Darüber hinweg

Ich war darüber
hinweggekommen; über den Schluss,
den sie gemacht hatte. Ich war
fortgezogen. Mehr als 400 km lagen
zwischen uns; Monate lagen zwischen
uns. Mein Kopf war frei für
Neues & Neue. Mein Herz war
frei für Zukunft. Endlich.
Damals ging ich noch ans Telefon,
wenn es klingelte; damals öffnete
ich noch die Tür, wenn jemand
klingelte. Ich schlief noch (teilweise)
nachts, kannte noch das Tageslicht,
atmete noch frische Luft.

Und dann klingelte es an der Haustür,
und ich öffnete; und sie stand da, in der
Sonne & lächelte unsicher. Wir reichten
uns Hände: sie mir ihre, die schon überall
auf mir gewesen war; ich ihr meine, die
schon überall auf (oder in) ihr gewesen
war. Es bedeutete mir nicht allzu viel
in diesem Moment, aber ich freute mich,
sie zu sehen.
Wir gingen ins Wohnzimmer, sie setzte
sich aufs Sofa.
„Hast du Kaffee“, fragte sie.
„Nur Instant-Scheisse“, sagte ich.
„Egal, ich brauche einen; hab nicht viel
geschlafen.“
„Kommt“, sagte ich & ging in die Küche.
Wir sprachen über die Distanz hinweg.
„Schön hast du’s hier“, sagte sie, „soweit
man es vor lauter Büchern erkennen kann.“
Wasserkocher … 3 gehäufte Löffel Nescafé
pro Mug, etwas Zucker, wenig Milch.
Ich ging zurück, sie bedankte sich; ich
setzte mich auf einen Sessel. Wir nippten.
Ein Tisch voller Bücher zwischen uns.
„Heiß“, sagte ich.
„Stark“, sagte sie.
„Verdammt stark“, sagte sie. „Ich kriege
Herzklopfen.“
„Ich nicht“, sagte ich.
Sie trug Jeans & ein weißes T-Shirt; sah
aus, wie nur sie aussehen konnte. Aber
ich war darüber hinweg.
Small-Talk, den ich so small wie
möglich hielt.
5 Minuten.
10 Minuten.
„Noch’n Kaffee?“ fragte ich.
„Nein“, sagte sie.
Ohne Übergang stand sie auf, kam
herüber & setzte sich auf meinen
Schoß. Legte die Arme um mich.
„Hast du mich noch lieb?“ flüsterte sie.
„Natürlich“, sagte ich. Ohne
Herzklopfen. Meine Handflächen
auf ihr. Ihr Geruch, besser als der
von Büchern. Dass ich sie nicht
küsste, wußte sie auszugleichen; und
dann küssten wir uns. Und ganz
langsam –
begann der Kaffee bei mir zu wirken.
Und ich wußte es :
Dieses Mal würde ich nicht so glimpflich
davonkommen. Dieses Mal würde ich
– wenn es wieder so weit war – nicht
darüber hinwegkommen. Dieses Mal
würde es Etwas in mir
zerstören. Endgültig.
Unwiederbringlich.

Und es war mir so verdammt
egal.


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