Mal etwas Grundsätzliches

Damals war ich so verbissen wie ein ausgehungerter Hai. In fast allem. Aber besonders was das Schreiben anging. Jugend – auch ich hatte mal sowas. Ich saß in einem kleinen Kellerzimmer mit niedriger Decke vor einer Schreibmaschine aus den 50er Jahren. Drechselte & feilte. Feilte wieder. Schrieb um. Schrieb neu. Schrieb Fassung um Fassung. Schrieb langsam; so langsam. Schrieb seitenlange Sätze. Klebte Zettel in & an das Typoskript. Und um 100 Seiten fertig zu haben, hatte ich vermutlich 300 geschrieben. Wehe wenn ich irgendwo das leiseste Geräusch hörte. Ich rastete aus, lief fluchend in dem kleinen Zimmer umher; ich war sofort raus aus dem Fluss. Der Druck war gewaltig. Der Druck, den ich mir machte. Den Es-in-mir mir machte. Dabei schrieb ich nur für mich. Nur 2 oder 3 Menschen hatte ich mal einen winzigen Teil davon gezeigt. Mehr wollte ich nicht; mehr brauchte ich nicht.
Schreiben war Leiden. Und ich dachte, das müsse es auch sein. Selbstzerfleischung, Ringen um das mot juste. – Irgendwann war das Leiden aber so groß, dass ich mit dem Schreiben aufhörte. Oder Es hörte auf. Für Jahre. Viele viele Jahre. Ich konzentrierte mich auf die Musik. Natürlich verbissen. – Das Schreiben war gestorben. Punkt.
Jahre …. Jahre …. Jahre ….
Und dann kehrte es wieder. Als Zombie. In Fetzen. Eine chemische Reaktion? Radioaktiver Müll? Keine Ahnung. Egal. – Und alles war alles anders diesmal. Ich war schlampig geworden. Und es ist großartig, schlampig zu sein! Es gibt keinen Druck mehr. Nur noch Lässigkeit. Hingerotzte Worte; Texte wie Dartpfeile – & es ist mir egal, wo sie die Scheibe treffen. Ob sie die Scheibe überhaupt treffen oder in der Wand landen. Oder auf dem Boden. Ich sitze da, die Musik dröhnt gegen meine Gedanken an, und ich haue auf die Tasten – 10 Finger in einem seltsamen Rhythmus. Nebenher surfe ich im Internet, twittere, chatte, lese oder schreibe Emails. Ein Satz hier, ein Satz dort. (Moment, ich muss gerade mal staubwischen; bin gleich wieder da.) Draußen schreien Kinder. Oder ich schreibe bei der Arbeit, umgeben von grölenden Besoffenen in der Hotelhalle, die zwischendurch immer wieder etwas von mir wollen.
Wo ist das Leiden hin? Keine Ahnung; zumindest ist es nicht mit auferstanden. Es kann mir gestohlen bleiben. Tot. Die Besseren sollen ruhig weiter leiden, weiter suchen & sich quälen. Ehrgeiz im eigentlichen Sinne hatte ich nie; aber ich hatte so etwas Ähnliches mir selbst gegenüber. Und nun existiert auch das nicht mehr.
Ich schreibe schnell. Ebenso schnell lade ich es im Internet hoch & vergesse es wieder. Manchmal – aber das liegt dann an den Cocktails, die ich mir nebenher mixe – weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr, was ich zuletzt geschrieben habe. Dann schaue ich es mir noch mal an. Aus reiner Neugier. Was habe ich da wieder im Vollrausch verzapft? Fast lese ich es wie einen fremden Text. Selten ändere ich etwas. Es interessiert mich nicht mehr. Wichtig ist nur noch, dass ich mich bei & nach dem Schreiben gut fühle. Raus aus der Depression der Ausdruckslosigkeit. Einen anderen Sinn suche ich darin nicht mehr. Wenn es jemand anderem gefällt, schön. Wenn nicht, auch schön. Eigentlich müsste es nicht einmal mir gefallen. Ich will keinen Blumentopf damit gewinnen. Und ich möchte ihn mir auch nicht selber überreichen.
Tja, Jugend – schön & gut. Aber manches wird einfach besser, wenn man älter wird. Zumindest subjektiv. Und sollte es objektiv betrachtet schlechter sein, ist es einem scheissegal.
Und wenn ich mir ständig widerspreche, widerschreibe, ist es mir ebenfalls egal.
Das wollte gerade heraus, also habe ichs herausgelassen. Ich habe einen gräßlichen Kater im Moment. Mehr Grundsätzliches habe ich nicht zu sagen.

 

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2 responses to “Mal etwas Grundsätzliches

  • wallnussblog

    sevenup (siehe bitte kommentar vor mir) hat es auf den punkt gebracht. setze noch ein echo dahinter.

  • WhoEver7up

    Vor ein paar Tagen hatte ich mir vorgenommen, systematisch jede Veröffentlichung hier zu lesen, weil ich endlich verstehen will – Sie, mich, das Leben an sich. Was auch immer. Es ist egal. Und keine Sorge: ich werde jetzt nicht wie ein Hund jeden Ihrer Beiträge markieren.
    Ich hätte nicht gedacht, so schnell eine Erklärung zu finden, warum Sie so schreiben, wie Sie schreiben (auch Ihre 140-Zeichen-Texte).

    „Ein Satz hier, ein Satz dort.“ Das hört sich so lässig an. Da könnte ich ja glatt neidisch werden.

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