilen können. Wofür war er sonst Lehrer?
Und ich gab den Wunsch auf, mir etwas
beibringen zu lassen. – Und zwar:
in allen Bereichen des Lebens.

Immerhin – das alles hatte mich etwas gelehrt:
1.) Das, worauf es wirklich ankommt,
bringt einem keiner bei; will oder kann einem
niemand beibringen.
2.) Es bringt einem nichts, wenn etwas richtig & schön klingt.

Und

3.) – – – Ich bin hier falsch.


Darüber hinweg

Ich war darüber
hinweggekommen; über den Schluss,
den sie gemacht hatte. Ich war
fortgezogen. Mehr als 400 km lagen
zwischen uns; Monate lagen zwischen
uns. Mein Kopf war frei für
Neues & Neue. Mein Herz war
frei für Zukunft. Endlich.
Damals ging ich noch ans Telefon,
wenn es klingelte; damals öffnete
ich noch die Tür, wenn jemand
klingelte. Ich schlief noch (teilweise)
nachts, kannte noch das Tageslicht,
atmete noch frische Luft.

Und dann klingelte es an der Haustür,
und ich öffnete; und sie stand da, in der
Sonne & lächelte unsicher. Wir reichten
uns Hände: sie mir ihre, die schon überall
auf mir gewesen war; ich ihr meine, die
schon überall auf (oder in) ihr gewesen
war. Es bedeutete mir nicht allzu viel
in diesem Moment, aber ich freute mich,
sie zu sehen.
Wir gingen ins Wohnzimmer, sie setzte
sich aufs Sofa.
„Hast du Kaffee“, fragte sie.
„Nur Instant-Scheisse“, sagte ich.
„Egal, ich brauche einen; hab nicht viel
geschlafen.“
„Kommt“, sagte ich & ging in die Küche.
Wir sprachen über die Distanz hinweg.
„Schön hast du’s hier“, sagte sie, „soweit
man es vor lauter Büchern erkennen kann.“
Wasserkocher … 3 gehäufte Löffel Nescafé
pro Mug, etwas Zucker, wenig Milch.
Ich ging zurück, sie bedankte sich; ich
setzte mich auf einen Sessel. Wir nippten.
Ein Tisch voller Bücher zwischen uns.
„Heiß“, sagte ich.
„Stark“, sagte sie.
„Verdammt stark“, sagte sie. „Ich kriege
Herzklopfen.“
„Ich nicht“, sagte ich.
Sie trug Jeans & ein weißes T-Shirt; sah
aus, wie nur sie aussehen konnte. Aber
ich war darüber hinweg.
Small-Talk, den ich so small wie
möglich hielt.
5 Minuten.
10 Minuten.
„Noch’n Kaffee?“ fragte ich.
„Nein“, sagte sie.
Ohne Übergang stand sie auf, kam
herüber & setzte sich auf meinen
Schoß. Legte die Arme um mich.
„Hast du mich noch lieb?“ flüsterte sie.
„Natürlich“, sagte ich. Ohne
Herzklopfen. Meine Handflächen
auf ihr. Ihr Geruch, besser als der
von Büchern. Dass ich sie nicht
küsste, wußte sie auszugleichen; und
dann küssten wir uns. Und ganz
langsam –
begann der Kaffee bei mir zu wirken.
Und ich wußte es :
Dieses Mal würde ich nicht so glimpflich
davonkommen. Dieses Mal würde ich
– wenn es wieder so weit war – nicht
darüber hinwegkommen. Dieses Mal
würde es Etwas in mir
zerstören. Endgültig.
Unwiederbringlich.

Und es war mir so verdammt
egal.


Physik

Ich bin ein Spielball für
manche [Frauen] –
Sie werfen mich in die
Luft
titschen mich auf den
Boden
stecken mich in die
Tasche

Aber
sie können mich nicht
an die Wand klatschen –
denn ich pralle ab
springe zurück – vielleicht
in die Fresse der Werfenden
vielleicht in die Hand einer
anderen – vielleicht
in die Leere wo niemand ist

Dann rolle ich weiter
durch die Leere in die
Einsamkeit
Weiter – –
bis ich – den Gesetzen
der Physik gehorchend –
zum Stillstand komme


Wischblätter

Die Wischblätter meines
alten, alten verrosteten
Autos waren so abgenutzt &
kaputt, dass ich keinen
Durchblick mehr hatte, sobald
der sanfteste Regen einsetzte.
Der Wagen klapperte;
Schleifgeräusche überall,
der Auspuff probte den langen
Abschied ….
Und ich dachte: Es lohnt sich
nicht mehr, neue Wischblätter
zu kaufen …. Am Ende bricht
die Karre zusammen & das
einzig Intakte – wie zum
Hohn – wären die
Wischblätter
….
Ich gab dem Auto noch ein
paar Monate, höchstens ½ Jahr …
Also fuhr ich weiter
mit verschwimmendem Blick;
sparte mir irgendwann auch die
Waschstraße – Vogelscheisse fraß
sich in die Karosserie – –

Ein Jahr später:
Ich fahre ihn noch immer;
Einzelteile des Auspuffs liegen auf
dem Rücksitz. Beim Anfahren
kracht er manchmal wie meine
Gelenke, wenn ich aufstehe; als
habe sich etwas festgefressen.
Festgefressen wie die Vogel-
scheisse. Hin & wieder kann er
sich nicht mehr an den Zünd-
schlüssel erinnern; dann aktiviert
er seine Wegfahrsperre – ein
paar kräftige Schläge aufs Lenk-
rad – und sein Erinnerungsvermögen
kehrt zurück. Der Wagen ist
1 Jahr älter geworden. Doch noch.
Ich auch. Der Wagen säuft mehr
als er sollte. Ich auch. Der Wagen
passt zu mir. Und die Wischblätter
sind immer noch dieselben.

Ich vermute, das Ganze ist
bezeichnend – für mich & mein Leben.
Ich vermute, man könnte irgend etwas
Tiefsinniges darin finden – wenn
man Lust & Zeit hätte, danach zu
suchen.

Aber ich habe keine Lust. Und
keine Zeit. Und in Kürze wird
ohnehin der TÜV abgelaufen sein.

Für das Auto.


Kellerassel

Und dann gibt es die Tage, da
fühlt man sich wie eine Kellerassel in
einer Welt ohne Keller

Und dann gibt es die Tage, da
fühlt man sich wie eine Kellerassel in
einer Welt, die nur Keller ist

Und dann gibt es die Tage, da
fühlt man sich wie eine Kellerassel in
einer Welt, die alles hat:
Keller & Erdgeschoss & Penthouse –
& man könnte glauben,
man habe die Wahl

Aber man hat sie nicht

Und warum auch sollte man
sie haben ….
Im Keller warten die Spinnen,
sie kennen kein
Erbarmen, und ihre Netze
sind groß & fast
unsichtbar


Verschollen

Wo war ich
in all den Jahren
waren es 10
waren es 15
Als meine Hände
eingefroren waren
nicht schreiben konnten
Als meine Augen
blind waren
nicht sehen konnten
Als meine Ohren
taub waren
nicht hören konnten
Ich war verschollen
in einer wohltemperierten
Hölle
einem lauwarmen
Vergessen
Ich war
& war nicht –
War gefangen in
einem Netz aus
Nervensträngen
straff gespannt
& kalt
Was
hat mich gefunden
nach all den Jahren
waren es 10
waren es 15
Ich weiß es nicht
Aber etwas hat mich
gefunden
Vielleicht nicht für
lange
Vielleicht nicht einmal
bis morgen
Aber in diesem Moment
bin ich da – –
gefunden
& nicht mehr
verschollen

 

(Inwendig vorgetragen:)


Konjugation

Ich bringe mich um
Du bringst mich um
Er Sie Es bringt Es Sie Ihn um

Wir bringen uns um
Ihr bringt Euch um
Sie bringen Alle um

den Verstand


Ahnungslosigkeit

Sie oder Er trifft B.
verliebt sich
liebt liebt liebt
wird glücklich & bleibt es
für einige Zeit

Hätte Er oder Sie A. getroffen
hätte Er oder Sie sich heftiger verliebt
tiefer geliebt geliebt geliebt
wäre noch glücklicher geworden &
wäre es für längere Zeit geblieben

Sie oder Er
ahnt nichts davon
& ist
zufrieden genug
in dieser
A-
hnungs-
losigkeit

die Alle
b-
trifft


Die Tote neben mir

Neben mir liegt eine Tote.
Sie verlor ein Bein, als ich sie
erschlug.

Ich bin traurig & erschüttert.

Ich bin ihr Mörder; auf der
Suche nach mildernden Umständen

Ich wurde geprägt

mit dem Brandzeichen der Angst

Angst ohne Grund
grundlose Angst,
abgründige Angst, die
ich nicht verstehe

eine dumme
Furcht
aus
Kindertagen

wo alles so viel größer erscheint
als es ist

Sie ist klein,
die Tote,
so klein, sie war mir ausgeliefert

Mir
& meiner Angst.

Nun hat sie noch
7 Beine, gekrümmt
in letztem Schmerz
& Tod

Und
7 war nicht
ihre Glückszahl


Paradox

S ist paradox:
Du bist so weiblich
in deinem Herrenhemd

so großartig
wie Du klein &
unartig bist

so überlegen
wenn Du nicht nachdenkst

so verrückt
auf Deinem festen Standpunkt

Und Du suchst die Schönheit
& Du findest mich
hässlich